Die fast stumpfsinnige Haltung dieses schon grüblerischen Kindes, seine spärlichen Bewegungen, alles interessierte mich. Ich beobachtete die Kleine neugierig. Aus einer bei Menschenkindern natürlichen Laune verglich ich sie mit ihrem Bruder und suchte die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen beiden zu erspähen. Die Schwester hatte braunes Haar, schwarze Augen und eine früh entwickelte Kraft -- das alles bildete einen starken Gegensatz zu dem blonden Haar, den meergrünen Augen und der graziösen Schwäche des Knaben. Das ältere Kind mochte etwa sieben oder acht Jahre alt sein, das jüngere kaum vier. Sie waren in der gleichen Weise gekleidet. Als ich sie jedoch aufmerksam betrachtete, bemerkte ich an den weißen Kragen ihrer Hemdchen einen ganz unbedeutenden Unterschied, der mich aber später einen ganzen Roman in der Vergangenheit und ein ganzes Drama in der Zukunft übersehen ließ. Und es war doch nur eine Kleinigkeit. Ein einfacher Saum umgab den Kragen des kleinen braunen Mädchens, während hübsche Stickereien den des Knaben schmückten und ein Herzensgeheimnis verrieten, eine stillschweigende Bevorzugung, die die Kinder aber doch in der Seele ihrer Mutter erkennen, gleich als sei der Geist Gottes in ihnen. Sorglos und lustig, glich der Blonde einem kleinen Mädchen, so zart war seine weiße Haut, so anmutig seine Bewegungen, so süß sein Gesicht; während die ältere trotz ihrer Kraft, trotz der Schönheit ihrer Züge und ihres blendenden Teints einem kleinen kränklichen Jungen glich. Ihre lebhaften Augen hatten nicht jenen feuchten Schleier, der Kinderaugen soviel Reiz verleiht; sie schienen von einem innern Feuer ausgetrocknet zu sein, wie etwa bei Leuten, die in der Atmosphäre eines königlichen Hofes leben müssen. Das Weiße ihrer Augen hatte auch einen gewissen Stich ins Fahle, Gelbliche -- ein Zeichen für einen ungestümen Charakter. Zweimal hatte ihr kleiner Bruder ihr mit einer rührenden Anmut, mit fröhlichem Blick und einer ausdrucksvollen Miene, die unsern Kindermaler Charlet entzückt haben würde, das kleine Jagdhorn hingereicht, auf dem er von Zeit zu Zeit blies. Aber jedesmal hatte das Mädchen auf seine in liebkosendem Tone gestellte Frage: »Willst du's haben, Helene?« nur mit einem barschen Blick geantwortet. Sie trug eine unbekümmerte Miene zur Schau und war dennoch finster, ja schrecklich; denn sie zitterte und wurde rot, wenn ihr Bruder sich ihr näherte. Aber der Kleine schien die düstere Stimmung seiner Schwester nicht zu bemerken, und sein Wesen, halb Sorglosigkeit, halb Interesse, vollendete den Gegensatz zwischen ihm und der Schwester: hier der wahre Charakter der Kindheit, dort die Sorge und das Wissen des Erwachsenen, scharf ausgeprägt auf einem schon verdüsterten Mädchengesicht. »Mama, Helene will nicht spielen,« rief der Kleine und benutzte, um eine Beschwerde vorzubringen, einen Augenblick, wo seine Mutter und der junge Mann schweigend auf der Gobelinsbrücke stehengeblieben waren. »Laß sie, Karl. Du weißt, sie murrt immer.« Diese Worte, die die Mutter leicht hinwarf, während sie sich gleich darauf mit dem jungen Manne wieder umdrehte, entlockten Helene Tränen. Sie verschluckte sie stumm, warf ihrem Bruder einen jener tiefen Blicke zu, die mir unerklärlich schienen, und betrachtete mit einer Miene, die fast einen unheilvollen Scharfsinn verriet, erst den schroffen Abhang, auf dessen Spitze der Kleine stand, dann den Bièvrefluß, die Brücke und mich. Ich fürchtete, von dem glücklichen Paar gesehen zu werden, dessen Unterhaltung ich dann ohne Zweifel gestört haben würde; ich zog mich leise zurück und suchte Zuflucht hinter einer Hollunderhecke, deren Laubwerk mich völlig allen Blicken verbarg. Ich setzte mich ruhig auf den Rand des Abhangs und betrachtete schweigend bald die wechselnden Schönheiten der Gegend, bald das wilde Mädchen, das ich durch die Lücken des Hollunders noch genau sehen konnte, denn ich hatte den Kopf an den Fuß der Hecke gelehnt, wo er sich fast in gleicher Höhe mit dem Boulevard befand. Als Helene mich nicht mehr sah, schien sie unruhig; ihre schwarzen Augen suchten mich in der Ferne der Allee, hinter den Bäumen, kurz, sie sah sich mit unerklärlicher Neugierde nach mir um. Was hatte sie an mir? In diesem Augenblick erschallte in der Stille das naive Lachen Karls wie der Gesang eines Vogels. Der junge Mann, ebenso blond, ließ ihn in seinen Armen tanzen und küßte ihn, wobei er ihn mit einer Fülle von zusammenhanglosen Koseworten überschüttete, wie wir sie eben an Kinder richten, ohne uns an den eigentlichen Sinn der Worte zu kehren. Die Mutter sah lächelnd diesem Spiele zu und sprach von Zeit zu Zeit mit leiser Stimme wohl ein paar von Herzen kommende Worte; denn ihr Gefährte hielt dann ganz glücklich inne und sah sie mit seinen blauen Augen voll Feuer, voll Anbetung an. Ihre Stimmen, wie sie sich so mit der des Kindes vermischten, hatten etwas überaus Zärtliches, Inniges an sich. Sie bildeten alle drei ein entzückendes Bild, und dieses zärtliche Bild verlieh der großartigen Landschaft, in die es hineingestellt war, eine unsagbare Anmut und Weichheit. Eine schöne, weiße, lachende Frau, ein Kind der Liebe, ein in Jugend strahlender Mann, ein reiner Himmel und alle Harmonie der Natur -- das alles schmolz zu einem Einklang zusammen, der der Seele unendlich wohltat. Ich ertappte mich über einem Lächeln, als wenn das Glück mein eigenes gewesen wäre. Der schöne junge Mann hörte es neun schlagen. Nachdem er seine fast ernst und traurig gewordene Gefährtin geküßt hatte, kehrte er zu seinem zweiräderigen Wagen zurück, den ein alter Diener langsam heranführte. Der junge Mann küßte ein letztes Mal noch das Kind, das dazwischen lustig schwatzte. Als der Herr hinwegfuhr und die junge Frau dem rollenden Wagen nachsah, der in der grünen Allee des Boulevards eine Staubwolke hinter sich zurückließ, lief Karl zu seiner Schwester, die an der Brücke stand, und ich hörte ihn mit silberner Stimme zu ihr sagen: »Warum hast du nicht auch meinem guten Freund Adieu gesagt?« Als Helene ihren Bruder an dem Rande des Abhanges sah, warf sie ihm den entsetzlichsten Blick zu, der je die Augen eines Kindes entflammt hat, und gab ihm einen heftigen Stoß. Der Knabe glitt an dem steilen Hang aus und stolperte über Wurzeln, so daß er gegen die scharfen Steine der Mauer fiel. Er zerschlug sich die Stirn an ihnen, und gleich darauf stürzte er blutend in das schlammige Wasser des Flusses, das in tausend braunen Kreisen vor seinem hübschen blonden Kopf zur Seite wich. Ich hörte den schrillen Schrei des armen Kleinen; aber bald war nichts mehr zu hören -- er verschwand im Schlamme mit einem gurgelnden Laut, wie ein Stein, wenn er versinkt. Der Sturz hatte sich mit Blitzesschnelle vollzogen. Ich erhob mich rasch und stieg auf einem Pfade hinab. Helene war außer Fassung und schrie herzzerreißend: »Mama! Mama!« Die Mutter war neben mir. Sie war wie ein Vogel geflogen. Aber weder die Augen der Mutter, noch die meinen konnten die Stelle entdecken, wo das Kind versunken war. Eine große Fläche des schwarzen Wassers war in brodelnde Bewegung geraten. Das Bett der Bièvre hat an dieser Stelle zehn Fuß tiefen Schlamm. Das Kind mußte darin sterben, es war unmöglich, es zu retten. Zu dieser Stunde -- es war ein Sonntag -- feierte alles, und man sah weder Kähne noch Fischer. Ich sah nicht einmal eine Stange, um den modrigen Fluß zu untersuchen, und kein Mensch war weit und breit zu sehen. Warum hätte ich nun von diesem unheilvollen Vorgange sprechen oder das Geheimnis dieses Unglücks verraten sollen? Helene hatte vielleicht ihren Vater gerächt. Ihre Eifersucht war ohne Zweifel das Schwert Gottes. Dennoch erfaßte mich ein Schauder, als ich die Mutter ansah. Welchem entsetzlichen Verhör würde nicht ihr Mann, ihr ewiger Richter, sie unterwerfen? Und sie hatte immer einen unbestechlichen Zeugen bei sich. Kinder haben eine durchsichtige Stirn und Haut, und die Lüge ist bei ihnen wie ein Licht, das selbst den Blick erröten läßt. Die unglückselige Frau dachte noch nicht an die Strafe, die zu Hause ihrer harrte. Sie starrte in die Bièvre. Ein solches Ereignis mußte das Leben jeder Frau furchtbar erschüttern, und es war das einer der schrecklichsten Schläge, die von Zeit zu Zeit über Juliens Liebe hereinbrachen. * * * * * Zwei oder drei Jahre später befand sich ein Notar bei dem Marquis de Vandenesse, der jetzt um seinen Vater trauerte und den Nachlaß zu ordnen hatte. Es war am Abend nach dem Diner. Dieser Notar war keiner von der Art, wie der Romanschriftsteller Sterne sie schildert. Es war kein kleiner englischer Notar, sondern ein großer, dicker Notar aus Paris, einer jener schätzbaren Männer, die ihre Albernheiten in das Gewand der Würde kleiden, ungekannte Wunden plump mit Füßen treten und obendrein noch fragen, warum man sich beklage. Wenn sie zufällig einmal das Wie und Weshalb ihrer schrecklichen Blödheit merken, dann sagen sie einfach: »Meiner Treu, davon habe ich nichts gewußt.« Kurz, es war ein Notar, dessen Albernheit sich sehen lassen konnte und für den die Akten der Inbegriff der Welt waren. Der Diplomat hatte Frau d'Aiglemont bei sich. Der General hatte sich noch vor dem Ende des Essens höflichst verabschiedet, um mit seinen beiden Kindern ins Ambigu-Comique oder ins Gaietétheater zu gehen. Obwohl die Melodramen das Gemüt übermäßig aufregen, ist man in Paris der Meinung, daß Kinder sie ohne Gefahr sehen können, weil darin immer die Unschuld siegt. Der Vater war gegangen, ohne auf den Nachtisch zu warten, denn seine Tochter und sein Sohn konnten es nicht erwarten, ins Theater zu kommen, und wollten auf jeden Fall vorm Aufgehen des Vorhangs dort sein. Der Notar, der unerschütterliche Notar, dachte nicht daran, sich zu fragen, warum Frau d'Aiglemont wohl ihre Kinder und ihren Mann ins Theater schicke, ohne mitzugehen, und blieb nach dem Essen wie angewurzelt auf seinem Stuhle sitzen. Eine Erörterung hatte den Nachtisch ein wenig in die Länge gezogen, und die Leute ließen sich auch mit dem Auftragen des Kaffees Zeit. Diese Zufälle verschlangen eine zweifellos kostbare Zeit, denn die hübsche Frau verriet Zeichen der Ungeduld; man hätte sie mit einem Rennpferd vergleichen können, das vor dem Laufe den Boden stampft. Der Notar kannte aber weder Pferde noch Frauen und fand einfach die Marquise sehr lebhaft, ja etwas quecksilberig. Entzückt, sich in der Gesellschaft einer Modedame und eines berühmten Staatsmannes zu befinden, begann dieser Notar den Geistreichen zu spielen. Er faßte das gezwungene Lächeln der Marquise, die auf Kohlen saß, für Beifall auf und legte sich nun erst recht ins Zeug. Der Herr des Hauses hatte im Einverständnis mit seiner Gefährtin schon mehrmals Schweigen beobachtet, wo der Notar eine lobende Antwort erwartete; aber während dieses vielsagenden Schweigens sah der Teufelskerl ins Feuer und sann auf neue Anekdoten. Dann hatte der Diplomat in seiner Verzweiflung sogar die Uhr gezogen. Endlich hatte die hübsche Frau den Hut aufgesetzt, als wenn sie gehen wollte, aber sie ging nicht. Der Notar sah nichts, verstand nichts; er war von sich selbst entzückt und überzeugt, er interessiere die Marquise so sehr, daß sie das Gehen vergessen hätte. »Sicher wird diese Frau mich in Zukunft zu ihrem Rechtsanwalt machen,« sagte er zu sich selbst. Die Marquise war aufgestanden, zog die Handschuhe an, bewegte nervös die Finger und sah bald den Marquis de Vandenesse an, der ihre Ungeduld teilte, bald den Notar, der überaus geistreich dreinsah. Bei jeder Pause, die der würdige Mann machte, atmete das hübsche Paar auf und sagte sich: »Endlich wird er gehen.« Doch mit nichten. Es war ein moralisches Alpdrücken und mußte schließlich dahin führen, daß die beiden Personen, auf die der Notar ebenso wirkte, wie eine Schlange auf Vögel, außer sich gerieten und zu irgendeiner Grobheit gezwungen wurden. Mitten in einem schönen Bericht über die unwürdigen Mittel, durch die Tillet, ein damals sehr beliebter Geschäftsmann, sein Vermögen gemacht hätte und die der geistreiche Notar bis ins kleinste auseinandersetzte -- hörte der Diplomat es an seiner Stutzuhr neun schlagen; er sah ein, sein Notar war ganz entschieden ein Esel, dem man den Laufpaß geben müsse, und er unterbrach ihn nun kurzweg durch eine Handbewegung. »Wünschen Sie die Feuerzange, Herr Marquis?« fragte der Notar, sie seinem Klienten hinreichend. »Nein, Herr, ich muß Sie jetzt wegschicken. Die gnädige Frau wird ihren Kindern entgegengehen, und ich werde die Ehre haben, sie zu begleiten.« »Schon neun Uhr! In liebenswürdiger Gesellschaft vergeht die Zeit doch zu schnell,« sagte der Notar, der schon eine ganze Stunde lang allein das Wort führte. Er suchte seinen Hut, pflanzte sich dann vor dem Kamin auf, unterdrückte mit Mühe einen Schluckauf und sagte zu seinem Klienten, ohne die vernichtenden Blicke zu bemerken, die die Marquise ihm zuwarf. »Lassen Sie uns zusammenfassen, Herr Marquis. Die Geschäfte gehen allem vor. Morgen werden wir also Ihrem Bruder eine Vorladung zustellen lassen, um ihn zur Erfüllung seiner Verbindlichkeiten aufzufordern. Wir werden das Inventar aufnehmen, und nachher -- nun ja --« Der Notar hatte die Absichten seines Klienten so schlecht verstanden, daß er die Angelegenheit gerade im umgekehrten Sinne der Weisungen, die der Marquis ihm eben erteilt hatte, in die Hand nahm. Das war denn doch eine heikle Sache, und Vandenesse mußte wohl oder übel dem tölpelhaften Notar von neuem seine Wünsche klarmachen. Daran knüpfte sich notwendigerweise eine abermals zeitraubende Erörterung. »Nun hören Sie,« sagte schließlich der Diplomat auf ein Zeichen hin, das die junge Frau ihm gegeben hatte, »Sie machen mich nervös. Kommen Sie morgen um neun Uhr wieder mit meinem Advokaten.« »Aber ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, Herr Marquis, wir können morgen nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen, Herrn Desroches zu treffen. Wenn die gerichtliche Zustellung nicht bis morgen mittag erlassen ist, läuft die Frist ab, und dann ...« In diesem Augenblick fuhr ein Wagen auf den Hof, und als die arme Frau dieses Geräusch hörte, drehte sie sich rasch um, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen schossen. Der Marquis klingelte, um sagen zu lassen, er sei weggegangen; aber der General, der unvermutet aus dem Gaietétheater zurückkam, trat vor dem Kammerdiener ein. Er hielt an der einen Hand seine Tochter, deren Augen rot waren, und an der andern seinen kleinen Jungen, der ein mürrisches Gesicht zog. »Was ist euch denn passiert?« fragte die Frau ihren Mann. »Ich werde es Ihnen später sagen,« antwortete der General und schritt in ein anstoßendes Zimmer, dessen Tür offen stand, und wo er Zeitungen liegen sah. Die Marquise warf sich verzweifelt auf ein Kanapee. Der Notar glaubte gegen die Kinder den freundlichen Herrn spielen zu müssen und schlug einen gezierten Ton an, indem er den Kleinen fragte: »Nun, mein Kleiner, was wurde denn im Theater gespielt?« »Das Tal des Gießbachs,« antwortete Gustav mürrisch. »Nun, ich bitte Sie,« rief der Notar, »unsere Schriftsteller sind halb verrückt! Das Tal des Gießbachs! Warum nicht der Gießbach des Tals? Es ist möglich, daß ein Tal keinen Gießbach hat, und wenn der Verfasser gesagt hätte: Der Gießbach des Tals, so hätte er eine klare, charakteristische, verständliche Form gewählt. Doch lassen wir das. Wie kann sich denn aber in einem Gießbach und in einem Tal ein Drama abspielen? Nun, allerdings! heutzutage liegt das hauptsächliche Lockmittel dieser Art von Schauspielen in den Dekorationen, und dieser Titel deutet eine imposante Ausstattung an. Du hast dich da wohl trefflich amüsiert, mein kleiner Freund?« setzte der Notar hinzu, indem er sich vor das Kind setzte. Als der Notar gefragt hatte, was für ein Drama sich wohl auf dem Grunde eines Gießbachs abspielen könne, drehte die Tochter der Marquise sich langsam um und weinte. Die Mutter war so ärgerlich gestimmt, daß sie die Bewegung ihrer Tochter nicht bemerkte. »O ja, Herr, ich habe mich gut amüsiert,« antwortete das Kind. »In dem Stück kam ein kleiner Junge vor, der war sehr hübsch und war ganz allein auf der Welt, weil sein Papa nicht sein Vater sein durfte. Und da kam er an eine große Brücke, die hoch über den Gießbach hinführt, und da kam ein großer Vagabund mit einem Bart und ganz schwarz angezogen, und der hat ihn ins Wasser geworfen. Da hat Helene angefangen zu weinen und laut zu schluchzen, und alle Leute haben sich über uns aufgehalten, und da hat der Vater uns ganz schnell, ganz schnell hinausgeführt.« Herr de Vandenesse und die Marquise standen bestürzt da, wie unter dem jähen Schlag eines Unglücks, das ihnen die Kraft, zu denken und zu handeln, raubte. »Gustav, wirst du den Mund halten!« rief der General. »Ich habe dir doch verboten zu erzählen, was im Theater geschehen ist, und du vergißt schon mein Geheiß?« »Euer Gnaden mögen verzeihen,« sagte der Notar, »die Schuld trifft mich, denn ich habe ihn gefragt -- aber ich wußte ja nicht, wie ernst ...« »So durfte er nicht antworten,« sagte der Vater und sah seinen Sohn streng an. Der Diplomat und die Marquise hatten nun aber doch die Ursache erfahren, weshalb die Kinder und der Vater so plötzlich zurückgekehrt waren. Die Mutter sah ihre Tochter an, sah sie weinen und erhob sich, um zu ihr zu gehen; aber ihr Gesicht verzog sich dabei heftig und nahm den Ausdruck einer maßlosen Strenge an. »Genug, Helene,« sagte sie zu ihr, »trockne im Nebenzimmer deine Tränen.« »Was hat sie denn getan, diese arme Kleine?« sagte der Notar, der zugleich die zornige Mutter und die weinende Kleine beschwichtigen wollte. »Sie ist so hübsch -- sie muß das gescheiteste Kind von der Welt sein. Ich bin überzeugt, gnädige Frau, sie macht Ihnen nur Freude. Nicht wahr, meine Kleine?« Helene sah zitternd ihre Mutter an, wischte die Tränen ab, versuchte, ein ruhiges Gesicht zu zeigen, und flüchtete ins Nebenzimmer. »Und gewiß,« schwatzte der Notar noch immer weiter, »gnädige Frau sind eine gute Mutter und werden alle Ihre Kinder in gleichem Maße lieben. Sie sind übrigens zu tugendhaft zu jener traurigen Bevorzugung, deren unheilvolle Folgen ganz besonders deutlich wir Notare zu sehen bekommen. Uns läuft die Gesellschaft sozusagen durch die Finger. Wir sehen daher auch die Leidenschaften in ihrer häßlichsten Gestalt: der Selbstsucht. Hier will eine Mutter die Kinder ihres Mannes um ihr Erbe bringen zugunsten der Kinder, denen sie den Vorzug gibt. Auf der andern Seite will der Mann manchmal sein Vermögen ganz dem Kinde zukommen lassen, das den Haß der Mutter verdient hat. Und da gibt es dann Kämpfe, Urkunden, Gegenverschreibungen, Scheinverkäufe, Fideikommisse -- kurz, ein bedauernswertes Tohuwabohu -- auf Ehre, bedauernswert! Hier bringen Väter ihr Leben lang Kinder um ihr Erbe, indem sie das Gut ihrer Frauen stehlen -- ja, stehlen ist das richtige Wort. Wir sprachen vom Drama. Ach, ich versichere Ihnen, wenn wir das Geheimnis gewisser Schenkungen ausplaudern könnten, würden unsere Dichter entsetzliche bürgerliche Tragödien daraus machen können. Ich weiß nicht, was für eine Macht die Frauen gebrauchen, um das zu erreichen, was sie wollen. Denn, so zart und schwach sie aussehen, sie behalten immer die Oberhand. Ach ja, ja! Mich fangen sie nie, mich nicht! Ich erkenne immer den Grund solcher Bevorzugung, von denen man in der Welt höflicherweise immer sagt: »Wir wissen selbst nicht recht, weshalb.« Aber die Ehemänner kommen nie dahinter, diese Gerechtigkeit muß man ihnen angedeihen lassen. Sie werden mir darauf antworten, es gäbe eben liebevolle Kinder und --« Helene war mit ihrem Vater aus dem Nebenzimmer in den Salon zurückgekehrt und hörte aufmerksam dem Notar zu. Sie verstand ihn so gut, daß sie auf ihre Mutter einen furchtsamen Blick warf und mit dem ganzen Instinkt der Jugend ahnte, dieser Umstand werde die strenge Behandlung verdoppeln, die ihr bevorstand. Die Marquise erbleichte und machte Vandenesse durch eine Gebärde des Entsetzens auf ihren Gatten aufmerksam, der nachdenklich die Blumen der Tapete betrachtete. In diesem Moment konnte der Diplomat sich trotz aller Lebensart nicht mehr bezwingen und schleuderte dem Notar einen niederschmetternden Blick zu. »Kommen Sie hier hindurch, Herr,« sagte er zu ihm und schritt rasch auf das Gemach zu, das vor dem Salon lag. Der Notar folgte ihm zitternd, ohne seinen Satz zu vollenden. »Herr,« sagte nun der Marquis de Vandenesse, der die Tür des Salons heftig zuwarf, wo er das Ehepaar zurückließ, mit verhaltener Wut zu dem Juristen, »seit dem Diner haben Sie hier eine Dummheit nach der andern begangen und lauter Albernheiten gesagt. Um Gotteswillen, machen Sie, daß Sie hinauskommen! Sie richten sonst noch das größte Unglück an. Sie mögen ein ausgezeichneter Notar sein, aber dann bleiben Sie bei Ihren Leisten. Wenn Sie sich mal zufällig in Gesellschaft befinden, dann befleißigen Sie sich eines vorsichtigeren Benehmens ...« Dann ließ er den Notar ohne Abschiedsgruß stehen und kehrte in den Salon zurück. Der Notar stand einen Augenblick da, wie vor den Kopf geschlagen, fassungslos, ohne zu wissen, wo er sich befände. Als das Summen aufhörte, das ihm in den Ohren klang, glaubte er Seufzen und Hin- und Herlaufen im Salon zu hören, und darauf wurde heftig geklingelt. Er hatte Angst, dem Marquis de Vandenesse noch einmal zu begegnen, und da ihm die Beine nicht länger den Dienst versagten, erreichte er die Treppe und gab Fersengeld. Aber an der Tür der Gemächer stieß er erst noch einmal mit den Dienern zusammen, die hineineilten, um die Befehle ihres Herrn zu vernehmen. »So sind diese großen Herren,« sagte er zu sich selbst, als er endlich auf der Straße stand und seine Droschke suchte, »erst fordern sie einen auf, was zu sagen, ermuntern einen durch allerlei Komplimente, und man bildet sich ein, ihnen Spaß zu machen -- hat sich was! Impertinenzen kriegt man zu hören, es wird abgewinkt, und schließlich wird man gar an die Luft gesetzt -- ganz ohne Umstände. Dabei bin ich überaus geistreich gewesen. Ich habe nicht einmal was Unsinniges gesagt -- und alles in hübsche Worte gekleidet -- und alles anständig. Sieh an, er empfiehlt mir, mehr Vorsicht zu beobachten -- daran lasse ich's nicht fehlen. Ach, pfeif' drauf! Du bist Notar und Mitglied der Kammer. Der Herr Gesandte hat mal so einen Rappel bekommen -- diesen Leuten ist ja nichts heilig. Morgen soll er mir die Erklärung geben, inwiefern ich bei ihm nichts wie Dummheiten angestellt und nichts wie Albernheiten gesagt hätte. Ich werde Rechenschaft von ihm fordern -- das heißt, dafür -- für seine grobe Zurechtweisung. Mein Gott ja -- vielleicht habe ich auch unrecht -- ei was, fällt mir nicht ein, mir den Kopf darüber zu zerbrechen! Was mache ich mir daraus?« Der Notar kam zu Hause an und unterbreitete das Rätsel der Frau Notarin, indem er Punkt für Punkt die Geheimnisse des Abends erzählte. »Mein lieber Crottat, Seine Exzellenz hat vollauf recht gehabt, als er dir sagte, du hättest lauter Dummheiten angestellt und nichts wie Dummheiten gesagt.« »Wieso?« »Mein Lieber, das würde ich dir sagen -- aber du machst es deswegen ja doch morgen wieder genau so schlau. Ich empfehle dir, in Gesellschaften immer nur das zu sagen, was deines Amtes ist.« »Wenn du es mir nicht sagen willst, dann werde ich morgen schon wissen, wen ich zu fragen habe.« »Mein Gott, die dümmsten Menschen geben sich Mühe, so etwas niemand merken zu lassen, und du glaubst, ein Gesandter wird es dir sagen? Aber, Crottat, ich habe dich noch niemals so schwerfällig gesehen.« »Danke, meine Liebe.« 5. Kapitel. Die beiden Begegnungen. Ein ehemaliger Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den General oder den Marquis nennen werden, und der unter der Restauration zu großem Vermögen gekommen war, war nach Versailles gezogen, um dort die schönen Tage zu verleben. Er bewohnte ein Landhaus, das zwischen der Kirche und der Barrière de Montreuil lag, an dem Wege, der nach der Allee von Saint-Cloud führt. Sein Dienst bei Hofe gestattete ihm nicht, sich von Paris zu entfernen. Einst zu dem Zwecke erbaut, den flatterhaften Liebschaften irgendeines Grandseigneur zum Asyl zu dienen, war dieser Pavillon ein sehr weitläufiges Gebäude. Da er mitten im Garten errichtet worden war, lag er nach rechts und nach links gleich weit ab von den ersten Häusern von Montreuil und den Hütten der Umgebung der Barrière. Ohne völlig abgesondert zu sein, hatten auf diese Weise die Herren des Besitzes in unmittelbarer Nähe einer Stadt alle Vorzüge der Einsamkeit genossen. Eigentümlicherweise lagen die Fassade und die Eingangstür des Hauses unmittelbar nach dem Wege zu, der ehemals vielleicht wenig begangen gewesen war. Diese Vermutung erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß er an den köstlichen Pavillon grenzte, den Ludwig XV. für Fräulein de Romans erbauen ließ. Ehe man dorthin kommt, trifft man denn auch hie und da mehrere Kasinos, deren Inneres und Ausschmückung auf die geistvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren hindeuten, die doch immerhin den Schatten und die Verborgenheit aufsuchten, um sich der Zügellosigkeit hinzugeben, deren man sie beschuldigt. An einem Winterabend befanden sich der Marquis, seine Frau und seine Kinder allein in diesem verlassenen Hause. Ihre Leute hatten die Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines unter ihnen zu feiern; und in der Annahme, die Weihnachtsfeier, die sich an die Hochzeit anschloß, wäre eine triftige Entschuldigung, die die Herrschaft wohl gelten lassen würde, trugen sie kein Bedenken, die Festlichkeit länger auszudehnen, als die Hausordnung ihnen eigentlich erlaubte. Da jedoch der General als ein Mann bekannt war, der bisher noch immer mit unbeugsamer Rechtschaffenheit sein Wort gehalten hatte, so tanzten die ungehorsamen Diener nur noch mit Beklommenheit, als die ihnen zugebilligte Frist abgelaufen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch war niemand von den Leuten zurückgekehrt. Das Schweigen, das rings auf dem Lande herrschte, war so tief, daß man von Zeit zu Zeit den Wind durch die schwarzen Zweige der Bäume pfeifen hörte -- dann wieder heulte er ums Haus oder verfing sich in den langen Korridoren. Der Frost hatte die Luft so rein gemacht, den Boden und das Pflaster so gehärtet, daß von allem jene trockenen, hellen Töne hallten, deren Klarheit uns stets verwundert. Der dumpfe Schritt eines verspäteten Zechers oder der Lärm einer nach Paris zurückkehrenden Droschke hallten lauter und blieben auf größere Entfernung hörbar als sonst. Die toten Blätter, die plötzliche Wirbelwinde zum Tanze trieben, raschelten über die Steine des Hofes hin, so daß sie der Nacht eine Stimme verliehen, als sie stumm werden wollte. Kurz, es war einer jener scharfen Abende, die unserer Ichsucht ein unfruchtbares Mitleid mit den Armen oder dem Reisenden abnötigen und uns den Kamin zu dem wollüstigsten Eckchen machen. In diesem Augenblick bekümmerte sich die im Salon beisammensitzende Familie weder um die Abwesenheit der Diener, noch um die Leute ohne Herd, noch um die Poesie einer funkelnden Winternacht. Ohne zwecklos zu philosophieren, vertrauten Frau und Kinder dem Schutze eines alten Soldaten und gaben sich ganz den Freuden hin, die das häusliche Leben mit sich bringt, wenn man sich in seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun braucht, wenn Liebe und Offenherzigkeit Worte, Blicke und Spiele beleben. Der General saß, oder besser gesagt, versank in einem hohen, geräumigen Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand. Im Ofen leuchtete ein wohlgenährtes Feuer und strömte die starke Wärme aus, die stets ein sicheres Zeichen ist, daß draußen außerordentliche Kälte herrscht. An die Rückenlehne des Stuhls gelegt und ein wenig zur Seite geneigt, ruhte der Kopf dieses braven Vaters in einer Haltung, deren Nachlässigkeit eine vollkommene Ruhe, ein süßes Behagen ausdrückte. Seine wie im Halbschlaf lose über die Seiten herabhängenden Arme vollendeten das Bild gelassener Glückseligkeit. Er betrachtete das kleinste seiner Kinder, einen kaum fünf Jahre alten Jungen, der, halb nackend, sich durchaus nicht von der Mutter ausziehen lassen wollte. Der kleine Kerl riß aus vor dem Nachthemd und dem Nachthäubchen, das die Mutter ihm manchmal hinhielt. Er behielt seinen gestickten Kragen um und lachte seine Mutter aus, wenn sie ihn rief, weil er recht wohl merkte, daß sie selbst über diese kindliche Meuterei lachte. Er fing dann wieder an, mit seiner Schwester zu spielen, die ebenso naiv, aber schon etwas schalkhafter war als er. Sie sprach auch schon deutlicher, während seine undeutlichen Worte und wirren Gedanken selbst für seine Eltern kaum verständlich waren. Die kleine Moina, die etwa zwei Jahre älter war als er, rief durch Neckereien, die in ihr schon das Weib erkennen ließen, endloses Gelächter hervor, das ganz plötzlich losbrach und eigentlich keinen Grund zu haben schien. Aber als sie sich alle beide so drollig vorm Feuer herumkugelten, in heller Ungeniertheit ihre hübschen fleischigen Leiber und ihre weißen zarten Glieder zeigten, die Locken ihres schwarzen und blonden Haars vermischten, die rosigen Gesichter aneinander stießen, in die die Freude allerliebste Grübchen zeichnete, da konnte man es wohl nachfühlen, daß ein Vater und namentlich eine Mutter diese kleinen Seelen in ihr Herz geschlossen hatten. Gegen die lebhaften Farben ihrer feuchten Augen, ihrer leuchtenden Wangen, ihrer weißen Haut erblaßten selbst die Blumen des weichen Teppichs, des Tummelplatzes ihrer Lust, auf dem sie hinstürzten, sich überschlugen und miteinander rangen, ohne Schaden zu nehmen. Die Mutter saß ihrem Manne gegenüber in der andern Ecke des Kamins auf einem Sofa, von umhergestreuten Kleidungsstücken umgeben, einen roten Kinderschuh in der Hand, in einer Haltung zwangloser Gemütlichkeit. Ein Anflug von Ernst erstarb in einem sanften Lächeln, das um ihre Lippen schwebte. Sie mochte sechsunddreißig Jahre alt sein und war noch von großer Schönheit, dank der seltenen Regelmäßigkeit der Gesichtszüge, denen die Wärme, das Licht und das Glück in diesem Augenblick einen fast übernatürlichen Glanz verliehen. Oft hörte sie auf, den Kindern zuzusehen und richtete die liebkosenden Augen auf das ernste Gesicht ihres Mannes; manchmal begegneten sich ihre Augen, und die Eheleute tauschten einen Blick stummer Freude und tiefen Sinnens. Der General hatte ein stark gebräuntes Gesicht. Über seine breite, reine Stirn spannen sich ein paar Flechten ergrauenden Haares. Der mannhafte Blick seiner blauen Augen, die in den Falten seiner schlaffen Wangen ausgeprägte Tapferkeit ließen erkennen, daß er sich das rote Band, das das Knopfloch seines Rockes schmückte, sauer verdient hatte. In diesem Augenblick spiegelte sich die unschuldige Freude, in der seine beiden Kinder schwelgten, auf seinem Antlitz wider, das bei aller Festigkeit und Kraft von großer Gutmütigkeit und Offenherzigkeit zeugte. Dieser alte Soldat war ohne große Mühe wieder jung geworden. Liebe zur Kindheit ist ja immer bei einem Soldaten vorhanden, weil er vom Unglück des Lebens genug kennen lernt, um einzusehen, wieviel Elend die Gewalt mit sich bringt und welche Vorzüge die Schwäche genießt. Ein wenig abseits saß an einem runden Tisch im Licht von Astrallampen, deren heller Schein mit dem blassen Schimmer der auf dem Kamin stehenden Kerzen kämpfte, ein etwa dreizehn Jahre alter Knabe, der rasch die Blätter eines dicken Buches umwendete. Er ließ sich durch das Geschrei seiner Geschwister nicht ablenken, und sein Gesicht verriet die Wißbegier der Jugend. Daß er so völlig in dem, was er las, aufging, war wohl begreiflich, denn das Buch vor ihm enthielt die fesselnden Wunder von »Tausendundeiner Nacht«, und der Knabe trug die Uniform der Lyzeumsschüler. Er saß unbeweglich da, in nachdenklicher Haltung, einen Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf eine der Hände gestützt, deren weiße Finger sich in braunem Gelock vergruben. Das Licht fiel ihm voll aufs Gesicht, während der andere Teil seines Körpers im Dunkeln blieb. So glich er einem der schwarzen Selbstporträts Raphaels, auf denen er sich mit aufmerksamem, gesenktem, an die Zukunft denkendem Gesicht dargestellt hat. Zwischen diesem Tisch und der Marquise arbeitete ein großes, schönes Mädchen an einem Stickrahmen, bald beugte es sich darüber hin, bald lehnte es sich zurück, und ihr ebenholzschwarzes Haar, das künstlich zu Locken gewickelt war, erstrahlte im Lichtschein. Schon Helene für sich allein gab ein herrliches Bild ab. Ihre Schönheit zeichnete sich durch eine seltene Verschmelzung von Kraft und Eleganz aus. Obgleich sie das Haar in straffem Zug um den Kopf gelegt trug, war es doch so übervoll, daß es aus dem Kamme hervorsprang und sich am Anfang des Nackens übermütig ringelte. Ihre sehr dichten, regelmäßig gezeichneten Augenbrauen traten um so mehr hervor, als die Stirn rein und blendend weiß war. Sie hatte sogar auf der Oberlippe einen leichten Flaum mannhafter Kraft -- ihre Nase war griechisch und von ganz vollendetem Schnitt. Aber die entzückende Rundung der Formen, der freimütige Ausdruck der Züge, die Leuchtkraft eines zarten Fleisches, die wollüstig weichen Lippen, das feine Oval des Gesichts und vor allem die reine Keuschheit ihres jungfräulichen Blicks verliehen auch dieser kraftvollen Schönheit die weibliche Anmut und Zartheit und die bezaubernde Bescheidenheit, die wir von diesen Engeln des Friedens und der Liebe fordern. Nur hatte dieses Mädchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich, und ihr Herz mußte ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr Äußeres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschüler, und schien ganz in eine jener mädchenhaften Grübeleien versunken zu sein, die oft dem Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man weiß dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt über das Gesicht huschen, wie schwache Wölkchen über einen klaren Himmel, dem Spiel des Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll. Der Mann und die Frau beschäftigten sich in diesem Augenblick gar nicht mit den beiden älteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prüfender Blick des Generals die stumme Szene überschaut, die den zweiten Teil dieses häuslichen Gemäldes bildete und schon eine anmutige Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxuriöse Ausstattung des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegensätze der verschieden gefärbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte hervortreten ließen, breiteten über dieses Menschheitsbild all den Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert. Schließlich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und die Nacht dieser erhabenen und naiven Szene die ihnen eigne Majestät, einen köstlichen Natureffekt hinzufügend. Das eheliche Leben hat viele solcher geheiligten Stunden, deren unerklärlicher Reiz vielleicht auf das Hineinspielen einer bessern Welt zurückzuführen ist. Ohne Zweifel schimmern himmlische Strahlen über diesen Szenen, die den Menschen für einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben erträglich machen sollen. Dann gewinnt für unser Auge die ganze Welt eine wohlgefällige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns gerechtfertigt im Sinne der Zukunft. Obwohl Helene einen zärtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht vor Glück strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebärden, in ihrer Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen. Ihre weißen, kräftigen Hände, durch die das Licht fiel, um ihnen ein durchscheinendes, fast flüssiges Rosa mitzuteilen -- jawohl, diese Hände zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene, finster und drohend bei der Mutter. Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu schwer zu werden schien. War die Mutter übermäßig streng gegen ihre Tochter, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig auf die Schönheit Helenens, mit der sie schließlich noch den Kampf aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette entfaltete? Oder hatte dieses Mädchen, wie viele Mädchen, wenn ihr Blick sich klärt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu versenken geglaubt hatte? Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal eine Gesinnung mit sich bringt, deren Härte gegen sich selbst das richtige Maß überschreitet, und zu einem fast unnatürlichen Gefühl wird. In gewissen Geistern nehmen Fehler die Größe von Verbrechen an; dann wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mädchen übertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als wenn sie eine Missetat begangen hätten. Helene schien sich selbst für ganz unwürdig zu halten. Ein Geheimnis ihres früheren Lebens, ein unglücklicher Zufall vielleicht, den sie zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfänglicher wurde und der Einfluß religiöser Begriffe sich geltend machte, an Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schließlich dazu geführt zu haben, daß sie in romantischer Übertreibung sich in ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte. Dieses veränderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer vor kurzem erschienenen Ausgabe ausländischer Theaterstücke die schöne Tragödie >Wilhelm Tell< von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter, daß sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, daß der Aufruhr, den diese Lektüre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im besondern auf die Szene zurückzuführen war, wo der Dichter eine Art von Brudergemeinschaft aufstellt zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung eines ganzen Volks Menschenblut vergießt, und zwischen Johann Parricida. Helene wurde demütig, fromm und nachdenklich und wünschte nicht mehr zu Balle zu gehen. Noch nie war sie so zärtlich zu ihrem Vater gewesen, besonders wenn die Mutter ihre mädchenhaften Schmeicheleien und Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhältnis zur Mutter eine gewisse Kälte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, daß der General nichts davon bemerken konnte, so eifersüchtig er auch auf Einmütigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wären scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu ergründen: das eine war jung und edelmütig; das andere stolz und feinfühlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die Tochter walten ließ, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht. Übrigens ließen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlösbaren Mutmaßungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott stand sicherlich ein finsteres Geheimnis. »Nun, hurtig, Abel,« rief die Marquise und benützte einen Augenblick, wo Moina und ihr Bruder ermüdet waren und sich still verhielten, »komm, mein Sohn, du mußt zu Bett ...« Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf die Knie. »Was?« sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und von unserer Dienerschaft ist noch niemand zurückgekommen? So eine Sippschaft! -- Gustav,« setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, »ich habe dir das Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du es um zehn Uhr weglegen solltest. Du hättest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du einmal ein tüchtiger Mensch werden willst, muß dir dein Wort ein zweites Glaubensbekenntnis sein, und du mußt daran festhalten, wie an deiner Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich ganz besonders durch Schönheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die übernommenen Verpflichtungen ist die hauptsächlichste seiner Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Engländer vom alten Schlage, ihm eine sehr nachdrückliche Lehre erteilt, die einen untilgbaren Eindruck auf das Gemüt eines kleinen Kindes machen mußte. Als Fox so alt war wie du, war er während der Ferien bei seinem Vater, der, wie alle reichen Engländer, einen ziemlich großen Park um sein Schloß hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen und an einer andern Stelle, von wo man eine großartige Aussicht hatte, wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein Vater verlangte, daß er pünktlich zum Schulanfang ins Gymnasium zurückkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreißung des Kioskes bis zu den nächsten Ferien zu warten. Fox kehrte ins Gymnasium zurück. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge würde über seinen Studien die ganze Geschichte vergessen; er ließ den Kiosk ruhig abreißen und an einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes, nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frühstück heim, und sagte zu seinem Vater: »Ihr habt mich belogen.« Der alte Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Würde nicht und antwortete: »Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder gutmachen. Auf sein Wort muß man mehr halten als auf sein Geld, und alles Geld wäscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch zurückläßt.« Der Vater ließ den alten Pavillon, genau wie er gewesen war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!« Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehört und schloß sofort das Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina an sich, die mit dem Schlaf kämpfte, und legte sie sanft auf seinen Schoß. Die Kleine ließ den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken und schlief dort gleich ein, eingehüllt in die goldenen Vorhänge ihres hübschen Haars. In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Straße, und plötzlich geschahen drei Schläge gegen die Tür und weckten das Echo des Hauses. Diese langanhaltenden Schläge hatten einen ebenso eindringlichen Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte wütend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig; aber Abel, dem die Mutter das Nachtkleid vollends übergezogen hatte, und Moina wurden nicht munter. »Der hat's eilig!« rief der Soldat und legte sein Kind auf den Sessel. Er verließ rasch den Salon, ohne auf die Bitte seiner Frau zu hören, die ihm nachrief: »Lieber Mann, geh' doch nicht hin --« Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein Paar Pistolen an sich, brannte seine Blendlaterne an, eilte zur Treppe, rannte blitzschnell hinab und stand binnen kurzem an der Tür seines Hauses, wohin der Sohn ihm unerschrocken folgte. »Wer ist da?« fragte er. »Machen Sie auf!« antwortete eine Stimme keuchend und ganz außer Atem. »Gut Freund?« »Ja, Freund.« »Allein?« »Ja -- doch auf, auf, sonst kommen sie!« Sobald der General die Tür ein wenig geöffnet hatte, schlüpfte ein Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein; der General mußte nachgeben, denn der Unbekannte stieß die Pforte mit einem kraftvollen Fußtritt auf und lehnte sich gleich darauf entschlossen mit dem Rücken dagegen, wie um zu verhindern, daß man sie wieder öffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflößen, und sah einen Mann von mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock gehüllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstück schien daher auch nicht für ihn gemacht. Der Flüchtling trug, ob aus Vorsicht oder Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrückt. »Mein Herr,« sagte er zum General, »senken Sie die Mündung Ihrer Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrière. Und welcher Tod! Sie hätten sich vor Gott dafür zu verantworten. Ich bitte Sie um Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch auch mit dem Despotismus der Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische Gastfreundschaft. Ich muß Ihnen heilig sein. Wo nicht, so öffnen Sie, und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das ist's, was mir nottut. O, Wasser!« wiederholte er in röchelndem Tone. »Wer sind Sie?« fragte der General, überrascht von der fieberhaften Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach. »Ach, wer ich bin? Gut, so öffnen Sie, und ich gehe,« antwortete der Mensch im Tone höllischer Ironie. Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne spielen ließ, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten Gastfreundlichkeit: die Wangen waren blaß und zuckten, die Züge krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze überstrahlten. Doch, es mußte ihm eine Antwort gegeben werden. »Herr,« sagte der General, »Ihre Rede ist so sonderbar, daß Sie wohl an meiner Stelle --« »Mein Leben liegt in Ihrer Hand!« schrie der Fremde mit entsetzlicher Stimme, seinen Wirt unterbrechend. »Zwei Stunden?« fragte der Marquis unschlüssig. »Zwei Stunden,« wiederholte der Mensch. Aber plötzlich stieß er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Hut zurück, entblößte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen eine unerklärliche Macht verliehen ist. »Nun denn, wer Sie auch sein mögen, Sie sollen unter meinem Dach in Sicherheit sein,« sagte der Hausherr ernst und glaubte einer jener triebartigen Regungen zu gehorchen, über die der Mensch sich manchmal keine Rechenschaft geben kann. »Gott vergelte es Ihnen,« setzte der Fremde hinzu und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Sind Sie bewaffnet?« sagte der General. Statt aller Antwort öffnete der Fremde seinen Pelz und schlug ihn schnell wieder zusammen, so daß der General nichts Genaues hatte sehen können. Er war anscheinend ohne Waffen und in der Kleidung eines jungen Mannes, der vom Ball kommt. So flüchtig der Überblick des mißtrauischen Soldaten gewesen war, so sah er doch genug, um aufzurufen: »Wo zum Teufel können Sie sich so beschmutzt haben? Es ist doch trockenes Wetter.« »Noch immer Fragen?« versetzte der Unbekannte in hochmütigem Tone. In diesem Augenblick bemerkte der Marquis seinen Sohn und erinnerte sich der Lehre, die er ihm eben über strenge Befolgung des gegebenen Wortes erteilt hatte. Es verdroß ihn so sehr, ihn nun hier zu sehen, daß er in zornigem Tone zu ihm sagte: »Wie, Hans Narr, du bist hier, statt im Bett zu sein?« »Ich glaubte, ich könnte Ihnen in der Gefahr von Nutzen sein,« antwortete Gustav. »Marsch, auf dein Zimmer,« sagte der Vater, von der Antwort seines Sohnes besänftigt. »Und Sie,« wendete er sich an den Unbekannten, »folgen Sie mir!« Sie beobachteten nun Schweigen, wie zwei Spieler, die einander mißtrauen. Der General begann sich sogar finstern Ahnungen hinzugeben. Der Unbekannte lastete ihm bereits wie ein Alpdruck auf der Seele; aber da er ihm sein Wort gegeben hatte, so führte er ihn über die Korridore und Treppen seines Hauses und ließ ihn in ein großes, im zweiten Stock gelegenes Zimmer, gerade über dem Salon, treten. Dieser unbenutzte Raum diente im Winter als Trockenboden und hing mit keinem andern Gemach zusammen. An seinen vier vergilbten Wänden war weiter kein Schmuck, als ein unschöner kleiner Spiegel, den der frühere Besitzer auf dem Kaminsims hatte stehen lassen, und ein großer Spiegel, für den sich beim Einzug des Marquis keine Verwendung gefunden hatte. Man hatte ihn daher zufälligerweise dem Kamin gegenüber aufgehängt. Der Fußboden dieser großen Mansarde war nie gescheuert worden, die Luft war eisig, und zwei alte Stühle, an denen das Stroh zerrissen war, bildeten das einzige Mobiliar. Nachdem der General seine Laterne auf den Ofensims gestellt hatte, sagte er zu dem Unbekannten: »Sie müssen sich mit dieser kläglichen Mansarde begnügen, um in Sicherheit zu sein. Und da Sie mein Wort haben, daß ich Verschwiegenheit wahren werde, so erlauben Sie mir wohl, Sie einzuschließen.« Der Mensch senkte den Kopf, zum Zeichen des Einverständnisses. »Ich habe nichts verlangt als ein Asyl, Verschwiegenheit und Wasser,« bemerkte er. »Wasser werde ich Ihnen bringen,« antwortete der Marquis, der sorgsam die Tür zuschloß und sich zum Salon hinabtastete, um dort einen Leuchter zu nehmen und dann aus der Geschirrkammer selbst eine Karaffe zu holen. »Nun, was gibt es?« fragte die Marquise lebhaft ihren Mann. »Nichts, meine Liebe,« antwortete er in kaltem Tone. »Aber wir haben doch genau gehört, daß Sie jemand dort hinaufgeführt haben.« »Helene,« versetzte der General und sah seine Tochter an, die den Kopf zu ihm erhob, »bedenke, die Ehre deines Vaters hängt von deiner Verschwiegenheit ab. Du darfst nichts gehört haben.« Das junge Mädchen antwortete mit einem bezeichnenden Kopfnicken. Die Marquise war verwundert über die Methode, die hier ihr Mann anwandte, um der Tochter Schweigen aufzuerlegen. Ja seine Worte gaben ihr einen Stich ins Herz. Der General holte eine Karaffe und ein Glas und stieg in das Zimmer hinauf, wo sich sein Gefangener befand. Der Mann lehnte mit entblößtem Haupte, aufrecht stehend, an der Wand, in der Nähe des Kamins. Den Hut hatte er auf einen der Stühle geworfen. Er war jedenfalls nicht darauf gefaßt gewesen, plötzlich so hellem Licht ausgesetzt zu sein. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Gesicht nahm eine besorgte Miene an, als sein Blick den durchdringenden Augen des Generals begegnete; aber er beruhigte sich und zeigte ein freundliches Gesicht, um seinem Beschützer zu danken. Als der letztere das Glas und die Karaffe auf den Ofensims gestellt hatte, richtete der Unbekannte wieder einen so flammenden Blick wie zuvor auf ihn und brach das Schweigen. »Mein Herr,« sagte er mit einer sanften Stimme, die nichts mehr von dem Röcheln von vorhin, doch noch immer ein inneres Beben verriet, »ich werde Ihnen absonderlich erscheinen. Entschuldigen Sie Absonderlichkeiten, die die Not gebietet. Wenn Sie hier bleiben, so bitte ich Sie darum, mir nicht beim Trinken zuzusehen.« Ärgerlich, beständig einem Menschen gehorchen zu müssen, der ihm mißfiel, drehte der General sich brüsk um. Der Fremde zog ein weißes Tuch aus der Tasche, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann die Karaffe und leerte sie auf einen Zug. Der Marquis hatte das stillschweigend gegebene Versprechen nicht brechen wollen, aber er blickte mechanisch in den Spiegel, und die gegenseitige Stellung der beiden Glasscheiben erlaubte ihm, den Fremden vollständig zu überschauen. Da sah er denn das Tuch plötzlich sich rot färben; denn die Hände, die es berührten, waren voll Blut. »Ah, Sie haben mich beobachtet,« rief der Mann, als er getrunken hatte. Er hüllte sich in den Mantel und betrachtete den General mißtrauisch. »Ich bin verloren -- sie kommen, da sind sie!« »Ich höre nichts,« sagte der Marquis. »Sie sind nicht mit dem Herzen dabei wie ich und können die fernen Geräusche nicht so hören.« »Sie haben also ein Duell gehabt, daß Sie so mit Blut bedeckt sind?« fragte der General, tief ergriffen, als er die Farbe der großen Flecke erkannte, mit denen die Kleider seines Gastes getränkt waren. »Ja, ein Duell, Sie haben es getroffen,« wiederholte der Fremde, und ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen. In diesem Augenblick erklang das Geräusch mehrerer scharf galoppierender Pferde in der Ferne; aber es war so schwach wie der erste Lichtschein am Morgen. Das geübte Ohr des Generals erkannte die Gangart von militärisch gedrillten Pferden, die gewohnt waren, in der Schwadron zu laufen. »Das ist Gendarmerie,« sagte er. Er warf dem Gefangenen einen Blick zu, der ihn über die Zweifel beruhigen sollte, die seine unwillkürliche Neugierde in ihm erweckt haben mochte, nahm das Licht und kehrte in den Salon zurück. Kaum hatte er den Schlüssel zu dem oberen Zimmer auf den Kamin gelegt, als der Lärm der Reiter deutlicher wurde und sich mit einer Schnelligkeit, über die er erschrak, dem Pavillon näherte. In der Tat machten die Pferde vor der Pforte des Hauses Halt. Nach ein paar Worten mit seinen Kameraden stieg ein Reiter ab, klopfte ungestüm und nötigte den General, zu öffnen. Dieser vermochte eine geheime Erregung nicht zu verbergen, als er sechs Gendarmen sah, deren goldbetreßte Hüte im Mondlicht blitzten. »Gnädiger Herr,« fragte ein Brigadier, »haben Sie nicht eben jetzt einen Menschen nach der Barrière zu laufen hören?« 1 , 2 , . 3 . 4 5 . 6 , - - 7 , 8 . 9 , . 10 11 . 12 , 13 , 14 . 15 . 16 , 17 , 18 , 19 , . 20 21 , , 22 , , ; 23 , 24 . 25 , 26 ; 27 , , 28 . 29 , - - 30 . 31 32 , 33 , 34 , , 35 . 36 : » ' , ? « 37 . 38 39 , 40 ; , 41 . 42 , , , , 43 : 44 , , 45 . 46 47 » , , « , 48 , , 49 . 50 51 » , . , . « 52 53 , , 54 , . 55 , 56 , , , 57 , , 58 , , 59 . 60 61 , , 62 ; 63 , 64 . 65 66 , , 67 , 68 , 69 . 70 71 , ; 72 , , , 73 . ? 74 75 . , , 76 , 77 , 78 , . 79 80 81 ; 82 83 , . , 84 , , . 85 , 86 , , 87 . 88 89 , , , , 90 , - - 91 , 92 . , 93 . . 94 95 , , 96 . 97 , . 98 , 99 , 100 , , 101 : 102 103 » ? « 104 105 , 106 , , 107 . 108 , 109 . , 110 , 111 . 112 ; 113 - - , 114 , . 115 . . 116 : 117 118 » ! ! « 119 120 . . 121 , , 122 . 123 . 124 . , , 125 . - - - - , 126 . , 127 , 128 . 129 130 131 ? 132 . . 133 , . 134 , , 135 ? . 136 , 137 , . 138 , 139 . . 140 141 , 142 , 143 . 144 145 * * * * * 146 147 148 , 149 . . 150 , . 151 , , , 152 , 153 , 154 , . 155 , : 156 » , . « , , 157 158 . 159 160 ' . 161 , 162 - . 163 , 164 , , 165 . , 166 , , 167 , 168 . 169 170 , , , 171 , ' 172 , , 173 . 174 , 175 . 176 , 177 ; , 178 . 179 , 180 . 181 182 , 183 , 184 . , 185 , . 186 187 , ; 188 189 . 190 . 191 , , . 192 , ; 193 , , 194 . 195 196 » , « 197 . 198 199 , , 200 , 201 , , . 202 , , 203 : » . « 204 205 . 206 , , 207 , , 208 . 209 , , 210 , 211 - - 212 ; , 213 , , 214 . 215 216 » , ? « , 217 . 218 219 » , , . 220 , , . « 221 222 » ! 223 , « , 224 . 225 226 , , 227 , 228 , . 229 230 » , . 231 . 232 , . 233 , - - - - « 234 235 , 236 , 237 , . 238 , 239 . 240 . 241 242 » , « , 243 , » . 244 . « 245 246 » , , , 247 , 248 . 249 , , . . . « 250 251 , 252 , , 253 , . , 254 , ; , 255 , . 256 , , 257 , . 258 259 » ? « . 260 261 » , « 262 , , 263 . 264 265 . 266 267 268 , : 269 270 » , , ? « 271 272 » , « . 273 274 » , , « , » 275 ! ! ? 276 , , 277 : , , 278 , . . 279 280 ? , ! 281 , 282 . 283 , ? « , 284 . 285 286 , 287 , 288 . , 289 . 290 291 » , , , « . » 292 , 293 , . 294 , , 295 , 296 . 297 , , 298 , . « 299 300 , 301 , , 302 , . 303 304 » , ! « . » 305 , , 306 ? « 307 308 » , « , » , 309 - - , . . . « 310 311 » , « 312 . 313 314 , 315 . 316 , , 317 ; 318 . 319 320 » , , « , » 321 . « 322 323 » , ? « , 324 325 . » - - 326 . , , . 327 , ? « 328 329 , , , 330 , . 331 332 » , « , » 333 . 334 , 335 . 336 . 337 : . 338 339 , . 340 , 341 . , , 342 , , - - , 343 - - , ! 344 , 345 - - , . . 346 , , 347 , 348 . , 349 , , . , 350 , . , ! 351 , ! 352 , : » 353 , . « 354 , . 355 , - - « 356 357 358 . 359 , 360 , 361 , . 362 363 , . 364 365 . 366 367 » , , « 368 , . 369 370 , . 371 372 » , « , 373 , , 374 , » 375 . , , 376 ! . 377 , 378 . , 379 . . . « 380 381 382 . , 383 , , , . 384 , , - 385 , . 386 , , 387 , 388 . 389 , , 390 . 391 392 » , « , 393 , » 394 , , , 395 , - - ! 396 , , 397 - - . 398 . - - 399 - - . , 400 , - - ' . , 401 ' ! . 402 - - . 403 , 404 . 405 - - , - - 406 . - - 407 - - , , ! 408 ? « 409 410 , 411 . 412 413 » , , 414 , 415 . « 416 417 » ? « 418 419 » , - - 420 . , 421 , . « 422 423 » , , 424 . « 425 426 » , , 427 , , ? , 428 , . « 429 430 » , . « 431 432 433 434 435 . . 436 437 . 438 439 440 , 441 , 442 , , 443 . , 444 , , 445 - . , 446 . 447 448 , 449 , 450 . , 451 452 . 453 , 454 . 455 456 457 , 458 . , , 459 , . 460 . , 461 , 462 , 463 , 464 , . 465 466 , 467 . 468 , 469 ; , , 470 , , 471 , , 472 , . 473 474 , 475 , 476 , 477 . , 478 . , 479 , , 480 - - 481 . 482 483 , 484 , , , 485 . 486 487 . 488 , , 489 , , 490 . 491 492 , , 493 494 . 495 496 497 , 498 , . 499 , 500 , 501 , 502 , , 503 . 504 505 , , , 506 , . 507 , 508 , . 509 , 510 , 511 , . 512 513 . 514 515 , 516 , , , 517 . 518 , . 519 , , 520 , 521 . , , 522 , . 523 , 524 . 525 526 , , 527 , , 528 , 529 . 530 , 531 , 532 , 533 , , 534 , 535 . 536 , , 537 , 538 , , 539 , . 540 541 542 , , 543 , . 544 , 545 . 546 , , 547 , 548 . , 549 550 ; , 551 . 552 553 . , 554 . 555 , 556 , , 557 , . 558 , 559 , , 560 . 561 562 . 563 , 564 , , 565 . 566 567 , 568 569 , , 570 . 571 , 572 . , , , 573 , 574 » « , 575 . , , 576 , 577 . 578 , . 579 , 580 , , 581 . 582 583 , 584 , , 585 , , 586 , . 587 . 588 . 589 , , 590 591 . , 592 , 593 . 594 - - 595 . , 596 , , 597 , 598 599 600 , 601 . 602 603 , , 604 , , 605 . 606 , , , 607 , 608 , . 609 , , 610 , , 611 . 612 613 614 . 615 , 616 617 , 618 . 619 620 . 621 , , 622 , , 623 624 , 625 , 626 , , . 627 628 , 629 , 630 . 631 , 632 . 633 , 634 635 . 636 , 637 , 638 . 639 640 , 641 , 642 , , 643 , 644 . 645 , , , 646 , - - , 647 . 648 . 649 : , 650 . 651 652 , 653 , 654 . 655 , ? 656 , 657 , , 658 ? , , 659 , , 660 661 ? 662 663 , 664 , 665 , . 666 ; 667 , 668 , , 669 . 670 671 . 672 , , 673 , , 674 , 675 , 676 , 677 . 678 679 , 680 681 . , 682 , , 683 , , 684 , 685 , 686 , . 687 688 , 689 . , 690 691 . 692 , , 693 , 694 . 695 , 696 : ; 697 ; , 698 . 699 , , 700 , . 701 702 , , 703 . 704 ; 705 . 706 707 » , , , « , 708 , » , 709 , . . . « 710 711 712 . 713 714 » ? « , » , 715 ? ! - - 716 , « , , » 717 , 718 . 719 , . 720 , 721 , , 722 . , , 723 . 724 725 . , 726 , , 727 . 728 , , 729 , , 730 . , 731 , , 732 . , 733 . 734 , ; 735 , 736 . 737 . , , . 738 , 739 . 740 . , 741 ; 742 . 743 . , , 744 ; 745 , : » . « 746 : 747 » , , 748 . , 749 , 750 . « , 751 , , , , 752 . , , ! « 753 754 755 . , 756 , , 757 . 758 , 759 . 760 761 , 762 763 . 764 . 765 . , , ; 766 , , 767 . 768 769 » ' ! « . 770 , , 771 : 772 773 » , ' - - « 774 775 , , 776 , , 777 , 778 . 779 780 » ? « . 781 782 » ! « . 783 784 » ? « 785 786 » , . « 787 788 » ? « 789 790 » - - , , ! « 791 792 , 793 ; 794 , 795 796 , , 797 . 798 , , 799 , , 800 , . 801 . , 802 , , . 803 804 » , « , » 805 . ; 806 , . ! 807 . 808 . , , 809 , 810 . 811 . . , , 812 . , , 813 ' , . , ! « . 814 815 » ? « , 816 , . 817 818 » , ? , , , « 819 . 820 821 , 822 , , 823 824 : , 825 . , , 826 , 827 . , . 828 829 » , « , » , 830 - - « 831 832 » ! « 833 , . 834 835 » ? « . 836 837 » , « . 838 839 840 , , 841 , , 842 . 843 ; , 844 . 845 846 » , , 847 , « 848 , 849 . 850 851 » , « 852 . 853 854 » ? « . 855 856 857 , 858 . 859 , . 860 , , : 861 862 » ? 863 . « 864 865 » ? « . 866 867 868 , 869 . , , 870 : 871 872 » , , , ? « 873 874 » , , « 875 . 876 877 » , , « , 878 . » , « , 879 » ! « 880 881 , , 882 . . 883 ; 884 , 885 , 886 , , . 887 888 889 . 890 , , 891 , , 892 . 893 . 894 , 895 , , , 896 . 897 898 , 899 : 900 901 » , 902 . , 903 , , . « 904 905 , . 906 907 » , , « 908 . 909 910 » , « , 911 , 912 . 913 914 » , ? « . 915 916 » , , « . 917 918 » , 919 . « 920 921 » , « , 922 , » , 923 . . « 924 925 . 926 , , 927 . 928 . 929 , . 930 , , , 931 . . 932 , 933 . , 934 , 935 ; 936 , . 937 , 938 939 . 940 941 » , « , 942 , , » 943 . , 944 . , , 945 . « 946 947 , , 948 , . 949 , , 950 . 951 , 952 , 953 , 954 . 955 956 ; , 957 , . 958 959 » , , « , . 960 . 961 » - - , ! « 962 963 » , « . 964 965 » 966 . « 967 968 » , ? « 969 , , 970 , . 971 972 » , , , « , 973 . 974 975 976 ; 977 . 978 979 980 , , . 981 982 » , « . 983 984 , 985 , 986 , . 987 , 988 , 989 , . 990 991 . 992 , 993 , . 994 , , 995 . 996 997 » , « , » 998 ? « 999 1000