zuviel wurde. Ach, der Honigmond hat weder für mich noch für meine
Halstücher lange gedauert. Jetzt bin ich ganz und gar auf diese
steinalten Kammerdiener angewiesen, die mit mir umgehen, wie sie Lust
haben.«
»Hier ist ein Halstuch. Sie sind nicht in den Salon gegangen?«
»Nein.«
»Sie würden dort vielleicht Lord Grenville noch getroffen haben.«
»Ist er in Paris?«
»Augenscheinlich.«
»O, so geh ich hin -- dieser gute Doktor --«
»Aber jetzt muß er schon gegangen sein,« rief Julie.
Der Marquis stand in diesem Augenblick mitten im Zimmer seiner Frau und
wickelte sich das Tuch um den Kopf, wobei er sich wohlgefällig im
Spiegel betrachtete.
»Ich weiß gar nicht, wo unsere Leute sind,« sagte er. »Ich habe dreimal
nach Charles geklingelt -- er ist nicht gekommen. Du bist also auch ohne
deine Kammerfrau? Klingle nach ihr -- ich möchte heute nacht noch eine
Decke mehr im Bett haben.«
»Pauline ist fortgegangen,« antwortete die Marquise trocken.
»Um Mitternacht?« sagte der General.
»Ich habe ihr erlaubt, in die Oper zu gehen.«
»Sonderbar,« versetzte der Mann, indem er sich völlig entkleidete. »Mir
war doch so, als hätte ich sie die Treppe hinaufgehen sehen.«
»Dann ist sie ohne Zweifel zurückgekehrt,« sagte Julie und tat, als sei
sie dieses Gesprächs nun überdrüssig.
Um keinen Verdacht bei ihrem Gatten zu erwecken, zog die Marquise dann
die Klingel, doch ganz schwach.
Die Ereignisse dieser Nacht sind nicht vollauf bekannt geworden; aber
alle mußten ebenso einfach, doch auch ebenso entsetzlich gewesen sein --
wie es die gewöhnlichen häuslichen Vorfälle sind, die vorangegangen
waren. Am folgenden Tage legte die Marquise d'Aiglemont sich auf mehrere
Tage ins Bett.
»Was ist denn nur Außergewöhnliches bei dir geschehen, daß alle Welt von
deiner Frau spricht?« fragte Herr de Ronquerolles Herrn d'Aiglemont ein
paar Tage nach dieser an Katastrophen reichen Nacht.
»Glaube mir, bleib Junggeselle,« antwortete d'Aiglemont. »Helenens Bett
hat Feuer gefangen; meine Frau ist darüber fast zu Tode erschrocken, daß
sie nun wieder auf ein Jahr krank ist, wie der Arzt sagt. Heiratest du
eine hübsche Frau, so wird sie häßlich; heiratest du eine Frau in
blühender Gesundheit, so wird sie kränklich. Du hältst sie für
leidenschaftlich -- sie ist aber kalt. Oder aber sie ist, wenn auch
äußerlich kalt, doch so leidenschaftlich, daß sie dich umbringt oder dir
Schande macht. Bald wird das sanfteste Geschöpf eine Kratzbürste -- na,
und eine Kratzbürste wird nie wieder weich. Bald entfaltet das Kind,
das du für schwach und einfältig gehalten hast, dir gegenüber eine
eiserne Willenskraft, einen dämonischen Geist. Ich habe die Ehe satt.«
»Oder die Frau.«
»Schwer zu sagen. Übrigens, kommst du mit in die Kirche zum Heiligen
Thomas von Aquino? Ich will mir die Beerdigung Lord Grenvilles ansehen.«
»Ein sonderbarer Zeitvertreib. Aber,« fuhr Ronquerolles fort, »weiß man
genau, woran er gestorben ist?«
»Sein Kammerdiener behauptet, Mylord habe die ganze Nacht über draußen
auf einem Fenstersims sitzen müssen, um seine Geliebte nicht um die Ehre
zu bringen. Und um diese Zeit ist es verteufelt kalt gewesen!«
»Eine solche Aufopferung wäre bei uns andern, bei uns alten Praktikern
sehr anerkennenswert -- aber Lord Grenville war so jung, und -- ein
Engländer. Diese Engländer müssen immer was Apartes haben.«
»Bah!« versetzte d'Aiglemont, »solcher Heroismus hängt ganz von der
Frau ab, die ihn uns einflößt, und für meine Frau ist der arme Arthur
ganz gewiß nicht gestorben!«
2. Kapitel.
Ungekannte Leiden.
Zwischen dem Flüßchen Loing und der Seine erstreckt sich eine weite
Ebene, begrenzt von dem Walde von Fontainebleau und von den Ortschaften
Moret, Nemours und Montereau. Dieses trockene Land weist nur ein paar
vereinzelte Hügel auf; hier und dort liegen mitten auf den Feldern
kleine Waldvierecke, die dem Wild zur Zuflucht dienen, sonst sieht man
überall nur die grauen oder gelblichen Linien ohne Ende, die den
Horizonten der Sologne, der Beauce und des Berri eigentümlich sind. In
der Mitte dieser Ebene, zwischen Moret und Montereau, sieht der Reisende
ein altes Schloß. Saint-Lange heißt es, und seine Lage ist von einer
gewissen Großartigkeit, ja Majestät.
Hier gibt es herrliche Ulmenalleen, Gräben, lange Umfassungsmauern,
große Gärten, weitläufige Herrenhäuser, bei deren Erbauung es dem
Anschein nach nur auf den Vorteil der Steuerverwaltung oder der
Generalpächter abgesehen war. Wenn der Künstler oder ein Träumer sich
zufällig in den tief ausgefahrenen Wegen oder in dem zähen Lehmboden
verirrt, der den Zugang zu diesem Lande erschwert, so fragt er sich,
durch welchen Zufall dieses poetische Schloß in diese Savanne von
Getreide, in diese Wüste von Kreide, Mergel und Sand geraten ist, wo der
Frohsinn stirbt, wo unfehlbar Traurigkeit uns befallen muß, wo die Seele
unaufhörlich von einer Einsamkeit ohne Stimmen, von einem eintönigen
Horizont, von negativen Schönheiten ermüdet wird -- wo alles dem Kummer
Vorschub leistet, der keinen Trost mehr wünscht.
Eine junge Frau, die in Paris wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes
gefeiert worden war, deren Vermögen mit ihrer Berühmtheit in Einklang
stand, ließ sich zum großen Erstaunen des etwa eine Meile von
Saint-Lange gelegenen Dörfchens gegen Ende des Jahres 1820 hier häuslich
nieder. Die Pächter und die Bauern hatten seit undenklichen Zeiten
niemals mehr eine Herrschaft auf dem Schlosse gesehen. Das Land, obwohl
von beträchtlicher Ergiebigkeit, war der Obhut eines Verwalters
überlassen und wurde von alten Dienern besorgt.
Die Ankunft der Frau Marquise versetzte daher die ganze Gegend in
Aufregung. Mehrere Personen hatten sich am Ende des Dorfes im Hofe einer
dürftigen Herberge aufgestellt, die am Schnittpunkt der Straßen von
Nemours und Moret lag. Hier sahen sie eine Kalesche vorüberkommen, die
ziemlich langsam fuhr, denn die Marquise war von Paris her zu Wagen
gekommen. Auf dem Vordersitz hielt die Kammerfrau ein kleines Mädchen,
das mehr nachdenklich als vergnügt schien. Die Mutter ruhte im Fond des
Wagens, wie eine Kranke, die von den Ärzten aufs Land geschickt wird.
Das tieftraurige Gesicht dieser jungen, zarten Frau befriedigte die
Dorfpolitiker gar nicht; denn sie hatten aus ihrer Ankunft in
Saint-Lange die Hoffnung geschöpft, daß es in der Gemeinde nun »ein
Leben« werden würde. Gewiß war Leben und Treiben dieser sichtlich von
Schmerzen befallenen Frau durchaus zuwider.
Der klügste Kopf von Saint-Lange erklärte am Abend in der Schenke, und
zwar in der Stube, wo der Stammtisch der Honoratioren sich befand, nach
dem Ausdruck von Trauer zu schließen, den das Gesicht der Frau Marquise
unverkennbar zur Schau trüge, müsse sie eine ruinierte Frau sein. In
Abwesenheit des Herrn Marquis, von dem die Zeitungen berichtet hatten,
er müsse den Herzog von Angoulème nach Spanien begleiten, wolle sie nun
jedenfalls aus Saint-Lange die erforderlichen Summen herauswirtschaften,
um die infolge falscher Börsenspekulationen entstandenen Schwierigkeiten
aus der Welt zu schaffen. Der Marquis sei einer der tollsten Spieler.
Vielleicht sollte das Land parzellenweise verkauft werden. Da könnte
man dann noch »seinen Schnitt« machen. Jeder sollte nur dran denken,
seine Taler zu zählen, sie aus der Schatulle nehmen und alle Mittel
zusammenholen, um sein Teilchen einzuheimsen, wenn Saint-Lange
losgeschlagen würde.
Diese Zukunft erschien so rosig, daß alle Honoratioren vor Neugierde
entbrannten, zu erfahren, ob die Sache sich wirklich so verhielte. Sie
sannen nun auf Mittel, von den Schloßleuten die Wahrheit zu erforschen;
aber von diesen konnte niemand etwas Genaueres über die Katastrophe
sagen, die ihre Herrin zu Beginn des Winters auf ihr altes Schloß
Saint-Lange führte, wo sie doch andere Ländereien besaß, die wegen ihrer
anmutigen Lage und schönen Gärten berühmt waren. Der Herr Bürgermeister
kam, um der gnädigen Frau seine Huldigung darzubringen, aber er wurde
nicht vorgelassen. Nach dem Bürgermeister versuchte es der Verwalter --
doch mit dem gleichen Mißerfolg.
Die Frau Marquise verließ ihr Zimmer nur, um es herrichten zu lassen,
und blieb während dieser Zeit in einem kleinen anstoßenden Salon, wo sie
speiste, wenn man ihre Art zu essen so nennen konnte; denn sie setzte
sich nur an den Tisch, betrachtete die Gerichte mit Widerwillen und nahm
genau nur so viel zu sich, wie sie brauchte, um nicht Hungers zu
sterben. Dann kehrte sie sogleich zu dem antiken Lehnstuhl zurück, in
dem sie vom Morgen an in der Nische des einzigen Fensters saß, das dem
Zimmer Licht spendete. Sie sah ihre Tochter nur während der wenigen
Augenblicke, die sie sich zu ihrem traurigen Mahle vergönnte, und auch
dann schien sie sie nur mit Mühe um sich zu dulden. Mußten es nicht
unerhörte Schmerzen sein, die bei einer jungen Frau das mütterliche
Fühlen unterdrücken konnten? Von ihren Leuten erhielt niemand Zutritt
zu ihr. Ihre Kammerfrau war die einzige Person, von der sie sich gern
bedienen ließ. Sie verlangte völlige Ruhe im ganzen Schlosse, selbst
ihre Tochter mußte weitab von ihr spielen. Es war ihr so schwer, auch
nur das geringste Geräusch zu ertragen, daß jede menschliche Stimme,
selbst die ihres Kindes, sie unangenehm berührte. Die Landleute
beschäftigten sich erst viel mit den Eigentümlichkeiten der »Gnädigen«,
doch als alle möglichen Mutmaßungen erschöpft waren, dachten weder die
Dörfchen der Umgebung noch die Bauern mehr an die kranke Frau.
Die Marquise, sich selbst überlassen, konnte sich nun ganz ihrer
Schweigsamkeit hingeben, inmitten der Stille, die sie um sich her
geschaffen hatte. Sie hatte keine Veranlassung, das mit Tapeten
überspannte Zimmer zu verlassen, darin ihre Großmutter gestorben war und
wohin sie nun gekommen war, um einen sanften Tod zu erleiden, ohne
Zeugen, ohne Störungen, ohne falsches Beileid egoistischer Menschen, das
in den Städten die Todesqual des Sterbenden verdoppelt.
Diese Frau war sechsundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter kostet eine
noch von poetischen Illusionen erfüllte Seele gern den Tod, wenn er ihr
als Wohltat erscheint. Aber der Tod ist gegen junge Leute kokett. Er
kommt heran und geht wieder, zeigt sich und versteckt sich. Seine
Langsamkeit nimmt ihm in ihren Augen allen Zauber, und die Ungewißheit,
ob sie morgen noch leben werden, treibt sie schließlich wieder in die
Welt, wo sie dem Schmerz wieder begegnen werden, der unerbittlicher ist
als der Tod und seine Geißel über ihnen schwingt, ohne auf sich warten
zu lassen.
Die Frau, die sich also vom Leben abschloß, sollte denn auch in ihrer
Einsamkeit alle Bitternis dieser vergeblichen Todessehnsucht kennen
lernen -- sie sollte in einer moralischen Agonie, der der Tod kein Ende
machte, eine furchtbare Lehrzeit des Egoismus durchmachen, die die Blume
ihres Herzens ganz entblättern und es für die Gesellschaft tauglich
machen sollte.
Diese grausame, traurige Lehre ist immer die Frucht unserer ersten
Schmerzen. Es war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem
Leben, daß die Marquise wahrhaft litt. Sollte es nicht in der Tat ein
Irrtum sein, zu glauben, die Gefühle entständen immer aufs neue? Sind
sie nicht, einmal erschlossen, auf die Dauer im Grunde unseres Herzens
vorhanden? Dort schlummern sie ein oder werden wach, wie es die Zufälle
des Lebens mit sich bringen; aber sie bleiben, und ihr Vorhandensein
gibt notwendigerweise der Seele Form. So kann jedes Gefühl nur -einen-
Haupttag haben -- den mehr oder minder langen Tag seines ersten Sturmes.
So kann der Schmerz, das beständigste unserer Gefühle, nur wenn er uns
zum erstenmal befällt, heftig sein, und seine andern Angriffe müssen
immer schwächer werden, teils deshalb, weil wir uns an sein Wiederkommen
gewöhnen, teils infolge eines Naturgesetzes. Die Natur nämlich, um sich
lebend zu erhalten, setzt dieser zerstörenden Kraft eine gleich große,
sehr zähe Kraft entgegen, die aus den Berechnungen der Ichsucht
entspringt.
Aber welchem von allen Leiden gebührt nun eigentlich der Name »Schmerz?«
Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur die Menschen
vorbereitet hat; das physische Weh ist vorübergehend und reicht nicht an
die Seele; und wenn es andauert, so hört es auf, ein Weh zu sein, und
wird zum Tode. Wenn eine junge Frau ein neugeborenes Kind verliert, so
wird die eheliche Liebe ihr bald einen Nachfolger bescheren. Dieser
Kummer ist also auch vorübergehend. Gewiß sind diese Leiden und viele
ähnliche in gewissem Sinne Schläge, Wunden; aber keines berührt die
Lebensfähigkeit in ihrem Kern, und sie müßten in unnatürlicher Raschheit
aufeinander folgen, sollten sie das Gefühl ertöten, das uns treibt, dem
Glück nachzugehen.
Der große, wahre Schmerz ist also ein so mörderisches Leiden, daß es zu
gleicher Zeit die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft befällt,
keinen Teil des Lebens unversehrt läßt, das Denken auf ewig aus den
Fugen bringt, seinen Namenszug unauslöschlich auf die Lippen und die
Stirn schreibt, die Quellen der Freude zuschüttet und in die Seele einen
grundsätzlichen Ekel einpflanzt, der uns dann alles und jedes auf dieser
Welt verleidet. Um unermeßlich zu sein, um in dieser Weise auf Seele und
Leib zu lasten, muß dieses Leid uns in einem Augenblick des Lebens
ereilen, wo alle Kräfte der Seele und des Leibes noch jung sind, muß er
ein Herz in voller Lebenskraft zerschmettern. Dann macht das Leid eine
breite Wunde; groß ist der Schmerz, und kein Wesen kann aus dieser
Krankheit ohne irgendeine poetische Veränderung hervorgehen. Entweder
nimmt es den Weg gen Himmel, oder wenn es hienieden bleibt, so kehrt es
in die Welt zurück, um die Welt zu belügen, ihr Komödie vorzuspielen. Es
kennt nun die Kulisse, die man betritt, um mit Berechnung zu weinen, zu
scherzen. Nach dieser feierlichen Krise gibt es keine Geheimnisse mehr
im Gesellschaftsleben, über das man sich von da ab ein unwiderrufliches
Urteil gebildet hat.
Bei den jungen Frauen im Alter der Marquise wird dieser erste,
einschneidendste aller Schmerzen immer durch das gleiche Geschehnis
verursacht. Die Frau, und vor allem die junge Frau, die ebenso groß an
Seele wie an Schönheit ist, wird jederzeit dort ihr Leben einsetzen,
wohin Natur, Gesellschaft oder Neigung sie stellen -- und sie wird ihr
Leben ganz einsetzen. Wenn dieses Einsetzen ein Fehlschlag ist, ohne daß
sie das Leben dabei verliert, so empfindet sie die grausamsten
Schmerzen, weil ja eben die erste Liebe das schönste aller Gefühle ist.
Warum hat dieses Unglück noch keinen Maler oder Poeten gefunden? Aber
kann es gemalt, kann es besungen werden? Nein, die Natur der Schmerzen,
die es erregt, entzieht sich der Analyse und den Farben der Kunst. Und
dann sind diese Schmerzen auch noch nie offenbart und mitgeteilt worden.
Wenn man ein Weib darin trösten will, muß man sie erraten; denn immer
werden sie mit bitterer Wonne gehegt und fromm genährt, und sie bleiben
am Grunde der Seele -- wie eine Lawine, die in ein Tal gestürzt ist,
alles vor sich her niederwirft, um sich Platz darin zu schaffen.
Die Marquise litt jetzt an diesen Schmerzen, die lange Zeit ungekannt
bleiben werden, weil alles auf der Welt sie verwünscht, während das
Gefühl sie hegt und pflegt und das Gewissen eines echten Weibes sich
immer das Recht zuspricht, sie zu hegen. Es verhält sich mit diesen
Schmerzen, wie mit unrettbar aus dem Leben ausgestoßenen Kindern, an
denen das Herz der Mutter dennoch inniger hängt als an den glücklicher
begabten Kindern. Noch nie vielleicht war diese Katastrophe, die uns für
alles Leben der Außenwelt ganz unzugänglich macht, so heftig, so
vollständig, so grausam vergrößert durch die Verhältnisse, wie im Falle
der Marquise.
Ein geliebter, junger edelsinniger Mann, dessen Wünsche sie nie
befriedigt hatte, um nicht gegen die Gesetze der Welt zu verstoßen, war
gestorben, um ihr das zu retten, was die Gesellschaft die »weibliche
Ehre« nennt. Wem konnte sie nun gestehen: »Ich leide!« Ihre Tränen
hätten ihren Mann beleidigt, die erste Ursache der Katastrophe. Die
Gesetze, die Sitten verboten ihr die Klage; eine Freundin hätte sich
daran geweidet, ein Mann darauf spekuliert. Nein, die arme Trauernde
konnte nur in einer Wüste nach Herzenslust weinen, ihre Leiden aufsaugen
oder von ihnen verzehrt werden, selbst sterben oder etwas in sich töten,
vielleicht ihr Gewissen.
Seit einigen Tagen heftete sie die Augen beständig auf einen flachen
Horizont, wo es, wie in ihrem zukünftigen Leben, nichts zu suchen,
nichts zu hoffen gab, wo alles auf einen Blick zu übersehen war und wo
sie die Abbilder der kalten Verödung erblickte, die ihr unaufhörlich das
Herz zerriß. Die nebeligen Vormittage, ein Himmel von matter Helligkeit,
dicht über der Erde hinziehende Wolken -- das entsprach den Phasen ihrer
seelischen Krankheit.
Ihr Herz war nicht gebrochen und auch nicht mehr oder weniger
abgestorben; nein, unter der langsamen Einwirkung eines unerträglichen
Schmerzes -- unerträglich, weil er zwecklos war -- wurde ihre frische,
blühende Natur zu Stein. Sie litt durch sich und für sich. Heißt also
leiden nicht schon mit einem Fuß im Egoismus stehen? So zogen denn auch
furchtbare Gedanken durch ihr Gewissen und verletzten es. Sie prüfte
sich selbst ehrlich und fand eine Doppelnatur in sich. Sie hatte in
sich ein Weib, das nicht mehr dulden wollte.
Sie versetzte sich zurück in die Freuden ihrer Kindheit, deren
Glückseligkeit sie kaum empfunden hatte und deren klare Bilder nun in
Menge auftauchten, wie um ihr die Schuld an dem Trugwerk einer in den
Augen der Welt anständigen, in Wahrheit entsetzlichen Ehe beizumessen.
Daß sie in ihrer Jugend von zarter Schamhaftigkeit gewesen, daß sie sich
in der Sinnenlust Zwang auferlegt, daß sie der Welt dennoch Opfer
gebracht hatte -- welchen Gewinn hatte sie nun davon gehabt? Obwohl
alles in ihr von Liebe sprach und Liebe erwartete, fragte sie sich doch,
wozu jetzt die Harmonie ihrer Bewegungen, ihr Lächeln und ihre Anmut
noch da seien. Sie fühlte sich nicht mehr gern frisch und üppig, wie man
etwa einen zwecklos wiederholten Ton nicht gern hat. Ihre Schönheit
selbst war ihr unerträglich, wie ein nutzloser Gegenstand. Sie sah mit
Entsetzen voraus, daß sie in Zukunft nicht mehr ein in sich vollendetes
Wesen sein könnte. Hatte ihr inneres Ich nicht die Fähigkeit eingebüßt,
die Eindrücke mit jener köstlichen Unschuld aufzunehmen, die dem Leben
so viel keusche Freude verleiht? In Zukunft mußten die meisten Eindrücke
in ihr, kaum aufgenommen, auch schon wieder verwischt sein, und viele
von denen, die sie einstmals ergriffen hätten, würden ihr dann
gleichgültig werden.
Nach der Kindheit des Leibes kommt die Kindheit des Herzens. Ihr
Geliebter hatte diese zweite Kindheit mit in sein Grab genommen. An
Begierden noch jung, hatte sie doch nicht mehr die völlige Jugend der
Seele, die allem im Leben ihren Wert und ihre Würze mitteilt. Mußte sie
nicht den Grundsatz, traurig zu sein, und allem zu mißtrauen, im Herzen
behalten -- einen Hang, der ihren Regungen den frischen Schwung, den
hinreißenden Zauber rauben mußte? Denn nichts konnte ihr mehr das Glück
geben, das sie erhofft, das sie sich so schön erträumt hatte.
Ihre ersten, echten Tränen löschten das himmlische Feuer aus, das die
ersten Regungen des Herzens bestrahlt, und sie mußte immer daran
kranken, nicht zu sein, was sie hätte sein können. Aus diesem Glauben
muß der bittere Ekel hervorgehen, der dazu führt, daß man sich abwendet,
wenn eine neue Freude sich zeigt. Sie beurteilte jetzt das Leben wie ein
Greis, der bereit ist, es zu verlassen. Obgleich sie sich jung fühlte,
lastete die Masse ihrer freudlosen Tage schwer auf ihrer Seele, drückte
sie nieder und machte sie vor der Zeit alt. Mit einem Schrei der
Verzweiflung fragte sie die Welt, was sie ihr zum Ersatz für die Liebe
gäbe, die ihr das Leben erhalten und die sie verloren hatte. Sie fragte
sich, ob in ihrer erloschenen, so keuschen und reinen Liebe der Gedanke
nicht noch verbrecherischer gewesen sei, als die Tat es hätte sein
können. Es war ihr ein Genuß, sich als schuldig hinzustellen, um der
Welt Trotz zu bieten und sich dafür zu trösten, daß die Welt nicht
ebenso wie sie jene vollkommene Seelengemeinschaft beweinte, die den
Schmerz der Hinterbliebenen lindert, weil sie in ihr der Zuversicht sein
kann, das Glück nicht nur ganz genossen, sondern auch voll gespendet zu
haben und in sich ein treues Bild des Verblichenen zu bewahren.
Sie war unzufrieden wie eine Schauspielerin, die mit ihrer Rolle
durchgefallen ist, denn dieser Schmerz griff alle Fibern, Herz und Kopf
an. War ihre Natur in ihren intimsten Wünschen verletzt, so war damit
ihre Eitelkeit nicht minder verwundet wie die Gutherzigkeit, die allein
eine Frau zu einem Opfer bewegen kann.
Dadurch, daß sie alle Fragen verwarf, alle Hebel der verschiedenen
Stellungen in Bewegung setzte, die uns die verschiedenen Naturen, die
soziale, moralische und physische anweisen, erschlaffte sie die
seelischen Kräfte so sehr, daß sie sich in den widersprechendsten
Betrachtungen verirrte und auf keinen Ausweg mehr kam.
Daher öffnete sie manchmal, wenn der Nebel fiel, ihr Fenster und blieb
gedankenlos davor stehen. Mechanisch atmete sie den feuchten, erdigen
Geruch ein, der in der Luft verbreitet war. Sie stand regungslos da --
wie eine Irrsinnige -- denn die Wirrnis ihres Schmerzes machte sie gegen
die Harmonie in der Natur wie für die Wonne des Denkens in gleichem Maße
stumpf.
Eines Tages, gegen Mittag -- die Sonne hatte gerade heiteres Wetter
geschaffen -- trat die Kammerfrau, ohne befohlen zu sein, herein und
sagte zu ihr:
»Da kommt nun zum vierten Male der Herr Pfarrer und will die Frau
Marquise sprechen, und er besteht heute so fest entschlossen darauf, daß
wir nicht mehr wissen, was wir ihm antworten sollen.«
»Er will ohne Zweifel etwas Geld für die Armen der Gemeinde, nehmen Sie
fünfhundert Louis und bringen Sie sie ihm in meinem Namen.«
»Gnädige Frau,« sagte die Dienerin, einen Augenblick später
zurückkommend, »der Herr Pfarrer will das Geld nicht nehmen und wünscht,
Sie zu sprechen.«
»So mag er kommen!« antwortete die Marquise, mit einer Gebärde des
Unwillens, die dem Priester einen traurigen Empfang verkündete. Sie
wollte sich ohne Zweifel durch eine kurze, offene Erklärung gegen seine
weiteren Zudringlichkeiten schützen.
Die Marquise hatte ihre Mutter in sehr jungen Jahren verloren, und die
Lockerung, die während der Revolution die religiösen Bande in Frankreich
erfuhren, hatte naturgemäß auch auf ihre Erziehung Einfluß gehabt. Die
Frommheit ist eine frauliche Tugend, die Frauen allein aufeinander
übertragen, und die Marquise war ein Kind des 18. Jahrhunderts, zu
dessen philosophischem Glauben ihr Vater sich bekannt hatte. Sie nahm
keine religiösen Übungen vor. Für sie war ein Priester ein öffentlicher
Beamter, dessen Nützlichkeit ihr anfechtbar erschien. In ihrer Lage
konnte die Stimme der Religion ihre Leiden nur noch verbittern; und dann
glaubte sie auch überhaupt nicht an Dorfpfaffen, ebensowenig wie an
deren Erleuchtungen; sie beschloß daher, den ihren auf seinen Platz zu
verweisen, in aller Ruhe und Freundlichkeit. Nach Art der Reichen,
gedachte sie sich seiner durch eine Wohltat zu entledigen.
Der Pfarrer kam, und sein Aussehen war nicht geeignet, der Marquise
andere Begriffe einzuflößen. Sie sah einen dicken, kleinen Mann mit
vorspringendem Bauch, rotem, doch altem und runzligem Gesicht, der zu
lächeln versuchte, doch nur schlecht damit zustande kam. Sein kahler,
von zahlreichen Querfalten gefurchter Schädel war so weit, daß man einen
Viertelkreis davon übersehen konnte, nach vornüber geneigt, was sein
Gesicht noch kleiner erscheinen ließ. Den untern Teil des Kopfes überm
Nacken rahmten ein paar weiße Haare ein, deren man auch vorn an den
Ohren noch einige sah. Nichtsdestoweniger war die Physiognomie dieses
Priesters die eines von Natur vergnügten Menschen gewesen. Seine dicken
Lippen, seine leicht aufgeworfene Nase, sein in Doppelfalten
verschwindendes Kinn bekundeten einen glücklichen Charakter.
Die Marquise bemerkte zuerst nur die Hauptzüge, aber bei dem ersten
Wort, das der Priester zu ihr sprach, war sie überrascht, eine so sanfte
Stimme zu hören; sie sah ihn aufmerksamer an und bemerkte unter seinen
grau werdenden Brauen Augen, die geweint hatten. Der Umriß seiner Wange,
von der Seite gesehen, verlieh seinem Haupte einen so erhabenen Ausdruck
des Schmerzes, daß die Marquise in diesem Pfarrer »einen Menschen«
erkannte.
»Frau Marquise, die Reichen gehören nur dann zu uns, wenn sie leiden;
und die Leiden einer verheirateten, jungen, schönen und reichen Frau,
die weder Kinder noch Angehörige verloren hat, lassen sich erraten und
werden durch Wunden verursacht, deren Zuckungen nur durch die Religion
gelindert werden können. Ihre Seele ist in Gefahr, gnädige Frau. Ich
spreche zu Ihnen in diesem Augenblick nicht von dem andern Leben, das
unser harrt. Nein, ich bin hier nicht im Beichtstuhl. Aber gehört es
nicht auch zu meiner Pflicht, Sie über die Zukunft Ihres
gesellschaftlichen Lebens aufzuklären? Sie werden also einem Greise
verzeihen, wenn er zudringlich war -- es geschieht nur Ihres Glückes
wegen.«
»Das Glück, mein Herr, ist für mich nicht mehr da. Ich werde bald zu
Ihnen gehören, wie Sie sich ausdrücken, und zwar für immer.«
»Nein, gnädige Frau, an dem Schmerz, der Sie bedrückt und sich in Ihren
Zügen ausspricht, werden Sie nicht sterben. Wenn Sie daran hätten
sterben sollen, so würden Sie nicht in Saint-Lange sein. Wir gehen an
den Wirkungen eines gewissen Kummers nie so leicht zugrunde wie an
betrogenen Hoffnungen. Ich habe weit unerträglichere, weit
schrecklichere Schmerzen kennen gelernt, die doch nicht zum Tode geführt
haben.«
Die Marquise machte eine Gebärde des Zweifels.
»Gnädige Frau, ich kenne einen Mann, dessen Unglück so groß war, daß
Ihre Schmerzen Ihnen unbedeutend erscheinen würden, wenn Sie sie mit den
seinen verglichen ...«
Ob nun die lange Einsamkeit ihr schon lästig wurde, ob sie durch die
Aussicht, einem Freundesherzen ihre schmerzlichen Gedanken anvertrauen
zu können, angenehm berührt wurde, jedenfalls betrachtete sie den
Pfarrer mit einer fragenden Miene, die dieser unmöglich mißdeuten
konnte.
»Gnädige Frau,« fuhr der Priester fort, »dieser Mann war ein Vater, dem
von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte
nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er
blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange
Zeit glücklich gewesen war. Seine drei Söhne waren beim Heer, und jeder
hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den
hundert Tagen kam der älteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war
Bataillonschef bei der Artillerie, und der jüngste hatte den Rang eines
Hauptmanns bei den Dragonern. Gnädige Frau, diese drei Jungen liebten
ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die
Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und
niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem
einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen,
einsamen Alten hingen, der nun nur noch für sie und durch sie lebte. Es
verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief
erhalten hätte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was
stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und
streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer
Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der
Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus
Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen -- Sie
kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer
versetzt. Alle Familien waren in größter Sorge. Er wartete, gnädige
Frau, Sie können sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er
las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages
meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen
Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst
zu stellen: der Oberst war tot -- von einer Kanonenkugel mitten
durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fuß der Diener des jüngsten an; der
jüngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen
Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten
Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein
ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gnädige Frau, sie waren alle gefallen!«
Nach einer Pause hatte der Priester seine eigene Rührung überwunden und
fügte mit sanfter Stimme die folgenden Worte hinzu:
»Und der Vater ist leben geblieben, gnädige Frau. Er hat begriffen, wenn
Gott ihn auf Erden ließe, müsse er hier sein Leid auf sich nehmen, und
so tut er es denn. Aber er hat sich an die Brust der Religion geworfen.
Was kann aus ihm geworden sein?«
Die Marquise hob den Blick zu dem Antlitz des Pfarrers, das jetzt einen
erhabenen Zug der Trauer und Ergebung zeigte, und erwartete das folgende
Wort, das sie weinen machte:
»Priester, gnädige Frau; er war ja schon durch die Tränen geweiht, ehe
er am Fuße des Altars die Weihe empfing.«
Auf einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Marquise und der Pfarrer
sahen zum Fenster hinaus nach dem nebligen Horizont, als könnten sie
dort die Kinder sehen, die nicht mehr waren.
»Nicht Priester in einer Stadt, sondern einfacher Dorfpfarrer,« fuhr er
fort.
»In Saint-Lange,« sagte sie, die Tränen trocknend.
»Ja, Gnädige.«
Nie hatte sich die Majestät des Schmerzes Julien erhabener gezeigt; und
dieses »Ja, Gnädige« grub sich ihr ins tiefste Herz, wie die Last eines
endlosen Grams. Diese Stimme, die so sanft ins Ohr klang, erschütterte
ihr Innerstes. Ach, es war ja die Stimme des Unglücks, diese volle,
ernste Stimme, die einen so durchdringenden Zauber auszuüben schien.
»Herr Pfarrer,« sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, »und wenn ich
nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?«
»Gnädige, haben Sie nicht ein Kind?«
»Ja,« sagte sie kalt.
Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen
Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschloß, alles, was in seinen
Kräften stände, zu versuchen, um sie dem Geist des Bösen streitig zu
machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.
»Sie sehen, Gnädige, wir müssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben,
und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir,
wiederzukommen -- hören Sie noch öfter die Stimme eines Mannes, der mit
allen Schmerzen mitzufühlen weiß, und im Grunde, wie ich doch glaube,
nichts allzu Abschreckendes an sich hat.«
»Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht
haben.«
»Gut, Gnädige, auf baldiges Wiedersehen!«
Dieser Besuch löste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise,
deren Kräfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren.
Der Priester ließ in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen
Widerhall seiner frommen Worte zurück. Sie empfand nun jene Beruhigung,
die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die
Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun plötzlich durch ein Klopfen an
der Mauer erfährt, daß er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit
ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten
gefunden.
Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte
sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefährte könne weder die Fesseln
noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei
seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich
kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, daß es seiner Kunst gelingen
werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der
Religion zuzuführen.
Am übernächsten Tage kam er denn auch, und der Empfang, den die
Marquise ihm bereitete, ließ erkennen, daß sein Besuch erwünscht war.
»Nun, Frau Marquise,« sagte der Greis, »haben Sie ein wenig über die
Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel
erhoben? Haben Sie die Unermeßlichkeit von Welten gesehen, die uns in
unserm Dünkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrückt und unser
Weh verringert ...?«
»Nein, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die gesellschaftlichen Gesetze lasten
mir zu schwer auf dem Herzen und zerreißen es mir zu schmerzlich, als
daß ich mich zum Himmel aufschwingen könnte. Aber die Gesetze sind
vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die
Gesellschaft!«
»Wir müssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gnädige. Das
Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre
Handlungen.«
»Sich der Gesellschaft fügen?« versetzte die Marquise mit einer
unwillkürlichen Gebärde des Schmerzes. »Herr Pfarrer, das ist ja eben
die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des
Unglücks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm
ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation
mehr Mißhandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische
Schmerzen auf, die ihr Männer uns nicht erleichtert, und die
Zivilisation hat Gefühle entwickelt, die ihr fortwährend verletzt. Die
Natur läßt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation
verurteilt sie zum Leben und überliefert sie andauerndem Unglück. Die
Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, bürdet die
Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Für den Mann die
Freiheit, für die Frau Pflichten. Wir müssen euch unser ganzes Leben
weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann
nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann
ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute
gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu
sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den
unglücklichen, so schrecklich verkuppelten Geschöpfen, muß schweigen!
Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe
gewollt!«
Sie hielt inne, vergoß bittere Tränen und schwieg.
»In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes,« fuhr
sie fort, »habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fuß setzte,
wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun
bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach gegen die Stürme.«
»Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist,« sagte der Priester. »Und
wenn Sie übrigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben
Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfüllen?«
»Immer Pflichten!« rief sie ungeduldig. »Aber wo sind für mich die
Gefühle, die uns die Kraft geben, sie zu erfüllen? Herr Pfarrer, nichts
aus nichts oder nichts für nichts, das ist eins der gerechtesten Gesetze
der moralischen wie der physischen Natur. Sollen etwa diese Bäume grünes
Laub treiben ohne den Saft, der die Knospen sprengt? Auch die Seele hat
ihren Saft. Bei mir ist der Saft in der Quelle versiegt.«
»Ich will Ihnen nicht von den religiösen Gefühlen sprechen, die die
Ergebung einflößt,« sagte der Pfarrer, »aber die Mutterschaft, Gnädige,
ist denn das nicht --?«
»Halten Sie inne, Herr Pfarrer,« sagte die Marquise. »Gegen Sie werde
ich aufrichtig sein. Ich kann es hinfort gegen niemand sonst mehr sein,
ich bin zur Unwahrheit verurteilt; die Gesellschaft verlangt ein
fortwährendes Fratzenschneiden, und unter der Strafe der Schändung
gebietet sie uns, ihren Förmlichkeiten zu gehorchen. Es gibt zweierlei
Mutterschaft, Herr Pfarrer. Ehemals wußte ich nichts von solchen
Unterscheidungen; heute kenne ich sie. Ich bin nur zur Hälfte Mutter --
besser wär's, es gar nicht zu sein! Helene ist nicht von -ihm-! O,
erschrecken Sie nicht. Saint-Lange ist ein Abgrund, darin viele falschen
Gefühle versunken sind, draus unheilvolles Licht hervorgegangen ist, in
den die gebrechlichen Gebäude der widernatürlichen Gesetze hinabgestürzt
sind. Ich habe ein Kind, das genügt. Ich bin Mutter, so will es das
Gesetz. Aber Sie, Herr Pfarrer, der Sie eine so fein mitfühlende Seele
haben, werden vielleicht den Weheschrei einer armen Frau verstehen, die
nie ein falsches Gefühl in ihr Herz hat dringen lassen. Gott wird mich
richten, aber ich glaube doch nicht gegen seine Gesetze zu verstoßen,
wenn ich den Regungen nachgebe, die er mir in die Seele gepflanzt hat,
und folgendes habe ich nun darin gefunden: Ist nicht ein Kind, Herr
Pfarrer, das Abbild zweier Wesen, die Frucht zweier ganz ineinander
verschmolzenen Gefühle? Wenn es nicht mit allen Fibern des Leibes, wie
mit aller Liebe des Herzens verwachsen ist, wenn es nicht an kostbare
Wonnen, an die Zeiten und Orte, wo diese beiden Wesen glücklich waren,
an ihre Sprache voll menschlicher Musik und an ihren süßen
Gedankenaustausch erinnert, dann ist ein Kind ein verfehltes Werk. Ja,
für sie muß es ein entzückendes Miniaturbild sein, in welchem sie die
Poesie ihres geheimen Doppellebens wiederfinden. Es muß für sie eine
Quelle furchtbarer Regungen sein, muß zugleich all ihre Vergangenheit
und all ihre Zukunft sein. Meine arme, kleine Helene ist das Kind ihres
Vaters, das Kind der Pflicht und des Zufalls; sie erweckt in mir nur den
Instinkt des Weibes, ich stehe für sie nur auf dem Boden des Gesetzes,
das unwiderstehlich antreibt, das Geschöpf zu beschützen, das unser
Schoß gebar. Ich bin nicht zu tadeln, im Sinne der Gesellschaft. Habe
ich der Tochter nicht mein Leben und mein Glück geopfert? Ihr Schreien
erschüttert mich im Innersten; wenn sie ins Wasser fiele, würde ich
nachspringen, sie herauszuholen. Aber sie ist nicht in meinem Herzen.
Ach, die Liebe hat mir den Traum einer erhabeneren, vollkommeneren
Mutterschaft vorgegaukelt; und in einem erloschenen Traume habe ich das
Kind liebkost, nach dem mein Herz verlangte und das unerzeugt blieb: die
köstliche Blume, die schon in der Seele wächst, ehe sie im Leibe wachsen
kann. Ich bin für Helene das, was nach der natürlichen Ordnung eine
Mutter für ihren Sprößling sein muß. Wenn sie meiner einmal nicht mehr
bedarf, so ist eben, kurz gesagt, die Ursache verschwunden, und damit
hören auch die Wirkungen auf. Wenn die Mutter das anbetungswürdige
Vorrecht hat, die Mutterschaft auf das ganze Leben ihres Kindes
auszudehnen, dann muß wohl diese göttliche Dauer des Gefühls dem
Lichtschein einer seelischen Empfängnis zugeschrieben werden. Wenn das
Kind nicht zu allererst schon in der Seele der Mutter gebildet wird,
dann dauert die Mutterschaft nur eine gewisse Zeit und hört auf, wie es
bei den Tieren der Fall ist. Und es ist wahr, ich fühle es: je größer
meine arme Kleine wird, um so mehr löst mein Herz sich von ihr los. Die
Opfer, die ich ihr gebracht, haben mich ihr schon entfremdet, während
bei einem andern Kinde, das fühle ich, mein Herz unerschöpflich sein
würde. Für dieses andere würde überhaupt nichts ein Opfer sein -- alles
wäre Freude gewesen. Hier, Herr Pfarrer, vermögen in mir die Religion
und die Vernunft nichts gegen meine Gefühle auszurichten. Hat sie
unrecht, wenn sie sterben will, die Frau, die weder Mutter noch Gattin
ist, die zu ihrem Unglück einen Blick in die grenzenlosen Schönheiten
der wahren Liebe, in die unermeßlichen Freuden der rechten Mutterschaft
getan hat? Was kann aus ihr werden? Ich werde Ihnen sagen, was sie
fühlt. Hundertmal am Tage, hundertmal in der Nacht schüttelt ein Schauer
mir Hirn, Herz und Leib, wenn eine nur schwach abgewehrte Erinnerung mir
die Bilder eines Glückes vorführt, das ich mir größer vorstelle, als es
vielleicht sein würde. Diese grausamen Phantasien nehmen meinen Gefühlen
alle Wärme, und ich frage mich: >Wie würde mein Leben sein, -wenn- --?<«
Sie verbarg das Gesicht in den Händen und zerfloß in Tränen.
»So sieht es im Grunde meines Herzens aus!« fuhr sie fort. »Für ein Kind
von ihm hätte ich gern das schrecklichste Unglück auf mich genommen. Der
Gott, der im Sterben alle Sünden dieser Erde auf sich nahm, wird mir
diesen für mich tödlichen Gedanken verzeihen; aber ich weiß, die Welt
ist unversöhnlich: für sie sind meine Gedanken Blasphemien; ich verstoße
damit gegen alle ihre Gesetze. Ach! ich möchte dieser Welt den Krieg
erklären, um die Gesetze und Sitten umzugestalten, um sie
entzweizuschlagen. Was hat sie nicht alles an mir verwundet: all mein
Denken, all mein Wesen, all mein Fühlen, all mein Wünschen, all mein
Hoffen -- in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit! Für mich ist der Tag
voller Finsternis, mein Denken ein Schwert, mein Herz eine Wunde, mein
Kind eine Verneinung. Jawohl, wenn Helene spricht, wünsch' ich ihr
andere Augen. Sie ist da zum Zeugnis alles dessen, was sie sein müßte
und was sie nicht ist! Sie ist mir unerträglich. Ich lächle sie an, ich
bemühe mich, sie für die Gefühle zu entschädigen, die ich ihr nicht
entgegenbringen kann. Ich leide! O, Herr Pfarrer, ich leide zu sehr, als
daß ich leben könnte. Und ich werde für eine tugendhafte Frau gelten!
Und ich habe keinen Fehltritt begangen! Und man wird mich ehren! Ich
habe die unwillkürliche Liebe bekämpft, der ich nicht Raum geben durfte.
Aber wenn ich auch physisch treu geblieben bin -- habe ich auch mein
Herz bewahrt? Das,« setzte sie hinzu, die rechte Hand auf den Busen
legend, »hat allzeit nur einem Manne gehört! Mein Kind täuscht sich auch
darüber nicht. Es gibt auch bei Müttern Blicke, Töne, Gebärden, die die
Seele eines Kindes wie mit Füßen treten; und wenn ich meine arme Kleine
ansehe, wenn ich mit ihr spreche, wenn ich sie nehme, dann fühlt sie,
daß mein Arm ruhig bleibt, daß meine Stimme nicht zittert, daß meine
Augen kalt bleiben. Sie wirft mir anklägerische Blicke zu, die ich nicht
ertragen kann. Mitunter habe ich Angst, in ihr einen Richter zu finden,
der mich ohne Verhör verurteilen wird. Gebe es der Himmel, daß sich
nicht eines Tages der Haß zwischen uns stelle! Großer Gott, öffne mir
doch lieber das Grab, laß mich in Saint-Lange enden! Ich will in jene
Welt eintreten, wo ich meine andere Seele wiederfinden werde, wo ich
ganz und gar Mutter sein werde! O, verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer, ich
bin verrückt. Ich ersticke an diesen Worten -- doch nun habe ich sie
gesagt. Ach, Sie weinen auch, Sie werden mich nicht verachten. Helene,
meine Tochter, Helene, komm!« rief sie in einer Art von Verzweiflung,
als sie ihr Kind hörte, das vom Spaziergang zurückkam.
Die Kleine kam lachend und schreiend; sie brachte einen Schmetterling,
den sie gefangen hatte; aber als sie ihre Mutter in Tränen sah,
verstummte sie, schmiegte sich an sie und ließ sich auf die Stirn
küssen.
»Sie wird einmal sehr schön werden,« meinte der Priester.
»Sie ist ganz ihr Vater,« antwortete die Marquise und küßte ihr Kind mit
Ungestüm, wie um eine Schuld abzutragen oder einen Vorwurf, den sie sich
selbst machte, zu beschwichtigen.
»Dir ist heiß, Mama.«
»Geh', laß uns allein, mein Engel,« antwortete die Marquise.
Das Kind ging ohne Kummer, ohne einen Blick auf die Mutter; es schien
fast froh zu sein, ein so trauriges Gesicht zu fliehen, und begriff
schon, daß die Gefühle, die sich darin ausdrückten, ihr abhold waren.
Das Lächeln ist das Handgeld, die Sprache, der Ausdruck der
Mütterlichkeit. Die Marquise konnte nicht lächeln. Sie errötete, als sie
den Priester ansah: sie hatte sich als Mutter zeigen wollen, doch weder
sie noch ihr Kind hatten lügen können. Ja, die Küsse einer aufrichtigen
Frau haben einen göttlichen Honig, der dieser Liebkosung eine Seele, ein
zartes Feuer zu verleihen scheint, das zu Herzen dringt. Die Küsse,
denen diese Würze und Weihe fehlt, sind herb und trocken. Der Priester
hatte diesen Unterschied empfunden, konnte den Abgrund ermessen, der
zwischen der Mütterlichkeit des Fleisches und der Mütterlichkeit des
Herzens liegt. Nachdem er daher auf diese Frau einen durchdringenden
Blick geworfen hatte, sprach er zu ihr:
»Sie haben recht, Gnädige, es wäre für Sie besser, Sie wären tot ...«
»Ach, Sie verstehen meine Leiden, ich sehe es,« antwortete sie, »weil
Sie als christlicher Priester die unseligen Entschlüsse, die der Jammer
mir eingab, erraten und gutheißen. Jawohl, ich habe mir selbst den Tod
geben wollen. Aber es hat mir an dem nötigen Mut gefehlt, meinen Plan
auszuführen. Mein Körper ist feige gewesen, wenn meine Seele stark war
-- und wenn meine Hand nicht zitterte, hat wieder meine Seele
geschwankt. Das Geheimnis dieser Kämpfe, dieser wechselnden Stärke und
Schwäche ist mir unbekannt. Ich bin ohne Zweifel eben Weib und als
solches kläglicherweise ohne Ausdauer im Wollen, stark nur zum Lieben.
Ich verachte mich selbst. Am Abend, als meine Leute schliefen, ging ich
mutig zu dem kleinen Teich. Am Rande angelangt, entsetzte meine feige
Seele sich vor der Vernichtung. Ich bekenne meine Schwächen. Als ich im
Bett lag, schämte ich mich vor mir selbst und wurde wieder mutig. In
einem dieser Augenblicke habe ich Laudanum genommen -- aber ich hatte
nur Schmerzen, gestorben bin ich nicht. Ich hatte geglaubt, den ganzen
Inhalt des Fläschchens zu trinken, und habe schon bei der Hälfte
aufgehört.«
»Sie sind verloren, gnädige Frau,« sagte der Priester ernst und mit
tränenvoller Stimme. »Sie werden in die Welt zurückkehren und die Welt
betrügen. Sie werden dort das suchen und finden, was Sie als
Entschädigung für Ihre Unbilden ansehen. Eines Tages werden Sie dann
die Strafe für Ihre Wollust ...«
»Ich,« rief sie, »ich sollte hingehen und dem ersten besten Schurken,
der die Komödie einer Liebe zu spielen verstände, die letzten kostbaren
Reichtümer meines Herzens preisgeben und mein Leben um einen Augenblick
zweifelhaften Glücks zugrunde richten? Nein! meine Seele wird sich an
einer reinen Flamme verzehren. Herr Pfarrer, die Männer haben alle die
Sinne ihres Geschlechts; aber den Mann, der auch Seele hat und so alle
Forderungen unserer Natur befriedigt, dessen melodische Harmonie sich
nur unter dem Druck wahrer Gefühle verrät, diesen Mann trifft man nicht
zweimal im Leben. Meine Zukunft ist furchtbar, ich weiß es: ohne Liebe
ist das Weib nichts, ohne Wollust ist die Schönheit nichts; aber würde
die Welt nicht mein Glück verdammen, wenn es sich mir noch einmal böte?
Ich bin meiner Tochter eine ehrbare Mutter schuldig. Ach, ich bin in
einen eisernen Ring gesteckt, von dem ich mich nicht ohne Schimpf
freimachen kann. Die Pflichten der Familie ohne Gegenlohn zu erfüllen,
wird mir zum Überdruß; ich werde das Leben verwünschen; aber meine
Tochter wird wenigstens ein schönes Scheinbild von einer Mutter haben.
Zum Ersatz für den Schatz an Liebe, den ich ihr versagt habe, werde ich
ihr einen Schatz an Tugend spenden. Um der Freuden willen, die sonst den
Müttern das Glück ihrer Kinder bereitet, liegt mir ja auch gar nichts am
Leben. Ich glaube nicht an Glück. Was wird Helenens Los sein? Ohne
Zweifel das meine. Welche Mittel haben die Mütter, ihren Töchtern die
Gewißheit zu geben, daß der Mann, dem sie sie überliefern, ein Ehegatte
nach ihrem Herzen sein wird. Ihr verachtet arme Geschöpfe, die sich für
ein paar Taler einem Vorübergehenden verkaufen: der Hunger und die
Notdurft erteilen diesen Eintagsverbindungen die Absolution. Aber die
dauernde Verbindung duldet, ja fordert die Gesellschaft, und doch ist
diese Verbindung etwa zwischen einem jungen keuschen Mädchen und einem
Manne, den sie kaum drei Monate lang kennt, noch weit entsetzlicher;
denn dieses Mädchen ist für sein ganzes Leben verkauft. Es ist wahr, der
Preis ist weit höher. Wenn ihr sie wenigstens ehrtet, da ihr ihnen
einmal doch keine Entschädigung für ihre Schmerzen zubilligt! aber nein,
die Welt verleumdet gerade die tugendhaftesten unter uns. Dies ist unser
Schicksal, von seinen zwei Seiten betrachtet: entweder eine öffentliche
Prostitution und die Schande -- oder eine heimliche Prostitution und das
Unglück. Was gar die armen Mädchen ohne Mitgift anbetrifft -- die werden
verrückt und sterben. Mit ihnen hat niemand Mitleid. Die Schönheit, die
Tugenden sind keine Werte auf euerm Menschenmarkt, und diesen
Tummelplatz des Egoismus nennt man Gesellschaft. So laßt die Töchter
doch nicht mehr erben! Dann werdet ihr wenigstens ein Naturgesetz
erfüllen, und die Männer werden ihre Gefährtinnen nach der Stimme ihres
Herzens wählen und heiraten.«
»Gnädige Frau, Ihre Reden beweisen mir, daß Sie weder Familiensinn noch
religiösen Sinn haben. Sie werden daher auch nicht zwischen dem
gesellschaftlichen Egoismus, der Sie verletzt, und dem Egoismus des
Individuums, der Sie mit dem Verlangen nach Genüssen erfüllt, schwanken --«
»Familie, Herr Pfarrer! Gibt es denn das? Ich verneine die Familie in
einer Gesellschaft, die beim Tode des Vaters und der Mutter die Habe
verteilt und jeden seines Weges gehen heißt. Die Familie ist eine
zeitliche und zufällige Vereinigung, die der Tod sofort löst. Unsere
Gesetze haben die Geschlechter, die Erbschaften, die Fortdauer der
Vorbilder und Traditionen zerstört. Ich sehe nichts als Schutt um mich
her.«
»Meine Gnädige, Sie werden nicht eher zu Gott zurückkehren, als bis
seine Hand schwer auf Sie fallen wird, und ich wünsche Ihnen, daß Sie
Zeit genug haben mögen, Ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie suchen
Ihren Trost, indem Sie den Blick zur Erde senken, statt ihn zum Himmel
erheben. Der Hang zu trügerischem Philosophieren und das persönliche
Interesse haben Ihr Herz überfallen; Sie sind taub gegen die Stimme der
Religion, wie es die Kinder dieses Jahrhunderts ohne Glauben eben sind.
Die Freuden der Welt erzeugen nichts als Leid. Sie werden mit den
Schmerzen nur wechseln -- weiter nichts.«
»Ich werde Ihre Prophezeiung Lügen strafen,« sagte sie mit bitterm
Lächeln, »ich werde dem treu bleiben, der für mich gestorben ist.«
»Der Schmerz,« erwiderte er, »ist nur in den von der Religion bereiteten
Seelen lebensfähig.«
Sie senkte ehrerbietig die Augen, um die Zweifel nicht sehen zu lassen,
die sich in ihrem Blick hätten verraten können. Die Energie der Klagen,
die die Marquise angestimmt, hatte ihn tieftraurig gemacht. Da er das
menschliche Ich in seinen tausend Gestalten kannte, verzweifelte er
daran, auf dieses Herz besänftigend einzuwirken, das das Leid zur Wüste
statt zum weichen Boden gemacht hatte und in dem das Samenkorn des
himmlischen Sämanns nicht entkeimen konnte, da sein sanftes Wort darin
von dem lauten, schrecklichen Geschrei der Ichsucht erstickt wurde.
Nichtsdestoweniger entfaltete er die Ausdauer des Apostels und kam
mehrmals wieder, immer von der Hoffnung hingeführt, diese so edle,
stolze Seele zu Gott zu bekehren; aber an dem Tage, wo er erkannte, daß
die Marquise nur deshalb gern mit ihm plauderte, weil es ihr wohltat,
von dem verlorenen Geliebten zu sprechen, da gab er es auf. Er wollte
sein Amt nicht dadurch herabsetzen, daß er sich zum Gelegenheitsmacher
für schlummernde Leidenschaften hergab. Er stellte diese Gespräche ein
und bahnte allmählich einen förmlichen Verkehr an, wo dann nur von
alltäglichen Dingen gesprochen wurde.
Der Frühling kam heran. Die Marquise fand Zerstreuungen in ihrer tiefen
Traurigkeit und beschäftigte sich, da sie sonst nichts zu tun hatte, mit
ihrem Grund und Boden, wo sie einige Arbeiten anzuordnen beliebte.
Im Monat Oktober verließ sie ihr altes Schloß Saint-Lange, wo sie wieder
frisch und schön geworden war im Müßiggang eines Schmerzes, der, zuerst
heftig, wie ein kraftvoll geworfener Diskus, schließlich in Melancholie
erloschen war, wie der Diskus nach allmählich schwächer werdenden
Schwingungen zu fliegen aufhört. Die Melancholie besteht aus einer Reihe
ähnlicher seelischer Schwingungen, deren erste an die Verzweiflung,
deren letzte an das Vergnügen stößt; in der Jugend ist sie die
Morgendämmerung -- im Alter das Abendrot.
Als ihre Kalesche durch das Dorf fuhr, empfing die Marquise den Gruß des
Pfarrers, der aus der Kirche kam und in die Pfarre ging; aber als sie
den Gruß erwiderte, schlug sie die Augen nieder und wandte den Kopf zur
Seite, um ihn nicht wiederzusehen.
Der Priester hatte nur zu sehr recht gehabt gegen diese arme Diana von
Ephesus.
3. Kapitel.
Mit dreißig Jahren.
Ein junger Mann von großen Hoffnungen -- ein Sproß eines jener
historischen Geschlechter, deren Namen immer, selbst den Gesetzen zum
Trotz, eng mit dem Ruhme Frankreichs verknüpft sein werden, befand sich
auf dem Ball bei Madame Firmiani. Diese Dame hatte ihm Empfehlungsbriefe
an einige ihrer Freundinnen in Neapel mitgegeben. Herr Karl de
Vandenesse -- so hieß der junge Mann -- kam, um sich dafür zu bedanken
und Abschied zu nehmen. Nachdem Vandenesse mehrere Missionen mit Talent
erfüllt hatte, war er in letzter Zeit einem unserer bevollmächtigten
Minister attachiert worden, der auf den Kongreß von Laibach entsendet
wurde. Diese Reise wollte er gleich dazu benutzen, Italien kennen zu
lernen.
Dieses Fest war also gewissermaßen ein Abschied von den Genüssen der
Stadt Paris, vor diesem schnellen Leben, diesem Wirbel von Gedanken und
Vergnügungen, den man so oft verwünscht und dem sich hinzugeben doch so
süß ist. Karl de Vandenesse war seit drei Jahren gewöhnt, die
europäischen Hauptstädte zu betreten und zu verlassen, wie die Launen
seines diplomatischen Berufs es mit sich brachten. Wenn er nun Paris
verlassen mußte, so brauchte ihm das nicht weiter leid zu tun. Die
Frauen machten gar keinen Eindruck mehr auf ihn: vielleicht weil er der
Meinung war, eine echte Leidenschaft würde im Leben eines Mannes, der im
Staatsdienst stand, zu viel Raum einnehmen; vielleicht erschien ihm
auch das läppische Treiben einer oberflächlichen Galanterie zu leer für
eine starke Seele. Wir erheben ja alle hohe Ansprüche auf Seelenstärke.
In Frankreich ist kein Mensch, sei er auch mittelmäßig, damit
einverstanden, bloß für geistreich zu gelten. So hatte auch Karl trotz
seiner Jugend -- er war kaum dreißig Jahre alt -- schon die
philosophische Gewohnheit angenommen, Begriffe, Ergebnisse, Absichten
ins Auge zu fassen, wo Männer seines Alters nur Gefühle, Freuden,
Hirngespinste sehen. Er drängte die Wärme und Überschwenglichkeit, die
jungen Leuten natürlich ist, in die Tiefen seiner von Natur edelmütigen
Seele zurück. Er strebte danach, einen kalt berechnenden Menschen aus
sich zu machen, die moralischen Reichtümer, die der Zufall ihm in die
Hände gegeben hatte, zu Manieren, liebenswürdigen Formen,
verführerischen Kunstgriffen umzuwandeln: die echte Methode des
Ehrgeizigen. Dieses traurige Spiel wird in der Regel nur zu dem Zwecke
unternommen, um das zu erlangen, was wir heutzutage »eine schöne
Position« nennen.
Er warf einen letzten Blick auf die Säle, wo getanzt wurde. Bevor er den
Ball verließ, wollte er ohne Zweifel noch ein Bild davon mit
hinwegnehmen, wie ein Zuschauer die Loge in der Oper nicht verläßt, ohne
das Schlußbild anzuschauen. Es war ja auch eine leicht verständliche
Laune, daß Herr de Vandenesse nun dieses echt französische Treiben, den
Prunk und die lachenden Gesichter dieses Pariser Festes betrachtete. Er
stellte es im Geist neben die neuen Erscheinungen, die malerischen
Szenen, die in Neapel seiner harrten, wo er einige Tage zu verbringen
vorhatte, ehe er sich auf seinen Posten begeben wollte.
Er schien das wechselvolle und doch so bald ausstudierte Frankreich mit
dem Lande zu vergleichen, dessen Sitten und Gebräuche ihm nur aus
widersprechenden Urteilen oder aus zum größten Teil schlecht gemachten
Büchern bekannt waren. Einige ziemlich poetische, aber heute recht
alltäglich gewordene Betrachtungen gingen ihm da durch den Kopf und
entsprachen -- vielleicht ohne daß er sich dessen bewußt war -- den
geheimen Wünschen seines Herzens. Denn das war im Grunde nicht blasiert,
sondern stellte noch immer seine Anforderungen -- es war nicht
abgestumpft, sondern eigentlich nur unbetätigt.
»Das sind,« sagte er zu sich selbst, »die elegantesten, die reichsten
Frauen von Paris, mit den höchsten Titeln. Hier sind die Berühmtheiten
des Tages, die Größen vom Parlament, aus der Aristokratie und aus der
Literatur. Dort Künstler, hier Staatsmänner. Und doch sehe ich nur
kleinliche Intrigen, totgeborene Liebschaften, nichtssagendes Lächeln,
grundlosen Dünkel, erloschene Blicke, viel Geist, der aber zwecklos
verschwendet wird. Alle diese weißen und rosigen Gesichter suchen
weniger die Freude als die Zerstreuung. Keine Regung ist wahr. Wer
weiter nichts haben will als hübsch angeordneten Putz, frische Spitzen,
hübsche Toiletten, überzarte Weiber, wem das Leben nichts weiter ist als
eine Fläche, über die er flüchtig hinstreifen will, für den ist das hier
die richtige Welt. Dann muß man sich eben mit diesen inhaltslosen
Phrasen, mit diesen entzückenden Fratzen begnügen -- Gefühl im Herzen
darf man nicht verlangen. Ich meines Teils hege einen Abscheu vor diesen
platten Intrigen, deren Ende immer eine Heirat, eine Unterpräfektur,
eine Generalpächterstelle ist, und wenn sich's um Liebe handelt, so sind
heimliche Abmachungen das Ende -- so ist jeder Anschein von
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