Haus gehören! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er
mir so leicht entgangen."
"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trüber Stimme.
"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu
Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!"
In der Tat führten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel
verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurück, und einer von
ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der
Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt
und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen,
die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch
einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter
benachrichtigte, daß eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der
Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine
Falle befürchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch
zurufen: "Nimm Dich in acht!" und stürzte tot nieder. Es war die
Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fühlte, noch zur rechten Zeit
anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen.
"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heißt lieben.
Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn
ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt."
Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen
Vorgefühle, die ihn quälten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den
Tisch und trank unmäßig, wie auch seine Gäste taten. Als alle halb
berauscht waren, begaben sie sich frühzeitig zur Ruhe. Mitten in der
Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Geräusch erweckt, das
von den Ringen seiner Bettvorhänge herrührte, die heftig an den Stäben
zurückgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war
eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen
Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in
einen Mantel gehüllt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am
Abend des Balles durch das Orangengebüsch geleuchtet hatte. Der Chirurg
schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier
antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Lächeln.
"Das Opium wächst für jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte
gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde
und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm
hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn
auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem ähnlich war, das dieser
so unklugerweise beschrieben hatte.
"Ist es derselbe?" fragte er.
Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte
der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne
weitere Erörterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in
das Herz des Chirurgen."--
"Ihre Erzählung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhörer zu
dem Erzähler. "Können Sie mir wohl erklären, wer sie Ihnen erzählt hat,
ob der Tote oder der Spanier?"
"Mein Herr," antwortete der Erzähler, "ich habe den armen Mann
gepflegt, da er erst fünf Tage später unter schrecklichen Leiden starb.
Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder
einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber
glücklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir
Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner
Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomére, wo sich auch
mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch
verließ, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im
Exil, der seit fünfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr
spät war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor
Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm
durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses
Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen.
Denkt Euch, ein lebendiges Gemälde von Murillo. Unter gewölbten und
schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz
war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glühende Tinten; sein
Körper war so leidend, daß man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und
diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu
haben. Sie hatte jenen bewunderungswürdigen Wuchs, für den die
spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich,
war sie noch immer schön; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge
eines für eine Spanierin sonst unerhörten Privilegiums; aber aus ihren
Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie
ansah, wie geschmolzenes Blei.
"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soirée, "durch welchen
Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"
"Im Unabhängigkeitskriege," antwortete sie mir.
NACHWORT
Die Holzschnitte von Honoré Daumier und Paul Gavarni, welche die
vorliegende Ausgabe schmücken, sind nicht ursprünglich zu diesen
Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem
reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewählt,
weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich
illustrieren, anderseits ihren Wert als selbständige Kunstwerke
behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit
seiner Zeit heraus die großen Menschheitskomödien und tragödien
gestaltete, so schuf mit gleicher Genialität der Zeichner Daumier sein
Werk und gab dem Gesicht der bürgerlichen Welt die letzte, gültige
Prägung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch kühl
betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der
von allen Leidenschaften erschütterten Seele; Daumier enthüllt in
seinen Physigonomien mit unbekümmerter Künstler-objektivität das
Innenleben des Bürgers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur
Karikatur. Zu diesen großen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren
Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als graziöser,
spöttischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehörte zu den Bewunderern
Daumiers, und von ihm soll die Äußerung herrühren: "Dieser Kerl hat
Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufsätzen
über Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung
Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergänzen, der dies
übrigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen
erblickte und sie als solche ehrte."
CURT MORECK
INHALTSVERZEICHNIS
Pierre Grassou
Die Börse
Ehelicher Frieden
Der Arm
Balzacs Novellen wurden im Auftrag von G. Hirth's Verlag, München, ins
Deutsche übertragen und herausgegeben von Gurt Moreck. Gedruckt und
gebunden in der Offizin Knorr & Hirth in München.
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