"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mächtige, stille
Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Fürstengruft
geleitete.
* * * * *
"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntäglich zur Kirche, faltete
allabendlich die Hände zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gruß dem
lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er
lächelte freundlich und schenkte mir ein Körbchen Erdbeeren, das er
gerade einem armen, zerlumpten Mädchen abgekauft hatte, für mehr Geld,
als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag
mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn überall: im Park, im
Wald, auf der Straße, zu Haus, nur in der Kirche nicht.
"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.
"'Er ist kein Christ!'
"Ich erschrak tödlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lächeln, wie
konnten die Leute ihn grüßen, wie konnte er leben und war doch kein
Christ?
"Ich wuchs heran. Da hörte ich, daß einer armen, fleißigen Familie das
Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Kräften
beizustehen, und fand sie glücklich und zufrieden in einem neuen Heim:
"Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig
sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!
"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen
Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Händen, er sprach so
schön von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es,
die nicht von ihm unterstützt worden wäre, kein Sonntag verging, ohne
daß er vor dem Altar des Herrn gekniet hätte. Eines Tages aß ich bei
ihm, ein Diener zerbrach eine Schüssel, und sein Herr schlug ihn dafür.
Dann hörte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm.
'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trägt gerechte Strafe,' sagte
mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!
"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut
in den Hütten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und
Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern
und hölzernen Stühlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit
einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er
nicht doch ein Christ?!
"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch
die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Hütten der
Armut vorübergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen
Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der
es versäumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."
Freundschaft und Liebe
Die Zeit, in die Jennys Jugend fiel, pflegt heute als die des
Biedermeiertums bezeichnet zu werden, und der moderne Gebildete, dessen
prätentiöser Geisteshochmut jeden Zweifel an seiner tiefgründigen
Kenntnis aller Dinge für verdammenswerte Majestätsbeleidigung erklärt,
stellt sich darunter eine Periode geruhigen, geistesarmen Philistertums
vor, eine ereignislose Pause inmitten der beiden Akte der Welttragödie:
Napoleon und 1848. Redselige Gefühlsergüsse, die Pfeife und die geblümte
Kaffeetasse sind, so meint er, ihre Symbole. Wer aber unter dem Einfluß
dieser allgemein verbreiteten Auffassung in der Geschichte der
Menschheitsentwicklung nach dieser Pause sucht -- sehnsüchtig sucht
vielleicht, wie der vom Lärm der Großstadt Umtoste nach einem stillen,
grünen Winkel -- der mag die Jahresblätter noch so oft hin und her
wenden, er findet sie nicht. Und vor dem, was er findet, löst sich das
Bild der guten alten Zeit auf wie ein Traum am Morgen.
Nationale Kämpfe erschütterten Europa. Der Freiheitskampf der Griechen
begeisterte die Jugend, der der Polen stempelte sie wieder zu
bewunderten Märtyrern; die Magyaren und die Italiener rangen um ihr
Volkstum. Unterirdisch und doch für alle schon fühlbar grollte der durch
die Metternichsche Zuchthauspolitik erregte Zorn des Bürgertums.
Politische Attentate in ungewöhnlich großer Zahl wurden zu Verkündern
der Revolution der Zukunft. Und die trotz aller Beschränkung der
Preßfreiheit sich rasch ausbreitende Tagespresse begann in das stille
Heim des Bürgers den Strom des öffentlichen Lebens zu leiten und wurde
zum Sprachrohr nicht nur der Unterdrücker, sondern auch der langsam zur
Manneskraft reifenden liberalen Ideen. Daneben aber entwickelte sich mit
der zunehmenden Zahl der zum Himmel ragenden Fabrikschlote, mit der
wachsenden Herrschaft der Maschinen etwas Neues, nie Dagewesenes: das
Selbstbewußtsein der in den Höllen der Industriemagnaten
zusammengezwängten Massen. In England und Frankreich griffen sie zum
erstenmal zur Selbsthilfe der Arbeitseinstellung, und gegenüber dem
allgemeinen Elend fingen soziale Ideale an, Hirn und Herz der Denker und
Dichter zu erobern. St. Simons Sozialismus ward vielen zur neuen
Religion, von der sie die Erlösung der Welt erwarteten.
Doch das wachsende Interesse für politische und soziale Fragen nahm den
geistig belebten und empfänglichen Teil der Bevölkerung nicht in dem
Maße in Anspruch, daß Kunst und Wissenschaft darüber zu kurz gekommen
wären. Die Tatsache, daß deutsche Gelehrte -- Vertreter jenes Typus
weltfremder Stubenweisheit -- ihre stille Studierstube verließen und auf
die große Bühne des politischen Kampfes traten, trug mit dazu bei, daß
auch die Ergebnisse ihrer Forschungen über den engen Kreis der
Fachgelehrsamkeit hinaus mehr und mehr in die Köpfe der Laien drangen.
Aber von noch größerer Bedeutung als sie war die Kunst für das geistige
Leben der Gesellschaft. Je älter der letzte der Klassiker wurde, desto
lebendiger wurden er und seine Zeitgenossen, die Schiller, Herder,
Wieland, für das gebildete Deutschland. Und die Romantiker mit dem
Zauber ihrer weltentrückenden Phantasie, dem funkelnden Glanz ihrer
Sprache machten ihnen den Rang vielfach streitig. Mit ihnen wetteiferten
um Ruhm und Gunst die glänzenden Sterne am Dichterhimmel des Auslandes
-- Scott, Dickens, Shelley, Lamartine, George Sand, Balzac, Hugo --
während die Vertreter des jungen Deutschlands schon anfingen, der
Romantik den Krieg zu erklären.
Da das Berufsleben den Bürger noch nicht in jenes Prokrustesbett
fesselte, das ihn heute nur zu oft zu geistiger Verkrüppelung zwingt,
und seine Frauen und Töchter die Befreiung aus innerer oder äußerer Not
noch nicht in der Lohnarbeit zu suchen brauchten, so gab es in ihrem
Familienkreise die schöne Ruhe, die geistiges Genießen ermöglicht. Eine
andere Voraussetzung mußte allerdings noch hinzukommen, damit dieser
kostbare Besitz nicht in gedankenlosem Zeitvertreib verschwendet werde:
der Seelenhunger nach intellektueller Speise, die Sehnsucht nach Nahrung
für das Gemüt. Hatten die Kämpfe der Zeit die Männer mehr und mehr aus
dem lethargischen Schlaf geweckt, in dem ein behaglich-einförmiges Leben
so leicht zu versinken vermag, so hatten die Ideen des St. Simonismus,
die geistige Vorkämpferschaft einer Staël und einer George Sand in
Verbindung mit dem Einfluß der das weibliche Geschlecht auf das
Piedestal geistiger Ebenbürtigkeit erhebenden Romantiker, die alte
Überzeugung von der Minderwertigkeit der Frauen in ihren Grundfesten
erschüttert und ihnen die Augen geöffnet für die Bedürfnisse ihres
eigenen Wesens. Es war nur natürlich, daß ihre plötzliche Befreiung aus
den Fesseln alter Sitten und Vorurteile sie auf der einen Seite zu einem
Mißbrauch der noch unverstandenen Freiheit, einem kecken Hinwegsetzen
über alle Hindernisse führen mußte, und auf der anderen, nach der
bisherigen gewaltsamen Unterdrückung, ein überschäumender Ausbruch der
Gefühle sich geltend machte. Nachdem die sturmbewegten Wogen sich aber
geglättet hatten, blieb als nicht zu überschätzender Gewinn die
lebendige Anteilnahme der Frauen am geistigen Leben, die freie
Entfaltung ihrer Empfindung und ihrer Fähigkeiten zurück. Der geistige
Einfluß einer Rahel, die soziale Wirksamkeit einer Bettina, der erste
deutsche Frauenrechtskampf einer Luise Otto-Peters sind demselben Boden
entsprungen wie der phantastische Selbstmord einer Charlotte Stieglitz,
die Liebesrasereien einer Hahn-Hahn.
"Still und bewegt," dieses schöne, von Rahel geprägte Wort war das Motto
der Biedermeierzeit: still das tägliche Leben des einzelnen, still das
Heim, ruhig das Zimmer mit seinen Mullvorhängen und geradlinigen Möbeln;
der Geist aber und das Herz bewegt vom eigenen Denken und Fühlen und von
dem der großen Welt.
Weimar war während der zwölf Jahre, die Jenny von Pappenheim als
erwachsenes Mädchen dort lebte, wie ein Brennpunkt der Zeit. Hier hatte
die Klassik der Romantik in ihren besten Vertretern die Hand gereicht,
hier strömte alles zusammen, was geistige Bedeutung besaß, und wer von
den Führern intellektuellen und künstlerischen Schaffens nicht
persönlich kam, um einmal eine Luft mit dem Größten zu atmen -- als
einen Segen fürs Leben --, der wurde doch durch seine Werke den meisten
vertraut. Angehörige aller Nationen kamen, brachten ihre Interessen mit
und die Kunde von ihrem Heimatland. So waren denn die engeren und
weiteren Kreise, die sich um Goethe zogen, in ihrer Mannigfaltigkeit
bunt wie ein Regenbogen und vielfach wechselnd wie ein Wellenspiel. Je
älter Goethe wurde, desto ausgedehnter wurde die Völkerwanderung. Aus
England besonders, wo es damals zum guten Ton gehörte, die Sprache
Goethes sprechen zu können, kamen zahlreiche Gäste.
Die jungen Mädchen Weimars sahen sie besonders gern, denn die Fremden
waren meist reiche, unabhängige junge Leute, nur gekommen, um Goethe zu
sehen, Deutsch zu lernen und sich zu amüsieren. Keinerlei Berufsarbeit
zog sie von ihren literarischen und anderen Interessen ab, keinerlei
Ermüdung durch des Tages Arbeit hinderte sie am Genuß der Geselligkeit.
Zu jeder Zeit konnten sie sich den Damen widmen, der einheimischen
männlichen Jugend waren sie daher stets ein Dorn im Auge. Alfred von
Pappenheim, der seine Halbschwester Jenny zärtlich liebte und vor seinem
Eintritt in russische Kriegsdienste in Weimar lebte, auch auf Urlaub oft
dorthin zurückkehrte, konnte selbst in seinen Briefen seinen Ärger über
die Engländer, die die "ersten Liebhaberrollen spielen", nicht
unterdrücken, und Karl von Holtei, ein häufiger, beliebter Gast in
Weimar, sekundierte ihm dabei, indem er schrieb: "Zum erstenmal in
meinem Leben wünsch' ich ein Engländer zu sein, wenigstens immer so
lang, als ich in Weimar bin, denn
Weimar an der Ilm ist eine Stadt,
Schön, weil sie so viel Schönheiten hat,
Alle Fremden sind wohlgelitten,
Vorzüglich die Briten."
Der Einfluß der Engländer, unter denen sich manch einer befand, der
später im künstlerischen oder politischen Leben eine Rolle spielen
sollte, war unverkennbar: das Interesse für englische Literatur, das sie
erregten, stieg bis zur Schwärmerei. In den verschiedenen geselligen
Kreisen war die gemeinsame Lektüre interessanter Literaturerscheinungen
allgemein üblich. Sie regte zu ernsten Gesprächen an und trug dazu bei,
daß zu oberflächlicher Unterhaltung und seichtem Tagesklatsch wenig
Neigung blieb. Englische Bücher -- Lord Byron vor allem und Walter
Scott, die beide Goethes höchste Anerkennung gefunden hatten -- wurden
besonders gern gelesen.
Aber auch die französische Literatur wurde nicht vernachlässigt. Graf
Alfred Vaudreuil und seine schöne Frau Luise, der französische Gesandte
am Weimarer Hof, und Graf Karl Reinhard, sein Attaché, der Sohn des uns
aus Jeromes Geschichte bekannten Reinhard, sorgten dafür, daß sie der
Weimarer Gesellschaft vertraut wurde, und Jennys französische
Beziehungen, die besonders durch ihre Korrespondenz mit den Türckheims
und mit Graf Eduard Waldner aufrechterhalten blieben, machten sie selbst
zur geeigneten Mittelsperson für Frankreichs geistiges Leben, das in den
Namen eines Chateaubriand, Lamartine, Balzac, George Sand, Victor Hugo
kulminierte. Galt das Interesse der Jugend hauptsächlich der schönen
Literatur, so wurde durch die häufigen Besuche berühmter Gelehrter in
Weimar, durch die von Maria Paulowna eingeführten literarischen Abende
am Hof, wo von ihnen oder von den stets geladenen Jenaer Professoren
Vorlesungen gehalten wurden, auch für die wissenschaftliche Bildung und
Aufklärung gesorgt.
In einem anderen geselligen Zirkel, der sich im Hause Johanna
Schopenhauers zusammenfand, waren es die politischen Fragen, die am
häufigsten erörtert wurden. "Es wehte eine eigentümliche Luft in diesen
Räumen," erzählte Jenny von Pappenheim in Erinnerung an sie, "die von
der Luft Weimars verschieden war. Man atmete, man bewegte sich freier
als bei Hofe, weniger frei als bei Ottilie. Die Interessen, die uns hier
zusammenführten, waren mehr geistige als Herzensinteressen; der Kreis,
in dem die Unterhaltung sich bewegte, umschloß nicht nur die Literatur,
sondern auch jede Art der Wissenschaft; selbst die sonst unter uns
verpönte Politik, der wir mit ziemlicher Gleichgültigkeit begegneten,
fand hier Beachtung. Johanna Schopenhauer hatte eine unvergleichliche
Art, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und trotzdem, wie mit
unsichtbaren Fäden, die Geister in Bewegung zu erhalten. Oft schien sie
selbst kaum an der Unterhaltung teilzunehmen, und doch hatte ein
hingeworfenes Wort von ihr sie angeregt; ein ebensolches belebte sie,
sobald sie ins Stocken zu geraten schien. Ihre Tochter Adele, meine sehr
liebe, wiewohl bedeutend ältere Freundin, war in anderer Art wie die
Mutter, aber doch auch ein belebendes Element dieses Kreises. Ihre
Leidenschaftlichkeit riß sie oft über die Grenzen der geselligen
Unterhaltung hin. Ihre Empfindungen waren von verzehrender Glut und ein
Hauptgrund ihrer vielfachen körperlichen Leiden. Von Natur reich begabt,
fehlte ihr die Kraft, sich zu beschränken, so daß sie weder ihr
poetisches, noch ihr künstlerisches Talent zu Bedeutendem ausbildete.
Goethes eindringliches Wort: 'Beschränkung ist überall unser Los' wollte
sie nicht verstehen, daher das Gefühl des Unbefriedigtseins dauernd auf
ihr lastete. Vollkommen und tadellos war ihre Geschicklichkeit im
Silhouettenschneiden. Sie illustrierte einmal ein Märchen, das Tieck
vorgelesen hatte, und zwar während er las, mit einer Feinheit und
poetischen Auffassung, die deutlich zeigten, was sie hätte leisten
können, wenn sie die Ausdauer gehabt hätte, zeichnen und malen zu
lernen. Durchaus verschieden von Mutter und Schwester zeigte sich Arthur
Schopenhauer, der, so selten er auch in Weimar war, doch oft genug
erschien, um sich uns unsympathisch zu machen. Goethe verteidigte seine
Persönlichkeit einmal ziemlich lebhaft. Er, der so innigen Anteil an dem
Ergehen seiner Freunde nahm, sah ungern, wie das Zerwürfnis zwischen
Johanna Schopenhauer und ihrem Sohne ständig zunahm und sein Einfluß
machtlos dem gegenüberstand. Die Treue in der Freundschaft, die tätige
Liebe zu den Kindern seiner Freunde ist immer einer seiner schönsten
Charakterzüge gewesen, von dem die Schopenhauersche Familie das beste
Zeugnis ablegen konnte. Er war ein häufiger Gast in deren Hause gewesen;
nun, da er nicht mehr ausging, zog er Adele oft in seine Nähe, der
Mutter so am besten seine Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft, ihren
anregenden Umgang beweisend.
"Ein ständiger Besucher ihrer Teeabende war -Dr.- Stephan Schütze, eine
sehr beliebte, originelle Persönlichkeit. Er hielt sich bescheiden
zurück, sprach nicht viel, aber dann mit liebenswürdigem, trockenem
Humor, der auch in seinen Gedichten, die er uns häufig vorlas, Ausdruck
fand. Vorlesen, Vorsingen, Vorzeigen eigener oder gesammelter Kunstwerke
machte überhaupt unsre damalige Geselligkeit zu einer so belebten. Man
wetteiferte darin, man hatte einen aufmerksamen, geschärften Blick für
alle Vorkommnisse inneren und äußeren Lebens und teilte anderen die
eigenen Beobachtungen und Erfahrungen rückhaltlos mit. Daß sie sich
nicht auf die engen Grenzen Weimars beschränkten, daß uns auch für das
politische Leben der Blick geöffnet wurde, war mit das Verdienst Johanna
Schopenhauers."
Diese vielfachen Anregungen sollten aber auch in verschiedenster Weise
fruchtbar werden, zu eigener Fortbildung und selbständiger Tätigkeit
anregen, und es war wieder Goethe, der dies Bestreben nach jeder
Richtung eifrig unterstützte. An der Zeitschrift "Chaos", die nur für
einen abgegrenzten Teil naher Bekannter erschien, nahm er regen Anteil.
Jenny, die sich darin in Versen -- englischen, französischen und
deutschen -- und in Prosa oft vernehmen ließ, erzählt von ihr:
"Ihre Gründung war ebenso originell wie sie selbst. Wir saßen ziemlich
einsilbig bei Ottilie im Mansardenstübchen, Emma Froriep, Hofrat Soret,
Mr. Parry und ich. Eckermann, den sein Herr und Meister eben losgelassen
hatte, kam ebenfalls hinauf und sah betrübt aus dem Fenster.
"'Es regnet', sagte er.
"'-It rains!-' wiederholte Parry.
"'-Il pleut!-' lachte Soret.
"Ottilie, ärgerlich über diese animierte Unterhaltung, schlug vor,
irgend etwas zu erfinden, um die einschlafende Gesellschaft wieder
aufzurütteln. Nach langem Hin- und Herreden wurde ein 'Musenverein'
feierlich gegründet. Er sollte regelmäßig zusammenkommen und dichtend,
singend, malend den Musen dienen. Goethe aber sollte unser Oberhaupt,
unser Apollo sein; davon wollte er jedoch nichts wissen, und der
Musenverein als solcher kam nur noch einmal zusammen, um dann dem
'Chaos' Platz zu machen, das nun während fast zweier Jahre im
Mittelpunkt unseres Interesses stand.[71] Es war ein geselliger
Zeitvertreib, weckte, förderte Interessen, Talente und Talentchen und
hinderte wertlose Klatsch-Konversionen, war also in Goethes Sinn.
Ottilie, -Dr.- Froriep, Soret und Parry redigierten das 'Chaos' mit
vielem Takt und großer Verschwiegenheit. Es erschien jeden Sonnabend,
man fand Herzensergießungen in drei Sprachen, riet, hoffte verstanden zu
werden, hatte Stoff zu angenehmen Gedanken und Unterhaltungen; es war
ein anmutiges Spiel. August Goethe, Karl von Holtei, der den ersten
Prolog für sie geschrieben, und Felix Mendelssohn, Goethes David, waren
unsere eifrigsten Mitarbeiter; Mendelssohn verfaßte einige allerliebste
Verse dafür, sandte auch später einen Reisebrief aus Schaffhausen und
mystifizierte uns, indem er, sich hinter dem Namen einer Dame
versteckend, eine Warnungspredigt vor Weimars Gefahren einschickte. Sein
immer sehr harmloser Zorn richtete sich gern gegen die Engländer,
besonders gegen Mr. Robinson, den er stets nach seinem Freytag frug.
Ganz besondere Freude bereitete uns Mendelssohn mit seinen Kompositionen
einzelner Chaoslieder. Eins derselben ist fast zum Volkslied geworden
und hat mich immer gerührt, wenn ich es hörte.[72] Im zweiten Jahrgang
unserer Zeitung erschienen drei Briefe Mendelssohns,[73] die dieser an
Goethe geschrieben hatte. Die Briefe seiner Freunde, die Goethe an
Ottilien zuweilen zum Zweck der Veröffentlichung gab, wurden von ihm
erst einer genauen Revision unterworfen; er strich Unnötiges, kürzte die
Sätze und änderte oft noch den ersten Druck. Ebenso verfuhr er mit
Gedichten, die ihm in die Hände fielen. Er vernichtete oft über die
Hälfte der Strophen; waren die Verse gar zu schlecht, so schüttelte er
nur bedenklich den Kopf, brummte 'hm, hm' oder 'nu, nu' und legte sie
beiseite. Von den Erzeugnissen unserer dilettantischen Muse, die er
zurechtgestutzt hatte, pflegte Ottilie scherzend zu sagen: 'Wir haben
sie durch das Fegefeuer geschickt.'
"Nach zwei Jahren des Bestehens unserer Zeitschrift mischten sich
Neugier und Eitelkeit auch auswärtiger Kreise hinein, und da wurde sie
so seicht, daß es eine Art Erlösung war, als der sehr kluge Irländer
Goff daneben ein englisches -'Creation'- erscheinen ließ, dem ein
französisches -'Création'- von Soret folgte."
An Goethes Geburtstag, dem 28. August 1829, war das erste Blatt der
Zeitschrift erschienen. Sie enthielt außer einigen Beiträgen von Goethe
selbst solche von Riemer und Knebel, Fouqué und Chamisso, von Johann
Dietrich Gries, dem geistvollen Übersetzer des Tasso, des Ariost und des
Calderon, von Eckermann und August Goethe, von Adele Schopenhauer, von
den reizenden Schwesternpaaren Egloffstein und Spiegel. Von Sulpice
Boisserée wurde ein Brief an Goethe über das Oberammergauer
Passionsspiel veröffentlicht, worüber Goethe ihm selbst Mitteilung
machte: "Ihre anmutige Betreibung der traditionellen Aufführung eines
geistlichen Dramas ist sogleich in dem Abgrund der chaotischen
Verwirrung verschlungen worden." Auch Zelter schickte einen Bericht über
Berliner Theaterereignisse, und Bettina von Arnim sandte zierliche
Reime. Unter den Ausländern treten[TN1] die jungen Engländer als
Mitarbeiter besonders hervor: Lord Loveson Gower, Charles des Voeux,
Samuel Naylor brachten Übersetzungen Goethescher Verse in ihrer
Muttersprache, der Irländer Goff, der schließlich auf dem Grabe seines
geliebten Kindes starb, nachdem er zehn Jahre lang jeden Winter nach
Weimar gekommen war, um eine Nacht auf dem Kirchhof zuzubringen, sandte
phantastische Träumereien, und W. M. Thackeray, der schon als ganz
junger Mann nach Weimar kam, stellte hie und da schüchtern sein noch
unbekanntes Talent in den Dienst des "Chaos". Zur Erinnerung an ihn, der
in Jennys noch vorhandenem Album durch einige seiner hübschen
Zeichnungen vertreten ist, schrieb Jenny später:
"Thackerays -'Vanity fair'- rief mir wieder lebhaft den liebenswürdigen
Verfasser ins Gedächtnis zurück, der ein so treuer Freund meines
väterlichen Hauses war; sein treffender Humor, sein weiches Herz
sprechen sich in jedem seiner Werke aus. Er war hauptsächlich in Weimar,
um sein eminentes Zeichentalent zu entwickeln. Während wir um den
Teetisch saßen und sprachen, zeichnete er die humoristischsten Szenen.
Sich selbst zeichnete er in einer Minute und fing immer beim Fuß an,
ohne die Feder abzusetzen, daneben pflegte er einen kleinen Gassenjungen
hinzustellen, der ihn verspottete, da er einen durch Boxen
eingeschlagenen Nasenknochen hatte. Sonst sah er gut aus, hatte schöne
Augen, volles, lockiges Haar und war ziemlich groß. Er gehörte zu den
beliebteren Engländern, die sich in Weimar länger aufhielten, und deren
gab es genug."
Einer ihrer leidenschaftlichsten Verehrer, Prinz Elim Metschersky,
Attaché der russischen Gesandtschaft, schrieb in Prosa und Poesie für
das "Chaos" und widmete der Angebeteten, nicht zu Erobernden, darin
folgendes Gedicht:
-L'éclat de ton regard aurait trop ébloui-
-Si la nuit ne l'avait recouvert de son voile;-
-Il a le clair-obscur du jour évanoui,-
-Il a le feu brillant, le feu vif de l'étoile.-
-Le génie et l'esprit unis au sentiment-
-Voulurent tour à tour qu'il fut leur interprête,-
-La lyre exprime ainsi par son frémissement-
-Chaque sensation de l'âme du poète.-
Er war es auch, der auf seine Bemerkung, daß man in Weimar nicht zu
tanzen verstünde, von Jenny die Antwort erhielt: "Wir vergessen zu
tanzen, aber die einzige Ursache ist: zu angeregte Unterhaltungen.
Fragen Sie die bösen Zungen nach unserem schlimmsten Fehler, und sie
werden Ihnen antworten: zu angeregte Unterhaltungen. Und um Ihnen zu
beweisen, daß es nicht die Damen allein sind, die sprechen, sei Ihnen
verraten, daß sie alle Englisch gelernt haben durch zu angeregte
Unterhaltungen." Durch seine Behauptung, "daß die deutschen Mädchen von
sechzehn Jahren mit ebensolcher Sicherheit von der Liebe sprechen wie
die Französinnen im gleichen Alter von ihren Puppen", führte Metschersky
einen anderen lebhaften Meinungsaustausch herbei. Die Antwort Ottiliens
darauf ist so bezeichnend für die damalige Gemüts- und Geistesatmosphäre
Weimars, daß sie wiedergegeben zu werden verdient. Sie schrieb:
"Über jede Empfindung sprechen wir uns mit Klarheit und Offenheit aus.
Wäre Weimar ein Ort, wo man wenig Fremde sieht, oder diese sich doch in
einem großen Zirkel verteilen könnten, wir würden, wie es Sitte und
Gewohnheit verlangt, die ganze Stufenleiter, die man mit einem Fremden
durchzumachen hat, von der ersten Frage an: Sie sind zum erstenmal in
Weimar? bis zu all den Gesprächen über Theater und Wetter, durchkämpfen;
doch da die verschiedensten Länder uns ihre Bewohner senden, so haben
wir uns alle stillschweigend entschlossen, die entsetzliche Kette der
Langenweile, die uns auf die hergebrachte Weise täglich und stündlich
drücken würde, abzuwerfen und, nachdem wir die erste Phrase als
Abfindungsquantum bezahlt, dann ruhig in unserer Weise fortzufahren, als
wäre kein Fremder zugegen. -- -- Worin besteht denn der Unterschied,
sich fremd oder einheimisch fühlen? Doch nur darin, daß man den alten
Bekannten mit Vertrauen und ohne Zeremonie entgegenkommt; also tut und
spricht, als könnte man nicht mißverstanden werden, während man den
Fremden eigentlich immer in anderen Orten mit einer Art behandelt, die
doch eigentlich nichts wie ein höflich gezeigtes Mißtrauen ist.
"Sie loben den Enthusiasmus, den wir für unsere Dichter empfinden und
die Sorgfalt, mit der wir ihre unsterblichen Werke in unserer Seele
aufnehmen. Doch ich frage Sie, was ist mehr das Eigentum des Dichters
als das gelobte Land der Liebe, als all die Wunderquellen, die ihm
entspringen, sie mögen nun Namen tragen, wie sie wollen. Die Frauen
verstehen sich überhaupt schlecht auf das Sondern, im Gegenteil, sie
suchen alle Empfindungen zu verketten, und Liebe, Poesie, Ruhm,
Vaterland, das alles bildet für sie eine elektrische Kette, von der man
nur ein Glied zu berühren braucht, und es erzittert die ganze Reihe. So
ist es auch mit ihrem Wissen und Verstehen aller Dinge, sie suchen stets
den Teil davon zu erfassen, der es an eine Empfindung anschließt. Nehmen
Sie uns die Empfindung oder vielmehr das Recht, sie zu zeigen, schneiden
Sie uns von unseren Dichtern ab, und wir werden wie die Pariserinnen
genötigt sein, zu witzeln und über Mode, Equipage und dergleichen zu
reden; erlauben Sie Ihren Frauen, Frauen zu sein, das heißt ein Herz zu
haben, und sie werden uns an Liebenswürdigkeit übertreffen, weil ihre
angeborene Heiterkeit nur gemildert werden würde, während bei uns das
Gefühl oft so despotisch das Übergewicht erhält, daß jede Eigenschaft
des Geistes dadurch unterdrückt und gänzlich untüchtig für die
Geselligkeit gemacht wird. -- Man verspottet die Chinesinnen, daß sie in
der frühesten Jugend die Füße ihrer Töchter in so enge Bande schnüren,
daß dadurch der Fuß nie seine natürliche Form erhält, zum eigentlichen
Gebrauch untauglich wird und sie durch das Leben schwanken. Doch mich
deucht, nach Ihrer Schilderung, daß die französischen Mütter dasselbe
Experiment mit ihren Töchtern vornehmen, nur mit dem Unterschied, daß
sie statt des Fußes das Herz dazu wählen -- und am Ende ist doch ein
verkrüppelter Fuß besser als ein verkrüppeltes Herz."
Wer heute die vergilbten Blätter des "Chaos" zur Hand nimmt, dem wird
die ganze Zeit lebendig: wieviel Geist und Wissen, wieviel mehr noch
Schwärmerei und Leidenschaft! Selbst das Lächeln glänzt nur zwischen
Tränen, und in den poetischen Liebesgrüßen, die hin und her gewechselt
wurden, herrscht weniger die Seligkeit als das Leid der Liebe.
Auch Jennys Herz, das achtzehnjährige, liebte zum erstenmal; es war
nicht jenes wild aufflackernde, strahlende und rasch wieder erlöschende
Feuerwerk, dem die erste Liebe junger Menschen gleichzusehen pflegt, es
war die verzehrende Flamme heißer Liebesglut, die sie ergriffen hatte.
Sie ist niemals ganz erloschen, und noch im späten Alter muß sie still
auf dem Altar der verborgenen Herzenskammer gebrannt haben, denn junger
Liebe, für die andere meist ein mitleidig-spöttisches Lächeln übrig
hatten, begegnete die Greisin mit tiefster, fast mit ehrfürchtiger
Teilnahme. Und nie kam der Name dessen, dem ihr Herz gehört hatte, über
ihre Lippen. So weiß ich nur, daß er ein Engländer war, daß sie sich
ihm, den ein schweres Lungenleiden nach dem Süden trieb, gegen den
Willen der Eltern heimlich verlobte und durch Ottiliens Unterstützung
mit ihm in Verbindung blieb, bis er im Jahre 1834 in Korfu einsam
gestorben ist. Die Schwermut, die alles beherrscht, was sie in diesen
fünf Jahren sehnsüchtiger und sorgenvoller Liebe geschrieben hat, ihre
Unnahbarkeit für die Bewerbungen derer, die ihr Herz an sie verloren
hatten, ihre Abneigung gegen die gewohnten Freuden der Jugend sprachen
für die Tiefe ihrer Empfindung. Was an den Geliebten erinnerte, hat sie
vernichtet; vielleicht zeugt dieses Opfer aller Liebeszeichen von
größerer Pietät, als wenn sie sie bewahrt und damit vor den Händen und
den Blicken Gleichgültiger nicht geschützt hätte. Nur diese zwei
Gedichte, die sie unter dem Eindruck ihres Schmerzes schrieb, und eine
Erinnerung an das Haus Goethes, von dem ihres Lebens Inhalt in Glück und
Leid ausging, sind erhalten geblieben:
Menschenschicksal
Jüngst sah ich im Vorübergehn
Vor einem goldnen Gitter
Ein lieblich Kindchen rüttelnd stehen,
Im Herzen Ungewitter.
"Die goldnen Ketten fesseln mich,
Die goldnen Stäbe bannen,
Die goldnen Wände drücken mich,
Ich möcht, ich möcht von dannen!"
Und was erreicht sein wild Bemühn?
Hat es sich losgerungen?
Zog es ins Weite stark und kühn?
Ist Großes ihm gelungen?
Am goldnen Gitter steht das Kind,
Schaut bleich ins Weltenrund,
Nur daß die Händchen blutig sind
Und Stirn und Füße wund.
Ein Leichenbegängnis
Ich grabe im Herzen ein tiefes Grab
Und senke den bleichen Freund hinab,
Und decke es zu mit Tränen und Weh
Damit kein Fremder es jemals säh!
Es tritt die Erinnerung leis hinzu,
Sie singet milde den Freund zur Ruh
Und baut im Herzen ein Monument,
Darauf eine ewige Lampe brennt.
Tief in der Nacht dann schleich ich hin
Und grabe mit treuem, liebendem Sinn
Ein Lebewohl auf den Grabesstein
Und ein Wiedersehen auf die Lampe ein!
"... Ich stieg jene breite klassische Treppe empor, die meine Schritte
schon so oft durchmessen hatten -- mit fünfzehn Jahren, als ich im
runden Hut, im Pensionskleid und grünen Spenzer mit kindlicher Erregung
und jugendlichem Enthusiasmus an der Seite meiner Mutter hinausging, um
zum ersten Male den Nestor, den Herkules des deutschen Parnassus zu
besuchen; mein Herz grüßte ihn mit jener heiligen Ehrfurcht, die uns die
Arme über der Brust kreuzen läßt, mit jener vertrauenden Zärtlichkeit,
die voll Hingebung einen Vater in dem erhabenen Greis mit den weißen
Haaren, mit der Jupiterstirn findet; mit sechzehn Jahren ging ich
denselben Weg, um mein Püppchen (Alma von Goethe) zu finden, ein
reizendes Kind, das ich wickeln und umhertragen durfte; später wurde
seine Mutter meine Freundin. Mit wie viel verschiedenen Gemütsbewegungen
betraten meine Füße diese Stufen! Sie fühlten den leichten Schritt des
jungen Mädchens, das, zum Fest geschmückt, nur dem Gedanken an das
Vergnügen nachhängt, jenem Gedanken, der die Füße beflügelt und die
runden Wangen abwechselnd weiß und rosig färbt; sie fühlten denselben
Tritt, unsicher und zögernd vor Hoffnung und Furcht wegen einer
möglichen Begegnung, die das Herz nicht mehr ganz gleichgültig ließ, und
wenn die Füße wieder langsam die Stufen hinuntergingen, hätten sie
fühlen müssen, ob andere sie begleiteten und oft für ein Wort, für einen
Blick still standen, oder ob das junge Mädchen enttäuscht und allein,
fast gedankenlos den gewohnten Weg betrat. Während vieler trauriger Tage
stieg ich empor, teils um zu trösten, teils um selbst getröstet zu
werden, um zu klagen, um zu lernen, um Gewißheit zu erlangen über dunkle
Gerüchte oder um manchmal an der Freude über gute Nachrichten
teilzunehmen. Als Krankenpflegerin stieg ich empor wie als harmloser
Besuch, als Geladene zu einer geistreichen Gesellschaft, die sich am
Flügel oder um den runden Tisch mit seinen zwei Kerzen versammelte. Mit
brennenden Wangen ging ich hinauf, getrieben vom wild pochenden Herzen,
zurückgehalten von zitternden Knien -- ich glaubte unter diesem Dach
mein Glück, meine Zukunft zu finden; -- dann, eines Tages, schritt ich
dieselben Stufen abwärts; an einer Stelle hörte ich ein Wort, und das
Wort hieß 'Lebewohl'; und es war so mächtig, daß es sich den Mauern, der
Treppe einprägte; und noch nach acht Jahren, wenn ich eintrat, schrien
Mauern und Treppe mir dies Wort bis in die Tiefe des Herzens zu."
Wie Jenny einmal von Goethe gesagt hatte, daß er zu denen gehöre, die
ihre Größe mit dem "Pfahl im Fleisch" bezahlen müssen, so erging es ihr:
jede seelische Erschütterung ergriff auch den Körper. Jener furchtbare
Abschied, der wohl den Abschied fürs Leben schon ahnen ließ, schien sie
aller Lebenskraft zu berauben, und da keiner der Weimarer Ärzte ihr
helfen konnte, wandte sich ihre Mutter schließlich an -Dr.- Samuel
Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, der nach langem Wanderleben
und Anfeindungen aller Art sich endlich in Köthen als Hofrat und
Leibarzt des Herzogs Ferdinand niederlassen konnte. Er nahm den wärmsten
Anteil an dem Ergehen seiner Patientin, und seine Briefe an sie --
winzige Zettelchen mit winziger Schrift -- gewähren Einblick in die
originelle Art seines Verkehrs mit ihr. So schreibt er im November 1827:
"Mein gnädiges Fräulein!
"Die pünktliche Folgsamkeit, mit welcher Sie meinen Wünschen nachkommen
und die Offenheit in Darlegung Ihres körperlichen und Gemütszustandes in
Ihrem Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, daß
ich den innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme und daß ich Alles thun
werde, Sie herzustellen. Auch Ihre trüben Ideen sind bloß Folgen Ihres
körperlichen Unwohlseyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit
begonnen haben muß. Mit der Gesundheit Ihres Körpers weichen aber jene
niederschlagenden Vorstellungen gänzlich. Bis hierher hatte diese
melancholische Gemüths-Verstimmung doch den großen Vortheil für Ihre
Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, welcher so oft junge
Frauenzimmer Ihres Alters von dem edelen Ziele ihres Daseyns entfernt
und der modigen Frivolität Preis giebt ...
"So hat der Allgütige selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine
Wohlthat erwiesen in Sicherstellung Ihrer Moralität, deren Reinheit mehr
als alle Güter der Erde werth ist ..."
Wenige Monate später hieß es:
"Mein liebes gnädiges Fräulein!
"Sie haben allerdings bei reiferen Jahren, wenn Ihr jetzt noch zu zartes
und daher so viel bewegtes Herz mehr Kraft und ruhigere Schläge bekommen
wird, auch Ihr inneres Siechtum noch mehr sich gebessert hat, frohere,
gleichmäßigere Tage zu verleben. Die unnennbaren, Sie jetzt noch
bestürmenden Gefühle werden sich dann am besten in einer, wie Sie
verdienen, glücklichen Ehe zu einem ruhig frohen Leben auflösen unter
schönen Mutter- und Gattenpflichten. Nur getrost; bei Ihrer edlen
Denkungsart wird es Ihnen noch recht wohl gehen, da, wie ich sehe, Sie
nicht zu große Ansprüche an diese etwas unvollkommene Welt machen und
mehr bei sich selbst an Vervollkommnung arbeiten. Ich bitte mir ferner
Ihre Körper- und Geisteszustände treu zu berichten, und versichert zu
sein, daß ich auf Alles achte, was Ihnen zum Wohlsein gereichen kann als
Ihr teilnehmender untertäniger
S. Hahnemann.
"Im Tanze bitte ich stets sehr mäßig zu sein, dann kann er Ihnen nicht
anders als wohl bekommen."
Aus den übrigen Briefen sei noch folgendes wiedergegeben:
"Mein gnädiges Fräulein!
"Billig hätten Sie mir längst den Gegenstand Ihrer so tiefen Betrübniß
eröffnen sollen, wo nicht speziell und mit Namennennung, doch im
Allgemeinen bezeichnend -- nicht etwa bloß, weil ich als Mensch
herzlichen Anteil nehme, sondern weil ich als Ihr treuer Arzt doch
wissen muß, ob auch der Gegenstand der Art war, daß auch eine gesunde
Person so stark hätte müssen davon affiziert werden, oder so beschaffen,
daß eine solche Trauer der Sache nicht angemessen war und Sie nicht so
tief und anhaltend davon hätten gebeugt werden können, ohne körperlich
krank zu sein. So aber stehe ich da, wie vor einem Rätsel, dessen
Aufklärung ich von Ihnen erwarten muß, ehe ich besondere Rücksicht mit
meiner Arznei darauf nehmen kann. Bloß beiliegende 16 Pülverchen bitte
ich noch zu gebrauchen ... Allein spazieren wünsche ich nicht, wohl aber
recht viel ins Freie in Gesellschaft, damit Sie Ihren Gedanken nicht zu
sehr nachhängen. Vor Wein sollten Sie sich gänzlich hüten ... Nach
Verbrauch der Pülverchen bitte ich sogleich zu berichten
Ihrem untertänigen Hahnemann.
Köthen, d. 1. Sept. 1828"
"Mein liebes gnädiges Fräulein!
"Wenn die gütige Vorsehung den sendet, der Ihrer würdig ist, der wird um
Ihre schöne Seele freyen, und Ihre Schönheit nur als vortreffliche
Zugabe ansehen -- der wird auch ein Mann sein, vor dem die Gecken
fliehen und die Wüstlinge beschämt zurücktreten, die keine Ahnung von
dem Werthe einer engelreinen, weiblichen Seele haben, die ich durch Ihre
Briefe in Ihnen zu verehren das Glück gehabt habe ... Diese Pülverchen
nehmen Sie getrost von Ihrem
untertänigen S. Hahnemann.
Köthen, d. 3. Nov. 1828."
In einem der letzten Briefe lesen wir:
"Fahren Sie nur so fort, nächst Ihrer diätetischen Folgsamkeit, mir in
Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemüth aufzuschließen.
Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfänglich für so
etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath
zu geben weiß. Erhält, wie bei Ihnen, das geistige Gefühl und die
Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das körperliche davon übermannt und
über die Maße gestört. Da ist es nöthig, auf den rechten Weg
einzulenken, wo der Körper neben dem Geiste seine Rechte behaupten
könne, da ist es nöthig, solche Beschäftigungen zu wählen, wobei die
Phantasie möglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten
geübt wird .... Nächstdem bitte ich bloß leichte, frohe Lieder (keine
andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen
und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womöglich vielmehr
Vergnügen bei Ihren Spaziergängen zu verschaffen, haben Sie in Weimar
die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der
Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gnädigen
Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit
schätzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche
Beschäftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergängen nicht mehr einsam
und ohne Unterhaltung. -- --"
Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemüt des jungen
Mädchens eine bessere Arznei sein, als seine "Pülverchen" ihrem Körper.
Aber den Rat, der überall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden
und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die
Verbindung mit einem "würdigen Mann" die erste Leidenschaft zu
überwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es
nicht; ihre Schönheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte
alle.
In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heißt es unter anderem:
"Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles
bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte.
Da ich, wie gewöhnlich mich unter den Zuhörenden befand, so könnte ich
über die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im
Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich
aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die
sich nur auf andere Gegenstände wandten, um zu ihr erfrischter und mit
größerer Neigung zurückzukehren.
"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spät
kommt. Sie saß aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen
den die Zuhörer einen langen Halbzirkel bildeten. An den übrigen
vorlesenden Personen war besonders anfänglich eine gewisse Verlegenheit
merklich, wie sie unter solchen Umständen gewöhnlich sein mag, und
welche sich besonders darin zeigte, daß die Seele der Lesenden nicht
ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen
entstanden. Jenny aber saß da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die
Hand unter ihr Köpfchen gestützt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an
Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will
sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht
mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fängt ihre
Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe
Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schönen
Seele zu, und ich kann nicht sagen, daß je die Unschuld eines reinen
Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswürdigkeit erschienen
sey. Nach beendigtem Stück sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber,
daß sie groß Angst gehabt und daß ihr Herz während dem Lesen laut
gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht
begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen könne, daß man
ihm nicht das geringste ansieht.
"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren
Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schönheit man
mir viel gerühmt hatte ... Allein neben der schönen Melany und Jenny
konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]
Alfred von Pappenheim schrieb einmal an seine Stiefschwester Cecile von
Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe: "Es tut mir leid, daß
ich Dich nicht begleiten kann ... Mit Jenny würde ich mich nicht leicht
entschließen, zu reisen, aber Du als Backfischchen fändest vielleicht
nicht so viel Verehrer, und meine Rolle als Chapron würde dann nicht so
schwer sein."[75] Und Karl Wolfgang von Heygendorff, der Sohn von Karl
August und Caroline Jagemann, der Jenny sehr verehrte, schrieb noch in
der Erinnerung begeistert, wie "wunderschön und engelgut" sie damals
war.
Sie blieb allen gegenüber, die sich um sie bewarben, von gleichmäßig
kühler Freundlichkeit. Die Freundschaft mußte ihr ersetzen, was ihr die
Liebe schuldig geblieben war, und in einer Zeit wie die ihre, wo die
Herzen einander weit offen standen, weil der eigene innere und äußere
wüste Lebenskampf die Empfindungen noch nicht bis zu dem traurigen Rest
vollkommener Selbstsucht abgestumpft hatte, gab es noch echte,
teilnehmende Freunde. Ottilie Goethe nahm unter ihnen die erste Stelle
ein. Deren Charakteristik, die sie bald nach der Trennung von ihr
niederschrieb und auch im Alter noch für zutreffend erklärte, gibt ein
deutliches Bild dieser merkwürdigen Frau:
"Ich fand meine Freundin in ihren hübschen Mansardenstuben, umgeben von
Büchern und Papieren, vor einem kleinen offenen Bücherschrank; ihre
Augen glänzten, ihre braunen Locken schienen schon zwanzig Mal nach
hinten geschüttelt zu sein; ihre kleine weiße Hand hielt ein Buch, ihre
Wangen brannten, und schon ihre Begrüßung zog mich in die lebhafteste
Unterhaltung.
"'Herr Noël,' sagte sie, 'frug mich nach einer Charakteristik seines
Geschlechtes, und ich gab ihm Gottes Recept einer Männerseele: eine
starke Dosis Egoismus, dreimal so viel Eitelkeit, ein gut Theil
Berechnung, das sie Vernunft nennen, das Alles gewürzt durch eine
Portion Geist -- und das Ragout ist fertig.'
"In dem Ausdruck, mit dem Ottilie ihr Epigramm begleitete, lag genug
Wahrheit, um den verächtlichen Zug, der ihren Mund umspielte, anziehend
zu machen, und Coquetterie, um ihm den Stachel des Beleidigenden zu
nehmen, aber auch genug Triumph, genug von dem '-je ne sais quoi-' der
Frau, welche den Sklaven neben der Gebieterin verrathen läßt.
"Mr. N. lehnte sich an den Bücherschrank; ich hatte mich in einen
Lehnstuhl geworfen, dessen Rücken in kunstvoller Stickerei das Wappen
Englands zeigte, Ottilie stand in der Vertiefung des Fensters, das durch
die schrägen Wände gebildet wurde. Die Unterhaltung drehte sich um
Irland und die Irländer, ein Thema, das sie ganz beherrschte; sie in
dieser Festung anzugreifen, hieß alle Waffen ihres Geistes gegen sich
richten.
"'Nicht wahr, Du würdest bei einem Feuerwerk nicht versuchen, eine Ferse
in Deinen Strumpf zu stricken?' sagte ich ihr; 'und so kann ich mir an
der Seite eines Irländers kein häusliches Glück vorstellen!'
"'Ich liebe dieses Feuerwerk!' entgegnete sie; 'ich würde ohne Strümpfe
gehen und leicht diese prosaischen Kerzen entbehren, die man vernünftige
Leute nennt; sie haben kein Herz und setzen die Vernunft an dessen
Stelle -- starke Liebe, starker Haß, ernster Kampf und keine Berechnung,
das ist es, was ich liebe. Der Irländer allein hat Herz, Feuer, Muth --'
"'Auch Narrheit und Unbeständigkeit,' unterbrach sie Mr. N. Nach diesem
unerwarteten Einwurf trat sie vor, war mit einem Schritt auf der
Fußbank, mit dem nächsten auf dem Stuhl und warf, wie ein verzogenes
Kind, ein Buch nach dem andern auf die Locken ihres Gegners. Und doch
war nichts Rohes in dieser Kinderei; ich, das junge Mädchen, lächelte
wie eine Großmama zu den Schülerstreichen dieser Frau und Mutter, die
von Zeit zu Zeit zwanzig Jahre ihres Lebens vergaß; alles war an ihr
natürlich und ungeziert, aber ihre Seele, ihrem Geist, ihrem Herzen
fehlten die Zügel -- wie schwer hat sie diesen Mangel büßen müssen!
"Mr. N. suchte mit den Augen einen unauffindbaren Gegenstand. 'Sie
suchen eine Uhr!' rief sie aus; 'ich besitze keine, ich bin dafür zu
sehr Irländerin.' Erstaunt erwartete er eine Erklärung dieser weder in
Roman noch Geschichte jemals erwähnten Nationaleigentümlichkeit. 'Das
heißt, ich habe eine zu hohe Meinung von Gastfreundschaft; es gibt
nichts Gröberes als solch eine Uhr, die in jeder Viertelstunde die
Besucher an die verflossene Zeit erinnert; schlimm genug für die, welche
sich an die Zeit binden, bei mir findet sie keinen Platz, um ihre Sense
anzulehnen.'
"'Und dadurch,' antwortete er, 'werden wir unpünktlich, denn die
Langeweile vertreibt uns nie!'
"'Warten Sie nur, habe ich erst Salons, Lakaien und schöne seidene
Kleider, so werde ich schrecklich langweilig sein. Ich war es schon
weniger, als ich aus Sparsamkeit noch Talglichter brannte, denn
jedesmal, wenn ich sie putzen mußte, sah ich meine Gäste an, sagte
schnell etwas Lustiges, und während sie lachten, putzte ich sie
geschwind incognito. Jetzt bin ich liebenswürdig zwischen meinen
schiefen Wänden, weil ich sie dadurch meinen hohen Besuchern vergessen
lassen muß.' Mr. N. nahm seinen Hut, sie sagte ihm freundlich Lebewohl,
tauschte einen Händedruck von zehn Jahren Bekanntschaft mit ihm und
kehrte zu mir zurück. 'Er ist doch sehr schön,' sagte sie. 'Der Vater
hat mir eine angenehme Bekanntschaft ausgesucht. Er soll ein Herzogthum
zu erwarten haben, jedenfalls paßt er gut in mein Herzogthum.'
"'Also wieder und immer wieder,' rief ich traurig aus.
"'O Du neugierige, kleine Katze, spielst Du wieder die erfahrene Frau
und ich das kleine Pensionsmädchen?'
"Währenddessen hatte die Phantasie mit zauberhafter Schnelle andere
Bilder aufgezogen. Einem Gedanken schien sie nachzusinnen, dessen
Schatten schon ihre Züge bedeckte.
"'Keinen Brief von H. und doch bin ich jetzt frei!'
"'Er hat keinen Pfennig, Ottilie, du weißt es recht gut!'
"'Was soll mir das Geld! Er wollte Missionar werden, ich stimme dem bei,
es ist ein edler Beruf. Kannst Du Dir in der Mitte der Wilden Deine
Freundin vorstellen, sie selbst als seine ergebenste Schülerin? -- Auch
eine Schule wollte er gründen; ich würde die Wirtschaft führen --'
"'Aber, liebes Herz, Du verstehst ja nichts davon.'
"'Die Liebe wird es mich lehren! Nur eins beunruhigt mich, ich kann
Desvoeux nicht vergessen; ich schrieb davon an H. --'
"'Und erzählst es N. morgen.'
"Sie lachte, aber ich hatte Recht, denn nichts hatte Bestand in diesem
Kopfe, in dem die Phantasie Alleinherrscherin war. Da warf sie zwanzig
verschiedene Männerbilder, tausend Lebenspläne, Gedanken, momentane
Empfindungen durcheinander, bis die Bilder zerbrachen, die Gedanken
ausarteten -- dann saß sie vor den Trümmern und weinte! Aber wie bei
kindlichen Schmerzen, tröstete sie die Blume, die ein Fremder ihr
reichte, sie lächelte, sie berauschte sich an ihrem Duft und warf sie
schließlich in die allgemeine Unordnung zu Bildern und Gedanken. Und
doch waren edle unter ihnen, Gedanken von Pflicht, Barmherzigkeit und
Hingebung, aber kein einziger entsprang einem Grundsatz. Der Ursprung
war Liebe, das Ziel war Liebe, das Leben war Liebe, trotzdem diese Frau
nicht mehr jung und nicht schön war. Die Strahlen der Schönheit, mit
denen ihr Geist sie oft zu verklären schien, warfen sie nur noch tiefer
in Gram und Reue, denn oft entzündete sich die Leidenschaft an diesem
Glanz, um, wenn er erlosch, ebenso schnell zu vergehen; sah sie die
Flamme matter und matter brennen, fühlte sie, daß ihr Athem sie nicht
mehr anzufachen vermochte, so weihte sie die Stunden der Nacht ihrem
wilden Schmerz. Und dennoch entsagte sie nicht diesem Phantom der Liebe,
sie begehrte in der ganzen Welt nichts als sie, inmitten brennender
Thränen rief sie aus: 'Immer nur Leidenschaft, niemals Liebe!' Aber
schon im nächsten Augenblick klammerte sie sich an die Leidenschaft, die
ihr in der Maske der Liebe nahte -- und dann immer dasselbe Trauerspiel:
Glück, Seligkeit, Verlust und Reue. Trotzdem fehlte es ihr an
Freundinnen. Sie hatte alte und junge, fromme und kluge, Weltfrauen und
junge Mädchen mit derselben Einbildungskraft wie die ihre; Freundinnen
mit gebrochenem Herzen und Priesterinnen der Vernunft -- sie Alle waren
ihr ergeben, denn sie war von Herzen liebenswürdig -- liebenswürdig
selbst in ihrer Thorheit. Ja, sie hatte Freundinnen, doch diese hatten
sie nicht!
"'Glaubst Du, daß er kommt?' fuhr sie fort. 'Da stehe ich nun den ganzen
Tag am Fenster und warte auf den Briefboten und denke dazwischen an D.'
"'Du bist zu müßig, Ottilie!'
"'Was soll ich tun? D. gab mir zu thun: den Tasso mußte ich übersetzen
und drucken lassen, dann nahm ich drei Monate lang Zeichenstunden, weil
er sich die Copie eines Bildes wünschte, und ich hatte noch nie einen
Bleistift berührt! Übrigens -- doch, du wirst lachen -- nachdem N. mich
gestern Abend verlassen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich diesen
Morgen aufschrieb, ich will ihn dir vorlesen. -- Du sagst, ich sei
müßig, und weißt doch, daß ich sechs Stunden des Tages dem Vater widme;
oft kann ich nicht mehr und glaube ohnmächtig zu werden vor Schwäche,
doch der Gedanke, daß ich ihm nützlich, ihm nothwendig bin, daß ich
seine alten Tage verschönen und in der Welt zu etwas gut sein kann,
dieser Gedanke giebt mir die Kräfte wieder. Neulich haben wir den
Plutarch zu lesen angefangen, und schließlich las er mir aus dem zweiten
Teil des Faust; es war schön und groß, als ich aber nach elf Uhr mein
Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Länge nach, zu Boden.'
"Ich erhob mich, um sie zu küssen; ich liebte in diesem armen Kinde der
Phantasie dieses Gefühl, diese Pflicht, die ihrer Hingebung entsprang,
dieser stillen, gewissenhaften, rührenden Hingebung mit all ihren
kleinen, stündlichen Opfern, ihren verborgenen Anstrengungen bis zur
Entkräftung, deren nur eine Frau fähig ist. Inzwischen hatte sie auf
allen Tischen nach ihrer Schrift gesucht, doch vergebens; ich kam ihr zu
Hilfe und entdeckte endlich unter Büchern, Briefen, Stickereien und
Noten ein mit einer großen engen Schrift bedecktes Papier. Ich begann zu
lesen; welch buntes Durcheinander: Kleider und Schärpen, Blumen und
Bücher, die sie sich zum Geburtstage wünschte, verschiedene Adressen,
quer darüber einige Verse ihrer Tasso-Übersetzung, den Titel einer neuen
Geschichte Irlands, und endlich in der Mitte fand ich etwas, das eine
Fortsetzung zu haben schien. 'Gib her, das ist's,' sagte sie und begann:
"'In einem dunklen Tempel verbreitete eine einsame Ampel ihr trauriges
Licht; lange schon hatte sie gebrannt und Niemand gab sich die Mühe, sie
mit Lebensspeise zu versorgen; trotzdem leuchtete sie noch, denn der
Tempel lag auf dem Wege frommer Pilger, und sobald die Flamme nahe am
Erlöschen war, warf eine barmherzige Hand ihr etwas hin, das Leben zu
fristen. Es war nicht immer geweihtes Öl, das ihr gebührte; die Pilger
gaben, was sie hatten: eine Blume, ein Lorbeerblatt, einen Dornenzweig;
der Eine gab ihr einen Tropfen Blut, der Andere seine Thränen -- und die
Lampe brennt heute noch!'
"'Du bist es,' sagte ich; 'diese Flamme ist deine Seele, doch der neue
Pilger, Ottilie, bringt dir nur einen Dornenzweig!'
"'Sei es darum, auch dieser bringt mir Leben.'
"Goethe hatte während dieses Abends den Besuch eines Freundes, Ottilie
war frei, ich blieb bei ihr; um sieben Uhr kam Herr N. und verschiedene
junge Engländer, später der Thee auf rundem Tisch, den zwei Lichter
erhellten.
"Die Unterhaltung wurde lebhaft, wie immer, sie drehte sich um Armuth
und Reichthum, und Ottiliens Verachtung dieser 'kleinen Stückchen von
schmutzigem Metall' trat deutlich zu Tage.
"'Doch wie vereint sich deine Verachtung mit den Ansprüchen einer
eleganten Frau?' fragte ich lächelnd.
"'Ach, du triffst wieder meine schwächste Seite! Stellen Sie sich vor,
meine Herren, sie moquiert sich über mich! Über mich, die ich ein neues
Mützchen, eine seidene Schürze, russische Schuhe und die schönste aller
Sammetcravatten trage!'
"'Man sagte mir, es sei nicht allzu lang her, daß du dich der Mode
fügst!' gab ich zurück; 'und deine Locken --'
"'Sind tausendmal schöner als dein Vogelnest. Sie sind --'
"'Vom Jahre dreizehn,' unterbrach ich sie.
"'Ja, vom Jahre dreizehn!' rief Ottilie bewegt; 'alles Gute, alles
Schöne ist vom Jahre dreizehn; -- damals gab es noch Begeisterung,
damals war Preußen herrlich, und unsere Herzen hatten ein Vaterland! Die
Regimenter durchzogen die Stadt und ließen uns ihre Verwundeten; wie
Engel des Friedens betraten wir die Krankenhäuser, und die Kranken
segneten uns! Des Abends gab die Stadt einen Ball. Wenn wir einem der
Officiere einen Walzer versagen wollten, hieß es: vielleicht ist es der
letzte, und wir gewährten ihn. Dann die Bivouaks und morgens die
Trommler, die Schlachtmusik -- ein Gruß, ein Lebewohl mit gesenktem
Degen -- es gab in Deutschland keine Schlafmützen mehr, sie waren alle
Männer geworden und die Männer Helden! Damals war es der Mühe wert, zu
leben und zu sterben!' ...
"Die Stunden vergingen. Kein Klatsch, keine Frivolität, keine
Taktlosigkeit störte unser Zusammensein. Ottilie hatte es mit jenem
Talent, das keine Frau in dem Grade besaß wie sie, verstanden, Jeden mit
sich zufrieden zu machen; sie hatte mit Jedem über das ihn am meisten
Interessierende gesprochen, wobei Jeder sich naturgemäß am wohlsten
fühlt; sie hatte alle Geistesgaben geweckt und welche zu säen versucht,
wo sie keine gefunden hatte.
"So war meine Freundin, als ich wußte, warum mein Herz ihr
entgegenschlug, jetzt -- -- Ich will diese dunkeln Mysterien des
Schicksals und der Schuld nicht berühren. Dank dem Himmel, der mich
nicht zum Richter dieser unglücklichen Frau berufen hat! Ihre Seele war
glänzend und liebenswürdig, doch für einen anderen Planeten geschaffen;
sie hatte sich in ihrem Fluge getäuscht, statt der blühenden Gärten
ihres Sterns fand sie die kalten Nebel des unseren, statt der Liebe fand
sie die Vernunft auf dem Thron, statt des heiteren Lebens fand sie
Arbeit und Sorgen, statt der unendlichen Räume des Sterns ihrer
geflügelten Brüder fand sie die kleinlichen Verhältnisse unserer Erde,
wo man geht -- oder kriecht. Mit jedem Schritt verstieß sie gegen ein
irdisches Gesetz, jedes Gesetz rächte sich, jeder Irrthum kostete ihr
eine Feder ihrer Flügel, einen Strahl ihres Lichts, eine Blume ihrer
Schönheit -- sie weinte, doch sie lernte nichts! Man donnerte ihr in die
Ohren: Die Vernunft ist König, du bist des Majestätsverbrechens
schuldig; zum Schaffot! zum Schaffot! Sie wollte entfliegen -- ihre
Flügel waren gebrochen, sie wollte durch einen Strahl ihres Lichts ihre
Richter gewinnen -- das Licht war erloschen; auf ihrer Harfe wollte sie
ihre Klagen singen -- zerrissen waren die Saiten!"
Wie über der Familie Bonaparte, so schien über der Familie jenes anderen
Titanen ein dunkles Schicksal zu walten, und wie der Schatten des einen
über Jennys Leben seinen Schleier warf, so auch der Schatten des
anderen, da die Freundschaft sich noch inniger als mit der Mutter das
ganze Leben hindurch mit den Enkeln verband und ihr auch den Vater nahe
geführt hatte. Die Nachwelt ist im Urteil über ihn so hart und ungerecht
gewesen, wie die Mitwelt grausam war gegen seine Söhne. Jenny
charakterisierte ihn folgendermaßen:
"August Goethe habe ich sehr gut gekannt; er war nichts
Außergewöhnliches, sondern ein kluger, gutmüthiger Mann, der, als Sohn
eines anderen Vaters, einen ernsten, ruhigen Lebensweg gefunden hätte.
Der alte Goethe liebte seinen Sohn unendlich, er sah in ihm ein Stück
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