andern fesselten zwei Schiffsjungen trotz der gräßlichen Verwünschungen,
die sie ausstießen, die Füße.
Als die Auswahl beendet war, packten die acht Kanoniere die Verurteilten
und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren betrachteten mit
boshafter Neugierde die verschiedenen Bewegungen der Unglücklichen, wie
sie hinabfielen, was für Gesichter sie schnitten, wie ihr letzter
Todeskampf verlief. Aber ihre Züge verrieten weder Hohn, noch Schreck,
noch Mitleid. Es war für sie eine ganz einfache Sache, an die sie
gewöhnt waren.
Die älteren unter ihnen betrachteten daher auch lieber mit einem
finstern, verhaltenen Lächeln die mit Piastern gefüllten Tonnen, die vor
dem Hauptmast standen. Der General und Kapitän Gomez saßen auf einem
Warenballen und sahen sich fragend an. Sie waren nun noch die einzigen,
die von der Mannschaft des »Sankt Ferdinand« noch am Leben waren. Die
sieben Matrosen, die von den beiden Verrätern ausgewählt worden waren,
hatten sich inzwischen schon zu fröhlichen Piraten umgewandelt.
»Was für schändliche Kerle!« rief plötzlich der General, und eine
gerechte, edelmütige Entrüstung ließ ihn seinen Kummer und die Vorsicht
vergessen.
»Sie gehorchen der Notwendigkeit,« antwortete Gomez ruhig. »Wenn Sie
einem dieser Menschen einmal wieder begegneten, würden Sie ihm nicht
Ihren Degen durch den Leib rennen?«
»Kapitän,« sagte der Leutnant, sich an den Spanier wendend, »der Pariser
hat von Ihnen sprechen hören. Sie sind, sagt er, der einzige, der die
Antillendurchfahrt und die brasilianische Küste genau kennt. Wollen
Sie --?«
Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem Ausruf der Verachtung und
antwortete:
»Ich werde den Seemannstod erleiden als treuer Spanier und Christ --
verstehst du?«
»Ins Meer mit ihm!« rief der junge Mann.
Auf diesen Befehl packten zwei Kanoniere Gomez.
»Ihr seid feige Hunde!« schrie der General und versuchte die Korsaren
zurückzuhalten.
»Alter,« sagte der Leutnant zu ihm, »regen Sie sich nicht auf. Wenn Ihr
rotes Band am Knopfloch auch auf unsern Kapitän einigen Eindruck macht,
ich lächle darüber. Auch wir beide werden sogleich eine kleine
Unterhaltung miteinander haben.«
In diesem Augenblick verkündete ein dumpfer Fall, in den kein Laut der
Klage sich mischte, dem General, daß der wackere Gomez den Seemannstod
erlitten hatte.
»Mein Geld oder den Tod!« schrie er in einem furchtbaren Wutanfall.
»Ah, Sie sind vernünftig,« antwortete der Korsar spöttisch. »Sie wissen
nun doch, daß Sie eins von beiden bestimmt von uns erhalten werden ...«
Auf ein Zeichen des Leutnants eilten zwei Matrosen herbei, um dem
Franzosen die Füße zusammenzubinden. Aber der General stieß sie mit
einer unerwarteten Kühnheit zurück, befreite sich mit fast
übermenschlicher Gewalt von dem Strick, womit seine Hände gefesselt
waren, riß mit einer Bewegung, mit der niemand gerechnet hatte, den
Säbel an sich, den der Leutnant an der Seite trug, und begann mit der
Gewandtheit eines alten Kavalleristen, der sein Handwerk versteht, zu
fechten.
»Ha, Briganten! Ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine
Auster ins Meer werfen!«
Pistolenschüsse, auf den um sich schlagenden Franzosen abgefeuert,
lenkten die Aufmerksamkeit des Parisers auf diese Szene, der inzwischen
die dem »Sankt Ferdinand« geraubte Takelage auf sein Schiff hatte
herüberschaffen lassen. Kaltblütig packte er nun den mutigen General von
hinten, hob ihn rasch empor, schleppte ihn an den Bordrand und war im
Begriff, ihn wie eine unbrauchbare Spiere ins Wasser zu werfen.
In diesem Augenblick sah der General in das wilde Auge des Mannes, der
seine Tochter entführt hatte. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten
sich auf der Stelle. Der Kapitän gab seiner Bewegung plötzlich eine
andere Richtung, und statt den General ins Meer zu werfen, stellte er
ihn in raschem Schwunge, als wenn der schwere Mann gar nichts gewogen
hätte, vor den Hauptmast. Ein Murmeln erhob sich auf dem Verdeck. Aber
der Korsar warf seinen Leuten nur einen Blick zu, worauf tiefstes
Schweigen eintrat.
»Es ist Helenens Vater,« sagte der Kapitän mit klarer, fester Stimme.
»Wehe dem, der es an Achtung gegen ihn fehlen läßt!«
Ein freudiges Geschrei erklang auf dem Verdeck und stieg gen Himmel, wie
ein Gebet in einer Kirche, wie der ernste Ruf des Tedeums. Die
Schiffsjungen schaukelten sich im Tauwerk, die Matrosen warfen die
Mützen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Füßen, alles war in
Bewegung, schrie, pfiff und fluchte. Diese Heiterkeit hatte etwas so
Fanatisches an sich, daß der General unruhig und beklommen wurde. Er
schrieb den Aufruhr einem entsetzlichen Geheimnis zu, und sein erster
Ruf, als er die Sprache wiederfand, war das Wort:
»Meine Tochter! Wo ist sie?«
Der Korsar warf dem General einen jener tiefen Blicke zu, die, ohne daß
man sich's erklären konnte, die unerschrockensten Seelen niederwarfen,
und der Soldat verstummte, zur großen Befriedigung der Matrosen, die
sich darüber freuten, daß ihr Führer über alle Menschen Gewalt zu haben
schien. Dann führte der Räuber ihn an eine Treppe, hieß ihn
hinabsteigen, brachte ihn vor die Tür einer Kabine, öffnete sie rasch
und sagte:
»Sie ist hier.«
Dann verschwand er, während der alte Haudegen verblüfft das Bild
betrachtete, das sich seinen Blicken bot. Als Helene die Tür des Gemachs
so ungestüm öffnen hörte, war sie von dem Divan aufgestanden, auf dem
sie lag. Doch nun erblickte sie den Marquis und stieß einen Schrei der
Überraschung aus. Sie war so verändert, daß es des Auges eines Vaters
bedurfte, um sie zu erkennen. Die Tropensonne hatte sie noch schöner
gemacht. Ihr weißes Gesicht war braun geworden und hatte ein wunderbares
Kolorit erhalten, das ihr einen Ausdruck orientalischer Poesie verlieh.
Dieses Antlitz trug den Stempel der Größe, Majestät, Energie und einer
Seelentiefe, die auf die rohesten Gemüter Eindruck machen mußte.
Ihr langes, überreiches Haar fiel in dicken Locken auf einen vornehmen
Hals und gab dem Stolz dieses Gesichts einen machtvollen Rahmen. In
ihrer Haltung und Gebärde verriet Helene, daß sie sich ihrer Macht auch
vollauf bewußt war. Eine an Triumph grenzende Zufriedenheit blähte
leicht ihre rosafarbenen Nasenflügel, und ihr ruhiges Glück erkannte man
allein schon daran, in welchem Maße ihre Schönheit sich entfaltet hatte.
Dabei hatte sie gleichzeitig doch eine unsagbare jungfräuliche Weichheit
an sich und jenen besonderen Stolz, der allen denen eigen ist, die sich
über alles geliebt wissen. Sklavin und Herrscherin zugleich, wollte sie
gern gehorchen, da sie regieren konnte.
Sie war mit einer Pracht gekleidet, die der Anmut und Vornehmheit nicht
ermangelte. Ihre ganze Toilette bestand aus indischem Musselin; der
Diwan und die Kissen waren von Kaschmir, und ein persischer Teppich
bedeckte den Boden der geräumigen Kabine. Ihre vier Kinder spielten zu
ihren Füßen und bauten sich phantastische Schlösser aus
Perlenhalsbändern, aus kostbaren Schmucksachen, aus wertvollen
Gegenständen. Ein paar Vasen aus Sèvresporzellan, von Madame Jaquotot
bemalt, enthielten seltene, duftende Blumen: Jasmin aus Mexiko und
Kamelien. Zwischen diesen Blumen flatterten gezähmte kleine Vögel aus
Amerika herum, die in ihrer Buntfarbigkeit Rubinen, Saphiren und
lebendigem Golde glichen.
Ein Piano stand in diesem Salon, und an den Wänden hingen hier und dort
Bilder, die nicht groß waren, aber von den besten Malern herrührten: ein
»Sonnenuntergang« von Hippolyt Schinner neben einem Ter Borch, eine
Heilige Jungfrau von Raphael neben einer Skizze von Géricault; ein
Gerard Dow neben Porträtmalern des Kaiserreichs.
Auf einem Lacktisch befand sich eine goldene Schüssel voll köstlicher
Früchte. Kurz, Helene schien die Königin eines großen Reiches zu sein,
und ihr gekrönter Gemahl schien in diesem Boudoir die schönsten Dinge
der Erde zusammengetragen zu haben.
Die Kinder sahen ihren Großvater neugierig an; gewohnt, wie sie waren,
an Kampf und Lärm, glichen sie den kleinen neugierigen, nach Krieg und
Blut lüsternen Römerkindern, die David auf seinem Gemälde »Brutus«
dargestellt hat.
»Wie ist das möglich?« rief Helene und faßte ihren Vater an, um sich von
der Leibhaftigkeit dieser Erscheinung zu überzeugen.
»Helene!« -- »Mein Vater!«
Sie sanken einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die
weniger starke und liebevolle.
»Sie waren auf diesem Schiffe?«
»Ja,« antwortete er traurig, setzte sich auf den Diwan und betrachtete
die Kinder, die sich in naiver Wißbegierde um ihn scharten. »Ich wäre
nicht mehr am Leben, wenn nicht --«
»Wenn nicht mein Mann gewesen wäre,« unterbrach sie ihn. »Ich errate
es.«
»Ach!« rief der General, »warum muß ich dich wiederfinden, Helene, dich,
die ich so sehr beweint habe! Ich werde also alle Zeit dein Schicksal zu
beklagen haben!«
»Warum?« fragte sie lächelnd. »Werden Sie nicht zufrieden sein, wenn Sie
erfahren, daß ich die glücklichste aller Frauen bin?«
»Glücklich!« rief er und sprang erstaunt auf.
»Ja, mein guter Vater,« fuhr sie fort, ergriff seine Hände, drückte sie
auf ihren wogenden Busen und sah ihn mit vor Freude funkelnden Augen an.
»Und inwiefern glücklich?« fragte er, neugierig, das Leben seiner
Tochter kennen zu lernen. Vor diesem strahlenden Angesicht vergaß er
alles andere.
»Hören Sie, mein Vater,« antwortete sie, »ich habe zum Geliebten, zum
Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele ebenso groß ist
wie dieses grenzenlose Meer, ebenso unerschöpflich an Milde, wie der
Himmel. Kurz, er ist ein Gott! Seit sieben Jahren ist ihm niemals ein
Wort, ein Gefühl, eine Gebärde entschlüpft, die einen Mißklang in die
göttliche Harmonie seiner Rede, seiner Liebkosungen und seiner Liebe
hätten bringen können. Er hat mich immer nur mit einem freundlichen
Lächeln auf den Lippen und mit freudestrahlenden Augen angesehen. Dort
oben übertönt seine donnernde Stimme oft das Heulen des Sturms oder den
Kampfeslärm. Aber hier ist sie sanft und klangvoll wie die Musik
Rossinis, dessen Werke mir vor kurzem geschenkt worden sind. Alles, was
die Laune einer Frau sich nur ersinnen kann, bekomme ich. Ja, meine
Wünsche werden oft noch überboten. Kurz, ich gebiete über das Meer, und
man gehorcht mir dort wie einer Herrscherin. -- O, glücklich!« fuhr sie
fort, sich selbst unterbrechend, »glücklich ist nicht der richtige
Ausdruck für mein Glück. Mein Glück ist anders als das aller Frauen.
Eine Liebe zu fühlen, eine grenzenlose Hingebung zu dem, den man liebt,
und in seinem Herzen eine ebenso grenzenlose Liebe zu finden, eine immer
sich gleiche Liebe, in der die Seele der Frau sich baden kann -- sagen
Sie, ist das nicht Glück? Hier bin ich Gebieterin. Noch nie hat ein
Geschöpf meines Geschlechts den Fuß auf dieses edle Schiff gesetzt, wo
Victor nur ein paar Schritte von mir entfernt ist. -- Er kann sich von
mir immer nur so weit entfernen wie bis zum Heck oder zum Bug,« fuhr sie
mit einer feinen Schelmerei fort, »und sieben Jahre! eine Liebe, die
sieben Jahre lang so innig bleibt, die sieben Jahre lang fast alle
Augenblicke eine Probe zu bestehen hatte -- ist das nicht Liebe? Ja, es
ist weit, weit mehr noch als Liebe! Es ist das Herrlichste, das ich mein
Leben lang kennen gelernt habe! Die menschliche Stimme hat keine
Ausdrücke für ein himmlisches Glück.«
Ein Tränenstrom entrann ihren brennenden Augen. Die vier Kinder stießen
ein klägliches Geschrei aus und liefen herbei, wie Küchlein die Mutter
umringend. Der älteste Knabe schlug nach dem General und warf ihm
drohende Blicke zu.
»Abel,« sagte sie, »mein Engel, ich weine ja doch vor Freude.«
Sie nahm ihn auf die Knie; das Kind liebkoste sie zutraulich, indem es
die Arme um den majestätischen Hals Helenens schlang, wie ein kleiner
Löwe, der mit seiner Mutter spielen will.
»Und du hast keine Langeweile?« rief der General, betäubt von der
überschwenglichen Antwort seiner Tochter.
»Doch,« antwortete sie. »Wenn wir mal an Land gehen; denn auch dann
verlasse ich meinen Mann nie.«
»Aber du liebtest doch Festlichkeiten, Bälle, Musik?«
»Musik -- das ist seine Stimme; meine Festlichkeiten -- das sind die
Stunden, zu denen ich mich für ihn schmücke. Wenn ich ihm in meinem Putz
gefalle, ist's dann nicht, als ob die ganze Erde mich bewunderte? Und
deshalb allein werfe ich diese Diamanten, diese Halsbänder, diese
Diademe von Edelsteinen, diese Reichtümer, diese Blumen, diese
Meisterwerke der Künste nicht ins Meer. Er bringt sie mir in Fülle und
sagt dann immer: >Helene, da du nicht in die Welt gehst, soll die Welt
zu dir kommen.<«
»Aber auf diesem Schiffe gibt es Menschen -- entsetzliche, tollkühne
Menschen, die in ihrer wilden Leidenschaft ...«
»Ich verstehe Sie, mein Vater,« sagte sie lächelnd. »Doch beruhigen Sie
sich. Selbst eine Kaiserin ist noch nie so ehrerbietig behandelt worden
wie ich. Diese Leute sind abergläubisch; sie glauben, ich sei der
Schutzgeist dieses Fahrzeugs, ihrer Unternehmungen und Erfolge. Und dann
ist er ein Gott für sie. Eines Tages -- ein einziges Mal -- ließ ein
Matrose es an Achtung gegen mich fehlen ... nur in Worten,« setzte sie
lachend hinzu. »Ehe Victor es erfahren konnte, warfen die Leute den Mann
ins Meer, obwohl ich ihm Verzeihung gewährte. Sie lieben mich wie ihren
guten Engel, ich pflege sie, wenn sie krank sind, und habe schon das
Glück gehabt, durch die Ausdauer weiblicher Sorge ein paar von ihnen vom
Tode zu erretten. Diese armen Menschen sind zugleich Riesen und Kinder.«
»Und wenn Kämpfe stattfinden?«
»Daran bin ich gewöhnt,« antwortete sie. »Nur das erstemal habe ich
gezittert. Jetzt ist meine Seele gegen diese Gefahr gefeit, und dann --
ich bin doch Ihre Tochter,« setzte sie hinzu, »ich liebe sogar den
Kampf.«
»Und wenn er den Tod fände?«
»So würde ich mit ihm sterben.«
»Und deine Kinder?«
»Sie sind Söhne des Meers und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer
Eltern ... Unser Dasein ist eines und unteilbar. Wir führen alle das
gleiche Leben, sind durch ein und denselben Eid aneinander gebunden und
an ein und dasselbe Lebensschiff gefesselt -- das wissen wir wohl.«
»Du liebst ihn also so sehr, daß du ihn allem andern vorziehst?«
»Allem,« antwortete sie. »Doch dringen wir nicht in dieses Geheimnis
ein. Sehen Sie dieses teure Kind an! Es ist sein Ebenbild.«
Sie preßte Abel mit großem Ungestüm an sich und drückte ihm
leidenschaftliche Küsse auf die Wangen und auf das Haar ...
»Aber,« rief der General, »ich werde nie vergessen können, daß er eben
neun Menschen hat ins Meer werfen lassen.«
»So mußte es eben sein,« antwortete sie, »denn er ist menschlich und
edelmütig. Er vergießt so wenig Blut wie möglich, nur daß er unter allen
Umständen für die Erhaltung und die Interessen der kleinen Welt sorgen
muß, die er beschützt, und die heilige Sache nicht vernachlässigen darf,
der er sich gewidmet hat. Sprechen Sie mit ihm über das, was Ihnen
unrecht erscheint, und Sie werden sehen, er wird Sie zu einer andern
Meinung bekehren.«
»Und sein Verbrechen?« sagte der General, wie mit sich selbst redend.
»Aber,« versetzte sie mit kalter Würde, »wenn das nun eine tugendhafte
Tat war? Wenn die Justiz der Menschen ihm die Rache versagte?«
»So darf man sich nicht selbst rächen!« rief der General.
»Was ist denn die Hölle anders,« fragte sie, »als eine ewige Rache für
die paar Sünden eines einzigen Tages?«
»Ah! Du bist verloren, er hat dich in Bann geschlagen, dich verwandelt,
dich verdorben. Deine Vernunft ist aus den Fugen.«
»Nein, mein Vater, glauben Sie das nicht; denn wenn Sie ihn nur anhören,
ansehen wollten, so werden Sie ihn lieben.«
»Helene,« sagte der General ernst, »wir sind nur noch wenige Meilen von
Frankreich entfernt.«
Sie zitterte, dann sah sie zu den Fenstern der Kajüte hinaus und zeigte
auf das Meer, das dort seine unermeßlichen Savannen grünen Wassers
ausbreitete.
»Das ist meine Heimat,« antwortete sie und klopfte mit der Fußspitze auf
den Teppich.
»Willst du nicht mitkommen, deine Mutter, deine Schwester, deine Brüder
wiedersehen?«
»O ja,« sagte sie, mit Tränen in der Stimme, »wenn er es will und mich
begleitet.«
»So hast du nichts mehr, Helene,« versetzte der Soldat streng, »weder
Heimat noch Familie?«
»Ich bin sein Weib,« versetzte sie mit Stolz und Adel. »Dies ist seit
sieben Jahren das erste Glück, das nicht von ihm kommt,« setzte sie
hinzu, ergriff die Hand ihres Vaters und küßte sie, »und es ist auch der
erste Tadel, den ich hören muß.«
»Und dein Gewissen?«
»Mein Gewissen -- ist er.«
In diesem Augenblick zitterte sie heftig.
»Da kommt er,« sagte sie. »Selbst in einem Kampfe erkenne ich unter
allen Schritten den seinen heraus, wenn er über das Verdeck eilt.«
Plötzlich färbte eine Röte ihre Wangen blutrot, ließ ihre Züge sich
aufhellen und strahlen, ließ ihre Augen flammen. Glück und Liebe sprach
aus all ihren Zügen, aus den bläulichen Adern, die leicht hervortraten,
und aus dem unwillkürlichen Zittern ihres ganzen Körpers. Diese
tiefinnere Bewegung rührte den General.
In der Tat erschien einen Moment später der Korsar, setzte sich auf
einen Fauteuil, nahm seinen ältesten Sohn zu sich und begann mit ihm zu
spielen. Ein Weilchen herrschte Schweigen; denn der General versank in
einen Zustand, der etwas Traumhaftes an sich hatte, und betrachtete
diese elegante Kabine, in der diese Familie seit sieben Jahren zwischen
dem Himmel und dem Meere dahinschwamm, von der starken Hand eines Mannes
durch die Gefahren des Kampfes und des Sturms geführt, wie im Leben ein
Hausstand von dem Familienvater mitten durch das soziale Elend
hindurchgesteuert wird.
Er betrachtete mit Bewunderung seine Tochter, das phantastische Abbild
einer Meeresgöttin, mild an Schönheit, reich an Glück. Die Schätze ihrer
Seele, das Leuchten ihrer Augen und die unbeschreibliche Poesie ihrer
Person überstrahlten alle Schätze, die sie umgaben.
Diese Verhältnisse waren von einer Seltsamkeit, die ihn verblüffte, und
alle Gefühle und Gedanken schienen hier auf eine so erhabene Höhe
gehoben, daß die alltäglichen Ideen umgeworfen wurden und keine Geltung
mehr hatten. Die kalten, kleinlichen Berechnungen der Gesellschaft
erloschen vor diesem Gemälde.
Der alte Soldat fühlte das alles und begriff auch, daß seine Tochter ein
so vielgestaltiges, an Kontrasten und Eindrücken so reiches Leben, das
von einer so wahren Liebe ausgefüllt wurde, niemals aufgeben würde. Da
sie nun einmal der Gefahr getrotzt hatte, ohne davor zurückzuschrecken,
so konnte sie nun nicht mehr in die kleinlichen Szenen der läppischen,
dünkelhaften Welt zurückkehren.
»Bin ich Ihnen hier im Wege?« fragte der Korsar, indem er das Schweigen
brach und auf seine Frau blickte.
»Nein,« antwortete ihm der General. »Helene hat mir alles gesagt. Ich
sehe, sie ist für uns verloren.«
»Nein,« antwortete der Korsar lebhaft, »noch ein paar Jahre, dann ist
meine Tat verjährt, und ich werde nach Frankreich zurückkehren können.
Wenn das Gewissen rein ist und der Verstoß gegen eure gesellschaftlichen
Gesetze nur zurückzuführen war auf ...«
Er schwieg, denn er verschmähte es, sich zu rechtfertigen.
»Fühlen Sie in diesem Augenblick,« fragte der General, ihn
unterbrechend, »keine Reue über die neuen Mordtaten, die Sie unter
meinen Augen begangen haben?«
»Wir hatten keine Lebensmittel mehr,« antwortete der Korsar ruhig.
»Aber dann konnten Sie diese Leute in einem Boot die Küste erreichen
lassen --«
»So hätten sie uns ein Kriegsschiff auf den Hals gehetzt, das uns den
Rückweg abgeschnitten hätte, und wir würden nicht nach Chile entkommen
können.«
»Ehe diese Leute von Frankreich aus die spanische Admiralität
benachrichtigten, konnten Sie längst ...«
»Schon in Frankreich könnte man Anstoß daran nehmen, daß ein Mann, der
noch vom Gericht gesucht wird, sich einer Brigg bemächtigt hat, deren
Fracht Einwohnern von Bordeaux gehörte. Übrigens, haben Sie auf dem
Schlachtfelde nicht auch manchmal ein paar Kanonenschüsse zu viel
abgefeuert?«
Wiederum eingeschüchtert durch den Blick des Korsaren, schwieg der
General, und seine Tochter betrachtete ihn mit einer Miene, die in
gleichem Maße Triumph wie Betrübnis ausdrückte.
»General,« sagte der Korsar mit tiefer Stimme, »ich habe es mir zum
Gesetz gemacht, niemals etwas von der Beute beiseite zu bringen. Aber
ohne Zweifel ist mein Anteil an dem gesamten Gewinn beträchtlicher, als
Ihr Vermögen gewesen ist. Erlauben Sie mir, es Ihnen in anderm Gelde
zurückzuerstatten --«
Er nahm aus dem Kasten des Pianos ein Pack Banknoten, zählte die Scheine
nicht erst und legte etwa eine Million in die Hände des Generals.
»Sie begreifen,« fuhr er fort, »ich habe kein Verlangen, mir die
Müßiggänger auf den Straßen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll
aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die
Szenerie des südlichen Amerika, durch unsere tropischen Nächte, durch
unsere Schlachten und durch das Vergnügen, die Flagge einer jungen
Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu führen, Ihre
Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir müssen uns also
trennen. Eine Schaluppe und zuverlässige Leute werden Sie begleiten.
Hoffen wir auf ein drittes und dann glücklicheres Zusammentreffen.«
»Victor, ich möchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,«
sagte Helene in schmollendem Tone.
»In zehn Minuten kann uns eine französische Fregatte auf den Fersen
sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tänzchen aufführen.
Meine Leute --«
»O, gehen Sie, mein Vater!« rief die Frau des Seemanns, »und bringen Sie
meiner Schwester, meinen Brüdern und -- und meiner Mutter,« setze sie
hinzu, »diese Pfänder des Andenkens.«
Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbänder und Schmucksachen,
wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schüchtern dem Vater an.
»Was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er und schien betroffen, daß
seine Tochter so auffällig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter
aussprach.
»O, können Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete täglich um Ihrer aller
Glück.«
»Helene,« antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, »soll ich dich
nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner
Flucht erfahren?«
»Dieses Geheimnis gehört nicht mir,« sagte sie in ernstem Tone. »Und
hätte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so würde ich es vielleicht
dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhörtes Unrecht
erlitten ...«
Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin,
die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege
her gewöhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu
haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei
sich, daß unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie
Helene sie besaß, der Pariser Kapitän ein ehrlicher Mensch bleiben und
sich darauf beschränken würde, gegen die Spanier zu kämpfen.
Er ließ sich daher von seiner alten Vorliebe für alle Tapferkeit
hinreißen. Überdies, dachte er sich, wäre es auch lächerlich gewesen,
sich zugeknöpft zu verhalten; er drückte somit dem Korsaren kraftvoll
die Hand, küßte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den
Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und ließ eine Träne auf das Gesicht
fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal
zugelächelt hatte.
Der Seemann hielt ihm gerührt seine Kinder hin, daß er sie segne.
Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll
Zärtlichkeit Lebewohl.
»Seid allzeit glücklich!« rief der General und eilte aufs Verdeck.
Auf der See bot sich dem General ein seltsames Schauspiel. Der in Brand
gesteckte »Sankt Ferdinand« loderte wie ein riesiges Strohfeuer. Die
Matrosen, die damit beauftragt worden waren, die spanische Brigg zu
versenken, hatten an Bord eine Ladung von Rum entdeckt, davon man auf
dem »Othello« reichlichen Vorrat führte, und sie fanden es nun spaßhaft,
mitten auf dem Meer eine große Punschbowle anzuzünden.
Für Leute, die die anscheinende Eintönigkeit des Ozeans alle
Gelegenheiten ergreifen ließ, um eine Abwechslung in ihr Leben zu
bringen, war das eine verzeihliche Zerstreuung. Als der General von der
Brigg in die Schaluppe des »Sankt Ferdinand« stieg, die mit sechs
kräftigen Matrosen bemannt wurde, war seine Aufmerksamkeit unwillkürlich
zwischen dem Brande des spanischen Schiffs und seiner Tochter geteilt,
die an der Seite des Korsaren stand. Beide waren auf das Heck ihres
Fahrzeugs getreten.
Bestürmt von einem Heere von Erinnerungen, sah er nun das weiße Kleid
Helenens leicht wie ein Schleier im Winde wehen, sah gegen den
Hintergrund von Meer und Himmel diese schöne, hehre Gestalt, die ihre
ganze Umgebung, ja die weite Flut selbst zu beherrschen schien -- und da
vergaß er mit der Sorglosigkeit eines alten Soldaten, der über Berge von
Leichen geritten war, daß er auf dem Grabe des wackeren Gomez schwamm.
Über ihm erhob sich eine ungeheure Rauchsäule, wie eine braune Wolke,
und die Sonne durchdrang sie hier und dort und erleuchtete sie in
poetischem Schimmer. Es war ein zweiter Himmel, ein finsterer Dom, unter
dem es zuckte und glühte und über den sich der unabänderliche Azur des
Firmaments wölbte, das durch diese flüchtige Gegenüberstellung nur noch
tausendmal schöner erschien.
Die bizarren Farben dieses Rauchs, abwechselnd gelb, goldig, rot,
schwarz, dunstig durcheinander gemischt, überzogen das Schiff; es
knisterte, krachte und kreischte. Die Flamme zischte, das Tauwerk
zerfressend, und lief in dem Fahrzeug herum, wie ein Volksaufstand durch
die Straßen einer Stadt läuft.
Der Rum erzeugte blaue Flammen, die auf und nieder tanzten, als wenn der
Genius des Meers diesen rasenden Likör angesteckt hätte, gerade wie die
Hand eines Studenten bei einer Zecherei das lustige Feuerwerk eines
Punsches spielen läßt. Allein die Sonne mit ihrer noch gewaltigen
Leuchtkraft, eifersüchtig auf diesen dreist auflodernden Schein, ließ in
ihren hellen Strahlen kaum das Farbenspiel dieses Brandes erkennen.
Der »Othello« benützte, um sich zu entfernen, den geringen Wind, den er
auf seinem neuen Kurse auffangen konnte, und neigte sich bald nach der
einen, bald nach der andern Seite, wie ein Papierdrache, der in den
Lüften schaukelt.
Die schöne Brigg nahm geradeswegs Kurs nach Süden, und bald verschwand
sie den Blicken des Generals im phantastischen Schatten von Wolken, bald
zeigte sie sich wieder, anmutig über die Flut dahingleitend.
Jedesmal, wenn Helene ihren Vater sehen konnte, winkte sie mit dem
Taschentuche noch einen Gruß herüber. Binnen kurzem versank der »Sankt
Ferdinand« und rief einen Strudel hervor, der sich aber bald auf der
weiten Meeresfläche verlaufen hatte. Von der ganzen Szene war nun nichts
mehr zu sehen, als eine Rauchwolke, die vom Winde hinweggetragen wurde.
Der »Othello« war schon fern. Die Schaluppe näherte sich dem Lande, und
die Wolke schob sich zwischen das kleine Fahrzeug und die Brigg. Zum
letztenmal sah der General seine Tochter durch eine Spalte, die der Wind
in den schwimmenden Rauch riß.
Eine prophetische Vision! Das weiße Taschentuch und das weiße Kleid
allein hoben sich gegen diesen dunkeln Hintergrund ab. Zwischen dem
grünen Wasser und dem blauen Himmel war die Brigg selbst nicht mehr zu
sehen. Helene war nur noch ein kaum erkenntlicher Punkt, eine zarte, von
allem andern losgelöste Linie, ein Engel im Himmel, eine Idee, eine
Erinnerung.
* * * * *
Nachdem der Marquis den Reichtum seiner Familie wiederherstellt hatte,
starb er, von den großen Anstrengungen der letzten Jahre aufgerieben.
Wenige Jahre nach seinem Tode mußte die Marquise mit Moina in ein Bad
der Pyrenäen fahren. Das launenhafte Kind wollte die Schönheiten dieser
Berge kennen lernen. Als sie von einem Ausflug ins Gebirge nach dem
Bade zurückkehrten, trug sich folgende Szene zu:
»Mein Gott,« sagte Moina, »wir sind töricht gewesen, Mama, daß wir nicht
noch ein paar Tage länger in den Bergen geblieben sind. Wir wären dort
besser aufgehoben gewesen als hier. Hast du das fortgesetzte Jammern
dieses verwünschten Kindes und das Geplärr dieser unglücklichen Frau
gehört, die ohne Zweifel lauter Kauderwelsch zusammenredet, denn ich
habe noch kein Wort von dem, was sie sagt, verstanden. Was für eine
Sorte Menschen hat man uns da zu Nachbarn gegeben? Diese Nacht war eine
der schrecklichsten, die ich in meinem Leben zugebracht habe!«
»Ich habe nichts gehört,« antwortete die Marquise, »aber ich werde die
Wirtin aufsuchen, mein liebes Kind, und mir die Stube nebenan ausbitten.
Dort werden wir ungestört sein und keinen Lärm mehr hören. Wie fühlst du
dich heute morgen? Bist du abgespannt?«
Bei diesen Worten war die Marquise aufgestanden, um an Moinas Bett zu
treten.
»Laß sehen,« sagte sie zu ihr und suchte nach der Hand der Tochter.
»O, laß mich, Mutter,« antwortete Moina, »du bist kalt.«
Indem sie so sprach, drehte sie sich schmollend auf dem Kopfkissen
herum, aber die Bewegung war trotzdem so anmutig, daß eine Mutter sich
nicht wohl dadurch gekränkt fühlen konnte. In diesem Augenblick erscholl
in dem Nachbarzimmer ein Klagelaut, so langgezogen und innig, daß ein
Frauenherz davon tief gerührt werden mußte.
»Aber wenn du das die ganze Nacht mitangehört hast, warum hast du mich
dann nicht geweckt? Wir hätten -- --«
Jetzt unterbrach ein lautes Stöhnen die Marquise, und sie rief:
»Da stirbt jemand.«
Und sie ging rasch hinaus.
»Schicke mir Pauline,« rief Moina, »ich will mich anziehen.«
Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe,
zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen.
»Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person
scheint sehr viel zu leiden --«
»Ach, sprechen Sie nicht davon!« rief die Wirtin. »Ich habe eben nach
dem Bürgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau,
eine arme Unglückliche, die gestern abend zu Fuß angekommen ist, von
Spanien her. Sie hat keinen Paß und kein Geld. Sie trug auf dem Rücken
ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie
hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn
gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme
kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen
mit dem Tode. >Frau<, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom
Finger, >ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich
bezahlt zu machen. Er wird dafür ausreichen, denn mein Aufenthalt hier
wird nicht lange währen. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.<
-- Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie
gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis ihren Namen
sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.«
»Aber,« rief die Marquise, »lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die
ihr vonnöten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten.
Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.«
»Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob
sie das annehmen wird.«
»Ich werde sie aufsuchen.«
Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht
daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden
vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die
Marquise erbleichte beim Anblick der Unglücklichen. Trotz der
schrecklichen Leiden, die Helenens Schönheit entstellt hatten, erkannte
sie ihre ältere Tochter.
Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich
auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurück
-- sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.
»Meine Tochter,« sagte Frau d'Aiglemont, »was fehlt Ihnen? -- Pauline!
Moina!«
»Nichts fehlt mir,« antwortete Helene mit schwacher Stimme. »Ich hoffte,
meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkündet mir --«
Sie beendete den Satz nicht, drückte ihr Kind ans Herz, wie um es zu
wärmen, küßte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der
noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf
ausdrückte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß,
daß Helene ein einstmals in der Zeit der Tränen und der Verzweiflung
empfangenes Kind war, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache
ihres größten Unglücks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie
trat sanft auf die ältere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als daß
sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen
der Mutter waren voll von Tränen, und ihre Tochter küssend, rief sie:
»Helene, meine Tochter!«
Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.
In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin
und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in
den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme
über das Unglück -- denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch
entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schönen Familie nichts als
ein Kind gerettet -- sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:
»Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wären, was --«
»Moina, geh' hinaus -- gehen Sie alle hinaus!« rief Frau d'Aiglemont,
Helenens Stimme überschreiend. »Um Gottes willen, meine Tochter,« fuhr
sie fort, »lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglücklichen
Kampf von neuem beginnen ...«
»Ich werde schweigen,« antwortete Helene mit einer übernatürlichen
Anstrengung. »Ich bin selbst Mutter und weiß, Moina darf nicht -- wo ist
mein Kind?«
Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurück.
»Meine Schwester,« sagte dieses verzogene Kind, »der Arzt ...«
»Alles ist unnütz,« antwortete Helene. »Ach, warum bin ich nicht mit
sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte? Das
Glück ist niemals außerhalb der Gesetze zu finden -- Moina -- du --«
Sie starb -- ihr Kopf sank über den des Kindes hernieder, das sie
krampfhaft an sich gepreßt hatte.
»Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina,« sagte Madame
d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen
zerfloß, »daß ein Mädchen niemals das Glück in einem romantischen
Dasein, außerhalb der einmal gültigen und ihr eingeprägten Begriffe, und
vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.«
6. Kapitel.
Eine schuldige Mutter im Alter.
An einem der ersten Tage des Juni 1848 erging sich eine Dame von etwa
fünfzig Jahren, die jedoch noch älter aussah, als es ihrem eigentlichen
Alter entsprochen hätte, im Mittagsonnenschein auf einer Allee im Garten
eines großen in der Rue Plumet zu Paris gelegenen Hauses. Nachdem sie
ein paarmal auf dem leicht gewundenen Pfade hin und her gewandelt war,
den sie nicht verließ, um die Fenster eines Zimmers, die ihre ganze
Aufmerksamkeit zu beanspruchen schienen, nicht aus den Augen zu
verlieren, setzte sie sich auf einen jener halb ländlichen Stühle, die
man aus den noch mit der Rinde versehenen Ästen junger Bäume anfertigt.
Von diesem Platze aus konnte die Dame durch eines der in die
Umfassungsmauern eingefügten Gittertore sowohl die inneren Boulevards,
in deren Mitte der prachtvolle Invalidendom seine goldene Kuppel über
die Wipfel unzähliger Ulmen emporreckt -- ein herrliches Landschaftsbild
-- wie auch den weniger großartigen Anblick ihres Gartens genießen, der
durch die graue Fassade eines der schönsten Häuser von ganz Faubourg
Saint-Germain begrenzt wurde.
Dort war noch alles still, in den Nachbargärten, auf den Boulevards und
an der Kirche; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum
gegen Mittag. Wenn nicht etwas besonderes vorliegt, wenn nicht gerade
mal eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll
aufzunehmen hat, schläft dort um diese Stunde noch alles, Herren und
Diener, oder man steht höchstens eben erst auf.
Die so früh schon wache Dame war die Marquise d'Aiglemont, die Mutter
der Frau de Saint-Héreen, der dieses schöne Haus gehörte. Die Marquise
hatte es an die Tochter abgetreten, der sie ihr ganzes Vermögen
geschenkt hatte. Für sich selbst hatte sie nur eine kleine
lebenslängliche Rente zurückbehalten. Die Komtesse Moina de Saint-Héreen
war das letzte Kind, das der Frau d'Aiglemont verblieben war. Um die
Heirat mit dem Erben eines der berühmtesten und vornehmsten Häuser von
Frankreich zu ermöglichen, hatte die Marquise alles geopfert. Auch war
nichts natürlicher. Sie hatte nacheinander zwei Söhne verloren. Der
eine, Gustav Marquis d'Aiglemont, war an der Cholera gestorben; der
andere, Abel, war vor Constantine[2] gefallen. Gustav hinterließ Kinder
und eine Witwe. Aber die an sich schon laue Zuneigung, die Frau
d'Aiglemont für ihre Söhne gehabt hatte, schwächte, auf ihre Enkel
übergehend, natürlich noch mehr ab. Sie benahm sich freundlich gegen
Madame d'Aiglemont die Jüngere, aber sie hielt sich in den Grenzen des
oberflächlichen Gefühls, die der gute Ton und das Herkommen im Verkehr
mit Verwandten vorschreiben.
[2] Stadt in Algerien, die am 13. Oktober 1837 von Marschall Balée
erobert wurde.
Da die Vermögensverhältnisse der beiden nun toten Söhne vollständig
geregelt gewesen waren, so hatte sie ihre Ersparnisse und ihren eigenen
Besitz ungeschmälert ihrer teuern Moina überweisen können.
Moina, seit ihrer Kindheit eine entzückende Schönheit, war allzeit für
Frau d'Aiglemont der Gegenstand einer mit der Geburt entstandenen oder
unwillkürlichen Bevorzugung gewesen, wie man sie bei Familienmüttern oft
findet: eine bedenkliche Sympathie, die manchem unerklärlich scheint,
die aber der Menschenkenner sich oft nur zu gut erklären kann. Das
reizende Gesicht Moinas, die Stimme dieses Nesthäkchens, ihr Benehmen,
ihre Haltung, ihre Gebärden, ihr Mienenspiel: alles an ihr erweckte bei
der Marquise die tiefsten Gefühle, die überhaupt das Herz einer Mutter
bewegen, beunruhigen oder erfreuen können. Ihr Leben von heute, ihr
Leben von morgen und ihr vergangenes Leben wurzelte nun ganz im Herzen
dieser jungen Frau, in das sie alles gelegt hatte, was es für sie noch
an Reizen und Werten auf dieser Welt gab.
Moina war ja zum Glück allein noch von vier Kindern, die älter gewesen
waren als sie, am Leben geblieben. Madame d'Aiglemont hatte, wie man
sich in der Gesellschaft erzählte, auf höchst tragische Weise eine
bildschöne Tochter verloren, deren Schicksal fast unbekannt geblieben
war, und einen kleinen Jungen, der im Alter von fünf Jahren verunglückt
war. Die Marquise erblickte ohne Zweifel einen Fingerzeig des Himmels
in der Güte, die das Schicksal der Tochter ihres Herzens zu erzeigen
schien, und bewahrte ihren vom launischen Tode schon hinweggerafften
Kindern nur ein schwaches Erinnern. Sie ruhten in ihrem Herzen, etwa wie
die Toten eines Schlachtfelds unter den flachen Hügeln, die die
wuchernden Blumen des Feldes schon fast ganz unsichtbar gemacht haben.
Die Welt hätte die Marquise wegen dieser Gleichgültigkeit und
Bevorzugung streng zur Rechenschaft ziehen können; aber die Welt von
Paris wird von einem solchen Strom von Ereignissen, Moden und neuen
Ideen hinweggerissen, daß das ganze Leben der Frau d'Aiglemont schon in
Vergessenheit geraten sein mußte. Niemand dachte daran, ihr ein kaltes
Benehmen, ein Vergessen zur Missetat anzurechnen, denn daran war niemand
etwas gelegen, während ihre große Zärtlichkeit gegen Moina sehr viele
Leute interessierte und alles das für sich hatte, was uns ein blindes
Vorurteil unantastbar macht.
Auch ging die Marquise wenig in Gesellschaft; den meisten Familien, die
sie kannten, galt sie für fromm, gut und nachsichtig. Um über diesen
äußern Schein hinaus, mit dem sich die Gesellschaft begnügt, in jemandes
Wesen einzudringen, muß ja schon eine ausnahmsweise lebhafte Teilnahme
vorhanden sein. Und was verzeiht man nicht alten Leuten, die nur noch
ein Schatten zu sein scheinen und nichts weiter sein wollen als eine
Erinnerung? Kurz, Frau d'Aiglemont war ein Vorbild, auf das die Kinder
wohlgefällig ihre Väter, die Schwiegersöhne ihre Schwiegermütter
hinwiesen. Sie hatte vor der Zeit schon Moina all ihren Besitz
abgetreten, ließ sich an dem Glück der jungen Komtesse genügen und lebte
nur für sie.
Wenn vorsichtige alte Leute oder griesgrämige Onkel dieses Verhalten mit
den Worten tadelten: »Madame d'Aiglemont wird es vielleicht eines Tages
noch bereuen, zugunsten ihrer Tochter ihr Vermögen weggegeben zu haben;
denn wenn sie auch das Herz der Frau de Saint-Héreen genau kennt, kann
sie auch auf die Anständigkeit ihres Schwiegersohns ebenso bestimmt
rechnen?« Dann erhob sich gegen diese Propheten ein allgemeiner
Aufstand, und von allen Seiten regnete es Lobreden auf Moina.
»Man muß es bei Madame Saint-Héreen anerkennen,« sagte eine junge Frau,
»sie sorgt dafür, daß die Mutter in der alten Umgebung und den alten
Gewohnheiten weiterlebt. Madame d'Aiglemont ist wunderbar eingerichtet,
hat einen Wagen, der ihr ganz allein zur Verfügung steht, und kann wie
zuvor überall hingehen.«
»Bloß nicht in die Italienische Oper,« antwortete leise ein alter
Schmarotzer, einer jener Menschen, die sich für befugt halten, ihren
Freunden unter dem Vorwande, sich als unabhängig hinzustellen, allerlei
Schmähreden über andere aufzutischen. »Die alte Dame schwärmt nur noch
für Musik und spielt ihrem verhätschelten Kinde schnurrige Sachen vor.
Sie war seinerzeit doch so hervorragend musikalisch. Aber da die Loge
der jungen Komtesse immer von jungen Schmetterlingen umgaukelt ist und
die Alte das kleine Dämchen stören würde, die man schon eine große
Kokette nennt, so geht die arme Mama nie mehr in die Italienische Oper.«
»Madame de Saint-Héreen,« sagte ein heiratsfähiges Mädchen,
»veranstaltet für ihre Mutter prachtvolle Soiréen und hält einen Salon,
wo ganz Paris verkehrt.«
»Und kein Mensch sich um die Marquise kümmert,« setzte der Parasit
hinzu.
»Tatsache ist, daß Madame d'Aiglemont nie allein ist,« bemerkte ein
Geck, um den jungen Damen das Wort zu reden.
»Am Morgen,« antwortete der alte Menschenkenner mit leiser Stimme,
»schläft die teure Moina. Um vier Uhr ist die teure Moina auf der
Ausfahrt. Am Abend geht die teure Moina zu Balle oder ins Theater. Aber
freilich, Madame d'Aiglemont kann die teure Moina sehen, wenn sie
Toilette macht, oder während des Diners, wenn die teure Moina zufällig
einmal mit ihrer Mutter speist. Vor etwa acht Tagen, mein Herr,« sagte
der alte Schmarotzer und nahm den Arm eines schüchternen Lehrers, eines
Neulings in dem Hause, wo man sich eben befand, »sah ich diese traurige,
einsame Mutter an ihrem Kamin. >Was haben Sie?< fragte ich sie. Die
Marquise sah mich lächelnd an, aber sie hatte sicherlich geweint.
>Ich dachte so bei mir,< sagte sie zu mir, >es sei doch recht seltsam,
daß ich nun so allein bin, nachdem ich fünf Kinder gehabt habe.
Doch das ist unser Los. Und ich bin ja auch glücklich, wenn ich nur weiß,
daß Moina sich vergnügt.< Sie konnte sich mir anvertrauen, denn ich habe
seinerzeit ihren Mann sehr gut gekannt. Das war ein armer Kerl, und es war
ein Glück für ihn, daß er sie zur Frau bekam, er hat ihr sicherlich seine
Pairswürde und seine Stellung am Hofe Karls X. verdankt.«
Aber in das Geschwätz der Welt schleichen sich so viele Irrtümer ein, es
entstehen leicht so tiefgehende Fehler, daß der Sittenchronist
verpflichtet ist, die sorglos von so vielen Sorglosen hingeworfenen
Behauptungen klug abzuwägen. Man darf es vielleicht nie aussprechen, wer
unrecht habe, das Kind oder die Mutter. Zwischen zwei solchen Herzen
gibt es nur einen Richter -- und dieser Richter ist Gott! Gott verlegt
oft seine Rache in den Schoß von Familien und bedient sich in Ewigkeit
der Kinder gegen die Mütter, der Väter gegen die Söhne, der Völker gegen
die Könige, der Fürsten gegen die Nationen -- kurz, er spielt alles
gegen alles aus, ersetzt in der geistigen Welt Gefühle durch Gefühle,
wie die jungen Blätter im Frühling an die Stelle der alten treten,
handelt nach einer unabänderlichen Ordnung und strebt in allem nur einem
ihm allein bekannten Ziele zu. Ohne Zweifel geht ein jedes Ding in
seinen Schoß oder, besser gesagt, kehrt dorthin zurück.
Diese religiösen Gedanken, den Herzen alter Leute so natürlich, zogen
vereinzelt durch Madame d'Aiglemonts Seele; sie lagen dort noch halb im
Schatten, bald tief auf dem Grunde, bald vollständig entfaltet, wie
Blumen, die während eines Sturmes an die Oberfläche des Wassers
gestiegen sind. Sie hatte sich hingesetzt, ermüdet, geschwächt von einem
langen Grübeln, einer jener Träumereien, die das ganze Leben noch einmal
heraufbeschwören und vor den Augen des von Todesahnung heimgesuchten
Menschen vorbeiziehen lassen.
Diese vor der Zeit gealterte Frau wäre für einen auf dem Boulevard
vorbeigehenden Dichter eine merkwürdige Erscheinung gewesen. Wenn man
sie im feinen Schatten einer Akazie sitzen sah -- in einem
Akazienschatten zur Mittagszeit -- so hätte alle Welt eins der tausend
Dinge lesen können, die auf diesem Gesicht geschrieben standen, das
selbst inmitten der warmen Sonnenstrahlen kalt und blaß blieb. Ihr
ausdrucksvolles Gesicht drückte noch etwas Schwereres und Herberes aus,
als nur das Bewußtsein zur Neige gehenden Lebens, noch etwas Tieferes,
als ein von Prüfungen ermattetes Gemüt. Sie war eine jener Typen, die
unter Tausenden von unbeachteten, weil charakterlosen Physiognomien uns
stutzig machen und nachdenklich stimmen, ebenso wie man zwischen den
tausend Gemälden eines Museums gewaltig gefesselt wird durch den
erhabenen Kopf, auf dem Murillo den Mutterschmerz gemalt hat, oder durch
das Gesicht der Beatrice Cenci, wo Guido über der Tiefe des
verbrecherischsten Gemüts die rührendste Unschuld darstellt, oder durch
das finstere Antlitz Philipps II., auf dem Velasquez für immer den
majestätischen und abschreckenden Ausdruck der königlichen Würde
festgehalten hat. Gewisse Menschengesichter sind despotische Bildnisse,
die zu uns sprechen, in uns dringen, auf unsere geheimsten Gedanken
antworten, ja zu vollkommenen Gedichten werden. Das eisige Antlitz der
Madame d'Aiglemont war eine jener furchtbaren Poesien, eins jener
Gesichter, die zu Tausenden in der »Divina Comedia« des Dante Alighieri
auftauchen.
Während der raschen Blütezeit der Frau, eignen sich die Züge ihrer
Schönheit wunderbar zu der Verstellung, die ihre natürliche Schwäche und
unsere sozialen Gesetze ihr aufnötigen. Unter dem reichen Kolorit ihres
frischen Gesichts, dem Feuer ihrer Augen, dem anmutigen Gewebe ihrer so
zarten Züge, so vielfältiger gerader oder gebogener, doch reiner Linien,
die ihr alle vollkommen zu Gebote stehen, können alle ihre Regungen
geheim bleiben. Wenn die Röte die an sich schon lebhafte Farbe erhöht,
so verrät sie dann noch gar nichts; alles innere Feuer mischt sich dann
noch so gut in den Glanz dieser lebensvoll strahlenden Augen, daß die
flüchtige Flamme eines Unglücks dort nur als ein Reiz mehr in
Erscheinung tritt.
Nichts ist so verschwiegen, wie ein junges Gesicht, weil nichts
unbeweglicher ist. Das Gesicht einer jungen Frau hat die Ruhe, die
Glätte, die Frische, die die Oberfläche eines Sees zeigt. Der
charakteristische Ausdruck fängt bei den Frauen erst mit dreißig Jahren
an. Bis dahin findet der Maler in ihren Gesichtern nur Rosa und Weiß,
das Lächeln und den Ausdruck, dem immer wieder ein und derselbe Gedanke
zugrunde liegt, ein allgemeiner Gedanke ohne Tiefe, nämlich das
Bewußtsein der Jugend und der Liebe. Aber im Alter hat alles bei der
Frau seine Rolle gespielt, die Leidenschaften haben sich auf ihrem
Gesicht eingeprägt, sie ist Liebende, Gattin, Mutter gewesen; die
heftigsten Ausdrücke der Freude und des Schmerzes haben ihre Züge
entstellt und tausend Furchen gegraben, die alle eine Sprache reden.
Dann wird ein Frauenkopf entweder erhaben in seiner Schreckhaftigkeit,
schön in seiner Schwermut oder großartig in seiner Ruhe. Wenn es erlaubt
ist, dieses sonderbare Gleichnis weiterzuspinnen, so könnte man sagen,
der ausgetrocknete See ließe dann die Spuren aller Bäche erkennen, die
ihn gebildet hatten. Ein Frauenkopf gehört dann weder der Gesellschaft,
die in ihrer Frivolität zurückschreckt vor dem Abbilde der vernichtenden
Wirkung, die die geliebten und gewöhnlichen Begriffe von Eleganz und
Lebensfreude dort ausgeübt haben, noch gehört er den Alltagskünstlern
an, die darin nichts entdecken -- er gehört den wahren Poeten, denn sie
allein würdigen und erkennen das Schöne unabhängig von dem Herkommen und
dem Vorurteil, welchem beiden allein gar vieles seinen Ruf des Schönen
und Künstlerischen verdankt.
Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Hut trug, war doch leicht zu
erkennen, daß ihr einstmals schwarzes Haar infolge heftiger Aufregungen
weiß geworden war. Aber die Art, wie sie es scheitelte, verriet ihren
guten Geschmack, bekundete die anmutigen Gewohnheiten der vornehmen Dame
und umrahmte wirksam die welke, gefurchte Stirn, die noch immer Spuren
ihres ehemaligen Glanzes aufwies.
Der Gesichtsschnitt, die Regelmäßigkeit der Züge gaben noch heute einen
allerdings nur schwachen Begriff von der großen Schönheit, auf die sie
einmal hatte stolz sein dürfen; aber noch besser erkannte man daran, wie
tief und furchtbar die Schmerzen gewesen sein mußten, da sie dieses
Gesicht, diese Schläfen, diese Wangen hohl gemacht und die Augen ihrer
Wimpern beraubt hatten, die den Blick so anmutig machen.
An dieser Frau war alles Schweigen; ihr Gang und ihre Bewegungen hatten
die ernste, gefaßte Langsamkeit, die immer Ehrfurcht erweckt. Ihre
Bescheidenheit, fast zur Schüchternheit geworden, schien die Folge der
Gewohnheit, die sie seit einigen Jahren hatte: vor ihrer Tochter in den
Hintergrund zu treten. Sie sprach sehr selten und sehr sanft, wie alle
Leute, die viel nachdenken, sich sammeln und gezwungen sind, für sich
selbst zu leben.
Dieses Benehmen erweckte ein unerklärliches Gefühl, das weder Furcht
noch Mitleid war, in das sich aber geheimnisvoll alle Ideen mischten,
welche diese einander so entgegengesetzten Regungen auslösen. Die Natur
ihrer Furchen, die Art, wie ihr Gesicht sich in Falten gelegt hatte, die
Fahlheit ihres Blicks -- das alles zeugte dafür, daß sie jene Tränen
geweint hatte, die, vom Herzen aufgezehrt, nie zur Erde fallen. Ein
Unglücklicher, der gewöhnt war, zum Himmel hinaufzuschauen, um ihn in
den Unbilden seines Daseins anzurufen, hätte leicht in den Augen dieser
Mutter gelesen, daß ein grausames Los es ihr zur Gewohnheit gemacht
hatte, jede Stunde des Tages zu beten, hätte auch die geheimen Spuren
des seelischen Meltaus entdeckt, der alle Blüten des Gemüts, bis hinab
auf das Gefühl der Mutterschaft, vernichtet.
Maler haben wohl Farbe für solche Porträts; aber Gedanken und Worte sind
nicht imstande, sie getreu zu zeichnen. Es findet sich in den Tönen der
Haut und im ganzen Gepräge des Gesichts manches unerklärliche Phänomen,
das, vom Auge gesehen, sogleich zur Seele dringt; aber wenn der Dichter
eine so furchtbare Veränderung des Gesichtsausdrucks begreiflich machen
will, so steht ihm kein anderes Mittel zur Verfügung, als die Ereignisse
zu berichten, auf die sie zurückzuführen ist. Dieses Gesicht deutete auf
einen Sturm, der sich kalt und in aller Stille abgespielt hatte, auf
einen geheimen Kampf zwischen dem Heroismus des mütterlichen Schmerzes
und der Unbeständigkeit unserer Gefühle, die, wie wir selbst, ihr Ende
finden und nichts Endloses in sich tragen.
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