der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus, ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben, das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene Verderbnis vermuten. Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit, um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt, beim ersten Schritt in das Laster -- denn dies war Laster -- in ihrer Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der Leidenschaft und des Egoismus übertönen. In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib? Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen Leben erblicken. Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in das vorteilhafteste Licht setzte. Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks. In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten Salons triumphierte nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können. Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen, liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein. Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr geschmeichelt fühlte. Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des »+Al piu salice+« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu. »Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte gleich meine Befürchtungen, als sie sich daran wagte -- es mußte ja ihre Kräfte übersteigen.« Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit ihrer Schmähsucht. Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten, waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte, hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein, der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt, der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt, ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen. Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht. Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art, Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollständig und zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt, enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich, in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de Sérizy überschütten. Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen. »Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei, du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest, ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab -- sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden -- sie sind so zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen. Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun, das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich. Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße berechtigt. Ich möchte gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, »Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht, wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu sehen, an das man gebunden ist --« »Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja, du bist ja auch selten zu Hause.« Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern. Aber Arthur blieb kalt und ruhig -- er war einer von den wenigen Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und die Gelegenheit dazu bot sich bald. »Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren, daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der Langeweile,« fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.« »Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.« In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das Lied der Semiramis: »+Son regina, son guerriera.+« Einmütiger Beifall -- aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird -- bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte. Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte sie, halb mit Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte, aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft, als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen -- allein es war die furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte. Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt -- das letzte Fädchen ihrer Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs Straßenpflaster geworfen haben. Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite -- die heißen Tränen, die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf. Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie fand die Kraft, glücklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau. Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte. Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen, sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind. Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor. Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde, schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und mißbrauchte sie bereits -- doch war sie nicht Weib? -- -- -- -- Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen, an deren Fuß die Loire vorbeifließt -- unweit jener Stelle, wo im Jahre 1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und verschnörkelt wie flandrische Spitzen -- eins der prunkvollen Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen, ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht -- alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von Purpur und Azur versinkt. An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden, auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort entdeckt. Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte und ihre Gebärden müde und leblos machte. Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier, einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen. Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich öffnete, oder führte sie vor eine Blume -- immer bewogen von einer unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefühle, die ihm angeboren zu sein schienen, ebenso und noch in höherem Maße vielleicht als die zu seinem Dasein an sich notwendigen Triebe. Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich nicht über ein Ebenmaß des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben Gefühls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen Gedanken. Als sie beide auf der Höhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie sich auf einen der langen Steinblöcke setzen, die aus den in den Felsen gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die Gegend, ehe sie sich setzte. »Die schöne Landschaft!« rief sie. »Hier laßt uns Hütten bauen. Ja, wir wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor,« rief sie, »so kommen Sie doch schnell!« Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jägerruf, doch ohne seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart. »O,« fuhr sie fort, »hier möchte ich immer bleiben! Kann man jemals müde werden, dieses schöne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses reizenden Flusses, Mylord?« »Es ist die Cise.« »Die Cise,« wiederholte sie. »Und dort unten vor uns -- was ist das?« »Das sind die Weinberge von Cher,« sagte er. »Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich sich in der Ferne die Türme dieser Kathedrale ausnehmen!« Sie verstummte und ließ auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die Landschaft und die Schönheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels -- alles stimmte zu den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen. »O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land!« rief Julie in wachsender, naiver Begeisterung. »Sie haben lange hier gewohnt?« setzte sie nach einer Pause hinzu. Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville. »Hier war's,« antwortete er schwermütig und deutete auf ein Wäldchen von Nußbäumen an der Straße, »wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal sah.« »Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir wild, doch jetzt --« Sie hielt inne -- Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen. »Ihnen,« sagte Julie endlich nach langem Schweigen, »verdanke ich diese Wonne. Lebendig muß man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden will -- ich aber war bisher für alles tot. Sie haben mir mehr gegeben als bloß die Gesundheit -- Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen zu erkennen --« Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefühle ohne allzu große Worte auszudrücken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der Betonung, in der Gebärde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg den Kopf in den Händen, denn Tränen rollten ihm aus den Augen. Dieser Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte. Während eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der größten Aufopferung gepflegt. Unterstützt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den Gewässern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle geführt. In jedem Augenblick beobachtete er die Veränderungen, die seine klugen und ganz einfachen Vorschriften an der zerrütteten Natur Juliens hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher Gärtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verständige Pflege Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an Huldigungen gewöhnt ist, oder mit der Gleichgültigkeit einer Kurtisane, die nicht weiß, was die Sachen kosten oder was die Männer wert sind, und sie nach dem Grade des Nutzens einschätzt, den sie davon hat. Der Einfluß der Örtlichkeit auf das Gemüt ist ein Punkt, der der Erwähnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die Schwermut befällt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer eindrucksfähigen Natur, daß auf den Bergen unsere Gefühle sich läutern. Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren scheint. Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Höhe des hübschen Hügels, wo die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glück kosteten, hinter anscheinend belanglosen Worten die Größe einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen. In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so tief gerührt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bäume und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken bedeckten die Sonne, und weiche Schatten ließen alle Schönheiten dieser herrlichen Natur ungeblendet überschauen. Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Tränen zu verbergen, denn Arthurs Rührung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten und zu trocknen. Sie wagte nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, er könne dann in diesem Blicke eine zu große Freude lesen. In ihrem weiblichen Instinkt fühlte sie, daß sie in dieser gefährlichen Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mußte. Allein das Schweigen konnte im gleichen Maße bedrohlich werden. Als sie erkannte, daß Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie in sanftem Tone: »Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist diese tiefe Rührung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich für undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glück nun bald zu Ende ist, kalt und zurückhaltend oder spöttisch und gefühllos fanden. Ich würde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn ich sie nicht zu schätzen gewußt hätte. Mylord, ich habe nichts vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit, mit der Sie über mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht, noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gespräche, die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu belohnen ...« Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rührte keinen Finger, sie zurückzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen, der ein kleines Stück abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen. Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis -- ohne Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vögel, so lustig, so voll zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mußte die heftige Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen. Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von der sie nicht zu sprechen wagten. »Nun wohl, Mylord,« fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Würde wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, »ich bitte Sie darum, halten Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurückgegeben haben. Wir werden uns hier trennen. Ich weiß,« setzte sie hinzu, als sie Lord Grenville erblassen sah, »zum Lohne für Ihre Aufopferung fordere ich da von Ihnen ein noch größeres Opfer, als alle die, deren Größe von mir besser anerkannt werden sollte -- aber es muß sein. Sie dürfen nicht in Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heißt das nicht auch schon, Ihnen Rechte gewähren -- und die müssen geheiligt bleiben,« setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz legend. »Ja,« sagte Arthur und stand auf. In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen zu lassen. »Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen -- unsere Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fühle es, ich weiß es, ich sehe es. Jetzt erhalte ich den köstlichen Beweis für den beständigen Einklang unserer Herzen -- aber ich werde fliehen. Ich habe schon mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklügelt, wie man diesen Menschen umbringen könnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen -- deshalb darf ich nicht in Ihrer Nähe bleiben.« »Ich habe denselben Gedanken gehabt,« sagte sie und ließ auf ihrem erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestürzung erscheinen. Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel von heimlichem Siegen über die Liebe in den Worten und der Gebärde, die Julie entschlüpft waren, daß Lord Grenville von tiefer Bewunderung durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen keinen Schatten zurückgelassen. Das religiöse Empfinden, das auf dieser schönen Stirn thronte, mußte stets die schlechten Gedanken dieser Art verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt und die uns zu gleicher Zeit die Größe und die Gefahren unsers Schicksals offenbaren. »Ich hätte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch würde es meine Rettung gewesen sein,« fuhr sie fort, die Augen niederschlagend. »Ihre Achtung verlieren, hieße das nicht sterben?« Dieses heldenmütige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da, bemüht, den Schmerz zurückzudrängen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen. »Ich darf nicht murren, das Unglück meines Daseins ist mein eigenes Werk,« setzte sie hinzu, die tränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend. »Mylord,« rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung, »an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur -- dort unten -- bei den Pappeln!« Der Engländer antwortete mit einem kurzen Kopfnicken. »Ich sollte jung und unglücklich sterben,« fuhr Julie fort. »Ja, glauben Sie nicht, daß ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tödlich sein, wie die schreckliche Krankheit es hätte werden können, von der Sie mich geheilt haben. Ich halte mich nicht für sündig. Nein, die Gefühle, die ich für Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig -- aber sie regen sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hören Sie mich an,« setzte sie mit veränderter Stimme hinzu, »diesem Manne dort werde ich nie mehr angehören.« Und mit einer Gebärde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann. »Die Gesetze der Welt,« fuhr sie fort, »verlangen von mir, daß ich ihm das Leben glücklich mache -- ich werde dem gehorchen. Ich werde seine Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr gehöre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich über mich selbst ausgesprochen habe,« sagte sie, Arthur mit Stolz anblickend. »Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie einem verbrecherischen Gedanken nachgäben, so würde die Witwe des Herrn d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das Unglück hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese Geständnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal sein, daß unsere Herzen so heftig erschüttert wurden. Morgen werden Sie vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.« Erschöpft von dieser Anstrengung, fühlte Julie, daß ihre Knie brachen -- eine tödliche Kälte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen. »Julie!« rief Lord Grenville. Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser herzzerreißende Aufschrei drückte alles aus, was der bisher stumme Liebende nicht hatte sagen können. »Nun, was hat sie denn?« fragte der General. Als der Marquis den Schrei hörte, war er schnell herzugeschritten und stand jetzt plötzlich vor dem Liebespaar. »Es wird nichts weiter sein,« sagte Julie mit der bewundernswerten Kaltblütigkeit, die die Frauen dank ihrer natürlichen Schlauheit bei den großen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. »Die Kühle unter diesem Nußbaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl heftig darüber erschrocken. Bin ich für ihn nicht sozusagen ein Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst gehabt, es zerstört zu sehen.« Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lächelte ihrem Manne zu, blickte noch einmal über die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verließ und zog ihren Reisegefährten an der Hand mit sich fort. »Dies ist sicherlich die schönste Gegend, die wir gesehen haben,« sagte sie. »Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen, welche weite Flächen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses Landes begreife ich, was Liebe heißt!« Sie stieß ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den Gatten zu täuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand. »Ah bah, wenn schon!« sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont entfernt war. »Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht mehr sein können -- werden wir niemals wieder wir selbst sein können -- kurz, werden wir nicht mehr leben können.« »Lassen Sie uns langsam gehn,« antwortete Lord Grenville, »die Wagen sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist, Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen Augenblick länger leben.« Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des Wassers dahin, fast in völligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend, die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele erschütterten. Die Sonne umhüllte sie im Augenblick ihres Niedergangs mit rotem Schein -- dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild ihrer unglücklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung beteiligte er sich nicht. Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville während der ganzen Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstört, und seit einiger Zeit ließ er seiner Frau völlige Freiheit, im Vertrauen auf die punische Treue des Lorddoktors. Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhänge von Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare Hoffnung, ein unruhiges Glück gefühlt, von dem sie sich nicht Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebäude umgestürzt, das sie in ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten, wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhäuser voraussehen. Sie waren jetzt ohne Hoffnung. Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick, den er auf Julie warf, bewies leider, daß er von dem Augenblick an, wo die Sympathie ihnen die ganze Größe einer so starken Leidenschaft enthüllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute. Am folgenden Tage saßen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren Reisegefährten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurück, den die Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt mit der Verehrung, deren Hartnäckigkeit sie fast verwünscht hatte. Tausend vergebene Eindrücke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat sein Gedächtnis für sich. So unfähig eine Frau auch sein mag, sich der wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefühlen zusammenhängen. So entsann sich auch Julie ganz genau selbst völlig belangloser Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebensächlichsten Begebenheiten ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wußte wieder, was für besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren. Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie die Frische ihrer Jugend und all ihre Schönheit wiedergefunden hatte. Er schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte, sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen. Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berührung Victors, dessen Körperwärme sie empfand und auf sich übergehen fühlte, denn sie saßen eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens setzen, aber ihr Mann war so liebenswürdig, ihr den Fond zu überlassen. Sie dankte ihm für die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch auffaßte. Dieser alte Schürzenjäger der Garnison legte die Melancholie seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so daß seine Frau sich schließlich gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder übel doch imponierte. »Mein Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie hätten mich schon einmal beinahe umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes Mädchen wäre, dann würde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen, und ihr muß ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fügen wir uns also in ein Unglück, das uns gleichermaßen betrifft. Sie sind dabei noch am wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewußt für das, was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir verbieten? Jawohl,« setzte sie hinzu, »Sie haben leichtsinnigerweise in einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Sérizy liegen lassen. Mein Schweigen beweist Ihnen, daß ich eine nachsichtige Frau bin, die von Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar darüber geworden, daß unsere Rollen nicht die gleichen sind und das Unglück allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf festen, unerschütterlichen Grundsätzen. Ich werde ein untadelhaftes Leben zu führen wissen -- aber lassen Sie mich leben.« Der Marquis war verblüfft über diese Logik, die die Frauen aus dem hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Würde, die ihnen in Krisen dieser Art natürlich ist, zwang ihn ins Joch. Der instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schönsten Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natürlichen Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen bringen. Wer möchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn sie das zarte Gefühl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei Männern anzugehören, gewissermaßen wie Prediger, die keinen Glauben haben? Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln -- die leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen. Diese allgemeine Mißbilligung klagt entweder das Unglück an, das auf Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europäische Gesellschaft beruht. Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft. Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause geblieben. »Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf den Tisch. Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de Wimphen an und setzte hinzu: »Ich fahre zu einer langen Jagd -- zusammen mit dem Oberjägermeister. Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. -- Wilhelm,« sagte er zu dem Diener, der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.« Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich einen verständnisinnigen Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges Freundschaftsband. »Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf ihren Gatten werfend. Es war Ende März. »Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.« »Sehen Sie sich vor, daß Ihnen nichts passiert.« »Das kann man nie wissen,« antwortete er lächelnd. »Der Wagen des gnädigen Herrn ist bereit,« meldete Wilhelm. Der General erhob sich, küßte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich zu Julie. »Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle!« sagte er in bittendem Tone. »Was bedeutet denn das?« fragte Frau de Wimphen. »Nun, kommen Sie,« sagte Frau d'Aiglemont zu Victor. Dann lächelte sie Luise zu, als wollte sie sagen: »Du wirst sehen.« Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu küssen. Da bückte sich aber die Marquise so tief, daß der eheliche Kuß sich in der Rüsche ihres Kragens verlor. »Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau Liebe. So weit hat sie mich gebracht -- ich weiß nicht, durch welche Kunstgriffe ... Viel Vergnügen!« Und er ging hinaus. »Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.« »O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich trage, ist mir ein Greuel.« »Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise. »Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären. Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen könnte; denn er ist jähzornig -- voll Eigenliebe -- und vor allem sehr eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen Leidenschaften dabei im Spiele sind -- er ist von schwachem Charakter und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein solches Verhängnis wäre freilich ein Glück -- aber es ist eigentlich leider nicht zu befürchten.« Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen -- ihre Gedanken galten den geheimen Ursachen dieser Lage. »Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf Luise richtend. »Und doch hatte ich -ihm- nicht verboten, an mich zu schreiben. Ach ja! -Er- hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung, seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus erschienen.« »Also kannst du Englisch?« »Habe ich dir das nicht gesagt? -- ich habe es gelernt.« »Arme Kleine,« rief Luise, Juliens Hand ergreifend. »Aber wie kannst du da noch leben?« »Das ist ein Geheimnis,« antwortete die Marquise und machte unwillkürlich eine Gebärde von fast kindlicher Naivität. »Höre. Ich nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von ... aus London hat mich auf die Idee gebracht. Weißt du, Mathurin hat einen Roman darüber geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme ich nur meiner Tochter.« Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthüllte. »Luise, verrate mich aber nicht,« sagte Julie nach einem Augenblick des Schweigens. Plötzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief. »Ha!« rief sie erbleichend. »Ich frage nicht erst, von wem,« sagte Frau de Wimphen. Die Marquise las und hörte nichts mehr. Ihre Freundin sah die stürmischsten Gefühle, die gefährlichste Aufregung in den Zügen der Frau d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald blaß, bald rot und warf schließlich das Papier ins Feuer. »Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!« Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten. »So hat er Paris nicht verlassen,« rief sie. Sie stieß die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten Sätze hatten etwas Furchtbares. »Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne daß ich es gewußt habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn am Leben erhalten. Du weißt nicht, Luise -- er stirbt und bittet darum, mir Lebewohl zu sagen. Er weiß, daß mein Mann heute abend auf mehrere Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich sterben. Ich bin verloren. Höre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird er es nicht wagen. O, bleib! Ich fürchte mich.« »Aber, mein Mann weiß, daß ich bei dir zu Tisch bin,« antwortete Frau de Wimphen. »Er wird mich holen kommen.« »Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr. Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Sätze, die ich noch in Flammenschrift vor mir sehe!« Ein Wagen rollte vor das Portal. »Ach!« rief die Marquise mit einer gewissen Freude, »er kommt öffentlich und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.« »Lord Grenville,« meldete der Diener. Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt blaß, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr möglich. Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden, erschien er doch ruhig und kalt. Aber für diese beiden in das Geheimnis seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1] zuschreibt. [1] Ein Seefisch, der das Vermögen besitzt, elektrische Schläge auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu bemächtigen. Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betäubt durch die starke Übertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, daß sie ihm nicht zu antworten wagte, weil sie ihm damit die Größe der Macht, die er auf sie ausübte, zu enthüllen fürchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es nicht, Julie anzusehen, und so mußte Frau de Wimphen fast allein für eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick voll rührender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr für die Hilfe, die sie ihr leistete. Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefühlen Schweigen und mußten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmöglich, Herrn de Wimphen das Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine triftigen Gründe, ihren Mann zu bitten, sie noch länger bei ihrer Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte, erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser Stimme: »Ich werde Mut haben. Wenn er öffentlich zu mir gekommen ist, was habe ich da zu befürchten? Aber wenn du nicht gewesen wärst -- wenn ich ihn allein so verändert gesehen hätte -- ich würde ihm zu Füßen gefallen sein.« »Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht,« sagte Frau d'Aiglemont mit zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein. Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen. »Ich habe mir nicht länger die Wonne versagen können, Ihre Stimme zu hören, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht mehr Herr über mich. Ich habe mich über mich selbst konsultiert -- ich bin zu schwach. Ich muß sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben -- ohne das Rauschen Ihres Kleides gehört zu haben -- ohne Ihre Tränen aufgefangen zu haben -- was wäre das für ein Tod!« Er wollte sich von Julie entfernen -- aber bei einer raschen Bewegung fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen über diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglücklichen Liebhabers aufgefaßt werden konnte. »Arthur?« fragte Julie. »Gnädige Frau,« antwortete er, die Augen niederschlagend, »ich kam in Verzweiflung her -- ich wollte --« Er hielt inne. »Sie wollten sich bei mir töten!« rief sie. »Nicht allein,« antwortete er mit sanfter Stimme. »Wie? Vielleicht auch meinen Mann?« »Nein, nein!« rief er mit erstickter Stimme. »Aber beruhigen Sie sich,« setzte er hinzu, »mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat, als ich Sie sah, da fühlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein zu sterben.« Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte verstehen konnte: »Das Glück kennen lernen und dann sterben,« sagte sie. »Das -- ja!« Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei -- dem Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen. Arthur ergriff sie und trug sie mit der stürmischen Inbrunst, die ein unverhofftes Glück entfacht, zum Diwan. Aber plötzlich riß sich die Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und zog ihn mit sich in das Schlafzimmer. Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhänge weg, so daß man ihr Kind sah -- sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen Mädchens wehe täte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lächelte im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser Blick sagte alles. »Einem Manne können wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat. Ein Mann ist ein starkes Geschöpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt können wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter --!« Alle diese Gedanken und tausend noch weit zärtlichere lagen in diesem Blick. »Wir können sie mit uns nehmen,« murmelte der Engländer. »Ich werde sie sehr lieb haben.« »Mama!« rief Helene, erwachend. Bei diesem Worte zerfloß Julie in Tränen. Lord Grenville setzte sich, kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin. »Mama!« Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln, unwiderstehlichen Gefühle, daß die Liebe auf einen Augenblick unter der mächtigen Stimme der Mutterschaft erdrückt wurde. Julie war nicht mehr Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr -- Juliens Tränen warfen ihn nieder. In diesem Augenblick hörte man, wie eine Tür ungestüm geöffnet wurde, und die Worte: »Frau d'Aiglemont, bist du hier?« widerhallten wie ein Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurückgekommen. Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus seinem Zimmer und näherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer hingen zusammen. Zum Glück gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen, und der Engländer sprang in eine Toilette, deren Tür die Marquise geschwind schloß. »Nun, meine Gemahlin,« sagte Viktor, »da bin ich wieder. Die Jagd findet nicht statt. Ich will schlafen gehen.« »Gute Nacht,« sagte sie zu ihm. »Das will ich eben auch tun. Laß mich also allein -- ich bin beim Auskleiden.« »Du bist recht unzart heute abend -- doch ich gehorche Ihnen, Frau Marquise.« Der General kehrte in sein Zimmer zurück. Julie begleitete ihn, um die Verbindungstür zu schließen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien. Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres alten Arztes sei schließlich ganz natürlich. Sie konnte ihn ja im Salon zurückgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie wollte ihm nun sagen, er solle sich geräuschlos dorthin begeben. Aber als sie die Tür des Kabinetts öffnete, schrie sie laut auf. Die Finger Lord Grenvilles waren in die Türspalte geraten und zermalmt worden. »He, was hast du denn?« rief ihr Mann herüber. »Nichts,« antwortete sie, »ich habe mich mit einer Nadel in den Finger gestochen.« Die Verbindungstür öffnete sich plötzlich wieder. Die Marquise glaubte, ihr Mann käme aus Interesse für sie, und verwünschte diese Besorgtheit, an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die Toilette zu schließen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht befreien können. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die Marquise irrte sich -- eine plötzliche Mißhelligkeit führte ihn her. »Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekümmert, daß es mir sogar , 1 , . , 2 , . 3 4 , , 5 , , , 6 , 7 , 8 . 9 10 , 11 , 12 , . 13 , , , 14 . , 15 - - - - 16 , 17 . 18 19 , , , 20 , 21 . ? 22 , 23 . 24 25 . , 26 , ; 27 , 28 . 29 30 , 31 . 32 , , 33 ; , ; 34 . , , , 35 ; . 36 . 37 38 , 39 . , , , 40 . 41 , 42 , , 43 , 44 45 , 46 , . 47 48 , , 49 , 50 , , . 51 , 52 . 53 , 54 , 55 . 56 57 , 58 » + + « . 59 60 . , 61 , 62 . , . 63 . 64 65 » , ? , , ! 66 , - - 67 . « 68 69 . 70 71 . , 72 , 73 74 . 75 76 , , 77 . , 78 , , 79 . 80 , , 81 , 82 , , 83 , , 84 , , 85 , . 86 87 , . 88 ; 89 , 90 , , 91 . . 92 93 . , 94 , 95 . , , 96 . , 97 98 99 . 100 101 , 102 . 103 , 104 ; 105 , , . 106 107 » , , « 108 , » 109 ' , , ? , 110 , 111 , 112 , , , 113 . - - 114 , - - 115 , . 116 ? , 117 , . , 118 . , 119 ; 120 , , . 121 . 122 , , 123 . 124 . , « , 125 » ' ; , 126 , . 127 , 128 , - - « 129 130 » ? « . » , 131 . « 132 133 . 134 - - 135 , . 136 137 . 138 , ' , 139 . 140 141 » , « , » , 142 , , 143 , 144 , , 145 . , 146 , , ' 147 . 148 , , 149 , . 150 , « , 151 , » 152 , 153 . , 154 . , 155 , ; 156 , 157 , 158 . , « , 159 » « , » 160 . , 161 , . 162 , . 163 , , , 164 , , « 165 , » ' . « 166 167 » , , « , » 168 . , 169 . . 170 . « 171 172 . 173 : » + , . + « - - 174 , - - 175 , . 176 177 ' , , 178 , . , 179 , , 180 , , 181 . , 182 , ; 183 , 184 - - 185 , . 186 187 , 188 , ; 189 , ; 190 , 191 , , 192 , . 193 , 194 , 195 . 196 - - 197 . , 198 , , 199 , 200 . 201 202 ' - - , 203 , . 204 205 , . 206 , , 207 , . 208 . 209 ? 210 , 211 ? 212 , 213 . , 214 , , , 215 216 , . 217 218 219 . 220 , 221 , , , 222 . 223 , , 224 , . 225 , , 226 , , 227 . 228 229 , 230 , ' . 231 , 232 . , 233 , 234 . , 235 , 236 , , ' 237 , 238 , , 239 . 240 , 241 , , 242 . 243 - - ? - - - - - - - - 244 245 , 246 - - , 247 . 248 , , , 249 - - 250 , , , 251 , , , 252 , 253 . - - 254 . 255 ; 256 ; , 257 , , 258 , , . , 259 . 260 , 261 . , 262 , 263 . 264 265 266 , , 267 , , 268 , 269 . 270 271 ; 272 . 273 . 274 , , 275 . , 276 , . , 277 , , 278 , , 279 . 280 281 , 282 , , 283 , , . 284 285 , , 286 , , 287 , , 288 , - - 289 , , 290 , : , 291 , 292 . 293 294 295 , , 296 , . 297 , 298 ; , 299 . 300 301 , 302 , 303 ; 304 , . 305 306 » ! « . » . , 307 . , « , » 308 ! « 309 310 ' , 311 . 312 , . 313 , 314 , . 315 316 » , « , » ! 317 , ? 318 , ? « 319 320 » . « 321 322 » , « . » - - ? « 323 324 » , « . 325 326 » ? , . , 327 ! « 328 329 , 330 331 . 332 , - - 333 , , . 334 335 » , , ! « , 336 . » ? « 337 . 338 339 . 340 341 » ' , « 342 , » , , 343 . « 344 345 » , , 346 , - - « 347 348 - - , . 349 350 » , « , » 351 . , 352 - - . 353 - - , 354 - - « 355 356 , 357 ; 358 , , . 359 , . 360 , . 361 362 . 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