der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu
haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus,
ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit
einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der
Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der
Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben,
das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die
Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene
Verderbnis vermuten.
Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer
Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf
eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine
zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit,
um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt,
beim ersten Schritt in das Laster -- denn dies war Laster -- in ihrer
Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der
Leidenschaft und des Egoismus übertönen.
In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der
die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft
der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib?
Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen
Leben erblicken.
Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine
bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt
und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in
das vorteilhafteste Licht setzte.
Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse
Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte
in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine
Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte
Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer
Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr
Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.
In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten Salons triumphierte
nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie
die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten
Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle
beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung
man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn
die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer
Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut
sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können.
Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen,
liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu
hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein.
Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den
Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit
den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit
Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr
geschmeichelt fühlte.
Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des
»+Al piu salice+« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran
oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des
Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich
unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie
nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame
de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.
»Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte
gleich meine Befürchtungen, als sie sich daran wagte -- es mußte ja
ihre Kräfte übersteigen.«
Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den
Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über
sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über
diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau
de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit
ihrer Schmähsucht.
Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten,
waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte,
hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem
Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie
sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein,
der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes
Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt,
der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie
eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt,
ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen.
Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht.
Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf
dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die
sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben
war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die
beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit
unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art,
Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollständig und
zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt,
enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich,
in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung
zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de
Sérizy überschütten.
Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere
Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten
Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für
die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres
Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.
»Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder
der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der
Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei,
du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie
ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest,
ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du
könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab --
sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden -- sie sind so
zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen.
Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast
Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun,
das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die
Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein
Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich.
Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße berechtigt. Ich möchte
gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren
Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau
machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu,
»Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht,
wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts
für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu
sehen, an das man gebunden ist --«
»Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja,
du bist ja auch selten zu Hause.«
Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern.
Aber Arthur blieb kalt und ruhig -- er war einer von den wenigen
Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die
sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse
Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach
einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und
die Gelegenheit dazu bot sich bald.
»Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in
welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren,
daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur
angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau
keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in
gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont
retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig
natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es
so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der
Langeweile,« fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der
seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme
Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden
Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib
nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie
zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu
Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften
befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes
haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die
Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns
verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines
Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde
nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles
überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich
nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm
ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.«
»Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer
kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn
weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor
allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.«
In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das
Lied der Semiramis: »+Son regina, son guerriera.+« Einmütiger Beifall --
aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird --
bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte.
Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte sie, halb mit
Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte,
aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein
paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer
Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft,
als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte
mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in
diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen -- allein es war die
furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.
Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer
Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein
ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit
etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue
preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine
Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört
die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten
Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß
verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr
Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt -- das letzte Fädchen ihrer
Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die
Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht
geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs
Straßenpflaster geworfen haben.
Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite -- die heißen Tränen,
die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf.
Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie
fand die Kraft, glücklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre
Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von
diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau.
Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der
Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen
Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die
Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt
blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich
einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie
sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne
hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.
Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage
einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die
Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen
Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner
Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft
mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen
innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die
Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen,
sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und
in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.
Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett
begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor.
Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst
Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier
vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch
Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den
Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt
hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf
baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres
Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen
Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht
eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht
hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde,
schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und
mißbrauchte sie bereits -- doch war sie nicht Weib? -- -- -- --
Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen,
an deren Fuß die Loire vorbeifließt -- unweit jener Stelle, wo im Jahre
1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser
der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und
verschnörkelt wie flandrische Spitzen -- eins der prunkvollen
Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen,
ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren
Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im
Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht --
alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese
entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen
ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde
lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie
träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde
Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter
diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt
niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück
in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von
Purpur und Azur versinkt.
An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei
Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden,
auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne
Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort
entdeckt.
Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien
eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der
Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch
einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von
Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war
glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie
sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie
ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte
und ihre Gebärden müde und leblos machte.
Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der
Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier,
einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen.
Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie
ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine
vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich
öffnete, oder führte sie vor eine Blume -- immer bewogen von einer
unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis
alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefühle, die ihm angeboren zu
sein schienen, ebenso und noch in höherem Maße vielleicht als die zu
seinem Dasein an sich notwendigen Triebe.
Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich
nicht über ein Ebenmaß des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie
nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein
und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben
Gefühls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen
Gedanken.
Als sie beide auf der Höhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie
sich auf einen der langen Steinblöcke setzen, die aus den in den Felsen
gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die
Gegend, ehe sie sich setzte.
»Die schöne Landschaft!« rief sie. »Hier laßt uns Hütten bauen. Ja, wir
wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor,« rief sie, »so
kommen Sie doch schnell!«
Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jägerruf, doch ohne
seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit
seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete
mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der
feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart.
»O,« fuhr sie fort, »hier möchte ich immer bleiben! Kann man jemals müde
werden, dieses schöne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses
reizenden Flusses, Mylord?«
»Es ist die Cise.«
»Die Cise,« wiederholte sie. »Und dort unten vor uns -- was ist das?«
»Das sind die Weinberge von Cher,« sagte er.
»Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich
sich in der Ferne die Türme dieser Kathedrale ausnehmen!«
Sie verstummte und ließ auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach
der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die
Landschaft und die Schönheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln
des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels -- alles stimmte zu
den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen.
»O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land!« rief Julie in wachsender,
naiver Begeisterung. »Sie haben lange hier gewohnt?« setzte sie nach
einer Pause hinzu.
Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville.
»Hier war's,« antwortete er schwermütig und deutete auf ein Wäldchen
von Nußbäumen an der Straße, »wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal
sah.«
»Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir
wild, doch jetzt --«
Sie hielt inne -- Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen.
»Ihnen,« sagte Julie endlich nach langem Schweigen, »verdanke ich diese
Wonne. Lebendig muß man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden
will -- ich aber war bisher für alles tot. Sie haben mir mehr gegeben
als bloß die Gesundheit -- Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen
zu erkennen --«
Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefühle ohne allzu
große Worte auszudrücken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der
Betonung, in der Gebärde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg
den Kopf in den Händen, denn Tränen rollten ihm aus den Augen. Dieser
Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte.
Während eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der größten
Aufopferung gepflegt. Unterstützt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den
Gewässern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle
geführt.
In jedem Augenblick beobachtete er die Veränderungen, die seine klugen
und ganz einfachen Vorschriften an der zerrütteten Natur Juliens
hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher
Gärtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verständige Pflege
Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an
Huldigungen gewöhnt ist, oder mit der Gleichgültigkeit einer Kurtisane,
die nicht weiß, was die Sachen kosten oder was die Männer wert sind, und
sie nach dem Grade des Nutzens einschätzt, den sie davon hat.
Der Einfluß der Örtlichkeit auf das Gemüt ist ein Punkt, der der
Erwähnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die
Schwermut befällt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer
eindrucksfähigen Natur, daß auf den Bergen unsere Gefühle sich läutern.
Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren
scheint.
Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Höhe des hübschen Hügels, wo
die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die
liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glück kosteten, hinter anscheinend
belanglosen Worten die Größe einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen.
In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so
tief gerührt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bäume
und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken
bedeckten die Sonne, und weiche Schatten ließen alle Schönheiten dieser
herrlichen Natur ungeblendet überschauen.
Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Tränen zu
verbergen, denn Arthurs Rührung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber
es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten und zu trocknen. Sie wagte
nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, er könne dann in
diesem Blicke eine zu große Freude lesen.
In ihrem weiblichen Instinkt fühlte sie, daß sie in dieser gefährlichen
Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mußte. Allein das
Schweigen konnte im gleichen Maße bedrohlich werden. Als sie erkannte,
daß Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie
in sanftem Tone:
»Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist
diese tiefe Rührung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie
die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich für
undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glück
nun bald zu Ende ist, kalt und zurückhaltend oder spöttisch und
gefühllos fanden. Ich würde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn
ich sie nicht zu schätzen gewußt hätte. Mylord, ich habe nichts
vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit,
mit der Sie über mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht,
noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gespräche,
die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle
ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu
belohnen ...«
Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rührte
keinen Finger, sie zurückzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen,
der ein kleines Stück abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen.
Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis -- ohne
Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vögel, so lustig, so voll
zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mußte die heftige
Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen.
Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von
der sie nicht zu sprechen wagten.
»Nun wohl, Mylord,« fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Würde
wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, »ich bitte Sie darum, halten
Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurückgegeben haben. Wir
werden uns hier trennen. Ich weiß,« setzte sie hinzu, als sie Lord
Grenville erblassen sah, »zum Lohne für Ihre Aufopferung fordere ich da
von Ihnen ein noch größeres Opfer, als alle die, deren Größe von mir
besser anerkannt werden sollte -- aber es muß sein. Sie dürfen nicht in
Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heißt das nicht
auch schon, Ihnen Rechte gewähren -- und die müssen geheiligt bleiben,«
setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz
legend.
»Ja,« sagte Arthur und stand auf.
In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt
und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er
war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen
zu lassen.
»Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen -- unsere
Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden
auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fühle es, ich weiß es, ich
sehe es. Jetzt erhalte ich den köstlichen Beweis für den beständigen
Einklang unserer Herzen -- aber ich werde fliehen. Ich habe schon
mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklügelt, wie man diesen Menschen
umbringen könnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen --
deshalb darf ich nicht in Ihrer Nähe bleiben.«
»Ich habe denselben Gedanken gehabt,« sagte sie und ließ auf ihrem
erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestürzung erscheinen.
Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel
von heimlichem Siegen über die Liebe in den Worten und der Gebärde, die
Julie entschlüpft waren, daß Lord Grenville von tiefer Bewunderung
durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen
keinen Schatten zurückgelassen. Das religiöse Empfinden, das auf dieser
schönen Stirn thronte, mußte stets die schlechten Gedanken dieser Art
verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt
und die uns zu gleicher Zeit die Größe und die Gefahren unsers
Schicksals offenbaren.
»Ich hätte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch würde es
meine Rettung gewesen sein,« fuhr sie fort, die Augen niederschlagend.
»Ihre Achtung verlieren, hieße das nicht sterben?«
Dieses heldenmütige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da,
bemüht, den Schmerz zurückzudrängen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken
waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer
innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen.
»Ich darf nicht murren, das Unglück meines Daseins ist mein eigenes
Werk,« setzte sie hinzu, die tränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend.
»Mylord,« rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung,
»an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern
sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur -- dort unten -- bei den Pappeln!«
Der Engländer antwortete mit einem kurzen Kopfnicken.
»Ich sollte jung und unglücklich sterben,« fuhr Julie fort. »Ja, glauben
Sie nicht, daß ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tödlich sein,
wie die schreckliche Krankheit es hätte werden können, von der Sie mich
geheilt haben. Ich halte mich nicht für sündig. Nein, die Gefühle, die
ich für Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig -- aber sie regen
sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu
gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter
und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hören Sie mich an,« setzte
sie mit veränderter Stimme hinzu, »diesem Manne dort werde ich nie mehr
angehören.«
Und mit einer Gebärde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit
erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann.
»Die Gesetze der Welt,« fuhr sie fort, »verlangen von mir, daß ich ihm
das Leben glücklich mache -- ich werde dem gehorchen. Ich werde seine
Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber
von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der
Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr
gehöre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter
besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich
über mich selbst ausgesprochen habe,« sagte sie, Arthur mit Stolz
anblickend. »Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie
einem verbrecherischen Gedanken nachgäben, so würde die Witwe des Herrn
d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das
Unglück hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese
Geständnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal
sein, daß unsere Herzen so heftig erschüttert wurden. Morgen werden Sie
vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und
wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.«
Erschöpft von dieser Anstrengung, fühlte Julie, daß ihre Knie brachen --
eine tödliche Kälte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen
Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen.
»Julie!« rief Lord Grenville.
Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser
herzzerreißende Aufschrei drückte alles aus, was der bisher stumme
Liebende nicht hatte sagen können.
»Nun, was hat sie denn?« fragte der General.
Als der Marquis den Schrei hörte, war er schnell herzugeschritten und
stand jetzt plötzlich vor dem Liebespaar.
»Es wird nichts weiter sein,« sagte Julie mit der bewundernswerten
Kaltblütigkeit, die die Frauen dank ihrer natürlichen Schlauheit bei den
großen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. »Die Kühle unter diesem
Nußbaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl
heftig darüber erschrocken. Bin ich für ihn nicht sozusagen ein
Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst
gehabt, es zerstört zu sehen.«
Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lächelte ihrem Manne zu, blickte noch
einmal über die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verließ
und zog ihren Reisegefährten an der Hand mit sich fort.
»Dies ist sicherlich die schönste Gegend, die wir gesehen haben,« sagte
sie. »Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen,
welche weite Flächen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses
Landes begreife ich, was Liebe heißt!«
Sie stieß ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den
Gatten zu täuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand.
»Ah bah, wenn schon!« sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont
entfernt war. »Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht
mehr sein können -- werden wir niemals wieder wir selbst sein können --
kurz, werden wir nicht mehr leben können.«
»Lassen Sie uns langsam gehn,« antwortete Lord Grenville, »die Wagen
sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist,
Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen
Augenblick länger leben.«
Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des
Wassers dahin, fast in völligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend,
die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele
erschütterten. Die Sonne umhüllte sie im Augenblick ihres Niedergangs
mit rotem Schein -- dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild
ihrer unglücklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen
nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor
dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung
beteiligte er sich nicht.
Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville während der ganzen
Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstört, und seit
einiger Zeit ließ er seiner Frau völlige Freiheit, im Vertrauen auf die
punische Treue des Lorddoktors.
Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen
Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhänge von
Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare
Hoffnung, ein unruhiges Glück gefühlt, von dem sie sich nicht
Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal
stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebäude umgestürzt, das sie in
ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten,
wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhäuser voraussehen. Sie waren
jetzt ohne Hoffnung.
Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick,
den er auf Julie warf, bewies leider, daß er von dem Augenblick an, wo
die Sympathie ihnen die ganze Größe einer so starken Leidenschaft
enthüllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute.
Am folgenden Tage saßen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren
Reisegefährten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurück, den die
Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt
mit der Verehrung, deren Hartnäckigkeit sie fast verwünscht hatte.
Tausend vergebene Eindrücke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat
sein Gedächtnis für sich. So unfähig eine Frau auch sein mag, sich der
wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr
ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefühlen
zusammenhängen.
So entsann sich auch Julie ganz genau selbst völlig belangloser
Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebensächlichsten Begebenheiten
ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wußte wieder, was für
besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren.
Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie
die Frische ihrer Jugend und all ihre Schönheit wiedergefunden hatte. Er
schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte,
sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen
Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen.
Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berührung Victors, dessen
Körperwärme sie empfand und auf sich übergehen fühlte, denn sie saßen
eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens
setzen, aber ihr Mann war so liebenswürdig, ihr den Fond zu überlassen.
Sie dankte ihm für die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch
auffaßte. Dieser alte Schürzenjäger der Garnison legte die Melancholie
seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so daß seine Frau sich schließlich
gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder
übel doch imponierte.
»Mein Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie hätten mich schon einmal beinahe
umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes
Mädchen wäre, dann würde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von
vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen,
und ihr muß ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fügen wir uns also in
ein Unglück, das uns gleichermaßen betrifft. Sie sind dabei noch am
wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewußt für das,
was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir
verbieten? Jawohl,« setzte sie hinzu, »Sie haben leichtsinnigerweise in
einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Sérizy liegen lassen. Mein
Schweigen beweist Ihnen, daß ich eine nachsichtige Frau bin, die von
Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze
verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar
darüber geworden, daß unsere Rollen nicht die gleichen sind und das
Unglück allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf
festen, unerschütterlichen Grundsätzen. Ich werde ein untadelhaftes
Leben zu führen wissen -- aber lassen Sie mich leben.«
Der Marquis war verblüfft über diese Logik, die die Frauen aus dem
hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Würde,
die ihnen in Krisen dieser Art natürlich ist, zwang ihn ins Joch. Der
instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe
und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schönsten
Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natürlichen
Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen
bringen. Wer möchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn
sie das zarte Gefühl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei
Männern anzugehören, gewissermaßen wie Prediger, die keinen Glauben
haben?
Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren
Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln -- die
leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen.
Diese allgemeine Mißbilligung klagt entweder das Unglück an, das auf
Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige
Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europäische
Gesellschaft beruht.
Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der
Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute
trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme
Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft.
Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon
beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch
gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause
geblieben.
»Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont
und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf
den Tisch.
Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de
Wimphen an und setzte hinzu:
»Ich fahre zu einer langen Jagd -- zusammen mit dem Oberjägermeister.
Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja
so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. -- Wilhelm,« sagte er zu dem Diener,
der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.«
Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte
geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich
einen verständnisinnigen Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer
Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige
Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich
verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete
vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der
andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist
Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges
Freundschaftsband.
»Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf
ihren Gatten werfend.
Es war Ende März.
»Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir
pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.«
»Sehen Sie sich vor, daß Ihnen nichts passiert.«
»Das kann man nie wissen,« antwortete er lächelnd.
»Der Wagen des gnädigen Herrn ist bereit,« meldete Wilhelm.
Der General erhob sich, küßte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich
zu Julie.
»Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle!« sagte er in bittendem
Tone.
»Was bedeutet denn das?« fragte Frau de Wimphen.
»Nun, kommen Sie,« sagte Frau d'Aiglemont zu Victor.
Dann lächelte sie Luise zu, als wollte sie sagen: »Du wirst sehen.«
Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu
küssen. Da bückte sich aber die Marquise so tief, daß der eheliche Kuß
sich in der Rüsche ihres Kragens verlor.
»Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de
Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit
ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau
Liebe. So weit hat sie mich gebracht -- ich weiß nicht, durch welche
Kunstgriffe ... Viel Vergnügen!«
Und er ging hinaus.
»Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die
beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.«
»O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich
trage, ist mir ein Greuel.«
»Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise.
»Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen
Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte
Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich
drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine
Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben
verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital
unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein
Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären.
Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß
ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie
ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb
reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht
mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen
könnte; denn er ist jähzornig -- voll Eigenliebe -- und vor allem sehr
eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen
Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen
Leidenschaften dabei im Spiele sind -- er ist von schwachem Charakter
und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein
solches Verhängnis wäre freilich ein Glück -- aber es ist eigentlich
leider nicht zu befürchten.«
Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen -- ihre Gedanken galten
den geheimen Ursachen dieser Lage.
»Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit
getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf
Luise richtend. »Und doch hatte ich -ihm- nicht verboten, an mich zu
schreiben. Ach ja! -Er- hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre
ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte
zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine
Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung,
seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus
erschienen.«
»Also kannst du Englisch?«
»Habe ich dir das nicht gesagt? -- ich habe es gelernt.«
»Arme Kleine,« rief Luise, Juliens Hand ergreifend. »Aber wie kannst du
da noch leben?«
»Das ist ein Geheimnis,« antwortete die Marquise und machte
unwillkürlich eine Gebärde von fast kindlicher Naivität. »Höre. Ich
nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von ... aus London hat mich auf
die Idee gebracht. Weißt du, Mathurin hat einen Roman darüber
geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir
Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme
ich nur meiner Tochter.«
Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren
ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthüllte.
»Luise, verrate mich aber nicht,« sagte Julie nach einem Augenblick des
Schweigens.
Plötzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief.
»Ha!« rief sie erbleichend.
»Ich frage nicht erst, von wem,« sagte Frau de Wimphen.
Die Marquise las und hörte nichts mehr. Ihre Freundin sah die
stürmischsten Gefühle, die gefährlichste Aufregung in den Zügen der Frau
d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald blaß, bald rot und warf
schließlich das Papier ins Feuer.
»Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!«
Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten.
»So hat er Paris nicht verlassen,« rief sie.
Sie stieß die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu
unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem
Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten
Sätze hatten etwas Furchtbares.
»Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne daß ich es gewußt
habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn
am Leben erhalten. Du weißt nicht, Luise -- er stirbt und bittet darum,
mir Lebewohl zu sagen. Er weiß, daß mein Mann heute abend auf mehrere
Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich
sterben. Ich bin verloren. Höre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird
er es nicht wagen. O, bleib! Ich fürchte mich.«
»Aber, mein Mann weiß, daß ich bei dir zu Tisch bin,« antwortete Frau de
Wimphen. »Er wird mich holen kommen.«
»Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen
beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr.
Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Sätze, die ich noch in
Flammenschrift vor mir sehe!«
Ein Wagen rollte vor das Portal.
»Ach!« rief die Marquise mit einer gewissen Freude, »er kommt öffentlich
und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.«
»Lord Grenville,« meldete der Diener.
Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt
blaß, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr möglich.
Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden,
erschien er doch ruhig und kalt. Aber für diese beiden in das Geheimnis
seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der
Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1]
zuschreibt.
[1] Ein Seefisch, der das Vermögen besitzt, elektrische Schläge
auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu
bemächtigen.
Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betäubt durch die starke
Übertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord
Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, daß sie ihm nicht zu
antworten wagte, weil sie ihm damit die Größe der Macht, die er auf sie
ausübte, zu enthüllen fürchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es
nicht, Julie anzusehen, und so mußte Frau de Wimphen fast allein für
eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick
voll rührender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr für die Hilfe, die sie
ihr leistete.
Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefühlen Schweigen
und mußten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des
gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen
gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden
Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die
neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmöglich, Herrn de Wimphen das
Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine
triftigen Gründe, ihren Mann zu bitten, sie noch länger bei ihrer
Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte,
erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser
Stimme:
»Ich werde Mut haben. Wenn er öffentlich zu mir gekommen ist, was habe
ich da zu befürchten? Aber wenn du nicht gewesen wärst -- wenn ich ihn
allein so verändert gesehen hätte -- ich würde ihm zu Füßen gefallen
sein.«
»Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht,« sagte Frau d'Aiglemont mit
zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein.
Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen.
»Ich habe mir nicht länger die Wonne versagen können, Ihre Stimme zu
hören, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht
mehr Herr über mich. Ich habe mich über mich selbst konsultiert -- ich
bin zu schwach. Ich muß sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben
-- ohne das Rauschen Ihres Kleides gehört zu haben -- ohne Ihre Tränen
aufgefangen zu haben -- was wäre das für ein Tod!«
Er wollte sich von Julie entfernen -- aber bei einer raschen Bewegung
fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und
im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu
sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen über
diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglücklichen
Liebhabers aufgefaßt werden konnte.
»Arthur?« fragte Julie.
»Gnädige Frau,« antwortete er, die Augen niederschlagend, »ich kam in
Verzweiflung her -- ich wollte --«
Er hielt inne.
»Sie wollten sich bei mir töten!« rief sie.
»Nicht allein,« antwortete er mit sanfter Stimme.
»Wie? Vielleicht auch meinen Mann?«
»Nein, nein!« rief er mit erstickter Stimme. »Aber beruhigen Sie sich,«
setzte er hinzu, »mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat,
als ich Sie sah, da fühlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein
zu sterben.«
Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen
Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte
verstehen konnte:
»Das Glück kennen lernen und dann sterben,« sagte sie. »Das -- ja!«
Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei -- dem
Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen.
Arthur ergriff sie und trug sie mit der stürmischen Inbrunst, die ein
unverhofftes Glück entfacht, zum Diwan. Aber plötzlich riß sich die
Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer
verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und
zog ihn mit sich in das Schlafzimmer.
Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhänge weg, so daß
man ihr Kind sah -- sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das
Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen
Mädchens wehe täte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lächelte
im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser
Blick sagte alles.
»Einem Manne können wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat.
Ein Mann ist ein starkes Geschöpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt
können wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter --!«
Alle diese Gedanken und tausend noch weit zärtlichere lagen in diesem
Blick.
»Wir können sie mit uns nehmen,« murmelte der Engländer. »Ich werde sie
sehr lieb haben.«
»Mama!« rief Helene, erwachend.
Bei diesem Worte zerfloß Julie in Tränen. Lord Grenville setzte sich,
kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin.
»Mama!« Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln,
unwiderstehlichen Gefühle, daß die Liebe auf einen Augenblick unter der
mächtigen Stimme der Mutterschaft erdrückt wurde. Julie war nicht mehr
Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr -- Juliens
Tränen warfen ihn nieder.
In diesem Augenblick hörte man, wie eine Tür ungestüm geöffnet wurde,
und die Worte: »Frau d'Aiglemont, bist du hier?« widerhallten wie ein
Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurückgekommen.
Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus
seinem Zimmer und näherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer
hingen zusammen. Zum Glück gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen,
und der Engländer sprang in eine Toilette, deren Tür die Marquise
geschwind schloß.
»Nun, meine Gemahlin,« sagte Viktor, »da bin ich wieder. Die Jagd findet
nicht statt. Ich will schlafen gehen.«
»Gute Nacht,« sagte sie zu ihm. »Das will ich eben auch tun. Laß mich
also allein -- ich bin beim Auskleiden.«
»Du bist recht unzart heute abend -- doch ich gehorche Ihnen, Frau
Marquise.«
Der General kehrte in sein Zimmer zurück. Julie begleitete ihn, um die
Verbindungstür zu schließen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien.
Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres
alten Arztes sei schließlich ganz natürlich. Sie konnte ihn ja im Salon
zurückgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie
wollte ihm nun sagen, er solle sich geräuschlos dorthin begeben. Aber
als sie die Tür des Kabinetts öffnete, schrie sie laut auf. Die Finger
Lord Grenvilles waren in die Türspalte geraten und zermalmt worden.
»He, was hast du denn?« rief ihr Mann herüber.
»Nichts,« antwortete sie, »ich habe mich mit einer Nadel in den Finger
gestochen.«
Die Verbindungstür öffnete sich plötzlich wieder. Die Marquise glaubte,
ihr Mann käme aus Interesse für sie, und verwünschte diese Besorgtheit,
an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die
Toilette zu schließen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht
befreien können. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die
Marquise irrte sich -- eine plötzliche Mißhelligkeit führte ihn her.
»Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir
nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du
dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekümmert, daß es mir sogar
,
1
,
.
,
2
,
.
3
4
,
,
5
,
,
,
6
,
7
,
8
.
9
10
,
11
,
12
,
.
13
,
,
,
14
.
,
15
-
-
-
-
16
,
17
.
18
19
,
,
,
20
,
21
.
?
22
,
23
.
24
25
.
,
26
,
;
27
,
28
.
29
30
,
31
.
32
,
,
33
;
,
;
34
.
,
,
,
35
;
.
36
.
37
38
,
39
.
,
,
,
40
.
41
,
42
,
,
43
,
44
45
,
46
,
.
47
48
,
,
49
,
50
,
,
.
51
,
52
.
53
,
54
,
55
.
56
57
,
58
»
+
+
«
.
59
60
.
,
61
,
62
.
,
.
63
.
64
65
»
,
?
,
,
!
66
,
-
-
67
.
«
68
69
.
70
71
.
,
72
,
73
74
.
75
76
,
,
77
.
,
78
,
,
79
.
80
,
,
81
,
82
,
,
83
,
,
84
,
,
85
,
.
86
87
,
.
88
;
89
,
90
,
,
91
.
.
92
93
.
,
94
,
95
.
,
,
96
.
,
97
98
99
.
100
101
,
102
.
103
,
104
;
105
,
,
.
106
107
»
,
,
«
108
,
»
109
'
,
,
?
,
110
,
111
,
112
,
,
,
113
.
-
-
114
,
-
-
115
,
.
116
?
,
117
,
.
,
118
.
,
119
;
120
,
,
.
121
.
122
,
,
123
.
124
.
,
«
,
125
»
'
;
,
126
,
.
127
,
128
,
-
-
«
129
130
»
?
«
.
»
,
131
.
«
132
133
.
134
-
-
135
,
.
136
137
.
138
,
'
,
139
.
140
141
»
,
«
,
»
,
142
,
,
143
,
144
,
,
145
.
,
146
,
,
'
147
.
148
,
,
149
,
.
150
,
«
,
151
,
»
152
,
153
.
,
154
.
,
155
,
;
156
,
157
,
158
.
,
«
,
159
»
«
,
»
160
.
,
161
,
.
162
,
.
163
,
,
,
164
,
,
«
165
,
»
'
.
«
166
167
»
,
,
«
,
»
168
.
,
169
.
.
170
.
«
171
172
.
173
:
»
+
,
.
+
«
-
-
174
,
-
-
175
,
.
176
177
'
,
,
178
,
.
,
179
,
,
180
,
,
181
.
,
182
,
;
183
,
184
-
-
185
,
.
186
187
,
188
,
;
189
,
;
190
,
191
,
,
192
,
.
193
,
194
,
195
.
196
-
-
197
.
,
198
,
,
199
,
200
.
201
202
'
-
-
,
203
,
.
204
205
,
.
206
,
,
207
,
.
208
.
209
?
210
,
211
?
212
,
213
.
,
214
,
,
,
215
216
,
.
217
218
219
.
220
,
221
,
,
,
222
.
223
,
,
224
,
.
225
,
,
226
,
,
227
.
228
229
,
230
,
'
.
231
,
232
.
,
233
,
234
.
,
235
,
236
,
,
'
237
,
238
,
,
239
.
240
,
241
,
,
242
.
243
-
-
?
-
-
-
-
-
-
-
-
244
245
,
246
-
-
,
247
.
248
,
,
,
249
-
-
250
,
,
,
251
,
,
,
252
,
253
.
-
-
254
.
255
;
256
;
,
257
,
,
258
,
,
.
,
259
.
260
,
261
.
,
262
,
263
.
264
265
266
,
,
267
,
,
268
,
269
.
270
271
;
272
.
273
.
274
,
,
275
.
,
276
,
.
,
277
,
,
278
,
,
279
.
280
281
,
282
,
,
283
,
,
.
284
285
,
,
286
,
,
287
,
,
288
,
-
-
289
,
,
290
,
:
,
291
,
292
.
293
294
295
,
,
296
,
.
297
,
298
;
,
299
.
300
301
,
302
,
303
;
304
,
.
305
306
»
!
«
.
»
.
,
307
.
,
«
,
»
308
!
«
309
310
'
,
311
.
312
,
.
313
,
314
,
.
315
316
»
,
«
,
»
!
317
,
?
318
,
?
«
319
320
»
.
«
321
322
»
,
«
.
»
-
-
?
«
323
324
»
,
«
.
325
326
»
?
,
.
,
327
!
«
328
329
,
330
331
.
332
,
-
-
333
,
,
.
334
335
»
,
,
!
«
,
336
.
»
?
«
337
.
338
339
.
340
341
»
'
,
«
342
,
»
,
,
343
.
«
344
345
»
,
,
346
,
-
-
«
347
348
-
-
,
.
349
350
»
,
«
,
»
351
.
,
352
-
-
.
353
-
-
,
354
-
-
«
355
356
,
357
;
358
,
,
.
359
,
.
360
,
.
361
362
.
'
,
363
,
,
364
.
365
366
,
367
368
,
,
369
.
370
,
371
,
,
372
,
,
373
,
.
374
375
,
376
.
377
,
378
,
.
379
,
380
.
381
382
,
,
383
,
384
,
,
385
.
386
,
,
387
,
388
.
389
,
390
.
391
392
,
393
,
.
394
,
.
395
,
,
,
396
.
397
398
,
399
.
400
.
,
401
,
,
402
:
403
404
»
,
,
.
405
,
,
406
.
407
,
,
408
,
409
.
,
410
.
,
411
.
,
,
,
412
,
,
413
,
414
.
,
,
415
.
,
,
416
.
.
.
«
417
418
,
419
,
;
,
420
,
.
421
-
-
422
.
,
,
423
,
424
,
,
.
425
,
,
426
.
427
428
»
,
,
«
429
,
,
»
,
430
,
.
431
.
,
«
,
432
,
»
433
,
,
434
-
-
.
435
.
,
436
,
-
-
,
«
437
,
438
.
439
440
»
,
«
.
441
442
'
,
443
.
444
,
445
.
446
447
»
,
-
-
448
.
,
449
,
,
.
,
,
450
.
451
-
-
.
452
,
453
,
-
-
454
.
«
455
456
»
,
«
457
.
458
459
,
,
460
,
461
,
462
.
463
.
,
464
,
465
,
466
467
.
468
469
»
,
470
,
«
,
.
471
»
,
?
«
472
473
,
474
,
.
,
,
475
,
476
,
.
477
478
»
,
479
,
«
,
.
480
481
»
,
«
,
,
482
»
.
483
?
-
-
-
-
!
«
484
485
.
486
487
»
,
«
.
»
,
488
,
.
,
489
,
490
.
.
,
,
491
,
,
-
-
492
,
.
493
,
494
.
,
«
495
,
»
496
.
«
497
498
,
499
,
.
500
501
»
,
«
,
»
,
502
-
-
.
503
;
,
504
.
505
.
'
506
,
.
507
,
.
,
508
,
«
,
509
.
»
,
.
,
510
,
511
'
,
.
512
,
.
513
;
514
,
.
515
,
,
,
516
,
.
«
517
518
,
,
-
-
519
.
520
,
,
.
521
522
»
!
«
.
523
524
.
525
,
526
.
527
528
»
,
?
«
.
529
530
,
531
.
532
533
»
,
«
534
,
535
.
»
536
,
537
.
538
,
?
539
,
.
«
540
541
,
,
542
,
543
.
544
545
»
,
,
«
546
.
»
.
,
,
,
547
!
548
,
!
«
549
550
,
,
551
,
.
552
553
»
,
!
«
,
'
554
.
»
!
,
555
-
-
-
-
556
,
.
«
557
558
»
,
«
,
»
559
.
,
,
560
,
561
.
«
562
563
564
,
,
,
565
,
,
566
.
567
-
-
568
.
,
569
,
,
570
,
.
571
.
572
573
,
,
574
,
,
575
,
576
.
577
578
,
579
.
580
,
581
,
,
582
;
583
,
,
584
,
585
,
.
586
.
587
588
.
,
589
,
,
,
590
591
,
,
.
592
593
'
594
,
595
,
596
,
.
597
.
598
.
,
599
,
600
,
601
.
602
603
604
;
605
,
,
606
.
607
608
,
609
.
610
.
,
611
,
612
,
.
613
614
,
615
,
616
.
617
,
,
.
618
,
619
.
620
,
621
,
,
622
.
623
624
»
,
«
,
»
625
,
.
,
626
,
627
.
,
,
628
.
629
,
.
630
.
,
631
,
632
?
,
«
,
»
633
.
634
,
,
635
,
636
;
637
,
638
.
639
,
.
640
-
-
.
«
641
642
,
643
,
,
644
,
.
645
,
,
646
,
647
648
,
649
.
?
,
650
,
,
651
,
,
652
?
653
654
,
655
,
-
-
656
.
657
,
658
,
659
,
660
.
661
662
.
'
663
,
,
664
.
665
.
666
667
668
.
'
669
.
,
,
670
.
671
672
»
,
,
«
'
673
,
,
674
.
675
676
,
677
:
678
679
»
-
-
.
680
.
681
.
'
.
-
-
,
«
,
682
,
»
.
«
683
684
,
'
685
,
.
686
,
,
687
,
688
;
689
.
,
690
,
691
.
692
693
.
694
695
»
?
«
,
696
.
697
698
.
699
700
»
,
,
.
701
.
«
702
703
»
,
.
«
704
705
»
,
«
.
706
707
»
,
«
.
708
709
,
710
.
711
712
»
,
!
«
713
.
714
715
»
?
«
.
716
717
»
,
,
«
'
.
718
719
,
:
»
.
«
720
721
,
,
722
.
,
723
.
724
725
»
,
«
,
726
,
»
,
727
.
728
.
-
-
,
729
.
.
.
!
«
730
731
.
732
733
»
,
«
,
734
.
»
.
«
735
736
»
,
.
,
737
,
.
«
738
739
»
,
«
.
740
741
»
,
«
,
»
742
,
.
743
,
.
,
744
,
,
,
745
,
746
;
,
747
.
.
748
,
'
.
749
,
750
.
751
,
,
752
.
,
753
,
,
754
;
-
-
-
-
755
.
,
756
,
757
-
-
758
,
.
759
-
-
760
.
«
761
762
-
-
763
.
764
765
»
766
,
«
,
767
.
»
-
-
,
768
.
!
-
-
,
.
769
,
770
.
'
?
,
771
,
,
,
772
.
,
773
.
«
774
775
»
?
«
776
777
»
?
-
-
.
«
778
779
»
,
«
,
.
»
780
?
«
781
782
»
,
«
783
.
»
.
784
.
.
.
.
785
.
,
786
.
.
787
.
,
788
.
«
789
790
.
,
,
791
.
792
793
»
,
,
«
794
.
795
796
.
797
798
»
!
«
.
799
800
»
,
,
«
.
801
802
.
803
,
804
'
.
,
805
.
806
807
»
!
!
!
«
808
809
.
.
810
811
»
,
«
.
812
813
,
814
,
.
815
,
816
.
817
818
»
,
819
.
,
820
.
,
-
-
,
821
.
,
822
,
.
,
823
.
.
,
.
824
.
,
!
.
«
825
826
»
,
,
,
«
827
.
»
.
«
828
829
»
,
,
.
830
.
,
,
.
831
!
,
,
832
!
«
833
834
.
835
836
»
!
«
,
»
837
.
«
838
839
»
,
«
.
840
841
.
,
842
,
,
.
843
,
,
844
.
845
,
846
,
[
]
847
.
848
849
[
]
,
,
850
,
,
851
.
852
853
854
.
855
'
,
856
,
,
857
,
.
858
,
,
859
,
,
.
860
,
861
.
862
863
864
865
.
866
.
,
867
,
,
868
.
,
869
,
870
,
,
871
.
,
872
,
,
873
:
874
875
»
.
,
876
?
-
-
877
-
-
878
.
«
879
880
»
,
,
,
«
'
881
.
882
,
.
883
884
»
,
885
,
.
,
.
886
.
-
-
887
.
.
,
888
-
-
-
-
889
-
-
!
«
890
891
-
-
892
.
,
893
,
894
.
895
,
896
.
897
898
»
?
«
.
899
900
»
,
«
,
,
»
901
-
-
-
-
«
902
903
.
904
905
»
!
«
.
906
907
»
,
«
.
908
909
»
?
?
«
910
911
»
,
!
«
.
»
,
«
912
,
»
.
,
913
,
,
,
914
.
«
915
916
,
917
,
918
:
919
920
»
,
«
.
»
-
-
!
«
921
922
-
-
923
,
.
924
,
925
,
.
926
,
927
,
,
928
.
929
930
,
,
,
931
-
-
,
932
,
933
.
934
.
.
935
.
936
937
»
,
.
938
.
939
.
-
-
!
«
940
941
942
.
943
944
»
,
«
.
»
945
.
«
946
947
»
!
«
,
.
948
949
.
,
950
.
951
952
»
!
«
,
,
953
,
954
.
955
,
.
-
-
956
.
957
958
,
,
959
:
»
'
,
?
«
960
.
.
961
,
962
.
963
.
,
964
,
965
.
966
967
»
,
,
«
,
»
.
968
.
.
«
969
970
»
,
«
.
»
.
971
-
-
.
«
972
973
»
-
-
,
974
.
«
975
976
.
,
977
,
,
.
978
,
979
.
980
,
;
981
,
.
982
,
.
983
.
984
985
»
,
?
«
.
986
987
»
,
«
,
»
988
.
«
989
990
.
,
991
,
,
992
.
,
993
,
994
.
;
995
-
-
.
996
997
»
?
998
.
999
,
1000