ließ. Als Sie eintraten, -- die schmale Tür schien viel zu eng für die starrende Seide Ihrer Polonaise, viel zu niedrig für die nickenden Federn auf Ihrem hochfrisierten Haupt --, und Fräulein von Lespinasse Ihnen entgegenkam, diese überschlanke Leidensgestalt in dem nonnenhaften Gewand, -- und Ihnen die bleiche, blaugeäderte Hand entgegenstreckte, ein gütiges Lächeln um die blutleeren Lippen, richteten sich die Blicke Aller fast erschrocken auf Sie, so fremd wirkte Ihre Erscheinung in diesem Kreise. Sie fühlten es selbst, Sie saßen, der einzige weibliche Gast, in all Ihrer Pracht neben der zusammengesunkenen Julie, eine stumme Zuhörerin! Sie lauschten staunend, als Bernardin de St. Pierre, der jüngste Dichter unter den Protégés dieses Salons, die schwärmerische Ode zum ewigen Frieden vorlas und d'Alembert über die Verbrüderung der Menschheit sprach. In Ihren Augen sah ich eine Flamme leuchten, -- deren plötzliches Aufglühen mir an der kleinen Delphine Laval so vertraut war --, als der Chevalier von Chastellux Voltaires Eloge de la raison vorlas, jene herrlichen Sätze, durch die der Patriarch wieder einmal alles vergessen läßt, was er Falsches getan hat. Säße auf Frankreichs Thron ein Friedrich von Preußen, des großen Weisen Hoffnungen auf seine Regierung würden erfüllt, seine Ratschläge befolgt werden. Aber es gibt nur einen Friedrich. Ludwig XVI. tafelt, jagt und zeichnet dazwischen Allegorien; Marie-Antoinette spielt die Harfe. O du glückseliges Frankreich, wo es für die Könige nichts weiter zu tun gibt! Sie vernahmen dann verwundert das ungeteilte Lob Rétif de la Bretonne's, dessen Paysan perverti natürlich vom Hof, -- dessen Sittenstrenge ja über allen Zweifel erhaben ist! -- als unmoralisch verurteilt wird. Ich schicke Ihnen, wie ich versprach, das Buch, urteilen Sie selbst! Man reißt sich bei den Händlern darum, aber weniger weil man hinter seiner Schlüpfrigkeit das Medusenhaupt der Wahrheit sucht, als weil man auch die Wahrheit für Schlüpfrigkeit hält. Lassen Sie sich von all dem Unrat, den der Dichter aufrührt, nicht abschrecken. Die Schäferspiele der guten Gesellschaft, die den Schmutz unter Blumen verstecken, sind lasterhafter. Rousseau schilderte die Tugend und Glückseligkeit einer kommenden Welt; -- seine Predigt von der Rückkehr zur Natur wurde nur zum Vorwand neuer Moden. Es müssen andere kommen, um dem von grausen Gebrechen entstellten Gesicht der Gesellschaft einen mitleidslosen Spiegel vorzuhalten, damit das Entsetzen sie an den Arzt erinnert --, sagte Fräulein von Lespinasse. Nicht wahr, hier spricht man anders, als in Versailles, das von dem geistigen Leben der Gegenwart weiter entfernt ist, als der Mond von der Erde, oder gar in Trianon, wo man zwischen Ställen mit Marmorkrippen und Hütten mit Damastmöbeln vom »natürlichen« Leben schwärmt. Erst als Sie gingen, waren Sie wieder die Marquise Montjoie, so sehr hatte ich inzwischen die holde Gräfin Laval wiedergefunden. Graf Guibert, dessen schönheitsdurstiger Blick keinen Augenblick von Ihnen gewichen war, folgte Ihnen. Sie sahen nicht mehr, wie Julies bleiches Gesicht sich dunkel rötete, wie ihre Augen fiebrigen Glanz bekamen. Wir alle verabschiedeten uns rasch. Nur der treue d'Alembert wird den Tränenstrom der Unglücklichen noch gesehen haben. Guibert ist Julies letzte, große Leidenschaft. Und obwohl er ihr fast alles verdankt, -- sie bahnte ihm den Weg zum Ohre des verstorbenen Kriegsministers, sie interessierte den Grafen St. Germain so sehr für ihn, daß er ihn zu seinem Adjutanten ernannte, sie korrigierte seinen »Connetable von Bourbon«, so daß er auf der Bühne aufführbar wurde, -- vernachlässigt er die Arme und gönnt ihr nicht einmal den frommen Betrug seiner Liebe. Sie waren so gütig, mich zu Ihren Empfangstagen einzuladen; werden Sie auch so gütig sein, meine Ablehnung zu entschuldigen? Ich möchte Delphine Laval wiederfinden; die Sehnsucht danach ist nie erloschen. Unter den vielen Gästen der Marquise Montjoie, wo ein Abenteurer wie Beaumarchais zu den geehrtesten gehören soll, fürchte ich, Sie nur noch mehr zu verlieren. Aber vielleicht gestatten Sie mir, Sie an einem der nächsten Tage zu Madame Geoffrin zu geleiten. In der Atmosphäre dieses Salons müssen all die verborgenen Knospen Ihres Wesens aufspringen, die weder die Treibhaushitze noch die Schneeluft Ihrer Welt zum Blühen zu bringen vermag. Meine alte Gönnerin wird Sie, wie ich Ihnen schon einmal schrieb, gern empfangen, obwohl Sie nur selten Frauen bei sich sieht. Alles, was sie in ihrem langen Leben an Bitternissen erfahren, ist nämlich, wie sie sagt, von weiblichem Neid und weiblicher Eifersucht ausgegangen. Prinz Louis Rohan an Delphine. -Straßburg, am 20. April 1776.- Eine Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, Frau Marquise: »Ich bin weder eine Puppe, die Sie dirigieren, noch Ihre Dienerin, der Sie befehlen können.« Teuerste, warum so heftig? Habe ich je etwas anderes gewollt, als daß Sie im Einverständnis mit mir handeln möchten? Bin ich Ihnen nicht dankbar ergeben für die Klugheit, mit der Sie vorgehen, und wenn Ihre Handlungsweise, wie Sie so scharf betonen, nur von Ihrem Willen geleitet wird, muß ich Ihnen dann nicht für diesen Willen doppelt dankbar sein? »Einen Hofmeister brauche ich nicht,« schreiben Sie weiter. Wann hätte ich mir angemaßt, es zu sein? Aber einen Freund werden Sie doch hier und da brauchen, holde Delphine, wenn Sie den Priester auch glauben entbehren zu können! »Ihre Drohungen fürchte ich nicht --«. Drohungen?! Ein Rohan gegenüber einer Frau?! Wenn ich nicht wüßte, daß Sie scherzen, würde ich glauben, daß Sie -- ein schlechtes Gewissen haben! Sie müßten wissen, daß ich in dieser Zeit sanfter Sitten trotz meiner religiösen Strenge aufgeklärt genug bin, um einer reizenden Frau jedes Vergnügen zu gönnen, wenigstens insoweit, als mein Neid es zuläßt. Aber selbst für meine vermeintlichen Sünden will ich, weil Sie mich ihrer zeihen, Buße tun: Graf Guibert sei Ihnen verziehen. Sie reiten mit ihm, wie ich höre. Hoffentlich stört Sie die Erinnerung an den Marschall Contades nicht in Ihrem Vergnügen! Von Straßburg wird Ihnen der Marquis erzählt haben. Es ist zum Sterben langweilig; reichten die Fluten der Erregung nicht von Paris hierher, wir würden nicht wissen, daß wir leben. Ach, die Pariser Freuden, die Frauen, die Nächte! Können Sie sich vorstellen, daß wir hier nicht nur bei Tage schlafen?! Johann von Altenau an Delphine. -Paris, 10. Mai 1776.- Teuerste Marquise! Noch klingt jedes Wort in mir nach, das wir auf dem Heimweg von Madame Geoffrin miteinander wechselten. Einen tiefen Blick ließen Sie mich in Ihre Seele tun. Werden Sie mir je verzeihen, daß ich Sie so sehr verkannte, daß ich die Maske, mit der Sie selbst die bezaubernde Schönheit Ihres Innern deckten, nicht durchschaut habe? Ich war tagelang verzweifelt, weil ich Delphine nicht wiederfand. Oder konnte Delphine es sein, die die Liebe lästerte? »Daß eine Julie Lespinasse ihr Herz ebenso wegwerfen kann, wie andere Frauen!« riefen Sie aus. Delphine hätte gewußt, daß ein Herz nur hat, wer es wegwirft, dachte ich! Und nun hat die milde Hand einer alten Frau die Maske von Ihrem Antlitz genommen. Fast klang es brutal, als sie Ihnen, kaum daß Sie neben ihr saßen, die Frage stellte: »Womit beschäftigen Sie sich?« Und rasch griff ich ein, um Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen, und erzählte von den armen Pariser Kindern, denen Sie helfen konnten. Madame Geoffrin streichelte Ihnen freundlich die Hand. »Das ist hübsch, sehr hübsch, Frau Marquise,« sagte sie lobend, um Ihnen gleich darauf mit der neuen Frage: »Haben Sie selbst kein Kind?« das Blut abermals siedendheiß in die Wangen zu treiben. Sie waren tief erschüttert von dem, was Ihnen begegnete, und es ist doch nichts gewesen als eine alte Frau im Kreise ernster Männer. Sie fühlten plötzlich: Ihre Welt hat alles, was schimmert und funkelt -- Reichtum, Schönheit, Esprit -- aber nur Kurzsichtigen täuscht dieser Glanz Feuer vor, kein Frierender kann sich daran wärmen; die Flamme der Begeisterung, die leuchtet und glüht, brennt auf unseren Altären. Fräulein von Lespinasse ist eine Sterbende, Madame Geoffrin eine alte, einfache Frau, Madame Dudeffant eine blinde Greisin, Frau von Epinay eine Schwerkranke --, und doch strömen bei ihnen all die Männer zusammen, die die Könige Himmels und der Erde entthronten, so daß, wer jetzt vor ihnen kniet, nur zu Phantomen noch betet. Woher kommt das? fragen Sie. Weil diese Frauen zuerst bei sich die Tyrannei des Herkommens, der Gesellschaft, der Küche und -- der Ehe zertrümmert haben. Weil sie in diesem Kampf ihre Menschlichkeit zurückeroberten, und nun erst Freundinnen, Beraterinnen, Trösterinnen sein konnten. Herr von Condorcet hat Ihnen seine Ideen über die Befreiung der Frauen von einem Jahrtausende alten Joch entwickelt. Innerhalb der ungeheuren Umwälzung, die sich vorbereitet, wird dieser Kampf eine maßgebende Rolle spielen. Sie dürfen damit nicht verwechseln, was man Ihnen von dem Frauenklub, den Fräulein Raucourt gegründet hat, erzählte. Der Loge von Lesbos gehören Weiber an, die, entweder von Liebe übersättigt, neue Reizmittel suchen, oder an unbefriedigter Liebessehnsucht kranken. Sie bemänteln ihre Wünsche nur mit den tönenden Phrasen von der Gleichstellung der Geschlechter und glauben ihre Freiheit dadurch zu dokumentieren, daß sie Männerkleider tragen und in den Kaffeehäusern mit den Männern faullenzend umhersitzen, alle Probleme der Welt beschwatzend. Herrn von Condorcets Bestrebungen haben damit nichts zu tun; er wünscht nicht die Freiheit von der Sitte, sondern die sittliche Freiheit. Ist es nicht eine innere Notwendigkeit, daß Sie zu uns gehören? Ich schicke Ihnen Rousseaus »Emil«, den Madame Geoffrin Ihnen so dringend zu lesen empfahl. Ob seine Probleme Ihnen nicht noch allzu fern liegen? Johann von Altenau an Delphine. -Paris, am 30. Mai 1776.- Die Nachricht vom Tode unserer teuren Julie, der für sie eine Erlösung ist, für all ihre Freunde aber ein unersetzlicher Verlust, ging mir zugleich mit Ihrem inhaltsreichen Briefe zu. »Sie mißverstehen mich;« schreiben Sie. »Wenn mich die stille Größe all dieser Menschen so sehr ergriff, so vielleicht gerade darum, weil ich nur der Zuschauer dieses Schauspiels sein kann. Ich habe eingesehen, daß ich viel zu klein bin, um mich neben sie stellen zu dürfen. Madame Geoffrins Fragen fühle ich wie ein Brandmal. Ich möchte nicht eher zu ihr gehen, als bis ich ihr antworten und ohne Schamröte ins Auge sehen kann. Rousseaus wundervolles Buch ist eine Offenbarung für mich.« Mir ist, als finge ich an, Sie zu verstehen. Sie erzählten mir von Ihrem Sohn, und klagten sich an, ein Gefühl der Mutterliebe niemals empfunden zu haben. Hier sprach die Natur deutlich genug: in einem Ueberschwang der Empfindung sollten Sie nicht daran denken, sie bekämpfen zu wollen. Ihrem eigenen Kinde nur dürfen Sie leben, dem Kinde, das ein Pfand freier Liebeshingabe ist. O, daß Sie dieses Augenblickes noch warten wollten! Graf Guibert an Delphine. -Paris, am 3. Juni 1776.- Sie haben warme Worte der Teilnahme an mich gerichtet, teuerste Frau; Sie fühlten die ganze Zerrissenheit meines Herzens angesichts dieses Todes: Ich habe meiner wunderbaren Freundin nicht sein können, was sie mir sein wollte; ihre blasse Leidensgestalt ergriff mein Herz, ihr Verstand entzückte meinen Geist, aber für meine Sinne blieb sie nur meine Schwester. Als ich Ihnen begegnete, schönste Zauberin, war alles was in mir lebte, hingerissen, entflammt, und ich Unglückseliger besaß nicht genug Stärke, um vor der armen Julie heucheln zu können. Das ist meine Schuld, von der kein Beichtiger mich freizusprechen vermöchte, auch wenn ich an die Macht der Sündenvergebung zu glauben imstande wäre. Daß aber Sie sich mit Vorwürfen quälen, Sie, die Sie grausam genug sind, meine Anbetung nur zu empfangen, wie ein Götze die Opfer -- kühl, unnahbar --, das schmerzt mich tief. Muß sich die Sonne schämen, weil sie leuchtet und arme Sterbliche ihre Strahlen suchen?! An einen warmen Blick Ihrer Augen, an einen leisen Druck Ihrer Hand hoffte ich oft mehr glauben zu dürfen, als an die Zurückhaltung Ihres Wesens. O Delphine, war sie vielleicht nur der Ausfluß Ihrer Güte, Ihres Mitleids für Julie?! Ich muß aussprechen, was meine größte Sünde ist: am Sarge der Unglücklichen schlägt meine selig-unselige Hoffnung die sehnsuchtsgroßen Augen auf. Werde ich Vergebung finden? Herr von Beaumarchais an Delphine. -Paris, den 12. Juni 1776.- Meine verehrte Frau Marquise, Ihnen zuerst, der ich so viel verdanke, sei die Nachricht mitgeteilt: das Unternehmen ist gesichert. Herr von Vergennes hat mir vorgestern die Summe angewiesen, die es mir ermöglicht zusammen mit den Geldern, die in Ihrem Salon gesammelt wurden, die ersten Schiffe anszurüsten! Ist es auch nur ein schüchterner Anfang, so fühle ich mich doch der Sache sicher, denn die Regierung, die den ersten Schritt getan hat, wird weiter gehen müssen, wenn sie sich nicht selbst desavouieren will. Der Herr Kriegsminister hat mich, wohl infolge der Empfehlung durch den Grafen Guibert, -- deren Wärme nur eine Frau entzünden konnte! -- auf das liebeswürdigste empfangen. Glauben Sie mir nun, daß Venus eine Kriegsgöttin ist? Ich habe jetzt die Arbeit von hundert Köpfen zu verrichten, was mein Herz nicht hindert, immer für Sie frei zu sein. Wenn Rodrigue Hortalez --, Sie erinnern sich, daß der Deckname unsrer Reederei schon feststand, als wir noch keinen Sou im Vermögen hatten! --, in Bordeaux und Marseille Waren kauft und Schiffe verfrachtet, wird Beaumarchais am Hofe von Versailles, dessen Tore die schönsten Hände der Welt ihm geöffnet haben, den Schöngeist spielen. Wenn Hortalez den jungen Helden Frankreichs, -- Lafayette und der Prinz Montbéliard werden unter den ersten sein --, die Wege über den Ozean bahnt, wird Beaumarchais der Königin von Frankreich die Rolle der Rosine einstudieren, und während gekrönte Häupter nach Figaros Pfeife tanzen, wird er selbst als gefesselter Sklave seiner Herzenskönigin dienen. Ich sehe Sie schelmisch lächeln, wie damals, als Sie mich schwarz auf weiß lesen ließen, daß »Herr von Beaumarchais ein Verschwender und ein Geldschneider ist, daß er -- fi donc! -- Mädchen aushält.« Wer täte dergleichen sonst in diesem tugendhaften Lande?! Etwa der Graf Artois, der Herzog von Bouillon, der Graf von Chartres, der Prinz Rohan -- Ihr Freund!! --, der für seine Verdienste Erzbischof von Straßburg geworden ist und demnächst Herrn von Malesherbes ersetzen dürfte, um die französische Literatur seiner sittlichen Empfindung anzupassen?! Verleumdung -- nichts als Verleumdung, nicht wahr, schöne Frau? Werft den Beaumarchais in die Bastille! Zur Strafe für Ihr Mißtrauen verrate ich Ihnen die bösen Dinge, die ich von Ihnen weiß. Sie waren bei Madame Geoffrin. »Mais, voilâ ce qui est bon!« Mit diesen sechs Worten regiert sie, so sagt man, alle Philosophen. Ich würde dem König von Frankreich diesen Zauberspruch verraten, aber ich fürchte, er wirkt nicht. Im Salon der Rue St.-Honoré werden nämlich den Schreihälsen heimlich die Mäuler gestopft, ehe der Spruch ihnen den Mund verbietet. In Versailles fehlt es zu diesem Zweck an überflüssigem Kuchen. Sie sehen, Baron Holbach hat recht: nur das Materielle existiert! Sie waren auch in der Kirche, aber nicht um den lieben Gott zu suchen, dem man es übrigens nicht verdenken könnte, wenn er vor den Herrn Philosophen in die dunkelste Kapelle flüchten würde. Sie hörten unsere modernsten Priester, die nur noch à la grecque von Moral und Tugend reden, weil das Wort »Religion« sie gar zu lächerlich machen würde. Und man munkelt sogar, Sie hätten im Café de la Regence Linguets Journal gelesen, jenes Chamäleons, der nur Eins in der Welt fürchtet: man könne ihn in irgendeine Sekte oder Partei einreihen. Darum wechselt er rasch die Farben, sobald er merkt, daß ein anderer dieselben trägt. Vor zehn Jahren erklärte er emphatisch: »Der Arbeiter hat keinen Anteil an dem Überfluß, dessen einzige Quelle seine Arbeit ist und von der Aufhebung der Sklaverei hat er nichts gewonnen, als die Freiheit, zu verhungern,« und heute beschimpft er Philosophen und Minister, so daß sein Blatt zum Leibblatt des Adels geworden ist; denken und regieren kann seiner Ansicht nach in Frankreich nur Einer: Monsieur Linguet selbst. Ich muß Atem holen. Das war ein zu langer Satz für mich. Nur der Haß konnte mich dieser Anstrengung fähig machen. Herr Linguet war nämlich mein bester Freund. Mein Vorzimmer steht voll Wartender. Weiß Gott, fast vergesse ich über der reizenden Marquise die Befreiung Amerikas! Graf Guibert an Delphine. -Paris, den 21. Juni 1776.- Sie empfangen mich nicht, teuerste Frau? Verletzte Sie mein Geständnis? Nur um ein Wort, meinetwegen einen Gruß durch Ihre Zofe, bitte ich Sie! Herr von Beaumarchais an Delphine. -Paris, den 30. Juni 1776.- Verehrte Frau Marquise. Der Diener wies mich ab, weil Sie krank seien, und doch sah ich Sie gestern erst in Ihrem Wagen. Was bedeutet das? Unsere gemeinsame Arbeit ist noch nicht zu Ende. Wir bedürfen grade jetzt Ihres ganzen Einflusses, schöne Frau. Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, den 6. Juli 1776.- Turgot ist gestürzt, Malesherbes geht, hinter ihnen blüht wieder die Lust, der Leichtsinn, das Leben. Ich zürnte Ihnen, holde Delphine, weil die Amazonen-Rüstung, in der Sie Sich gefielen, auch Ihr Herz grausam umhüllte. Nun sehe ich erst: die reizende Streiterin im Kampfe der Männer war nur die Windsbraut, die den Winter vertreiben half. Jetzt schüttet Flora wieder ihr ganzes Füllhorn über unsere Gärten und in einem Regen von Rosen kehrt Delphine uns zurück. Sie warfen den Panzer von sich; endlich sah ich wieder, daß der Atem den schönsten Busen leise bewegt; Sie legten das Schwert aus der weißen Hand; endlich war sie wieder frei für meine Küsse. Warum zögerten Sie, als die Königin Sie bat, in dem neuen Singspiel unseres Hofdichters mitzuwirken? Weil Herr von Laharpe nicht Herr von Beaumarchais ist, oder der Graf Chevreuse nicht -- der Graf Guibert? Ich würde trostlos sein, wenn Sie nicht verraten hätten, daß der Rivale von Ihrem Herzen noch nicht vollständig Besitz ergriff. »War es amüsant in den Bädern am Barrêge?« frugen Sie mich; »Sie waren, wie ich höre, in lustiger Gesellschaft!« Dabei zuckte es um Ihren Mund, und der Ton Ihrer Stimme war ein Dolch, der mich armen Sünder durchbohren sollte. Sie versuchten sogar mir Ihre Hand zu entziehen, die ich in überströmender Dankbarkeit für dies Zeichen Ihrer Eifersucht, an meine Lippen preßte. Ja, süße Delphine, es war sehr amüsant, und Mademoiselle Duthé eine reizende Trösterin für Ihre Untreue! Meinen Sie, Guy Chevreuse könne ehrerbietig wartend im Vorsimmer stehen, bis seine Gebieterin die Gnade hat, ihn wieder zu empfangen? Jeder vertreibt sich die Zeit nach seinem Geschmack: Die Marquise, indem sie mit dem Grafen Guibert -- philosophiert, und mit Herrn von Beaumarchais intriguiert, der Graf, indem er in den Bergen mit einer kleinen Freundin -- die Natur bewundert. Müssen wir einander nun mit Vorwürfen quälen? Die Liebe, schönste Frau, hat weder Vergangenheit, noch Zukunft, nur Gegenwart. Sie ist wie der farbenleuchtende Schmetterling, den wir gestern über den Oleanderblüten gaukeln sahen: wer denkt daran, daß er eine häßliche Raupe war, wer wüßte nicht, daß man ihn spießen muß, um ihn zu erhalten?... Wollen mir morgen unsere Rollen zusammen lesen, verehrte Marquise? In Ihrem blauen Boudoir, dessen Blumenteppich die Wiese vorstellen kann, auf der wir tanzen, dessen Nische mit den schwellenden Kissen auf dem Diwan und den goldenen Amoretten, die darüber die Vorhänge lächelnd heben, die Laube sein soll, in der wir uns finden? Marquis Montjoie an Delphine. -Froberg, am 8. Juli 1776.- Meine Liebe! Ihr rascher Entschluß, nach Froberg zurückzukehren, ist ein erfreuliches Zeichen Ihrer Einsicht. Ich ersehe daraus, daß wir uns die peinlichen Auseinandersetzungen über Ihre Unterstützung der Kriegspartei hätten ersparen können. Es war, wie ich von vornherein annahm, eine Laune, die nur ein wenig zu weit ging. Sie haben den Sturz des Ministeriums beschleunigen helfen, und erwarben sich dadurch nicht nur meine Anerkennung, sondern auch ein Recht auf meine Nachsicht für Ihre übrigen Eskapaden. Zu ihrer Ankunft ist alles bereit. Ich werde auch Ihren Wunsch, unseren Sohn zu Ihrem Empfang kommen zu lassen, gern erfüllen, obwohl ich diese überraschende Anwandlung von Sentimentalität nicht verstehe. Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, am 12. Juli 1776.- Seltsam: auf einmal ist mir, als wäre meine Liebe eine Blume mit tiefen, starken Wurzeln. Hätte ich Sie bisher nicht geliebt, ich müßte Sie um des Abschieds willen lieben, den Sie mir geben. Meine Zunge und meine Feder sind um Worte nie verlegen gewesen, heute versagen sie den Dienst. Ich kann nur ein Echo Ihrer Stimme sein, und antworte Ihnen darum mit Ihren eigenen Worten: »Noch sah ich überall: auch das süßeste Liebesglück hinterläßt schließlich nichts als Wunden. Ich aber möchte mich seiner erinnern können, wie man im Winter an einen sonnigen Sommertag denkt. Ich möchte nicht, daß Eitelkeit, Mitleid, Respekt vor der Tugend der Treue die Existenz eines Gefühls vorzutäuschen versuchen, das schon entschwand. Wir wollen darum den Schmetterling, statt ihn zu spießen, in der blauen Luft davonflattern lassen.« Folgen Sie ihm nicht mit den Blicken, holde Delphine; mir gingen im Nachschauen die Augen über, denn der helle Himmel blendet so sehr. Ich möchte Ihnen auch diesen Schmerz ersparen. DAS KIND Johann von Altenau an Delphine. -Paris, am 30. September 1777.- Endlich! Sie hatten mich, teuerste Marquise, durch Ihr monatelanges Schweigen auf die Folter gespannt. Stellten Sie Ihre Freunde schon durch Ihre fluchtartige Abreise vor ein Rätsel, wie viel mehr durch Ihr völliges Verstummen. Die abenteuerlichsten Gerüchte trug man einander zu: daß Sie mit einem Liebhaber entflohen seien; daß Sie sich in ein Kloster zurückgezogen hätten. Schließlich verschwand Ihr Name aus der Chronique scandaleuse; die sturmbewegten Wellen unserer raschlebigen Zeit peitschten darüber hinweg; nur wer sich selbst noch nicht ganz verliert, dem blieben auch Sie unverloren. Haben Sie Dank, wärmsten Dank, daß Sie in Ihrem Kummer meiner gedachten. Sie gaben mir damit den kostbarsten Beweis Ihrer Freundschaft. Nur daß Sie über ein Jahr stumm gelitten haben, mache ich Ihnen zum Vorwurf, nicht, weil ich Ihr Vertrauen teile, der Einzige zu sein, der zu helfen vermag, sondern weil die Aussprache an sich schon Erleichterung bedeutet. Es ist eine der wertvollsten Errungenschaften unsrer Epoche, daß wir unsere eigenen Gedanken denken, unsere eigene Sprache sprechen lernten. Sie haben sich, wie Sie schreiben, ganz Ihrem Sohn gewidmet, nachdem Sie ihn durch »einen wahren Feldzug von Kämpfen und Intriguen,« sich erst erobern mußten; und mit einer Ehrlichkeit, die zu der Sentimentalität der meisten Frauen, die sich heute ihrer Mutterschaft erinnern, in erfreulichem Gegensatz steht, fügen Sie hinzu: »mich trieb nicht die Liebe, sondern nur das Gefühl einer heiligen Pflicht, deren Erfüllung meinem Leben Inhalt und Ziel geben sollte.« Ich habe den Satz zehnmal gelesen, ehe ich mir vorzustellen vermochte, daß von den Rosenlippen der Marquise Delphine so schwere Worte fallen konnten, und erst als ich weiter las, sah ich Sie wieder lebendig vor mir: »aber die Aufgabe erhebt mich nicht, sie drückt mich nieder,« schreiben Sie. Ein Tempel der Mutterliebe sollte das Schlößchen sein, das sich im Park von Froberg am Ufer des Sees weiß und leuchtend erhebt. »A L'Enfant« ließen Sie in goldnen Lettern über die Türe meißeln, wo kurz vorher »Mont de ma joie« gestanden hatte. Die schönsten Blumen ließen Sie pflanzen, mit Tieren aller Art bevölkerten Sie den Park -- »die Natur selbst sollte meines Sohnes Erzieherin sein.« Und dann kam das Kind; »es zerpflückte und zertrat die Blumen, es schlug nach dem sanften Reh und dem kleinen Kätzchen, es warf mit Steinen nach den Tauben,« und seine Häßlichkeit zwang Sie, alle Spiegel aus den Zimmern entfernen zu lassen, um sie nicht verzehnfacht um sich zu sehen. Was soll ich tun? fragen Sie mich verzweifelt; alle Mittel, das Kind zu beeinflussen, sind erschöpft; seine Neigungen bleiben roh, wie die Umgebung, aus der es seine ersten Eindrücke empfing. Vielleicht waren Sie zu gut für diesen kleinen Wilden; vielleicht bedarf es nur eines Mittels, seine unbändige Tatkraft in richtige Wege zu leiten; vielleicht fehlt ihm der Ernst und die Strenge eines männlichen Erziehers. Sie erwähnen Ihres Herrn Gemahls nicht, und ich darf wohl annehmen, daß er sich selten in Froberg aufhält, da ich ihm in Paris häufig begegne und man sogar von der Möglichkeit seines Eintritts in das Ministerium schon gesprochen hat. Er scheint sich also wenig um seinen Sohn zu kümmern. Werden Sie mich recht verstehen, wenn ich Sie darum bitte, mir zu gestatten, zu Ihnen zu kommen? Nur als ein Gast zunächst und als ein Freund, dem nichts mehr am Herzen liegt, als Ihnen helfen zu können, der aber mit einem bloßen Rat nicht zu helfen vermag, solange er sich nicht durch eigenen Augenschein ein klares Bild von der Lage der Dinge hat machen können. Ihrer Antwort sehe ich klopfenden Herzens entgegen. Ein Ja würde den düsteren Nebel, der seit Monaten mein Leben verschleiert, wie mit einem ersten Sonnenstrahl durchbrechen. Seit dem Tode der Lespinasse und der Geoffrin bin ich, wie viele mit mir, heimatlos geworden. Niemand und nichts hat für das Verlorene einen Ersatz schaffen können. Mit dem fehlenden geistigen Mittelpunkt, um den sich die ersten Männer Frankreichs versammelten, lockert sich auch mehr und mehr ihr geistiger Zusammenhang. Müssen wir es doch jetzt erleben, daß der aufs neue wütend entfachte Kampf zwischen den Anhängern Glucks und denen Piccinis auch die Reihen der Encyklopädisten in zwei feindliche Lager teilt. Mehr denn je gehen die Männer in ihre Klubs und Kaffeehäuser; die Frauen dagegen haben in den überhandnehmenden Teevisiten ein Mittel des Zusammenseins gefunden. In der Vergröberung der Sitten meine ich jetzt schon den Fortfall des zugleich anregenden und mildernden weiblichen Einflusses im Leben der Männer zu spüren; treffen sich die beiden Geschlechter bei festlichen Gelegenheiten, so herrscht zwischen ihnen, die geistig nicht mehr miteinander leben, nur die Atmosphäre schwüler Sinnlichkeit. Sie sehen, es wäre für mich eine Erlösung, die Mauern von Paris hinter mir zu haben; Sie müssen aber auch wissen, teuerste Marquise, daß ich das Glück, bei Ihnen zu sein, selbst seinen größten Genüssen vorziehen würde. Marquis Montjoie an Delphine. -Paris, den 3. Oktober 1777.- Meine Liebe, die Nachricht, daß der Kaiser von Österreich noch diesen Monat nach Straßburg kommt, veranlaßt mich, schleunigst dorthin abzureisen, ohne Froberg zu berühren. Er befindet sich auf dem Wege nach Paris und es ist von größter Wichtigkeit, den Monarchen vor der Begegnung mit seiner erlauchten Schwester, der Königin von Frankreich, zu sprechen und, wenn irgend möglich, zu beeinflussen. Er reist zwar, ein moderner Harun al Raschid, als einfacher Edelmann, sollte aber trotzdem vom elsässischen Adel kaiserlich empfangen werden. Ich muß daher in diesem Falle darauf bestehen, daß meine Gemahlin in unserem Hotel die Honneurs macht, wobei ich nicht unterlassen will, zu bemerken, daß ich es endlich müde bin, nach Monaten der Nachsicht, die Marquise Montjoie die Rolle einer Kinderfrau spielen zu sehen. Engagieren Sie so viel Personal, als Sie es für nötig finden, aber schützen Sie unser Haus vor den wahnwitzigen, alle gute Tradition umstürzenden Ideen der Pariser Philosophen; sie führen unser Vaterland dem Verderben entgegen; wenigstens die Familie will ich vor ihnen gerettet wissen. Wie wenig besonders Herr Rousseau, auf den Sie sich zu berufen pflegen, das Vertrauen verdient, das Sie in seine Erziehungsprinzipien setzen, habe ich jetzt erst erfahren. Ganz abgesehen davon, daß er durch seine Undankbarkeit jeden seiner Gönner vor den Kopf stieß, hat er es --, nachdem er schon fast vergessen war --, für nötig befunden, seine Memoiren zu schreiben, die, was Mangel an Diskretion, an Takt und Schamgefühl betrifft, aller Beschreibung spotten sollen. Er liest sie gegenwärtig in Pariser Salons vor und hat erreicht, was offenbar seine einzige Absicht war: wieder von sich reden zu machen. Intimste Erlebnisse, die Menschen von guter Lebensart ebenso sorgfältig dem Anblick Fremder entziehen, wie ihre körperlichen Mängel und Gebrechen, schildert er mit derselben Behaglichkeit, mit der sich die Schweine in ihrem eigenen Schmutze wälzen, und bis in die Kreise des Hofes hinein gibt es Leute, die vor diesen Bekenntnissen der »Wahrheit und Natürlichkeit« bewundernd in die Kniee sinken; die Marquise Girardin ist sogar soweit gegangen, dem Verfasser ihr Schloß Ermenonville als Zufluchtsort anzubieten. Auch sonst mehren sich die Zeichen der gesellschaftlichen Auflösung. Hatte man bisher nur ganz im stillen gewagt, die Handlungsweise des Marquis Lafayette und seiner Freunde, -- zu denen ja leider auch der Prinz Montbéliard gehört --, zu entschuldigen, während die einflußreichen Kreise der Gesellschaft in der Verurteilung der französischen Offiziere und Aristokraten einig waren, die ihren Degen in den Dienst von Insurgenten, und damit gegen das Königtum zu stellen wagten, so beginnt man jetzt, sich in aller Öffentlichkeit für sie und damit für die Sache, der sie dienen, zu begeistern. In einigen Journalen wird bereits dem offenen Kriege gegen England das Wort geredet und wir können uns im Augenblick glücklich schätzen, daß wenigstens Herr Necker, in Rücksicht auf die Finanzen, hirnverbrannten Plänen wie diesen abgeneigt ist. England bekämpfen, hieße die amerikanische Republik unterstützen und die Berechtigung der republikanischen Ideen auch bei uns anerkennen. Ich hatte kürzlich eine ernste Aussprache mit Herrn von Vergennes, aber so sehr mir der Minister prinzipiell recht gab, so sehr scheint er praktisch durch seine unvorsichtige geheime Unterstützung von Herrn von Beaumarchais' amerikanischen Unternehmungen bereits engagiert zu sein. Wir haben also zunächst nur an Herrn Necker einen Rückhalt. Dieser bourgeoise Genfer Bankier, dem man die Ordnung der Finanzen Frankreichs anvertraute, aspiriert jedoch leider den Ministerposten und damit eine Hofstellung, und der König, in unbegreiflicher Nachgiebigkeit gegenüber der nivellierenden Zeitströmung, zieht ihn bereits ganz in sein Vertrauen. So sehr man sich diesen Herrn als ein notwendiges Übel gefallen lassen muß, so gehört er doch ebensowenig in unsere Intimität, wie ein Haushofmeister, dem man seinen Weinkeller anvertraut. Hofften wir bisher, auf die Königin rechnen zu können, -- ich glaube sogar, daß Ihr Einfluß, meine Liebe, nicht zu unterschätzen gewesen ist, und der Fall Turgots, der klüger und darum weit gefährlicher war als Necker, auf das vorübergehende politische Interesse der Königin zurückgeführt werden kann, -- so ist jetzt, wo die Gräfin Polignac und die Prinzessin Lamballe nichts als ihre teils sentimentalen, teils luxuriösen Neigungen unterstützen, und die vergebliche Hoffnung auf einen Thronerben den König ihr entfremdet, keine Rede mehr davon. Sie spielt Komödie, sie tanzt, sie erteilt Schneiderinnen, Künstlern und Poeten Audienzen, -- das ist die harmlosere Seite ihres Lebens --, sie erlaubt nicht nur dem Prinzen Artois, sondern auch den Kavalieren des Hofs, ihr zu huldigen, als wäre sie keine Königin. Alle dem gegenüber werden Sie begreifen, daß der Besuch des Kaisers von Österreich von größter Bedeutung ist. Ich erwarte, daß Sie bereits Ende dieses Monats alle Anstalten zu unserem Straßburger Aufenthalt getroffen haben werden. Kardinal Prinz Rohan an Delphine. -Straßburg, am 18. Oktober 1777.- Es bedurfte also eines gekrönten Hauptes, um unsere schöne Marquise aus der selbstgewählten Verbannung zurückzurufen! Ich war entzückt, als ich auf meiner gestrigen Ausfahrt über den Platz St. Pierre le Jeune, die Pforten Ihres Hotels offen fand, und ich beeile mich, mit diesen Blumen und Konfitüren an die mir hoffentlich nicht immer verschlossene Pforte Ihres Herzens anzupochen. Sie haben für Ihre reizenden Sünden genug gebüßt; ich spreche Sie los und ledig, Frau Marquise! S. M. der Kaiser wird mir die Ehre erweisen, morgen nach der Parade das Frühstück bei mir einzunehmen. Der Herr Marquis hat seine Teilnahme zugesagt; darf ich auch auf die Ihre rechnen? Ein Fest ohne Sie wäre keins, auch wenn alle Monarchen der Welt zusammen kämen. Für den »Barbier von Sevilla«, -- durch dessen Aufführung wir dem gekrönten Puritaner wohl beweisen wollen, wie wenig wir uns durch die Satire des Stücks getroffen fühlen! --, stelle ich Ihnen meine kleine Loge zur Verfügung. Herr von Beaumarchais, dessen Anwesenheit in Straßburg mich schließen läßt, daß eine politische Intrigue in der Luft liegt, wird Sie dort ungestört begrüßen können, nachdem Ihr Herr Gemahl, wie er mir soeben mitteilte, ihn zu empfangen nicht geneigt ist. Sie sehen, schönste Frau, wie ich mich bemühe, Ihre unausgesprochenen Wünsche zu erfüllen. Darf ich dafür hoffen, endlich zu dem Kuß zugelassen zu werden, den Sie mir seit Chantilly schuldig sind?! Herr von Beaumarchais an Delphine. -Straßburg, am 25. Oktober 1777.- Verehrteste Frau Marquise, Sie haben es mir nicht glauben wollen, daß die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Ihnen mir Straßburg anziehender machte als die auf eine mögliche Begegnung mit dem Sohne Maria Theresias? Wir, denen die Politik noch eine Kunst ist, bedürfen der Frauen mehr, als die gekrönten Handelsreisenden, die sie als ein Geschäft betreiben. Nun haben Sie mich zwar mit größter Liebenswürdigkeit begrüßt, -- vor dem ganzen Theater, in Ihrer großen Loge, ohne diskrete Vorhänge --, aber ich bin ein zu guter Kenner aller Nüancen des Frauenlächelns, um nicht empfunden zu haben, daß es weniger meinen Handkuß, als das Stirnrunzeln des Herrn Marquis, das sarkastische Lippenkräuseln des Herrn Kardinals hervorzurufen bestimmt war. Ich weiß darum nicht, ob ich die reizende Marquise Montjoie noch als meine Aliierte betrachten darf. Frauen sind wie Kinder: sie spielen jedes ihrer Spiele mit vollkommener Hingabe aber ohne die geringste Ausdauer. Wenn es keine Könige gäbe, würde ihr Wankelmut durch nichts übertroffen werden. In diesem Fall wäre ich fast geneigt, ihn zu entschuldigen. Nicht, weil Sie augenblicklich Mutter spielen und damit mehr tun als Rousseau, der wie alle Priester sich auf bloßes Predigen seiner Lehre beschränkt hat, sondern weil ich selbst häufig genug das Bündnis mit mir brechen möchte. Sie wissen: seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ist unseren Philosophen ein Stein von der Seele gefallen, denn sie sehen ihre Ideen verwirklicht, ohne selbst dabei sein zu müssen. Man brüstet sich vor Stolz, daß der Abbé Mably von der jungen Regierung beauftragt wurde, seine Prinzipien der Gesetzgebung zu einem Verfassungsentwurf auszuarbeiten und man schwärmt begeistert für die kommunistische Demokratie in -- Amerika. Ich, der Erste, der Frankreich für Amerika engagierte, müßte mitschwärmen, aber seitdem Herr Franklin die Freiheit und die Gleichheit repräsentiert, bin ich geneigt, die Despotie zu vertreten. Das Feuer der Begeisterung scheint auch bei den französischen Kämpfern jenseits des Meeres, nach denen Sie, verehrteste Frau Marquise, sich mit solchem Interesse erkundigen, um so niedriger zu brennen, je mehr sie einsehen, daß die Göttin der Freiheit für die biederen Farmer und kleinen Krämer doch nur ein Marktweib ist, das ihre Waren möglichst teuer an den Mann bringen soll. Die Nachrichten über die kriegerischen Erfolge lauten momentan nicht erhebend. Ich wollte durch eine Politik, die eines Alexander würdig war, die Welt reformieren, aber ich sehe ein, unsere Reformen schädigen uns heute noch mehr als unsere Laster. Darum vertausche ich zu meiner Erholung das Schwert, das sich in dem Riesenviehstall Frankreichs als Ersatz für eine Mistgabel als unzureichend erweist, wieder einmal mit der Feder, die wenigstens spitz genug ist, um einzelne Stücke allgemeinen Unrats aufzuspießen. Die guten Straßburger hätten es freilich lieber gesehen, wenn der andalusische Barbier aus Sevilla sich über spanische Sitten lustig machen würde, als französische Zustände zu kritisieren; ich habe ihnen zu ihrer Beruhigung versichert, daß ich mein Stück gewiß spanisch geschrieben haben würde, wenn Voltaire seine Lettres anglaises englisch und Montesquieu seine Lettres persanes persisch geschrieben hätten. Daß Sie mir übrigens zum Beifall des Kaisers gratulierten, beweist, wie lange -- eine Ewigkeit von anderthalb Jahren! -- und wie weit Sie von Paris entfernt sind. Nichts kompromittiert heute mehr als der Applaus der Fürsten, und ich würde gestern an meinem Talent irre geworden sein, wenn ich nicht zwischen dem Herrscher Österreichs in der grünen Uniform und Herrn Benjamin Franklin in dem erdbraunen Quäkerrock eine Ähnlichkeit entdeckt hätte: Beide freuen sich über meine Komödie nur darum so sehr, weil sich ihre eigene Tugendhaftigkeit so strahlend von dem dunklen Hintergrunde abhebt. Darum wird mir auch die Ehre einer Audienz zuteil. Joseph II. ist ein »aufgeklärter« Monarch, der Dichter und Denker zu schätzen weiß. Ich verstehe: wie bisher in der Garküche der Welt alle Gerichte nur deshalb hergestellt wurden, um den Gaumen hoher Herrn zu kitzeln, so sind heute Gedanken und Gedichte für sie nichts weiter als Reizmittel für ihren erschlafften geistigen Magen. Erzählen Sie dem Herrn Marquis von der Ehre dieses Empfangs, dann wird er nicht daran zweifeln, daß ich nur ein öffentlicher Spaßmacher bin, und die Stirn nicht mehr in Falten ziehen, wenn die Lippen eines Aventurier die schöne Hand seiner Gattin berühren. Bedürfen Sie jedoch eines Funkens, um das Pulverfaß eheherrlichen Zorns zum Explodieren zu bringen -- wie ich fast vermute! -- so sehen Sie mich mit Freuden auch zu dieser Rolle bereit. Sie dürften ja von vornherein der Gefahr sich bewußt sein, daß in Ihrer Nähe jeder Funken zur Flamme wird. Herr von Beaumarchais an Delphine. -Straßburg, den 30. Oktober 1777.- Teuerste Marquise -- Welch eine Nacht liegt hinter mir! Angesichts der Nachrichten aus Paris sah ich alle Träume meiner Jugend vor mir auferstehen: Helden in Silberrüstung schlugen mit feurigem Schwert die bösen Geister meines skeptischen Alters in die Flucht! Saratoga gefallen -- die Engländer vernichtet -- Amerika befreit! Das ist der Anfang einer neuen Epoche der Weltgeschichte! Wäre ich in Paris, ich würde sogar Benjamin Franklin in meine Arme schließen! Wir müssen die Stunden, die wir durchlebten, festhalten, damit sie unser Leben noch erleuchten, wenn jede Erinnerung sich uns verdunkelte! Wissen Sie noch, wie ich Ihnen nach der Tafel in der üppigen Bibliothek des Prinzen Rohan, wo es mehr schwellende Sophas und tiefe Polsterstühle als Bücher gibt, die Provinzkomödie schilderte, die Straßburg aus der Tiefe meines Tintenfasses grinsend hatte auftauchen lassen. Ich zeichnete Ihnen gerade die Porträts ihrer Helden: des Kardinals Rohan als des Hauptes aller Gläubigen, wie er in der roten seidenen Soutane, von Spitzen überrieselt, die an Wert seine Diözese aufwiegen, an der weißen Hand einen Brillanten, den die ganze Krone Frankreichs nicht ersetzen könnte, morgens an dem mit Rubinen und Smaragden besetzten Missale die Messe zelebriert und sein »Apage Satanas« gegen alle Aufklärer schleudert; des Prinzen Rohan sodann als den maître de plaisir der besten Gesellschaft, wie er im goldgestickten Surtout mit gemalter Weste, an der jeder Knopf eine kostbare Perle ist, abends vor der beladenen Tafel kleinen Tänzerinnen mitleidig Durst und Hunger stillt und sein Evoë allen Puritanern entgegenjubelt. Ich höre noch Ihr helles Lachen, -- das ich schon ganz verstummt glaubte --, als ich Ihnen auseinandersetzte, daß die beiden Helden notwendig von einem Schauspieler gespielt werden müßten! Und ich sehe noch das Zucken um Ihre Mundwinkel, -- war es unterdrückte Freude oder niedergezwungene Empörung?! --, als ich Ihnen verriet, daß meine Bekanntschaft mit diesem Kardinal und Prinzen mir das Rätsel, warum die Theologen sich neuerdings so sehr bemühen, die Göttlichkeit Christi weg zu disputieren, gelöst hat: welch ein Triumph wäre es für die Kirchenfürsten, die Autorität dessen, der die Armut predigte, so erschüttert zu sehen! Im Augenblick dieser blasphemischen Äußerung hörten wir Türen schlagen, Stühle rücken, lautes Stimmengewirr, -- wir traten neugierig in den großen Saal --, es war ein unvergeßlicher Anblick für den Physiognomiker: alle Gemütsbewegungen malten sich auf den Gesichtern, Zorn und Freude, Enttäuschung und Befriedigung, Haß und Liebe. »Saratoga ist gefallen!« Die jungen Offiziere ließen die Sporen klirren, das Gefolge des Kaisers von Österreich verbarg hinter blassen festgeschlossenen Lippen seine Wut und affichierte durch sein Schweigen seine monarchische Gesinnung, während französische Aristokraten, ihren Jubel schwer unterdrückend, mich umringten, um mir verständnisvoll die Hand zu schütteln. Den Grafen von Falkenstein, -- wie der Kaiser von Österreich sich zu nennen beliebt, um seines Menschseins ein wenig froh zu werden --, sahen wir in ernstem Gespräch mit dem Kardinal Rohan und dem Marquis Montjoie. »Sie konspirieren gegen die Freiheit«, sagte ich. Da fühlte ich Ihre Hand auf meinem Arm, sah in ein glühendes Antlitz, in tränenfeuchte Augen und hörte eine süße Stimme flüstern: »Ich bin noch Ihre Aliierte!« War diese Nacht Fortuna selbst, die ihres Füllhorns ganzen Reichtum über mich auszuschütten im Begriffe stand?! Ich zog Ihre Hand an meinen Mund, der sekundenlang auf der weißen duftenden Haut zu ruhen wagte --, ich sah auf, -- noch zitternd wie vom plötzlichen Fieber, da traf mich Ihr Blick -- O, Frau Marquise, ich hatte wahrhaftig vergessen, daß ich Figaro bin -- nichts als Figaro! Wenigstens will ich mich jetzt dieser Rolle würdig erweisen. Die Ereignisse fordern meine schleunige Anwesenheit in Paris. Dieser Brief, zwischen Nacht und Morgen geschrieben, ist mein schriftlicher Abschied. Leider muß ich erwarten, daß diese Eile Ihren Beifall findet: Figaro sollte ja Erkundigungen einziehen nach dem »Jugendfreunde«, dem Prinzen Montbéliard. Er wird es tun, und sollte er zu diesem Zwecke den Ozean durchkreuzen müssen! Nur daß er lächelte, als Sie mit dem ernstesten Gesichtchen von dem »Freunde« sprachen, dürfen Sie seiner Menschenkenntnis nicht verargen. Glauben Sie wirklich an eine Freundschaft zwischen Mann und Weib?! Sie ist entweder ein Deckmantel für die Asche ausgebrannter Flammen, oder für die Glut entstehender! Trotz alledem: Figaro hält Wort! Marquis Montjoie an Delphine. -Paris, den 5. November 1777.- Meine Liebe! Sie werden inzwischen eingesehen haben, wie sehr ich recht hatte, als ich die Nachricht von unseres Sohnes Erkrankung nicht so tragisch nahm wie Sie und Ihre Abreise von Straßburg zu verhindern suchte. Der Anfall wäre auch ohne Ihre Anwesenheit vorübergegangen. Herr Dr. Tronchin wird Sie gewiß inzwischen über den Zustand des Kindes beruhigt haben. Erwarten Sie übrigens nicht, daß ich über die eigentliche Ursache Ihrer Abreise und Ihrer Weigerung mich zu begleiten, im Zweifel wäre. An Ihre überschwengliche Mutterliebe werden Sie mich kaum glauben lassen, nachdem Sie sich bis vor anderthalb Jahren um das Kind gar nicht gekümmert haben, und ich seitdem oft genug beobachten mußte, wie Ihr allzu sprechender Blick eher mit einem Ausdruck des Erschreckens als der Zärtlichkeit auf dem Kleinen ruhte. Sie suchen vielmehr jeden Vorwand, um sich von mir fern zu halten. Ihre Auseinandersetzungen über die Gegensätze der Ansichten zwischen uns, die jede Annäherung verhinderten, ist auch nur ein solcher. Die Ehe ist kein Ministerium, sonst müßten ihre Teile ebenso häufig wechseln, wie ein solches; sie ist aber auch kein Liebesverhältnis, sonst würde sie vollends von kürzester Dauer sein. Sie ist vielmehr ein Bündnis zum Zweck der Förderung gemeinsamer Familieninteressen. Von diesem Standpunkt ausgehend, habe ich ein Recht, Ihre Teilnahme an meinen Bestrebungen, die das Ansehen, den Reichtum, die Macht meiner Familie zum Ziele haben, zu fördern. Daß dazu in erster Linie die Sicherung unserer Erbfolge gehört, ist selbstverständlich. Unser Sohn ist, -- ich bin, wie Sie sehen, ebensowenig blind wie Sie --, kein erfreulicher Sproß unseres Hauses. Es ist nicht unmöglich, daß er nicht alt wird. Ich, als der letzte meines Stammes, habe die Verpflichtung, für die Erhaltung meines Geschlechts zu sorgen. Nur deshalb wählte ich ein junges, blühendes Mädchen zu meiner Frau, ohne mich darum zu kümmern, daß sie nichts weniger als eine gute Partie gewesen ist. Ich denke, Sie verstehen mich jetzt, meine Liebe, und werden, sobald ich zurückkehre, Ihr Benehmen darnach einrichten. Mein Aufenthalt hier ist leider nicht so befriedigend, als ich gehofft hatte. Zwar haben unsere Ratschläge den Kaiser von Österreich nicht unbeeinflußt gelassen; seine große Einfachheit wirkt auf den Hof sichtlich beschämend; auch das Volk begeisterte sich vorübergehend für seinen schlichten Soldatenrock. Eine Fischhändlerin, -- vermutlich die Geliebte irgend eines Philosophen --, hatte sogar die Keckheit, ihm einen Blumenstrauß mit den Worten zu überreichen: »Wie glücklich muß das Volk sein, das Ihre Tressen zu bezahlen hat.« Aber im allgemeinen finde ich meine Ansicht bestätigt, daß ein Monarch, wenn er die Loyalität erhalten will, sich der Menge ebenso fern halten soll, wie Gott den Gläubigen, den sie auch aufhören würden anzubeten, wenn er ihresgleichen wäre. Der Kaiser von Österreich ging ohne Gefolge spazieren, besuchte die Philosophen, ließ sich von Herr von Vaucanson seine neue Spinnmaschine, von Buffon die geologischen Perioden erklären, sah in den verschiedensten physikalischen Kabinetten den elektrischen Experimenten zu, und schien diesen Dingen eine größere Bedeutung beizulegen als den Fragen der Politik. Nach drei Tagen war er für Paris kein Kaiser mehr. Ob er gegenüber seinen erlauchten Verwandten seinen Einfluß im Sinne des Friedens geltend gemacht hat, läßt sich heute noch nicht feststellen. Der allgemeinen Stimmung sich zu widersetzen, dazu bedürfte der König eines energischen Ratgebers. Alle Anstrengungen, die von mir und meinen Freunden ausgehen, werden in ihren Folgen von vornherein in Frage gestellt, wenn wir nicht einmal unser eigenes Haus von Leuten wie Herrn von Beaumarchais frei halten können. Johann von Altenau an Delphine. -Paris, 5. November 1777.- Meine teuerste Marquise! Schon fürchtete ich aus Ihrem Schweigen schließen zu müssen, daß ich Sie in irgendeiner Weise verletzt haben könnte. Und nun begegnet mir das große, unaussprechliche Glück, dessen Fehlen wohl die Einsamkeit der Einsamen so fürchterlich macht: einem Menschen notwendig zu sein! Sobald ich hier die nötigsten Geschäfte erledigt habe, werde ich auf dem raschesten Wege in Froberg eintreffen. Meine Freude würde mein Mitleid überflügeln, wären Sie nicht sein Gegenstand. Arme Delphine! kaum glaubten Sie sich dem Bann, der auf Ihnen lag, durch den Straßburger Aufenthalt ein wenig entrissen zu haben, als er Sie durch die schreckenerregenden Krämpfe des Kindes wieder in seine Gewalt bekam; und nicht genug, daß die Angst Sie peinigt, Sie überlassen sich auch in grausamer Selbstquälerei den Vorwürfen eines allzu zarten Gewissens. Ist es Ihre Schuld, daß Sie, wie Herr Dr. Tronchin Ihnen sagte, zu früh Mutter wurden? Ist es nicht Schuld der Gesellschaft, die es zur Sitte werden ließ, daß die Töchter vornehmer Familien so früh als möglich -- verkauft werden? Ist es Ihre Schuld, daß Sie nicht warten durften, bis Ihr Herz und Ihre Sinne den Vater Ihres Kindes wählten? Oder ist es nicht abermals die unsühnbare Schuld einer bis ins innerste Mark hinein verdorbenen Gesellschaft, daß sie die Ehe zu einem Geschäft erniedrigte und damit die Liebe zu einem Laster werden ließ? Ist es wirklich Ihre Schuld, daß der zarte Knabe einer derben Bäuerin zur Pflege anvertraut wurde? Kein Gärtner ist in seinem Fach so ungebildet, daß er eine blasse Treibhausrose in einen Küchengarten der Vogesen verpflanzen würde, aber die Gesellschaft rühmt sich, ihre Glieder dann am besten erzogen zu haben, wenn sie sich am weitesten von den Gesetzen der Natur entfernen. Ich möchte Ihre Seele heilen, Frau Marquise, damit Sie die Dolchklingen des Gewissens nicht mehr selbstmörderisch gegen sich selber zückt, sondern gegen die großen Verbrecher wider die Natur: Staat und Gesellschaft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, wo sich alle seine unschuldigen Opfer wider ihn erheben. Wie Sturmzeichen wirkte schon der Fall von Saratoga auf die Pariser: arme Handwerker und kleine Staatsbeamte, die bis vor kurzem zu denken sich nicht erlaubten, sah ich mit erhitzten Köpfen und aufgeregten Gebärden im Garten des Palais-Royal zusammenströmen, als die Botschaft vom Siege der Freiheitskämpfer sich verbreitete; einer von ihnen, ein stubenblasser Schneider, sprang auf einen Stuhl und rief mit einer Stimme, die seine schmale Brust zu sprengen schien: »Nun, Europa, folge nach!« Eine Stunde später war sein Aufruf zum Refrain eines Liedes geworden, das heute schon die Kinder in den Höfen singen. Sie schrieben von dem einsamen Winter in Froberg, als ob Sie sich darum bei mir entschuldigen müßten. Unsere hoffnungsvollen Träume sollen ihn bevölkern! Herr von Beaumarchais an Delphine. -Paris, den 16. April 1778.- Verehrte Frau Marquise. Seit meinem Abschied von Straßburg ist fast ein halbes Jahr verflossen. Mit den Farben der schönsten Frau geschmückt, vertraute ich mich, ein zweiter Bayard, den Meereswogen an und lenkte mein Schiff durch wilde Stürme und drohende Klippen dem fernen Ziele zu, das sie mir bestimmt hatte. An unwirtlicher Küste warf mich ein rasender Orkan ans Land. Mein Schwert hieb mir Bahn durch dunkle Urwälder, streckte gräßliche Ungeheuer vor mir nieder, verteidigte mein Leben gegen Horden feindlicher Rothäute und führte mich schließlich, sieggekrönt, in die Stadt der weißen Marmorpaläste und goldenen Bildsäulen. Vor dem Tempel der Freiheit, der wie die Sonne leuchtet, von Rosenbäumen, die hoch und stark sind wie unsere Eichen, dicht umgeben, fand ich die Helden Frankreichs auf purpurnem Pfühle von ihren Taten ruhen; die holdesten Töchter des Landes wuschen den Staub von ihren Füßen und boten ihnen lächelnd die Blüte ihrer Jugend dar. Sie schütteln den Kopf, Frau Marquise, Sie glauben mir nicht? Sie behaupten, Beaumarchais habe Frankreich nicht verlassen? Wissen Sie vielleicht ebenso genau, wo Figaro inzwischen gewesen ist?! Mit Eiden, so heilig, wie das Keuschheitsgelübde der Priester und der Treueschwur der Gatten, bezeuge ich Ihnen, daß er vor dem Tempel der Freiheit seine Andacht verrichtete und den Prinzen Montbéliard, den tapferen Kämpen, begrüßte. Sie glauben mir noch nicht, Frau Marquise?! Wehe, wenn sogar bei Ihnen die verderbte Zeit den Glauben an die unverbrüchliche Heiligkeit des Eides zerstörte!! Kurz und gut: der Prinz ist gesund, hat sich geschlagen wie ein Franzose, wird angebetet wie Apoll, und ist keusch wie Joseph. Nicht wahr, nun blättern Sie geärgert die nächsten Seiten meines Briefes um: »Habe ich ihm erlaubt, mir mehr zu schreiben?!« sagen Sie. Und doch müssen Sie mir zuhören, denn durch mich kommt in diesem Augenblick nicht nur Paris, sondern die Welt zu Ihnen, nachdem Jean-Jacques Sie dem Einen entzog, der Anderen entfremdete. Voltaire ist in Paris! Das Pariser Parlament verbrannte seine Bücher, die französische Regierung trieb ihn aus seinem Vaterlande, aber seine Ideen stiegen, die Welt erleuchtend, aus dem Scheiterhaufen bloßen Papiers, und jedes Jahr seiner Verbannung bahnte ihm mit Feuer und Schwert den Weg nach Frankreich. Das Erscheinen eines Propheten und Apostels hätte in Paris keine größere Begeisterung entfachen können, als das seine. Alle anderen Interessen traten zurück: die Kriegsgerüchte, die Hofintriguen, selbst der große Kampf zwischen den Piccinisten und den Gluckisten. Das Parlament . , - - 1 , 2 - - , 3 , 4 , - - , , 5 , 6 , 7 . , , 8 , , 9 ! , . , 10 , 11 ' 12 . , - - 13 14 - - , 15 , , 16 , . 17 , 18 , . 19 . . , 20 ; - . 21 , ! 22 23 ' , 24 , - - 25 ! - - . 26 , , , ! 27 , 28 , 29 . , 30 , . 31 , , 32 . 33 34 ; 35 - - 36 . , 37 , 38 - - , 39 . 40 41 , , , 42 , 43 , , 44 » « . 45 46 , , 47 . 48 , 49 , . , 50 , . 51 . 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