Anwesenheit bezeugen. Und Ihre Majestät hatte sich, wie mir die
Prinzessin Lamballe erzählte, wegen starker Kopfschmerzen bereits um
neun Uhr zur Ruhe begeben.
Die Pariser sehen überall Gespenster, seit Cagliostro Geister erscheinen
läßt.
Daß Sie hartnäckig dabeibleiben, nicht nach Gennevilliers fahren zu
wollen, bedaure ich nicht nur um meinetwillen. Sie warnten mich; darf
ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre gute Absicht auch durch eine
Warnung beweisen?
Es ist oft sehr unklug, krank zu sein!
Wenn ich hoffe, Ihnen bei dem versprochenen Bericht über den großen Tag
sagen zu können, daß man Sie -- und den Prinzen! -- nicht zu sehr
vermißte, so müssen Sie fühlen, daß ich nicht aus Unhöflichkeit, sondern
aus Freundschaft diese Hoffnung hege.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
-Versailles, den 27. September 1783.-
Daß Sie nicht dabei gewesen sind! Es war ein Tag ohnegleichen: Die
Straße nach Gennevilliers von früh an überflutet mit Karossen und
Reitern; die Säle des Schlößchens überfüllt von allem, was durch
Schönheit, Geburt, Geist und Reichtum Paris zur Zentralsonne des
Erdballs macht; dabei jene fieberische Spannung auf allen Zügen, die die
Augen leuchten und jeden glauben läßt, daß der beschleunigte Herzschlag
nichts als das Zeichen der Kraft und Jugend ist. Man vergaß in der
Erwartung die neuesten Skandale und Chansons, von denen man sonst zu
leben pflegt.
Der Saal war kaum imstande, die Masse der Gäste zu fassen. Noch hatte
sich der Vorhang nicht geteilt und schon lag es wie Gewitterschwüle über
allen Köpfen. Sie steigerte sich mit jeder Szene. Recht und Gesetz,
Moral und Religion, Philosophie und Politik --, all das zog in den
Gestalten des Guzmann und des Bartholo, des Basilio und der Marzeline,
des Almaviva und des Figaro auf der Bühne an uns vorüber, wurde
besprochen, verhöhnt, mit den Geißelhieben des Witzes blutig geschlagen.
Und wir saßen da, wie gebannt, zwischen Empörung und Beifall,
Zähneknirschen und Gelächter hin und hergerissen.
War es die Erregung, die heiß aus allen Poren drang, war es das Feuer
der zahllosen Kerzen, -- die Sonne der Sahara kann nicht glühender sein,
als die Luft, die wir atmeten. Schon hörte ich Schreckensrufe ohnmächtig
werdender Damen, als die Scheiben der hohen Fenster in gleichmäßigen
Intervallen klirrend zerbrachen: Beaumarchais selbst schlug sie mit der
Krücke seines Stockes ein, um die Frische von draußen hereinzulassen.
Erst als sie mir den Kopf umwehte, wurde mir klar, daß sein Stück wie
ein Sturmwind über uns weggefegt war.
Er wurde mit Beifall überschüttet. Kein Zweifel, daß er nun in kurzer
Zeit die öffentliche Aufführung seines Werkes durchsetzen wird. Ob es
uns dann noch ebenso amüsiert? Ich lache gern über mich selbst, aber es
wäre das Zeichen einer gefährlichen Gleichstellung, wenn der Pöbel sich
je erlauben sollte, über mich zu lachen.
Die meisten Gäste, die Graf Vaudreuil nicht zu logieren vermochte,
fuhren in der Nacht noch zurück. Die Pariser Ärzte werden zu tun haben;
es regnete in Strömen, und bei den aufgeweichten Wegen und der fast
undurchdringlichen Finsternis bewegten sich die Wagenreihen mit ihren
frierenden Insassen nur ganz langsam vorwärts.
Ich fuhr mit Herrn von Wurmser. Er ist in sehr gedrückter Stimmung.
Sollte er in seinem Vertrauen zu Cagliostro zu weit gegangen sein? »Ich
fürchte, die Zeit der Goldmacher ist vorüber und die der Barbiere
gekommen,« meinte er bitter.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Schloß Froberg, den 2. Oktober 1783.-
Meine Liebe. Ihre Absicht, das seit langem unbenützte Schloß Laval zu
ihrem Aufenthalt zu wählen, noch dazu jetzt, wo der Winter vor der Türe
steht, ist befremdend. Da es aber ausschließlich Ihr Besitztum ist und
Sie, wie mir scheint, nur zwischen diesem und irgendeinem andern Ort
wählen wollen, um weiter von mir getrennt zu leben, so will und kann ich
Ihre Entschlüsse nicht beeinflussen. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, werde
ich einen Teil der Dienerschaft nach Laval senden, um wenigstens das
Notwendigste für Sie vorzubereiten.
Mir geht es gut.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, den 19. Oktober 1783.-
Meine geliebte Delphine. Wie recht Du hattest: schon atme ich freier in
der trauten alten Umgebung; schon sehe ich, wie viel hier vernachlässigt
wurde, seitdem mein Bruder, der regierende Herzog, sich ganz auf seine
preußischen Besitzungen zurückgezogen hat, wie ich alle Kräfte anspannen
muß, um die Folgen jahrelanger Mißwirtschaft durch gewissenlose
Verwalter wieder gutzumachen. Daß ich notwendig bin, daß Arbeit meiner
wartet, macht mich schon froh.
Ich ritt heute nach Laval, -- den schönen Waldpfad, der mich täglich zu
meinem Engel führen soll. Klopfenden Herzens sah ich die altersgrauen
Türme vor mir aufsteigen, aus deren Fenstern das süße Köpfchen eines
kleinen Mädchens mir einst schelmisch entgegennickte.
Im Schloßhofe fand ich reges Leben: man lud von hochbepackten Wagen
Möbel und Kisten und Kasten ab. Sonderbar: mir schnürte der Anblick, der
doch ein Zeichen Deines Nahens ist, das Herz zusammen! Ich fühlte, daß
hier die Sorge dessen waltet, der Dich mir stumm überläßt --, ob aus
verächtlicher Gleichgültigkeit, oder aus großmütiger Entsagung, beides
ist gleich niederdrückend.
Aber ich will Dich nicht wieder quälen, Du armes Herz, die Du mir alles
zu Liebe tust, und so grenzenlos um mich leidest!
Marquis Montjoie an Delphine.
-Schloß Froberg, am 1. November 1783.-
Meine Liebe! Es bedarf nicht des Dankes. Ich habe nur meine Pflicht
getan, indem ich das Schloß Ihrer Väter, aus dem ich einst ein
unwissendes Kind entführte, für seine Rückkehr empfangsbereit machen
ließ. Ich wünsche nur eins: von Zeit zu Zeit, -- nach vorheriger
Ansage, -- empfangen zu werden, um möglichem Getuschel böser Zungen die
Spitze abzubrechen. Da ich Anfang nächsten Jahres in Sachen meiner
Vermögensverwaltung nach Paris zu gehen beabsichtige, werde ich mir
erlauben, mich in den Weihnachtstagen nach Ihrem Befinden zu erkundigen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, den 6. Januar 1784.-
Heute nur einen zärtlichen Gruß, Geliebteste. Ich kann nicht kommen;
Scharen von Landleuten strömen in die Stadt und sammeln sich vor dem
Schloß. Die fürchterliche Kälte treibt sie her, aber obwohl ich fast
allen Vorrat an Holz und Nahrungsmitteln verteilen ließ und die
Erlaubnis gab, den Wald von Navire zu schlagen, nehmen vor allem die
fremden Leute eine drohende Haltung an. Ich habe die Ställe und die
Reitbahn öffnen lassen, um wenigstens den Frauen und Kindern Unterkunft
gewähren zu können.
Mein Bote ist beauftragt, Deine Antwort entgegenzunehmen und sich durch
eignen Augenschein zu überzeugen, ob Laval in Sicherheit ist. Im Notfall
lasse ich selbstverständlich alles im Stich und komme zu Dir.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, den 7. Januar 1784.-
Geliebteste! Fürchte dich nicht. Wie kann mir etwas geschehen, da ein
Engel wie Du mich mit seiner Liebe schützt! Der Reitknecht erzählte mir
alles, selbst gerührt von dem, was er gesehen hatte: im Rittersaal von
Laval die Menschenmenge, blasse Gesichter, zerlumpte Kleider, magere,
von Frostbeulen bedeckte Glieder, von den glühenden Scheiten im Kamin
grell beleuchtet, Du selbst mitten unter ihnen, furchtlos auch
angesichts der rohesten Gesellen!
Ich schicke Dir heute ein paar handfeste Leute zum Schutz. Ein
Feuersignal auf dem Bergfried, und ich selbst bin in kürzester Frist bei
Dir.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Etupes, den 9. Januar.-
Landstreicher erbrachen das Schloß. Ich warf sie mit meinen Leuten
hinaus. Ein Schuß traf mich in die Hüfte. Ich habe nur einen Gedanken:
Dich. Mein Reitknecht jagt dem Wagen voran, der mich zu Dir bringt.
Niemand außer ihm und dem Kutscher kennt das Ziel der Fahrt.
Baron von Wurmser an Delphine.
-Straßburg, den 10. Februar 1784.-
Verehrteste Frau Cousine. Vergebens habe ich versucht, Sie hier und in
Froberg aufzusuchen und erfuhr erst dort, daß Sie sich in Laval
befinden. Nach langem, inneren Kampf halte ich es für meine Pflicht,
Ihnen folgende Mitteilung zu machen: der Graf Cagliostro ist ein
Betrüger. Die Kräfte, die er besitzt, -- und ich hörte und sah zu viel,
als daß ich an ihnen zu zweifeln vermöchte, -- hat er in teuflischer
Weise benutzt, um seine Opfer zu fangen. Auch ich gehöre zu ihnen. Das
kleine Vermögen, das ich besaß, ist in seinen Händen. Ich dachte daran,
ihn ohne weiteres arretieren zu lassen, aber ich habe keine Beweise, und
die Zeugen, die ich nennen könnte, würden teils aus Feigheit, teils aus
Angst, sich lächerlich zu machen, versagen; außerdem ist dem Grafen
alles Geld, das er erhielt, freiwillig gegeben worden. Mich selbst kann
ich nicht mehr retten, vielleicht aber andere.
Um klar zu sehen, habe ich mein Mißtrauen noch nicht laut werden lassen
und habe vor wenigen Tagen einer Sitzung im Palais des Kardinals
beigewohnt, an der sich außer dem Hausherrn und mir nur Ihr eben aus
Paris wieder zurückgekehrter Herr Gemahl beteiligte. Man erwartete so
etwas wie ein Wunder; Haufen Goldes lagen bereit, die ja von jeher die
Voraussetzung aller Experimente waren. Je länger die Versuche
resultatlos blieben, desto erregter wurde der Kardinal. »Ich bin
verloren -- ich und sie!« schrie er schließlich in fassungsloser
Verzweiflung. Und als der Graf als Antwort grell auflachte, stürzte er
sich auf ihn, packte ihn mit eisernem Griff an die Kehle und brüllte mit
der Stimme eines wilden Tieres: »die Million oder --.« Wir rissen ihn
los und während ich noch um den Tobenden beschäftigt war, verließ
Cagliostro mit dem Marquis das Zimmer.
Rohan reiste gestern nach Paris. Der Marquis hat sich mit dem Schwindler
eingeschlossen; er vertraut ihm um so mehr, als er seine Kräfte nun für
sich allein in Anspruch nehmen zu können hofft.
Nur Sie, teuerste Cousine, können den Verblendeten retten und damit Ihre
eigene Existenz. Was Sie auch immer von ihm trennen, was Sie in Laval
festhalten mag, kommen Sie rasch! Könnten Sie den Marquis sehen, wie er
gebeugt, mit zitternden Knieen durch die Straßen schleicht,
rotgeränderte, des Schlafs entwöhnte Augen über den spitz
hervortretenden Backenknochen, -- das Mitleid würde Sie zu ihm führen,
auch wenn er Ihnen ein Fremder wäre.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, den 15. Februar 1784.-
Meine Liebe. Ihr Anerbieten ist gut gemeint, aber Ihre Besorgnis
unbegründet. Ich bin gesund. Meinetwegen brauchen Sie Laval nicht zu
verlassen. Die chemischen Experimente, mit denen ich mich beschäftige,
sind rein wissenschaftlicher Natur. Es kann Sie nur beruhigen, daß diese
Tätigkeit mir alles ersetzt, was ich bisher als Lebensinhalt betrachtet
habe: den Hof, die Politik, die Frauen.
Ich höre, daß Sie im Schloß so etwas, wie ein Hospital eingerichtet
haben. Frauen, Kinder und Greise finden bei Ihnen Schutz vor Hunger und
Kälte, auch Kranke werden gepflegt. Das ist sehr lobenswert und wird
einer frommen Frau wie Ihnen die Freuden von Versailles vergessen
machen.
Der Vetter Wurmser, nachdem Sie fragen, widmet sich neuerdings eifrig in
Verbindung mit Herrn Adorn der Konstruktion eines neuen aerostatischen
Globus. So findet jeder eine Ablenkung von Gedanken und Erinnerungen,
die nicht immer belustigend sind.
Herr von Beaumarchais an Delphine.
-Paris, am 30. April 1784.-
Schönste Marquise. Sie lieben nur die Unterlegenen und finden größeren
Genuß darin, zu trösten, als zu bewundern? Denn seit Figaro
triumphiert, sind Sie ihm untreu geworden. Ich aber dachte mitten im
tobendem Theater an Sie; ich suchte Ihr reizendes Köpfchen in allen
Logen; mir fehlte die Herzenskönigin, der der Sieger im Turnier das Knie
beugt, um von ihr allein den Kranz zu empfangen.
Figaro hat gesiegt, Frau Marquise! Und er hat Gedanken aus dem Gefängnis
feiger Köpfe befreit, Stummen die Sprache gegeben und Blinden das
Gesicht. Bald gibt es in Paris kein Fischweib mehr und keinen
Lastträger, der ihn nicht jubelnd begrüßt hätte; Hunde und Katzen ruft
man an allen Straßenecken mit seinem Namen; mit Hüten und Mänteln à la
Figaro schmücken sich Dirnen und Hofdamen, so daß sein Name schließlich
auch denen gellend in die Ohren klingt, die ihn verdammen.
Es war eine Komödie in der Komödie: Von früh an belagerten die
Eintrittheischenden die Pforten des Theaters. Vornehme Frauen hielten,
um rasch ein Plätzchen zu erhaschen, stundenlang in den Toilettenzimmern
kleiner Schauspielerinnen aus. Herzoginnen kämpften mit Freudenmädchen
um einen Sitz. Ganz Versailles war im Theater. Der König muß sehr
verlassen gewesen sein!
»Worin besteht das Handwerk des Höflings?« frug Figaro; »im Empfangen,
im Nehmen, im Fordern« -- und die Herren und Damen in den Logen hörten
erblassend den brüllenden Beifall des Parketts.
Wahrhaftig noch toller als mein Stück ist sein Erfolg!
Der laute Lärm erstickte tagelang alles heimliche Flüstern, das immer
schärfer, immer feindlicher durch die Hintertüren der Schlösser kriecht.
Sie erinnern sich des Schauspielaktes, den ich sah. Nun: die vornehmen
Akteure und Aktricen machen nicht den Eindruck als ob der Schluß, wie
der des Figaro, in Chansons bestehen würde. Selbst der Graf Chevreuse,
-- er muß als Knabe meines Cherubin Zwillingsbruder gewesen sein, -- hat
seinen Leichtsinn so sehr verloren, daß die Guimard ihm den Laufpaß gab.
Warum ich Ihnen schreibe? aus Eitelkeit und aus Neugierde. In Frankreich
zieht sich eine schöne Frau wie Sie nur aus drei Gründen von der Welt
zurück: entweder sie hat die Blattern, oder einen Blaubart zum Mann,
oder ihren Lakai zum Geliebten. Da keiner dieser Gründe auf Sie
zutreffen kann --, die Blattern würden sich schämen, ein Gesicht, wie
das Ihre zu zerstören, der Marquis hat sich dem Teufel verschrieben, und
Sie haben zu viel Geschmack für eine Liebschaft mit einem Bedienten; so
fragt sich alles, was hindert Sie, uns zu beglücken?!
Ich suche nach einem neuen Stoff für ein Stück. Vielleicht liefern Sie
ihn mir, wenn es sich um keine Tragödie handelt.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, im Juli 1784.-
Meine Liebe. Damit Sie nicht aus den Journalen davon erfahren, teile ich
Ihnen mit, daß Baron Wurmser gestern beim ersten Aufstieg im Ballon
Monsieur Adorns verunglückt ist. Er brach beim Absturz aus einer Höhe
von kaum dreißig Metern beide Beine. Die Ärzte geben Hoffnung, ihn am
Leben zu erhalten. Ich sprach ihn heute. Er hat mir Grüße an Sie
aufgetragen und mich ausdrücklich gebeten, Ihnen zu erzählen, daß er
sich nun erst tatsächlich »nicht auf der Höhe erhielt«.
Ich habe heute noch eine Bitte an Sie. Meine Gesundheit ist nicht die
beste; ein Aufenthalt in Spa würde mir gut tun und es wäre mir
erwünscht, wenn Sie mich begleiten wollten. Alle unliebsamen Gerüchte
würden durch diese gemeinsame Reise im Keime erstickt. Falls Sie
zustimmen, werde ich sobald als möglich meine weiteren Dispositionen
treffen.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, den 25. Juli 1784.-
Das war ein böser Ritt: in der schwülen Nacht, die fern am Horizont nur
fahle Blitze hie und da erleuchteten, das Herz von Kummer schwer, die
Stirne heiß von Zorn. Zorn auf Dich, meine süße Delphine, die Du unser
Glück zerstörst aus lauter grausamer Güte!
Weil einem alten Manne plötzlich die Laune packte, sich mit seinem
schönen jungen Weib der Welt zu zeigen, warst Du sofort bereit, ihm zu
willfahren? Du behauptest ihm Dank schuldig zu sein. Wofür?! Weil er Dir
Freiheit läßt. Tut er es vielleicht aus Güte, oder nicht vielmehr aus
Selbstsucht? Er stört Dich nicht, weil er in seinem dunklen Beginnen
nicht gestört sein will. Und weil er unsere Beziehungen nicht sieht,
nicht sehen will, hältst Du ihn für einen entsagenden bewundernswerten
Freund. Ich halte ihn für einen jämmerlichen Feigling! Dir erscheint als
ein bescheidener Wunsch, worin ich die Geltendmachung verbriefter
Gattenrechte sehe. Er kümmert sich nicht um Dich, solange es ihm paßt,
er fordert Dich, sobald die greisenhafte Lust ihn reizt. Und Du beugst
Dich seinem Verlangen! Mich, den die Natur selbst Dir angetraut hat, dem
Du allein gehörst im Namen ewiger Liebe, mich ließest Du von Dir gehen!
Du sagst, der Marquis sei unglücklich. -- Auch zu einem großen Unglück
gehört ein großer Mensch; dieses Mannes Unglück ist klein, kalt,
verächtlich, und Du willst ihm unser großes, heißes überreiches Glück
opfern?!
Du sagst, er ertrüge es nicht, wenn Du den Mut der Wahrheit hättest. Was
wäre verloren, wenn er wirklich daran zugrunde ginge? Gibt es auch nur
einen einzigen Menschen, dem er unersetzlich wäre? Würde er eine Lücke
hinterlassen, die kein anderer auszufüllen vermöchte?
Ich liebe Dich um Deiner rührenden Güte willen, die niemanden wehe zu
tun vermag, um Deiner sorgenden Liebe willen, die alles Schwache und
Alte schützt und pflegt. Wo wäre ich heute ohne Deine weichen zarten
Hände?! Aber das Leben, Geliebte, ist männlich und hart, der morsche
Stamm kann nicht erhalten werden, wenn junge Bäume zum Licht verlangen,
und den alten Staat, der schon in seinen Grundvesten zittert, dürfen wir
nicht stützen, wenn er einem neuen Geschlecht zu eng geworden ist.
Wir werden Monate getrennt sein und wollen einander auch nicht mit
brieflichen Klagen und Vorwürfen quälen. Aber prüfen sollst Du,
Geliebte, Dein Herz, damit Du zu entscheiden vermagst, wenn wir uns
wiedersehen. Er oder ich --, das ist die Frage, die ich Dir stelle.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 30. September 1784.-
Meine Liebe. Es freut mich zu hören, daß Sie die Reise gut überstanden
haben und ich benutze die Gelegenheit Ihnen für die Zeit zu danken, die
Sie mir widmeten. Ich hoffe, Sie werden nicht ganz ohne Befriedigung an
die vollkommen ruhigen Wochen zurückdenken, die auch Ihnen notwendig
waren.
Mein Aufenthalt hier wird höchstens zwei Monate dauern. Paris, wo der
Pöbel überall das große Wort führt, und Versailles, wo nichts als
Lakaiengesinnung herrscht, widern mich an.
Die Königin spielt ihre Schäferspiele jetzt nicht nur auf der Bühne,
sondern auch im Boudoir. Man erzählt sich in allen Pariser
Kaffeehäusern, daß Chevreuse und Vaudreuil ihre Partner sind.
Herr von Calonne, den ich sprach, ist in schlechtester Stimmung. Er
würde denjenigen zum höchsten Orden der Monarchie vorschlagen, der ihm
die Möglichkeit einer neuen Steuer nachweisen könnte. Die unaufhörlichen
Fürstenbesuche, -- eben erst hat der König von Schweden Paris verlassen
--, verschlingen Unsummen, was in dieser Zeit ungewöhnlicher Teuerung
sehr verbitternd wirkt. In den ärmeren Stadtteilen von Paris hat die
Polizei immer häufiger Revolten zu unterdrücken, an denen sich sogar
Frauen beteiligen sollen. Über die Hilfsaktionen der königlichen
Familie, des Adels und der Finanziers schwirren die Spottlieder durch
ganz Paris. Daß der König von Schweden zehntausend Franken den Armen
stiftete, und für dreimalhunderttausend allein in Sèvres Porzellan
kaufte, daß Ihre Majestät fünfhundert Louisd'or für Suppen hergab und
Mademoiselle Bertin zu gleicher Zeit tausend für eine neue Toilette --
schuldig blieb, -- das alles bietet freilich, da es in die breiteste
Öffentlichkeit getragen wird, Stoff genug. Man müßte die halbe
Bevölkerung von Paris einsperren, wenn man wie früher jeden Witz, jede
Beleidigung der Krone und der Kirche bestrafen wollte.
Ich bin zufrieden, in die ungetörte Ruhe meines Laboratoriums
zurückkehren zu können. Daß ich den größten Teil der Dienerschaft von
Froberg entließ, braucht Sie wirklich nicht zu beunruhigen. Es hieße
Tagediebe erziehen, wenn ich sie behalten hätte.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Etupes, den 3. Oktober 1784.-
Wie habe ich auf einen Brief von Dir gewartet! Je mehr meine Sehnsucht
wuchs, in je glühenderen Farben meine Erinnerung mir das Bild
vergangenen Liebesglücks vor die Augen zauberte, um so gewisser wurde
mir, daß Delphine mein, ganz mein werden würde!
Und nun diese geheimnisvollen Zeilen: »Erwarte mich in Etupes. Jeder
Baum, jede Blume, jede kleine Welle im Teich werden für mich bitten.« Du
kommst zu mir und doch bedarfst Du noch irgend welcher Fürsprache?! Aber
ich will nicht grübeln, will Dich mit keinem Zweifel verletzen, will nur
der seligen Erwartung leben!
Jeden Tag lasse ich die Blumen in allen Vasen durch frische ersetzen,
stelle Körbe voll Obst auf den runden Tisch im Gartensaal, fülle, wenn
ich einsam vor meiner Mahlzeit sitze, immer zwei Gläser mit feuerrotem
Wein. Mit dem Fernrohr sehe ich stundenlang die Straße hinab, stehe, bis
der feuchte Herbstwind mich frösteln macht, auf der Terrasse und warte,
ob nicht drüben ein Kleid auftaucht, eine Stimme ruft.
Wann wirst Du kommen, Geliebte, um nie mehr weg zu gehen?! Es ist alles
bereit!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Etupes, den 23. November 1784.-
Und nun bist Du wieder fort! Ein dunkler Trauerschleier, hängt der Nebel
über den Gärten, mit geschlossenen Läden trauert das weiße Schlößchen.
Ich kann nicht hier sein ohne Dich. Wie auf einem Kirchhof ist es: In
jedem Raum, auf jedem Sessel, vor jedem Tisch, -- draußen unter den
Buchen und Trauerweiden, und tief unten im Teich schlummert ein totes
Glück. Die letzten späten Blumen, die Du pflücktest, welken in den
Gläsern und füllen mit Modergeruch die Räume, die eben noch Deines
Duftes voll waren.
Du überschüttetest mich mit unsagbarer Seligkeit, Du machtest die Tage
zu einem süßen Traum der Nacht und die Nächte zu einem Fest der Götter.
Warst Du heimlich bei Aphrodite zu Gast und lerntest von ihr den
Zaubertrank der Liebe bereiten, der Gedanken bändigt, Zweifel
verscheucht, Willen in Ketten legt?
Jetzt erst beginne ich vom Rausch zu erwachen. Sagtest Du nicht: »habe
Geduld«? Sprachst Du nicht von ein paar Wochen, oder waren es am Ende
gar Monate?!
Du hast also meine Frage nicht beantwortet, die ich Dir stellte, als Du
mich damals gehen hießest? Ich saß heute vor dem Tempel der Venus im
Regen gelber Blätter; das Lächeln der Göttin erschien mir plötzlich so
spöttisch, so -- zweideutig.
Delphine, wäre es möglich, daß Du nur mit mir spielst?! Pirch,
Chevreuse, Altenau -- alle fallen mir ein, deren bloßer Name mich einst
zur Verzweiflung brachte, und die ich in Deinen Armen vergaß. Bin ich
nur Einer mehr in der Reihe?!
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, am 6. Dezember 1784.-
Geliebteste. Daß auch ich Dich quälen mußte, als Du so Böses erfuhrst!
Von dem plötzlichen Verschwinden Cagliostros hörte ich. Es kamen mir
sogar Gerüchte zu Ohren, daß Rohan sich infolgedessen zu töten
versuchte. Er soll alles verloren und andere in den finanziellen
Zusammenbruch mit hineingerissen haben.
Was Du, Geliebte, selbst erlebtest, erschütterte mich aufs tiefste.
Entsetzlich, wie der Marquis in sinnloser Wut mit dem Hammer sein
Laboratorium zerstörte, so daß das Volk, vom Lärm gelockt, vor seinen
Fenstern zusammenlief! Und wie muß Dein sanftes Herz geblutet haben, als
der Betrogene weinend vor Dir zusammenbrach!
Etwas wie Mitleid mit ihm regt sich sogar in meinem Herzen. Alle
Zweifel, alle Vorwürfe, alle Ungeduld will ich zurückdrängen, bis der
alte Mann zu sich selbst gekommen sein wird und Du klarer siehst. Für
ihn mag es schon jetzt eine Beruhigung sein, daß er nur die Hälfte
seines Besitztums verlor; für Dich, meine süße Delphine, ist all das
einerlei. Wenn Du zu mir kommst, nur vom schimmernden Seidenmantel
Deiner Haare umhüllt, bringst Du mir den unerschöpflichsten Reichtum der
Erde.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, am 15. Januar 1785.-
Du kehrst nach Laval zurück, so plötzlich?! Deine Schrift zittert auf
dem Papier, als hätte Dein Herzschlag die Feder regiert? Ich folge dem
Boten auf dem Fuße.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, den 17. Januar 1785.-
Meine Liebe. Ihre Mitteilung hat mich weniger überrascht, als Sie
geglaubt haben. Schon vor drei Jahren hat mich der Kardinal auf Ihre
Beziehungen zum Prinzen Montbéliard aufmerksam gemacht. Ich hielt sie
damals nur für eine Liaison mehr und war überzeugt --, nicht nur im
Vertrauen auf den Ausspruch Cagliostros, sondern auch in Erinnerung an
die schnelle Verabschiedung Ihrer früheren Liebhaber --, daß Sie um so
eher ein Ende machen würden, je rascher ich Sie zur beneidetsten Frau
Europas zu machen imstande wäre. Ich habe mich nach beiden Richtungen
getäuscht und wenn trotzdem mein Glaube in die hellseherischen
Fähigkeiten des Grafen eine Stärkung erfuhr, so deshalb, weil er Ihnen,
wie Sie Sich erinnern werden, noch ein Kind prophezeite, von dem ich
allerdings fälschlicherweise annahm, daß es auch das meine sein würde.
Über die Sache selbst wollen wir uns nicht mehr erregen, als es nötig
ist. Sie ist bestenfalls eine -- Ungeschicklichkeit, die sich unter
Umständen reparieren läßt. Ich kenne in Paris Ärzte, die sich
ausschließlich mit dergleichen Operationen befassen und infolge ihrer
sehr großen Praxis den besten Ausgang gewährleisten.
Was nachher zu geschehen hat, wird sich finden. Gewöhnlich wirkt ein
solches Ereignis wie Frostwetter auf den lustigen Quell der Liebelei.
In dem Fall steht mein Haus Ihnen als Zuflucht offen.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, den 22. Januar 1785.-
Meine Liebe. Ich muß gestehen, daß Sie mich diesmal wirklich überrascht
haben: Sie wollen das Kind: »und wenn ich mich vor der ganzen Welt zu
seiner Herkunft bekennen müßte«; Sie behaupten sogar, es bereits glühend
zu lieben: »weil ich nie einen andern Mann geliebt habe und lieben werde
als seinen Vater«. So bleibt denn nur ein Ausweg.
Mir ist im Leben Alles unter den Händen entschlüpft: Liebe, Macht,
Reichtum. Nur Eins war ich stark genug, festzuhalten: den unbefleckten
Schild meiner Ehre. Ich war nahe daran, ihn mir von Ihnen entwenden zu
lassen. Das Gefühl, das ich für Sie besaß, und das Sie immerhin Liebe
nennen können, machte mich schwach, so daß ich es unterließ, Sie
gewaltsam an mich zu fesseln, und schuldbewußt, so daß es mir wie
Entsühnung schien, Ihre, wie ich annahm, flüchtigen Freuden nicht zu
stören, die ich nicht zu schaffen vermocht hatte.
Jetzt aber, glaube ich, gleicht sich unser gegenseitiges Schuldkonto
aus.
Behalten Sie das Kind, -- aber es wird vor der Welt mein Kind sein. Sie
kehren unverzüglich in mein Haus zurück und ich brauche Ihnen wohl nicht
erst zu versichern, daß Ihre Stellung genau dieselbe sein wird, wie
immer.
Mein Entschluß ist in diesem Punkt unabänderlich. Ich würde sogar vor
ernsteren Maßregeln nicht zurückschrecken, wenn Sie sich widersetzen
sollten.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Straßburg, den 30. Januar 1785.-
Meine geliebte Delphine! Soeben komme ich von einer stundenlangen
Unterredung mit dem Marquis. Ich verschwieg Dir meine Absicht, ihn
aufzusuchen, um Dich nicht zu erschrecken. Jetzt schreibe ich Dir, du
Einzige, selbst in zitternder Angst, denn an Dir wird es liegen, ob wir
uns wiedersehen!
Ich habe dem Marquis nahe gelegt, mich unter den schwersten Bedingungen
zum Zweikampf herauszufordern. Er lehnte es mit einem verächtlichen
Lächeln ab.
»Wenn es sich um eine bloße Liaison der Marquise handeln würde, könnte
vielleicht davon die Rede sein,« sagte er; »ob ich oder Sie am Platze
blieben, würde nur ein paar Tränen mehr oder weniger kosten; ein Ersatz
für jeden von uns wäre bald gefunden. Aber es handelt sich leider um
jene unbequeme Passion, die im Roman schöner ist als im Leben. Glauben
Sie, meine Ehre wäre gewahrt, wenn Sie fielen? Glauben Sie, die Marquise
würde je wieder in mein Haus zurückkehren? Und halten Sie es für
möglich, daß sie über meinem Sarge mit Ihnen, durch dessen Hand ich
gefallen sein würde, jemals glücklich zu werden vermöchte?! Nein, die
Geschicke der Menschen und der Völker lösen sich nicht mehr durch einen
Schwertstreich.«
Ich hatte ihm stumm, gesenkten Hauptes zugehört. Ich mußte ihm recht
geben. Als ich dann versuchte, ihn zu einer Trennung von Dir zu bewegen,
blieb er unerbittlich.
»Die Marquise kennt meine Antwort, sie hat die Wahl. Nur dann, wenn sie
die Folgen ihres Verhältnisses nicht sichtbar werden läßt, bin ich
bereit, -- da ich auf die Ansprüche des Gatten ein für allemal verzichte
--, sie zeitweise in Laval wohnen zu lassen. Kommt das Kind zur Welt, so
ist es mein Kind und gehört in mein Haus.«
Du mußt wählen zwischen mir und dem Ungeborenen, zwischen deinem
Geliebten und einer Hoffnung, die noch nicht einmal Leben ist.
Wirst du so unbarmherzig sein und gegen unsere Liebe entscheiden? Du
kannst mich nicht töten wollen, Delphine; Du kannst Dich nicht in Ketten
schmieden! Bei jeder Erinnerung, die uns gemeinsam ist, bei jedem
Glauben, bei jedem Gefühl, das wir teilen, beschwöre ich Dich: bleibe
Dir treu! Opferst Du mutig die erste Frucht unserer Liebe, so bleibt uns
die süße Gegenwart und die Hoffnung auf eine befreiende Zukunft, in der
Du glückliche Kinder gebären kannst. Tust Du es nicht, so ist nichts
mehr unser als der Schmerz um ewig Verlorenes.
Antworte mir nicht, Du könntest vorschnell sein, wenn Deine Augen nicht
in den meinen lesen, daß Du mein Todesurteil sprichst.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Montbéliard, am 5. Februar 1785.-
»Ich kann das Kind nicht töten, weil es Dein Kind ist. Sein Leben ist
mir die Gewähr, daß nichts uns trennen kann« --, ich trage den Zettel
auf dem Herzen, den der alte Gärtner mir gab, als ich vor dem verödeten
Hof, vor Deiner verschlossenen Pforte stand -- ein Ausgestoßener.
Ich versuche, Dir zu zürnen und liebe Dich nur immer mehr, ich versuche,
das Kind zu hassen und ein Gefühl tiefer Zärtlichkeit erfaßt mich.
Die Zeit, in der es unter Deinem Herzen ruht, soll mir heilig sein. Auch
mein Schmerz soll Dich nicht stören.
Lebewohl!
Marquis Montjoie an Delphine.
-Straßburg, am 12. Juli 1785.-
Meine Liebe. Da es mir wünschenswert erscheint, Ihnen die letzten Wochen
vor der Entbindung jede Erregung fernzuhalten, will ich Ihnen zunächst
nicht nach Froberg folgen, sondern erst in dringenden Geschäften nach
Paris gehen. Habe ich bisher vergebens versucht, unser Vermögen zu
vergrößern, so muß ich es jetzt erhalten, -- schon um des Erben willen,
den ich mir gewählt habe.
Ich werde zugleich mit Herrn Dr. Douzet Rücksprache nehmen und ihn
veranlassen, zur rechten Zeit in Froberg zu sein.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 25. Juli 1785.-
Meine Liebe. Ich fürchte, die alarmierenden Nachrichten in den Journalen
könnten Sie erschrecken, darum beeile ich mich, ihnen zuvorzukommen. Man
spricht in Paris laut und leise von einem märchenhaften Schmuck, den der
Kardinal im Auftrag der Königin für sie erwarb, und den sie zu bezahlen
offenbar -- vergessen hat. Gestern war ich zum Souper in Trianon
geladen. Als ich das Schloß betrat, hörte ich lautes Lachen und
Schwatzen fast wie auf einer Bauernkirmeß. Erstaunt stand ich still, da
öffneten sich die Türen zum Theatersaal, ein Schwarm von Menschen
strömte daraus hervor, mitten unter ihnen die Königin, sehr erhitzt,
sehr ausgelassen, dicht hinter ihr mit der Miene eines Triumphators --
Herr von Beaumarchais. Ich verbeugte mich um einen Zoll weniger tiefer
als sonst.
»Wir proben den Barbier von Sevilla,« hörte ich laut wie ein Kommando
auf dem Paradeplatz Herrn von Beaumarchais Stimme. Aufs äußerste
überrascht von dieser unerhörten Formlosigkeit, erwartete ich einen
Eklat. Aber die Königin lachte nur noch lauter. Es war jedoch, wie mir
schien, ein falscher Ton in ihrer Stimme.
Beim Souper beobachtete ich sie: Röte und Blässe wechselten auf ihren
Zügen. Unter Außerachtlassung jeder Etikette verließ sie nach dem Schluß
des Essens die Tafel und verschwand, -- allein mit Herrn von Chevreuse
--, in den Laubengängen des Parks. Wir alle verstummten. Nur Herr von
Beaumarchais versuchte mit gewagten Späßen die Stimmung aufzuheitern.
Herr von Beaumarchais als Regisseur der Königin --, ich bin geneigt,
jetzt an die bösesten Gerüchte zu glauben.
Gestern abend entschloß ich mich, die berühmten Arkaden des Palais-Royal
zu besichtigen, die der Herzog von Chartres eigens gebaut zu haben
scheint, um allerlei wüstem Gesindel Obdach zu gewähren. Mit den frechen
Reden der Männer wetteifert nur die Schamlosigkeit der weiblichen
Besucher. In diese Gesellschaft mischten sich mit sichtlichem Vergnügen
Damen und Herren des Hofes, als sie aus der Oper kamen, und ich muß zu
ihrer Schande gestehen, daß im Ton und Benehmen zwischen ihnen und den
anderen kaum ein Unterschied mehr zu bemerken war.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Versailles, den 16. August 1785.-
Ein schreckliches Ereignis, meine Liebe, verzögert meine Abreise: Der
Kardinal, Prinz Louis Rohan, wurde gestern vor der Schloßkapelle von
Versailles in vollem Ornate, angesichts aller versammelten Würdenträger
des Hofes verhaftet!
Kaum war das Ungeheuerliche geschehen, als die ganze Familie Rohan, die
Prinzen Soubise, Guéménée und Montpensier zugleich mit den Bischöfen und
Kardinälen das Schloß verließen. Der König und die Königin fanden sich
bei ihrem Erscheinen einem fast leeren Saal gegenüber. Marie Antoinette
schien einer Ohnmacht nahe.
Was geschehen ist, weiß niemand genau. Man sagt, daß Rohan sich für die
Königin habe opfern lassen. Und Cagliostro hatte ihm prophezeit: »An
Ihren Namen wird Frankreichs Befreiung sich knüpfen!«
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Die ganze Nacht stand ich wie ein Dieb unter Deinem Fenster, Geliebte.
Jeder Schrei, den ich hörte, zerriß mir das Herz. Dann wurde es still --
totenstill. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen. Bis plötzlich ein
leises Weinen wie Vogelzwitschern durch die Finsternis zu mir drang:
Unser Kind, Du meine süße Frau! Leg ihm die roten Blätter dieser Rose
aufs Herz; sein armer Vater grüßt es tausendmal!
DER LETZTE AKT
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Paris, den 3. Mai 1786.-
Endlich ein Lebenszeichen, Geliebte, das den Bann von uns nimmt, das mir
nicht nur auf ein Wiedersehen die Aussicht eröffnet --, im Gedanken
daran schwanke ich zwischen Qual und Seligkeit, denn mit zuviel
Selbsterniedrigung muß ich es erkaufen, -- das mir vor allem die Zunge
löst, um die große Frage unserer Zukunft mit Dir zu besprechen.
Monatelang habe ich geschwiegen; vielleicht hätte ich deinen Wunsch
danach nicht zu erfüllen vermocht, wenn nicht ein holdes Wunder mir
begegnet wäre.
Im Oktober vorigen Jahres war es. Die Sehnsucht zehrte an mir, ich
vergaß Alles: Deine Wünsche, meine Versprechungen, und ritt vor
Sonnenaufgang fort, entschlossen, Dich zu sehen, und wenn ich Mauern
sprengen müßte. Je näher ich dem Ziele kam, desto mehr spornte ich den
Rappen, so daß er, solcher Behandlung ungewohnt, wie gehetzt
vorwärtsstürmte. Unten im Dorfwirtshaus ließ ich ihn stehen und ging den
Berg hinauf zu Fuß; das verschlossene Parktor gab meinem Rütteln nach;
weiß leuchtete schon das Schlößchen durch das Laub. »Mont de joie«
flüsterte ich, seliger Erwartung voll, vor mich hin, -- da stockte mein
Fuß.
Ich hörte ein leises Singen; so zärtlich klang es und war doch kein
Liebeslied, so viel Jubel lag darin und war doch keine Siegeshymne. Die
Stimme kannte ich; ihrem Klange wollte ich nachstürzen, aber etwas
Fremdes, Neues in ihr zügelte meine Leidenschaft. Ich schlich durch das
Dickicht.
Und da sah ich Dich: auf der weißen Bank unter dem dunkelroten Dach der
Kastanien, das Knäblein im Arm, dessen winziges Mündchen durstig an
deinem hüllenlosen, rosigen Busen lag. Du sahst mich nicht; gebannt hing
Dein Blick an dem Kinde; Du fühltest nicht meine Nähe; all Dein
Empfinden gehörte ihm. Mein Begehren verstummte, und doch liebte ich
Dich noch nie so stark, so tief wie jetzt. Ich ging, wie ich kam, --
ungesehen, -- diesen Frieden zu stören, wäre mir wie ein Sakrilegium
vorgekommen.
Nun aber, Du süße Mutter meines Sohnes, darf ich Dich wiedersehen, darf
es wagen, Dich all den Aufregungen ausgesetzt zu wissen, die unserer
endlichen dauernden Vereinigung vorausgehen werden. Du schreibst kein
Wort darüber, ich vermisse sogar den helleren Ton der Freude über Deinen
Aufenthalt in Paris; Du klagst, daß der Marquis Dich immer um sich haben
will, daß er den Kleinen von Tag zu Tag mehr mit dem Stolz des echten
Vaters betrachtet. Ich wollte, er zeigte sich als ein noch größerer
Tyrann, damit Du die Freiheit um so rücksichtsloser erkämpfen möchtest!
Denn, nicht wahr, das eine steht für Dich unverbrüchlich fest: daß Du
mir gehörst, -- mir allein?
Wenn ich in Etupes durch die menschenleeren Räume ging, hörte ich oft
plötzlich das Rauschen eines Kleides neben mir, und aus dem Gang tönte
mir helles Kinderlachen entgegen. Waren es Gespenster der Vergangenheit,
oder nicht vielmehr süße Ahnungen der Zukunft?! Sind wir nur erst
vereint, Geliebteste, was könnte mich dann noch in den brodelnden
Höllenpfuhl der Hauptstadt locken?
Alles Erleben wird hier zum Fieber, jedes Geschehnis zum Ausgangspunkt
katastrophaler Ereignisse. Vor dem Parlament, das jetzt seit Wochen die
Halsbandaffäre verhandelt, strömt ein täglich wachsender Haufe erregter
Massen zusammen. Erscheint Rohan auf dem Wege von oder zur Bastille, so
begrüßen ihn lärmende Ovationen, und man würde nicht begreifen, wie
dieselben Leute, die jeden politischen Reaktionär niederbrüllen, den
Kardinal, den Feind jeden Fortschritts, fast zu ihrem Idol zu machen
vermögen, wenn man nicht zu genau wüßte, daß er ihnen in diesem
Augenblick nur als ein Opfer monarchischer Willkür erscheint. Ihre
scheinbare Liebe für ihn ist nichts als der deutliche Haß gegen den
Absolutismus.
Ich selbst folge mit steigender Anteilnahme den Verhandlungen, deren
traditionelle Geheimhaltung nachgerade lediglich auf dem Papiere steht,
wie so viele andere Traditionen. Rohan benimmt sich dabei wie ein
Edelmann: ruhig, würdevoll, ohne ein Wort zuviel zu sagen.
Die Lamotte dagegen, seine Helfershelferin, gebärdet sich wie eine
Wahnsinnige und zeigt dadurch, daß das Blut der Valois, dessen sie sich
rühmt, schon recht stark verdünnt in ihren Adern rollen muß. Kein
Zweifel, daß der Kardinal sich von dieser geschickten Abenteuerin zu
seinen letzten unvorsichtigen Schritten verführen ließ. Aber ihre
Gestalt, die jetzt im hellen Lichte der Untersuchung steht, wirft einen
dunklen Schatten auf die einer anderen, die im Saale selbst niemand
anzugreifen wagt, die aber jene unheimlich wachsende Macht, -- die
öffentliche Meinung, -- in tragischem Ernst wie in zügellosen Witzen als
die wahrhaft Schuldige bezeichnet: die Königin. Das Halsband, dessen
glänzende Steine der letzte Pesthauch des sterbenden Königs trübte, hat
eine verheerendere Seuche verbreitet als die war, an der Ludwig XV.
zugrunde ging.
Das Herrscherpaar ist fast ganz isoliert. Der Klerus und der Adel
vergessen ihm nie die infamierende Art, mit der es einen seiner ersten
Würdenträger verhaften ließ, das Volk erfaßt mit Freuden die
Gelegenheit, um die Königin in den Schmutz seiner Menschlichkeiten
hinabzuziehen. Seitdem überdies bekannt wurde, daß der Finanzminister,
Herr von Calonne, einen Teil der Staatsanleihen benutzte, um die
Schulden des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon zu bezahlen,
wird jede Art abenteuerlicher Geldbeschaffung ohne weiteres geglaubt.
Sogar ein ehrlicher Kerl, wie Lucien Gaillard, den ich allabendlich im
Palais-Royal zu sehen pflege, war überzeugt von der Existenz des
Diamantsaals und des silbernen Fußbodens im Schloß von Trianon!
Um seine Popularität könnte ihn übrigens jeder Minister beneiden. Mit
jenem letzten Rest sklavischer Unterwürfigkeit des Bürgers vor dem
Aristokraten pflegt sonst die öffentliche Meinung um so mehr zu
verstummen, je höher der Rang desjenigen ist, dem sie sich
gegenübersieht, um von den Mauern des Königsschlosses nur wie ein fernes
Murren wiederzuhallen; Gaillard dagegen steht so ganz auf der Höhe
seiner Zeit, und fühlt so gar nicht mehr die hergebrachten
Standesunterschiede, daß ich, -- laß mich Dir lächelnd diese Schwäche
gestehen, -- die Selbstverständlichkeit seiner Gleichstellung bei aller
theoretischen Anerkennung, die ich für sie habe, oft peinlich empfinde!
Ich dachte daran, ihn einmal als unsern Haushofmeister nach Etupes zu
nehmen, aber ich kann mich doch nicht recht an den Gedanken gewöhnen,
meinem Angestellten kordial die Hand zu schütteln, seine Ansichten als
den meinen gleichberechtigt gelten zu lassen.
An der Schwierigkeit, die mir Abweichungen von den bloßen Formen der
Vergangenheit bereiten, ermesse ich, wie fast unmöglich es einem
absoluten Monarchen sein muß, mit ihrem Inhalt zu brechen.
Ich war kürzlich zur Tafel in Versailles. Der König sieht schlecht aus
und ist merkwürdig ernst geworden; die Königin ist von forcierter
Lustigkeit. Man sagt, daß die Zartheit des Dauphin ihr Sorgen bereite,
die selbst der Anblick ihres blühenden zweiten Söhnchens nicht zu
verscheuchen vermag. Sie hat die Farm im Park von Trianon, wo sie ihre
fröhlichsten Stunden verlebte, zwölf armen Paaren zum Wohnsitz
überlassen, und seit der unheilvollen Aufführung des Barbiers von
Sevilla, die zwei Tage nach der Verhaftung Rohans stattfand, und wo die
Königin es erleben mußte, vor einem halbleeren, beifallskargen Saal zu
spielen, das kleine Theater nicht mehr betreten.
Erscheint mir nur die Welt so dunkel, weil Du sie mir nicht erhellst,
sind es die reiferen Jahre, die sie uns nicht mehr im rosigen Licht der
eigenen Jugend malen, oder ist sie wirklich umhüllt von gewitterschwüler
Sommernacht? Mit dir, Geliebte, traue ich mir erst zu, der Wahrheit
näher zu kommen.
Noch einer Begegnung muß ich gedenken: ich traf Herrn von Altenau im
Klub. Er schien mich meiden zu wollen. Da er im Organ Neckers, dem
Journal de Leyde, einen einflußreichen Posten bekleidet, interessiert er
mich, und ich nötigte ihm, als er ging, meine Begleitung auf. Er blieb
einsilbig. Erst auf dem Pont neuf, unter dem die Seine sich im Schein
der neuen roten Laternen wie ein Strom von Blut langsam dahinwälzt,
wurde er lebhafter. Er frug nach Dir und erzählte überhastig, was Dir
einst an dieser Stelle begegnet ist, Als ich ihm sagte, daß Du Dich
wieder eines Sohnes freutest, stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
Hast Du gewußt, daß er Dich so sehr liebte? Wer, der Dich kennt,
Vermöchte Dich nicht zu lieben!
Ich wage noch kaum zu hoffen, daß Du wirklich in vier Wochen schon hier
sein willst, -- Du und Dein Kind -- unser Kind, Delphine!
Warum nur die Vorsichtsmaßregeln mit diesem Brief? Sollte der Marquis
deine Korrespondenz überwachen?! Das sieht seiner vornehmen Natur wenig
ähnlich!
Ich schließe Dich an mein Herz, Du liebe, geliebte Frau; ich lebe der
Stunde, wo ich Dich nie mehr von mir lasse.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 20. Mai 1786.-
Meine Liebe. Nachdem ich im Hotel des Rois ein geeignetes Quartier für
uns gefunden habe, bitte ich Sie, so bald als möglich von Froberg
abzureisen. Ich habe bereits unserem Haushofmeister die nötigen
Anweisungen erteilt, an denen nichts geändert werden soll. Die Benutzung
der Post ist der des eigenen Wagens in dieser unruhigen Epoche unbedingt
vorzuziehen. Als mir unterwegs ein Pferd stürzte und der Kutscher in
einem nahen Gehöft Hilfe suchte, verweigerte sie ihm der Bauer mit der
Bemerkung: »Die Zeiten sind vorüber, wo der Edelmann, wenn er keine
Gäule mehr hatte, uns vor seine Karosse spannte.« Die Postreisenden, die
ihren Stand nicht verraten, werden weniger leicht insultiert.
Sie werden übrigens während der Fahrt bemerken, wie recht ich hatte, als
ich Ihr übertriebenes Mitgefühl, das uns alle Bettler nach Froberg
lockte, zu bekämpfen versuchte. Überall begegnet man jetzt offenbaren
Zeichen steigender Wohlhabenheit: neuen oder gut ausgebesserten Häusern,
gepflegteren Feldern, behäbig gekleideten Leuten.
Trotzdem ist der einmal erweckte Geist der Unzufriedenheit unausrottbar.
Je mehr man dem Pöbel mit Reformen entgegenkommt, desto mehr verlangt
er. Und wie ich aus den Berichten meiner Pariser Freunde schon entnahm,
wirkt die Schwäche des Königs und die Angst des Finanzministers vor
gewaltsamem Umsturz zusammen, um uns auf diesem Wege vorwärts zu
treiben. Der Prozeß Rohan konnte die Lage nur verschlimmern. Nach dem
Affront dieser Verhaftung ziehen sich alle Gutgesinnten vom Hof zurück.
In diesem Fall fühle ich mich auf seiten des brüllenden Pöbels vor dem
Pariser Parlament, der peremptorisch die Freiheit des Kardinals fordert.
Es ist mir nicht leicht geworden, die Ruhe von Froberg mit Paris zu
vertauschen. Aber unser aller Schicksal hängt vielleicht von den
nächsten Wochen ab, und ich kann nicht untätig zusehen. Der Einfluß, der
mir beim König noch geblieben ist, muß ausgenutzt werden. Warum ich
Ihnen die Reise zumute, und damit leider auch dem Kleinen, von dem Sie,
obwohl er auf dem Lande viel besser aufgehoben wäre, zu trennen sich
weigern, möchte ich noch mit einigen Worten erklären, da ich, wie Sie
wissen, mündliche Auseinandersetzungen, die leicht in Szenen ausarten,
vermeide. Mir fehlt noch das Vertrauen zu Ihnen. Montbéliard und Etupes
sind zu nah, als daß ich nicht fürchten müßte, die Mutter meines Erben
könnte sich vergessen.
Marquis Montjoie an Delphine.
-Paris, den 22. Mai 1786.-
Meine Liebe. Ich sehe mich genötigt, Ihnen vor Ihrer Abreise noch diese
Zeilen zukommen zu lassen, damit Sie orientiert sind, was ich von Ihnen
erwarte. Ich sah gestern den Prinzen Montbéliard. Sie werden ihm also in
der Gesellschaft auch begegnen, und es ist selbstverständlich, daß wir,
um jedes Gerede unmöglich zu machen, ihm nicht aus dem Wege gehen
können. Ich nehme Ihnen dabei das feierliche Versprechen ab, daß Sie die
Beziehungen zu ihm nicht erneuern werden. Ich will Sie nicht an die
Pflicht der Dankbarkeit erinnern, die Sie mir gegenüber, der Sie und Ihr
Kind vor öffentlicher Schande rettete, empfinden müßten. Ich will Ihnen
nur hiermit erklären, daß ich, von dem Augenblick an, wo ich den Erben
anerkannte, die Ehre des Namens, den ich ihm gab, zu schützen weiß.
Gestern wurde Rohan freigesprochen. Das Volk brachte ihm stürmische
Ovationen dar, die bis in die innersten Gemächer von Versailles
geklungen haben müssen. Die Königin schloß sich allein in ihr Zimmer.
Sie mag empfunden haben, daß dieser Freispruch zugleich ihre
Verurteilung war.
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
-Versailles, den 10. Juni 1786.-
Mein armer Liebling, was hat er aus Dir gemacht! Mußte ich meine tapfere
Delphine so ängstlich, so kleinmütig wiederfinden?! Selbst der
Scharfblick meiner Liebe hätte Dich nicht zu durchschauen vermocht, als
Du gestern in der Akademie vor mir standest, blaß und schüchtern wie
ein kleines Mädchen. Erst Deine flüchtigen, hastig hingeworfenen Zeilen
klärten mich auf. Du gabst dem Marquis das Versprechen, das er forderte;
»ich erkaufe mir mit dieser Sünde den letzten Rest von Freiheit«,
schreibst Du und in rührenden Worten bittest Du mich, -- mich, von dem
alles Leid Dir kam! -- Dir das Unrecht zu verzeihen; als ob Deine
Sünden, Geliebteste, jemals Sünden sein können! Nur Deine Schwäche, die
es zugab, daß der Marquis unser Kind für das seine erklären durfte, war
ein Unrecht gegen Dich selbst, gegen uns, und rächt sich fürchterlich.
Aber unsere Liebe wird stark genug sein, auch das zu überwinden.
Wir dürfen einander nicht schreiben, sagst Du, »wenn sich der Marquis
auch nie dazu verstehen würde, die Dienerschaft zu Spionen zu machen, so
sieht und fühlt er alles, seitdem kein Cagliostro mehr seine Blicke
ablenkt«. Sollten wir nicht doch noch klüger sein können als er?!
Gaillard, dessen Verehrung für Dich sogar stärker ist, als seine
republikanische Gesinnung, habe ich die Besorgung dieses Briefes ruhig
anvertraut. Ich bin seiner vollkommen sicher. Wir werden uns zunächst in
Gesellschaften sehen und je größer sie sind, desto leichter können wir
in ihrer Mitte allein sein. Wir müssen beraten, was zu tun ist und --
ich muß Dich wieder küssen dürfen, Du Süße, damit Deine Lippen sich
röten und das Blut in Deine Wangen zurückkehrt. Ich habe Dich ja so
lieb, so lieb und meine Sehnsucht ist so riesengroß, daß es mir scheint,
als könnte ich sogar all die häßlichen Heimlichkeiten verborgener Liebe
ertragen!
Werde ich Dich morgen bei Herrn von Puységur sehen, der, wie er mir
sagte, eine neue Somnambule entdeckt hat, die »erstaunlich« sein soll,
und übermorgen bei Frau von Staël, die in einem neuen Gesellschaftsspiel
ihren Geist leuchten lassen will?
Nie sahst Du so entzückend aus, Holdselige, als gestern: die süße kleine
Marquise mit den zarten Händen und Füßen und der feinen Taille, aus der
der Busen wie eine Rose aus dem Kelch schimmernd emporsteigt, neben der
neuen Gesandtin Schwedens mit den starken Knochen, dem breiten Gesicht,
den forschenden Augen, in einem Gewand, das halb eine Mönchskutte, halb
ein griechisches Peplon schien. Selbst Guibert, der die ehrgeizige
Tochter Neckers als die Aspasia Frankreichs feierte, und seine
Bewunderung für die ganze Familie sogar in seine Eintrittsrede unter die
Akademiker einflocht, um die Erinnerung an seine frühere Stellungnahme
ganz zu verwischen, war einen Augenblick lang wie benommen, als er Dich
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