späteren Jahren zur höchsten Kunst entwickelte: das Beste aus den
Menschen herauszuholen. Etwas von dem allumfassenden Goethegeist, dem
"nichts Menschliches fremd war", lebte in ihr und machte es ihr möglich,
schon mit einundzwanzig Jahren -- zu dieser Zeit sind die Charakterbilder
Ottiliens, Emmas, Louisens und das des Professors Scheidler entstanden --
in den Seelen ihrer Freunde, wie in einem offenen Buche zu lesen. Louise
Vaudreuil schilderte sie folgendermaßen:
"Es war zwei Uhr Nachmittags, als ich in ein elegantes Boudoir trat, das
nur durch auf allen Stühlen und Tischen umherliegende Toilettengegenstände
verunziert wurde. Eine junge Frau saß vor dem Spiegel, sie war blaß, ihre
Augen schwarz umrändert, doch jeder ihrer edlen Züge von rührender
Schönheit; sie hielt einen ihrer glänzenden schwarzen Zöpfe in der Hand
und legte ihn mit größter Vorsicht um ihre Schläfen; Alles verrieth, daß
sie eben erst das Bett verlassen hatte.
"'Guten Tag, mein Kind,' sagte sie; 'ich freue mich sehr, dich zu sehen.
Denke dir, ich habe heute keinen Brief von Alfred und bin so besorgt.'
"'Doch warum dich ängstigen, liebe Louise, erst vorgestern hattest du
Nachrichten aus Paris.'
"'Doch du weißt, ich bin unter einem Unglücksstern geboren, auch nehme
ich immer Alles von der trüben Seite. Und gerade heute bin ich
schlechter Laune; Margarethe ist wieder unartig gewesen; meine Tochter
hat kein Herz, keine einzige Neigung wurzelt darin, sie ist so
selbstsüchtig und so kalt!'
"'Aber liebe Freundin, sie ist drei Jahre alt!'
"'Der Hut und das Kleid, das ich für dich bestellte, sind auch noch
nicht angekommen.'
"'Gnädige Frau haben es vor acht Tagen bestellt,' sagte die alte
Kammerfrau, 'man kann die Postpferde von Paris hierher nicht beflügeln!'
"'Schweigen Sie, man hat Sie nicht gefragt.'
"Dann eine Pause. Die junge Frau hatte ihre Frisur beendet, doch sie war
noch immer damit beschäftigt, eine widerspenstige Locke zu bändigen; es
schlug dreiviertel auf drei Uhr, ehe diese große Arbeit gethan war.
"'Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen, das sind sicher die Vorboten
einer neuen Krankheit.'
"'Das kommt von dem scharfen Duft, den du an dir trägst und in allen
Räumen verbreitest.'
"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch
ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrücktwerden!
Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er würde
zurückkehren, um wie früher in seinem Lehnstuhl hinter der großen
Zeitung zu sitzen, während ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg
unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, daß
Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging,
um dies Ereigniß mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzählen.'
"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.
"'Ich versichere dir, liebe Freundin, daß ich glaubte, du habest dich
längst über den Stadtklatsch erhaben gefühlt. Außerdem kannst du nicht
annehmen, daß deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt
bleiben würden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn
Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie
enden; es ist ganz natürlich, daß gewöhnliche Leute den Maßstab ihrer
Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon weiß, hat es
nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurück ist. Gehst
du an den Hof heut Abend?'
"'Ja, man sagt, er wäre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese
Stückchen Souveränität amüsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu
Haus, ich finde keinen Geschmack an der großen Welt; mein Buch, meine
Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die
faul und indolent ist; auch schwöre ich dir, daß ich, wenn es nicht um
die kleinen Triumphe der Eitelkeit wäre, die mir Spaß machen, gar nicht
ausgehen würde; ich begreife deshalb nicht, wie eine häßliche Frau daran
Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'
"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.
"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefällige Bewunderung
nicht, dafür ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewöhnliche
Sterbliche, seine kleinen und großen Aventüren gehabt.'
"'Trotz eurer kleinen und großen Aventüren seid ihr aber Alle kein
Goethe geworden!'
"Louise lachte, jede Spur von Thränen und Ärger war verwischt.
"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.
"'Frau Gräfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stück liegen,' meinte
die Jungfer kopfschüttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mußte
alle seine Waren ausbreiten, die aufs Gründlichste examinirt wurden;
Louise suchte drei der schönsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon,
ließ die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafür auf die
Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelöst, dem sie
ein Rokoko-Armband für vier Louisd'or abkaufte.
"'Der Kammerdiener des Prinzen fragt, ob Antwort nötig wäre,' sagte der
eintretende Bediente, indem er Louise ein Billet übergab.
"'Ich werde sehen.' Sie las, während ich in einem Pariser Modejournal
blätterte. 'Höre nur, Jenny, wie prachtvoll er schreibt' -- auf ihrem
Gesicht malte sich staunende Bewunderung, doch sie galt nur der
Schönheit des Stils; ihre Stimme klang erregt, doch nur aus
geschmeichelter Eitelkeit: 'Wenn der Verdammte, an der Himmelsthür sich
anklammernd, nach einem einzigen Ton des Gesanges der Engel verdurstet,
wenn das Kind des Verderbens, in dessen Ohr das furchtbare Wort Ewig
klang, durch das Rütteln der Verzweiflung jene ehernen Thore erschüttert
-- würden Sie, Gräfin, es in den dunkelsten Abgrund stoßen, weil es sich
mit riesiger Kraft zu dem herrlichsten Glücke emporhob? Ich sah durch
das Gitter, welches mich vom Himmel trennt, sein strahlendes Licht, ich
sah die Träume meiner Jugend, die Wünsche meines Herzens, das Ideal
meines Lebens in Wirklichkeit an mir vorüberschweben -- ich streckte
flehend die Arme danach aus -- das war mein Verbrechen; ich büße
es durch das fürchterlichste Erwachen, ich büße es durch erneute
Verdammniß. Sie werden mir verzeihen; von nun an sollen Sie in
mir nichts als den ergebenen Haushund finden, der nach dem Hieb
so treu bleibt wie nach der Zärtlichkeit, der treu bleibt, wenn ihm
Unrecht geschieht, treu bleibt, wenn er nur der Gleichgültigkeit
begegnet ----'
"Ich hörte ihr verwundert zu und verstummte. Ich verstand, daß er zu
weit gegangen war, daß sie ihres Widerstandes wegen triumphirte, daß sie
stolz auf ihre tugendhafte Handlungsweise war, die niemals hätte
nothwendig sein dürfen. Ein Besuch rechtfertigte meine Schweigsamkeit,
oder vielmehr sie zog uns aus der Verwirrung, denn Louise sah zu klar,
ihr Urtheil war zu fein, als daß sie meine Gefühle nicht, wortlos wie
sie waren, verstanden hätte. Die Besucher gehörten zu jenen Menschen,
die ihrer Güte, ihrer Familienbeziehungen, ihrer negativen Verdienste
wegen von der Gesellschaft geduldet werden; die bösen Zungen
entschädigen sich für deren Nichtigkeit durch wohlfeile Witze über sie;
die Geistreichen behandeln sie wie Tische und Stühle, sie benutzend,
wenn der Augenblick es mit sich bringt; die Liebenswürdigen sprechen im
Vorübergehen mit ihnen; im Ganzen ist Alles, was man ihnen bietet,
gerade lau genug, um sie nicht vor Frost zittern zu machen. Ich
fürchtete Louisens Ungeduld und Spottlust; es wäre nicht nöthig gewesen,
denn nie habe ich sie gesprächiger, freundlicher, zuvorkommender
gesehen, nie hat ein Gast befriedigter über sie und sich das Zimmer
verlassen.
"'Du warst äußerst liebenswürdig, zu meiner größten Uberraschung', sagte
ich, als wir allein waren.
"'Und du, Kind, beurtheilst mich falsch. Ich spotte nie über gute,
anspruchslose Leute und habe Freude daran, Unterdrückte zu
unterstützen.'
"In der Ebbe und Flut meiner Gefühle dieser eigentümlichen Frau
gegenüber gingen nach dieser wahren, gütigen Antwort die Wogen zu ihren
Gunsten hoch.
"'Habe ich dir schon erzählt,' sagte sie, 'daß ich einen Brief von Frau
von Y. erhalten habe? Die Arme leidet so sehr und ist dabei ein Engel an
Güte und Tugend; Gott weiß, was aus ihrer unglückseligen Leidenschaft
werden soll! Ist sie allein mit Georg, so könnte die Welt zu Grunde
gehen, der Tod neben ihnen stehen, sie würden es nicht bemerken. Neulich
besuchte sie Georg sie war allein -- doch eine einzige Thür nur trennte
sie von ihrem Gatten, und diese Thür war nur angelehnt, und dieser Gatte
vergöttert Charlotte. Manchmal schafft seine Phantasie ihm einen
Nebenbuhler: 'das wär kein langer Schmerz,' sagt er dann, 'eine Kugel
für ihn, eine für mich und für dich die Qual des Lebens!''[TN4]
"'Und sie ist im Stande, diese Liebe zu betrügen!' rief ich empört; 'und
du kannst von ihrer Tugend sprechen!'
"'Nun ja, meine Liebe, denn sie betrügt im Grunde ihren Gatten nicht.
Ihre Mutter hat sie, als sie fünfzehn Jahre alt war, mit ihm
verheirathet; er verlangte keine Liebe von ihr und gab ihr seinen Namen
wie sein Vermögen. Georg, ihr Vetter und Spielgefährte, hatte nichts!'
"Ich hörte zu, wie man ein Capitel der -'Vie privée'- von Balzac liest,
Louise erzählte das Trauerspiel, dessen Heldin Charlotte war, wie dieser
Schriftsteller es beschrieben haben würde.
"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren
Neuigkeiten fort; 'sie ist gestürzt und hat sich schwer verletzt.'
"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen
solltest?'
"'Ja gewiß. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken
die Kinderstube verlassen; er war schön und reich, er sprach von Liebe
und ich war glücklich. Da erfahre ich eines Tages, daß er sich mit
Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch
zählen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermögen zu
erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf
die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, daß ich die
Männer achte, daß ich sie bemitleide und schone -- sie verdienen kaum,
daß man sich über sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn
sie sich nicht an mir rächen. Ah, wie ich die Rache liebe!'
"Ich stand auf.
"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler für deine Armen. Werden wir ihre
Schuld bald bezahlt haben?'
"'Noch dreißig Thaler und sie sind sorgenfrei.'
"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'
"Der Hof war vollzählig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre
Schönheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre
regelmäßigen Züge, ihre schönen schwarzen Haare glänzten auf dem
tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle
rothe Seide floß in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die
Natur stolz sein könnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen
hätte. Die Männer umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all
ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster
Traurigkeit dieses glänzende Arsenal der schönsten Fähigkeiten zu einem
Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blässe und Traurigkeit dieses
Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick,
hörte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Sälen gethan und gesagt
wurde.
"Der Großherzog näherte sich in all seiner tadellosen Höflichkeit. Nach
einigen einleitenden Liebenswürdigkeiten begann Louise eine jammervolle
Armengeschichte zu erzählen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um
nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als
Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht ähnlich, und
doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir
triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich
erkläre dir, daß, wenn der Großherzog mich nach der Sachlage fragt, ich
deine Märchen nicht unterstützen kann und von deinen Armen nichts wissen
werde, denn ich weiß wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr
fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzählen.
"Später traf ich sie noch einmal, und sie erwähnte wieder ihrer
Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines,
mageres, törichtes Ding, das sich gehen läßt, obwohl dein
deutsch-sentimentales Mitleid für den Gatten mir auch nicht angebracht
scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie
doch eigenhändig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die
unglücklichen Soldaten zu schleudern, die sich für diesen verrückten
Karl -X.- massacriren ließen! Das ist gerade keine edle Handlung, und
von einer Frau ausgeführt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal
gründlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und
von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin
zeigen zu müssen, und plötzlich höre ich eine spitze Stimme, die mir
zuruft: Sie haben wohl nicht das Glück, Französin zu sein? -- O doch,
gnädige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals
sein Pflaster zu beschädigen.'
"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst
in den höchsten Ausdrücken der Bewunderung von derselben Frau
gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der
Frivolität geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch
habe ich sie mir nie aus dem Herzen reißen können.
"Sie hatte genug Verstand, um über Alles zu plaudern, sie fand stets die
passendste Antwort, um selbst Klügere zu verwirren, sie hatte
Beobachtungstalent, um ihren Märchen den Schein der Wahrheit zu geben,
sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt
erzählen zu können, sie hatte die Herzen der großen Welt durchschaut, um
mit Effect Sentenzen -à la- Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte
Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie
interessirte sich für Alles, um über Alles zu schwatzen. Sie war die
Weltfrau, die Pariserin, die schöne Frau, das Kind der Eitelkeit und der
Schmeichelei und hätte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der
Tugend, die echte Frau sein können, die ohne zusammenzubrechen eine Welt
voll Kummer trägt, die liebt, leidet, tröstet und die Sprache der
Menschlichkeit hört und versteht."
Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich
Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines
Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Während einer Badereise, als
Jenny das kleine Töchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte,
schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz
Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl,
denn nur die Einzahl fordert die böse Nachrede heraus. Übrigens hat
bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau
zu erschüttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die weiß, daß
ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der
Wahnsinn gegen die kleine Münze der Bewunderer eintauschen wird." In
demselben Briefe heißt es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben
Sie gewiß erfahren. Was ich bei dem Erlöschen der napoleonischen Race
empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung
Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung für einen
der größten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir
erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht,
die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schütteln,
damit der von Jahrhunderten aufgehäufte Staub und Moder davon fliegen
und die Erde für neues Blühen bereiten kann. Auch wie ein großer Pflug
ist er, der sie aufrührt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern
wollte, in Dünger verwandelt und unterirdisches Gewürm tötet. Nur
schade, daß die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als täte
uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich würde ihn herbeisehnen,
wenn nicht mein Herz von Grauen erfüllt wäre vor allem Blut -- auch vor
dem des Gewürms, das ja nichts dafür kann, daß die Natur es zu dem
machte, was es ist." Ein merkwürdiges Urteil für ein einundzwanzigjähriges
Mädchen. Vielleicht war es doch der unbewußte Einfluß des Blutes, der sie
also empfinden ließ und dadurch noch unterstützt wurde, daß ihr nicht die
deutsche, sondern die französische Sprache Gedankensprache war: Sie
dachte in ihr, wie sie hauptsächlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre
Muttersprache: Diana, die Elsässerin, sprach nach wie vor fast
ausschließlich französisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl
Augusts die französische Sprache um so mehr, als sie für die Großherzogin
Maria Paulowna, die geborene russische Großfürstin, die gewohnte war.
Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre
Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie
jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des
Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen
Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jüngeren
Erbgroßherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der
seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjähriger, ähnlich
wie Wolf Goethe, eine schüchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war
das nur eine weitere Grundlage für die lebenslange Freundschaft.
Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken täglich
beobachten konnte, in ehrfürchtiger Liebe empor: "Sie war für sich
selbst," so schrieb sie, "demüthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben,
Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie
übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermüdung
ausgefüllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie
stand sehr früh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die
Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glück hatten,
ihr nahe zu stehen, rührend, wie oft die Müdigkeit des Körpers sie zu
ihrem eigenen Schrecken übermannte. Nie klagte die russische Großfürstin
über die kleinen Verhältnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schöne
Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als
Lebensregel eingeprägt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Große
in das Leben, aber sucht es nicht darin.'
"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr
vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum unterstützte sie es
auch und förderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets
maßgebend; wie oft ließ sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit
einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie
treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie öffentlich und noch
mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Pläne zu
Erziehungsanstalten und Krankenhäusern, welche alle zur Ausführung
kamen, das alles zeugt für ihr tiefes Erfassen des Berufs einer
Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger
Unterhaltung, aber eine unüberwindliche Abneigung gegen das gewöhnliche
Hofceremoniell mit seiner öden Langenweile. Deshalb löste sie gern diese
drückenden Fesseln und wünschte ihre Umgebung, wie ihre Gäste, in freier
körperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten
wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natürlichen
Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten
nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu können. Ebenso unmerklich
bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer
verzieh sie es, wenn sie überschritten wurden.
"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung
geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien
alles Unnatürliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergnügten uns mit
heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt,
machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der
schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen. Dabei
kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht
unser Geheimnis blieben, denn die liebe Großfürstin interessierte sich
lebhaft für jedes Glied ihres Hofstaats und hörte mit gütiger Nachsicht,
aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu.
Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur
Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung für die jüngere
Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroßherzog, der auch, wie wir,
Beiträge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des
'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' für
eine recht schwache Copie desselben halten konnten; näher lag der
Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die
literarischen Abende, die während des Aufenthalts in Weimar eine große
Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hörten Vorträge
von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schöll und vielen
anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bücher gethan
hätten.[76] Dabei gewöhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben,
was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns
auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna
aus; sie wußte, daß darin Weimars Größe lag und immer liegen würde,
deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in
ihre Atmosphäre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende
Kraft ausströmte."
Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist
das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil
ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten
vergißt. Und doch ist gerade das am natürlichsten. Je näher wir einen
Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist,
desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns
nicht wie dem Außenstehenden als etwas selbständig Verdammenswertes,
sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir
gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und
ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu
verstehen, wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die der Geschichte
angehören und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung
und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem
von Augusta, der späteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener
treuesten Freundschaft verbunden fühlte, von der es heißt:
Laß adlermutig deine Liebe schweifen
Bis dicht an die Unmöglichkeit heran;
Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,
So fängt der Freundschaft frommer Glaube an.
Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzählt sie folgendes
von ihr:
"Früh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das
Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thränen äußerte, sondern,
geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten
oft zusammen unsere Armen und mußten daher nicht selten hören, daß wir
im Gefühlsübermaß zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit,
Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder
ausgegeben war und zur Trägheit führte, während Anleitung zur
Selbsthilfe die beste Armengabe ist."
Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preußen an den Weimarer Hof kamen,
wußte jeder, daß sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta
werben wollten. "Merkwürdig schnell," so schreibt Jenny, "faßte Prinzeß
Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Güte und Liebenswürdigkeit
uns sehr gefiel, dessen militärische Straffheit uns, denen der
preußische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber
stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinzeß eine tiefe Neigung zu
ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung
ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wußte,
daß er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr
diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht
verhehlt, welch ausgezeichnetes Mädchen deren Heldin war. So stand es um
sie, als ihre Schwester sich vermählte. Heiter und glänzend waren die
Feste dieser zu Ehren, wehmütig der Abschied. Sie schenkte mir noch
zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:
-This above all, to thine own self be true,-
-And it must follow, as the night the day,-
-Thou canst not then be false to any man.-
-Votre souvenir est toujours là!-
-Marie-
"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten
Schönheit erblühte Prinzeß Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im
Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb
gewann. Er war und blieb die einzige große Leidenschaft ihres Lebens,
die sie zu schöner Weiblichkeit entwickelte und alle Härten ihres Wesens
abschliff.
"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:
-Doux lieux où l'amitié vint charmer mon enfance-
-Il faut, hélas, vous fuir,-
-Mais vous viendrez me consoler mon absence-
-Par un doux souvenir!-
-Otez l'amitié de la vie,-
-Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,-
-On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;-
-Désir de tous les coeurs, plaisir de tous les âges,-
-Trésor du malheureux, divinité des sages,-
-L'amitié vient du ciel habiter ici bas,-
-Elle embellit la vie et survit aus trépas!-
-Weimar, 3. 6. 29.-
-Ces vers expriment ce que j'éprouve en les traçant, puissiez-vous en
être persuadée, chère Jenny.-
-Your faithful-
-Augusta."-
Eine eifrige Korrespondenz entspann sich zwischen den Freundinnen, die,
da sie sich fast durch ein halbes Jahrhundert fortspann, ein
interessantes Bild der Zeit geben könnte, wenn die Briefe der Kaiserin
nicht, einem Versprechen getreu, von meiner Großmutter zum großen Teil
verbrannt worden wären. Aus der ersten Zeit der Abwesenheit Prinzeß
Augustas finden sich folgende Stellen aus Briefen Jennys an sie:
1./7. 1832.
"... Die Herzen der Leute der großen Welt sind alle nach einer Form
gegossen, die leider in allen Ländern die gleiche ist, und in die sie so
genau eingepaßt werden, daß schließlich für nichts als für
Gleichgültigkeit und Langeweile Platz übrig bleibt.
29./8. 1832
"Die Erziehung sollte die Einleitung, die Vorrede des Lebens sein; man
sollte daraus den Zweck der ganzen Arbeit, ihre Tendenz und wenn möglich
ihren Preis, ihren moralischen Wert kennen lernen. Darum ist es
nothwendig, daß die Eltern, ohne den klaren Himmel der Kindheit zu
trüben, die Rolle des Schicksals spielen, so daß die Fehler der Kinder
sich so viel als möglich durch ihre natürlichen Folgen bestrafen; sie
würden frühzeitig dazu gelangen, nicht den Himmel der Ungerechtigkeit
und die Menschen der Falschheit anzuklagen, wenn sie sehen, daß fast
immer sie selbst die Hauptursachen ihrer Schmerzen und Leiden sind, wenn
sie in der Tiefe ihres eigenen Wesens die Ursachen des Unglücks
erkennen, das sie trifft. Nur selten dürfte ihr Gewissen ihnen keine zu
zeigen vermögen. Ist die Vorrede eine vollkommene gewesen, so muß sie,
indem sie uns eine sichere Vorstellung von dem Buche giebt, das
Interesse dafür steigern, unsere Erwartungen würden nicht getäuscht
werden können, und die Eindrücke, die wir vom Styl und von den Details
erhalten, würden mehr von unserem Herzen abhängen und von der
harmonischen Verbindung unserer Seele mit dem Autor. Die allgemeine
Idee, die uns die Vorrede gegeben hat, sollte uns vor großen
Überraschungen und Enttäuschungen bewahren.
12./9. 1833.
"Wenn man das Leben mit seinem Unglück, seiner Niedrigkeit, seinen
getäuschten Hoffnungen kennen gelernt hat, so ist nichts natürlicher als
die Neigung zur Misanthropie und zur Menschenverachtung, und dieses
Gefühl, das man gewöhnlich für eine Folge reifster Erfahrungen und
tiefgründiger Gedankenarbeit ansieht, entspricht nur dem gewöhnlichen
Einfluß des Unglücks auf die Menschen. Eine starke und edle Seele ist
die, die sich aus dem Schiffbruch des Lebens den Glauben an die
Menschheit und die Liebe zum Menschen retten konnte -- eine starke und
edle Seele, weil sie den Schlüssel des Räthsels in sich selbst suchte
und fand.
1./11. 1835.
"Alle großen Leidenschaften sind göttlicher Natur; sie sind die
Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder
willkürlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des
Himmels, denen wir uns unterwerfen müssen, und die für ihren göttlichen
Ursprung dadurch Zeugniß ablegen, daß sie über den allgemeinen Gesetzen
der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen müssen."
Diese wenigen Proben -- alles andere schlummert in mir unzugänglichen
Archiven -- zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Großeltern von dem
Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit
ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie
die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloße
Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen
verbergen können, aufrechterhielten.
Außer Prinzeß Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny
auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg,
spätere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener französische
Thronfolger, den ein tödlicher Sturz davor bewahrte, durch die
Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer
Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaßen ein:
"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Höhen
der Menschheit regiert das Lächeln, das klaglose Verstummen. Und die
nicht geweinten Thränen wiegen centnerschwer. Mir war es vergönnt, in
das Herz, in die Seele solch einer Märtyrerin zu schauen, als sie noch
unberührt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch
nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch,
kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an
ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde
sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des
Großvaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus
unkindlicher zurückhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz
machte. Ich gab mir viel Mühe um sie, weil ihre tiefen, forschenden
Augen mich reizten, sie zu enträthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel,
war die hinter dem kühlen Äußeren versteckte schwärmerische Phantasie,
deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre französische
Gouvernante wie die französische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl
diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles
andere verdrängte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um
französische Geschichte, französische Literatur, und immer, wenn sie
wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Fülle neuer Kenntnisse sie
sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen müssen, alles Neue,
das an guten französischen Büchern erschien, ihr mitzuteilen oder
zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der
liebenswürdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit
französischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und
deutsche Gründlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem
Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Düringsfeld so richtig
sagte: 'er war immer ohne Umstände er selber', als der Typus wahrer
Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrückte,
nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns
Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Büchern
vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns
dringenden französischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein
Verdienst, daß er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft,
auf die Geschehnisse des äußeren Lebens aufmerksam machte und uns etwas
ablenkte von der ausschließlichen Beschäftigung mit Seelen- und
Herzenskämpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war
mir gegenüber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts für
Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang,
da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprächsthema gegeben. Der Eindruck,
den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der
vornehmen Gesellschaft im übrigen Deutschland hervorrief. Wir schwärmten
für die Ideen der Volksbeglückung; wir schwärmten für Griechenland,
selbst für Belgien, warum sollten wir es nicht für Frankreich thun und
in Louis Philipp den Retter des Volksglücks betrachten? Wer ahnte denn,
daß er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher
Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange
politische Berichte für ihn, so sehr er sonst mit Geschäften überlastet
war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt
entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.
"Noch waren wir ganz erfüllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als
Prinzeß Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung für Louis
Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte
nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter
davon zu sprechen, daß sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach
nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir
lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kindertraumes in
ihren seelenvollen Blicken. Während sie sich mit ihrer Mutter in Jena
aufhielt, besuchte ich sie häufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin
zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, während die
unerquicklichen Verhältnisse dort es nöthig machten. In Jena versammelte
sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Fürstinnen; ich
vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor
Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte
die Freude, zu sehen, wie Prinzeß Helene sich ihm anschloß und sich von
ihm bilden ließ. Dort und in Weimar fühlte sie sich weit mehr zu Hause
als in Mecklenburg; wäre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen
Landes gewesen, niemals hätte sie dem Sohne des Bürgerkönigs die Hand
gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darüber sprach, war mir
dieser Schritt nicht unverständlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn
sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr
Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war
ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabänderliches
Schicksal, das ihr schon früh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprägt
habe. Sie war überzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie
brach und wie eine Ausgestoßene von ihrer Heimat scheiden mußte.
Strahlend glücklich waren ihre Briefe; strahlend schön soll ihr Äußeres
gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute
mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen
auf über den König, über das Treiben am Hof, über die sogenannte
'Volksbeglückung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren
Gatten, der sie in keiner ihrer Träume und Hoffnungen jemals getäuscht
hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der
Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!
"Da begann ihr Märtyrerthum. Langsam, mit fürchterlicher Grausamkeit riß
das Schicksal ein Glück nach dem anderen aus ihren Armen, enthüllte ihr
eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner
rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie
schauderte wohl davor zurück; aber nicht lange währte es, so saß sie
wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewänder für dies Bild des
Todes."
Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin
sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mädchenzeit und aus der
ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten.
Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwärmerin, die uns kühlen
Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer
aussprechen, ganz fremd erscheint.
Ihre ganze Persönlichkeit wird nur dann verständlich, wenn wir sie als
Kind ihrer Zeit betrachten, das sich über die Gefühlsschwärmerei der
Romantik selbständig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind
als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so
bezeichnend, daß einige von ihnen, trotz ihrer tatsächlichen
Inhaltlosigkeit, hier folgen mögen. Wenn Jenny sich auch dem Einfluß
ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch
nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.
Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angeführt:
3./8. 33.
"Mir giebt es neben der Natur keine sicherere Kunde von Gott, als den
umfassenden Geist des Menschen, keine höhere Schwungkraft zum Guten und
Großen, als dessen Erkenntnis in allen seinen Zweigen; hätte ich nur
Kraft und Zeit und Gedächtnis, um alles zu prüfen, was der menschliche
Geist seit Jahrhunderten hervorgebracht hat, wie gänzlich würde dann
alles Kleinliche verschwinden! -- Ich möchte keine Unruhe in Ihre Seele
bringen, Ihren Glauben nicht antasten, denn darüber liegt der heilige
Schleier der Jahrhunderte; Beweise sind schwer, es wäge sie daher jeder
in seiner eigenen Seele mit Glauben und Vernunft ab, an der reinen Moral
der Christuslehre ändert es ja durchaus nichts. Mit Ihnen möchte ich
Herder, Schiller, den Faust lesen, mit Ihnen die Geschichte, die
erfahrenste Lehrerin der Menschheit, studieren, mit Ihnen die Höhen des
Geistes und Lebens erklimmen, wo die Brust frei athmet und die Seele
sich rein und entzückt zu Gott erhebt.
3./9. 33.
"Wie verschieden die Philosophien, die Religionen, die Gedanken der
Menschen auch seien, in einem Spruch stimmen alle Vernünftigen überein:
'Wer nach seiner innigsten Überzeugung Recht thut, hat vor dem Tode
nichts zu fürchten.' Dieser Spruch muß als heiligste Wahrheit
aufgestellt bleiben, und so lassen wir die Frage über Nichts und
Ewigkeit, lassen wir die Sorge für die Zukunft und das Grübeln über
Unerforschliches dahingestellt. Wir haben genug, wir haben vollauf zu
tun, um Recht zu tun allerwege.
9./10. 34.
"Man sollte eigentlich nur Unglück nennen, was tief in die Seele
eingreift, was einen Charakter und ein Lebensglück umzuändern mächtig
genug ist, was eine bleibende Kränkung in der Seele läßt und was, wenn
auch die Zeit ihren milden Einfluß übt, immer als umflortes dunkles Bild
in der Erinnerung bleibt, es sei nun zu moralischer Kräftigung oder zu
ewiger, innerer Trauer. Und doch, wie viele solcher Unglücksfälle stehen
gerade nicht auf der Liste der von den Menschen im allgemeinen
anerkannten und aufgezählten, wie oft jammern sie vor dem Schutte eines
alten Hauses und wissen nichts von dem Schutte, der allein von einem
ganzen, glänzenden Jugend- und Lebensglücke übrig blieb!"
Unter den Büchern, die Jenny der jungen Prinzessin sandte, befand sich
auch Victor Hugos "Hernani", das sie ihr nach Eisenberg, dem Landsitz
des Herzogs von Altenburg, geschickt hatte. Darauf bezieht sich
folgender Brief Helenens:
Eisenberg, den 10. April 1834.
"Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank, mein theures Fräulein, für die
Freude, die mir Ihre Güte bereitete, und täuschen Sie nicht meine
Hoffnung, die vertrauensvoll auf Ihre Nachsicht rechnete, als Ihr
Büchlein Tage und Wochen --ja -- Monate bei mir ruhte. Meine
Entschuldigung kann nur in der Vorliebe für dieses Werkchen und in dem
sicheren --vielleicht zu sicheren Glauben an Sie bestehen. Nein, sicher
genug kann nie der Glaube an die liebe Jenny sein! Ein Herz, wie das
Ihre, kann vergeben, wenn man ihm edelmüthige Gesinnungen zutraut, und
wird vergeben, wenn ich sage, daß ich der Besitzerin wegen das Büchlein
hochhielt, und des Inhalts wegen mir der Abschied schwer fällt. Sie sind
der freundliche Engel meiner Lektüre gewesen, bleiben Sie es und deuten
Sie mir, ich bitte Sie, die Schriftsteller an, die Ihnen vielleicht noch
Graf Vaudreuil als empfehlenswerth nannte, ehe er schied; denn seinem
Geschmack, glaube ich, dürfen wir getrost folgen -- und die Perlen der
neuen französischen Litteratur noch mehr kennen zu lernen, ist mein
lebhafter Wunsch.
"Recht lang scheint mir die Zeit, die seit unserer letzten Begrüßung
liegt; ich glaube, es war auf dem Kinderball, wo Sie des kleinen
Findlings Schutzgeist waren; ein unfreundlich Geschick trennte uns
seitdem; doch hoffe ich, Sie verbannen mich nicht ganz aus Ihrem
Andenken, denn hat man sich einmal gefunden, so mag Zeit und Raum
kämpfen. Ein freundlicher Stern leuchtet segnend am Horizont und führt
zusammen hier oder dort.
"So unendlich glücklich und froh ich hier im liebenden Kreis der Familie
lebe, so sehr werde ich mich dennoch freuen, mein liebes Weimar mit
seinen freundlichen Bewohnern wieder zu begrüßen, denn ihm gehört ein
großer Theil meines Herzens, --Sie, liebes Fräulein Jenny,
wiederzusehen, wird mir eine wahre Herzensfreude sein.
Ihre Helene."
Etwas später bekam Jenny ein Gipsrelief der Freundin mit diesen Zeilen:
Ludwigslust, den 27. Sept. 1834.
"Um einen freundlichen Blick meiner lieben Jenny möchte ich bitten,
indem ich ihr das unbedeutende Dingelchen in die Hand drücke, welches
meine Züge vor ihre Augen führen möchte. Ruhen sie von Zeit zu Zeit auf
dem kalten toten Gips, so werden sie auch Leben hinein hauchen und die
Seele hervorrufen, die es verbirgt, die die Ihrige liebt und versteht
und sich in froher Vergangenheit vertraut mit ihr fühlte.
"Mag auch jene Vergangenheit immer mehr zur Vergangenheit werden --
mögen gleich tausend Eindrücke das Gemüth berühren, sie wird nimmer
zurückgedrängt, sondern wie ein Glanzpunkt meines Lebens mir theuer und
unvergeßlich bleiben. Sie, liebe Jenny, waren eine der freundlichsten
Erscheinungen derselben, und Ihr Andenken wird sich nie verwischen, es
erweckt nur den Wunsch in mir, Ihnen näher treten zu können, und tiefer
noch in Ihre liebliche zarte Seele blicken zu dürfen.
"Sollte uns auch eine lange Zeit trennen, ich glaube, wir werden uns
doch immer wieder verstehen und gleich nahe stehen. Meine innigsten
Wünsche für Ihr Glück werden Sie umgeben. 'Es gehe dir nie anders als
wohl,' sage ich mit Jean Paul, 'und die kleine Frühlingsnacht des Lebens
verfließe ruhig und hell -- der überirdische Verhüllte schenke dir darin
einige Sternbilder neben dir und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen
Abendrot vonnöten ist!' Denken Sie, wenn Ihr Herz sich freut, auch
einmal an
Ihre Helene."
Bald darauf wurde Helene von einem für sie, der die Mutter schon sehr
früh gestorben war, doppelt großen Unglück betroffen, das wie eine
Vorahnung des künftigen, noch größeren, erscheint: infolge eines Sturzes
vom Pferde starb ihr zärtlich geliebter Bruder Albrecht. Jenny schrieb
ihr voll warmen Mitgefühls und bekam diese Antwort:
Ludwigslust, den 12. Nov. 1834.
"Den innigsten, den liebewärmsten Dank meiner lieben theilnehmenden
Jenny für die Worte, die Sie in meinem Schmerze zu mir reden, und die in
ihrer seelenvollen Tiefe mich so innig rühren und erheben, daß ich sie
oft wieder durchlese. Ihr Herz wird durch Gottes Gnade vor einem solchen
Verlust bewahrt werden. Er, der Sie liebt und schützt, wird Sie durch
freudigere Wege zum Ziele führen, dessen stiller Sinn schon in Ihrem
edlen Gemüthe liegt. Das ist mein Wunsch, denn je mehr ich leide, je
mehr möchte ich die, die mir teuer sind, mit Freude und Glück umringen
können. Ach, aber blicke ich im Geiste hinein in Ihr tiefes dunkles
Auge, dringe ich in die Schriftzüge, die mir Ihre Grüße und Worte der
Liebe brachten, -- ach, da ergreift mich ein schmerzvoller Klang aus
tiefem, verborgenem Quell, und ich muß weinen, um Sie weinen, um die
Klage Ihres eigenen Herzens. Sie weinen gewiß oft, meine liebe Jenny,
aber in Ihren Thränen bricht sich der Strahl des Himmels und die
Melancholie, die das Gepräge Ihres ganzen Wesens ist, die Sie umgiebt
wie ein Glanz des Mondes, sie zieht Sie ab von der tändelnden
Nichtigkeit des Tageslebens, und enthüllt Ihnen in eigner Brust das
Leben der Liebe, das ewig Nahrung gebende Princip, das vom Himmel
stammend uns Thatkraft und Muth in den Kämpfen, Ergebung eines Kindes in
den Fügungen, Glaube und Freudigkeit in jeglichem Wechsel des Lebens
verleiht. Die Leichtfertigkeit der faden Welt verletzt das verwundete
Gemüth -- ich weiß es und Sie müssen es empfunden haben, drum hinein
ins eigene Sein, in das Herz -- -'my heart my only kingdom is'- ...
"Liebe Jenny -- mir ist das Herz so voll, daß meine Worte mir immer dürr
erscheinen -- Worte sagen wenig, die Sympathie versteht aber auch kaum
angedeutete Gefühle. Ich möchte Ihnen die Hand reichen über die weiten
Fernen hinüber -- wir sind beide betrübt -- ich weiß nicht, warum ich
Thränen in Ihren Worten lese, täusche ich mich, so danke ich Gott, wenn
er Ihnen einen froheren Weg zeigt als mir. Sagen Sie es mir, wenn Sie
glücklich sind, und Sie finden gewiß ein Lächeln der Freude in meinem
betrübten Gemüth. -- Sind Sie geprüft, nun so blicken wir vereint
hinauf, von wo uns Hülfe kommt. Gott mit Ihnen und
Ihrer Helene."
"Mein Brief war gesiegelt, da öffnete ich das Zeitungsblatt und fand die
Todesnachricht des Grafen Vaudreuil! Nichts konnte mir unerwarteter
sein, heute noch dachte ich an ihn, an seine Liebenswürdigkeit und
freute mich seiner Bekanntschaft, nun ist auch er hinübergezogen in das
'stille Land' ... Was wird jetzt aus Ihrer kleinen Marguerite, die er so
liebte! Könnte Sie doch zu Ihnen!"
Aus dem folgenden Jahre stammt ein acht Seiten langer Brief, der nichts
ist als ein einziger Gefühlserguß und durch Jennys Geständnis ihres
traurigen Herzensschicksals hervorgerufen wurde. Er beginnt:
Ludwigslust, den 4. Febr. 1835.
"Mein Herz trieb mich zu Ihnen, liebe vertrauensvolle Jenny, seit Sie
meinem Blick erschienen sind, wie viel mehr, seit Ihre holde reine Seele
der meinigen ihr Leben, ihr theuerstes Geheimniß anvertraute und damit
Gegenliebe dem liebedürstenden Gemüthe bewies ... Ja, ich irre sicher
nicht, Sie wußten es längst, welchen wehmüthigen Lebensglanz Ihr Brief
auf mein Herz geworfen hatte, Sie wußten, wie innig ich Sie liebe, seit
ich mit Ihnen geweint ..."
Die Verbindung zwischen beiden blieb über alle Freuden und Leiden des
Lebens hinaus bestehen, wenn es auch zweifellos ist, daß hier, wie im
Verkehr mit Prinzeß Augusta, Jenny die Gebende war, die anderen die
Empfangenden. Ihre Briefe, von denen leider so wenige erhalten blieben,
sind stets die stärksten Emanationen ihrer Seele gewesen. Die Form des
Briefes wählte sie auch da am liebsten, wo ein größeres Publikum der
Adressat war, wie z. B. im "Chaos" und später im "Wilhelmsthaler
Journal". Für die Hofgesellschaft war dies ein literarischer Mittelpunkt
geworden, wie das "Chaos" es für Ottiliens Kreis gewesen war. Manche
jener schwärmerischen Briefe der Herzogin Helene fanden Aufnahme darin;
da jedoch das Blatt nicht gedruckt wurde, ging der größte Teil seines
Inhalts verloren.
Von Jennys Beiträgen dagegen ist viel erhalten geblieben: Reflexionen,
Erinnerungen an Personen und Bücher, Erzählungen, Märchen, auch
Familiensagen und Anekdoten, die von den verschiedenen Gästen erzählt
und von ihr festgehalten worden waren. Gerade diese kennzeichnen die
Richtung einer Zeit, der die napoleonische Epoche noch so nahe war, daß
Lebende sich ihrer erinnern und von ihr erzählen konnten, und in der
Kriege aller Art die Gemüter erregten. Alte Offiziere Napoleons
erzählten von ihm; andere, wie Prinz Friedrich Schwarzenberg und Alfred
von Pappenheim, berichteten von ihren Erlebnissen in den italienischen,
polnischen und türkischen Feldzügen, oder im griechischen
Freiheitskrieg. Auch die romantisch-mystische Neigung der Zeit kam zu
ihrem Recht: der eine wußte von dunklen Schicksalen zu berichten, die
wie ein ehernes Fatum über bestimmten Familien schweben, oder von
geheimnisvollen Einwirkungen einer unsichtbaren Welt. Und während so die
bunten Bilder des Lebens und der Phantasie an den geistigen Augen der
Zuhörer vorüberzogen, saßen die jungen Mädchen still im Kreise und
stickten Vergißmeinnicht und Rosen mit glänzenden Perlen auf
Brieftaschen und Geldbeutel für die, die ihrem Herzen nahestanden. Nur
Jenny stützte zumeist, ihrer Gewohnheit gemäß, das Köpfchen auf die
feine, schlanke Hand, denn sie konnte sich nie mit dem, was man
weibliche Handarbeit nennt, befreunden, die ihrem künstlerischen
Geschmack widerstand. Lieber nahm sie den Bleistift und das Skizzenbuch
und porträtierte die Anwesenden. Ihr Talent dafür war ein nicht
gewöhnliches. C. A. Schwerdgeburth, der das letzte Porträt Goethes
zeichnete, war ihr Lehrer, und eine Mappe voller Bildnisse aus dem Ende
der zwanziger Jahre spricht noch heute für den Lehrer wie für die
Schülerin.
Erfindungs- und Darstellungsgabe zeigen ihre kleinen Erzählungen für das
"Wilhelmsthaler Journal", wenn auch der schwärmerisch-sentimentale
Inhalt sie uns heute schwer genießbar macht. Was sie dagegen in der Form
freundschaftlicher Briefe an Erfahrung und Lebensweisheit bot, läßt es
erstaunlich erscheinen, daß ein so junges Mädchen die Verfasserin sein
konnte. Zwei dieser Briefe mögen hier folgen. Im ersten, der Antwort auf
ein in den Schleier der Anonymität gehülltes Schreiben Karl Alexanders,
gibt sie sich als alte Frau. Er lautet:
"Wie gut steht es der Jugend, wenn sie ihre Spiele, ihr Lachen, ihre
Thorheit vergißt, um dem trüben, ernsten Alter ihr Leben und ihre Farbe
zu borgen; sie gleicht dem Epheu, der mit seinem frischen Grün den
färbenden Stamm umschlingt, dem wilden Wein, der sich zärtlich um die
Ruinen der Jahrhunderte windet. Sie kommen zu mir mit der Güte der
ersten Jugend, mit den liebenswürdig höflichen Formen der großen Welt:
Sie bitten um Verzeihung wegen Ihrer Gabe, Sie entschuldigen sich Ihrer
Liebenswürdigkeit wegen, mit dem Mantel der Demuth wollen Sie Ihre
Gefälligkeit bedecken, für die Sie mir den Dank zu ersparen suchen;
trotzdem sollen Sie ihn haben und offenherzig haben: ich danke Ihnen
für Ihren reizenden Brief, ich danke Ihnen, daß Sie einen jener
glücklichen Augenblicke erfaßt haben, die ich dem Anschein nach für
dauernd halten würde, die dem Ausdruck der Gedanken so günstig sind; ich
danke Ihnen sogar für den Krieg, den Sie gegen die Einsamkeit und das
Gefühl eröffnen -- denn, haben Sie nie von jenem magischen Trank gehört,
der plötzlich verjüngt, von jenen Streichen mit dem Zauberstab, die jene
Hexerei der Zeit, Alter genannt, verbannen? Nun denn, mein Herr, Ihre
Worte enthalten diese magische Kraft; meine Krücke werfe ich fort, ich
richte den gebeugten Rücken auf, meine grauen Haare färben sich wieder,
meine Stimme wird stark und jung und ruft Ihnen den Kriegsruf entgegen;
jawohl, den Kriegsruf, denn Sie haben den Trost und die Freude meines
ganzen Lebens angegriffen; Einsamkeit, dunkle Wälder, Gedanken, die das
Herz erforschen und unter der sichtbaren Form der Thaten in das tägliche
Leben eingreifen; das alles verdammen Sie mit dem einen Wort:
Sentimentalität. Erinnern Sie sich der Worte von Casimir de la Vigne an
Lamartine:
-Pourquoi donc trop séduit d'une fausse apparence-
-Nommer la liberté, quand tu peins la licence?-
Mein Herz erkennt diese Entheiligung des Gefühls, Sentimentalität
genannt, nicht an: zwar ergeht sie sich gern in der Natur, hat stolze
Worte für die Schönheit des Waldes, heiße Thränen für den Tod einer
Blume, doch das wahre Gefühl allein hat Kraft und Thaten. Die Natur in
ihrer Pracht und Schönheit hat für diese Kinder des menschlichen Geistes
zwei verschiedene Sprachen, sie sagt der Sentimentalität: 'Athme dieses
weiche, unbestimmte Glück der Lüfte, der Sonne, der Blumen ein, mache
eine Ode daraus, singe ein Lied dafür, und vor allem entsinne dich alles
dessen, was andere in ähnlicher Lage empfunden haben, um auszusprechen,
wenn du nicht so fühlst,' dann wirft sie ihr einige Reime, wie 'Herzen
-- Schmerzen, Thränen -- Sehnen' in den Schoß, macht ihr ein Recept
nach ihrem Geschmack: träumerisches Schmachten, Blicke gen Himmel, süße
Traurigkeit und, siehe da, die Sentimentalität ist fertig! Sie braucht
weder Vernunft noch Stärke, sie kümmert sich weder um die Seele noch um
den Nächsten, sie badet sich wohlgefällig in dem echten oder künstlichen
Genuß des Augenblicks -- ich überlasse sie Ihnen, mein Herr, wir wollen
sie zusammenrichten, und alle Kräfte unseres Geistes sprechen ein
furchtbares 'Schuldig' gegen sie aus.
"Aber das ist nicht die Lehre der Natur, der Einsamkeit für das echte
Gefühl; diese Sprache ist in anderen Sphären entstanden, ihre Worte
verlangen Thaten: 'Mein Donner, mein Sturm predigt Dir Gottes Macht,
meine Tannen und Eichen predigen Dir seine Größe, meine Felsen, die
Pfeiler der Schöpfung, predigen Dir seine Kraft; mit den Strahlen der
Sonne sendet er Dir seine Liebe und Güte, in jede Blume, in jede
Vogelfeder hat er die heiligen Gesetze ewiger Ordnung eingetrieben, und
Du, Widerschein seines Geistes, Du wagst es, schwach und schüchtern zu
sein; erhebe Dich aus Deinem kleinen irdischen Leid, schau um Dich, auf
dieser reichen Erde gibt es Wesen, die hungern, die frieren, geh, hilf
ihnen; Du hast Brüder, die Dich beleidigten, Dein Herz brachen, Dein
Leben zerrissen, geh, vergieb ihnen; siehst Du furchtbare Irrthümer,
schreckliche Verirrungen, geh und bekämpfe sie; Du seufzt, Du wankst
unter der Last Deiner Thränen; schnell, trockne sie, und dann vorwärts,
vorwärts ohne Furcht! Der Neid, der Leichtsinn, die Selbstsucht schlagen
Wurzel in Deinem Herzen, reiße dieses Unkraut aus, Du darfst nicht,
nein, Du darfst nicht schwach und klein sein inmitten der
Unendlichkeit!'
"Die Natur hat dem Gefühl ihre Predigt gut gelehrt -- nicht wahr, sie
verdient die Priesterweihe, wir werden ihr die erste freie Oberaufsicht
anvertrauen; ich freilich werde verlieren, da ich sie bisher allein
meines Hauses Hüter, meinen Lehrer und Beichtvater nannte, aber ich
opfere mich der Gesammtheit und werde ihren Worten folgen, die sie zu
allen spricht.
"Während meiner langen Wanderungen zog dieser unsichtbare Priester meine
Seele vor Gericht, wir sprachen miteinander über mein Leben, über meine
Schmerzen und die Schmerzen anderer, wir theilten sie in zwei Hälften
und nannten die eine Schicksal; sie enthielt alles Leid, das wir nicht
ändern können; die andere Hälfte trug verschiedene Titel, wie:
Pflichten, die zu erfüllen, Fehler, die zu vermeiden sind, und zum
Schluß den Wahlspruch: kämpfen! Und wenn ich mich in Theorien verlor,
wenn Gedanke sich auf Gedanke thürmte, so hoch, daß die Erde drohte zu
verschwinden, hielt mein Führer mich zurück und zeigte mir eine Tanne,
die sich stark und gerade zu den Wolken erhob.
"'Höre die Geschichte dieses Baumes,' sagte er, 'vergiß nicht, eine
Lehre für Dich darin zu finden, und wende sie, die von oben kam, hier
unten an. Auf seinen Flügeln trug der Westwind die Samen zweier Tannen
bis zu jenem Hügel, und bald entschlüpfte das Leben dem Kerker und
erschien grün und frisch in den Strahlen der Sonne. Die eine von ihnen
war bezaubert vom Anblick des blauen Himmels, von seinem wunderbaren
Glanz, und beschloß, sich bis zu ihm zu erheben. Sie strengte alle ihre
Kräfte an, sie wuchs, zum Neide ihrer Nachbarn, mit fabelhafter
Geschwindigkeit zu nie gesehener Höhe. So lange nur der Zephyr mit ihr
spielte, freute sie sich ihres Wachsthums, doch als der Sturm nahte,
schlug sein hochgeschwungenes Scepter mit einem einzigen Schlag den
ehrgeizigen Stamm zu Boden. Sein Genosse war viel kleiner als er; er
hatte, während er wuchs, nie seinen Ursprung vergessen und fest die
Wurzeln in die Erde gesenkt; er widerstand dem Sturm, er wuchs empor, er
sah Jahrzehnte ihn bewundern, doch nie in seinem höchsten Ruhm vergaß er
die Erde. Des Himmels heiliges Licht nährte ihn, doch was er empfing,
gab er der Erde als Kraft und Gesundheit zurück, sie brachte seinen
Wurzeln den Saft und er gab ihn als Schönheit und Größe dem Himmel
wieder.'
"Ich liebte die Lehren meines Predigers, ich dachte ihrer stets, und ich
schämte mich sehr, wenn ich bei der Rückkehr von meinen langen einsamen
Spaziergängen keinen guten Rath für den, der ihn bei mir suchte, kein
Hilfsmittel für den Leidenden, keinen Trost für meinen Kummer gefunden
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