Leidenschaften verpönt. Unter diesen beredten Gesichtern verrät nicht
ein einziges eine Seele, die einen Begriff wie etwa die Reue kennt. Hier
verbirgt sich der Kummer oder das Unglück ängstlich unter allerlei
Scherzen. Unter diesen Frauen bemerke ich keine, mit der ich gern ringen
würde, von der ich mich in einen Abgrund hineinreißen lassen könnte. Wo
in Paris ist Energie zu finden? Ein Dolch ist eine Kuriosität, die man
an einem vergoldeten Nagel aufhängt, zu der man ein hübsches Futteral
machen läßt. Weiber, Gedanken, Gefühle, alles ist sich gleich. Es gibt
keine Leidenschaften mehr, weil die Individualitäten verschwunden sind.
Rang, Geist und Vermögen sind gleichgemacht worden, und wir haben uns
alle in den schwarzen Frack geworfen, um das tote Frankreich zu
betrauern. Menschen, die uns gleichen, lieben wir aber nicht. Zwischen
zweien, die sich lieben sollen, müssen Verschiedenheiten auszugleichen,
Zwischenräume auszufüllen sein. Dieser Reiz der Liebe ist 1789
verschwunden. Unser Überdruß, unsere faden Sitten sind das Ergebnis des
politischen Systems. In Italien wenigstens ist das alles anders. Dort
sind die Weiber noch bösartige Tiere, gefährliche Sirenen ohne Vernunft,
ihre Lüste, ihre Begierden sind ihre einzige Logik. Man muß sich vor
ihnen in acht nehmen wie vor Tigern.«
Frau Firmiani unterbrach ihn in diesem Selbstgespräch, dessen tausend
widerspruchsvolle, unvollendete, verworrene Gedanken sich nicht
wiedergeben lassen. Das Gute an einer Träumerei liegt durchaus in ihrer
Unklarheit -- ist sie nicht eine Art intellektuellen Nebels?
»Ich will,« sagte sie zu ihm und nahm seinen Arm, »Sie einer Frau
vorstellen, die nach allem, was sie von Ihnen gehört hat, Sie unbedingt
kennen zu lernen wünscht.«
Sie führte ihn in einen Salon nebenan, wo sie mit einem Wink, einem
Lächeln und einem Blick von echt pariserischer Art auf eine in der
Kaminecke sitzende Dame zeigte.
»Wer ist das?« fragte Graf de Vandenesse lebhaft.
»Eine Frau, von der Sie sich gewiß schon mehrmals unterhalten haben, um
sie zu loben oder zu schmähen -- eine Frau, die in Einsamkeit lebt --
ein wahrhaft geheimnisvolles Wesen.«
»Wenn Sie jemals in Ihrem Leben barmherzig gewesen sind, so nennen Sie
mir den Namen der Dame!«
»Marquise d'Aiglemont.«
»Ich werde Unterricht bei ihr nehmen. Sie hat es verstanden, aus einem
recht mittelmäßigen Gatten einen Pair von Frankreich, aus einer Null von
Menschen eine politische Kapazität zu machen. Aber sagen Sie mir,
glauben Sie, daß Lord Grenville für sie gestorben sei, wie einige Frauen
behauptet haben?«
»Vielleicht. Seit diesem Abenteuer, ob es nun falsch oder wahr ist, hat
diese arme Frau sich völlig verändert. Sie ist noch nicht wieder in die
Welt zurückgekehrt. Eine vierjährige Treue -- das will schon was heißen
in Paris. Wenn Sie sie hier sehen ...«
Frau Firmiani hielt inne, dann setzte sie mit schlauer Miene hinzu: »Ich
vergesse, ich muß schweigen. Plaudern Sie mit ihr.«
Karl blieb einen Augenblick regungslos stehen, leicht gegen die
Türverkleidung gelehnt. Unverwandt betrachtete er die Frau, die zur
Berühmtheit geworden war, ohne daß jemand die Gründe erklären konnte,
auf denen ihr Ruf beruhte. Die Welt weist viele solcher seltsamen
Anomalien auf. Der Ruhm der Frau d'Aiglemont war sicherlich nicht
größer als der gewisser Männer, die immer an einem unbekannten Werke
arbeiten: Statistiker, die man für gelehrt hält auf Grund von
Berechnungen, die zu veröffentlichen sie sich wohl hüten; Politiker, die
von einem Zeitungsartikel leben; Schriftsteller oder Künstler, deren
Werk immer in der Mappe bleibt; Gelehrte, die aber nur bei denen dafür
gelten, die selbst nichts von Wissenschaft verstehen, wie etwa
Sganarelle ein Lateiner ist in den Augen derer, die nicht Lateinisch
können; Männer, denen man in einem bestimmten Punkte ein unbestrittenes
Talent zuschreibt, sei es in der Verwaltung der Künste, sei es in
irgendeiner wichtigen Mission.
Das wunderbare Wort: »Er ist eine Spezialität,« ist, wie es scheint, für
diese Arten von politischen oder literarischen Strohköpfen erfunden
worden.
Karl verharrte länger, als er eigentlich wollte, in Betrachtungen, und
war mit sich selbst unzufrieden, daß er einer Frau so tiefe
Aufmerksamkeit widmete. Aber die Gegenwart dieser Frau widerlegte ja
auch alle die Gedanken, die der junge Diplomat vor einem Augenblick noch
beim Betrachten der Ballgesellschaft gehegt hatte.
Die Marquise, jetzt dreißig Jahre alt, war schön, wenn auch von
schwächlichen Formen und übergroßer Zartheit. Ihr größter Reiz lag in
einer Physiognomie, deren starre Ruhe eine erstaunliche Tiefe der Seele
verriet. Ihr glänzendes Auge, das jedoch von beständigem Sinnen
verschleiert zu sein schien, zeugte von einem Leben im Fieber und von
der größten Resignation. Ihre fast stets keusch zu Boden gesenkten Lider
schlugen sich selten auf. Wenn sie Blicke um sich warf, so gingen die
Augen langsam und traurig -- und man hätte sagen können, sie sparten ihr
Feuer für Beobachtungen im verborgenen auf.
Daher fühlte sich auch jeder Mann höherer Art seltsam zu dieser sanften,
schweigsamen Frau hingezogen. Wenn der Geist das Rätsel ihres
beständigen Schwankens zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit,
zwischen der Gesellschaft und ihrer Einsamkeit zu erraten suchte, so war
die Seele nicht weniger begierig, die Geheimnisse eines gewissermaßen
auf seine Leiden stolzen Herzens zu ergründen. Und dann strafte nichts
an ihr den Eindruck, den sie zuerst machte, späterhin Lügen.
Wie fast alle Frauen, die sehr langes Haar haben, war sie blaß, ja
vollkommen weiß. Ihre Haut, die von wunderbarer Zartheit war -- ein
selten trügendes Zeichen -- deutete auf echtes Feingefühl. Die Natur
will, daß dies sich schon äußerlich kundtue, und zwar fast immer in
Zügen von so wunderbarer Vollendung, wie sie die chinesischen Maler
ihren phantastischen Figuren verleihen. Ihr Hals war vielleicht ein
wenig lang; aber ein Hals von dieser Art ist der anmutigste und gibt den
Frauenköpfen eine unbestimmte Ähnlichkeit mit den magnetischen,
wellenartigen Bewegungen der Schlangen. Gäbe es nicht ein einziges von
den tausend Kennzeichen, durch die sich dem Beobachter die
heuchlerischsten Charaktere verraten, so würde es ihm zur Beurteilung
einer Frau genügen, die Gebärden ihres Kopfes und die so verschiedenen,
so ausdrucksvollen Biegungen des Halses aufmerksam zu verfolgen.
Bei Frau d'Aiglemont war die Kleidung im Einklang mit dem Tiefsinn, der
ihre Person beherrschte. Ihre breiten Haarflechten bildeten über dem
Kopfe eine hohe Krone, an der keinerlei Schmuck angebracht war; denn sie
schien für immer allem Putz und Zierat abgesagt zu haben. Auch
entdeckte man an ihr niemals die kleinlichen Kunstgriffe der Koketterie,
durch die sich so viele Frauen unliebsam bemerkbar machen. Nur ihr
Leibchen, so bescheiden es auch war, ließ doch ein wenig die eleganten
Formen ihrer Taille erkennen. Und dann war ihr langes Kleid von
außergewöhnlich vornehmem Schnitt. Das war sein einziger Luxus. Wenn man
in der Anordnung eines Stoffes Ideen suchen darf, so hätte man sagen
können, die zahlreichen, schlichten Falten ihrer Robe verliehen ihr ein
Gepräge hohen Adels. Nichtsdestoweniger verriet sie vielleicht die
untilgbaren Weiberschwächen in der peinlichen Sorgfalt, die sie ihrer
Hand und ihrem Fuß widmete; aber wenn sie sie mit gewissem Vergnügen
zeigte, so wäre es doch selbst der boshaftesten Nebenbuhlerin schwer
gewesen, diese Bewegungen affektiert zu finden; sie schienen eben ganz
unwillkürlich und aus kindlichen Gewohnheiten hervorzugehen.
Eine graziöse Gleichgültigkeit ließ über diesen Rest von Gefallsucht
hinwegsehen. Die Menge von einzelnen Zügen, die Gesamtheit von
unbedeutenden Umständen, die eine Frau häßlich oder hübsch, abstoßend
oder liebenswürdig machen, können bei Frauen, wie Madame d'Aiglemont,
nur flüchtig angedeutet sein; denn bei ihnen ist die Seele das
Bindeglied aller Einzelheiten, denen sie eine köstliche Einstimmigkeit
aufdrückt. So entsprach denn auch ihre Haltung vollkommen dem Charakter
ihres Gesichts und ihrer Kleidung. In einem gewissen Alter verstehen es
gewisse auserlesene Frauen, in ihre Haltung eine Sprache zu legen. Ist
es das Leid, ist es das Glück, das der Frau von dreißig Jahren, der
glücklichen oder der unglücklichen, das Geheimnis dieser beredten
Haltung offenbart? Das wird immer ein lebendes Rätsel sein, das jeder
nach seinen Wünschen und Hoffnungen oder nach seiner Methode auslegt.
Die Art, wie die Marquise beide Ellenbogen auf die Lehnen ihres Sessels
stützte und die Fingerspitzen beider Hände aufeinanderstellte, als wolle
sie damit spielen, die Biegung ihres Halses, das Gehenlassen ihres
müden, doch geschmeidigen Körpers, der wie zerschlagen in dem Fauteuil
ruhte, die Lässigkeit ihrer Beine, die Ungezwungenheit ihrer Lage, ihre
trägen, schwermütigen Bewegungen -- das alles verriet in ihr eine Frau,
die kein Interesse mehr am Leben, die die Freuden der Liebe gar nicht
kennen gelernt, sondern nur erträumt hat, und die schwer an der Bürde
leidvoller Erinnerungen trägt, eine Frau, die seit langem an der Zukunft
oder an sich selbst verzweifelt, eine Frau, die nichts zu tun hat und in
der Leere schon das Nichts erblickt.
Karl de Vandenesse bewunderte dieses prächtige »Tableau«, doch sah er
darin nur eine geschicktere Mache, als gewöhnliche Frauen herausbringen.
Er kannte d'Aiglemont. Beim ersten Blick auf seine Frau, die er noch
nicht gesehen hatte, durchschaute nun der junge Diplomat
Mißverhältnisse, unausweichliche Verschiedenheiten -- um diesen legalen
Ausdruck zu gebrauchen -- die zwischen den beiden Personen eine so
starke Scheidewand aufzurichten schienen, daß diese Frau unmöglich
diesen Mann lieben konnte. Dennoch führte Frau d'Aiglemont ein
untadelhaftes Leben, und gerade ihre Tugend verlieh all den Rätseln, die
ein Menschenkenner an ihr entdecken mochte, noch einen höheren Wert. Als
Vandenesse die erste Regung des Erstaunens überwunden hatte, sann er
nach, wie er sich wohl am besten Frau d'Aiglemont nähern könne, und er
beschloß, einen ziemlich alltäglichen Kunstgriff der Diplomatie
anzuwenden und sie in Verlegenheit zu bringen, um auf diese Weise zu
erfahren, wie sie eine Albernheit aufnehmen würde.
»Gnädige Frau,« sagte er und setzte sich einfach neben sie, »eine
Indiskretion, die ich mit Freuden begrüße, hat mir verraten, daß ich --
ich weiß nicht, auf welche Vorzüge hin -- das Glück genieße, von Ihnen
mit Interesse betrachtet zu werden. Ich bin Ihnen um so mehr Dank
schuldig, als ich bisher noch nie der Gegenstand einer solchen Gunst
gewesen bin. Sie werden daher daran schuld sein, wenn ich mir nun einen
neuen Fehler zulege. Ich werde hinfort nicht mehr bescheiden sein.«
»Daran werden Sie unrecht tun, mein Herr,« sagte sie lachend. »Die
Eitelkeit muß man denen überlassen, die sonst nichts weiter aufzuweisen
haben.«
Zwischen dem jungen Manne und der Marquise entspann sich ein Gespräch,
und sie streiften, wie es Brauch ist, in einem Augenblick eine ganze
Menge von Gegenständen: Malerei, Musik, Literatur, Politik,
Gesellschaft, Ereignisse und Dinge. Dann kamen sie durch einen
unmerklichen Übergang auf das ewige Thema der Plaudereien in Frankreich
und in andern Ländern, auf die Liebe, auf die Gefühle und die Frauen.
»Wir sind Sklavinnen.«
»Sie sind Königinnen.«
Die mehr oder minder geistreichen Phrasen Karls und der Marquise lassen
sich in diesem einfachen Ausdruck zusammenfassen; denn das ist die Form
für alle gegenwärtigen und künftigen Gespräche über diesen Gegenstand.
Werden diese beiden Phrasen nicht zu einer bestimmten Stunde nicht immer
wieder die schärfere Bedeutung haben: »Lieben Sie mich!« -- »Ich werde
Sie lieben!«
»Gnädige Frau,« rief Karl de Vandenesse, »Sie sorgen noch dafür, daß ich
mit lebhaftem Bedauern Paris verlasse. Ich werde gewiß in Italien nicht
wieder so geistreiche Stunden genießen können, wie diese eine jetzt
gewesen ist.«
»Dafür werden Sie vielleicht dem Glück begegnen, mein Herr, und das ist
mehr wert als alle die glänzendsten Gedanken, die an jedem Abend in
Paris ausgesprochen werden, mögen sie nun echt oder falsch sein.«
Ehe Karl die Marquise verließ, erhielt er von ihr die Erlaubnis, ihr
einen Abschiedsbesuch zu machen. Er schätzte sich sehr glücklich, daß er
diese Bitte in der Form der Aufrichtigkeit vorgetragen hatte; denn am
Abend, als er sich zu Bett legte, und noch am andern Morgen, ja den
ganzen Tag über, wurde er den Gedanken an diese Frau nicht mehr los.
Bald fragte er sich, warum die Marquise sich für ihn interessiere; was
ihre Absichten sein mochten, daß sie ihn wiederzusehen wünschte; und er
war unermüdlich, alle möglichen Erklärungen dafür zu suchen. Bald
glaubte er auch, die Beweggründe dieser Neugierde zu erkennen; er
berauschte sich an Hoffnung oder sah alles wieder sehr kühl an, je nach
der Auslegung, mit der er diesen Höflichkeitswunsch erklärte, der in
Paris ja so alltäglich ist. Bald war es alles, bald war es nichts.
Schließlich wollte er dem Verlangen, das ihn zur Frau d'Aiglemont zog,
widerstehen; aber er ging dennoch hin. Es gibt Gedanken, denen wir
gehorchen, ohne sie selbst zu kennen: sie sind, uns unbewußt, in uns.
Obwohl diese Betrachtung mehr paradox als wahr erscheinen mag, wird doch
jeder ehrliche Mensch in seinem Leben tausend Beweise dafür finden. Als
Karl sich zur Marquise begab, gehorchte er einem solchen Gedanken des
Unbewußtseins, und was unser Geist später daraus macht, ist nichts
weiter als die vorherbestimmte, im Keim gelegene Entwicklung.
Eine Frau von dreißig Jahren hat unwiderstehliche Reize für einen jungen
Mann. Es gibt nichts Natürlicheres, nichts stärker Verschlungenes,
nichts besser Vorbereitetes, als die tiefe Liebe zwischen einer Frau wie
die Marquise und einem Manne wie Vandenesse -- eine Liebe, für die es in
der Welt unendlich viele Beispiele gibt. Ein junges Mädchen hat zu viele
Illusionen, ist zu unerfahren, der Geschlechtstrieb ist noch zu sehr mit
ihrer Liebe verwoben, als daß ein junger Mann sich geschmeichelt fühlen
könnte, von ihr geliebt zu sein; während eine Frau die ganze Tragweite
der Opfer kennt, die darzubringen sind. Da, wo die eine sich von der
Neugierde, von einer Lockung, die mit Liebe nichts gemein hat, hinreißen
läßt, gehorcht die andere einem Gefühl, über das sie sich vollkommen
klar ist. Ist eine solche Wahl nicht etwas höchst Schmeichelhaftes? Die
erfahrene Frau, die mit einem fast immer mit Leid und Unglück teuer
bezahlten Wissen gewappnet ist, scheint mehr zu geben als sich selbst;
während das junge unwissende und leichtgläubige Mädchen nichts weiß und
daher auch keinen Vergleich anstellen, Wert und Unwert nicht abschätzen
kann; es nimmt die Liebe hin und widmet sich erst ihrem Studium. Die
eine belehrt uns, gibt uns Ratschläge und hat das Alter, wo man sich
gern leiten läßt, wo Gehorchen ein Vergnügen ist; die andere will erst
alles lernen und zeigt sich naiv, wo jene zärtlich ist. Diese gewährt
dir nur einen einzigen Triumph, jene aber nötigt dich zu beständigem
Kampf. Die erstere hat nur Tränen und Freuden; die letztere hat die
Wollust und die Reue. Wenn ein junges Mädchen sich zur Mätresse hergeben
soll, muß sie schon verdorben sein, und dann verläßt man sie mit
Abscheu. Eine Frau dagegen hat tausend Mittel, zugleich ihre Macht und
ihre Würde zu bewahren. Die eine unterwirft sich uns zu sehr, und man
kann sich ihr in öder Sorglosigkeit hingeben; die andere aber setzt zu
viel aufs Spiel und fordert daher tausend Metamorphosen der Liebe. Die
eine entehrt nur sich allein, die andere tötet um deinetwillen eine
ganze Familie. Das junge Mädchen besitzt nur eine einzige Koketterie und
glaubt alles gesagt zu haben, wenn sie ihr Kleid hat fallen lassen; aber
die Koketterien einer Frau sind unzählig, und sie verbirgt sich unter
tausend Schleiern; schließlich schmeichelt sie allen Eitelkeiten, und
die Unerfahrene schmeichelt nur einer.
Ferner werden bei einer Frau von dreißig Jahren Unentschlossenheit,
Entsetzen, Befürchtungen, Sorgen und Stürme entfesselt, die es in der
Liebe eines jungen Mädchens niemals gibt. Wenn eine Frau in diesem Alter
steht, verlangt sie von einem jungen Manne, daß er ihr die Achtung
wiederherstelle, die sie ihm geopfert hat; sie lebt nur für ihn,
beschäftigt sich mit seiner Zukunft, will ihm ein schönes, ein
glänzendes Leben bereiten; sie gehorcht, sie bittet und gebietet, läßt
sich herab und erhebt sich und weiß bei tausend Gelegenheiten Trost zu
schaffen, wo das junge Mädchen nichts kann als seufzen.
Schließlich kann außer allen Vorteilen ihrer Stellung die Frau von
dreißig Jahren sich auch noch zum jungen Mädchen machen, alle Rollen
spielen, schamhaft sein und sogar durch ein Unglück an Schönheit
gewinnen. Zwischen beiden besteht der unermeßliche Unterschied, der
zwischen dem Vorhergesehenen und dem Unvorhergesehenen besteht, zwischen
der Kraft und der Schwäche. Die Frau von dreißig Jahren befriedigt
alles, und das junge Mädchen muß -- sonst hört sie zu ihrer Strafe auf,
ein junges Mädchen zu sein -- immer unbefriedigt bleiben.
Diese Gedanken entwickeln sich im Herzen eines jungen Mannes und bilden
in ihm die stärkste Leidenschaft aus; denn sie vereint die durch die
Sitten künstlich geschaffenen Gefühle mit den echten Gefühlen der Natur.
Der größte und entschiedenste Schritt im Leben der Frauen ist gerade
derjenige, den die Frau immer als den unbedeutendsten ansieht. Ist sie
verheiratet, so gehört sie nicht mehr sich selbst, sie ist die Königin,
aber auch die Sklavin des häuslichen Herdes. Die weibliche Keuschheit
ist unvereinbar mit den Pflichten und Freiheiten der Welt. Die Frauen
emanzipieren heißt sie verderben. Wenn man einem Fremden das Recht
gewährt, in das Allerheilige des Haushalts einzutreten, gibt man sich
ihm damit nicht auf Gnade und Ungnade preis? Wenn eine Frau ihn dort
einführt, ist dies nicht schon ein Fehltritt oder, genau genommen, der
Anfang eines Fehltritts? Man muß wohl diese Theorie in all ihrer Strenge
gelten lassen oder die Leidenschaften für straflos erklären.
Bis auf den heutigen Tag hat die Gesellschaft in Frankreich einen
Mittelweg einzuschlagen verstanden: sie spottet, wenn daraus Unglück
entsteht. Wie die Spartaner, die nur die Ungeschicklichkeit bestraften,
scheint sie den Diebstahl zuzulassen. Aber vielleicht ist dieses System
sehr klug. Die allgemeine Verachtung bildet die schrecklichste aller
Züchtigungen, weil sie nämlich die Frau ins Herz trifft. Die Frauen
sehen darauf und müssen auch alle darauf halten, geachtet zu sein; mit
der Achtung ist ihr Leben dahin. Daher ist Achtung auch das erste, was
sie in der Liebe verlangen. Selbst die Verderbteste unter ihnen bedingt
sich vor allem Absolution für die Vergangenheit aus, ehe sie ihre
Zukunft verkauft, und versucht ihrem Geliebten begreiflich zu machen,
daß sie für unwiderstehliche Seligkeiten die Ehren daran setze, die die
Welt ihr verweigern wird.
Es gibt keine Frau, die nicht, wenn sie zum erstenmal einen jungen Mann
bei sich empfängt und mit ihm allein ist, einige solche Betrachtungen
anstellte, vor allem, wenn dieser Mann, wie Karl de Vandenesse, hübsch
oder geistreich ist. Desgleichen werden die meisten jungen Männer einige
geheime Wünsche auf einen der tausend Gedanken gründen, die die ihnen
angeborene Liebe zu schönen, geistreichen und unglücklichen Frauen, wie
Frau d'Aiglemont war, entschuldbar erscheinen läßt.
Als daher Frau Marquise Herrn de Vandenesse melden hörte, war sie
bestürzt; und er war fast befangen, trotz des sichern Auftretens, das
bei den Diplomaten gewissermaßen mit zum ganzen Menschen gehört. Aber
die Marquise nahm bald das leutselige, freundliche Wesen an, hinter dem
die Frauen gegen die Auslegung der Eitelkeit Schutz suchen. Dieses
Benehmen schließt jeden Hintergedanken aus und läßt sozusagen die
Innigkeit zu, indem es sie aber durch die Formen der Höflichkeit auf den
richtigen Grad bringt. Die Frauen halten sich dann, solange sie wollen,
in dieser zweideutigen Lage, wie auf einem Kreuzweg, der gleichzeitig
zur Achtung, zur Gleichgültigkeit, zur Befremdung oder zur Leidenschaft
führt. Nur mit dreißig Jahren kann eine Frau die mancherlei Auswege in
einer solchen Lage erkennen. Sie weiß da zu lachen, zu scherzen, ja
zärtlich zu werden, ohne sich etwas zu vergeben. Sie besitzt dann den
nötigen Takt, um bei einem Manne alle Saiten des Gefühls anzuschlagen
und die Töne zu prüfen, die sie hervorruft. Ihr Schweigen ist ebenso
gefährlich wie ihre Rede. Man kann bei einer Frau in diesem Alter nie
erraten, ob sie aufrichtig oder falsch ist, ob sie sich lustig macht
oder ob sie es mit ihren Bekenntnissen ehrlich meint. Nachdem sie dir
das Recht eingeräumt hat, mit ihr zu kämpfen, macht sie plötzlich durch
ein Wort, durch einen Blick, durch eine jener Gebärden, deren Macht sie
kennt, dem Kampf ein Ende, läßt dich sitzen und nimmt dein Geheimnis mit
sich fort. Sie hat es nun in der Hand, dich mit einem bloßen Scherzwort
zu opfern oder sich deiner ganz zu bemächtigen, sich weiter mit dir zu
befassen, in gleicher Weise beschützt durch ihre eigene Schwäche und
durch deine Kraft.
Obwohl die Marquise sich während des ersten Besuches auf diesen
neutralen Boden stellte, wußte sie dennoch ihre Frauenwürde in hohem
Grade zu bewahren. Ihre geheimen Schmerzen lagerten stets wie eine
leichte Wolke, die zum Teil die Sonne verhüllt, auf ihrer erkünstelten
Fröhlichkeit. Vandenesse ging, nachdem er in diesem Gespräch ungekannte
Genüsse gekostet hatte; aber er blieb überzeugt, die Marquise sei eine
von den Frauen, die zu erobern so große Opfer koste, daß man sich nicht
unterfangen könne, sie zu lieben.
»Es würde,« sagte er im Gehen zu sich selbst, »eine Liebe sein, deren
Ende nicht abzusehen ist -- ein Verkehr, der selbst einen ehrgeizigen
Diplomaten ermüden muß. Jedoch, wenn ich wollte ...«
Dieses fatale »Wenn ich wollte!« ist beständig das Verhängnis der
eigensinnigen Menschen. In Frankreich führt die Eigenliebe zur
Leidenschaft.
Karl kehrte zu Frau d'Aiglemont zurück und glaubte wahrzunehmen, daß sie
an seiner Unterhaltung Gefallen fände. Statt sich mit Naivität dem Glück
der Liebe zu überlassen, wollte er nun eine doppelte Rolle spielen. Er
versuchte verliebt zu erscheinen und dabei kalt den Fortgang dieses
Verhältnisses zu studieren, zugleich Liebender und Diplomat zu sein.
Allein er war edelsinnig und jung; dieses Studium mußte ihn zu einer
grenzenlosen Liebe führen; denn ob sie Verstellung übte oder sich
natürlich gab, die Marquise war immer stärker als er. So oft er von Frau
d'Aiglemont fortging, beharrte er bei seinem Mißtrauen und unterwarf die
Situationen, durch die schrittweise seine Seele hindurch müsse, einer
strengen Analyse, die seine eigentlichen Empfindungen tötete.
»Heute,« sagte er sich bei dem dritten Besuch, »hat sie mir zu verstehen
gegeben, sie sei sehr unglücklich und stände ganz allein da, sie würde
sich sehnlichst den Tod wünschen, wenn ihre Tochter nicht wäre. Sie hat
sich in eine vollendete Resignation gehüllt. Doch ich bin weder ihr
Bruder, noch ihr Beichtvater, warum hat sie mir ihren Kummer anvertraut?
Sie liebt mich.«
Zwei Tage später, als er wieder ihr Haus verließ, stellte er eine
Betrachtung über die modernen Sitten an.
»Die Liebe nimmt immer die Färbung des betreffenden Jahrhunderts an. Im
Jahre 1822 ist sie daher doktrinär. Statt sie, wie einstmals, an
Tatsachen nachzuweisen, bespricht man sie gelehrt, disputiert über sie,
macht sie zu einer Dissertation. Die Frauen sind jetzt auf dreierlei
Mittel verfallen. Erst stellen sie unsere Liebe in Zweifel und sprechen
uns die Fähigkeit ab, ebensosehr zu lieben wie sie. Koketterie!
tatsächlich herausgefordert hat die Marquise mich heute abend. Dann
stellen sie sich tiefunglücklich, um unsern natürlichen Edelsinn oder
unsere Eigenliebe wachzurufen. Schmeichelt es einem Manne nicht, als
Tröster in einem großen Unglück aufzutreten? Endlich haben sie noch die
Manie der Jungfräulichkeit. Und sie hat wirklich glauben müssen, ich
hielte sie für uneingeweiht. Mein guter Glaube in diesem Punkte kann
eine ausgezeichnete Spekulation werden.«
Aber eines Tages war Karl am Ende mit seinen mißtrauischen Gedanken und
fragte sich, ob die Marquise nicht doch aufrichtig sei, ob so viel Leid
gespielt sein könne, und warum sie Resignation heucheln solle? Sie lebte
in tiefer Einsamkeit und verzehrte sich in schweigendem Kummer, den sie
kaum einmal durch den mehr oder minder gepreßten Ton eines Ausrufs
verriet.
Von diesem Augenblick an hegte Karl ein lebhaftes Interesse für Frau
d'Aiglemont. Aber als er zu der gewohnten Zusammenkunft ging, die ihnen
beiden nun zur Notwendigkeit geworden war und für die sie infolge eines
wechselseitigen Instinkts eine Stunde frei hielten, fand Vandenesse
seine Geliebte noch immer mehr gewandt als wahr, und sein letztes Wort
war: »Entschieden ist dieses Weib raffiniert.«
Er trat ein, fand die Marquise in ihrer Lieblingshaltung -- einer
Haltung voll Melancholie; sie schlug die Augen zu ihm auf, ohne sich zu
bewegen, und warf ihm einen jener vollen Blicke zu, die einem Lächeln
gleichen. Frau d'Aiglemont ließ Vertrauen, ja wahre Freundschaft
erkennen -- doch nichts von Liebe. Karl setzte sich und konnte nichts
sagen. Er war ergriffen von einer jener Aufregungen, für die es keine
Sprache gibt.
»Was haben Sie?« fragte sie ihn in zärtlichem Tone.
»Nichts ... doch,« sagte er, »ich denke an etwas, womit Sie sich noch
gar nicht beschäftigt haben.«
»Das wäre?«
»Aber der Kongreß ist ja beendet.«
»Ah,« antwortete sie, »Sie sollten also zum Kongreß gehen.«
Eine direkte Antwort wäre das beredteste, zarteste Geständnis gewesen;
doch Karl gab sie nicht. Das Gesicht der Frau d'Aiglemont verriet eine
so aufrichtige Freundschaft, daß daran alle Berechnungen der Eitelkeit,
alle Hoffnungen der Liebe, aller Argwohn der Diplomatie scheiterten. Sie
ahnte nicht oder schien es doch durchaus nicht zu ahnen, daß sie geliebt
sei; und als Karl, ganz verwirrt, sich in Schweigen hüllte, mußte er
sich gestehen, nichts gesagt und nichts getan zu haben, was sie zu
diesem Glauben berechtigt hätte.
Herr de Vandenesse fand an diesem ganzen Abend die Marquise nur so, wie
sie stets gewesen war, einfach und freundlich, aufrichtig in ihrem
Schmerz, glücklich, einen Freund zu haben, stolz, einer Seele zu
begegnen, die die ihrige verstände; darüber ging sie nicht hinaus und
schien es für unmöglich zu halten, daß eine Frau sich zweimal verlieben
könne; aber sie hatte die Liebe kennen gelernt und bewahrte sie noch
blutend in der Tiefe ihres Herzens; sie glaubte nicht daran, daß das
Glück zweimal einer Frau seinen berauschenden Trank kredenzen könne;
denn sie glaubte nicht allein an den Geist, sondern an die Seele; und
für sie war die Liebe an sich kein Mittel zur Verführung, gestattete
aber die Entfaltung aller edlen Verführungskünste.
In diesem Augenblick wurde Karl de Vandenesse wieder junger Mann, der
Glanz eines so erhabenen Charakters zwang ihn ins Joch, und er wollte in
alle Geheimnisse dieses mehr durch den Zufall als durch einen Fehltritt
vernichteten Lebens eingeweiht sein. Frau d'Aiglemont warf ihrem Freunde
nur einen Blick zu, als sie ihn um Aufklärung über das Übermaß von Leid
bitten hörte, das ihrer Schönheit alle Harmonien der Traurigkeit
verleihe; aber dieser tiefe Blick war wie das Siegel zu einem
feierlichen Vertrag.
»Stellen Sie mir keine ähnlichen Fragen mehr,« sagte sie. »Vier Jahre
ist's her, da starb an einem ähnlichen Tage der, der mich liebte, der
einzige Mann, für dessen Glück ich alles, ja die Achtung vor mir selbst
geopfert hätte -- er starb, um mir die Ehre zu retten. Diese Liebe
endete jung, rein und in der Fülle ihrer Illusionen. Ehe ich mich einer
Leidenschaft hingab, zu der ein beispielloses Verhängnis mich trieb,
ließ ich mich verführen durch das, was so viele junge Mädchen zugrunde
richtet, durch einen Mann, der eine Null ist, aber ein liebenswürdiges
Auftreten hat. Die Ehe entblätterte meine Hoffnungen eine nach der
andern. Heute habe ich das legitime Glück und auch das Glück, das man
das strafbare nennt, verloren, und das Glück an sich überhaupt nicht
kennen gelernt. Es bleibt nichts mehr für mich übrig. Wenn ich nicht zu
sterben verstanden habe, so muß ich zum mindesten meinen Erinnerungen
treu bleiben.«
Bei diesen Worten weinte sie nicht, sie schlug die Augen nieder und
verrenkte kaum merklich die Finger, die sie in ihrer gewohnten Gebärde
aufeinandergesetzt hatte. Dies wurde schlicht hingesprochen, aber der
Klang ihrer Stimme war der Klang einer Verzweiflung, die ebenso tief
war, wie ihre Liebe zu sein schien, und raubte Karl alle Hoffnung.
Dieses furchtbare Dasein, in drei Sätzen beschrieben, und durch das
Ringen einer Hand erläutert, dieser starke Schmerz in einer schwachen
Frau, dieser Abgrund in einem hübschen Kopfe, endlich die Schwermut und
die Tränen einer vierjährigen Trauer bezauberten Vandenesse, der
schweigend und klein vor dieser großen, edlen Frau stand. Er sah nicht
mehr die so erlesenen, vollendeten, materiellen Schönheiten, sondern nur
die so überaus feinfühlende Seele. Endlich begegnete er hier dem idealen
Wesen, das der phantastische Traum, die gewaltige Sehnsucht aller derer
ist, die ihr Leben in eine einzige Leidenschaft setzen, sie mit Inbrunst
suchen und oft sterben, ohne alle diese erträumten Schätze genossen zu
haben.
Gegenüber solcher Sprache und solcher erhabenen Schönheit fand Karl
seine Ideen eng und beschränkt. In seinem Unvermögen, seine Worte der
Hoheit dieser zugleich so einfachen und so erhabenen Szene anzupassen,
antwortete er mit Gemeinplätzen über das Schicksal der Frauen.
»Gnädige, man muß seine Schmerzen zu vergessen wissen oder sich ein Grab
graben.«
Aber vor dem Gefühl steht die trockene Vernunft immer kläglich da, die
eine ist natürlich begrenzt, wie alles Positive, und das andere ist
unbegrenzt. Die Vernunft walten zu lassen, wo Gefühl hingehört, ist die
Eigentümlichkeit der Seelen ohne Schwung. Vandenesse schwieg daher,
betrachtete lange Frau d'Aiglemont und ging dann. Eine Beute neuer
Ideen, die ihm diese Frau immer größer erscheinen ließen, glich er einem
Maler, der etwa die gewöhnlichen Modelle seines Ateliers zum Typus
genommen hat und nun plötzlich die Mnemosyne des Museums erblickt, die
schönste und am wenigsten geschätzte Statue des Altertums.
Karl war aufs tiefste bezaubert. Er liebte Frau d'Aiglemont mit der
Ehrlichkeit der Liebe, mit der Inbrunst, die der ersten Leidenschaft
eine unsagbare Anmut, eine Lauterkeit verleiht, von der der Mann, wenn
er später noch einmal liebt, immer nur Bruchstücke wiederfindet:
wonnevolle Leidenschaften, von den Frauen, die sie hervorgerufen haben,
fast immer mit Wonne genossen, weil sie in dem schönen Alter von dreißig
Jahren, dem Höhepunkt der Poesie des Frauenlebens, den Verlauf solcher
Leidenschaften voll überschauen können, und ihr Blick in die Zukunft
ebenso sicher ist wie der in die Vergangenheit. Die Frauen kennen dann
den ganzen Wert der Liebe und erfreuen sich ihrer in der ständigen
Furcht, sie zu verlieren: Ihre Seele hat dann noch all das Jugendschöne,
das sie zu verlieren beginnen, und ihre Leidenschaft holt sich immer
neue Kraft an der Betrachtung einer Zukunft, vor der ihnen graut.
»Ich liebe,« sagte de Vandenesse diesmal, als er die Marquise verließ,
»und nun finde ich zu meinem Unglück eine Frau, die an Erinnerungen
hängt. Es hält schwer, gegen einen Toten anzukämpfen, der nicht mehr da
ist, der keine Dummheiten machen kann, der nie Mißfallen erregt und an
dem man nur die guten Eigenschaften sieht. Soll man versuchen, den in
der Erinnerung fortlebenden Zauber und die Hoffnungen zu vernichten, die
einen verlorenen Geliebten überdauert haben, gerade weil er nur Wünsche
erweckt hat? Ebensogut könnte man versuchen, die Vollkommenheit selbst
von ihrem Throne zu stoßen. Denn sind nicht die Wünsche allein das
Schönste, das Verführerischste an der ganzen Liebe?«
Diese traurige Betrachtung entsprang der Mutlosigkeit, der Furcht, keine
Erfolge zu haben -- ein Gefühl, mit dem alle wahren Leidenschaften
beginnen. Sie war die letzte Berechnung seiner Diplomatie, die hiermit
auf diesem Gebiete ihren Geist aufgab. Von nun ab hatte er keine
Hintergedanken mehr, er wurde zum Spielball seiner Liebe und verlor sich
im Nichts jenes unerklärlichen Glücks, das an einem Wort, einem
Schweigen, einer unklaren Hoffnung Genüge findet.
Er wollte platonisch lieben, kam alle Tage, mit Frau d'Aiglemont die
gleiche Luft zu atmen, nistete sich fast in ihrem Hause ein und
begleitete sie überall hin, mit der Tyrannei einer Leidenschaft, die der
blindesten Ergebenheit den Egoismus beimischt. Die Liebe hat ihren
Instinkt, sie weiß den Weg zum Herzen zu finden, wie das schwächste
Insekt auf seine Blume zugeht, mit einem unwiderstehlichen Willen, der
vor nichts zurückschreckt. Wenn ein Gefühl wahr ist, so ist daher auch
sein Schicksal nicht zweifelhaft. Muß nicht eine Frau in größte Angst
versetzt werden, wenn sich der Gedanke bei ihr einstellt, daß ihr Leben
davon abhängt, ob ihr Geliebter mehr oder weniger Wahrheit, Kraft und
Ausdauer in seiner Liebe beweisen wird?
Einer Frau, einer Gattin und Mutter ist es nun unmöglich, sich gegen die
Liebe eines jungen Mannes zu schützen; das einzige Mittel, das in ihrer
Macht steht, ist, ihn von dem Augenblick an, wo sie dieses Geheimnis des
Herzens errät -- und das errät eine Frau immer -- nicht mehr zu
empfangen. Allein dieser Entschluß scheint zu entscheidend zu sein, als
daß eine Frau ihn noch in einem Alter fassen könnte, wo die Ehe sie
bedrückt, langweilt oder gleichgültig macht, wo die eheliche Liebe nur
noch lau ist und der Mann ihr am Ende gar schon untreu geworden ist.
Sind die Frauen häßlich, so schmeichelt ihnen eine Leidenschaft, die sie
auf eine Stufe mit den schönen stellt; sind sie jung und reizend, so muß
die Verführung auf sie im selben Grade wirken, wie sie selbst
verführerisch sind, nämlich sehr stark; sind sie tugendhaft, so ist das
Gefühl ja doch himmlisch, obzwar von dieser Welt, und das läßt sie
gerade in der Größe der Opfer, die sie ihrem Geliebten bringen, und in
dem Ruhm eines so schweren Kampfes allein schon eine gewisse Absolution
erblicken. Alles ist ein Fallstrick. Daher ist auch keine Lehre stark
genug, gegen diese starke Verführung etwas zu vermögen. Die
Abschließung, die ehemals in Griechenland und im Orient für die Frau
Gesetz war und die in England jetzt Mode wird, ist der einzige Schutz
für die häßliche Moral; aber unter der Herrschaft dieses Systems gehen
alle Annehmlichkeiten der Welt zugrunde. Die Geselligkeit, die Feinheit
und Vornehmheit der Sitten sind nicht mehr möglich. Die Nationen werden
ihre Wahl zu treffen haben.
So fand denn einige Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen mit
Vandenesse Frau d'Aiglemont ihr Leben eng mit dem des jungen Mannes
verschlungen; sie wunderte sich darüber, ohne sonderlich betroffen zu
sein, ja sie fand fast ein gewisses Vergnügen daran, seine Geschmäcker
und Gedanken zu teilen. Hatte sie die Denkweise de Vandenesses
angenommen, oder hatte Vandenesse sich ihre kleinsten Launen angeeignet?
Sie stellte keine Untersuchung an. Schon von dem Strom seiner
Leidenschaft mit fortgerissen, sagte sich diese bewundernswerte Frau in
der trügerischen Zuversicht der Furcht:
»O nein! Ich werde dem die Treue bewahren, der für mich gestorben ist.«
Pascal hat gesagt: »An Gott zweifeln, heißt schon an ihn glauben.«
Ebenso sträubt sich eine Frau gar nicht -- oder sie ist eben schon
verliebt. An dem Tage, wo die Marquise sich eingestand, sie werde
geliebt, war es mit ihr auch schon soweit, daß sie zwischen tausend
widersprechenden Gefühlen hin und her trieb. Der Aberglaube der
Erfahrung redete seine Sprache. Würde sie glücklich sein? Könnte sie das
Glück finden außerhalb der Gesetze, die die Gesellschaft, ob zu Recht
oder zu Unrecht, als ihre Moral aufgestellt hat? Bisher hatte das Leben
nur Bitterkeit über sie ausgeschüttet. Konnte es denn zwischen zwei
Wesen, die durch die gesellschaftlichen Anstandsregeln voneinander
getrennt waren, innerhalb der Grenzen, in denen ihr Verhältnis bleiben
müßte, zu einem Glücke kommen? Doch wiederum, wird das Glück jemals zu
teuer bezahlt? Und dann ist das Glück, das so heiß ersehnt wird, das zu
suchen so natürlich ist, vielleicht hier endlich einmal gefunden?
Ein seltsames Zusammentreffen findet sich immer ein, die Sache der
Liebenden zu fördern. Während sie diese geheimen Betrachtungen
anstellte, kam Vandenesse. Seine Gegenwart verscheuchte das
metaphysische Phantom der Vernünftelei. Solcher Art sind die Wandlungen,
die bei einem jungen Manne und einer jungen Frau von dreißig Jahren
selbst eine rasche, stürmische Liebe durchmachen muß, aber es kommt
immer zu einem Augenblick, wo die Wolken verschwinden, wo die
Vernunftgründe zu einem einzigen, letzten Gedanken zusammenschrumpfen,
der sich mit einer Begierde vermischt und ihr Nachdruck verleiht.
Je länger der Widerstand gewesen ist, um so mächtiger ist dann die
Stimme der Liebe. Hier also endet diese Betrachtung oder vielmehr --
wenn es erlaubt ist, der Malkunst einen ihrer pittoresken Ausdrücke zu
entlehnen -- diese »am bloßgelegten Muskel« gemachte Studie. (Denn diese
Geschichte legt mehr die Gefahren und den Mechanismus der Liebe
auseinander, als daß sie sie darstellt.) Aber von diesem Augenblick an
verlieh jeder Tag diesem Skelett neue Farben, bekleidete es mit der
Anmut der Jugend, gab daran dem Fleisch und den Bewegungen Leben und
flößte ihm den Glanz, die Schönheit des Empfindens und die Reize des
Lebens ein.
Karl fand Frau d'Aiglemont nachdenklich, und fragte sie in bebendem
Tone, dem die süße Magie des Herzens besondere Eindringlichkeit verlieh:
»Was ist Ihnen denn?« -- Doch sie hütete sich, zu antworten. Diese
köstliche Frage verriet eine vollkommene Übereinstimmung der Seelen; und
in dem wunderbaren Instinkt des Weibes begriff die Marquise, daß sie in
gewissem Sinne ein Entgegenkommen zeigen würde, wenn sie jetzt Klagen
anstimmte oder ihrem Unglück Ausdruck verlieh. Und wenn schon jedes
dieser Worte eine von allen beiden verstandene Bedeutung hatte, stand
sie da nicht schon mit einem Fuß im Abgrund? Sie las mit scharfem,
klarem Blick in ihrem Innern und schwieg, Vandenesse folgte ihrem
Beispiel und schwieg auch.
»Ich bin leidend,« sagte sie endlich, voll Schrecken über die hohe
Bedeutung eines Augenblicks, wo die Sprache der Augen vollständig die
Rede ersetzte, zu der beide nicht fähig waren.
»Gnädige Frau,« antwortete Karl in liebenswürdigem Tone, dem man aber
trotzdem seine heftige Erregung anhörte, »Seele und Leib, alles hängt
zusammen. Wenn Sie glücklich wären, würden sie jung und frisch sein.
Warum weigern Sie sich, von der Liebe alles das zurückzuverlangen,
dessen die Liebe Sie beraubt hat? Sie glauben, das Leben sei mit dem
Augenblick zu Ende, wo es, für Sie, erst anfängt. Vertrauen Sie sich
der Pflege eines Freundes an. Es ist so süß, geliebt zu sein.«
»Ich bin schon alt,« sagte sie, »nichts würde mich also entschuldigen,
wollte ich aufhören zu leiden, wie bisher. Übrigens, lieben müsse man,
sagen Sie? Nun wohl, das darf ich nicht und kann ich auch nicht. Außer
Ihnen, dessen Freundschaft ein wenig Freude in mein Dasein bringt,
gefällt mir kein Mensch, wäre kein Mensch imstande, meine Erinnerungen
auszulöschen. Einen Freund nehme ich an, einen Verehrer würde ich
fliehen. Und wäre es auch edel von mir, ein welkes Herz gegen ein junges
einzutauschen, Illusionen anzunehmen, die ich nicht mehr teilen kann,
ein Glück entstehen zu lassen, an das ich nicht glauben oder um dessen
Verlust ich beständig zittern würde? Ich würde auf Ergebenheit
vielleicht mit Egoismus antworten, ich würde berechnen, wo der andere
fühlt; meine Erinnerungen würden beständig der Lebendigkeit seiner
Freude im Wege sein. Nein, sehen Sie, für eine erste Liebe gibt es
niemals Ersatz. Und schließlich, welcher Mann würde zu solchem Preise
mein Herz haben wollen?«
Diese Worte, voll grausamer Koketterie, waren der letzte Versuch der
Klugheit.
»Wenn er den Mut verliert, gut, dann bleibe ich allein und treu.« Dieser
Gedanke regte sich im Herzen der jungen Frau und war für sie dasselbe,
was der zu schwache Zweig einer Weide ist, den ein Schwimmer ergreift,
ehe er sich vom Strom wegreißen läßt.
Als Vandenesse diesen Einspruch hörte, zitterte er unwillkürlich, und
dieses Beben wirkte mächtiger auf das Herz der Marquise ein, als seine
Aufmerksamkeiten bisher. Was rührt denn die Frauen am meisten? Wenn sie
in uns ein ebenso starkes Feingefühl, ebenso erlesene Empfindungen
entdecken, als die ihren sind. Die unwillkürliche Bewegung Karls verriet
eine wahre Liebe. Die Stärke seiner Liebe erkannte Frau d'Aiglemont an
der Stärke seines Schmerzes.
Der junge Mann antwortete kalt:
»Sie haben vielleicht recht. Neue Liebe, neuer Kummer.«
Dann gab er dem Gespräch eine andere Wendung und plauderte von
gleichgültigen Dingen. Aber er war sichtlich ergriffen und betrachtete
Frau d'Aiglemont mit gespannter Aufmerksamkeit, als wenn er sie zum
letzten Male sähe. Endlich verließ er sie, indem er mit Bewegung zu ihr
sagte:
»Leben Sie wohl, gnädige Frau.«
»Auf Wiedersehen,« sagte sie mit jener feinen Koketterie, deren
Geheimnis nur Frauen ersten Ranges besitzen.
Er antwortete nicht und ging.
Als Karl nicht mehr da war, als sein leerer Stuhl für ihn sprach,
empfand sie tausendfaches Bedauern und fühlte sich im Unrecht. In dem
Augenblick, wo eine Frau unedel gehandelt oder eine edle Seele verletzt
zu haben glaubt, macht die Liebe in ihr einen riesigen Fortschritt. Vor
bösen Gefühlen in der Liebe braucht man niemals Angst zu haben; sie sind
sehr heilsam. Immer nur eine Tugend ist's, was die Frauen zu Fall
bringt. »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert,« das ist
durchaus nicht bloß ein Paradoxon der Kanzel.
Ein paar Tage lang ließ Vandenesse sich nicht sehen. An jedem Abend
erwartete die Marquise ihn zu der gewohnten Besuchsstunde mit reuevoller
Ungeduld. Schreiben wäre ein Geständnis gewesen; und dann sagte ihr
auch ihr Instinkt, er werde wiederkommen. Am sechsten Tage meldete der
Kammerdiener ihn an. Niemals zuvor hatte sie diesen Namen mit so großer
Freude nennen hören. Sie erschrak über diese Freude.
»Sie haben mich recht schwer bestraft,« sagte sie zu ihm.
Vandenesse sah sie verblüfft an.
»Bestraft?« fragte er. »Und wofür?«
Karl verstand die Marquise sehr wohl; aber da sie ahnte, welche Leiden
sie ihm verursacht hatte, wollte er sich im selben Augenblick dafür an
ihr rächen.
»Warum haben Sie mich nicht besucht?« fragte sie lächelnd.
»Es ist also niemand bei Ihnen gewesen?« sagte er, um keine unmittelbare
Antwort zu geben.
»Herr de Ronquerolles und Herr de Marsay, ferner der kleine d'Escrignon
sind hier gewesen, die einen gestern, der andere heute mittag, gegen
zwei Uhr. Ich glaube, ich habe auch Frau Firmiani und Ihre Schwester
gesehen, Madame de Listomere.«
Ein neues Leiden! ein Schmerz, der unbegreiflich ist für alle, die nicht
mit überwältigendem und wildem Despotismus lieben; denn für solch einen
Liebenden führt das geringste zu ungeheuerlicher Eifersucht, zu dem
beständigen Wunsche, das geliebte Wesen allen Einflüssen zu entziehen,
die nichts mit seiner Liebe zu tun haben.
»Was?« dachte Vandenesse bei sich. »Sie hat zufriedene Menschen gesehen
und bei sich empfangen, hat mit ihnen gesprochen, während ich einsam und
unglücklich war!«
Er begrub seinen Schmerz und versenkte seine Liebe im Grunde seines
Herzens, wie man einen Sarg ins Meer versenkt. Seine Gedanken waren von
der Art, die man nicht ausspricht, sie hatten die rasche Wirkung jener
Säuren, die, so schnell sie sich verflüchtigen, doch töten. Inzwischen
bewölkte sich seine Stirn, und Frau d'Aiglemont gehorchte dem weiblichen
Instinkt, indem sie diese Traurigkeit teilte, ohne daß sie sie verstand.
Es war nicht ihre Schuld, wenn sie Leid verursachte, und Vandenesse
begriff das.
Er sprach von seinem Zustand und seiner Eifersucht, als wenn dies eine
der Hypothesen wäre, über die ein Liebespaar immer gerne spricht. Die
Marquise verstand alles und wurde jetzt so innig gerührt, daß sie die
Tränen nicht zurückhalten konnte.
Mit diesem Augenblick traten sie in den Himmel der Liebe ein. Der Himmel
und die Hölle sind zwei große Gedichte und bilden die beiden einzigen
Punkte, um die sich unser Leben dreht: die Freude oder der Schmerz. Was
ist denn der Himmel, und was wird er ewig sein? Ein Abbild der
unendlichen Fülle unserer Freuden, die stets nur in ihren Einzelheiten
dargestellt werden können, weil das Glück ein einziges Ganzes ist. Und
die Hölle? Stellt sie nicht die unendlichen Qualen unserer Schmerzen
dar, aus denen wir nur deshalb ein Werk der Poesie machen können, weil
sie alle einander unähnlich sind?
Eines Abends saßen die beiden Liebenden allein und schweigend
nebeneinander. Sie betrachteten eine der schönsten Phasen des
Firmaments, einen jener reinen Himmel, die letzten Strahlen der
untergehenden Sonne mit Tinten von Gold und Purpur bekleiden. Um diese
Zeit des Tages scheint das langsame Abnehmen des Lichts süße
Empfindungen zu erwecken; unsere Leidenschaften regen sich leise, und
wir fühlen wonnevoll eine gewisse Aufregung inmitten der Stille.
Die Natur zeigt uns das Glück an unbestimmten Bildern. Ist es uns nahe,
so scheint sie uns aufzufordern, es zu genießen. Hat es uns geflohen, so
versetzt sie uns in die Stimmung, daß wir es betrauern. In diesen
bezaubernden Augenblicken, unter dem Baldachin dieses Lichtes, dessen
zarte Harmonien zu intimen Reizen zusammenfließen, ist es schwer, den
Stimmen des Herzens zu widerstehen, denen dann so viel Zauberkraft
innewohnt. Dann läßt der Kummer nach, die Freude berauscht, und der
Schmerz wird so schwer, daß man ihn endlich abwerfen möchte. Die Pracht
des Abends ist das Zeichen für Liebeserklärungen und fordert dazu
heraus. Das Schweigen wird gefährlicher als die Rede, denn es teilt dem
Auge die ganze Gewalt des unendlichen Himmels mit, der sich in ihm
spiegelt. Wenn man spricht, so besitzt das geringste Wort eine
unwiderstehliche Kraft. Ist dann nicht auch Licht in der Stimme, Purpur
im Blick? Ist nicht der Himmel gleichsam in uns, oder dünkt es uns
nicht, im Himmel zu sein?
Vandenesse und Julie -- denn seit einigen Tagen ließ sie sich so
vertraulich nennen, während es ihr gefiel, ihn Karl zu nennen --
Vandenesse und Julie sprachen miteinander; aber der primitive Gegenstand
ihres Gesprächs war ihnen ganz fern; sie wußten kaum noch, was ihre
Worte für Sinn hätten -- dafür lauschte sie mit um so größerer Wonne den
geheimen Gedanken, die sich hinter diesen Worten versteckten. Die Hand
der Marquise lag in der Vandenesses, und sie überließ sie ihm, ohne zu
glauben, daß dies eine Gunstbezeugung wäre.
Sie neigten sich vor und sahen auf eine jener majestätischen
Landschaften voller Schnee, Gletscher und grauen Schatten, die die
Flanken phantastischer Berge färben -- eines jener Gemälde mit schroffen
Gegensätzen zwischen den roten und schwarzen Tönen, die den Himmel mit
einer unnachahmlichen Poesie von kurzer Dauer schmücken, mit prächtigen
Streifen, in denen die Sonne noch einmal auflebt -- ein schönes
Leichentuch, in das sie sich sterbend hüllt.
In diesem Augenblick streiften Juliens Haare leicht Vandenesses Wange.
Sie fühlte diese kaum merkliche Berührung, sie zitterte heftig, und er
noch mehr. Denn alle beide waren allmählich zu einem jener
unerklärlichen Höhepunkte gelangt, wo, sofern das Herz bereits der
Melancholie überliefert oder aber in den Strudel der Liebe geraten ist,
die Stille ringsum den Sinnen ein so feines Tastgefühl verleiht, daß der
schwächste Anstoß Tränen hervorruft oder die Schwermut entfesselt.
Julie drückte fast unwillkürlich die Hand ihres Freundes. Dieser
vielsagende Druck flößte dem zaghaften Liebhaber Mut ein. Die Freuden
dieses Augenblicks und die Hoffnungen auf die Zukunft, alles floß in
eine Regung zusammen -- in die der ersten Liebkosung, des keuschen,
bescheidenen Kusses, den Frau d'Aiglemont der Wange rauben ließ. So
gering die Gunst war, um so mächtiger, um so gefährlicher wurde sie. Zu
ihrem Unglück war dabei kein Schein und keine Falschheit im Spiele. Es
war ein Austausch zweier schönen Seelen, die durch das sogenannte Gesetz
getrennt waren und durch alles, was die Natur an Verführerischem
besitzt, vereint wurden.
In diesem Augenblick trat General d'Aiglemont ein.
»Wir haben ein anderes Ministerium bekommen,« sagte er. »Ihr Oheim
gehört zum neuen Kabinett. Sie haben also gute Aussicht, Gesandter zu
werden, Vandenesse.«
Karl und Julie sahen sich errötend an. Dieses gegenseitige Schamgefühl
war nur ein neues Band. Beide hatten den gleichen Gedanken -- die
gleichen Gewissensbisse: ein furchtbares Band zwischen zwei Liebenden,
die eines Kusses schuldig sind, ganz ebenso stark wie zwischen zwei
Räubern, die gemeinsam einen Menschen umgebracht haben. Doch der Marquis
mußte eine Antwort haben.
»Ich will nicht mehr aus Paris fort,« sagte Karl de Vandenesse.
»Wir wissen, weshalb,« versetzte der General und tat ganz besonders
schlau, wie jemand, der ein großes Geheimnis entdeckt. »Sie wollen nicht
von Ihrem Onkel lassen -- er soll Sie zum Erben seiner Pairswürde
ernennen.«
Die Marquise flüchtete in ihr Zimmer und sprach über ihren Gatten das
furchtbare Wort:
»Er ist doch wirklich zu einfältig!«
4. Kapitel.
Der Finger Gottes.
Zwischen der Barrière d'Italie und der Barrière de la Santé hat man auf
dem innern Boulevard, der zum Botanischen Garten führt, eine Aussicht,
die den Künstler und selbst den von Augenweiden aller Art übersättigten
Reisenden entzücken muß. Wenn man eine mäßige Anhöhe erreicht hat, von
der aus sich der Boulevard im Schatten seiner hohen dichten Bäume wie
ein grüner, stiller Waldweg anmutig hinzieht, sieht man zu seinen Füßen
ein tiefes, von ländlichen Gebäuden erfülltes, mit lichtem Grün besätes,
von den braunen Wässern der Bièvre und der Gobelins durchströmtes Tal.
Am gegenüberliegenden Abhange umfassen ein paar tausend Dächer,
aneinandergedrängt wie die Köpfe einer Menge, das Elend des Faubourgs
Saint-Marceau. Die prächtige Kuppel des Pantheons, der düstere,
schwermütige Dom des Val-de-Grâce beherrschen stolz eine ganze
amphitheatralisch aufgebaute Stadt, deren Terrassen von den gewundenen
Straßen eigenartig umrissen werden. Von dort aus erscheinen die
Proportionen der beiden Bauwerke riesenhaft; hoch überragen sie nicht
nur die baufälligen Häuser, sondern auch die Wipfel der höchsten Pappeln
des Tales. Zur Linken erscheint wie ein schwarzes, hageres Gespenst die
Sternwarte, und durch ihre Fenster und Galerien scheint das Licht
hindurch, phantastische Bilder hervorrufend.
In weiterer Ferne leuchtet der elegante durchbrochene Turm der
Invalidenkirche zwischen den bläulichen Baummassen des Luxembourgparks
und den grauen Türmen von Saint-Sulpice. Von dort gesehen, vermischen
sich die Umrisse dieser Bauwerke mit Laubwerk und mit Schatten und sind
den Launen des Himmels unterworfen, der unaufhörlich Farbe, Licht und
Aussehen wechselt. Fern von dir türmen sich Gebäude in die Luft; in
deiner Nähe schlängeln sich wogende Bäume und ländliche Pfade. Rechts
siehst du durch einen breiten Einschnitt in dieser einzigartigen
Landschaft die lange, blanke Fläche des Sankt Martinkanals, von roten
Steinen eingefaßt, geschmückt mit Lindenbäumen, umrahmt von den im
echten romanischen Stil gehaltenen Bauten der zahlreichen Speicher.
Dort verlieren sich auch die dunstigen Hügel von Belleville, bestanden
von Häusern und Mühlen, mit ihren Geländewellen in den Wolken.
Aber zwischen der Reihe von Dächern, die das Tal umrahmen, und dem
Horizont, der ebenso undeutlich ist wie eine Erinnerung aus der
Kindheit, liegt eine Stadt, die du nicht sehen kannst -- eine ungeheure
Stadt, versunken in einen Abgrund zwischen der Höhe, auf der das
»Hospital zur Pietät« liegt, und dem Gipfel, der den Ostkirchhof trägt,
also gewissermaßen zwischen dem Leiden und dem Tode. Sie läßt ein
dumpfes Brausen hören, wie der Ozean, wenn er hinter einem Felsenriff
brandet, als wolle sie dir zurufen: »Da bin ich.« Wenn die Sonne ihre
Fluten von Licht über das Antlitz von Paris ausgießt, wenn sie die
Linien der Stadt rein und flüssig erscheinen läßt, wenn sie ein paar
Fensterscheiben in Brand setzt, die Ziegel bestrahlt, die goldenen
Kreuze aufflackern läßt, die Mauern weiß färbt und die Atmosphäre zu
einem Gazeschleier verwandelt; wenn sie durch phantastische Schatten
reiche Kontraste schafft, wenn der Himmel azurblau ist und die Erde
braust und dröhnt und die Glocken reden, dann bewunderst du von dort aus
eins jener eindrucksvollen Zauberbilder, das die Phantasie niemals
vergißt, das du anbetest, das dich berauscht wie ein wundervoller
Anblick von Neapel, Stambul oder Florida. Diesem Blicke fehlt nichts zur
vollen Harmonie. Hier braust der Lärm der Welt und murmelt der Friede
der Einsamkeit -- man hört die Stimmen von Millionen von Menschen und
auch die Stimme Gottes. Dort liegt eine Weltstadt unter den friedlichen
Zypressen des Père-Lachaise gebettet.
An einem Frühlingsmorgen, zur Zeit, als die Sonne alle Schönheiten
dieser Landschaft erglänzen ließ, habe ich sie bewundert, gelehnt an
eine große Ulme, die ihre gelben Blüten dem Winde gab. Im Anblick dieser
reichen, erhabenen Bilder dachte ich mit Bitterkeit an die
Geringschätzung, die wir bis in unsere Bücher hinein gegen unser
Vaterland von heute bekunden. Ich verwünschte die armen Reichen, die,
unseres schönen Frankreichs überdrüssig, für Geld sich das Recht
erkaufen, ihr Vaterland zu verachten, im Galopp zu reisen und durch ein
Lorgnon die Gegenden Italiens betrachten, das jetzt schon »jeder
Schuster« kennt. Ich betrachtete mit Liebe das moderne Paris, ich
träumte, als plötzlich das Geräusch eines Kusses meine Einsamkeit störte
und die Philosophie zum Teufel jagte.
In der Seitenallee, entlang dem steilen Abhang, an dessen Fuß das Wasser
hinströmt, gewahrte ich eine Frau, die mir noch ziemlich jung erschien.
Sie war einfach und doch höchst elegant gekleidet, und ihr sanftes
Gesicht schien vom heiteren Glück der Landschaft widerzustrahlen. Ein
schöner junger Mann setzte den hübschesten kleinen Jungen, den man sehen
kann, auf die Erde, so daß ich niemals habe erfahren können, ob der Kuß
auf der Wange der Mutter oder des Kindes erklungen war.
Ein und derselbe zarte, lebhafte Sinn leuchtete in den Augen, den
Gebärden, dem Lächeln dieser beiden jungen Leute. Sie reichten sich den
Arm in so glücklichem Einvernehmen und näherten sich in einem so
wunderbaren Gleichmaß der Bewegung, daß sie, ganz in sich versunken,
meine Anwesenheit gar nicht bemerkten.
Aber ein zweites, unzufriedenes und schmollendes Kind, das ihnen den
Rücken kehrte, warf mir Blicke zu, deren Ausdruck mich seltsam
berührte. Es ließ seinen Bruder allein gehen und war bald hinter, bald
vor seiner Mutter und dem jungen Manne. Ebenso anmutig, ebenso schön wie
das andere, aber von zarten Formen, verhielt es sich stumm und steif und
machte fast den Eindruck einer in Schlaf versunkenen Schlange. Es war
ein kleines Mädchen.
Die Gangart der hübschen Frau und ihres Gefährten hatte etwas seltsam
Übereinstimmendes. Es war fast, als wenn zwei Maschinen sich bewegten,
so sehr entsprachen einander die Bewegungen der beiden. Aus
Zerstreutheit vielleicht legten sie nur die kurze Strecke zwischen der
kleinen Brücke und einem an der Biegung des Boulevards haltenden Wagen
zurück und begannen diesen Spaziergang immer von neuem, wobei sie
stehenblieben, sich ansahen und lachten, wie es die Laune eines bald
belebten, bald schmachtenden, bald ernsten, bald närrischen Gesprächs
mit sich brachte.
Verborgen hinter der großen Ulme, bewunderte ich diese reizende Szene
und würde mich sicherlich behutsam entfernt haben, wenn ich nicht auf
dem Gesicht des kleinen, träumerischen und schweigsamen Mädchens die
Spur eines über sein Alter hinausgehenden Denkens bemerkt hätte. Wenn
die Mutter der Kleinen und der junge Mann, in ihre Nähe gekommen, wieder
umdrehten, dann senkte sie oft heimlich den Kopf und warf ihnen, wie
auch ihrem Bruder, einen verstohlenen und wirklich recht seltsamen Blick
zu. Aber nichts könnte die durchdringende Verschlagenheit, die boshafte
Naivität, die wilde Aufmerksamkeit wiedergeben, die dieses Kindergesicht
mit den leichten Ringen um die Augen plötzlich belebten, sobald die
hübsche Frau oder ihr Begleiter die blonden Locken, den frischen Hals
des kleinen Jungen streichelten oder seinen weißen Kragen
zurechtstrichen, wenn er in kindlichem Eifer neben ihnen herzulaufen
versuchte.
Es sprach jedenfalls die Leidenschaft eines Erwachsenen aus dem schmalen
Gesicht dieses seltsamen Mädchens. Es war leidend oder grüblerisch
veranlagt. Und was verkündet bei diesen kaum erblühten Geschöpfen
sicherer den nahen Tod? Das im Körper steckende Leiden oder das
frühreife Grübeln, das die Seele verzehrt, die noch fast im Keim liegt?
Eine Mutter weiß das vielleicht. Ich für meinen Teil kenne nichts
Gräßlicheres als greisenhaftes Sinnen auf einer Kinderstirn. Die
Gotteslästerung auf den Lippen einer Jungfrau ist noch weniger
ungeheuerlich.
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