spielerische Stellungnahme der Königin zu stärken und damit der Herrschaft dieses unseligen Ministeriums ein rasches Ende zu bereiten. Wir hatten vor drei Tagen so etwas wie eine Revolution, die die selbst in unseren Reihen so sehr gefürchteten Theorien der Philosophen und Physiokraten über den Haufen stieß, denn sie entstand nicht als Folge der von diesen als so gräßlich geschilderten Mißstände, sondern entsprang dem Reformversuch Herrn Turgots, durch Freigabe des Mehl- und Getreidehandels jene Mißstände zu beseitigen. Ich kam gerade aus Versailles, wo ich den König zwar nicht traf -- sein ganzes Interesse gehörte in diesem kritischen politischen Augenblick der Schnepfenjagd! -- und stieß in der Rue St. Honoré mit einem Haufen aufgeregten Volks zusammen, der mich nötigte, meinen Wagen zu verlassen. Junge Vagabunden, kreischende Weiber, alte Trunkenbolde, Dirnen und verwahrloste Kinder sperrten unter Führung einiger behäbiger Mehlhändler die Straße vollständig ab und brachen mit dem Gebrüll »nieder Turgot!« Türen und Fenster ein. Während des ganzen Tages hörte der Lärm nicht auf, so daß ich vorzog, mein endlich erreichtes Quartier nicht mehr zu verlassen. Inzwischen hat der König von den Ereignissen erfahren; seine Haltung, als er Turgot gestern empfing, soll schon eine merklich kühle gewesen sein. Zur rechten Zeit ist eine Broschüre Herrn Neckers erschienen, die sich gegen die Theorien der Ökonomisten wendet und die Folgen Turgotscher Reformpläne so voraussieht, wie sie bereits anfangen, einzutreten. So wenig ich nun auch diesen Mann goutiere, der nicht nur ein Bürgerlicher im tiefsten Sinne des Worts, sondern überdies noch ein Schweizer mit all seiner Steifheit ist, so halte ich ihn in diesem Augenblick so sehr für unsern Freund, daß ich mich entschloß, Madame Necker meinen Besuch zu machen. Ich habe es nicht bereut, selbst wenn ich dabei nichts anderes gewonnen hätte, als den Einblick in eine neue Welt. Wir mögen sie ignorieren, aber sie besteht, sie entwickelt sich, sie nimmt die Allüren der unseren an, und wir selbst haben sie ins Leben gerufen, indem wir all diesen Leuten, die noch vor zwanzig Jahren kleine Krämer waren und sich nicht tief genug vor uns beugen konnten, die Ausnutzung der finanziellen Kräfte des Landes überließen. Heute sind sie Bankiers und Generalpächter, haben Schlösser auf dem Land, Hotels in der Stadt, spielen die Mäzene aller unruhigen Geister und uns, den Privilegierten bis zum König hinauf, sind zu dem im Grunde gebotenen Kampf gegen diese neuen Mächte die Hände gebunden, weil wir ihren Einfluß und -- noch mehr -- ihr Geld gebrauchen. Sie hätten mit mir beobachten sollen, wie Madame Necker, die ihre mangelhafte Grazie durch kühle Klugheit zu ersetzen sucht, in ihrem eleganten Salon empfängt, wie sich Politiker, Philosophen und Poeten um ihre Tafel drängen. Wohl dachte ich dabei an die Glanzzeit Madame de Tencins und ihrer eleganten Besucher, deren Esprit alle Tagesinteressen graziös zu umflattern pflegte wie Schmetterlinge die Blumen, während der schwerfällige Geist der Gäste des Neckerschen Hauses an jeder Einzelheit kleben bleibt wie Raupen, die sich einspinnen wollen. Hat man es selbst im Salon der Marquise Dudeffant je gehört, daß Frauen sich über die Fragen der Getreideausfuhr, der Preßfreiheit, der ostindischen Bank, der amerikanischen Vermittelungen echauffieren?! Es nimmt mich nicht wunder, daß im Kreise der Madame Necker der Plan auftauchen konnte, Herrn von Voltaire ein Denkmal zu setzen, obwohl er vom Poeten so weit entfernt ist, wie der berüchtigte Abbé Galiani vom Priester. Trotz alledem, meine schöne Marquise, müssen wir klug genug sein, diese Situation zu benutzen, und ich würde auch Ihnen raten, bei Ihrem hoffentlich nunmehr gesicherten Hiersein den Salon Necker zu frequentieren, denn er ist der Herd der Feindschaft gegen das Ministerium Maurepas und mindestens so einflußreich als die Königin, auf die wir uns natürlich in erster Linie stützen müssen. Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen. Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, -- er gehört zu den wenigen Hofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, -- zeigte mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen kann. Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist als dieser, -- ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu verwischen! --, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben, so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung. Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, daß die Affäre des kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, -- hätte er nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen gefunden?! -- den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen. Marquis Montjoie an Delphine. -Paris, am 1. Juni 1775-. Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen, als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise treffen zu wollen. Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune, teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz oder lang beseitigen läßt, aber -- dessen fürchte ich sicher zu sein -- nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden. Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert, Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas' Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben. Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz, Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen. Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen, sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch. Da, wo er sich aufhält, -- in der nächsten Umgebung der Königin, -- ist allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns, wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer Stellungnahme, -- denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, -- kam mir das Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern, mit dem sie sich umgeben hat. Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben. Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois, sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in bitterster Weise verspotten. Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von der Gestaltung der Dinge abhängt. Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit. Lucien Gaillard an Delphine. Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgeführt. Ich faßte den Prinzen Montbéliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Gräfin Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei meinem Anblick. Als ich Ihren Brief übergab, färbte sich sein blasses Gesicht dunkelrot. Er entließ mich sehr ungnädig. Oder sollte mir Paris den Star gestochen haben, so daß ich die gewohnte schlechte Behandlung hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?! Euer Gnaden sind gütig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen. Ich müßte Mémoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darüber gehörige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in den fünfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Kürze will ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie für mich haben wollen. Es gehört, wie ich nachgerade weiß, zur vornehmen Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen. Aber ich möchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte. Ich reiste zu Fuß; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine überflüssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrückend war. Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Ländereien vor mir ausbreiteten, die eben von plünderndem Kriegsvolk verlassen schienen: Einöden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes Wesen auf mit strähnigen Haaren über schmutzstarrenden Zügen, das mich aus roten Augen erschrocken anglotzte. Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an eine rußige Hütte. Mit einem Geheul, das an die Wölfe der Vogesen erinnerte, stürzte mir ein Mensch entgegen. »Ich habe nichts, gar nichts,« schrie er, »selbst das Schloß an der Tür hat der Steuereinnehmer schon genommen.« Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine Hexe sein: ein paar schmutzigweiße Haare standen um ihren gelben Schädel, über die bloßen Knochen ihres nackten Oberkörpers spannte sich die braune Haut, ihre Brüste hingen, leere Schläuche, über den gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hörte ich ein Wimmern aus dem Dunkel der Hütte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden aufgerissen, ein Bündel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den Knochenarmen, sie preßte es an die welke Brust, und Tränen, die aus ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht, nicht größer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie küßte es. Nun wußte ich, daß sie ein Weib war. Allmählich im Weiterwandern hörte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah immer dasselbe: Häuser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als schmutziges Stroh. Die Möbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer nähren müssen, ebenso wie die letzten Obstbäume vor den Türen. Alles andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die Winzer in Laferté ließen den Wein ins Wasser fließen, weil sie zu arm waren, die Abgaben dafür aufzubringen. Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern entgegen, die ihre Äcker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu wandern. Andere drängten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhändler, der kürzlich gekommen war, um die Weiber für billiges Geld an seine Webstühle zu spannen. Viele priesen ihn, als wäre er der Herrgott selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras gefressen hatten. Daß sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen eine Erlösung, für die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl schanzten. Ich näherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An üppigen Schlössern und wundervoll blühenden Gärten kam ich vorbei. Aber ob sich mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber hätte ich die Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als um zu betteln! Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von früh bis spät von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich Männer der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch größer ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich über seine Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa auf sich gerichtet. Ich dränge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde ich mir ein, bei den Philosophen oder den Ökonomisten die richtigen Rezepte für die Volksseuche, die ich aus nächster Nähe kennen lernte, gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, daß selbst die berühmtesten Ärzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die Ökonomisten: »die ökonomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die Tyrannei der Grundbesitzer,« und der Abbé Baudeau antwortete ihm: »Ihr Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers.« Ich fürchte, sie haben alle beide recht. Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und spreche zu wenig, darum strömt mein Inneres in die Feder. An Froberg denke ich zurück, wie an einen anderen Stern. Dort war alles satt und sauber. Euer Gnaden Brief riß die dunklen Vorhänge meiner Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, sodaß ich plötzlich wieder in das ferne Licht hinübersehen mußte. Trotzdem möchte ich nicht zurück; kämpfen ist besser als leben. Nur daß sich die Herrin dieses Sterns mir wieder vor Augen rückte, war grausam. Ich könnte über ihr die Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, daß Euer Gnaden sich in Paris meiner erinnern werden? Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine. -Paris, am 2. Juli 1775.- Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich überrascht, da ich mich der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rühmen darf. Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte, ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief beglückt, daß es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger Zeit weiß ich, daß es eine Täuschung war. Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wußten, begeistert von Ihrer seduisanten Persönlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht, viel von Ihnen zu erzählen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig verstummte. Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen: Der Marschall von Contades hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien, ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblümten Aufforderung zu einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige Verse des Herrn von Pirch »an die Geliebte«, worin er den Duft Ihrer Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wärme Ihres blühenden Busens in so stürmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genuß all dieser Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag. Sie sind weiterhin so gnädig, an meinen Interessen und Plänen insoweit Anteil zu nehmen, als sie Ihnen »gefährlich« und »abenteuerlich« erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, daß es nicht »Herzensenttäuschungen« sind, die den Wunsch in mir entstehen ließen, Frankreich den Rücken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein, ihre Überzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefühle zu drehen, die der Männer ist es nicht. Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene tatenlose Existenz wären schon Grund genug, eine andere Lebenssphäre sehnsüchtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist für mich der Einblick in die Tatsache geworden, daß alle Systeme und Ideen unserer Denker und Dichter, für die ich mich einst begeisterte, -- ich würde an dieser Stelle gern »wir« gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht wüßte, daß Sie jene Stunden in Etupes längst vergessen haben, -- nichts als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also völlig unkontrollierbar sind. In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, statt nur über sie zu reden. Dort würde ich also erfahren können, ob sie ein Gut ist, für das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen. Ich gedenke demnächst zur Vermählung meiner Schwester mit dem Großfürsten Paul von Rußland nach Petersburg abzureisen, um darnach Europa zu verlassen. Vielleicht vermögen Sie diesen kurzen Zeilen wenigstens das Eine zu entnehmen, daß ich nicht gewillt bin, in Hofintriguen und Liebesgetändel mich zu verlieren, auch keine Anlage habe, den tragischen Helden zu spielen. Damit, Frau Marquise, dürften wir wohl das letzte Wort miteinander gewechselt haben. Ich hoffe, Paris wird Ihre Ansprüche und Erwartungen ganz befriedigen. SCHÄFERSPIELE Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Paris, am 1. August 1775.- Hiermit sende Ich Ihnen, schönste Marquise, Ihre Rolle als Daphnis. Die Königin ist entzückt in dem Gedanken an Ihre Mitwirkung, und ich -- oh, es gibt keinen Ausdruck für meine Empfindung! Delphine lacht über Guys Liebesschwüre -- Daphnis wird sogar Philidors Zärtlichkeit dulden müssen! Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, am 15. August 1775.- Holdseligste! Noch fühle ich Ihren Atem auf meiner Wange, Ihren schwellenden Körper in meinen Armen, und Ihre Lippen, kühl und weich wie Rosenblätter auf meinem glühenden Mund. War es nur Daphnis, war es Delphine?! Ach, als ich noch trunken vor Seligkeit im Schatten der Kulissen Ihnen zu Füßen sank, bereit, für ein zärtliches Wort mein Blut tropfenweise zu verspritzen, rissen Sie mich mit Ihrer Frage: »War Friedrich-Eugen unter den Zuschauern?« aus allen Himmeln. Als ich durch stummes Nicken bejahte, tief verletzt durch Ihr dauerndes Interesse an einem unliebenswürdigen Sonderling, und meine Leidenschaft die quälende Frage laut werden ließ: »Lieben Sie den Prinzen?« Da erfüllte mich Ihre rasche Antwort: »Ich hasse ihn!« mit neuer seliger Hoffnung. Und als Sie, an mich geschmiegt, strahlend von Schönheit, leuchtend von Übermut, vor dem entzückten Hof erschienen, und ein leiser Druck Ihres Arms mir die Erlaubnis gab, neben Ihnen bleiben zu dürfen, fühlte ich mich dem schwindelnden Glück Ihres Besitzes nahe. Ihr kühler Abschied im Morgengrauen stürzte mich wieder in ein Meer von Zweifeln. Retten Sie einen Schiffbrüchigen, und wenn Ihnen das nicht der Mühe wert erscheint, die Hand auszustrecken, so retten Sie Ihre eigene blühende Jugend! Erinnern Sie Sich, süße Delphine, daß Ihre Schönheit zwar göttlich, Sie aber trotzdem nicht unsterblich sind! Soll der Frühling ihrer Jugend welken, noch ehe die Sonne der Liebe den Sommer entfaltete? Sie leiden; ich weiß es; denn ich kenne alle Qualen wie alle Wonnen des Herzens. Die Sehnsucht glänzt aus Ihren Augen, glüht aus Ihren Fingerspitzen. Wenn ich die Rosen, die ich Ihnen sende, heute abend an Ihrem Busen wiedersehe, soll mir das ein Zeichen süßester Hoffnung sein. Mag dann immerhin Guiberts Trauerspiel, dem der ganze Hof mit Spannung entgegensieht, so langweilig sein, wie seine Kriegskunst, ich werde es unterhaltend finden; Sie werden also, reizende Daphnis, nicht nur für Ihres Schäfers Glück, sondern auch für des Dichters Ruhm verantwortlich sein. Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, den 20. August 1775.- Seit jenem Abend, wo ich die dunkelroten Rosen meiner Leidenschaft an der weißen Seide Ihres Kleides glühen sah und, hingerissen, mitten im Spiegelsaal von Versailles das Knie vor Ihnen beugte, bin ich im Zweifel, ob das Leben vorher mein Leben war, ob all die Liebe, die ich früher genoß, Liebe gewesen ist. Wie im Traum höre ich noch Grétrys schmelzende Weisen, an deren Tönen das Licht in Ihren Augensternen sich entzündete, sehe in Ihren Händen das Glas mit dem perlenden Wein, dessen Feuer sich langsam in Ihre Adern ergoß, und fühle den heißen Atem all der schönen Frauen, all der glänzenden Kavaliere, der allmählich die duftenden Kerzen flackern, die schwüle Luft vibrieren ließ, und Sie hineinzog in sein Fieber. War es nur die Pracht dieses königlichen Festes, die Sie berauschte, war es der Duft meiner Rosen? Ich will keine Antwort auf diese Frage, ich will sie nicht! Nur dem göttlichen Augenblick will ich leben, süße Frau, gleichgültig, welch einem Wunder ich ihn verdanke. Was in Paris an Blumen aufzutreiben war, sende ich Ihnen heute. In Lilienblätter will ich das Köpfchen der Geliebten betten, wenn ich komme, roten Mohn will ich über ihre weissen Glieder streuen, und Amor selbst erfülle mich mit seiner Kraft, daß ich die schönste der Frauen zum Leben der Liebe erwecke. Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Versailles, am 10. September 1775.- Holde! Süße! Daß ich Sie gestern nicht sehen durfte! Und doch empfingen Sie den Grafen Guibert! Die wütendste Eifersucht würde mich plagen, wenn ich nicht wüßte, daß der berühmte Poet und Kriegsmann ebenso berühmt als der Liebhaber der Lespinasse ist. Aber ich gönne es ihm nicht, auch nur den Geist meiner Geliebten anbeten zu dürfen. Selbst die Königin bemerkte meinen Unmut. »Wo ist Daphnis, armer Philidor?!« neckte sie. Wo ist Daphnis? wiederholt mein Herz jede Stunde, die ich fern von ihr bin. Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestät die Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es nötig, die zarte Tüllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hüften immer raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verführerisch genug für mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit anderer Männer rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu spießen? Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drüben aus den Zimmern der Polignac klingen schwärmerische Harfentöne, aus den Hecken trillert ein Vogel, der vom Frühling träumt --, ich höre nur ein Wort aus allen Tönen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens sehnsuchtsvoll-stürmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine Geliebte mit mir in den Zaubergärten Armidens sein! Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Condé, der Chantilly zum Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem beziehungsvollsten Figarolächeln allerlei Andeutungen über die Wunder, die sich begeben werden. »Für Liebhaber der Einsamkeit«, sagte er, »finden sich im meilenweiten Park stille Einsiedeleien, für philosophische Gespräche, die ungestört bleiben müssen, gibt es im riesigen Schloß hinter unsichtbaren Tapetentüren sichere Verstecke.« Alles, was jung ist und schön, hat der Prinz geladen: »damit weder die bösen Zungen alter Weiber, noch die lüsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu leben.« Darum, geliebteste aller Frauen, werden Sie nicht um unser Geheimnis zu zittern brauchen, werden nicht erbleichen, wenn meine Hand die Ihre sucht und fremde Blicke uns streifen, und nicht im Augenblick süßesten Taumels die schönsten Augen der Welt angstgeweitet auf mich richten. Sie werden endlich rückhaltlos mein sein. Schon sehe ich uns in den verschwiegenen Tempeln der Gärten zu Eros, dem reizenden Gott, die verschlungenen Hände erheben und im stillen Dunkel der Hütte leise verschwinden, um die graue Buchenstämme als eherne Wächter stehen, und deren kleine Fenster Epheuranken schamhaft verhüllen. Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, am 20. September 1775.- Verehrte Frau Marquise. Euer Gnaden gütige Erlaubnis, mich Ihnen bei Ihrer Anwesenheit in Paris wieder persönlich vorstellen zu dürfen, habe ich bisher nicht in Anspruch genommen. In den Ernst meines Lebens und meiner Gedanken sollte kein Strahl jener Welt fallen, der ich endgültig den Rücken kehrte. Ich, selbst ein Enterbter, will ganz meinen Brüdern gehören. Ich verzeihe es mir nicht einmal, wenn hier und da noch ein Gefühl der Sehnsucht in mir rege wird. Um nicht zu wecken, was leider nicht tot ist, sondern nur eingeschläfert von dem Liede der Not, komme ich auch heute mit meinem Anliegen nicht in Person. Es handelt sich nicht um mich. Selbst wenn ich am Verhungern wäre, würde ich eher rauben als betteln. Ein paar arme Kinder sind es, für die ich Euer Gnaden Güte in Anspruch nehmen möchte. Ich fand sie auf meinen Streifereien im Norden von Paris, der gewohnten Beschäftigung meiner Mußestunden. Wer immer über das Pflaster zwischen dicht gereihten Häusern trottet, vergißt allmählich, daß man auch auf weichem Rasen zwischen grünen Bäumen gehen kann. Und das ist gut. Die Kinder bettelten. Eins von ihnen, ein Mädchen, suchte im Kehricht nach etwas Eßbarem. Ich folgte ihnen, als sie abends heimgingen. Das eine Mal stieg ich bis unters Dach. In eine Kammer, die weder Schloß noch Riegel hatte, blickte ich durch die fingerbreiten Spalten der Holzwand. Ich sah eine Schar von Kindern, die sich, von Hunger gepeinigt, über die eklen Speisereste stürzten, die das Mädchen aus der Gosse gefischt hatte und ihnen zuwarf. Ein andermal folgte ich einem Kinde in ein feuchtes Kellerloch tief unter dem Boden der Straße. Ein triefäugiges Weib riß ihm die Lumpen von den mageren Gliedern, ein anderes betrachtete die armselige Gestalt mit gierigen Blicken, als wäre es ein Stück raren Fleisches. Um fünf Sous kaufte sie schließlich die Kleine. Seitdem ist es meine Leidenschaft, Kinder zu suchen. Ich habe mir schon eine lange Liste von denen angelegt, die ich fand. Es sind in sechs Gassen schon dreiundsiebzig, Mädchen und Knaben. Am liebsten hätte ich sie heimlich entführt. Aber in meiner Kammer hat nur mein eignes Bett Platz, weil ich ein Krüppel bin und nie gerade liege, und das Weib, das mich geboren hat, würde mit meinen Schützlingen auch nur ein Geschäft machen wollen. Abnehmer hat sie immer für Menschenware. Nun hörte ich, daß es bei den vornehmen Damen neuerdings Mode ist, arme Leute mit dem Abfall ihrer Küche und abgetragenen Kleidern dankbar zu machen. Einige gründen auch Hospitäler, weil sie für ihre glatte Haut die ansteckenden Krankheiten derer fürchten, die frei herumlaufen. Wäre es nun nicht möglich, nachdem durch Herrn Rousseau sogar die Liebe zu den Kindern Mode wurde, einen Zufluchtsort für sie zu schaffen? Sie fänden wenigstens Schutz vor den wilden Bestien, die sie verfolgen: dem Menschen und dem Hunger. Auch würde es weniger kosten, als ein neues Kleid, wenn die Damen des Hofs sich alle daran beteiligen würden. Ich fürchte, ich kann für andere nicht betteln. Nichts macht so inbrünstig hassen, als bitten zu müssen. Verzeihen mir Euer Gnaden gütigst all die Worte, die wie Steinwürfe sind, und wie Schneeflocken sein sollten. Wenn Sie all die Güte, die Sie an mich verschwendeten, den armen Kindern zuwenden wollten, so wären sie gerettet. Meine Liste steht Ihnen zur Verfügung. Prinz Rohan an Delphine. -Chantilly, am 25. September 1775.- Reizende Marquise. Sie weichen mir aus. Kaum glaube ich, Ihnen im Garten nahe zu sein, so glitzern die Goldschuhe an den kleinen Füßchen schon wieder fern zwischen den Hecken; sehe ich Sie im Salon, so umgibt Sie die Schar Ihrer Bewunderer wie eine Mauer; wage ich es, Ihnen abends zu folgen, so verscheucht mich gar bald die Kavalierpflicht der Diskretion. So wähle ich diesen Weg, der es mir zugleich erleichtert, vor Ihnen der zürnende Priester, statt der bewundernde Mann zu sein. Sie vergessen über Ihrem Schäferspiel unser Intriguenstück, schöne Marquise, vielleicht weil der liebenswürdige Graf Chevreuse Ihr Partner ist? Daß der Weg zum Kopf der Frau immer durch das Herz geht! Aber auch dort, wo ich den Einfluß des Liebhabers nicht zu entdecken vermag, hat Ihr Gemüt Ihren Verstand unterjocht. Hören Sie, was mir jemand erzählte: »Jüngst ging die Königin, nur von wenigen ihrer Damen begleitet, durch die neuen Gärten von Trianon. Im Schatten der Weiden, vor dem Fischerhaus, begann sie, Geschichten zu erzählen, wie die Umgebung sie ihr eingab. Jede der Frauen folgte unter Lachen und Scherzen ihrem Beispiel. Nur die Marquise Montjoie, sonst die heiterste von allen, blieb schweigsam. 'Sollte unsere reizende Freundin sich angesichts dieser Hütte keiner Idylle erinnern,' mahnte die Königin; die Marquise entgegnete: 'Einer Idylle?! Nein! Wohl aber eines Trauerspiels!' und mit einer Beredsamkeit, bei der jedes Wort sich am Wort entzündete, sprach sie von den Bauern der Champagne, ihren Hütten ohne Fenster und ohne Bett, ihren verödeten Feldern und leeren Scheuern, ihren Weibern, deren Jugend die Not zerfrißt, an deren ausgedörrten Brüsten die Kinder verhungern. Die Damen hörten staunend zu und die Königin weinte...« Was ich fast nicht glauben wollte, hörte ich heute mit eigenen Ohren. Als mitten im Pfänderspiel die Reihe an Sie kam, mit einer kleinen Erzählung Ihr Perlenhalsband einzulösen, sprachen Sie mit jener Wärme, die der nüchternen Wahrheit stets fern bleibt, von dem Elend der Kinder von Paris. Sie erwähnten Dinge, die Ihr kultivierter Geschmack nicht wissen, Ihr weicher Mund nicht aussprechen dürfte. Aber je hinreißender Sie im Feuer Ihres Mitgefühls waren, um so gefährlicher war der Einfluß, der von Ihnen ausging. Heißt das, teure Marquise, die Stellung Turgots erschüttern, der nicht müde wird, dem Volke goldene Berge zu versprechen, wenn er seine Reformen durchführen kann? Ich muß Ihnen den ganzen Ernst der Lage ins Gedächtnis zurückrufen, um Ihnen daran den Ernst unserer Aufgabe klar zu machen. Die Situation ist auf die Spitze getrieben, und nicht nur das Vaterland, sondern auch unsere heilige Kirche sind in höchster Gefahr, besonders seitdem der Herzog von Choiseul aus der Verbannung zurückberufen wurde, derselbe Choiseul, der -- ein Pompadourminister -- die frommen Väter des Ordens Jesu auswies und zu gleicher Zeit die Philosophen und Gottesleugner beschützte. Der Unglaube, die Verhöhnung menschlicher und göttlicher Autorität breiten sich aus wie eine Seuche; ein verworfener Mensch wie Voltaire wurde zum Orakel Frankreichs, die Enzyklopädie erscheint ungehindert und trägt die Ideen der sogenannten Aufklärer, die bisher nur in kleinem Kreise Unheil stifteten, in die Welt. Unsere Journale und Pamphlete, ja selbst unsere Konversationen bis in die Kreise des Hofs hinein sind erfüllt mit ihren Redensarten von der rechtlichen Gleichheit und der politischen Freiheit, und der Name der Vernunft wird häufiger angerufen als der Name Gottes. Verzeihen Sie, daß meine Vaterlandsliebe und meine Pflicht als Diener der Kirche mich so weit treibt und in diese wolkenlosen Tage Ihres Vergnügens seine Schatten wirft. Aber gerade hier ist mir deutlich geworden, wie wertvoll Sie, verehrte Frau Marquise, unserer Sache werden können, denn alles, von unserem edlen Gastwirt und dem Herzog von Bourbon angefangen, huldigt Ihrer Schönheit, bewundert Ihren Geist. Ich appelliere an Ihren Ehrgeiz, den Sie leicht befriedigen könnten, wenn Sie Ihrer Pflicht als Tochter Frankreichs und der Kirche eingedenk wären. Sie können der Königin beweisen, daß Frankreich weiter reicht, als die Gärten von Trianon, daß sie berufen ist, ihre Rolle in der Welt zu spielen, nicht nur auf der Bühne. Wenn Sie daneben im stillen als heilige Elisabeth wirken wollen, -- ohne die leicht erregten Gemüter überflüssig zu erhitzen --, so bin ich der Erste, der Sie unterstützen wird. Hundert Louis aus meiner Schatulle sende ich Ihnen noch morgen für Ihre armen Kinder und bin gewiß, daß Sie überall eben so offene Hände finden werden. Um Tränen zu trocknen, bedarf es, weiß Gott, keiner Reformgesetze. Das war von je die schönste Aufgabe guter Christen. Darf ich Sie an dieser Stelle noch an eins erinnern, schöne Frau? Der Herr Marquis von Contades ist bereit, sein Wort als Edelmann dafür zu verpfänden, daß Sie -- eine Französin! -- Herrn von Pirchs Handlungsweise als Vaterlandsverrat verurteilt haben. Er versprach mir zwar, weil es meinem Einfluß gelang, ihn von der erhaltenen Ohrfeige rein zu waschen, von seiner Kenntnis keinen Gebrauch zu machen; aber es liegt natürlich in meinem Belieben, ihn dieses Versprechens zu entbinden. Wird die Marquise Delphine noch in der Lage sein, der Königin Geschichten zu erzählen, wenn die hohe Frau erfährt, daß ihre jüngste Freundin -- preußisch fühlt?! Sie haben jetzt die reichste Gelegenheit, den kleinen Fehler, den Ihre Jugend gewiß entschuldigt, wieder gut zu machen. Jedenfalls sind Ihnen die Unvorsichtigkeiten Ihres warmen Herzchens leichter zu verzeihen, als die Ihres Kopfes. Der gute Marquis ist wirklich kein geeigneter Partner für die holden Freuden der Liebe. Darum drückte ich als Ihr ergebener Freund beide Augen zu, als ich diese Nacht an einer gewissen versteckten Hütte vorüberkam, und bemerkte, wie entzückend natürlich Daphnis und Philidor ihre Rolle weiter spielen, -- obwohl ich als Priester hätte zürnen und strafen müssen. Erschrecken Sie nicht, reizende Sünderin. Nur wenn das Vaterland es befiehlt, verrät ein Rohan eine Frau, die er anbetet. Trüben Sie auch nicht den Glanz Ihrer Augen durch Tränen falschen Mitgefühls. Seien Sie gewiß: soweit der Arm der Kirche reicht, hungert kein Mensch auf dem üppigen Boden Frankreichs! Ich kehre noch heute nach Straßburg zurück. Sie werden mich gütigst bei der Königin in Erinnerung bringen. Zum Abschied werde ich Sie morgen früh --, falls die Türe zu Ihrem Boudoir sich mehr als einem Kavalier öffnet --, nur um die eine Gnade bitten, den rosigen Arm küssen zu dürfen, der sich so zärtlich um den Hals des beneidenswerten Geliebten zu schlingen weiß. Graf Guibert an Delphine. -Paris, den 6. Oktober 1775.- Als ich mich Ihnen, verehrte Frau Marquise, für das Werk Ihrer Menschenliebe zur Verfügung stellte, hätte ich nicht geglaubt, daß wir so rasch das Ziel erreichen würden. Aber Schönheit und Güte vereint wirken Wunder! Die sechzig Kinder, die das Kloster zum Herzen Jesu aufnahm, sind ein lebendiger Beweis dafür. Was mich aber noch tiefer ergriff als Ihr Eifer, eine Not lindern zu wollen, welche leider nur ein Symptom der großen Krankheit ist, die Frankreichs Leben bedroht, ist Ihr Unverständnis für die Medikamente, die die Wurzeln des Übels ausbrennen sollen. Seien Sie versichert: Reformen, und wären Sie noch so gut gemeint, sind nichts als Betäubungsmittel. Neue Quellen des Reichtums gilt es zu erschließen. Und dafür, -- ich wiederhole, was Herr von Beaumarchais und ich Ihnen schon auseinanderzusetzen versuchten --, bietet sich jetzt eine willkommene Möglichkeit. Unterstützen wir Amerikas Freiheitskampf, so wird Amerika uns für den Kampf gegen die Not die einzig siegreichen Waffen -- die pekuniären Mittel -- zur Verfügung stellen. Ihre Schönheit, Frau Marquise, preist ganz Versailles; von Ihrer Güte spricht halb Paris; Ihrem Geist aber winkt erst ein fruchtbares Feld des Wirkens. Ihr Salon sollte der Mittelpunkt der besten Köpfe Frankreichs sein! Meine Vaterlandsliebe läßt mich freilich aussprechen, was mein Gefühl für Sie unterdrücken sollte. Oder dürfte ich hoffen, in Ihrem Salon auch unter vielen immer noch Einer zu sein? Graf Guy Chevreuse an Delphine. -Paris, am 10. Januar 1776.- Ist meine Göttin so wankelmütig wie die Sonne, die sich mehr und mehr hinter grauen Winterschleiern versteckt? Als ich gestern die sonst so freudig empfangenen Konfitüren brachte, sagten Sie wegwerfend: »Die immer gleichen Süßigkeiten! sie widern mich an!« Zum Abschied nach einem gequälten Zusammensein hielten Sie mir die Wange hin, als wären wir ein Ehepaar. Und als ich heute des kommenden Festes bei der Prinzessin Lamballe Erwähnung tat, riefen Sie aus, die Lippen unmutig schürzend: »Bietet Paris denn nichts anderes, als Komödien und Feste, Feste und Komödien?!« Die neuesten Anekdoten, die ich erzählte, die pikantesten Chansons, die ich vortrug, nötigten Ihnen kaum ein Lächeln ab. Da meldete Ihr Diener Herrn von Beaumarchais. Ihr Gesichtchen erhellte sich, und Sie, die Sie bisher unser Tête-à-Tête durch niemanden unterbrechen ließen, empfingen den Gast mit einem Aufatmen der Erleichterung. Jetzt verstehe ich, reizende Delphine: auch bei Ihnen blühen Liebe und Treue nicht auf demselben Stamm. Ihre rasche Jugend, -- an deren Existenz ich Sie zuerst erinnerte! --, Ihr stürmisches Temperament, -- dessen Fesseln erst an meiner Glut zerschmolzen! --, Ihr sprühender Geist, -- dessen Funken freilich erst der Dichter Beaumarchais herauszuschlagen vermochte, -- verlangen nach Abwechslung. Der große Dramatiker Beaumarchais ließ das ganze Welttheater an Ihnen vorüberziehen; die Kämpfe der Amerikaner, die Parlamentsreden der Engländer, die Finanzen Frankreichs --, und Ihre Begeisterung für die »Menschenrechte« der Bewohner der neuen Welt flammte so hoch auf, daß die arme kleine Liebe daneben erlosch, wie der Morgenstern vor der Sonne. Weiß Gott, ich, Guy Chevreuse gestehe ein, meine Rolle als Liebhaber noch nicht ausgelernt zu haben: Neben der Kleinigkeit des Herzens verlangt die kapriziöse Frau von heute auch noch Geist, auch noch Kenntnisse, am Ende gar Taten von uns! Süße Delphine, um einen Kuß von Ihren Lippen, -- aber einen, der der Sehnsucht, nicht der Gewohnheit entspringt, -- könnte ich Riesen bezwingen und Drachen erlegen. Fordern Sie jedoch nicht, daß ich mich wegen so gemeiner Dinge, wie der Zänkereien unserer unsympathischen Nachbarn mit ihren langweiligen Kolonialbrüdern echauffieren soll. Freilich, wenn ich mich erinnere, was uns alles Böses von England kommt: die Grundsätze der Moral, die demokratischen Ideen, die geschlossenen Kleider, die hohen Stiefel --, ich könnte doch am Ende noch rasend werden! Darf ich morgen kommen? Zur gewöhnlichen Stunde? durch das Gartenpförtchen? Allein?! Ich bringe, da meine Zärtlichkeit mit den Konfitüren auf einer Stufe der Ungnade zu stehen scheint, ein ganzes Vergnügungsprogramm mit: Mademoiselle Duthé spielt in ihrem Privattheater ein von der Zensur verbotnes Stück, -- der Graf von Artois ist seit acht Tagen bei ihr der glückliche Nachfolger des Herrn Larive; -- eine vergitterte Loge steht Ihnen -- mit mir?! -- zur Verfügung. Der Graf von Chartres arrangiert eine Schlittenfahrt, die in einem nächtlichen Fest im Schloß von Monceau enden soll. Der junge Vestries wird bei seiner neuesten Gönnerin, der Gräfin Miramont, tanzen. Die weiblichen Gäste werden gebeten, die Belohnung des Tänzers für seine Sprünge wenigstens an diesem Abend der Gräfin allein zu überlassen! Lucien Gaillard an Delphine. -Paris, den 30. Januar 1776.- Hochverehrte Frau Marquise. Weil Sie es wünschten, bin ich im Kloster zum Herzen Jesu gewesen. Ich erkannte meine Kinder nicht wieder. Buben, die mich angespuckt hatten, küßten mir die Hände und nannten mich »gnädiger Herr!« Alle sind sauber und satt und lernten beten. Ich weiß nicht, warum mich die Lust ergriff, sie in die Höhlen ihres Elends zurückzubringen. Bleibt armen Leuten immer nur die Wahl zwischen der Knechtschaft der Seele und der des Körpers? Sie müssen Nachsicht haben mit mir. Es ist mein Unglück, daß ich ebensowenig danken kann als bitten. Meine Spaziergänge, nach denen Sie fragen, setze ich fort. Doch ich mache keine Listen mehr. Es lohnt sich nicht. Man müßte einen Strom von Gold durch die Häuser und Gassen leiten, um sie von Schmutz und Jammer rein zu waschen. Aber die großen Herren fürchten so sehr, zu verdursten, daß sie mit ihren Eimern und Flaschen schon an seinen Quellen stehn, um ihn abzufangen. Gestern Nachts fand ich einen armen Jungen, einen Hessen, der über die Grenze gelaufen war, weil der Markgraf seine Untertanen gegen bare Münze verschachert. Englische Menschenhändler, so sagt er, kaufen Soldaten für den Krieg gegen die Amerikaner. So ist's recht: Während die Könige Europas den Philosophen Beifall klatschen, die von den Menschenrechten deklamieren; -- die Kaiserin von Rußland bezahlt sie sogar dafür, daß sie ihr auf so amüsante Art die Langeweile vertreiben, -- bauen die Fürsten aus Menschenleibern einen Damm gegen die Freiheit. Es sieht fast aus, als sehnte ich mich nach der Bastille. Aber leider weiß ich: Sie sind sehr gut, oder nicht gut genug, um mich hineinzubringen. Ich denke es mir nämlich wundervoll, einmal nichts zu sehen, als Kerkerwände. Herr von Beaumarchais an Delphine. -Paris, den 3. Februar 1776.- Verehrte Frau Marquise! Erst heute, bei Gelegenheit eines meiner kurzen Aufenthalte in Paris komme ich dazu, Ihnen für Ihren Empfang und -- was mehr bedeutet -- für die Art Ihres Empfangs meinen Dank auszusprechen. Sie sind die erste Frau unter den vielen geistreichen Frauen Frankreichs, die für meine umfassenden politischen Pläne Verständnis und Interesse gezeigt hat. Selbst die Männer begegnen mir mit Mißtrauen. Weil man über meine Komödien lacht, hält man auch meinen Ernst für Witz; daß Staatsmänner Komödianten sind, wundert niemanden, aber daß Komödianten Staatsmänner sein können, erscheint abstrus. Nichts ist heute für einen Mann von Geist kompromittierender, als wenn er sich mit Politik beschäftigt. Und unsere Minister vor allem wollen sich nicht kompromittieren! Herr von Vergennes war für die großen Aussichten blind, die der Konflikt zwischen England und Amerika Frankreich bietet. Ich öffnete ihm wenigstens ein Auge. Trotzdem bleibt er Philosoph aus Bequemlichkeit und beruft sich auf Grundsätze der Moral, weil das am wenigsten kostet. Heimlich gegen England zu konspirieren, das beleidigt seine Grundsätze. Wie kommt es nur, daß soviel Edelmut die Teilung Polens, die Kolonialkriege, den Sklavenhandel dulden konnte?! Auch Turgot ist gegen alle Feindseligkeiten; er will nicht einsehen, daß es häufig sparsamer ist, Millionen zu verschwenden, als mit einem Sous zu geizen. Wenn Frankreich Partei ergreift, wird es die Scharte von 1762 wieder auswetzen und durch ein Bündnis mit Amerika alle die Vorteile genießen, durch die England sich seit einem Jahrhundert bereichert. Wir brauchen nichts als Schiffe, Munition, Waffen. Die Menschen sind da. In fieberhafter Ungeduld warten der Marquis Lafayette, der Prinz von Montbéliard und ihre Freunde darauf, den Namen Frankreichs wieder leuchten zu lassen, wie unter dem großen König, wo die Welt ihr ganzes Licht von ihm empfing. Verzeihen Sie mir die Kühnheit meiner Sprache; gedenke ich der schönen Frau, an die sie gerichtet ist, so müßte ich mich schämen, wenn sie nicht so klug wäre, nicht nur durch Schönheit herrschen zu wollen! Ich wage zu hoffen, daß Ihr Enthusiasmus diesen Wunsch unterstützt; macht der Kuß der Muse mir das Komödieschreiben zur Spielerei, so würde ich meine schwere verantwortungsreiche Arbeit unter den Strahlen Ihrer Gunst auszuführen vermögen, als tanzte ich Menuett mit Ihnen. Wollen Sie die Gnade haben, meinem Diener wissen zu lassen, wenn Sie mich empfangen wollen? Ich bleibe bis nächsten Mittwoch hier und stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Prinz Louis Rohan an Delphine. -Straßburg, am 10. März 1776.- Schönste Frau! Vergebens wartete ich auf eine Antwort von Ihnen und fürchte schon, meine reizende Gönnerin durch ein paar harmlose Bemerkungen verletzt zu haben, als ich von Ihren Leistungen unterrichtet wurde: Sie eröffneten den Salon der Kriegspartei! Vortrefflich, ganz vortrefflich, Frau Marquise! Sollte die Gicht, die das gesamte Ministerium zu plagen scheint, weniger auf die guten Diners im Hause Geoffrin, als auf die Enthaltsamkeit, die Sie ihm auferlegen, zurückzuführen sein? »Les ministres s'envont goutte à goutte,« schrieb mir neulich der Herzog von Chartres. Sie wissen, er hat für seine Bonmots seit einiger Zeit den Geist der Frau von Genlis zu freier Verfügung, -- womit ich natürlich nichts Böses angedeutet haben will, denn Frau von Genlis spielt die Harfe und schreibt moralische Stücke für die Jugend. Derselbe Korrespondent berichtet mir, daß Sie der Königin neuerdings von gefesselten Indianermädchen und liebenden Farmern rührende Geschichten erzählen. Ausgezeichnet, Frau Marquise! Man trägt sogar schon Federn à l'Amériquaine, und die Mode ist bei uns nicht nur Vorkämpfer, sondern Gradmesser der Gesinnung. Auch Ihre Trabanten haben Sie gewechselt. Der kleine Chevreuse ist wohl jetzt vieux jeu? Ich wäre auch damit zufrieden, wenn ich nicht erfahren hätte, daß der Graf Guibert sich nicht ohne Erfolg um seine Stellung in Ihrem Boudoir bemüht. Er ist zwar im Augenblick sehr à la mode -- ein Hofdichter, ein Kriegsgelehrter, ein Herzensbrecher -- aber sein Ruf als Freidenker, seine Freundschaft mit Fräulein von Lespinasse prädestinieren ihn zum Spion, nicht aber zum Mitglied unseres Kreises. Sie haben die Wahl zwischen so vielen, warum muß es dieser sein? So habe ich mir sagen lassen, daß der Prinz von Montbéliard sich nur darum grollend auf sein Schloß zurückzog, weil eine gewisse reizende Dame ihm ihre Gunst versagt. Er ist mit fast allen Höfen Europas verschwägert, also eine sehr beachtenswerte Potenz. Übrigens ist er hübsch und jung und erstaunlich tugendhaft. Er hätte sich gewiß nicht, wie der Graf Chevreuse, -- den vielleicht nur die Verzweiflung über Ihre Untreue dazu getrieben hat! --, an dem berüchtigten Fest der Kavaliere beteiligt, das unter Leitung des Grafen Artois in Gesellschaft der bekanntesten Kurtisanen und im Hotel der Guimard stattfinden sollte. Gott sei dank, daß der Erzbischof rechtzeitig Einspruch erhob! Eine reizende Geschichte übrigens: Hundert der vornehmsten Männer Frankreichs vereinigen sich. Um dem Vaterlande zu dienen? Nein! Der Religion? Noch weniger! All diese Gottheiten der Vergangenheit sind heute veraltet! Lassen Sie bald von sich hören, teuerste Frau! Der Herr Marquis ist zwar im Augenblick in Straßburg, -- erfolgreich beschäftigt mit der Sammlung des einheimischen Adels zu einem letzten Coup gegen Turgot; (die Stimmung ist eine aufs äußerste gereizte) --, er dürfte aber kaum zu Ihrer Intimität gehören. Graf Guibert an Delphine. -Paris, am 15. März 1776.- Ihr Wunsch, liebenswürdigste aller Marquisen, ist mir Befehl, um so mehr, als ich begreife, daß eine Frau wie Sie im Hofleben kein Genüge findet und das geistige Leben von Paris gerade dort kennen lernen will, wo es am stärksten pulsiert. Fräulein von Lespinasse wird sich freuen, Sie zu empfangen. Sie finden in ihr zwar eine schwer Kranke, aber um so bewundernswürdiger wird Ihnen ihre geistige Kraft, ihre immer gleiche Güte erscheinen. Wenn Sie den morgigen Tag zu ihrem Besuch wählen wollten, so würden Sie unter anderem auch den Erzbischof von Toulouse, Loménie de Brienne, bei ihr treffen, dessen Persönlichkeit insofern von größerem Interesse ist, als man ihn in eingeweihten Kreisen als den Nachfolger Turgots bezeichnet. Leider hatte ich heute in der Akademie keine Gelegenheit, Ihre Eindrücke, teuerste Marquise, über die Aufnahme des Herrn von Boisgelin unter die Unsterblichen zu erfahren. Ist die ganze Feierlichkeit nicht mehr und mehr eine Farce?! Der Enzyklopädist d'Alembert, der einen konservativen Priester preisen mußte, und der konservative Priester, der der Nachfolger eines Voisenon, des typischen Abbé libertin, geworden ist! Die französische Akademie wird mehr und mehr aus einer Gesellschaft von Gelehrten zu einem Konzil der Ekklesiastiker und der Prinzen. Werden Sie mir die Gunst gewähren, Sie morgen nach dem Besuch bei Fräulein von Lespinasse in die Comédie française zu geleiten? Ich nehme das Stück meines Rivalen gern in den Kauf, wenn es mir zum Vorwand dient, einige Stunden länger dieselbe Luft mit Ihnen zu atmen. Johann von Altenau an Delphine. -Paris, am 1. April 1776.- Verehrte Frau Marquise! Ich kann nicht anders, als meinem Erstaunen, meiner Überraschung, Worte zu verleihen. Nie hätte ich mir träumen lassen, eine verwöhnte femme du monde, wie Sie, in dem schlichten Salon unsrer guten Julie wiederzusehen! Alles, was man mir von Ihnen erzählt hatte, -- Ihrer Stellung in Versailles, der Schar Ihrer Verehrer, mit denen man Sie spielen sieht wie mit Billardkugeln, -- ließ mich, offen gestanden, fürchten, daß das Leben der großen Welt Sie die Existenz anderer Welten, die sich früher um Ihre Seele stritten, völlig vergessen 1 . 2 3 , 4 5 , 6 , 7 , - 8 . 9 , - - 10 ! 11 - - . 12 , , . , 13 , , 14 15 » ! « 16 . , 17 , . 18 19 ; , 20 , 21 . 22 23 , 24 25 , , . 26 , 27 , 28 , 29 , , 30 . , 31 , . 32 , , , 33 , , 34 , 35 , 36 . 37 , , , 38 , 39 , 40 , - - 41 - - . 42 43 , , 44 , 45 , , 46 . 47 , 48 , 49 50 , . 51 , 52 , , 53 , ? ! 54 , 55 , , 56 , . 57 58 , , , 59 , , 60 61 , 62 , 63 . 64 65 , . 66 67 , 68 , 69 70 ! , , - - 71 , , 72 , , 73 , , - - 74 , 75 . 76 , 77 . 78 . , 79 ! 80 - , 81 : 82 , , 83 . 84 85 , 86 , - - , 87 , 88 ! - - , , 89 , , . 90 91 , , 92 93 ? , 94 95 , 96 . , - - 97 98 ? ! - - . 99 100 101 . 102 103 - , . - . 104 105 . 106 . ; 107 , 108 , , 109 , 110 . , 111 , , 112 . 113 114 , 115 , , , 116 . , 117 118 , , 119 . : 120 , , 121 , . 122 , 123 , - - - - 124 . 125 , 126 . , 127 , 128 ' , 129 . 130 , ' 131 . 132 133 , . 134 135 , 136 . 137 138 , , 139 , , 140 , 141 142 . , 143 , 144 , , 145 , 146 , . 147 , , - 148 , , 149 , 150 , , 151 . , 152 . , 153 . 154 , 155 , . 156 157 , , - - , - - 158 , , 159 , . 160 , , , , 161 , . , 162 . 163 , 164 , . 165 ; 166 , , 167 168 , 169 . 170 , - - 171 , - - 172 , 173 . , 174 , 175 . , , 176 . 177 178 , , 179 . 180 181 , , 182 . 183 , . 184 , 185 186 187 . 188 , , , 189 , 190 ! , 191 , 192 , , 193 . 194 195 , 196 , , 197 , , , 198 199 . 200 201 . 202 203 204 . 205 206 , . 207 , 208 . 209 . , 210 . . 211 , 212 ? ! 213 214 , . 215 , 216 . , 217 , . 218 . , , 219 . , , 220 , , . 221 , , 222 . 223 224 ; , 225 , 226 . 227 . , . 228 229 , 230 , 231 : , , 232 , . 233 , 234 . 235 236 237 . , 238 , . 239 240 » , , « , » 241 . « 242 243 , . 244 : 245 , 246 , , , 247 . . 248 . 249 , . 250 , , . 251 , , , 252 , . , 253 , . . 254 255 , . 256 257 , . 258 : , 259 . 260 , . 261 . 262 , 263 , . 264 265 , 266 , , 267 . , 268 , , 269 , 270 . , 271 . , 272 . , 273 , 274 . 275 276 . 277 , . 278 . 279 , 280 , , 281 ! 282 283 , 284 . , 285 , 286 , . 287 , , 288 . 289 , 290 . 291 292 . 293 , 294 , , 295 . , 296 , , 297 . 298 : » , , 299 , « : » 300 . « 301 , . 302 303 . 304 , . 305 306 , . 307 . 308 , 309 . 310 ; . 311 , . 312 ! , 313 ? 314 315 316 - . 317 318 - , . . - 319 320 . , 321 , , . 322 , , 323 , 324 , . 325 , . 326 327 , 328 , , 329 . 330 , 331 . 332 333 , , , 334 , . 335 , , 336 : 337 , , 338 . 339 340 - , 341 » « , 342 , , 343 , 344 , . 345 346 , 347 , » « » « 348 . , 349 » « , 350 , . , 351 352 , . 353 354 , 355 , 356 . 357 , 358 , , - - 359 » « , , 360 , , - - 361 , , , 362 , 363 . 364 365 , , 366 . , 367 , , . 368 369 370 , 371 . 372 373 374 , , 375 , , 376 . 377 378 , , 379 . 380 381 , . 382 383 384 385 386 387 388 389 390 391 . 392 393 - , . . - 394 395 , , . 396 , - - , 397 ! 398 399 - - 400 ! 401 402 403 . 404 405 - , . . - 406 407 ! , 408 , , 409 . , 410 ? ! 411 412 , 413 , , 414 , : » - 415 ? « . 416 , 417 , 418 : » ? « 419 : » ! « . , 420 , , , 421 , 422 , , 423 . 424 425 426 . , 427 , , 428 ! , , 429 , ! 430 , 431 ? 432 433 ; ; 434 . , 435 . 436 437 , , 438 , . 439 , 440 , , , 441 ; , , 442 , 443 . 444 445 446 . 447 448 - , . . - 449 450 , 451 , , 452 , 453 , , , 454 , . 455 456 , 457 , 458 , 459 , , 460 , , 461 , . 462 , , 463 ? 464 465 , ! 466 , , , 467 . 468 469 , . 470 , 471 , , 472 , 473 . 474 475 476 . 477 478 - , . . - 479 480 ! ! ! 481 ! , 482 , 483 . , 484 . 485 486 . » , 487 ? ! « . ? 488 , . 489 490 , 491 ? ! , 492 , , , 493 , 494 ? 495 , , 496 497 ? 498 499 , 500 , 501 , - - , 502 : , ! 503 - : 504 ! 505 506 , , 507 . , 508 , 509 , 510 . 511 512 » « , , » 513 , , 514 , 515 . « , , 516 : » , 517 , 518 . « 519 520 , , 521 , , 522 , 523 . 524 . 525 526 , 527 , 528 , 529 , 530 . 531 532 533 . 534 535 - , . . - 536 537 . , 538 , 539 . 540 , 541 . , , 542 . , 543 . 544 545 , , 546 , 547 . . 548 , . , 549 . 550 551 , 552 . 553 , , 554 . . 555 556 . , , 557 . , . 558 . , 559 , 560 . , , 561 , , 562 . 563 . 564 , 565 , 566 . 567 . 568 569 , . 570 , . 571 , . 572 . 573 , , , 574 , 575 . . 576 577 , , 578 579 . , 580 , . 581 582 , 583 , ? 584 , : 585 . , 586 , . 587 588 , . 589 , . 590 591 , 592 , . , 593 , , 594 . 595 596 . 597 598 599 . 600 601 - , . . - 602 603 . . , 604 , 605 ; , 606 ; , 607 , . 608 , , 609 , . 610 611 , 612 , 613 ? ! 614 615 , 616 , . 617 618 , : » , 619 , . 620 , , , 621 , . 622 . , 623 , . 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