»Nach der Barrière zu? Nein.«
»Sie haben Ihre Tür niemand geöffnet?«
»Pflege ich denn meine Tür persönlich zu öffnen --?«
»Verzeihung, General, auch jetzt, dünkt mich --«
»Ach was!« rief der Marquis zornig, »wollen Sie sich über mich lustig
machen? Wie kommen Sie dazu?«
»Keineswegs, keineswegs, gnädiger Herr,« versetzte der Brigadier höflich.
»Sie werden uns unsern Diensteifer nicht verübeln. Wir wissen recht
wohl, ein Pair von Frankreich läßt sich nicht dazu herbei, zu solcher
Stunde der Nacht einen Mörder aufzunehmen; aber der Wunsch,
Erkundigungen einzuziehen --«
»Einen Mörder!« rief der General. »Und wer ist denn der --?«
»Baron de Mauny ist eben durch einen Beilhieb getötet worden,« erwiderte
der Gendarm. »Aber der Mörder wird eifrig verfolgt. Wir sind gewiß, daß
er sich in dieser Gegend befindet, und werden ihn aufspüren.
Entschuldigen Herr General!«
Der Gendarm bestieg bei diesen Worten sein Pferd, so daß er
glücklicherweise nicht das Gesicht des Generals sehen konnte. Der
Brigadier, gewohnt, überall auf der Lauer zu sein, hätte vielleicht
Verdacht geschöpft beim Anblick dieses offenen Gesichts, das die
Seelenregungen so getreu widerspiegelte.
»Kennt man den Namen des Mörders?« fragte der General.
»Nein,« antwortete der Reiter. »Er hat den Schreibtisch voll Gold und
Banknoten gelassen, ohne etwas anzurühren.«
»Also ein Racheakt,« sagte der Marquis.
»Ah bah -- an einem alten Manne? -- Nein, nein, der Galgenvogel hat nur
nicht Zeit gehabt, sein Werk zu vollenden.«
Und der Gendarm setzte seinen Kameraden nach, die schon in die Ferne
sprengten. Der General stand eine Weile in einer Verblüffung da, die
leicht begreiflich ist. Bald darauf hörte er seine Diener kommen; sie
sprachen hitzig miteinander, und ihre Stimmen hallten laut auf der
Montreuiler Straße. Sein Zorn suchte einen Vorwand, sich Luft zu machen,
und entlud sich nun, als sie ankamen, wie ein Donnerschlag über ihren
Häuptern. Seine Stimme hallte durch das Haus, daß es zitterte.
Als der Beherzteste und Gewandteste unter ihnen ihre Verspätung damit
entschuldigte, daß sie am Eingang von Montreuil von Gendarmen und
Polizisten aufgehalten worden seien, die einen Mörder gesucht hätten,
beruhigte er sich plötzlich wieder und schwieg. Durch diese Ausrede an
die Pflichten seiner sonderbaren Lage erinnert, befahl er kurzweg allen
seinen Leuten, auf der Stelle schlafen zu gehen. Sie wunderten sich
darüber, daß der Kammerdiener mit seiner Lüge so gut durchgekommen war.
Aber während dies sich im Hofe zutrug, hatte ein anscheinend ganz
unbedeutender Vorfall die Lage der andern Personen, die in dieser
Geschichte mitwirken, umgestaltet. Der Marquis war kaum hinausgegangen,
als seine Frau abwechselnd den Mansardenschlüssel und ihre Tochter ansah
und schließlich, sich zu ihrer Tochter neigend, mit leiser Stimme sagte:
»Helene, Dein Vater hat den Schlüssel auf dem Kaminsims liegen lassen.«
Das junge Mädchen hob erstaunt den Kopf und sah zaghaft die Mutter an,
deren Augen vor Neugierde blitzten.
»Und -- was denn, Mama?« antwortete sie bestürzt.
»Ich möchte wissen, was dort oben vorgeht. Wenn jemand da ist, so hat
er sich jedenfalls noch nicht gerührt. Geh hinauf ...«
»Ich?« fragte das junge Mädchen entsetzt.
»Fürchtest du dich?«
»Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehört.«
»Wenn ich selbst gehen könnte, würde ich dich nicht gebeten haben,
hinaufzugehen, Helene,« versetzte die Mutter in einem Tone kalter Würde.
»Wenn dein Vater wiederkäme und mich nicht fände, würde er mich
vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.«
»Madame,« antwortete Helene, »wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich --
aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren ...«
»Wie?« versetzte die Marquise in ironischem Tone. »Doch da du ernsthaft
aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf
und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlüssel, meine Tochter.
Wenn dir dein Vater Schweigen über das, was in diesem Augenblick bei ihm
vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses
Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, daß sich eine Tochter niemals ein
Urteil über ihre Mutter erlauben darf ...«
Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer
gekränkten Mutter, dann nahm sie den Schlüssel und gab ihn Helene, die
sich ohne ein Wort erhob und den Salon verließ.
»Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber
ich werde meines Vaters Gunst für alle Zeit verscherzt haben. Will sie
mich der Liebe berauben, die er für mich hat, will sie mich aus dem
Hause jagen?«
Diese Gedanken gärten plötzlich in ihrem Geist, während sie ohne Licht
den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tür des geheimnisvollen
Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle
Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend
bisher in ihrem Herzen zurückgehaltenen Gefühlen freien Lauf gegeben.
Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft und
verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.
Als sie den Schlüssel dem Schloß näherte, zitterte sie krampfhaft, und
ihre Aufregung wurde so stark, daß sie einen Augenblick innehielt, um
die Hand aufs Herz zu pressen, als hätte sie die Macht, das heftige,
laute Pochen zu unterdrücken. Endlich machte sie die Tür auf. Der Mörder
hatte ohne Zweifel auf das Kreischen der Angeln nicht geachtet. Obgleich
sein Gehör sehr scharf war, blieb er regungslos, anscheinend in Gedanken
verloren, stehen, wie an die Wand geklebt. Der Lichtkreis, den die
Laterne warf, beleuchtete ihn matt, und er glich in diesem Helldunkel
jenen finsteren Ritterstatuen, die, immer in aufrechter Haltung, an den
Ecken schwarzer Gräber über gotischen Kapellen stehen.
Perlen kalten Schweißes standen auf seiner gelben, breiten Stirn. Eine
unglaubliche Kühnheit erleuchtete das heftig zusammengezogene Gesicht.
Seine starren, trockenen Augen glühten und schienen über einen Kampf in
dem Dunkel, das vor ihm lag, nachzusinnen. Stürmische Gedanken jagten
schnell über dieses Gesicht hin, dessen fester, entschlossener Ausdruck
auf eine Seele höherer Art deutete. Sein Körper, seine Haltung, seine
Größenverhältnisse stimmten mit diesem wilden Geist überein.
Dieser Mann war ganz Kraft und Gewalt, und er spähte in die Finsternis,
als erblickte er darin das deutliche Abbild seiner Zukunft. Der General,
gewohnt, die energischen Gesichter der Riesen zu sehen, die sich um
Napoleon drängten, und überdies von einer berechtigten Neugierde
beherrscht, hatte auf das eigentümliche Äußere dieses Mannes kaum
geachtet; aber Helene, die, wie alle Frauen, äußeren Eindrücken sehr
zugänglich war, fühlte sich sogleich durch die Mischung von Licht und
Schatten, von Grandiosem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos
gefesselt, das dem Unbekannten das Aussehen des sich von seinem Fall
erhebenden Luzifers verlieh.
Plötzlich folgte dem Sturm, der sich auf seinem Antlitz malte, wie durch
Zauber die Ruhe, und eine unerklärliche Macht, für die der Fremde,
vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, Quelle und Gegenstand
zugleich war, breitete sich mit der Geschwindigkeit der Überflutung um
ihn her aus. Eine Sturzwelle von Gedanken schien von seiner Stirn
hinwegzuströmen, als nun seine Züge ihre natürliche Form wiedergewannen.
Das junge Mädchen, bezaubert von der Seltsamkeit dieser Begegnung und
von dem Geheimnis, in das sie drang, konnte nun ein sanftes,
interessantes Gesicht bewundern. Sie stand eine Zeitlang in magischem
Schweigen da, von Regungen erfüllt, die bisher ihre junge Seele nicht
gekannt hatte. Doch bald darauf -- ob nun Helene unwillkürlich einen
Ausruf getan, eine Bewegung gemacht, oder ob der Mörder, von der
Gedankenwelt zur wahren Welt zurückkehrend, außer seinem eigenen Atemzug
noch einen andern gehört hatte -- drehte er plötzlich den Kopf der
Tochter seines Wirtes zu und sah undeutlich im Schatten die hohe Gestalt
und die majestätischen Formen eines Geschöpfes, das er für einen Engel
halten mußte, als er es so unbeweglich und undeutlich wie eine
Erscheinung dastehen sah.
»Herr,« sagte sie mit bebender Stimme.
Der Mörder zitterte.
»Ein Weib!« rief er in sanftem Tone. »Ist's möglich? Entfernen Sie
sich,« fuhr er fort, »ich gestehe niemand das Recht zu, mich anzuklagen,
mich freizusprechen oder zu verurteilen. Ich muß für mich allein leben.
Gehen Sie, mein Kind,« setzte er hinzu, mit einer überlegenen,
herrischen Handbewegung, »ich würde den Dienst, den der Herr dieses
Hauses mir erwiesen hat, schlecht vergelten, wenn ich eine einzige der
Personen, die es bewohnen, die gleiche Luft mit mir atmen ließe. Ich muß
mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.«
Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Indem er das
ganze Elend, das dieser schwermütige Gedanke in sich schloß, sich vor
seines Geistes Auge zu rufen schien, warf er auf Helene einen
schlangenartigen Blick und wirbelte damit im Herzen dieses seltsamen
jungen Mädchens eine Welt von Gedanken auf, die bisher darin
geschlummert hatten. Es war wie ein Licht, das unbekannte Länder
erleuchtet. Ihre Seele wurde zu Boden gedrückt und unterjocht, ohne daß
sie die Kraft fand, sich gegen die magnetische Gewalt dieses Blickes zu
wehren, so zufällig er auch auf sie gerichtet schien.
Beschämt und zitternd, ging sie und kehrte in den Salon zurück. Da im
nächsten Augenblick auch der Vater hereintrat, so konnte sie ihrer
Mutter nichts sagen.
Der General, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, schritt schweigend
auf und ab. Mit gekreuzten Armen ging er in militärischem Takt von den
Fenstern, die auf die Straße hinausführten, bis zu den Gartenfenstern,
und wieder zurück. Seine Frau betrachtete den schlafenden Abel. Moina,
die auf dem Sessel lag, wie ein Vogel in seinem Nest, schlummerte
sorglos. Die ältere Schwester hielt ein Knäuel Seide in der einen, eine
Nadel in der andern Hand und starrte ins Feuer.
Das Schweigen, das im Salon draußen und im ganzen Hause herrschte, wurde
nur durch die schleppenden Schritte der Dienstboten unterbrochen, die
einer nach dem andern schlafen gingen, durch ein unterdrücktes Lachen,
ein letztes Echo ihrer Freude und des Hochzeitsfestes, dann durch die
Türen ihrer Kammern, die sie, miteinander sprechend, öffneten und gleich
darauf schlossen. Einige dumpfe Geräusche schallten auch noch um die
Betten her. Ein Stuhl fiel um. Das Husten eines alten Kutschers erklang
leise und verstummte.
Aber bald herrschte überall die düstere Majestät, die um Mitternacht
über der entschlafenen Natur liegt. Nur die Sterne funkelten. Frost
hatte die Erde gepackt. Kein Wesen sprach, nichts regte sich. Nur das
Feuer brauste und machte, daß die tiefe Stille nur noch tiefer erschien.
Die Uhr in Montreuil schlug eins. In diesem Augenblick hallten äußerst
leichte Schritte im Oberstock.
Der Marquis und seine Tochter glaubten bestimmt, den Mörder des Herrn de
Mauny eingeschlossen zu haben, schrieben dieses Geräusch einer der
Frauen zu und wunderten sich nicht weiter, als sie die Tür des vor dem
Salon liegenden Zimmers aufgehen hörten.
Plötzlich erschien der Mörder unter ihnen. Die Verblüffung des Marquis,
die lebhafte Neugierde der Mutter und das Erstaunen der Tochter
erlaubten ihm, bis in die Mitte des Salons vorzutreten, und in einer
seltsam ruhigen und klangvollen Stimme zum General zu sagen:
»Herr, die zwei Stunden gehen zu Ende.«
»Sie hier!« rief der General. »Wie haben Sie es vermocht -- --?«
Und mit einem furchtbaren Blick fragte er seine Frau und seine Kinder.
Helene wurde rot wie das Feuer.
»Sie,« fuhr der General in bebendem Tone fort, »Sie mitten unter uns!
Ein mit Blut bedeckter Mörder hier! Sie beschmutzen dieses Bild! Fort,
fort!« setzte er in wütendem Tone hinzu.
Bei dem Wort Mörder stieß die Marquise einen Schrei aus. Für Helene aber
schien es die Entscheidung des Lebens herbeizuführen, ihr Gesicht
verriet nicht das geringste Erstaunen. Sie schien diesen Menschen
erwartet zu haben. Allen ihren weiten Gedanken wohnte nur ein Sinn inne.
Die Strafe, die der Himmel ihr für ihre Fehler vorbehalten hatte, brach
herein. Das junge Mädchen hielt sich für ebenso verbrecherisch, wie
dieser Mann es war, und sah ihn nun heiteren Auges an. Sie war seine
Gefährtin, seine Schwester. Nach ihrer Überzeugung offenbarte sich ein
Gebot Gottes in diesem Zufall. Einige Jahre später hätte eine reifere
Vernunft sie über das Wesen ihrer Gewissensbisse besser aufgeklärt;
jetzt aber beraubten sie sie aller Besinnung. Der Fremde blieb
unbeweglich und kalt stehen. Ein verächtliches Lächeln lag auf seinen
Zügen und auf seinen vollen, roten Lippen.
»Sie erkennen schlecht den Edelsinn an, den ich in meinem Verhalten
gegen Sie beobachtet habe,« sagte er langsam. »Ich habe das Glas, darin
Sie mir Wasser reichten, meinen Durst zu stillen, nicht mit den Händen
berühren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutenden
Hände unter Ihrem Dach zu waschen, und wenn ich es verlasse, dann bleibt
von meinem Verbrechen« -- bei diesen Worten zogen sich seine Lippen
zusammen -- »nichts hier, als der Gedanke daran. Ich habe dieses Haus
gestreift und lasse keine Spur zurück. Ich habe nicht einmal Ihrer
Tochter erlaubt --«
»Meine Tochter!« rief der General und warf einen Blick des Entsetzens
auf Helene. »Ha, Unglückseliger, geh' oder ich bringe dich um!«
»Die zwei Stunden sind noch nicht verflossen. Sie können mich weder
töten noch ausliefern, ohne die Achtung vor sich selbst zu verlieren --
und auch die meine.«
Bei diesem letzten Worte versuchte der verblüffte Soldat den Verbrecher
anzusehen; aber er mußte die Augen niederschlagen, er fühlte sich nicht
imstande, das unerträgliche Feuer eines Blickes auszuhalten, der ihn zum
zweitenmal in innerster Seele verwirrte. Als er erkannte, daß seine
Willenskraft abermals schwach wurde, fürchtete er, wiederum weichen
Stimmungen nachzugeben.
»Einen Greis zu ermorden! Sie können nie etwas von Familienleben kennen
gelernt haben?« sprach er zu ihm und wies mit einer patriarchalischen
Gebärde auf Frau und Kinder.
»Ja, einen Greis!« wiederholte der Unbekannte, leicht die Stirn
runzelnd.
»Fliehen Sie!« rief der General, doch noch immer wagte er es nicht, den
Blick zu seinem Gast zu erheben. »Ich werde Sie nicht töten. Nein, ich
werde mich nie zum Geschäftsführer des Schafotts hergeben. Aber gehen
Sie -- Sie flößen uns Abscheu ein.«
»Das weiß ich,« antwortete der Verbrecher resigniert. »In Frankreich
gibt es kein Fleckchen Erde mehr, darauf ich in Sicherheit den Fuß
setzen könnte. Aber wenn die Gerechtigkeit im Sinne Gottes die besondern
Fälle zu beurteilen wüßte, wenn sie sich herabließe, zu erforschen, wer
von beiden das eigentliche Ungeheuer ist, der Mörder oder sein Opfer,
dann würde ich mit Stolz unter den Menschen bleiben. Können Sie sich
nicht denken, welche Verbrechen ein Mensch begangen haben muß, ehe er
von einem andern Menschen mit dem Beil niedergeschlagen wird? Ich habe
mich zum Richter und Henker aufgeworfen, ich habe die ohnmächtige
menschliche Gerechtigkeit ergänzt. Das ist mein Verbrechen. Adieu, Herr!
Trotz der Bitternis, mit der Sie Ihre Gastfreundschaft vermischt haben,
werde ich deren gedenken. In meiner Brust wird gegen einen Menschen auf
dieser Erde allzeit ein dankbares Gefühl wohnen, und dieser eine Mensch
sind Sie ... Aber ich hätte doch gewünscht, Sie wären edelmütiger
gewesen.«
Er ging auf die Tür zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge
Mädchen zu ihrer Mutter und sagte ihr ein Wort ins Ohr.
»Ah ...!«
Der General erschrak über den Schrei, der seiner Frau entfuhr, so
heftig, als hätte er Moina tot gesehen. Helene stand hochaufgerichtet
da, und der Mörder war unwillkürlich umgekehrt, und auf sein Gesicht
trat der Ausdruck einer gewissen Sorge um diese Familie.
»Was haben Sie, liebe Frau?« fragte der Marquis.
»Helene will mit ihm gehen,« sagte sie.
Der Mörder errötete.
»Da meine Mutter so schlecht einen fast unwillkürlichen Ausruf
auslegt,« sagte Helene mit leiser Stimme, »so werde ich zur Tat machen,
was sie im Herzen wünscht.«
Nachdem das junge Mädchen einen stolzen, fast wilden Blick um sich her
geworfen hatte, senkte sie die Augen und stand in einer bewundernswerten
Haltung der Bescheidenheit da.
»Helene,« sagte der General, »du bist in die Kammer hinaufgegangen, in
die ich diesen Menschen gebracht hatte --?«
»Ja, mein Vater.«
»Helene,« fragte er mit einer von heftigem Zittern entstellten Stimme,
»ist es das erstemal, daß du diesen Menschen gesehen hast?«
»Ja, mein Vater.«
»Dann ist es unnatürlich, daß du die Absicht hast ...«
»Wenn es unnatürlich ist, so ist es doch wenigstens wahr, mein Vater.«
»Ha, meine Tochter,« sagte die Marquise mit leiser Stimme, doch so, daß
ihr Mann es hörte, »Helene, du verleugnest alle Grundsätze der Ehre, der
Bescheidenheit, der Tugend, die ich in deinem Herzen zu entwickeln
versucht habe. Wenn du bis zu dieser unseligen Stunde nie anders als
verlogen gewesen bist, dann bist du nicht zu bedauern. Ist es die
moralische Verkommenheit dieses Unbekannten, die dich verlockt? Wäre es
die Gewalt, die allen Menschen zu eigen sein muß, die ein Verbrechen
begehen -- --? Ich achte dich immer noch zu sehr, als daß ich glauben
könnte --«
»O, glauben Sie immerhin alles, Madame,« antwortete Helene in kaltem
Tone.
Aber trotz der Charakterstärke, die sie in diesem Augenblick bewies,
vermochte das Feuer ihrer Augen kaum die Tränen aufzuzehren, die ihr
dieselben füllten. Der Fremde erriet aus diesen Tränen des jungen
Mädchens, was die Mutter gesprochen hatte und warf den Blick eines
Adlers auf die Marquise, die, durch eine unwiderstehliche Macht
gezwungen, diesen schrecklichen Verführer ansah.
Als die Augen dieser Frau den hellen, leuchtenden Augen dieses Mannes
begegneten, empfand sie in tiefster Seele einen Schauer, ähnlich dem
Grausen, das uns beim Anblick eines Reptils befällt -- ähnlich den
Schlägen, die uns bei Berührung einer Leydener Flasche durchzucken.
»Mann,« rief sie ihrem Gatten zu, »es ist der Teufel! Er errät
alles --«
Der General erhob sich, um nach einer Klingelschnur zu greifen.
»Er stürzt Sie ins Verderben,« sagte Helene zu dem Mörder.
Der Unbekannte lächelte, tat einen Schritt, hielt den Marquis beim Arm
fest, zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihn betäubte, und raubte
ihm so alle Willenskraft.
»Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft lohnen,« sagte er, »damit werden
wir quitt sein. Ich werde Ihnen eine ehrlose Handlung ersparen, indem
ich mich selbst ausliefere. Was soll ich schließlich noch im Leben
beginnen?«
»Sie können bereuen,« antwortete Helene und sah ihn mit einem jener
hoffnungsvollen Blicke an, die nur in den Augen von jungen Mädchen
aufleuchten können.
»Ich werde nie bereuen,« versetzte der Mörder mit tiefer Stimme und warf
stolz den Kopf zurück.
»Seine Hände sind mit Blut befleckt,« sagte der Vater zu seiner Tochter.
»Ich werde sie abwischen,« erwiderte sie.
»Aber,« fuhr der General fort, doch wagte er nicht, bei diesen Worten
gleichzeitig auf den Unbekannten hinzuzeigen, »weißt du denn auch, ob er
dich überhaupt haben will?«
Der Mörder schritt auf Helene zu, deren Schönheit, so keusch sie auch
war, und so sehr sie sich zu beherrschen wußte, von einer innern Glut
erstrahlte, deren Widerschein die kleinsten Züge und zartesten Linien
färbte und sozusagen hervortreten ließ. Nachdem er nun auf dieses
entzückende Geschöpf einen sanften Blick geworfen hatte, dessen Feuer
jedoch noch immer furchtbar war, sagte er im Tone tiefer Ergriffenheit:
»Zum Zeichen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe und keinen
Vorteil aus ihrer Leidenschaft für mich selbst ziehen will -- zum
Zeichen, daß ich die zwei Stunden Leben, die Ihr Vater mir gewährt hat,
zu bezahlen weiß -- zum Zeichen dessen weise ich Ihr Opfer, Ihre
Hingebung zurück.«
»Auch Sie stoßen mich von sich!« rief Helene in herzzerreißendem Tone.
»Dann lebt wohl, ihr alle. Ich gehe in den Tod!«
»Was bedeutet denn das?« fragten Vater und Mutter in gleichem Atem.
Helene schwieg und senkte die Augen, nachdem sie die Marquise mit einem
vielsagenden Blick forschend angesehen hatte. Seit dem Augenblick, wo
der General und seine Frau versucht hatten, durch Wort oder Handlung das
seltsame Vorrecht anzugreifen, das der Unbekannte sich anmaßte, indem er
in ihrer Mitte blieb, und seit dieser letztere das betäubende Licht, das
seinen Augen entströmte, voll auf sie gerichtet hatte, befanden sich
beide im Banne eines unerklärlichen Zaubers; alle Vernunft war in
Fesseln geschlagen und war nicht imstande, die übernatürliche Macht
zurückzustoßen, unter der sie zusammenbrachen.
Die Luft dünkte sie jetzt schwer und dick, und sie atmeten mühsam. Dabei
vermochten sie nichts gegen den zu sagen, der sie so im Zaume hielt,
obwohl eine innere Stimme ihnen deutlich sagte, der zauberhafte Mensch
allein sei der Urquell ihrer Ohnmacht. In diesem geistigen Todeskampfe
erkannte der General dennoch, daß seine Bemühungen sich jetzt nur darauf
richten müßten, auf die schwankende Vernunft seines Kindes einzuwirken.
Er nahm Helene um den Leib und trug sie in eine Fensternische. Hier war
sie dem Mörder fern.
»Mein geliebtes Kind,« sagte er mit leiser Stimme zu ihr, »wenn eine
seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir
dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel
Beweise deines Charakters gegeben, daß ich unmöglich glauben kann, es
fehle dir nun an der nötigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu
bezähmen. Wenn du trotzdem daran festhältst, so steckt eben ein
Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du
kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so
würde ich den Kummer still in mir tragen und über dein Bekenntnis ein
unverbrüchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eifersüchtig
auf unsere Liebe zu deinen Brüdern und deiner jüngeren Schwester? Hast
du Liebeskummer? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir
die Gründe, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rücken zu kehren,
ihr ihren größten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brüder, deine
kleine Schwester zu verlassen?«
»Mein Vater,« antwortete sie, »ich bin weder eifersüchtig, noch in
jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de
Vandenesse.«
Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.
»Muß ich nicht früher oder später sowieso unter dem Schutze eines Mannes
leben?«
»Das ist wohl wahr.«
»Wissen wir jemals,« fuhr sie fort, »an was für ein Wesen wir unser
Schicksal knüpfen? Ich -- ich glaube an diesen Mann.«
»Kind,« sagte der General, die Stimme erhebend, »du bedenkst nicht, was
alles für Leiden auf dich einstürmen werden!«
»Ich denke an sein Leid.«
»Was für ein Leben wird deiner harren?« rief der Vater.
»Ein Frauenleben,« antwortete die Tochter leise.
»Du bist ja schon sehr klug,« rief die Marquise, die Sprache
wiederfindend.
»Madame, die Fragen schreiben mir die Antworten vor; aber wenn Sie es
wünschen, so werde ich deutlicher reden.«
»Sagen Sie alles, meine Tochter -- ich bin Mutter.«
Die Tochter sah die Mutter an, und die Mutter änderte ihren Ton.
»Helene, ich werde Ihre Vorwürfe auf mich nehmen, wenn Sie welche gegen
mich zu erheben haben. Das soll mir lieber sein, als Sie mit einem
Menschen gehen zu sehen, den alle Welt mit Abscheu flieht.«
»Sie sehen somit selbst, Madame, ohne mich würde er ganz allein sein.«
»Genug, Madame!« rief der General. »Wir haben fortan nur noch eine
Tochter.«
Und er sah Moina an, die noch immer schlief.
»Dich werde ich in ein Kloster bringen,« setzte er hinzu, sich zu Helene
wendend.
»Meinetwegen, mein Vater,« antwortete sie mit der Ruhe der Verzweiflung.
»So werde ich dort sterben. Sie haben für mein Leben und für -seine-
Seele ja nur Gott Rechenschaft abzulegen.«
Ein tiefes Schweigen folgte plötzlich auf diese Worte. Es war ein
Auftritt, der alle alltäglichen Begriffe des Lebens über den Haufen
warf, und die daran Beteiligten wagten nicht, einander anzusehen.
Plötzlich erblickte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, lud sie
schnell und richtete sie auf den Fremden. Bei dem Geräusch, das der Hahn
machte, drehte der Mann sich um und heftete seinen ruhigen,
durchdringenden Blick auf den General.
Von einer unüberwindlichen Schwäche befallen, sank der Arm des alten
Soldaten herab, und die Pistole fiel auf den Teppich.
»Meine Tochter,« sagte nun der Vater und gab den entsetzlichen Kampf
auf, »du bist frei. Küsse deine Mutter, wenn sie damit einverstanden
ist. Was mich betrifft, ich will von dir nichts mehr sehen und hören ...«
»Helene,« sagte die Mutter zu dem jungen Mädchen, »bedenke doch, du
wirst im Elend leben --!«
Ein Röcheln, das aus der breiten Brust des Mörders drang, lenkte ihren
Blick auf diesen. Ein Ausdruck der Verachtung war auf seinem Antlitz zu
lesen.
»Es kommt mir teuer zu stehen, daß ich Ihnen Gastfreundschaft gewährte,«
rief der General. »Vor kurzem haben Sie nur einen alten Mann umgebracht.
Hier morden Sie eine ganze Familie. Was auch geschehen möge, diesem
Hause steht Unglück bevor!«
»Und wenn Ihre Tochter glücklich ist?« fragte der Mörder und sah den
Soldaten fest an.
»Wenn sie glücklich ist mit Ihnen,« antwortete der Vater, sich mit Mühe
aufraffend, »so werde ich sie nicht bedauern.«
Helene kniete schüchtern vor ihrem Vater nieder und sagte in
liebkosendem Tone zu ihm:
»O, mein Vater, ich liebe und verehre Sie, ob Sie nun die Schätze Ihrer
Güte oder die Strenge des Zorns über mich ausschütten. Doch lassen Sie
diese jähzornigen Worte nicht Ihre letzten sein!«
Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick
trat der Fremde vor und sah Helene mit einem Lächeln an, das zugleich
etwas Höllisches an sich hatte.
»Du, der ein Mörder kein Entsetzen einflößt, Engel des Mitleids,« sagte
er, »komm, da du darauf bestehst, mir dein Geschick anzuvertrauen.«
»Unbegreiflich!« rief der Vater.
Die Marquise warf ihrer Tochter einen seltsamen Blick zu und öffnete ihr
die Arme. Helene sank ihr weinend an die Brust.
»Leb wohl,« sagte sie, »leb wohl, meine Mutter!«
Helene gab entschlossen dem Fremden einen Wink. Der Mann zitterte. Sie
küßte ihrem Vater die Hand, küßte in Eile, doch ohne Freude, Moina und
den kleinen Abel und verschwand mit dem Mörder.
»Wohin sind sie gegangen?« rief der General, auf die Schritte der beiden
Flüchtlinge lauschend.
»Madame,« fuhr er fort, sich an seine Frau wendend, »hinter diesem
Abenteuer steckt ein Geheimnis. Sie müssen es kennen.«
Die Marquise zitterte.
»Seit einiger Zeit,« antwortete sie, »war Ihre Tochter äußerst
romantisch geworden und zeigte oft seltsame Überschwenglichkeit. Trotz
all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekämpfen ...«
»Das ist nicht klar.«
Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und
des Fremden zu hören und sprach nicht weiter, sondern stürzte ans
Fenster und riß es auf.
»Helene!« schrie er hinaus.
Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung.
Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts
weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den
eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines
Geistes huschte es ihm übers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor
sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwünschte seine Schwäche,
die ihm unbegreiflich war. Wie eine heiße Welle flutete es ihm vom
Herzen zum Kopfe und zu den Füßen. Er wurde wieder er selbst, und in
schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stieß er einen fürchterlichen
Schrei aus.
»Hilfe! Hilfe!«
Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnüren, als wollte er sie
zerreißen, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im
Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus
den Betten. Er schrie noch immer, riß die Fenster nach der Straße auf,
rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter,
seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem Laufe anzutreiben. Die
Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde
wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser
ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner
Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten
zusammenkommen.
»Meine Tochter! -- Helene ist entführt worden! -- Geht in den Garten --
bewacht die Straße -- laßt die Gendarmen herein -- sucht den Mörder!«
Gleich darauf zerriß er in seiner Wut einfach die Kette, an der der
große Wachhund lag.
»Helene! Helene!« schrie er dem Tier zu.
Der Hund machte einen Satz wie ein Löwe, bellte wütend und stürzte so
schnell in den Garten hinein, daß der General ihm nicht folgen konnte.
In diesem Augenblick erklang der Galopp von Pferden auf der Straße, und
der General öffnete selbst in aller Eile.
»Brigadier,« rief er, »schneiden Sie dem Mörder des Herrn de Mauny den
Rückweg ab. Sie wollen durch meine Gärten. Schnell, besetzt die Wege
nach der Pikardie ... ich mache eine Treibjagd durch alles Land, durch
alle Gärten und Häuser. -- Ihr andern,« sagte er zu seinen Leuten,
»bewacht die Straße und besetzt die Strecke von der Barrière bis nach
Versailles! Vorwärts, allesamt!«
Er ergriff ein Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, eilte in die
Gärten und schrie dem Hunde zu:
»Such!«
Aus der Ferne antwortete ihm furchtbares Gebell, und er wandte sich nach
der Richtung, aus der das Geheul des Hundes zu kommen schien.
Um sieben Uhr morgens hatten die Nachsuchungen der Gendarmerie, des
Generals, seiner Leute und der Nachbarn noch keinen Erfolg gehabt. Der
Hund war nicht wiedergekommen. Erschöpft von der Anstrengung und durch
den Gram dieser Nacht rasch gealtert, kehrte der Marquis in den Salon
zurück, der für ihn nun verödet war, obgleich seine drei andern Kinder
noch da waren.
»Sie sind stets sehr kalt zu Ihrer Tochter gewesen,« sagte er, mit einem
Blick auf seine Frau. »Hier ist uns doch etwas von ihr geblieben,«
setzte er hinzu, auf den Stickrahmen zeigend, darauf er eine angefangene
Blume erblickte. »Eben war sie noch hier -- und nun verloren --
verloren!«
Er weinte, vergrub den Kopf in den Händen und saß eine Weile schweigend
da. Er mochte sich nicht mehr in dem Zimmer umsehen, das ihm einstmals
das Gemälde süßesten Hausglücks dargeboten hatte. Das Licht des Morgens
kämpfte mit den erlöschenden Lampen; die Kerzen versengten ihre
Papiermanschetten; alles stand im Einklang zu der Verzweiflung dieses
Vaters.
»Das Ding da muß vernichtet werden,« sagte er nach einem Augenblick des
Schweigens und zeigte auf den Stickrahmen. »Ich kann nichts mehr sehen,
was mich an sie erinnert.«
Die entsetzliche Weihnacht, in der der Marquis und seine Frau das
Unglück hatten, ihre älteste Tochter zu verlieren, ohne daß sie sich der
seltsamen Gewalt widersetzen konnten, die ihr Verführer -- eigentlich ja
ein Verführer wider Willen -- auf sie ausgeübt hatte, diese entsetzliche
Nacht war gleichsam ein Wink vom Schicksal selbst. Kurz darauf richtete
der Bankerott eines Wechselagenten den Marquis zugrunde. Er nahm auf die
Güter seiner Frau Hypotheken auf, um eine Spekulation zu versuchen,
deren Gewinn der Familie allen früheren Reichtum wiedergeben sollte. Die
Spekulation schlug fehl und ruinierte ihn vollends. In seiner
Verzweiflung, alles zu versuchen, wanderte der General aus. Sechs Jahre
waren seit seiner Abreise verflossen. Die Familie hatte nur selten
Nachricht von ihm erhalten. Sechs Tage vor dem Erlaß, durch den Spanien
die Unabhängigkeit der amerikanischen Republiken anerkannte, hatte er
seine Rückkehr angemeldet.
An einem schönen, heitern Morgen befanden sich mehrere französische
Handelsmänner, voller Ungeduld, in ihr Vaterland zurückzukehren, mit den
Reichtümern, die sie in langer, saurer Arbeit und auf gefährlichen
Reisen teils durch Mexiko, teils durch Kolumbia erworben hatten, auf
einer spanischen Brigg, nur noch wenige Meilen von Bordeaux entfernt.
Ein durch Mühseligkeiten oder Gram über seine Jahre hinaus gealterter
Mann lehnte an der Schanzverkleidung und schien keinen Sinn für das Bild
zu haben, das sich den Blicken der in Gruppen auf dem Verdeck
herumstehenden Passagiere bot. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und
durch die Schönheit des Tages angelockt, waren alle auf Deck gestiegen,
um die Heimat zu grüßen.
Die Mehrzahl unter ihnen wollte durchaus in der Ferne schon die
Leuchttürme, die Häuser der Gascogne, den Turm von Corduan zwischen den
phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken erkennen, die am Horizont
heraufstiegen. Wäre nicht die silberne Furche gewesen, die der Kiel vor
sich aufpflügte, wäre nicht die Schleppe gewesen, die er hinter sich
herzog, so hätten die Reisenden glauben können, sie lägen regungslos
mitten auf dem Ozean, so ruhig war die See.
Der Himmel war von entzückender Reinheit. Die tiefe Färbung seines
Gewölbes ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Farbe des
Wassers über; wo beide aufeinanderstießen, sah man nur eine zarte Linie,
von der flimmernden Helligkeit der Sterne. Die Sonne ließ Millionen von
Spiegelscheiben auf der unermeßlichen Fläche des Meers aufblitzen, so
daß die weiten Gefilde des Wassers vielleicht noch mehr leuchteten als
das Firmament selbst.
Ein wunderbar milder Wind blähte alle Segel der Brigg, und die
schneeweißen Tücher, die gelben, wehenden Wimpel, das Labyrinth von
Tauwerk zeichneten sich haarscharf auf dem glänzenden Grunde des
Himmels, der leuchtenden Luft und des Meeres ab, ohne andere Farben
anzunehmen, als die Schatten, die die Wolken von Segeln warfen.
Ein schöner Tag, ein frischer Wind, der Anblick des Vaterlandes, eine
hübsche, einsame Brigg, die wie eine zum Stelldichein fliegende Schöne
über das Meer hinglitt -- das war ein Bild voll Harmonie, eine Szene von
köstlichem Reiz. Von einem Punkt aus, auf dem alles reges Leben und
Bewegung war, umfaßte die Menschenseele weite Fernen, die bewegungslos
blieben, die unwandelbar sich ringsum ausdehnten. Es war eine wundersame
Gegenüberstellung von Einsamkeit und Leben, von Stille und Lärm, ohne
daß man hätte sagen können, wo der Lärm und das Leben, das Nichts und
das Schweigen wäre. Denn keine menschliche Stimme unterbrach diesen
himmlischen Zauber.
Der spanische Kapitän, seine Matrosen und die Männer aus Frankreich
standen oder saßen und überließen sich in frommer Schwärmerei ihren
Erinnerungen. Die Luft selbst atmete Müßiggang. Die strahlenden
Gesichter verrieten ein völliges Vergessen der schlechten Zeiten, die
man überstanden hatte, und die Menschen wiegten sich auf ihrem schönen
Schiff wie in einem goldenen Traume.
Dennoch sah der alte, an die Schanzverkleidung gelehnte Passagier von
Zeit zu Zeit voll Unruhe nach dem Horizont. In seinen Zügen prägte sich
die Ahnung eines Unglücks oder ein Mißtrauen gegen die Güte des
Schicksals aus, und er schien zu befürchten, daß man den Boden
Frankreichs nicht schnell genug betreten könne. Dieser Mann war der
Marquis. Das Glück hatte gegen seine verzweifelten Anstrengungen sich
nicht spröde gezeigt. Nachdem er fünf Jahre alles mögliche versucht und
bitter gearbeitet hatte, war er nun im Besitz eines beträchtlichen
Vermögens. In seiner Ungeduld, die Heimat wiederzusehen und seiner
Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischen
Handelsleute von Habana gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem
spanischen nach Bordeaux bestimmten Fahrzeug eingeschifft.
Seine Phantasie, überdrüssig, immer Unglück vorauszusehen, spiegelte ihm
die köstlichsten Bilder aus dem Glück seiner Vergangenheit wider. Beim
Anblick der fernen braunen Linie, die das Land beschrieb, glaubte er
seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er saß an seinem Platze am Kamin
und war umringt und liebkost von seinen Kindern. Er stellte sich Moina
vor, schön, groß geworden, imposant wie ein junges Mädchen. Als dieses
Bild der Phantasie ihm so klar vor Augen stand, wie ein Bild der
Wirklichkeit, rannen ihm Tränen die Wangen hinab, und um seine Aufregung
zu verbergen, sah er nach dem Horizont in der entgegengesetzten Richtung
der verschwommenen Linie, die das Land bezeichnete.
»Das ist er!« rief er. »Er verfolgt uns.«
»Was gibt's?« rief der spanische Kapitän.
»Ein Schiff,« antwortete der General mit leiser Stimme.
»Ich habe es schon gestern gesehen,« antwortete Kapitän Gomez.
Er sah den Franzosen fragend an.
»Er hat bis jetzt Jagd auf uns gemacht,« sagte er dann dem General ins
Ohr.
»Ich begreife nicht, warum er uns nicht schon eingeholt hat,« versetzte
der alte Soldat, »denn er ist ein besserer Segler, als Ihr verwünschter
Sankt Ferdinand.«
»Er wird Havarien erlitten oder Wasser übergenommen haben.«
»Er kommt auf,« rief der Franzose.
»Er ist ein kolumbischer Korsar,« sagte der Kapitän ihm ins Ohr. »Wir
sind noch sechs Meilen von der Küste entfernt, und der Wind flaut ab.«
»Er fährt nicht -- er fliegt -- als wenn er wüßte, daß ihm in zwei
Stunden seine Beute entschlüpft sein wird -- welche Tollkühnheit!«
»Der!« rief der Kapitän. »Ja, der heißt nicht umsonst der Othello. Er
hat letztens eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und führt doch
nur dreißig Kanonen. Ich habe die ganze Zeit über Angst vor ihm gehabt,
denn ich wußte wohl, daß er in den Antillen kreuzte. Ah! ah!« fuhr er
nach einer Pause fort, während deren er die Segel seines Schiffes
beobachtet hatte, »der Wind frischt auf, wir werden unser Ziel
erreichen. Das ist auch nötig, denn der Pariser würde kein Erbarmen
kennen.«
»Aber auch er erreicht sein Ziel,« antwortete der Marquis.
Der »Othello« war nur noch drei Meilen entfernt. Obwohl die Mannschaft
das Gespräch zwischen dem Marquis und Kapitän Gomez nicht mitangehört
hatte, war doch die Mehrzahl der Matrosen und der Passagiere durch das
Auftauchen dieses Segels nach der Stelle hingelockt worden, wo die
beiden sich unterhielten. Aber alle hielten diese Brigg für ein
Handelsschiff und betrachteten sie mit Interesse, als plötzlich ein
Matrose in energischem Ton rief:
»Beim heiligen Jakob, wir sind des Todes! Das ist der Pariser Kapitän!«
Bei diesem schrecklichen Namen griff das Entsetzen im Schiff um sich,
und eine Verwirrung entstand, die sich nicht beschreiben läßt. Der
spanische Kapitän hielt durch seine Befehle noch eine Zeitlang seine
Matrosen in Zucht und flößte ihnen Tatkraft ein. Er wollte um jeden
Preis das Land erreichen und versuchte in aller Eile sämtliche hohen und
niedrigen Leesegel auf Steuer- und auf Backbord zu hissen, um dem Winde
alle Leinwand zu bieten, die seine Rahen trugen.
Aber diese Manöver waren nur mit großer Schwierigkeit auszuführen; es
fehlte an der bewundernswerten Zusammenarbeit, die auf einem
Kriegsschiff so sehr besticht. Obwohl der »Othello« wie eine Schwalbe
segelte, dank der geschickten Stellung seiner Segel, so kam er doch
anscheinend so wenig auf, daß die unglücklichen Franzosen sich einer
holden Illusion hingaben. Als nach unerhörten Anstrengungen infolge
gewandter Manöver, die Gomez durch Winke und Befehle angeordnet hatte,
der »Sankt Ferdinand« von neuem schnell seinem Ziel näherkam, legte
plötzlich der Steuermann durch eine falsche Bewegung des Ruders, die er
wahrscheinlich mit Absicht machte, die Brigg quer. Nun von der Seite
gefaßt, killten die Segel so heftig, daß sie back braßten. Die
Klüverbäume brachen, und das Schiff kam völlig aus dem Kurs. Vor
unaussprechlicher Wut wurde der Kapitän weißer als seine Segel. Mit
einem Satz sprang er auf den Steuermann zu und stieß so wütend mit dem
Dolche nach ihm, daß er denselben wohl verfehlte, doch ihn dabei ins
Meer stürzte. Dann packte er selbst das Steuer und versuchte der
schrecklichen Zügellosigkeit Herr zu werden, in die sein braves, mutiges
Schiff versetzt worden war. Tränen der Verzweiflung traten ihm in die
Augen; denn wenn wir durch einen Verrat um einen Erfolg gebracht werden,
den unsere Fähigkeiten errungen haben würden, so schmerzt uns das tiefer
als selbst ein drohendes Ende. Aber je mehr der Kapitän fluchte, um so
weniger glückte ihm sein Vorhaben. Er schoß selbst die Alarmkanone ab,
in der Hoffnung, von der Küste aus gehört zu werden.
In diesem Augenblick antwortete der Korsar mit einem Kanonenschuß,
dessen Kugel zehn Klafter vom »Sankt Ferdinand« ins Wasser schlug.
»Donnerwetter!« rief der General. »Gut gezielt. Sie haben ausgezeichnete
Karonaden.«
»O, der!« antwortete ein Matrose. »Sehen Sie, wenn der spricht, heißt's
schweigen. Der Pariser würde sich vor einem englischen Kriegsschiff
nicht fürchten.«
»Es ist nichts zu machen,« rief der Kapitän im Tone der Verzweiflung. Er
hatte sein Fernrohr ans Auge gesetzt und keine Spur von Land
unterscheiden können. »Wir sind noch weiter von Frankreich entfernt, als
ich gedacht habe.«
»Warum wollen Sie verzagen?« versetzte der General. »Alle Ihre
Passagiere sind Franzosen, und denen gehört die Fracht Ihres Schiffes.
Dieser Korsar ist ein Pariser, sagen Sie? Nun wohl, hissen Sie den
weißen Wimpel, und ...«
»Und er wird uns in den Grund bohren,« antwortete der Kapitän. »Was wird
weiter geschehen, da ihm einmal darum zu tun ist, sich einer reichen
Beute zu bemächtigen?«
»Ah! wenn er ein Seeräuber ist -- --«
»Seeräuber?« rief einer der Matrosen in wildem Tone. »Ha, er tritt immer
manierlich auf, und es geht dabei alles ganz ordnungsgemäß her, wie es
sich gehört.«
»Nun gut,« rief der General, die Augen zum Himmel aufschlagend, »ergeben
wir uns.«
Er hatte noch Kraft genug, die Tränen zurückzuhalten.
Als er diese Worte beendet hatte, traf ein zweiter, besser gezielter
Kanonenschuß das Hinterteil des »Sankt Ferdinand« und schlug ein Leck.
»Beidrehen!« befahl der Kapitän in traurigem Tone.
Und der Matrose, der der Anständigkeit des Parisers das Wort geredet
hatte, betätigte sich in sehr geschickter Weise bei diesem verzweifelten
Manöver.
Die Mannschaft wartete in tiefster Bestürzung eine tödliche halbe Stunde
lang. Der »Sankt Ferdinand« führte vier Millionen Piaster, die das
Vermögen von fünf Passagieren bildeten. Davon betrug das des Generals
eine Million einhunderttausend Frank.
Der »Othello«, der noch um zehn Flintenschüsse entfernt war, zeigte
jetzt deutlich die drohenden Mündungen von zwölf schußbereiten Kanonen.
Er flog vor einem Winde hin, den der Teufel eigens für seine Segel
blasen zu lassen schien; aber das Auge eines geschickten Seemanns konnte
ohne Schwierigkeit das Geheimnis dieser Geschwindigkeit erkennen. Man
brauchte nur einen Augenblick den schlanken, langgestreckten Bau der
Brigg zu betrachten, ihre Schmalheit, die Höhe ihrer Masten, den Schnitt
ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelage und die
Flottheit, mit der alle ihre Leute, so einmütig, als wenn nur ein
einziger Mensch dort tätig wäre, die weiße Fläche richteten und
ordneten, die ihre Segel darboten.
Alles verriet eine unglaubliche Kraft und Sicherheit an diesem flinken
Geschöpf aus Holz, das ebenso rasch, ebenso klug war wie ein Rennpferd
oder ein Raubvogel. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich still und
war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme
Handelsschiff zu vernichten, das sich zu seinem Glück ganz ruhig
verhielt, wie ein Schüler, den sein Lehrer über einer Dummheit ertappt
hat.
»Wir haben Kanonen!« schrie der General und drückte dem spanischen
Kapitän die Hand.
Der letztere warf dem alten Soldaten einen Blick voll Wut und
Verzweiflung zu und sagte zu ihm:
»Und die Leute?«
Der Marquis betrachtete die Mannschaft des »Sankt Ferdinand«, und ihn
schauderte. Die vier Handelsleute waren blaß und zitterten vor Angst;
während die Matrosen sich um einen unter ihnen scharten und sich dem
Anschein nach verabredeten, auf die Seite des »Othello« zu treten, denn
sie sahen mit begehrlichen Blicken nach dem Korsaren hin. Der erste
Maat, der Kapitän und der Marquis allein tauschten Blicke aus, die eine
einmütige und tapfere Gesinnung verrieten.
»Ah, Kapitän Gomez, einstmals habe ich mit vor Kummer erstorbenem Herzen
meinem Vaterland und meiner Familie Lebewohl gesagt. Soll ich sie auch
nun nicht wiedersehen, wo ich eben meinen Kindern die Freude und das
Glück bringen will?«
Der General drehte sich um und ließ eine Träne der Wut ins Meer fallen.
Dabei erblickte er den Steuermann, der auf den Korsaren zuschwamm.
»Diesmal,« antwortete der Kapitän, »werden Sie ihm ohne Zweifel für alle
Zeit Lebewohl sagen müssen.«
Der Franzose erschrak über den stumpfsinnigen Blick, den der Spanier ihm
zuwarf. In diesem Augenblick waren die beiden Schiffe fast an Bord; und
beim Anblick der feindlichen Mannschaft glaubte der General an die
unselige Prophezeiung seines Kapitäns. Drei Mann standen an jedem
Geschütz. Wenn man ihre athletische Haltung, ihre eckigen Züge, ihre
nackten, sehnigen Arme sah, hätte man sie für Statuen von Bronze halten
können. Sie wären im Tode noch auf ihrem Posten geblieben, ohne
umzufallen. Die Matrosen, gut bewaffnet, standen unbeweglich da, aber
man sah ihnen an, wie flink und gewandt sie sein konnten, sobald ein
Befehl sie aus ihrer Starrheit erweckte. Alle diese energischen
Gesichter waren stark von der Sonne verbrannt und von der Arbeit
gehärtet. Ihre Augen leuchteten wie Feuerfunken und verrieten Tatkraft,
Intelligenz und höllische Freude.
Die tiefe Stille, die auf diesem von Menschen und Hüten schwarzen
Verdeck herrschte, zeugte für die unversöhnliche Disziplin, unter die
ein gewaltiger Wille diese menschlichen Teufel gezwungen hatte. Der
Anführer stand vor dem Hauptmast, ohne Waffen und mit gekreuzten Armen.
Nur ein Beil lag ihm zu Füßen. Auf dem Kopfe trug er zum Schutze gegen
die Sonne einen Filzhut mit breiter Krempe, dessen Schatten sein Gesicht
verbarg. Gleich Hunden, die vor ihrem Herrn liegen, sahen Kanoniere,
Soldaten und Matrosen abwechselnd auf den Kapitän und das Handelsschiff.
Als die beiden Briggs zusammenstießen, erweckte die Erschütterung den
Korsaren aus seiner Träumerei, und er sagte einem jungen Offizier, der
zwei Schritt vor ihm stand, ein Wort ins Ohr.
»An die Enterhaken!« rief der Leutnant.
Und der »Sankt Ferdinand« wurde von dem »Othello« mit bewundernswerter
Geschwindigkeit geentert. Gemäß den Befehlen, die der Korsar mit leiser
Stimme erteilte und der Leutnant wiederholte, gingen die Leute, wie
Seminaristen, wenn sie zur Messe gehen, an Bord der Prise, fesselten die
Matrosen und Passagiere und bemächtigten sich der Schätze. In einem
Augenblick waren die Tonnen voll Piastern, die Lebensmittel und die
Mannschaft vom »Sankt Ferdinand« auf das Verdeck des »Othello« gebracht
worden.
Der General glaubte im Banne eines Traumes zu stehn, als ihm die Hände
gefesselt und er auf einen Ballen geworfen wurde, ganz als ob er selber
nur ein Stück Ware sei. Eine Beratung fand zwischen dem Korsaren, dem
Leutnant und einem Matrosen statt, der den Posten eines ersten Maats zu
haben schien. Als die Unterredung, die nur kurze Zeit währte, zu Ende
war, rief der Matrose durch einen Pfiff seine Leute herbei. Er erteilte
ihnen einen Befehl, und sie sprangen alle auf den »Sankt Ferdinand«,
kletterten am Tauwerk in die Höhe und begannen, das Schiff seiner Rahen,
Segel und Takelage zu berauben, mit der gleichen Geschwindigkeit, mit
der ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden entkleidet,
dessen Schuhe und Mantel ihm begehrenswert erschienen sind.
»Wir sind verloren,« sagte zum Marquis der spanische Kapitän, der mit
den Blicken die Gebärden der drei Anführer während ihrer Beratung und
die Bewegungen der Matrosen verfolgt hatte, die die regelrechte
Plünderung seiner Brigg vornahmen.
»Wieso?« fragte der General gelassen.
»Was denken Sie, was sie mit uns machen werden?« versetzte der Spanier.
»Sie haben ohne Zweifel erkannt, daß sie den »Sankt Ferdinand« nicht gut
in den Häfen von Frankreich und Spanien verkaufen können, und so wollen
sie ihn nun versenken, um ihn los zu werden. Und was uns betrifft,
glauben Sie, sie werden sich damit befassen, uns durchzufüttern, da sie
nicht wissen, an welchem Hafen sie uns absetzen könnten?«
Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als der General ein
entsetzliches Geschrei und den dumpfen Fall mehrerer Körper hörte, die
man ins Meer warf. Er wandte sich um und sah die vier Handelsleute nicht
mehr. Acht Kanoniere mit wilden Gesichtern standen noch mit in die Luft
gereckten Armen da, als der Soldat mit Entsetzen zu ihnen hinsah.
»Habe ich's Ihnen nicht gesagt?« meinte der spanische Kapitän trocken.
Der Marquis erhob sich rasch. Das Meer war schon wieder ruhig geworden.
Er sah nicht einmal mehr die Stelle, wo seine unglücklichen Gefährten
verschwunden waren. Mit zusammengebundenen Händen und Füßen lagen sie
wohl schon am Grunde der See, wenn nicht Haifische sie zerrissen hatten.
Ein paar Schritte von ihm schlossen der treulose Steuermann und der
Matrose des »Sankt Ferdinand«, der vorhin die Macht des Pariser Kapitäns
gerühmt hatte, Brüderschaft mit den Piraten und bezeichneten mit dem
Finger diejenigen von den Seeleuten der Brigg, die nach ihrer Meinung
würdig waren, in die Mannschaft des »Othello« eingereiht zu werden. Den
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