"Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Nächte bei
einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hören wollen,
obgleich ich ihr sagte, daß es auf einen Tag mehr oder weniger nicht
ankomme."
Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese
edlen und ruhigen Züge betrachtete, so mußte er über seinen Verdacht
erröten und den Verlust seiner Börse irgend einem unbekannten Zufall
zuschreiben.
Dieser Abend war ein köstlicher für ihn, und vielleicht auch für
Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht
erraten; das junge Mädchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers.
Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Mädchens, kehrte liebevoller
und freundlicher zu seiner Geliebten zurück und suchte sich eine
stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide genoß dagegen so
vollkommene, so süße Freuden, daß es ihr schien, als habe sie dieselben
nicht zu teuer durch das Unglück erkauft, das ihre Liebe so grausam
verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses
zauberische gegenseitige Verständnis wurde dennoch durch eine Bemerkung
der Baronin von Rouville gestört.
"Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt.
Diese Worte erweckten alle Befürchtungen des jungen Mannes von neuem.
Er errötete, während er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf
ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untrügerischen Herzensgüte. Er
setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in
Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, daß er das Pikett nicht
verstehe und daher eines Partners bedürfe. Frau von Rouville und ihre
Tochter gaben sich während des Spieles Zeichen des Einverständnisses,
die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war;
zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der
Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah
er plötzlich eine Börse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte,
ohne daß er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Börse in der Hand
und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fühlte, wie
ihm alles Blut zum Herzen strömte und er nahe daran war, das Bewußtsein
zu verlieren. Die neue Börse, die ihm anstatt der alten gegeben war,
enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an
derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies
ein entzückender Dank des jungen Mädchens. Es war unmöglich, auf eine
zartere Weise zu erkennen zu geben, daß das Geschenk des Malers nur
durch ein Pfand der Zärtlichkeit belohnt werden könne. Als Hippolyt im
Übermaß seines Glückes seine Augen auf Adelaide und die Baronin
richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, daß ihnen ihr
Betrug so schön gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich,
verächtlich, albern und hätte sich strafen mögen; aber ein paar Tränen
traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu
erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu drücken,
ihr einen Kuß zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Künstlers
zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin".
Adelaide warf dem Maler einen halb zürnenden Blick zu, und Frau von
Rouville suchte in ihrer Bestürzung nach einer Antwort, als diese Szene
durch ein plötzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral
erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner.
Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr
vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde
Erkundigungen über das junge Mädchen, das er liebte, eingezogen. Als
sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen über Adelaide
versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten
mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, daß er "den Neidhammeln die
Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau
Schinner dann auch noch, daß er absichtlich beim Spiel verliere, weil
der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu
unterstützen.
Als Frau Schinner Frau von Rouville begrüßt hatte, blickte diese den
Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher
Herzensgüte: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise."
EHELICHER FRIEDEN
Unsere Erzählung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergängliche
Herrschaft den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht
hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner
und das Trompetengeschmetter der berühmten Schlacht bei Wagram hallte
noch im Herzen der österreichischen Monarchie wieder. Der Friede war
zwischen Frankreich und den Mächten des Festlandes unterzeichnet,
Könige und Fürsten demütigten sich vor Napoleon, der sich die Freude
machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle
Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er später in Dresden entfalten
sollte.
Die Zeitgenossen behaupten, daß Paris nie schönere Feste gesehen habe,
als jene, die der Vermählung Napoleons mit einer Erzherzogin von
Österreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den
schönsten Tagen der älteren Monarchie so viele gekrönte Häupter an den
Ufern der Seine gedrängt, nie war die französische Aristokratie reicher
und glänzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen
Verschwendung in Schmuckstücken zur Schau getragen, Gold und Silber
strahlte von so vielen Uniformen wieder, daß es schien, als wären alle
Reichtümer des Erdballs in den Salons von Paris angehäuft worden.
Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermaßen des ganzen Reiches
bemächtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten
sich als Emporkömmlinge der Schätze, die eine Million von Kriegern im
Auslande zusammengerafft hatte.
Einige Damen aus den höheren Sphären der Gesellschaft trugen damals
jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die
ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande
aufgedrückt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie
nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse
Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Häupter
der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiß, daß sich
alle, Männer und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der
Genüsse stürzten, die an das Ende der Welt hätte glauben lassen können.
Allein es gab damals einen besonderen Grund für diese Freisinnigkeit.
Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für die Krieger war zu einer
Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wünschen
Napoleons zusagte, wurde durch keine Zügel gehemmt. Der Kaiser ließ
seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener
Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklärlichen
Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen,
wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von
denen die Frauen so sehr entzückt waren, selbst rasch in seinen
Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen.
Die häufigen Friedensbrüche, die alle zwischen Europa und Frankreich
abgeschlossenen Bündnisse nur als Waffenstillstand erscheinen ließen,
führten ebenso häufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren
Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fünften
Bulletin der großen Armee sah sich daher manches Weib als Braut,
Gattin, Mutter und Witwe.
War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf
Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu
teilen, durch welche die Krieger so verführerische Reize für das
weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schöne Geschlecht durch die
Gewißheit, daß die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht
ausplaudern können, zu den Kriegern hingezogen? Oder muß man die
Ursache für jenen süßen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der
Mut für das weibliche Geschlecht besitzt?
Vielleicht waren es diese Gründe zusammengenommen, die der künftige
Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwägen
muß, vielleicht trugen alle jene Gründe zu dem Leichtsinn bei, mit dem
sich die Damen der Liebe und der Ehe überlieferten. Wie dem auch sein
mochte, es mag hinreichen, daß wir hier bemerken, wie durch den Ruhm
und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche
Geschlecht mit Eifer jene kühnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals
als wahre Quellen der Ehre, der Reichtümer und der Freuden erschienen,
und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Mädchens einer
Hieroglyphe glich, die Glück und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene
Epoche charakterisiert, war eine gewisse zügellose Leidenschaft für
alles Glänzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner
Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Männer
waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und
schmückten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch,
die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich führen zu
können, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der
Mann erschien damals nicht so lächerlich, wie das jetzt der Fall sein
würde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken
schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Südländer, hatte
den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben.
Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats,
der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezögert, ein Fest zu
Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glänzender Napoleon den
Hof zu machen und alle die Schmeichler zu überstrahlen, die ihm
zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten
Mächte, die wichtigsten Persönlichkeiten des Kaiserreichs, selbst
einige Fürsten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators
versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so
rührte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte
versprochen, daß er erscheinen werde, und hätte gewiß sein Wort
gehalten, wäre nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein
Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekrönten Gattenpaares
voraussehen ließ. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war
noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die
Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher
nur der eine Umstand Einfluß, daß Napoleon nicht erschien. Die
schönsten Frauen von Paris hatten sich in den geschmückten Salons
eingefunden, um durch die Üppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schönheit
vor den Augen des Kaisers zu glänzen.
Die auf ihre Reichtümer stolze Finanzwelt überstrahlte die glänzenden
Generäle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der
Ehrenlegion und Titeln überhäuft waren; denn solche Feierlichkeiten
waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden,
um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Prätorianer vorzuführen,
in der Hoffnung, daß diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung
der Erbinnen verbinden würden. Diejenigen Damen, die sich nur
hinsichtlich ihrer Schönheit stark wußten, erschienen ebenfalls, um die
Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast überall, die
Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die
ruhigen Stirnen verdeckten gehässige Berechnungen. Die Freundschafts-
bezeigungen logen, und mehr als einer mißtraute seinen Feinden weniger
als seinen Freunden.
Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen
Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird,
zu verraten, sondern auch das Fest einigermaßen kennen zu lernen, bei
dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der
damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher
gewissermaßen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog
betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten
erforderten.
* * * * *
"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Säule, die einen Kandelaber
trägt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art
geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in
dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben über ihren Kopf
herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, daß man glauben
sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet
sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig
gespalten sind und süß zum Entzücken, scheinen ganz besonders zum
Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame
Vaudremont durch die Masse von Köpfen hindurch zu erblicken, die in
beständiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden...."
"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!... Du hättest sie mir nur als die
bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so würde
ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat
den schönsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus dürftest
Du wohl die weiße Haut ihres Halses nicht genau sehen können und die
Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber
von hier aus scheint es, als sähe man Türkise auf Schnee gesät. Sie
besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche
Lilienweiße!..."
"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich weiß
es nicht."
"Aristokrat! Sie wollen wohl alle für sich behalten...."
"Das paßt zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat lächelnd.
"Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu
verspotten, weil Du als glücklicher Nebenbuhler des armen Soulanges
nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne daß zugleich das Herz
der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit
Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?... Ihr seid ein
unverschämtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Stühlen
sitzen bleibt, während wir Kommißbrot essen müssen! Wohlan, Herr
Requętenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem
Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind!
Was Teufel! Jedermann muß leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen
Aufmerksamkeit die schöne Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum
ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, ob Sie
sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was fällt Dir ein?
Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so möchtest Du wohl schlechte
Geschäfte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten
Koketten von Paris zwischen meiner hübschen Dame und dem glänzenden
Schwarm von Tänzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich
nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen müssen, um sie in dem Winkel
jener Säule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben
scheint? Trotz der fünfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt
herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von
Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und
Blumen, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn irgendein Tänzer sie
inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken würde! wie, Martial, hast
Du nicht erraten, daß sie die Gattin irgendeines Unterpräfekten aus
einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will,
ihren Mann zum Präfekten zu machen?..."
"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requętenmeister aus.
"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
Martial, daß Du nicht weißt, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."
Der Requętenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die
ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.
"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pünktlich
neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen ...
Wahrscheinlich wird sie die Gräfin von Gondreville in große
Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken
zusammenreimen kann; verstoßen von der Hausfrau, wird sie dann durch
jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrängt worden sein, bis
in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer
Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen,
deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefährliche und
reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen
Freund gehabt haben, der sie ermutigt hätte, den Platz zu verteidigen,
den sie dem ersten Plane gemäß eingenommen haben muß, und jede von
diesen treulosen Tänzerinnen hat gewiß unter Androhung der
schrecklichsten Strafe allen ihren Anhängern verboten, unsere schöne
Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zärtlichen und
offenen Augen haben gewiß eine allgemeine Verschwörung gegen die
Unbekannte veranlaßt!... Diese Verschwörung wird zustande gekommen
sein, ohne daß eine einzige dieser Damen ein Wörtchen gesagt hätte,
als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'--Höre, Martial,
willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken
beglückt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten
kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der
unsere Andromeda umschließt.... Du wirst sehen, wie auch die Dümmste
von diesen schönen Göttinnen sofort eine List erfindet, die fähig wäre,
den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die
klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, daß
sie ganz aussieht wie eine Elegie."
"Sie glauben also, Oberst, daß es eine verheiratete Frau ist?"
"Nun, vielleicht ist sie Witwe."
"Dann wäre sie nicht so traurig!" sagte der Requętenmeister lachend.
"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
Oberst.
"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem
Frieden ..." antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir täuschen uns beide.
Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als daß es eine Frau sein
sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf
den Schläfen! Welch kräftige Töne des Fleisches! Nichts ist an Lippen
und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weißen
Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhüllt. Die Dame
weint...."
"Wie?..." sagte der Oberst.
"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie
ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer rührt nicht
von heute her, und man sieht, daß sie sich absichtlich so schön gemacht
hat. Ich möchte wetten, daß sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht
die Tochter irgendeines kleinen Fürsten aus Deutschland!" sagte der
Oberst.
"Ach! wie unglücklich ist doch ein armes Mädchen, das allein und
vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine größere Anmut
entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!... Und nicht
eine von den höfischen und häßlichen Megären, die sie umgeben, und die
so empfindsam scheinen möchten, richtet ein Wörtchen an sie!... Spräche
sie, so würden wir wenigstens ihre Zähne sehen!..."
"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten
Temperaturveränderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas
geärgert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen.
"Wie!" sagte der Requętenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu
hören und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Nähe
standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume
nennen könnte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt
ist?..."
"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfräulein...!" sagte der
Oberst.
"Herrlich! Ein Gesellschaftsfräulein mit Saphiren, deren sich eine
Königin nicht zu schämen brauchte!... Das machen Sie andern weis, Sie
werden wohl nicht stärker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine
deutsche Prinzessin für ein Gesellschaftsfräulein halten."
Der Oberst, der weniger gesprächig, dafür aber neugieriger war, ergriff
einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und
geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des
Salons erblickte. Dieses wundersam behende Männchen mischte sich in
alle Gruppen und wurde überall mit einer gewissen Achtung aufgenommen.
"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist
das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen
vergoldeten Kandelaber?"
"Der Kandelaber?... Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die
Zeichnung dazu geliefert...."
"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem
prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame...."
"Ach so, die kenne ich nicht!... Es ist ohne Zweifel eine Freundin
meiner Frau."
"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!..."
"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Gräfin von Gondreville kann Leute
einladen, die niemand kennt."
Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus
und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein
Lächeln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten
hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requętenmeister, der
sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um
Erkundigungen über die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den
Requętenmeister beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: "Mein lieber
Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit
einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist
fähig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir
sagst. Unsere Blicke sind überdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie
hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht
irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr über
unsere Dame, als wir selbst es tun."
"Das ist eine alte Kriegslist! Was kümmert mich das übrigens. Ich mache
es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich
dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie,
Schurke, Du hast das Glück, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein,
mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jährlich zweitausend
doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler
Wert an die Finger gesteckt hat ... und Du willst dennoch den Lovelac
spielen, als wärst Du ein Oberst, der nächstens die Garnison
vertauschen wird?... Pfui!... Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren
kannst!..."
"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte
Martial mit einem erzwungenen Lächeln. Er warf einen leidenschaftlichen
Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Lächeln
antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des
Requętenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie
diesem geschenkt hatte.
"Höre, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch länger um meine
junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der
Frau von Vaudremont."
"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Kürassier, allein Sie werden den
Platz nicht einnehmen."
"Bedenke, daß ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "daß mein Degen
mein einziges Vermögen ist und Du mich durch eine solche Antwort
durchaus herausfordern mußt."
"Brrr." Diese scherzhafte Häufung von Konsonanten war die einzige
Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu
den Füßen maß, bevor er ihn verließ. Der Oberst war ein Mann von etwa
fünfunddreißig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze
Beinkleider von weißem Kaschmir und seidene Strümpfe, die die seltene
Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die
Kürassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhöhte
noch die Anmut seines Körpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht
entstellt war, sondern vielmehr die nötige Fülle erlangt hatte, die für
seine körperlichen Verhältnisse paßte. Ein schwarzer Schnauzbart
vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militärischen
Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase
zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des
Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens
verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen
Sklaven aus ihrem Manne zu machen wünschte. Der Oberst lächelte, indem
er dem Requętenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium
her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war.
Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provençale von etwa
dreißig Jahren, den Napoleon damals mit außerordentlichen Gunstbeweisen
auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts-
posten bestimmt. Er besaß in hohem Grade den Geist der Intrige, jene
Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so
leicht die weniger glänzenden Eigenschäften eines soliden Mannes
ersetzten. Die lebhaften Züge seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter
den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weißer erschien,
als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.--Die beiden Freunde
waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Hände
drückten, denn die Töne des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, daß
die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle
Männer mußten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher
in der Mitte des Salons
eingenommen hatten.
Die flüchtige Unterhaltung der Freunde war während der Ruhepause
geführt worden, die stets die Contretänze trennt, und zwar vor einem
Kamin von weißem Marmor, einer prachtvollen Zierde des größten der drei
Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser
Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr geflüstert.
Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin
verschwenderisch geschmückt war, ergossen so reichliche Ströme von
Licht über den Oberst und den Requętenmeister, daß ihre zu lebhaft
erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung
den Ausdruck der Gefühle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und
den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen
vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefühle anderer entdecken, bildet
es eines der größten Vergnügen, beim Besuch von Gesellschaften die
Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu köstlichen
Genüssen, während andere sich langweilen, ohne daß sie es wagen, ihre
Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in
der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzählung beginnt, müssen wir
notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes
scheinen könnte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen
dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut
waren, die von dem Geräusch des glänzenden Festes widerhallten.
Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten früher zugetragen, als der
Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends,
als die Tänzerinnen ihre Plätze einnahmen, sah die glänzende
Versammlung im Hotel Gondreville die schönste Frau von Paris
erscheinen, die Königin der Mode, die einzige, die noch bei der
Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie
eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in
festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, währenddessen
es den Damen nicht möglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die
Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schönheit der
Toiletten zu richten. Dieser flüchtige Augenblick ist gleichsam der
Frühling eines Balles, eine Stunde später ist die Freude vergangen, die
Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher
niemals in den großen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis
die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz
zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge
einer durchschwärmten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie hütete
sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das
Ablassen ihrer Schönheit bemerken zu lassen. Sie wußte dagegen
geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie
sich stets ebenso glänzend von einem Ball zurückzog, als sie dort
erschienen war. Die Damen flüsterten einander mit einem gewissen Neide
zu, daß sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball
besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich
nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als
Siegesgöttin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle
der Tür stehen, um beobachtende, aber flüchtige Blicke auf die ganze
Damenwelt zu werfen, die Kostüme zu mustern und sich zu überzeugen, daß
sie durch ihren Schmuck alle übrigen verdunkeln würde. Die berühmte und
hübsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden
dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der großen Armee
geführt wurde, der damals Liebling des Kaisers und überdies jung und
schön war. Er hieß Graf von Soulanges. Die zufällige und vorübergehende
Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Rätselhaftes
dar; denn als der Diener an der Tür Herrn von Soulanges und Gräfin von
Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit
abseits saßen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen.
Auch einige Herren eilten aus den anstoßenden Salons vorbei und
drängten sich an die Türen des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden,
an denen es bei so großen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er
die Gräfin mit ihrem Kavalier eintreten sah, daß die Damen mit ebenso
großer Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten,
wie die Männer ein schwer zu fesselndes hübsches Weib betrachteten.
Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren;
er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein
blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine
schwarzen Augen eine sehr große Lebhaftigkeit besaßen, war er doch
schweigsam. Indes galt er für einen sehr verführerischen Mann, und man
gestand ihm große Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Fähigkeiten zu.
Die Gräfin von Vaudremont war eine ziemlich große Erscheinung von
angenehmer Körperfülle, blendend weißer Haut, trug ihr kleines
anmutiges Köpfchen sehr schön und besaß den gewaltigen Vorteil, durch
die Anmut ihres Benehmens Liebe einflößen zu können. Man empfand stets
eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte.
Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheißungen erfüllen, welche
ihre Schönheit gewährt.
Dieses rätselhafte und glänzende Paar, das für einige Augenblicke
Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der
Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschäftigen, denn der Oberst
und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, daß der Zufall sie in
eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Gräfin
und ihren Kavalier miteinander vorwärts schreiten sah, mischte er sich
in eine Gruppe von Männern, die den Kamin umstanden, und beobachtete
zwischen den Köpfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten,
Frau von Vaudremont mit der ganzen eifersüchtigen Aufmerksamkeit, die
das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm
zu sagen, daß der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer
nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden könne. Allein das Lächeln
kalter Höflichkeit, mit dem die Gräfin Herrn von Soulanges dankte, und
die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau
von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die
Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requętenmeisters krampfhaft
zusammengezogen hatte.
Als indes der eifersüchtige Provençale bemerkte, daß Herr von Soulanges
zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont
Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge
Kokette ihrem getäuschten Liebhaber zu sagen schien, daß sie beide eine
lächerliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen
zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu
geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und
beobachtete das Benehmen der Gräfin und des Herrn von Soulanges, ohne
die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen ließ. Der
Requętenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer
einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat
der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu
erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhörte,
ohne sie zu hören, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges.
Dieser überschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen,
die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene
Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen Ähren und reizenden
Köpfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das
Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die
Vergoldung der Bronzen überstrahlte. Die sorglose Ruhe seines
Nebenbuhlers brachte den Requętenmeister außer Fassung, und unfähig,
länger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich
seiner bemächtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu
begrüßen. Als der Provençale erschien, richtete Herr von Soulanges
einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf.
Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den
höchsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Köpfe zeigten die
wunderlichsten Mienen, und jeder befürchtete oder erwartete einen von
jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu
hüten wissen. Plötzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot,
wie der Scharlach seiner Aufschläge, und seine Blicke senkten sich auf
den Fußboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten
ließen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt,
die bescheiden am Fuße des Kandelabers saß. Ein finsterer Gedanke
bemächtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem
Requętenmeister vorüber, um sich in einen der Spielsalons zu flüchten.
Der Baron Martial sowie die übrigen Versammelten glaubten, daß
Soulanges ihm das Feld räume, um die Lächerlichkeit zu vermeiden, die
sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt,
blickte ebenfalls nach dem köstlichen Kandelaber und bemerkte die
Unbekannte. Er setzte sich mit gefälligem Anstände neben Frau von
Vaudremont, hörte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette
hinter dem Fächer ihm zuflüsterte, daß er sie fast gar nicht verstand.
"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend
nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Gründe
und werde sie Ihnen erklären, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden
mir bald den Arm reichen, um mich zur Fürstin von Wagram zu begleiten."
"Warum hatten Sie den Arm jenes häßlichen Obersten angenommen?" fragte
der Baron.
"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet ..." anwortete sie; "aber nun
verlassen Sie mich, man sieht zu uns herüber...."
"Ich bin stolz darauf!..." sagte Martial, erhob sich aber dennoch und
ging. Nun trat er zu dem Kürassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine
blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher
Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schönen Kürassier-Obersten
bemächtigt hatte, wie auch des betrübten Herzens des Grafen von
Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der
Gräfin von Vaudremont.
Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schlußworten
ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requętenmeister auf
die schöne Frau von Vaudremont zu und wußte ihr einen Platz in der
Mitte der glänzendsten Quadrille zu verschaffen. Begünstigt durch jene
Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch
das Schauspiel eines Balles, bei dem die Männer wenigstens ebenso
geschmückt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz
nachgeben zu können, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel
hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene saß. Es
gelang ihm, der lebhaften Gräfin den ersten und den zweiten Blick zu
entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf
der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen,
rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er
auf die meistverführerische aller Fragen antwortete, die eine Frau
aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte
sich die Gräfin.
Während Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen
der Zuschauer umher, um Erkundigungen über die junge Unbekannte
einzuziehen. Nachdem er die Gefälligkeit aller Anwesenden, selbst der
Gleichgültigen, gemißbraucht hatte, wollte er einen Augenblick
benützen, in dem die Gräfin von Gondreville frei schien, um sie selbst
nach dem Namen der rätselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte
Lücke zwischen der Säule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden
Seiten standen, bemerkte.
Der unerschrockene Kürassier benutzte den Augenblick, währenddessen der
Contretanz einen großen Teil der Stühle leer ließ, die eine dreifache
Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Müttern und Frauen
eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit
farbigen Schals und gestickten Taschentüchern bedeckten Palisaden
durchzudringen.
Er begrüßte einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Höflichkeit zu
Höflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er
erspäht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimären des
gewaltigen Leuchters hängen zu bleiben, errang er sich eine Stelle
unter den Flammen der Wachskerzen, während ihn Martial mit großer
Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als daß er ohne
weiteres die kleine blaue Dame hätte anreden sollen, die zu seiner
Rechten saß; dagegen wandte er sich zunächst an eine ziemlich häßliche,
links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher
Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier
nur schöne Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?... Sie haben
gewiß recht boshafte Körbe ausgeteilt."
Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einließ, hatte
nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gespräch, zu ziehen.
Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht
die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren
Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen
Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Tränen in dem blauen Kristall ihrer
Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, daß
die Aufmerksamkeit der betrübten jungen Dame nur durch Frau von
Vaudremont gefesselt wurde.
"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich.
"Ja, mein Herr."
"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?"
"Ja, mein Herr."
"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?..."
Die Unbekannte lächelte traurig.
"Geben Sie mir die Ehre, bei dem nächsten Contretanz meine Tänzerin zu
sein! Ich werde Sie gewiß nicht an diesen Platz zurückführen; ich sehe
neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie für den Rest
des Abends ihren Sitz haben. Während so viele Damen hier zu glänzen
suchen und die Narrheit des Tages ihre Krönung feiert, begreife ich Sie
nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Königin des Balles zu
werden, wozu Ihnen Ihre Schönheit die gerechtesten Ansprüche bietet."
"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der
lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, daß
sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte
während des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten,
sondern auch die abschlägige Antwort, die er erhielt, weshalb er
lächelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an
seinem Finger erglänzen ließ.
"Worüber lachen Sie?" fragte ihn die Gräfin.
"Über den Mißerfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg
betreten...."
"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die
Gräfin.
"Ich habe es nicht gehört."
"Sie hören aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!..." antwortete
Frau von Vaudremont sehr gereizt.
"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schönen Diamanten am
Finger trägt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem
Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller
Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de
la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde."
"Ich danke Ihnen, daß Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte
die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswürdig!..." fuhr sie fort.
"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig."
"Man könnte glauben, daß er mit der Gräfin von Vaudremont sehr vertraut
sei!..." versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an.
"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum
Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!"
"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit längerer Zeit in einem
Verhältnis mit Herrn von Soulanges?..." versetzte die junge Dame, indem
sie sich von einem inneren Leiden erholte, das für einen Augenblick den
übernatürlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte.
"Seit acht Tagen täuscht ihn die Gräfin," antwortete der Oberst. "Sie
müssen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat.... Er
versucht noch, den Glauben an sein Unglück von sich fernzuhalten...."
"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann
fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung!" Die
Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.--In diesem
Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem
Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den
Festungslinien der Damen zurückzuziehen, indem er sich gewissermaßen
zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!..."
"Nun, mutiger Kürassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit
sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens
einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?"
"Sie ist verheiratet, mein Lieber."
"Was schadet das?"
"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!..." antwortete der
Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich
heiraten kann.... Überdies, Martial, hat sie mir deutlich erklärt, daß
sie nicht tanzen wolle."
"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, daß
sie heute abend noch mit mir tanzt?"
"Abgemacht ..." sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand.
"Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame
kennt.... Es schien mir, als wäre sie hinsichtlich mancher Dinge unter
richtet."
"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine
Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und--ich verstehe
mich darauf.... Aber, Oberst, Sie werden doch nicht böse werden, wenn
sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?"
"Nein, nein; der lacht am besten, der am längsten lacht!... Übrigens,
Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich
Dich darauf aufmerksam mache, daß sie Diamanten liebt."
Nach diesem Gespräch trennten sich die beiden Freunde abermals. Der
Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges
an einem Bouillottetische.
Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des
äußerlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und
die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigeführt wird, schmerzte es
den Kürassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als
einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn
zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem
unglückseligen grünen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein
Kreis schweigender Männer umstand die ernsten Spieler, die beim
Bouillotte saßen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber
die unbeweglichen Spieler sah, so hätte man glauben sollen, daß sie nur
mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die
bleifarbene Blässe des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich
diesem näherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der österreichische
Gesandte und ein berühmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende
Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer,
als er es vorher gewesen war, während er eine ungeheuere Menge Gold und
Banknoten einstrich. Er zählte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer
Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glück und das Leben
zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben
würden.
"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm
einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegführte und
sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit
mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung."
"Und die ist?" fragte Soulanges.
"Daß Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde."
Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn
höchst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise
zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, daß
keiner seiner Mitspieler eine Äußerung der Mißbilligung über die
abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Züge der übrigen schienen
sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke
aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch
beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden
hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen
hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander,
wie die Weißkäufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und
verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel,
indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglänzte und erlosch, wie das
Feuer eines Diamanten, den man spielen läßt. Dieses Gesicht war das des
Fürsten von Bénévent.
"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine
Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit großem Lobe von
Ihnen gesprochen, und Ihre Beförderung in der Garde ist nicht mehr
zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, daß diejenigen, die
während des Feldzuges in Paris zurückgeblieben wären, nicht als in
Ungnade gefallen angesehen werden dürften.... Nun...?"
Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu
haben.
"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "daß Sie mir sagen werden, ob
Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fuße des Kandelabers
sitzt."
Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewöhnliches
Feuer. Er ergriff mit außerordentlicher Heftigkeit die Hand des
Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein
tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht wären ... wenn ein Anderer diese
Frage an mich richtete ... so würde ich ihm mit diesem Haufen Goldes
den Schädel zerschmettern.... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie
darum.... Ich möchte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn
jagen, als.... Ich hasse alles, was ich sehe ... daher will ich auch
sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden
Schafgesichter sind mir grauenhaft."
"Mein armer Freund..." sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drückte
freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt... Was
würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß Martial jetzt noch so
wenig an Frau von Vaudremont denkt, daß er sich vielmehr in jene kleine
Dame verliebt hat?"
"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine
Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine
Brieftasche, und verkröche er sich unter dem Rock des Kaisers...."
Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmächtig in den Armstuhl, zu dem
ihn der Oberst geführt hatte. Dieser zog sich langsam zurück, nachdem
er bemerkt hatte, daß Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn
ergriffen sei, als daß ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer
oberflächlichen Freundschaft zu beruhigen vermöchten. Als sich der
schöne Kürassier in den großen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont
die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewöhnlich
so ruhigen Zügen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der
Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.
"Ich möchte wetten, daß Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.
"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon
von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der
Großherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muß ich noch einen
Besuch bei der Fürstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiß
es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von
früheren Zeiten zu schwatzen."
"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert
Louisdors, daß Sie hier bleiben."
"Sie Unverschämter!..."
"Also habe ich die Wahrheit gesagt."
"Bösewicht!" versetzte die schöne Gräfin und schlug mit ihrem Fächer
auf die Finger des Oberst.
"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin fähig, Sie zu belohnen, wenn
Sie die Wahrheit erraten."
"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."
"Anmaßender!..."
"Sie befürchten, Martial zu den Füßen einer Dame zu sehen...."
"Welcher Dame?" fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte.
"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst
und deutete nach der Ecke, in der die schöne Unbekannte saß, die keinen
Blick von der Gräfin wandte.
"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr
Antlitz hinter ihrem Fächer, indem sie sich stellte, als spiele sie mit
demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist
wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick
geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, daß Herr de la Roche-Hugon
einige Gefahr laufen würde, wenn er der Unbekannten den Hof machen
wollte, die sich, wie ein Störenfried, auf diesem Balle gezeigt hat.
Ich möchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam
schön und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine
Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den
Bällen erscheint, um alles zu sehen, während sie zu schlafen scheint,
hat mich ungemein beunruhigt. Gewiß, Martial soll mir den Possen, den
er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er
Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."
"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt,
als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen
Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hält sein Wort. Indes kenne
ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Überdies haben wir eine Wette
miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser
Stimme.
"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, während sie
einen gefallsüchtigen Blick auf ihn richtete. "Würden Sie mir die Ehre
erweisen, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?..."
"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen,
was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine
blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."
Der Oberst erriet, daß Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte,
und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf
geschickte Weise begonnen zu haben.
Es gibt bei allen Bällen Damen, die, ähnlich der Frau von Marigny, das
Amt alter Seemänner übernehmen, die am Ufer des Meeres den Stürmen
zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von
Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien,
vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu
erraten, der in dem Herzen der Gräfin vor sich ging. Vergebens fächerte
sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kühlung zu, vergebens
lächelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrüßt wurde,
und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die
alte Witwe, eine der klügsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien
die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zügen der Gräfin
bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des
Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die
leichtesten Falten, die die weiße und reine Stirn runzelten, das
unmerkliche Zittern der Züge, das Spiel der anklägerischen Augenbrauen,
die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wußte die alte
Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die
Kokette außer Dienst saß in einem Armstuhl, den sie vollkommen
ausfüllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht
hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe
erzählen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres
eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie
sah, daß sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres
Herzens zu verhehlen wisse.
Frau von Vaudremont fühlte sich in der Tat ebenso schmerzlich
ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial
einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genüsse des
Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschönern sollte. Sie erkannte in
diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam für ihren Ruf, wie
für ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den übrigen Frauen jener
Epoche, indem die plötzliche Regung der Leidenschaften die
Lebhaftigkeit der Gefühle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel
und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer
einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fächer verbarg damals
kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Gräfin für Martial
war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der
unerfahrenste Chirurg weiß, daß die Abtrennung eines lebenden Gliedes
weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von
Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft
hinzu, während ihre frühere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch
die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.
Die alte Herzogin wußte alles zu erraten und beeilte sich nun, den
Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart
entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse,
selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den
Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont.
Dieser schreckliche Blick ließ die junge Kokette befürchten, ihr Los
möge in die Hände der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein
Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche
den nächtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man müßte die
Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu würdigen, den das
Spiel ihrer Physiognomie der Gräfin einflößte. Frau von Marigny war
hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mußte man sagen: "Die Frau ist
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