IM SCHATTEN DER TITANEN
Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
von
LILY BRAUN
77.-84. Tausend
Deutsche Verlags-Anstalt/Stuttgart
1918
Mit vier Porträts und zwei
Faksimile-Reproduktionen
Alle Rechte vorbehalten
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Inhalt
Seite
Einleitung 7
Aus Bonapartes Stamm15
Jerome Napoleon 17
Diana von Pappenheim46
Briefe von Jerome Napoleon und Gräfin Pauline Schönfeld
an Jenny von Pappenheim 57
Unter Goethes Augen 77
Jennys Kindheit 79
Goethe 89
Freundschaft und Liebe106
Der Leidensweg der Mutter237
Im stillen Winkel 239
Im Strome der Welt 315
Ausleben 343
Wieder daheim345
Dem Ende entgegen 378
Anmerkungen 421
Register 427Einleitung
Im Jahre 1890 starb Jenny von Gustedt, deren Leben diese Blätter
schildern sollen. Sie war die letzte Zeugin einer großen Zeit, ihre
Gestalt war geweiht und verklärt durch Goethes Freundschaft. Unter dem
Titel "Aus Goethes Freundeskreise" gab ich ein Jahr nach ihrem Tode ihre
Erinnerungen und hinterlassenen Papiere heraus. Sie sind auch diesmal
die Grundlage des vorliegenden Buches. Aber es ist nicht dasselbe wie
damals. Es ist äußerlich und innerlich ein anderes geworden. Das gilt
nicht nur in bezug auf die Anordnung des Stoffes, sondern auch in bezug
auf den Inhalt, der sich um vieles bereichert und manchen für die
Öffentlichkeit uninteressanten Ballast verloren hat. Auch die Gestalt,
die im Mittelpunkt des Buches steht, Jenny von Gustedt, meine geliebte
Großmutter, erscheint verändert. Ihr Bild, das die junge Enkelin noch
nicht zu erkennen vermochte, weil sie jenes Sehen noch nicht gelernt
hatte, das sich nur auf den vielverschlungenen Pfaden eigenen Lebens
lernen läßt, dessen Wiedergabe daher mißlingen mußte, weil all die
mannigfaltigen Farbentöne ihr fehlten, die nur durch persönliche
Erfahrungen zu gewinnen sind, tritt jetzt lebendiger hervor. Wie die
Menschheit stets erst nach und nach zu ihren großen Führern heranreift
und ihnen in Geist und Herzen Altäre baut, lange nachdem sie ihre
Standbilder auf ihren Gräbern in Erz und Marmor errichtet hat, so werden
die Toten jedes einzelnen Menschenlebens ihm auch erst mit der Reihe der
Jahre vertraut und wahrhaft lebendig.
Wohl war meine Großmutter mir von klein auf Schutzgeist und Leitstern
des Lebens, bei ihr fand ich Verständnis für alles, was mich bewegte;
fremd war mir die eigene Mutter im Vergleich zu ihr. "Wie mein das Kind
ist, könnt ihr nicht glauben," schrieb sie, als ich kaum fünf Jahre alt
war. Aber erst jetzt, nachdem sie lange in der Erde ruht, nachdem ich
Weib und Mutter geworden bin, nachdem die "Krallen des Lebens", von
denen sie die Narben trug, sich auch mir ins Fleisch geschlagen haben,
verstehe ich sie ganz. Ich weiß nun aber auch, was ich ihr schuldig bin:
Wahrheit. Nicht nur die Wahrheit, die ich erst im Laufe der Jahre
erkannte, sondern auch die, die ich, unter dem Einfluß konventioneller
Familienmoralbegriffe, bei der ersten Ausgabe des Buches zu verhüllen
gezwungen war.
Von Kindheit an verwob sich mir das Bild meiner Großmutter mit dem jener
Titanen, die an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts die Welt
beherrscht hatten: Goethes und Napoleons. Wenn andere Kinder, der Ahne
zu Füßen sitzend, den alten trauten Märchen lauschen, die sie erzählt,
so ward ich nicht müde, den Lebensmärchen ihrer Jugend zuzuhören. Von
Weimars Glanzzeit sprach sie mir, von vielen kleinen Dingen und
Erlebnissen, die groß wurden, weil das Licht des Goethenamens sie umgab,
von den Menschen der Zeit, die wie ein anderes Geschlecht von da an in
meiner Erinnerung lebten, von dem Großen, Herrlichen selbst, dessen Haus
ihr eine Heimat war und Zeit ihres Lebens ihres Geistes Heimat geblieben
ist. Als ich älter wurde, war sie es, die mir Goethes Lebenswerk
erschloß; aus dem alten blauen Band der "Iphigenie", den er ihr
geschenkt hatte, tönten zuerst seine Worte an mein Ohr. Schauer der
Ehrfurcht ließen mein Herz erzittern, wie sie dann der Fünfzehnjährigen
den schmalen Goldreif an den Finger steckte, der stets ihr liebstes
Angebinde aus des Dichters Hand gewesen war. Wenige Jahre später,
während einer langen Genesungszeit nach schwerer Krankheit, wo ein
junges Ding, wie sie sagte, so leicht auf törichte Gedanken kommt,
sandte sie mir ihre schriftlichen Aufzeichnungen, für die sie bei ihren
Kindern ein Interesse nicht voraussetzen konnte. Sie schrieb dazu:
Lablacken, 22./11. 1884.
Mein trautstes geliebtes Lilichen!
Die alten Manuskripte, die ich Dir sende, werden Dir vielleicht mehr
Last als Freude sein; sie sind nach Zeit, Stimmung, Schrift und
Abschrift so kunterbunt durcheinander, und jede Sache bedarf fast einer
Erklärung, so daß ich Dein Versprechen hinnehme, Dich und Deine Augen,
Deine Zeit und Deine Gedanken nicht damit zu quälen, sondern sie nur als
leichte Beschäftigung und Anregung zu betrachten. Ich habe, wie Du
weißt, viel verbrannt, so als Braut vier Bände Tagebücher und später
viele Kisten voll oft recht interessanter Briefe, auch die von
Scheidler, meinem Hausphilosophen, wie er sich nannte. Die Briefe an ihn
ließ ich nach seinem Tode von seiner Tochter verbrennen, ebenso bat ich
Holtei und manche andere meiner Korrespondenten darum; ich bedaure es
auch nicht: man liest kaum mehr die schönsten klassischen Werke, wie
wird man alte, vergilbte, schwierige Handschriften lesen! Was übrig
blieb, überlasse ich Dir, mein geliebtes Enkelkind, ganz und gar, Du
darfst mit alledem thun und lassen, was Du willst, ich bin damit, wie
mit Allem im Leben, außer mit meiner fast krankhaften Mutterliebe und
mit meinem immer mehr reifenden Christenthum vollständig fertig, bin
sehr unproductiv, und nur manchmal, wenn die Anregung von außen kommt,
schreibe ich Erinnerungen nieder, die Du später auch haben sollst. Mein
Bestes an Gedanken und Gefühlen legte und lege ich in Briefen nieder.
Die meisten anderen Sachen haben eine Geschichte: Entwicklung, Klärung,
unnütze oder gut ausgenutzte Leiden, von Anderen angeregte
Ueberschwänglichkeiten, von innen verarbeitete Irrthümer. Die Aufsätze
aus Wilhelmsthal hatten persönliche Beziehungen und gehören in die
Kategorie getrockneter, gepreßter Blumen mit leisem Duft und matter
Farbe. Die vier französisch geschriebenen Charakterbilder waren die
Fortsetzung früherer, ebenfalls dem Feuertode geweihter, die unter
Goethes Augen entstanden waren und ihn interessierten. Die Art Novelle
'Gräfin Thara' ist mein letztes Geschreibsel; sie hat mich, mit langen
Unterbrechungen, oft angenehm beschäftigt und sollte eigentlich nur eine
Art Einleitung, ein Faden sein, an den ich Erfahrungen und Ansichten
reihen wollte ...
Die Beschäftigung mit den alten Manuskripten bildete ein neues Band
zwischen uns. Ich bat oft um Erklärungen, die mir mündlich und
schriftlich bereitwillig gegeben wurden, so daß nach und nach zu den
alten Schriften viele neue hinzukamen, auch die Erinnerungen, die sie
auf Anregung des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar, ihres
treuen Freundes, noch in ihrer letzten Lebenszeit niedergeschrieben
hatte.
Einst, als ich wenige Jahre vor ihrem Tode wieder einmal in ihrem
stillen grünen Zimmer bei ihr saß, öffnete sie das wohlbekannte Fach
ihres Schreibtisches, das in seiner vorderen Hälfte für mich immer eine
Fundgrube wunderbarer Dinge gewesen war: Ringe aus Haaren, Broschen mit
geheimnisvoll darin verschlossenen Bildchen, Gemmen und Steine, und
andere Merkwürdigkeiten hatten zu meinem Lieblingsspielzeug gehört, um
das sich tausend Träume schlangen; an einem Miniaturbilde aber, das die
Mitte eines breiten goldenen Armreifens bildete, war mein Blick stets
gebannt hängen geblieben: einen Mann in großer Uniform, mit klassisch
regelmäßigen Zügen und dunklen, leuchtenden Augen stellte es dar. Jerome
Napoleon war es, des großen Kaisers Bruder, jenes Kaisers, den
Großmutters Erzählungen mir immer als einen Riesen der Vorzeit hatten
erscheinen lassen -- nicht als jenen bekannten Kleinkinderschreck aller
guten Preußenkinder, sondern als eine schier übermenschliche Gestalt,
deren Machtgebot eine Welt formte und beherrschte. Aus der hinteren
Hälfte des Fachs, das alle diese Wunderdinge enthielt, zog Großmutter
ein sorgfältig verschnürtes Paket hervor und gab es mir. "Bewahre es mit
dem übrigen," sagte sie, "damit es, wenn ich sterbe, nicht vernichtet
wird." Es enthielt Briefe des einstigen Königs von Westfalen an sie, die
geliebte Tochter aus seinem heimlichen Liebesbund mit einer ihm immer
unvergeßlichen Frau. Wohl hatte ich schon lange von Großmamas Herkunft
reden hören, als Kind schon hatte man mich meines Ahnherrn wegen
verhöhnt, und wenn ich an Eltern und Verwandte schüchterne Fragen nach
ihm zu richten wagte, so wurden sie rot und schalten mich; ich wußte nie
recht, ob ich stolz sein oder mich nicht vielmehr seiner schämen sollte.
Seine Briefe erst lehrten mich ihn lieben.
Als Großmama gestorben war und ich ihre Erinnerungen der Öffentlichkeit
übergeben durfte, war es selbstverständlich meine Absicht, ihrer
Herkunft der Wahrheit gemäß zu gedenken. Aber die engere und die weitere
Familie, in deren Mitte ich lebte, entrüstete sich nicht wenig über mein
Vorhaben; sie sah ihre Ehre dadurch bedroht, die Stellung ihrer
Mitglieder in Staat und Gesellschaft gefährdet. Und ich, der Bande des
Bluts noch gleichbedeutend erschienen mit Banden des Geistes und
Herzens, fürchtete, sie durch Widerspruch zu zerreißen, und gehorchte.
Daß dieser Gehorsam der Familie gegenüber durch eine Lüge vor der
Öffentlichkeit erkauft wurde, daran dachte niemand. Nur mich quälte sie,
und in der Empfindung, daß eine Zeit kommen werde, in der ich mein
Unrecht gutzumachen vermöchte, bewahrte ich sorgfältig die Briefe
Jeromes und weigerte mich wiederholt, sie zu vernichten. Indem ich sie
nunmehr der Lebensbeschreibung meiner Großmutter einfüge, glaube ich ihr
gegenüber eine Pflicht zu erfüllen. Und noch mehr vielleicht bin ich
ihrem Vater die Veröffentlichung schuldig: nicht nur, daß sie seines
Blutes war, zeigt sich darin, sondern auch, daß er es wert gewesen ist,
diese Tochter zu besitzen.
Sein Name hat in Deutschland keinen guten Klang: der widerlichste
Klatsch, dessen Geifer zur Höhe eines Napoleon, auch als er ein
gestürzter Riese war, nicht heraufreichte, hielt sich dafür an seinen
Brüdern und Schwestern schadlos. Halb Wüstling -- halb Schwachkopf -- so
lebt Jerome in der Tradition der Nachkommen jener Deutschen, die sich zu
seinem Hofe drängten, die von seiner allzu freigebigen Hand Titel und
Würden, Vermögen und Grundbesitz dankbar entgegennahmen. Seine Briefe an
meine Großmutter haben mich veranlaßt, ihn selbst in seinen Memoiren und
seinem Briefwechsel, seine Familie, seine Zeitgenossen und die
objektive Geschichtschreibung zu Rate zu ziehen, um seine wahre
Erscheinung dadurch kennen zu lernen. Nur sehr wenig sieht sie der
traditionellen gleich. Das auch vor der Öffentlichkeit festzustellen,
das Bild seiner Persönlichkeit zu reinigen von dem Schmutz, mit dem man
es beworfen hat, es in seiner Güte und Liebenswürdigkeit, wie in seiner
erschütternden Tragik auferstehen zu lassen -- wurde mir zum
Herzensbedürfnis. Und da es stets einer der schönsten Züge meiner
Großmutter gewesen ist, der Verleumdung zu steuern, wo sie ihr
begegnete, glaube ich um so mehr in ihrem Sinne zu handeln, wenn ich in
diesem Buche der Schilderung ihres Vaters Raum gewähre.
Unklar mußte leider das Bild ihrer Mutter bleiben. Wie sie auf jedem
ihrer Porträte eine andere ist, so ist auch ihr Wesen nicht
festzuhalten. Die Geliebte Jeromes wurde als ein so dunkler Fleck in der
Familiengeschichte betrachtet, daß man versuchte, ihn so sehr als
möglich zu verwischen. Ihr letzter Brief an ihre Tochter ist das einzige
persönliche Zeichen ihres Daseins, das mir erhalten blieb. Was sonst
wohl vorhanden sein mag, schläft wahrscheinlich unter dem strengen
Schutze der Prüderie in Rumpelkammern und Familienarchiven den Schlaf
des Todes. Auch die anderen Briefe, die ich dem Buch neu einverleiben
konnte, sind an Umfang geringer, als es unter anderen Umständen hätte
sein können. Sehr vieles mag der Vernichtung anheimgefallen sein, und
die verschlossenen Familienschreine und fürstlichen Hausarchive, wo sich
z. B. die Briefe an die Kaiserin Augusta, an die Herzogin von Orleans,
an den Großherzog Karl Alexander und an andere finden dürften, öffnen
sich mir nicht mehr. Wo es geschah -- was ich nicht unterlassen will,
dankbar zu erwähnen --, wie im Goethe-Schiller-Archiv und im
Familienarchiv der Bonapartes, hat sich nichts gefunden.
* * * * *
Für eine Zeit, wie die unsere, die ihrer selbst in all ihrer
verständigen Nüchternheit überdrüssig wurde, ist es charakteristisch,
daß sie der Vergangenheit nachspürt, verborgene Schätze wieder ans Licht
befördert, Toten neues Leben einflößt und ewig lebendige, die für sie
lange verschollen waren, wieder auf sich wirken läßt. Viele sehen nichts
anderes darin als ein Zeichen der Dekadenz, des Absterbens, weil es an
alte Menschen erinnert, die mit steigenden Jahren immer mehr in der
Erinnerung leben. Mir scheint, daß es vielmehr ein Zeichen neuen,
werdenden Lebens ist, dem freilich, wie immer im Herbst, ein Absterben
des alten vorangehen muß. Denn Sehnsucht drückt sich aus darin, und
Sehnsucht ist immer etwas Junges, dem Erfüllung folgen muß. Diese
Sehnsucht aber möchte dieses Buch nähren.
Aus Bonapartes Stamm
Jerome Napoleon
Wo alte Linden ihre Kronen breit und stolz gen Himmel wölben, ihre weit
ausladenden Äste nach allen Richtungen auseinanderstrecken, da hat nicht
nur die innere Lebenskraft sie zu so vollkommener Entwicklung befähigt,
da hat die Natur ihnen auch den freien Raum gewährt, der solches Wachsen
ermöglicht. Ihre jüngeren Geschwister und ihre Nachkommen erreichen
niemals die Höhe und Stärke der Großen über ihnen: sie genießen ihres
Schutzes, sie atmen dieselbe Luft; der Blütenreichtum, den der Sturm
abweht von denen da droben, fällt duftend auf ihre jungen Häupter, aber
mit ihrem vollen Strahlenkranz krönt sie die Sonne nicht -- im Dämmer
stehen sie, im Schatten der Titanen. Und das Zeichen ihres Lebens im
Schatten verlieren die Epigonen nie ...
Am 9. November des Jahres 1784, einem rauhen Spätherbsttage, brachte
Lätitia Bonaparte das letzte ihrer zwölf Kinder zur Welt: Jerome.
Fünfzehn Jahre früher, als die Hochsommersonne über Ajaccio brannte und
Herz und Geist der blühend schönen jungen Frau erfüllt war von den
Kämpfen um Korsikas Freiheit, die sie, hoch zu Roß, ihrem Gatten zur
Seite, das schlummernde Leben in ihrem Schoß, mitgekämpft hatte, war ihr
zweiter Sohn geboren worden: Napoleon. Ihn trieb der strenge Vater und
das rauhe Schicksal früh aus dem Schutz des Elternhauses; arm und
unbekannt mußte er sich schon als Knabe aus eigener Kraft die Stellung
schaffen. Anders Jerome. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war;
seine Mutter, seine Geschwister, allen voran der ernste Bruder, der, als
sei es selbstverständlich, an Stelle des Oberhauptes trat, umgaben das
reizende Kind mit den zierlichen Gliedern und den großen lachenden Augen
mit zärtlicher Liebe. Bis zu seinem dreizehnten Jahre blieb es bei der
Mutter, während schon der Stern Napoleons immer leuchtender aufging über
der Welt. Als dann das Kollegium von Juilly den jungen Jerome aufnahm,
war er nicht ein neuer, fremder Schüler wie andere, sondern der Bruder
des großen Napoleon, dessen Triumphe jedes französische Herz höher
schlagen machten; Lehrer und Kameraden, stolz, einen desselben Blutes
unter sich zu haben, begegneten ihm mit liebevoller Bewunderung.[1]
Von den Ferien in Paris bei Frau Lätitia in der Rue de Rocher oder in
dem kleinen Hause in der Rue Chantereine, wo Josephine ihn mit Zeichen
der Güte und Verwöhnung überschüttete,[2] kehrte er, erfüllt von
Schlachtenbildern und Siegeshymnen, in die Schule zurück. Und welche
Gefühle des Stolzes und der Begeisterung, welche Träume von Ruhm und
Glanz mußten den Fünfzehnjährigen bewegen, als Napoleon, von seinem
ägyptischen Märchenzuge heimkehrend, das jubelnde Frankreich durchzog.
Dieser Soldat von 30 Jahren, der Österreich unterworfen, England
erschüttert, Venedig gedemütigt und Italien erobert hatte, war sein
Bruder! Europa zitterte vor ihm; vor Jerome aber wandelte sich der
ernste Heros zum zärtlichen der Väter. Unter der Wohnung des ersten
Konsuls wurden dem Knaben seine Zimmer angewiesen. Er erfreute sich hier
der vollkommensten Freiheit, und selbst alte, graue Männer, die
Napoleons Zärtlichkeit für den jungen Bruder sahen, beugten den Nacken
vor ihm.[3] Seine Wünsche blieben selten unerfüllt; zwischen einer
Familie, die immer bereit war, seine Streiche zu verzeihen, und einem
Hof, dessen ständiges Amüsement sie waren, konnte Jerome seinen
Phantasien freien Lauf lassen.[4] Er war schön und graziös, voll
sprühenden Temperaments und lachenden Leichtsinns; alles Schöne
entzückte ihn, und sein Bedürfnis, das Glück, sein Lebenselement,
überall um sich zu fühlen, machte ihn verschwenderisch, wenn es galt,
Freunde zu erfreuen, Unglücklichen beizustehen. Ein liebenswürdiges
Glückskind -- so erschien er auf den ersten Blick. Er wäre es gewesen,
wenn nicht jene allzu häufige Begleiterscheinung der Güte -- Schwäche
denen gegenüber, die er liebte -- und die Familieneigenschaften der
Bonaparte --trotziger Stolz und verzehrender Ehrgeiz -- der lichten
Helligkeit seines Bildes die tiefen Schatten hinzugefügt hätten. Zwei
seiner Jugenderlebnisse sind bezeichnend für diese Seiten seines
Charakters.
Mit fünfzehn Jahren kannte er keinen heißeren Wunsch, als Napoleon in
den italienischen Feldzug zu begleiten. Seine Freundschaft für seinen
Spielkameraden Eugen Beauharnais verwandelte sich in einen nie ganz
überwundenen Haß, als der Wunsch diesem, dem älteren, gewährt, ihm aber
abgeschlagen wurde. Er blieb teilnahmlos und finster angesichts der
Siegesnachrichten und war der einzige, der den heimkehrenden Sieger zu
begrüßen sich weigerte und, von ihm aufgesucht, all seiner Zärtlichkeit
gegenüber eisig blieb. "Was soll ich tun, um dich zu versöhnen?" fragte
lächelnd der Held den jungen Trotzkopf. "Den Säbel von Marengo schenke
mir!" rief dieser. Sein Wunsch ward erfüllt, und unzertrennlich blieb er
bis zum Tode von der Waffe des Bruders.[5]
Ein Jahr später wurde er Soldat; im gleichen Regiment diente der Bruder
Davouts. Auch dessen Brust schwellte der Stolz, und er begegnete dem
Kameraden hochmütiger als dieser ihm. Einer von uns ist zuviel in der
Welt -- dieser Gedanke beherrschte Jerome mehr und mehr. Er forderte
Davout zum Duell, einem Duell ohne Zeugen bis zur Abfuhr. Sein Gegner
schoß ihn in den Unterleib, wo die Kugel sich an einem Knochen platt
drückte und dort liegen blieb, bis sie sechzig Jahre später bei der
Autopsie der Leiche gefunden wurde.[6] Schon damals also schien jene
dunkle Prophezeiung sich zu bewahrheiten: daß kein Bonaparte von einer
Kugel fällt -- jene Prophezeiung, die ein Unterpfand des Glücks zu sein
schien, und deren Erfüllung schließlich das Unglück erst vollenden half!
Inzwischen hatte Europa sich merkwürdig verwandelt: als wäre die Alte
Welt nichts als weiche, gefügige Masse in der Hand des Bildhauers
Napoleon. Er allein war es aber auch, der die Stelle zuerst empfand, wo
sie seiner Absicht harten Widerstand leistete. Das britische Inselreich
mit seiner meerbeherrschenden Macht war das Gespenst, das er drohend vor
sich sah und nicht zu fassen vermochte. Darum setzte er alle Kräfte
daran, die französische Flotte auszubauen und kriegstüchtig zu machen,
darum suchte er für die Marine sorgfältig die besten Männer aus. Seine
Liebe zu Jerome, seine große Meinung von den Fähigkeiten des Bruders
konnte er nicht besser beweisen als dadurch, daß er ihn zum künftigen
Admiral bestimmte. Hier, so glaubte er, sollte seine tollkühne
Tapferkeit und seine Abenteuerlust das rechte Feld finden. "Nur auf dem
Meere," so schrieb er an Jerome, "ist heute noch Ruhm zu erwerben. Lerne
was Du irgend kannst, dulde nicht, daß irgend jemand es Dir zuvortut,
suche Dich bei allen Gelegenheiten auszuzeichnen. Denke daran, daß die
Marine Dein Beruf sein soll."[7] Mit erstaunlicher Leichtigkeit fand
sich der verwöhnte siebzehnjährige Jüngling in den anstrengenden
Schiffsdienst, den ihm der Konteradmiral Gauteaume auf Napoleons
ausdrücklichen Befehl auferlegte. Die Flotte, die dieser im Verein mit
Salmgunt zu befehligen hatte, war für Ägypten bestimmt; die
Ungeschicklichkeit der Führer machte die Expedition zu einer völlig
zwecklosen. Jerome entgingen die Gründe nicht; sein Blick dafür wurde
durch den Ärger über die Situation, die es ihm unmöglich machte, sich
auszuzeichnen, noch geschärft. Er kritisierte scharf die beiden
Admirale, deren gegenseitige Eifersüchteleien sie am Vorgehen hinderten.
"Gibt es etwas Jämmerlicheres," schrieb er, "als um lächerlicher
Prätentionen willen eine große Sache zu gefährden? ... Wie gefährlich,
zwei Menschen zusammenzuspannen, von denen der eine nicht zu befehlen,
der andere nicht zu gehorchen versteht."[8] Mag sein, daß diese
freimütige Kritik seiner Vorgesetzten, die eine Kritik seines Bruders in
sich schloß, diesem zu Ohren kam und, ihm selbst vielleicht unbewußt,
dazu beitrug, Jerome mit anderen Augen anzusehen. Die großen
Tatmenschen haben mit den Mondsüchtigen eins gemein: sie vertragen es
auf ihrem gefährlichen Wege nicht, angerufen, gestört oder gar gewarnt
zu werden.
Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf
St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture
auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit äußerster Heftigkeit
packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurück, von wo aus er
dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemännischen Ausbildung nach
den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef,
Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die
Gunst des ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen
Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjährigen,
der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitän des
"Epervier".[9] Als selbständiger Führer des eigenen Schiffes sollte er
nach Frankreich zurückfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender
Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? bei der Begegnung mit
einem englischen Kriegsschiff nötigte er es, die Segel aufzubrassen und
Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast
gleichkam. Das Unglück, das er dadurch heraufbeschwor, war um so größer,
als es gerade nur eines Zündstoffs bedurfte, um die kriegerische
Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu
lassen.[10] Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem
Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Engländer bereits
beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den
Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen.
Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich
vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen
seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes übrig, als auf
neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er
wählte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg über Amerika, wo er
die Gelegenheit zur Überfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine
Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Die
Liebedienerei der französischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner,
Europäern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen -- vielleicht ein
Zeichen, daß das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht
fortgeschwemmt ist -- zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach
seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblüt wurde der Bruder Bonapartes
empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die
äußersten Anstrengungen machte, um seine Rückkehr nach Frankreich zu
beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, daß seine Anwesenheit
den Engländern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre
Vorsichtsmaßregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es
bedurfte jedoch einer größeren Macht als der Englands, um den jungen
Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm
liebeglühend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich
glückverheißend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, ließen ihn
Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger
Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mädchens ihn mit
schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des großen
Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Müßige Fragen! Ist's nicht
genug der Erklärung, daß zwei junge schöne Menschen in Liebe zueinander
entbrennen? Mit dem Feuer seiner 19 Jahre liebte Jerome, mit der
Sicherheit des verwöhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren
Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl
liebte Napoleon seine Brüder und Schwestern, und diesen, den jüngsten,
vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine;
wohl wollte er sie glücklich sehen, aber nur das Glück aus seinen Händen
galt ihm als solches. Die Nachricht, daß Jerome eigenmächtig, ohne seine
Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Miß Patterson geschlossen habe, traf
in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem ersten Konsul die
kaiserliche Würde verlieh und seine Brüder und Schwestern zu Prinzen und
Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines
Ruhms, und da das französische Gesetz die Rechtsgültigkeit der ohne
Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte
und Lätitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der
Seite Napoleons stand, erklärte Napoleon die Ehe für null und nichtig
und schloß Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen
waren damit noch nicht zerstört; der hinreißende Liebreiz seines Weibes
mußte, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen.
Im März 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit
ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon;
französische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur
Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.
Wie anders fand er Europa, als da er es verließ. Die drei Jahre seiner
Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglück, hatten
den Bruder, hatten Frankreich emporgeführt zum Gipfel des Weltruhms.
Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe,
jenem Manne, der die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt und um
die Kronen Europas kämpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines
Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs
Haupt setzte und zum Gedächtnis der Schlacht von Marengo die
Böllerschüsse krachten, die Glocken läuteten, die Fahnen wehten und
Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben,
betrat Jerome -- er, der den Säbel von Marengo trug! --ein Unbekannter,
ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der
Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben würde, -- er hätte
vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt --, mußte ihn
die Zärtlichkeit Napoleons erschüttern. Alle sah er wieder, die Brüder,
die Freunde, geschmückt mit dem immergrünen Lorbeer des Ruhms, während
in seinen Händen die welkenden Rosen der Liebe schon entblätterten. Er
stand vor der Wahl, -- denn unerbittlich blieb der Kaiser --, auf der
einen Seite der Weg empor zu den Höhen der Menschheit, zu höchsten
Siegespreisen, zur Königskrone, auf der anderen das Leben im
Dämmerschein stillen Familienglücks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich
ihm auch das Herz zusammenkrampfte, -- wie er Elisabeth liebte, dafür
zeugen seine Briefe aus jener Zeit --, er wählte den Ruhm, nicht die
Liebe. Welch ein Jüngling von 21 Jahren hätte anders zu wählen
vermocht?![11]
Um die Stimme des Herzens zu übertönen und nachzuholen, was er versäumt
hatte, stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt
wurde.
Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals
Willaumez den "Veteran" und nahm mit ihm von Brest aus neun englische
Schiffe die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Höhe von Concarneau
erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war
verzweifelt; auf der einen Seite der überlegene Feind, auf der andren
Sandbänke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben,
ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der
englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkühnheit,
von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: "Jerome
Napoleon hat allen unseren Maßregeln zu trotzen gewußt und alle
Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; daß er den Hafen
sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel für das
unglaubliche Glück, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften
scheint und alle ihre Operationen begleitet."[12]
Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines
französischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang
eines Kontreadmirals. Als höhere Auszeichnung noch empfand es Jerome,
daß Napoleon ihm für den bevorstehenden preußischen Feldzug die
bayrische und württembergische Division anvertraute und es ihm nun
endlich vergönnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen
Bruders zu fechten. Jerome bewährte sich. Trotz seiner 24 Jahre wußte er
sich den Respekt der Truppen und ihrer Führer zu gewinnen, aber mehr
noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge für ihr Wohl.[13] Am Tage,
als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die
Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon
hatte Preußen unterworfen und seinem Bruder ein Königreich erobert. Mit
ein paar Federstrichen warf er die Länder links von der Elbe zu einem
Staat zusammen und ernannte Jerome zum König von Westfalen; mit ein paar
gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des
Souveräns von Württemberg, die Königin. Das Herz der also durch
kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das
blonde, rosige Prinzeßlein aus altem Fürstenstamm dem dunkeln, blassen
Jüngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenübertrat, da
wußte es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern
würde.
Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in
der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten,
Fürsten und Königen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28.
August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten
Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlöschten in
strömendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren,
prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des
Donners ...
Inzwischen war die Organisation des jungen Königreichs erfolgt, mit dem
-Code Napoléon- die neue Administration im Lande eingeführt, zum Empfang
des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder
die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals
auseinandersetzte, entließ ihn Napoleon. "Schenke denen kein Gehör, die
Dir sagen werden, daß Deine Völker, an Sklaverei gewöhnt, unserer
Gesetze nicht würdig sind," so heißt es darin, "das ist nicht wahr. Sie
erwarten vielmehr mit Ungeduld, daß ein jeder, den das Talent dazu
befähigt, -- nicht nur der Adlige --, zu jeder Stellung Zugang finden
kann, daß jede Form der Dienstbarkeit und Abhängigkeit ein für allemal
abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie
betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maßregeln, als auf die
Resultate großer Eroberungen. Dein Volk muß sich einer Freiheit, einer
Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht
ihresgleichen haben. Diese Art, zu regieren, wird zwischen Dir und
Preußen eine zuverlässigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als
Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen
einer liberalen Herrschaft kennen gelernt hat, wird in die Bande des
Absolutismus zurückkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller König.
Du schaffst Dir damit ein natürliches Übergewicht über Deine
Nachbarn."[14]
In den Empfindungen der großen Masse des Volkes schien sich Napoleon
nicht zu täuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen,
seine Person ihm zunächst gleichgültig, vielleicht sogar antipathisch
sein, es begrüßte in ihm den endlichen, heißersehnten Frieden, geordnete
Verhältnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.[15] Darum war sein
Empfang ein überraschend freudiger, den die persönliche Freundlichkeit
des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des
Königs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten,
verhieß die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels-
und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste,
die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller
Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die
Neuordnung des Gerichtsverfahrens. "Lange genug hat Euer Land unter den
Vorrechten des Adels und den Intriguen der Fürsten gelitten. Alle Leiden
der Kriege mußtet Ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt Ihr
ausgeschlossen. Einige Eurer Städte erwarben die unfruchtbare Ehre, daß
Verträge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen
nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie
bewohnte."[16] War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789,
unter deren Einfluß das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren
Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht
der Fürsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als
Fürstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten.
Küster, der Geschäftsträger Preußens in Westfalen, der dem Berliner Hof
regelmäßig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem
Bevollmächtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der
zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen
Einrichtungen Wurzel zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevölkerung
empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenüber den
alten Zuständen; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit längst
überzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen;
Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefördert. "Was
mir aber das meiste Vergnügen macht," schrieb Küster am 21. November
1808 nach Berlin, "ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer
aufgeklärten und gerechten Verwaltung folgen zu können, welche auf einer
glücklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr
durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist
nicht zweifelhaft, daß dieser neue Staat, dessen Souverän nur das Gute
will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit -- bald zu
einem hohen Grad der Vollkommenheit und des öffentlichen Glücks gelangen
wird."[17] In einem späteren Brief rühmt er die Einfachheit und
Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des
durch den König geschaffenen Zentralbureaus für Armenunterstützung in
Kassel und sagt von ihm, daß er von den regierenden Brüdern des Königs
die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.[18]
Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglück Jeromes. Ein
eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brüdern am
wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein,
wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war.
Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter König zu sein; ihn
verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu
beweisen, daß er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten
stießen auf unüberwindliche Widerstände und wurden durch die Pläne des
Kaisers durchkreuzt.
Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber
der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate
früher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von
fünf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der
Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation
durch französische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen
erschöpft, und um allein die Kosten für die Einrichtung des Hofes, die
Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu können,
mußte Jerome ein Darlehn aufnehmen.[19] Die traurigsten Verhältnisse
fand er vor, als er einzog. Selbst für ihn persönlich war die Lage eine
äußerst beschränkte: er, der gewöhnt war, rückhaltlos aus dem vollen zu
leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas
Selbstverständliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch
ehe er ein König war, königlich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu
Kassel nur notdürftig eingerichtete Zimmer und eine gähnende Leere im
Säckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der holländische
Gesandte an König Louis, den Bruder Jerome: "Die finanziellen
Schwierigkeiten Westfalens sind enorm."[20] Aber nicht genug der
vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf
der einen Seite machte er dem König heftige -- und nicht unberechtigte
-- Vorwürfe über die hohen Gehälter seiner Minister, auf der anderen
schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: "Ich
brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den
eroberten Ländern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget
allein beträgt 400 Millionen. Statt der 20000 Mann, die Du stellen mußt,
stelle 40000 -- Du kannst es."[21] Nach einem Vertrage vom April
desselben Jahres mußte sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen
des früheren Souveräns und den säkularisierten Besitzungen derjenigen
Personen, die nicht mehr westfälische Untertanen waren, stammenden
Einkünfte dem Kaiser zu überlassen. Zwar nahm dieser zunächst nur sieben
Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht
weniger als 26 Millionen im Verlauf von achtzehn Monaten aufbringen.[22]
Außerdem hatte Westfalen 12500 Mann französischer Truppen ständig zu
besolden und zu ernähren.[23]
Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er
müsse, da Österreich rüste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten;
im August wurden für den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann
verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der
französischen Truppentransporte.[24] Als Jerome und Katharina der
Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt
folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber für die Sorgen des
Königs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das
Daniederliegen von Handel und Gewerbe kümmerte ihn wenig; was galt ihm,
der Staaten zerstörte und schuf, Könige absetzte und krönte, das Land
Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg über die Niederungen, nur die
Gipfel grüßend. Wie alle großen Tatmenschen war er, sich selbst
unbewußt, zum Zerstören vor allem geschaffen: das Alte zu stürzen, dazu
gehörte Titanenkraft; das Neue aufzubauen, ist die Aufgabe für den
emsigen Fleiß der Vielen.
Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand
von Dörnberg, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen überschütteten
Offiziers seiner Garde, folgten die Kämpfe von Schills Freischaren und
der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-Öls, der zur
äußersten Entrüstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen
durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen
imstande war. Mochte Jerome, der kaum Vierundzwanzigjährige, von allen
Seiten auf das härteste bedrängte König, sich wirklich taktischer Fehler
schuldig gemacht haben, -- er hatte sich stets als ein Draufgänger,
nicht als überlegener Feldherr bewiesen --, so war die Strafe, die ihn
traf, eine unverhältnismäßig harte. Napoleon ließ ihn seine Oberhoheit
auf das empfindlichste fühlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, daß
sie "sich in erster Linie dem Kaiser gegenüber verantwortlich fühlen
müßten"; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde
angehalten, "nach Paris zu melden, was in den westfälischen Küchen vor
sich geht", obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrüstet
verbeten und ihm erklärt hatte: "Alles, was mein Bruder wissen will,
kann er von mir selbst erfahren."[25] Und wie der Kaiser durch brutale
Zurücksetzung des Königs Stolz verletzte, so verletzten die
französischen Truppen die Sicherheit des Königreichs. "Seit meiner
Thronbesteigung fahren die französischen Offiziere, Soldaten, Reisende
und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die
Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es
in einem Königreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen
ergeben ist, an jeder Rücksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen
lassen," schrieb Jerome an den Marschall Berthier.[26] Seine Bitte um
strengere Vorschriften für das Benehmen der Truppen hatten keinen
Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rücksichtslosigkeiten
hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung, --
Jerome erfuhr gesprächsweise davon --, erschienen auf Napoleons Befehl
zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die
englische Einfuhr französische Zollbeamte in Westfalen und traten wie
die Herren auf.[27] Plünderungen und Diebstähle, die auf ihre Rechnung
geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs
äußerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. "Ich
ignoriere," schrieb er nach Paris, "durch welche Befehle fremde
Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche
Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen König noch ein
Königreich. Es kann doch unmöglich den Intentionen des Kaisers
entsprechen, daß ein Souverän in seinem eigenen Lande solchen
Übergriffen ausgesetzt ist." Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht,
abzudanken, sprach, sagte er: "Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet,
und ich kann nicht zugeben, daß durch solche, das Land ruinierende
Maßregeln das Volk mir vollends entfremdet wird."[28]
Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrößerung
seines Reichs durch Hannover bis zur Küste der Nordsee wurde ihm in
Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nöte
gesichert. Im März 1810, als Jerome und Katharina mit großem Gefolge der
Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der Österreicherin nach Paris
gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld.
Napoleon, auf der Höhe seines Glücks, wollte nur Glückliche um sich
sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der üppigen Feste ließen
Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden.
Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weißem,
goldgesticktem Sammetkostüm, die weißen, wallenden, von blitzender
Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Sammetbarett, das
feingeschnittene dunkle Gesicht mit den großen glänzenden Augen von
strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wußte. Er
und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen
Olympier die Götter der Jugend und Schönheit, und die seligen Zeiten, da
er als Knabe, von allen verwöhnt, unter den Zimmern des großen Bruders
wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.
Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel
zurück. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde
ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen,
wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermündungen in
Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag: Napoleon nahm den
wertvollsten Teil der dem Königreich Westfalen inzwischen neu
einverleibten hannoverschen Lande wieder in französischen Besitz und
hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Bülow
nur die eine Antwort: "Ich nehme es, weil ich es brauche." Jerome berief
seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schärfster Form
als Entschädigung für Hannover Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und
die sächsischen Herzogtümer verlangte. Reinhard gegenüber sprach er
wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre für
ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzüglich über diese
Unterredung nach Paris und fügte hinzu: "Wenn jemals der König mir
Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu
bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit."[29] "Ich glaube, hätte
Jerome eine Armee von 300000 Mann, er würde mir den Krieg erklären!"
rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.[30]
Aber so groß auch Jeromes Entrüstung, so tief sein Stolz auch verletzt
war -- eine Empfindung behielt zuletzt bei ihm immer die Oberhand: die
Bewunderung und Ehrfurcht vor der Größe seines Bruders. Mitten im
härtesten Winter nach der Zurücknahme von Hannover zog er sich, um
seinen Schmerz in der Stille zu überwinden, auf das Land zurück und
schrieb von da aus an den Kaiser: "Entspricht es Ew. Majestät
politischen Absichten, Westfalen mit dem Kaiserreiche zu vereinigen, so
habe ich nur den einen Wunsch, davon sofort in Kenntnis gesetzt zu
werden, um nicht in die Lage zu kommen, deren Maßnahmen, trotz des besten
Willens, mich ihnen stets anzupassen, fortwährend zu durchkreuzen ...
Ich bin aller Opfer, aller Beweise meiner Anhänglichkeit fähig, wenn
Ew. Majestät es verlangt. Soll ich aber weiter regieren, so kann es nur
unter Bedingungen sein, die mich nicht entwürdigen."[31] Die Antwort war
-- Mahnungen zur Kriegsbereitschaft, zu neuen Aushebungen, zum Unterhalt
neuer französischer Truppendurchzüge. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die
alles Vorhergegangene übertraf, führte der Marschall Davout, Jeromes
alter Feind, seine Armee durch Westfalen; in Kassel einziehend,
ignorierte er den König, im ganzen Reiche hausten seine Soldaten wie in
Feindesland. Und Napoleon schien blind und taub zu sein für das drohende
Schicksal, das sich langsam vorbereitete, für die zähneknirschende Wut,
die die Faust noch in der Tasche ballte, aber schon heimlich nach
offenen Waffen Umschau hielt. Jerome sah das Unheil wachsen, und als
einziger vielleicht, der es damals wagte, dem Imperator mit einer
selbständigen Meinung gegenüberzutreten, schrieb er ihm am 5. Dezember
1811 folgenden denkwürdigen Brief:[32]
"In einer Lage, die mich zum äußersten Vorposten Frankreichs macht,
durch Neigung und Pflicht dazu getrieben, alles zu beobachten, was sich
auf Ew. Majestät Interessen beziehen kann, ist es, denke ich, richtig
und notwendig, Sie mit aller Offenheit über das zu informieren, was in
meiner Nähe vor sich geht. Ich beurteile die Ereignisse vollkommen
ruhig; ich sehe der Gefahr entgegen, ohne sie zu fürchten; aber ich muß
Ew. Majestät die Wahrheit sagen, und ich hoffe, Sie vertrauen mir genug,
um sich auf meine Art, die Dinge zu sehen, verlassen zu können.
Ich weiß nicht, wie Ihre Generäle und Ihre Agenten Ihnen die jetzige
Situation in Deutschland darstellen; wenn sie Ihnen von Unterwerfung,
von Ruhe und Schwäche sprechen, so werden Sie von ihnen getäuscht und
betrogen. Die Gärung ist aufs höchste gestiegen; die verwegensten
Hoffnungen werden unterhalten und mit Begeisterung großgezogen; man hält
sich an das Beispiel Spaniens, und wenn der Krieg ausbrechen sollte, so
wird das ganze Land vom Rhein bis zur Oder der Herd einer ausgedehnten
und tatkräftigen Empörung sein.
Die Hauptursache dieser gefährlichen Bewegungen ist nicht allein der Haß
gegen die Franzosen und der Unwille gegen das Joch der Fremdherrschaft,
sie liegt noch weit mehr in den unglücklichen Zeiten, in dem gänzlichen
Ruin aller Klassen, in dem übermäßigen Druck, den die Abgaben, die
Kriegskontributionen, der Unterhalt der Truppen, die Durchzüge der
Soldaten und die unausgesetzt sich wiederholenden Belästigungen aller
Art ausüben. Es sind Ausbrüche der Verzweiflung von den Völkern zu
besorgen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen alles
genommen hat.
Es ist nicht nur in Westfalen und in den Frankreich unterstellten
Ländern, daß die Feuersbrunst ausbrechen wird, sondern auch in den
Ländern aller Souveräne des Rheinbunds. Sie selbst werden die ersten von
ihren Untertanen Unterworfenen sein, wenn sie nicht mit ihnen gemeinsame
Sache machen ...
Ew. Majestät braucht nicht anzunehmen, daß ich übertreibe, indem ich
Ihnen das Unglück des Volkes schildere; ich kann Ihnen sagen, daß in
Hannover, in Magdeburg und anderen wichtigen Städten meines Königreiches
die Besitzer ihre Häuser im Stiche lassen und vergebens versuchen, sie
zu den niedrigsten Preisen loszuwerden. Überall droht das Elend den
Familien; der Aristokrat, der Bürger und der Bauer, überlastet mit
Schulden, scheinen keine andere Hilfe mehr zu erwarten, als von einem
Befreiungsfeldzug, den sie mit all ihren Wünschen herbeisehnen, auf den
sie alle Gedanken richten.
Dieses Bild entspricht in all seinen Einzelheiten den Tatsachen. Von
den Hunderten von Berichten, die mir täglich zukommen, widerspricht ihm
keiner. Ich wiederhole es Ew. Majestät: ich wünsche nichts so sehr, als
daß Sie angesichts dieser Tatsachen die Augen öffnen und mit all der
Überlegenheit Ihres Geistes urteilen mögen, um danach die Ihnen richtig
erscheinenden Maßnahmen zu treffen ..."
Selbst wenn der Inhalt dieses Briefes von Eindruck gewesen ist, -- er
kam zu spät, der unheilvolle Krieg gegen Rußland, wo Feuer und Frost
sich vereinigten, um, weil Menschenkraft der großen Armee nichts
anzuhaben vermochte, zum vernichtenden Feinde zu werden --, war schon
beschlossen, und als einzige Antwort brachte der Kurier des Kaisers die
mit eigener Hand in größter Eile hingeworfene Frage nach dem Stande der
verfügbaren Streitkräfte Westfalens.[33] Wenige Monate später rückte
Jerome an der Spitze seiner Truppen in Polen ein. Er war bestimmt, den
rechten Flügel der Armee zu kommandieren und sich dem Heere des Prinzen
Bagration gegenüberzustellen. Nach mühseligen Märschen im Regen und im
Sumpf gönnte Jerome in Grodno seinen Truppen drei Ruhetage. Dem Kaiser
wurde davon Meldung gemacht. Er sah eine Eigenmächtigkeit des Bruders
darin, die seine sorgfältig erwogenen Pläne durchkreuzte, und befahl dem
Marschall Davout, sobald seine Armee mit der Jeromes zusammenstieße, den
Oberbefehl über beide zu übernehmen. Davout nahm die Gelegenheit wahr,
in schroffster Form dem Befehl Folge zu leisten. Jerome reichte sein
Entlassungsgesuch ein und verließ Polen noch am gleichen Tage. Nicht das
Verlangen nach den Vergnügungen Kassels, -- wenig verlockend mögen sie
in dieser Zeit dumpfer Gewitterschwüle gewesen sein! --, trieb ihn zu
diesem raschen Entschluß: sein tief verletzter Stolz allein hieß ihn
handeln.[34] Und sein Entschluß war berechtigt; starrköpfig und falsch
wurde seine Handlungsweise erst, als Napoleon ihn zu bleiben bat und er
dennoch den Weg heimwärts fortsetzte. Im August kam er in Kassel an,
zwei Monate später kehrten die traurigen Reste der westfälischen Armee
in die Heimat zurück, durchzogen die jammervollen, von Frost und Hunger,
Krankheit und Verwundungen gezeichneten Gestalten, die letzten Glieder
der großen Armee, plündernd, stehlend und bettelnd das erschöpfte Land.
Und schon wurden von Paris neue Forderungen laut: Magdeburg sollte mit
20000 Mann besetzt und auf ein Jahr verproviantiert werden, eine neue
Armee galt es zu schaffen, ohne Aufenthalt Bataillone und Eskadronen
formieren![35] Jerome wußte es: das war das Ende, und entrüstet wandte
er sich an Reinhard, der ihn zur Eile in der Erfüllung der kaiserlichen
Befehle nötigen wollte. "Wenn Westfalen dem Elend erliegen wird," rief
er aus, "und die Einwohner sich lieber eine Kugel vor den Kopf schießen,
als daß sie ihr letztes Stück Brot opfern, dann wird man Ihnen
vorwerfen, daß Sie die wahre Lage verschwiegen haben. Ihre Pflicht wäre
es, die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, in Ungnade zu
fallen. Nach drei Monaten würde man Ihnen recht geben."[36] Sein Appell
blieb ohne Erfolg. Und nun rüstete er sich mit vollem Bewußtsein zum
Ende seines Königsdramas, das viele töricht -- oder verlogen -- genug
waren, für eine fröhliche Operette zu erklären.
Zunächst brachte er die Königin in Sicherheit: er sandte sie am 10. März
1813 mit einigen Damen ihres Hofes nach Paris, sie rücksichtsvoll in dem
Glauben lassend, daß es sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln
würde. Nachdem ihm dann der Kaiser seine dringende Bitte, sich in
Magdeburg, dem wichtigsten und am meisten gefährdeten Punkt seiner
Monarchie, mit seinen Truppen einschließen zu dürfen, rundweg
abgeschlagen hatte,[37] wandte er all seine Zeit und Kraft auf die
Ausbildung der jungen Rekruten, ohne den Forderungen des Kaisers rasch
genug nachkommen zu können. Infanterie, Artillerie, Husaren, Kürassiere
-- lauter blutjunge Westfalen, die, wie Jerome einmal in der
Verzweiflung ausrief, sich oft noch vor dem eigenen Gewehr fürchteten
und auf dem Pferde nicht festsaßen, -- sollten zur Armee des Prinzen
Eugen stoßen. Kassels Garnison bestand schließlich nur noch in einem
Regiment unausgebildeter Rekruten. Dabei wurde der Geldmangel immer
empfindlicher, die von Frankreich versprochene finanzielle Unterstützung
für die Equipierung der neuen Truppen blieb aus, und die
Armeelieferanten wollten nur noch gegen sofortige Bezahlung liefern.
Jerome verkaufte die Staatswagen, den größten Teil seines Marstalls,
Silber und Kleinodien, um sie in Waffen und Uniformen zu wandeln.[38]
Noch einmal bat er den Kaiser bei einer persönlichen Begegnung in
Dresden um einen Posten in dem großen Kampf, der bevorstand. Napoleon
bot ihm, den er selbst zum König gemacht hatte, eine untergeordnete
Stellung als Untergebener eines seiner Marschälle an. Jerome, in der
bitteren Erinnerung an die noch nicht vernarbte Wunde, die ihm in Polen
geschlagen worden war, lehnte ab. Aber mochte auch der Kaiser ihn an
seiner verwundbarsten Stelle, seinem Stolze, treffen, seine persönlichen
Dienste geringschätzen, -- der Napoleonischen Sache, die auch die seine
war, blieb sein Denken und Tun geweiht. Mit ruhigem Ernst, fast mit
Heiterkeit, hinter der selbst seine Freunde die Überzeugung des Königs
von der Unabänderlichkeit des kommenden Untergangs nicht zu ahnen
vermochten, widmete er sich weiter der Reorganisation der Truppen und
sandte sie immer wieder zur Armee, sobald ihre Ausbildung es
ermöglichte. Nicht er, der wissen mußte, daß die Entblößung der
Hauptstadt von allen Verteidigungsmitteln der Preisgabe seiner Person
gleichkam, sondern Reinhard war es schließlich, der von der kaiserlichen
Armee die Deckung Kassels gegen die Scharen der immer näher anrückenden
Kosaken forderte. Umsonst! Die Angst der Bewohner wuchs zusehends, nur
Jerome blieb ruhig. Im Morgengrauen des 28. September waren die Russen
vor den Toren. Die in der Nacht und am Abend vorher unter des Königs
Augen aufgeführten Barrikaden, von den Königshusaren verteidigt, an
deren Spitze der vierundachtzigjährige General von Schlieffen focht wie
ein Rekrut, waren von der russischen Artillerie bald überwunden. Der
Ministerrat trat zusammen: er überwand schließlich den Widerstand des
Königs und vermochte ihn dazu, die Stadt zu verlassen, um sich mit den
bereits angekündigten Hilfstruppen der kaiserlichen Armee zu vereinigen.
Seine erste Empfindung hatte ihm den richtigen Weg gezeigt: die Stadt zu
verteidigen bis zum letzten Blutstropfen, zu fallen eher als
davonzugehen oder sich zu ergeben; daß er ihr nicht folgte, -- wer will
ihn darum richten? Die Hoffnung ist eine starke, lebenerhaltende Kraft,
bei einem Mann von 29 Jahren vor allem. Zu bleiben bedeutete für ihn
gewissen Tod oder Schlimmeres: russische Gefangenschaft. Und Größere als
er haben zur rechten Zeit zu sterben nicht verstanden!
Am Nachmittage desselben Tages kapitulierte Kassel vor Czernischeff.
Fünf Tage später verließen die Russen die Stadt. Und nach zwei weiteren
Tagen erschienen zum Erstaunen aller die ersten königlichen Truppen
wieder. Jerome folgte ihnen von Koblenz aus. Aber in jeder Stunde, die
ihn Kassel näher führte, schien sich der Himmel mehr zu verdüstern:
Bayern hatte sich vom Kaiser losgesagt, Württemberg schloß sich unter
der Führung von Jeromes Schwiegervater seinen Feinden an, Bremen hatte
kapituliert, in Scharen desertierten die Soldaten, um sich den Gegnern
anzuschließen, und vom Kaiser selbst keine Nachricht! Trotz alledem
trieb es Jerome nach Kassel zurück, -- niemand wußte, warum. Am Abend
des 16. Oktober traf er ein; zwei Tage darauf folgte dem Kaisertraum der
Bonapartes das furchtbare Erwachen der Leipziger Schlacht. Bis zum Abend
des 24. Oktober drangen nur dunkle Gerüchte von dem, was geschehen war,
in die Stadt, bis sich die Masse der Alliierten langsam heranwälzte. Wo
ist der Kaiser? Diese eine Frage peinigte Jerome unausgesetzt. Hilfe dem
Kaiser! Dieser Gedanke beherrschte ihn schließlich allein. Alle, die
die Treue noch hielten, -- es waren angesichts der wachsenden Desertion
wenig genug --, ihm zuführen: dieser Wunsch wurde zum Entschluß. Mit
einer kleinen, von allen Seiten zusammengezogenen Armee von 5000 bis
6000 Mann erreichte er Köln, ein anderer Truppenteil von demselben
Umfang befand sich in Wesel. Nun, da er, ein König ohne Land und Krone,
dem besiegten Kaiser gegenüberstand, hoffte er endlich als einfacher
französischer General seine unter so schweren Opfern geschaffene und
zusammengehaltene Armee in den Entscheidungskampf führen zu dürfen. Über
seinen Kopf hinweg wurde dem Herzog von Tarent der Oberbefehl übergeben.
So war er verurteilt, er, der treueste der Brüder, abseits zu stehen,
als die letzten Kämpfe geschlagen wurden.
Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum
Heimatlosen, Landesflüchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der König
von Napoleons Gnaden, ihn in Württemberg, wo Katharina im Hause der
Eltern Zuflucht glaubte finden zu können, zum Gefangenen gemacht, ihn
unausgesetzt auf das ehrenrührigste behandelt hatte und seine tapfere
treue Frau mit allen Mitteln der Überredung und der Drohung hatte
bewegen wollen,[39] sich von ihm zu trennen, wurde ihm schließlich mit
Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung
geboren hatte, von jenem politischen Rechenkünstler Metternich, der in
dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen
sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein
Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht
aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller
Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der
erste und der einzige der Brüder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne
meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei
Belle-Alliance den äußersten linken Flügel der Armee bildete, und aus
deren Reihen die ersten Schüsse fielen, das Signal zur furchtbaren
Schlacht. Gegen den Wald und das Schloß von Hougoumont stürzte Jerome
tollkühn mit den Seinen, und überall, wo das Gewühl am dichtesten war,
wehte sein weißer Mantel.[40] Als es zu Ende ging, blieb er in nächster
Nähe Napoleons. "Zu spät, mein Bruder, hab' ich dich erkannt," soll der
Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlöschte, zu ihm gesagt
haben.[41] Die Sage meldet, daß sie beide der erlösenden Kugel warteten.
Wer aber zu so schwindelnder Höhe stieg, muß bis zum tiefsten Abgrund
niedersteigen: zu Tausenden fielen die alten Krieger um sie her, ihnen
aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die
Verlassenheit.
Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes
Wanderleben, unter ständigen, quälenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein
Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem
Bericht an die deutschen Souveräne für "einen der gefährlichsten und
unruhigsten Köpfe der Bonaparteschen Familie" erklärte, und auf dessen
Veranlassung die Mächte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die
Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie
Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstießen, weil es zu
gefährlich sei, "den verwegensten der kaiserlichen Brüder, Jerome, mit
Geldmitteln zu versehen."[42] Erst als der einsame gefesselte Adler auf
fernem Felsen die große Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn
der langsamen österreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die
Überreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein
Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde
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