blödes Gesicht ein seliges Lächeln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltäterin. Als aber nach einiger Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller Gegenvorstellungen meiner Großmutter der Anlaß benützt, ihn aufzulösen. "Du siehst, wohin solche Sentimentalitäten führen, dadurch wird die Unsittlichkeit nur unterstützt -- die Leute verdienen es eben nicht besser!" hieß es, und die armen Kinder kamen wieder zurück in den Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anlaß für meine Großmutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit durchzusetzen, daß der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde. In einem ihrer Briefe darüber heißt es: "Es sind Vereine gegen Tierquälerei entstanden -- und ich begrüße sie freudig -- aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder gequält werden, wie vor allem die ländlichen Schullehrer ihr Züchtigungsrecht in unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die Schulen; der Lehrer versucht einzuprügeln, was ein armes, schlecht genährtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus Angst vor der Mißhandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel über die Fürsorge des Staates für den armen Mann, läßt aber inzwischen ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht bekleidet, schlecht genährt, erfroren, durchnäßt in die schlecht erwärmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner warten. Dabei muß es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Kräften helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schweiß gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlöste. Ich habe die Bitte gehört: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur heute noch laß mich zu Hause, ich habe so große Angst -- und das von Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes für sie hatte, für die eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gütiger Lehrer ein wahrer Lebenssonnenschein sein müßte; ich habe es gesehen und gehört ein halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren größten Dichter preist, dem man Denkmäler errichtet, auf dessen Namen man Vereine gründet und der gesagt hat: Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden." Wenn sie sich schon, soweit die Prügelstrafe der Kinder in Betracht kam, in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenblaß sich zurückziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besaß, es zu verhindern. "Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrührer," sagte sie, "während ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenüber "ein instinktives Schuldbewußtsein, ein Gefühl der Scham, wenn ich in bequemem Wagen an ihren schmutzigen Hütten vorüberfuhr. Ich habe immer versucht, durch besondere Güte, Rücksicht und Liebe diese Schuld abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefühl nur immer drückender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld Rüben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rücken nach Hause wankt, um dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder empfangen zu werden -- frage ich mich immer wieder, und die rätselvollen Beziehungen zwischen Schuld und Unglück werden nur immer dunkler. Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im Schweiße ihres Angesichts die widerwärtigste Arbeit verrichten und kaum das nackte Leben dafür haben, während Andere, nicht weil sie besser, sondern nur weil sie glücklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und vermag den allgütigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen." Mitleid, auch in dieser höchsten Steigerung, mit dem Unglück zu haben, ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei ihr erschöpfte sie sich weder in bloßen sentimentalen Gefühlen, sie löste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende Überlegung über die Maßnahmen zur Abhilfe des Unglücks aus und steigerte sich auf der anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und Genossenschaften, über die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das Bedürfniß," so schrieb sie mir einmal, "das große Kreise der Besitzlosen jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis für ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie die Verblödeten im Schmutz, darin wohl fühlen." Sie stand mit ihrer Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat, wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal ihrer Entrüstung über die sich wiederholenden schamlosen Vergewaltigungen ihres Schützlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst Du eine höhere Kultur zuführen zu können? Verlangst für diese gemeine Bande alle möglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es sogar, daß ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer Vertiertheit aufgestiegen? Daß es bei euch um so viel früher geschah, ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurückgebliebenen herauszuhelfen. Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher Wertung abhängen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer würdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Körper, Geist und Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein größtes Vergnügen im Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mädchenverführen findet." Ihre Entrüstung über Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer Standesgenossen löste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen eine so große Erregung aus, daß die ursprüngliche, durch Erziehung und Leben gebändigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrümmert ist, nicht die Bausteine trägt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine bleibt und allmählich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heißt eine adlige Gesinnung haben," heißt es an anderer Stelle, "und sie ist zugleich die christliche; sie verbietet üppiges Leben, Schulden machen, über die Verhältnisse hinauswollen, die Armen und Abhängigen verletzen und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant für dreißig Mark diniert und fünfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die Familie zu retten, so ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..." "Ihr entrüstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "über die zunehmende Unzufriedenheit, über die wachsenden Lebensansprüche der Armen, statt über den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch über Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller höchsten Güter der Welt doch noch immer unglücklich seid. Was ist unglücklich in Euch? Neid, Genußsucht, Geldgier, gekränkte Eitelkeit -- ach, wenn sie doch vor lauter Unglück sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden, außer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden, außer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche, aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die Schuld, mein ist die große Schuld --, statt daß Ihr die Schuld nur immer auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genährt, habt die Kultur der Welt für Euch allein in Anspruch genommen, während die Anderen, die stillen, dunkeln, demütigen Massen im Schweiße ihres Angesichts für Euch arbeiteten, und Euch noch die Hände küßten, wenn ein gnädiges Lächeln sie dafür belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange Leidensnacht, so ist Euer die Schuld." Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenüber dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich teile den Haß gegen die jüdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur daß ich das 'jüdisch' als Eigenschaftswort für unsere Zeit und nicht blos für die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwänden, blieben unzählige Christen aller Nationen, um den jüdischen Geist fortzusetzen. Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach zur Last fällt, so müssen wir nicht vergessen, daß die Folgen von Druck, Qual, Mißhandlungen während vieler hundert Jahre nicht durch Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden können und ein mehr als tausendjähriger Haß sich nicht in fünfzig Jahren verwischt. Daß sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer für ihre Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern, Judengäßchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschließen von fast jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krämer, nicht Handelsherren, angesichts eines Rothschild! Läuten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und ihre Siege über Millionen Christen, doch gehören zu jedem Betrüger Leute, die sich betrügen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige, diabolische Waffen, so laßt uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen überzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Gründerei, die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden giebt. Laßt uns in unseren christlichen Bestrebungen so zäh, so klug, so ausdauernd sein wie die Juden, laßt uns, wie sie, erst erwerben und dann ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es für faule Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt." Daß sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persönlichem Vorwurf gemacht werden. Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; für sie war des irdischen Lebens höchster Inhalt, wie für Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens für ein neues Geschlecht. "Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wünsche angesichts des grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so drückte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Gräfin Thara" sagte: "Sie bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn sie erklärte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen Gefolgschaft ihres großen Meisters. Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Höhe entstammen, von der aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation, die ihre Kinder angehörten, lag eine Welt, lag vor allem der große Kampfplatz der sozialen Gegensätze, auf dem ein ungeheures Ringen ums Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persönlichen Interessen die Führer waren. Den Wünschen der zum Bewußsein ihres Elends gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung nachgeben, bedeutete für die privilegierten Klassen ein allmähliches Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar möglich erscheinen konnte, der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte, für die Gesamtheit aber unmöglich war. Diese historisch notwendige und in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzündete unausbleiblich jenen Haß, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt, die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Haß wird wieder notwendig das Urteil über den Feind irreführen und die besten Absichten verdunkeln. Meiner Großmutter ging dafür jedes Verständnis ab, und das erschwerte noch ihre Stellung. Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphäre seiner Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als früher in innere und oft auch in äußere Konflikte, da sein schroffer, konservativer Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue Tätigkeit hat dem geistig oft recht öden Leben einen neuen Inhalt verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bücher, Broschüren, Zeitungen ins Haus, und vor allem die außerordentlich unterrichtenden stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit einer Flut von Ideen erfüllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den Köpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles parteipolitisch färben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu sehen -- wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken läßt, von ihnen ausgeht -- sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach links, während ich doch wohl einsehen muß, daß praktisch die jetzige konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in den viel verpönten und doch, christlich aufgefaßt, herrlichen Worten: 'Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ausdrückt, ist auch das meine und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der Voraussetzung tugendhafter Menschen, während das praktische Leben auf der Voraussetzung sündhafter Menschen bauen muß. Das große Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nähert uns beständig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der Gegenwart läßt sich der allgemeine, für unsere Wünsche freilich sehr langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhörlichen Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters, über die Schauer der Negersklaverei bis heute -- ein stufenweises Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schärfster Observanz sich nicht mit dem Aufhalten begnügen, sondern erhalten wollen, was dem Tode verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja auch oft darin besteht, der zu großen Heftigkeit der Kinder Zügel anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie, wie alle Alten, der Jugend weichen müssen, wenn ihre Rolle ausgespielt ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt sie: "Ich möchte wohl mit den Plänen unseres eisernen Kanzlers einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, daß ich mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich den Schutz zum Auswandern billige -- Goethe sagt: wo wir nützen, ist unser Vaterland! -- aber doch nur in Gegenden, die ein schönes Vaterland werden können, nicht in die Glutöfen der Welt, wo man noch dazu mehr Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Ländern zu gelangen, als wir in Deutschland noch brauchen, um das nötigste Verkehrsnetz zu vollenden, und wo es, wie ich fürchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands großartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich nicht einverstanden, ich halte sie für hart, grausam, ungerecht, unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose, gehorsame, genügsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewußtsein bekommen, und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen ähnlichen Standpunkt habe ich immer gegenüber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist selbstverständlich, daß der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die Möglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der Ausgewiesenen mögen von Natur Königsmörder sein. Und wie viel Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben, an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorübergingen. Wollte Gott, daß die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und sich ihrer ungeheueren Unterlassungssünden ebenso bewußt werden wie der großen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts Tatsächliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe kommen, daß sie sogar damit noch nützen können. Meine Kinder habe ich nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein unbeschriebenes Blatt und läßt sich vielleicht die großmütterlichen Zeichen gefallen, die sich darauf einprägen möchten." Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Großmutter und der Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen Theorien zu bekennen, sie beschäftigte sich gar nicht mit ihnen und wäre z. B., hätte sie sich damit beschäftigt, zu einer Anerkennung der Idee des Klassenkampfes nie gelangt, aber daß sie in ihr Beurteilung einen Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen, daß sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als berechtigt anerkannte -- das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz ungewöhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen dafür angesehen wurden. Ihre Lektüre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen -- "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman" -- bestärkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in Zustände, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts ihrer Wirklichkeit ganz außer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen -- das gräßlichste Rätsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht mich aus blöden Augen an, und in den Fischerhütten am Strand, wo ein hartes Geschlecht in ständigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bißchen armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen, daß aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift." Ihr Mitleiden, das kein gefühlsmäßiges Mitleid mehr war, steigerte sich fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering, als daß ihr Herz sich vor ihm verschlossen hätte; es wurde ihr zum körperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern, Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich früher angesichts des unverschuldeten Unglücks dadurch beruhigt hatte, daß die Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab für die Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrätsel des Lebens gegenüber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu bewahren vermochte, den Glauben an den allgütigen Gott -- die Stütze ihrer inneren Welt -- nicht selbst zu zertrümmern, ihn mit dem namenlosen Unglück, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von einer künftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht, "in ihr liegt weder ein Trost für die Unglücklichen," sagte sie, "noch eine Erklärung dafür, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte für sie etwas außerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar unverschuldetes Unglück war danach die Folge der Schuld früherer Existenzen, und selbst für die Qualen der Tiere fand sie eine Erklärung in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie lehrt. Ihr Glaube war so unerschütterlich, daß keine Einwendung dagegen sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hältst sie, selbst ihr Vorhandensein vorausgesetzt, für wertlos, wenn wir von unserem persönlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du nicht jenes merkwürdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen befällt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten, oder das Geheimniß der Sympathie, das Menschen gegenüber nicht anders wirkt wie ein Wiedererkennen längst Vertrauter? Oder die Bilder des Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Länder und unter Menschen führen, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was wir geworden sind, schon hier lösen sich Hunderte von scheinbar nahen Verhältnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend Fällen eine Erlösung, wenn die Erinnerung verblaßt und verlischt? Es kommt gewiß in früheren und späteren Existenzen des Geistes nicht auf Erinnerung, sondern auf Gewordensein an." Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines Lebens ist das innere Drängen, Stürmen, Fragen, das Hin- und Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen habe ich abgeschlossen ... Das Unglück der Schuldlosen, Kinderqualen, Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben zu führen scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen -- Rätsel, die mich mein Leben lang quälten und meine Freuden vergällten, sind mir zu Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen. Darüber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, daß schließlich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, daß, wie ein Maulwurf das Licht nicht sehen, wie ein unmündiges Kind den Faust nicht verstehen kann, wir auf unserer Erdenstufe die höheren Stufen noch nicht zu erkennen vermögen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum Beweise dafür, wie viele Erkenntniß-Entwicklungen wir sowohl in der irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermögen, sollte nicht reifen und wachsen und Höhen erreichen, die auf Erden nur wenige -- ein Christus, ein Goethe -- erreicht haben!?" Aber wie ihr ganzes Lebensgebäude zusammengestürzt wäre, wenn dieser Glaube nicht die Brücke gebaut hätte zwischen ihrem Gottesglauben und ihrer Menschenliebe, so wäre sie auch an dem Schmerz und an der Größe ihrer Mutterliebe zugrunde gegangen, wenn sie die Hoffnung auf ihrer Kinder endliche höchste Entwicklung hätte aufgeben müssen. Die letzte Eintragung in ihr Sammelbuch besteht in jener düsteren spanischen Ballade, die von dem Jüngling erzählt, der der Mutter das Herz aus der Brust reißt, um es der grausamen Geliebten zu bringen. Er stürzt auf dem Wege zu Boden -- "Da sieh, dem Mutterherzen Ein Tropfen Bluts entrinnt, Und fragt mit weicher Stimme: Tat'st Du Dir weh, mein Kind? ..." So groß, so stark war auch ihre Liebe, die durch alle Wunden, die ihr geschlagen wurden, nicht sterben, sondern nur immer noch wachsen konnte. Aus dieser Empfindung heraus schrieb sie mir: "Mir ist oft, als müßte ich denen Glück wünschen, die nicht heiraten und keine Kinder haben. Wie gering ist die Zahl der Mütter, bei denen das Glück das Unglück überwiegt! Für Muttermühe, Muttersorge, Mutterarbeit entschädigt die Liebe zu den Kindern und die Freude an ihnen -- aber der Schmerz und Stachel über ihre Leiden und ihre Sünden und ihre schweren Schicksale, die sind -par-dessus le marché-, und je mehr man liebt, desto schwerer ist dies Mitleiden, und je älter man wird, desto kraftloser ist man dagegen, sogar Gebet, Glaube und Frömmigkeit lassen darin schmerzliche Lücken. Eine Mutter trägt nicht nur ihre eigene Last, sondern noch die Lasten ihrer Kinder und Kindeskinder bis zum Grabe, und das schlimmste ist, daß sie sie ihnen dadurch nicht einmal abnimmt ... Und wenn ihr Nest leer geworden ist, sie keine oder oft keine erfüllbaren Pflichten mehr hat, ihre Kinder ihr fremd und fremder werden, ihr Rat nicht gehört wird und ihre Erfahrungen nichts nützen -- wie furchtbar, wie unerträglich würde diese entsetzlichste Lebensenttäuschung sein, die Enttäuschung an dem, was wir aus unserem Blut entstehen sahen, mit unserem Herzblut nährten, wenn es den einen Trost nicht gäbe: den Glauben an immer neue Verwandlungen, bis für Alle die höchste Stufe der Seelenentwicklung erreicht ist. Der Schmerz freilich bleibt: hat das Erdenfegefeuer sie nicht genug gereinigt, so sinken sie in eine noch tiefere Hölle der Prüfungen -- vielleicht, daß die Thränen der Mutter, auch die ungeweinten, die am schwersten wiegen, sie davor bewahren! Wenn ich rückwärtsschauend mein Leben betrachte und mich frage, welches Gefühl das mächtigste, welche Erkenntniß die folgenreichste, welche Hoffnung die sicherste ist, so lautet die Antwort: Das tiefste Gefühl ist die Mutterliebe; die wichtigste Erkenntniß: Die Sünde ist der Welt Verderben; die sicherste Hoffnung: Die Entwicklung der Menschheit bis zum höchsten Sein. Ohne diese würden Gefühl und Erkenntniß nur die Qualen der Erdenkinder erhöhen, und es gäbe nur einen Ausweg aus dieser Hölle: Die Selbstvernichtung der Menschheit." So war sie am Ende des Lebens da angelangt, wo Goethe gestanden hatte, als er schrieb: "... Und solang Du dies nicht hast, Dieses: Stirb und Werde, Bist Du nur ein müder Gast Auf der armen Erde." Und sie sah dem Tode entgegen im Sinne seiner letzten Worte, die sie oft wiederholte: "Nun kommt die Wandelung zu höheren Wandelungen." Innerlich fester verbunden wie je und nur äußerlich fern der alten Heimat, schien sich der Kreislauf ihres Lebens leise zu schließen. Und als ob die Harmonie ihres Wesens auch in ihrem Dasein zum Ausdruck kommen sollte, so berührte das Ende den Anfang. Hatten sich beschattend, aber auch schützend die Äste des Waldriesen über sie gebreitet, so schmiegten sie sich jetzt wie Freundesarme um sie. Mit denen, die sie in Weimar lieb hatte, war sie immer in Verbindung geblieben und hatte an allem, was sie erzählten, den lebhaftesten Anteil genommen. Nur einer, der zu den Nächsten gehörte -- der Großherzog -- war seit ihrer Abreise verstummt. Er hatte ihre Trennung von Weimar nicht begriffen und sie als eine persönliche Kränkung empfunden, die er nicht verwinden konnte; daß es vor allem pekuniäre Sorgen waren, die sie dazu gezwungen hatten, daß sie geblieben wäre, wenn sie sich eine größere, zur Aufnahme ihrer Kinder mögliche Wohnung hätte gönnen dürfen -- das hatte ihr Stolz ihm verschwiegen, das verschwieg sie ihm auch dann, als sein Mißverstehen, der scheinbare Verlust seiner Freundschaft ihr tiefe Schmerzen bereitete. "Eure Generation, die so reich an Verstandeserkenntniß und so bettelarm an Herzensreichtum ist, weiß nichts von dem Wert treuer, lebenslanger Freundschaft," schrieb sie, "sie ist die Wahlverwandschaft der Seelen, die uns die Fremdheit der Beziehungen des Bluts vergessen läßt, sie ist der Hebel geistigen Fortschritts, der größte menschliche Trost im Leid. Einen lebendig verlorenen Freund beweinen müssen, ist darum viel schmerzlicher, als um das unabweisbare Geschick seines Todes zu trauern. Daß der Großherzog mich so mißverstehen konnte, wo die gute Kaiserin mich so ganz verstand, war darum eine harte Prüfung für mich. Nun ist meines lieben Walter Goethes Tod die Brücke geworden, die ihn wieder zu mir hinüberführte -- wie denn das Beste in meinem Leben immer in tiefer Beziehung zu dem Namen Goethe gestanden hat." Walter Goethes Vermächtnis seines großväterlichen Nachlasses an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar war nicht nur ein Zeichen seiner großen Gesinnung, sondern auch ein Beweis für seine Menschenkenntnis. Er wußte, daß es durch sie in der rechten Weise zu einem Besitztum des deutschen Volkes werden würde. "Es ist so viel über Goethes Nachlaß gestritten worden," heißt es in einem Brief meiner Großmutter, "man hat oft mit mehr Neugierde als Begeisterung darnach verlangt, mir selbst sind von allen Nachlässen die geistigen Goetheflammen in seinen Enkeln als die wichtigsten und liebsten erschienen, und daß ich recht hatte in meiner großen Meinung über diese so viel Gescholtenen beweist Walters Testament. Die großartige und würdige Weise, wie es zur Verherrlichung seines großen Ahnen gewandelt wird, entspricht ihren Charakteren, die zwar nicht in dieses Jahrhundert, aber in das Große und Edle aller Jahrhunderte passen." Als nun auch das Goethe-Haus der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Empfangszimmer wie zu Goethes Lebzeiten gestaltet werden sollten, wandte man sich von Weimar aus an sie, die einzige, die von der ehemaligen Beschaffenheit der Räume noch etwas Genaues wissen konnte. Nach ihrer Beschreibung und einer Zeichnung, die sie sandte, wurden sie in ihrer alten schlichten Vornehmheit wieder hergestellt. "Ich beschäftige mich viel mit Weimar," schrieb sie mir, als sie davon erzählte, "und es versinkt ein halbes Jahrhundert meines Lebens, während in jugendlicher Frische die alte schöne Zeit vor mir aufsteigt. Ob die Goethe-Gesellschaft ein Mittel sein wird, sie auch für die Menschheit lebendig zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist leider eine Eigentümlichkeit des Deutschen, daß er gute und große Gedanken hat, sie aber verknöchern und versumpfen, sobald er sie in die Paragraphen eines Vereinchens zwängt. Auch der deutsche Gelehrte, so hoch ich ihn stelle als gründlichen Wahrheitssucher, gerät mit seinem Forschungstrieb leicht in Kleinigkeiten, und dann geht ihm der große Blick für das Ganze verloren. Hoffentlich wird der Goethe-Verein nie vergessen, daß Goethe, neben seinem Interesse für das Kleinste, das Große stets obenan stellte, hoffentlich wird er seinen Geist zu erforschen und lebendig auszubreiten suchen, was uns recht not tut ..." Der Großherzog, erfüllt mit jugendlicher Begeisterung für die neue große Aufgabe Weimars, wandte sich nun auch an die alte Freundin mit Fragen und Bitten, die die Zeit Goethes und ihre Erinnerungen daran betrafen. Und die ferne Einsamkeit Ostpreußens wurde ihr belebt und erfüllt mit den unsterblichen Gestalten der Vergangenheit. Unermüdlich im Fragen war der Großherzog, unermüdlich im Antworten war sie. Im Traum verloren machte sie ihre regelmäßigen Spaziergänge durch Park und Wald oder saß still mit gefalteten Händen in ihrem tiefen grünen Stuhl; ihr Mund zuckte nicht mehr so oft wie sonst in schmerzlicher Sorge, ein weiches Lächeln umspielte ihn -- mit sanftem Kuß grüßte sie der Genius ihrer Jugend. Immer schattenhafter erschien ihr die Gegenwart, immer mehr lebte sie in der Vergangenheit und in einer Zukunft, die sie jenseits des Grabes sah: "Ich sehe von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht bis in den fernen, gottdurchglänzten Raum des Allerheiligsten. Ein Reich des Lichts, voll Musik, voll Liebe, hört und fühlt mein Geist mit einer Zuversicht, die täglich wächst. Und lächelnd, fast ohne Schmerz winke ich denen, die mir vorangingen, grüßend zu ..." Es waren ihrer viele vorangegangen: Pauline, die blinde Schwester, war in demselben Kloster gestorben, das des verlassenen Säuglings erster Zufluchtsort gewesen war, und Beust, auf den sich alle schwesterliche Liebe meiner Großmutter nun konzentriert hatte, war ihr gefolgt. "Er war," schrieb sie von ihm, "ein reiner Mensch und darum eine vornehme Natur, wie ich eine zweite nicht kenne." Sein Tod wurde, wie der Walter Goethes, zu einem neuen Bindeglied zwischen ihr und dem Großherzog. Auf ihren Brief, der den Freund über den Verlust des Freundes zu trösten versuchte, antwortete er: "Schloß Wartburg, am 9. September 1889. "Ihr Brief, gnädige Frau, hat mich tief gerührt, ich wollte, ich könnte Ihnen danken, wie ich es fühle. Jede Zeile erweckt Erinnerungen und Bedauern, die sich darin gleichen, daß sie, die einen wie die andern, sich in mir nur durch Schweigen ausdrücken. So tief ist die Furche, die der Schmerz um den Verlust meiner Mutter in mein Herz grub, und so tief ist auch die, die mir der Verlust meines Freundes gräbt. Er gehört zu denen, deren Eindruck erst erkennen läßt, was man besessen hat. Und man lernt die ganze Größe dessen, was man besaß, erst kennen, wenn der Besitz verloren ging. So feste Bande zwischen den Menschen, wie die zwischen mir und ihm, ziehen gleichsam, wenn sie auseinander gerissen werden, ein Stück von unserem eigenen Ich mit sich ... So haben Sie mich doch wider meinen Willen zu einer erlösenden Aussprache veranlaßt. Sie allein können beurteilen, was ich leide! Der Glaube, daß mein treuer Freund nun mit denen vereint ist, die ihm vorangegangen sind und die er so zärtlich liebte, ist wohl ein Trost, aber den Verlust läßt er mich nicht überwinden. "Ihr Brief hat mich in Wilhelmsthal gesucht und in Weimar gefunden. Der nahende Herbst hat mich und meine Tochter Elisabeth veranlaßt, die Gegend zu verlassen, an die sich all die schönen Erinnerungen knüpfen, die Ihr Brief heraufbeschwor. Ich gestehe Ihnen, daß ich an jenem lieben alten Hause auch um anderer teurer Jugenderinnerungen hänge, die mit unsichtbarer Schrift auf seinen Mauern geschrieben stehen. Wie bedaure ich, gnädige Frau, mit Ihnen nur noch schriftlich verkehren zu können, und wie sehr bedauerte es der Verstorbene, der in derselben Lage war wie ich. Aber die Erinnerung kennt weder Zeit noch Entfernungen, und auch das Herz weiß von beiden nichts. Das empfindet aufs tiefste und mit aufrichtiger Dankbarkeit Ihr alter Freund Carl Alexander." Auch aus der Ferne schloß sich der Kreis der alten Freunde um so enger zusammen, je kleiner er wurde. Drei Greise waren es nur noch -- Jenny Gustedt, der Großherzog und die Kaiserin -- die das Band einer gemeinsamen Vergangenheit umschloß. Und unter ihnen war Jenny die Trösterin, die, die sie aufzurichten versuchte aus dem niederdrückenden Leid. "Aus jeder Zeile, die meine geliebte Kaiserin mir schreibt," heißt es in einem Brief meiner Großmutter aus dem Jahre 1888, "lese ich, wie schwer sie unter den Schlägen des Schicksals leidet: den Gatten, den Sohn verloren, den Enkel, der die erziehende Schule des Kronprinzentums nicht durchmachte -- wie sie sich ausdrückt -- unter der Last einer schwer zu tragenden Krone, mit dem Ausblick in eine ungewisse Zukunft." Nicht allzu lange sollte die Kaiserin die neue Zeit miterleben, die ihr immer fremder wurde. In den ersten Tagen des Jahres 1890 schloß sie die müden Augen für immer. Kurz darauf schrieb Carl Alexander an ihre Freundin: "Berlin, Schloß, 15. Januar 1890. "Sie werden es mir, wie sich selbst, gern glauben, daß Ihre Teilnahme mir eine wahre Wohltat gewesen ist. Sich selbst, weil es Ihr Herz war, das Ihre Feder führte, und weil es der Schmerz ist, der die Sprache der Freundschaft am liebsten hört. Ich kann von meinem eigenen Verlust nicht sprechen. Das ist auch nicht nötig. Ein Jeder macht mir den Eindruck, als hätte er einen persönlichen Verlust erlitten. Das ist, wie ich glaube, das charakteristische Zeichen dieses Unglücks. "Gestatten Sie mir, hier zu schließen. Es giebt Ereignisse, deren einzige Sprache das Schweigen ist, denn dieses allein ist der richtige Ausdruck für den größten Schmerz. "Mein treuer Beust fehlt mir sehr und fehlt mir stets aufs neue und immer mehr ... "Leben Sie wohl, gnädige Frau. Das Gedächtniß meiner Schwester und meiner Mutter werden Sie immer treu bewahren, erinnern Sie sich aber auch freundlich Ihres sehr traurigen Freundes Carl Alexander." Seiner Bitte um ein Erinnern folgte von Weimar aus eine neue: Goethes letzte Lebensjahre möchte sie schildern, sie, die von allen Überlebenden dem großen Toten jetzt noch am nächsten stand. Und während der Wintersturm vom Haff herüberbrauste und Wintereinsamkeit das Haus mit tiefer Stille füllte, saß die alte Frau am Schreibtisch und suchte ihren Erinnerungen eine Form zu geben. "Ich werde selbst wieder jung dabei," schrieb sie mir, als sie von ihrer Tätigkeit erzählte. Auf ihre ersten Sendungen antwortete der Großherzog: "Weimar, 28. Januar 1890. "... Ich erhielt die Blätter, die Sie, meine liebenswürdige und getreue Freundin, die geduldige Güte hatten mit Details über Goethe und die englische Gesellschaft während seiner letzten Lebensjahre zu füllen, und um die ich mir erlaubt hatte, Sie zu bitten. Ich komme heute, um Ihnen die Hand dafür zu küssen. Vor allem aber komme ich, um Sie um Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich abermals an dieselbe Güte appelliere, die mich so zu Dank verpflichtet, und an dieselbe Erinnerung, die mich entzückt. Meine Unbescheidenheit verlangt vor Allem eine Erklärung; hier ist sie: Das Testament Walter Goethes hat mit dem Augenblick, da es bekannt wurde, in Weimar ein neues Leben erweckt. Ich kann es nicht besser charakterisieren, als indem ich versichere, daß man den Eindruck hat, als ob die Seele des größten deutschen Dichters, die Seele Goethes, wieder eingezogen sei in diese Stadt, in sein altes Haus, in das Schloß, um aufs neue zu wirken und zu schaffen. Hervorragende Männer sind herberufen worden, um Walter Goethes Vermächtniß zu ordnen und zu verwalten, andere haben sich bemüht, Zulassung zu der wundervollen neu entdeckten Quelle zu finden; sie kamen und kommen, um im Archiv zu arbeiten, und wir verdanken dem Umstand eine Fülle interessanter Bekanntschaften. Einen jungen Amerikaner, Mr. G..., rechne ich dazu, der eine Arbeit "Goethe in England" unter der Feder hat, und für den es sehr wichtig ist, alle Beziehungen zwischen Goethe und England kennen zu lernen. Diese Notwendigkeit führte mich zu Ihnen, und das Interesse, das ich an der Sache nehme, läßt mich meine Bitte wiederholen. Und um meine Zudringlichkeit vollends auf die Spitze zu treiben, gestatten Sie mir, Sie zu bitten, für mich Notizen über Alles zu machen, was an Tatsachen, Unterhaltungen und Namen aus jener Zeit noch in Ihrer Erinnerung lebt. Diese Zudringlichkeit ist so natürlich, daß Sie sie verzeihen, und so notwendig, daß Sie sie verstehen werden. Es lohnt sich der Mühe, die Arbeit, die ich Ihnen zumute, in zwei Teile zu teilen: die eine, die Erinnerungen an die Engländer enthaltend, so daß sie Mr. G... von Nutzen sein kann, die andre, für mich persönlich, die die übrigen Erinnerungen an die große Epoche Weimars zum Gegenstand hat. "Goethe hatte die Gewohnheit, jeden großen Schmerz dadurch zu bekämpfen, daß er eine neue Arbeit unternahm. Dieser Brief ist freilich keine, aber er gehört zu jener Tätigkeit, die ich mich bemühe, im Gang zu erhalten, weil ich in dieser fremden Welt der Seelen so schwer zu kämpfen habe. Dieser Kampf wird mir um so leichter werden, je eher ich dort Verständniß finde, wo ich verstanden sein möchte. Sie werden aus diesem Bekenntniß, teuerste Freundin, nichts Neues folgern, denn Sie kennen, wie ich hoffe, Ihren alten, treu ergebenen Freund Carl Alexander." "Weimar, den 11. Februar 1890. "... Ich habe niemals aufgehört, Ihr Fernsein von Weimar, meine liebe verehrte Freundin, auf das lebhafteste zu bedauern, ich tue es jetzt lebhafter denn je: wie würden Sie sich inmitten all der Tätigkeit wohl fühlen, die ich nicht anders charakterisieren kann als mit dem symbolischen Bilde des Januskopfes, denn sie umfaßt die Vergangenheit und wirkt für die Zukunft ... "Vier Wochen sind heute seit unserem großen Verlust vergangen. Ich fühle mich in dem seelischen Kampf, der von ihm hervorgerufen wurde, noch nicht als Sieger. Und er beginnt immer wieder, wenn ich am wenigsten daran denke. Wie seltsam ist doch dieses doppelte Leben, das wir führen: eines nach außen und eines nach innen, und Liszt hatte Recht, als er während einer für ihn sehr schweren Zeit der Prüfungen einmal sagte: es schiene ihm, als ob ein zweites Ich es auf sich genommen habe, sie zu ertragen. Da wäre ich bei den intimen Bekenntnissen angelangt -- die rechte Sprache einer fest gegründeten Freudschaft! Und sie ist keine bloße Vermutung, sondern die einfache Wahrheit von Seiten Ihres treuesten Freundes Carl Alexander." "Weimar, den 20. März 1890. "Die Verlegenheit, meine teuerste Freundin, scheint mir den schlimmsten aller Momente zu schaffen, um einen Brief zu schreiben. Dieser Gedanke ist für mich zur Überzeugung geworden, als ich die Feder ergriff, um Ihnen -- endlich! -- für Ihren liebenswürdigen Brief zu danken und für die interessanten und wertvollen Notizen, die ihn begleiteten. Ich bedarf von Seiten Ihrer alten und treuen Freundschaft aller Nachsicht und all der Güte, die sich mir gegenüber stets bewährt hat, um Ihrer Vergebung angesichts meiner Nachlässigkeit und Undankbarkeit sicher zu sein. Ich habe aber trotzdem ein Recht, zu versichern, daß meine Sünden nur scheinbare sind: Sie werden die erste sein, mir zu vergeben, wenn Sie sich erinnern wollen, welch traurige Pflichten mich Anfang des Monats nach Berlin geführt haben. Nun aber bin ich wieder zu Ihren Füßen mit meinem aufrichtigsten Dankgefühl. Nehmen Sie es als solches an. "Ihre Notizen haben den doppelten Reiz eines wichtigen und interessanten Inhalts und einer entzückenden, faszinierenden Form. Wir sollten Ihr Gedächtnis und Ihre Feder in Anspruch nehmen, um ein Bild der Gesellschaft Weimars zu zeichnen. Ich habe mir immer gewünscht, daß ihre Geschichte geschrieben würde. Das könnte nicht besser geschehen, als wenn Zeitgenossen einzelne Personen darstellen, und Niemand in der Welt wäre dazu besser imstande als Sie. Und so sehen Sie mich abermals als Bittenden nahen, um Sie zu beschwören, es zu tun! Die Biographie Ottiliens wäre das erste, was Sie unternehmen sollten. Ein Lebensbild Walter Goethes zu zeichnen, würde ich sehr gern unternehmen. Wolf hat einen ebenso treuen wie geschmackvollen Biographen in seinem Freunde Mejer gefunden. Der Salon von Johanna Schopenhauer ist von Stephan Schütze geschildert, aber noch nicht veröffentlicht worden. Eine Sammlung würde auf diese Weise entstehen, die an Interesse zunehmen würde, je mehr die Epoche sich entfernt, die sie schildert, und je mehr die litterarischen Publikationen des Goethe-Schiller-Archivs fortschreiten. Diese würden für unsere Sammlung erst die Atmosphäre schaffen. Lassen Sie mich Ihrem Nachdenken meine Überlegungen anvertrauen, während die Vögel von Liebe singen und die Blumen den Frühling predigen. Zahllose Kindererinnerungen sind durch Ihre Notizen erweckt worden wie Blumen aus dem Lenz meines Lebens, und es ist nicht ohne tiefe Bewegung -- Sie können nicht anders empfunden haben! -- daß ich diese Zeugen der Vergangenheit vor mir lebendig werden sah! ... "... Wie fehlt mir dauernd mein treuer Beust, und wie anders wäre es, wenn Sie mir nicht auch fehlen würden! "Die Reichstagswahlen haben uns hier sehr beschäftigt, wir sind von den Resultaten degoutiert. Ich finde übrigens, daß der Moment für den Abschied des Reichskanzlers sehr schlecht gewählt ist. Daß er es so wollte, vermindert beinahe den Eindruck des Unglücks, das im ersten Moment empfunden wurde. "In der Verlegenheit habe ich angefangen, ich schließe mit der Politik -- Beide begegnen einander öfters -- Der Himmel wolle, daß wir von der einen entfernt bleiben und daß Sie aus der anderen befreien "Ihren treuesten, anhänglichsten und ganz ergebenen Freund Carl Alexander." "Weimar, den 9. April 1890. "Goethe sagt irgendwo: Du im Leben nichts verschiebe, Sei Dein Leben Tat um Tat, Und Dein Streben sei's in Liebe, Und Dein Leben sei die Tat. "Es steht gewiß nicht im Widerspruch dazu, wenn ich mit der Beantwortung Ihres liebenswürdigen Briefs die Zusendung des Buchs von M. Mejer über Wolf Goethe verbinde, das Sie sicherlich interessieren wird. Der Autor hat es mit Liebe geschrieben -- es gelingt nichts, wie Sie wissen, wenn man nicht auch mit dem Herzen bei der Sache ist! ... Nur Sie allein, meine sehr liebe und verehrte Freundin, könnten, wenn Sie die Biographie Ottiliens schreiben wollten, etwas noch weit Besseres leisten, denn ich glaube, daß im allgemeinen die Feder einer Frau mehr dafür geeignet ist, eine so merkwürdige, ungewöhnlich begabte, aber niemals im Gleichgewicht sich befindende Persönlichkeit zu charakterisieren, wie Frau von Goethe es war. Ich komme abermals, um Sie darum zu bitten, obwohl ich verstehe, daß Ihre Freundschaft für Ottilie Ihnen dabei einige Skrupeln macht. Gestatten Sie mir dazu zu bemerken, daß es nur menschlich ist, Fehler zu haben, daß aber alles Menschliche notwendig die Kritik herausfordert, noch mehr jedoch auf Verständniß und Vergebung rechnen kann. Die Geschichte Ottiliens ist im übrigen so bekannt, daß es sich um Indiskretionen dabei kaum mehr handeln kann. Die Biographie ihrer Freundin, Mrs. Jameson, ist ein Beweis dafür. Nur um die Auferstehung der großen Epoche Weimars, die durch Walter Goethes großherziges Vermächtniß hervorgerufen wurde, zur vollständigen zu machen, bitte ich Sie, Ihre Erinnerungen und Ihre Feder in den Dienst der Sache zu stellen ... Meine Frau dankt Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche, meine Kinder vereinigen sich mit mir im Gefühl der Liebe und der Dankbarkeit für Sie, und ich danke Ihnen noch besonders und voll tiefer Bewegung für die Worte, die Sie meiner geliebten, unvergeßlichen Mutter gewidmet haben. Ich habe das Recht, so zu sprechen, denn auf der einen Seite führen mich meine Pflichten in die Vergangenheit zurück, auf der anderen lebt mein Herz in ihrem Kultus. Er wird mit Gottes Hilfe der Compaß sein, der mich in die Zukunft leitet, die ich mich bemühe, im Vorhinein zu verstehen, indem ich die Geschichte studiere, und für die ich mich vorbereite, indem ich mich selbst immer weiter zu einer selbständigen Individualität zu entwickeln trachte ... Offene Aussprachen wie diese sind nur Fortsetzungen unserer unvergeßlichen Weimarer Unterhaltungen. Die Freundschaft ist doch die süßeste aller Gewohnheiten. Meinen Sie nicht auch? -- Jedenfalls ist es die Ansicht Ihres getreusten Freundes Carl Alexander." Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Großmutter: "Mein von Dir übersetzter alter Aufsatz über Ottilie ist freilich keine Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten treuen Freund gern gefällig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute und schöne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedürfnis und Wahrheit. Das stumme Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnürt mir jetzt wieder, da die Söhne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und Wärme; wenn auch etwas Tränen und Sorge dabei gespart werden, so wird viel Höheres an Rat, Mitgefühl, Seeleneinfluß und Liebe Preis gegeben oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr müde und schlafe viel; dabei lächelt eine heitere Frühlingssonne in mein Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig würden, oft füllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wäre in Weimar ... Mein guter Großherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schön -- viel schöner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wächst, je weiter ich mich von ihr entferne ... Oder nähere ich mich ihr wieder? ..." Oft schien es, als spräche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer Kinder sagte sie dann lächelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren wirklich da, sie reden mit mir, während Ihr schweigt --" Sie hatte keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedürfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre Spaziergänge wurden immer kürzer, und ein äußeres Interesse nach dem anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so stärkeres Leben, und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklärung. Mitte April schrieb sie dem Großherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine Lebenselixire. Wie in einen schützenden Mantel und undurchdringlichen Harnisch möchte ich Kinder und Enkel hüllen, und dankbar vor dem Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrüne Blättchen dem zu Füßen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher, meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten Absicht an, denn die Kräfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir immer gegenwärtiger. Sie rufen mich." Der Großherzog schrieb darauf: "Weimar, den 26. April 1890. "In Ihrem gütigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, daß Ihnen, gnädige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, daß der Kaschnack -- der Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der nur die Augen frei läßt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht. Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, betätigen diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und Undankbarkeit, daß die großen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Dürfte ich selbst zur Feder greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, muß man mit ihm vertraut gewesen sein, es genügte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimität, und ich darf wohl sagen, daß ich zu denen gehörte, die ihm am nächsten standen ... Seine Schöpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollständigt sich inzwischen mehr und mehr, und ich hoffe, daß es sich nach und nach zum Archiv der deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Träume suchen immer den Frühling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten. Hoffnung aber läßt nie zu Schanden werden! In treuster freundschaftlicher Gesinnung küßt Ihnen die Hände Ihr alter Freund Carl Alexander." Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der Achtundsiebzigjährigen war müde geworden, und ein Schleier nach dem anderen umhüllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Träume den Frühling, aber nicht den, der draußen die Bäume mit Blüten bedeckte, der vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften ließ, der mit holden kleinen Lenzesgrüßen ihre Zimmer schmückte. Sie schlief -- sie träumte -- und wenn sie die Augen öffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand leise drückte oder zärtlich über das Köpfchen ihres jüngsten Enkelkindes strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's, wenn die Lindenblätter weich über die Scheiben strichen, wie Rauschen von Gewändern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind strich, wie Flüstern von Stimmen, wenn über das Dach hin die alten Äste sich berührten. Alle sah sie, grüßte sie, lächelte ihnen zu und rief sie mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im weißen Rosenkränzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten Zügen des frühe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden Augen des Unsterblichen und den Vater, über dem leise und feierlich der Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu höheren Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren Zügen. -- -- -- Der Haffwind pfiff über die wogenden Felder, rüttelte die toten Äste von den Bäumen und streute weiße und rote und gelbe Blüten über die Wege, als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin zu führen, wo ihres Geistes Geburtsstätte, ihres Herzens Heimat war; niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedächtnis ihn geschmückt, Liebe ihn gepflegt hätte. In Legitten, mitten im öden Land, dicht an der staubigen Straße, wo ein einsames Kirchlein zwischen spärlichen Bäumen sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort, dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe höret nimmer auf" steht in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen läßt, und die Blüten, die der Wind von den Linden herüberweht, schmücken die Stätte, wo sie ruht, und statt daß Worte der Liebe und des Erinnerns sie grüßen, zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glöcklein singt sein Sterbelied, wenn neue Schläfer unter ihm einziehen. Fühlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder weiß sie, daß Blumen ihrem Grab entsprießen, die nie verwelken, daß ein Ton aus ihm klingt, der sich dem Siegeslied der Menschheit vermählt? Mir war's, als hätte ich ihn gehört und müßte ihn weiter verkünden. Anmerkungen [Anmerkung 1: Vgl. -André Martinet, Jérôme Napoléon, roi de Westphalie. Paris- 1902. Seite VIII f.] [Anmerkung 2: Vgl. -Mémoires et Correspondance du roi Jérôme et de la reine Catherine. Paris- 1861-1866. 7 Bände. Bd. 1, S. 18. -- Dieses Quellenwerk umfaßt die ganze Korrespondenz des Königs mit Napoleon, mit seiner Gattin und mit hervorragenden Persönlichkeiten seiner Zeit, zugleich das regelmäßig geführte Tagebuch der Königin, ferner die amtlichen Berichte aus den Archiven der Ministerien des Krieges, der Marine und des Auswärtigen sowie einen großen Teil der Berichte des Grafen Reinhard, Gesandten Napoleons in Kassel, an diesen.] [Anmerkung 3: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 20f.] [Anmerkung 4: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. -IX.-] [Anmerkung 5: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. S. 22, und -Martinet-, a. a. O. S. -X-.] [Anmerkung 6: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 23.] [Anmerkung 7: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 51.] [Anmerkung 8: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 52ff.] [Anmerkung 9: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 107 u. 118f.] [Anmerkung 10: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 123f.] [Anmerkung 11: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 128 bis 324. -- Dieser Abschnitt enthält die ausführliche Darstellung der Ehe Jeromes mit Elisabeth Patterson und all ihrer Folgen bis zu seinem Tode, sowie zahlreiche Briefe Jeromes an Elisabeth, auch aus der Zeit nach der Trennung der Ehe.] [Anmerkung 12: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 374ff., und -Martinet-, a. a. O. S. -XVIII-.] [Anmerkung 13: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. -XVIII.-] [Anmerkung 14: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 19ff., und -Mémoires-, a. a. O. Bd. 3, S. 71f] [Anmerkung 15: Vgl. -Dr.- Rudolf Goecke und -Dr.- Theodor Ilgen. Das Königreich Westfalen. Nach den Quellen dargestellt. Düsseldorf 1888. S. 163. --Die Verfasser, unter den deutschen Historikern des westfälischen Königtums diejenigen, die sich möglichster Objektivität befleißigten, verurteilen die nach Jeromes Abdankung erschienenen gemeinen Klatschgeschichten über seine Regierungszeit, die "nach den Urteilen Ununterrichteter die Epoche der Fremdherrschaft allein ausgefüllt haben". S. 116.] [Anmerkung 16: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 50f., und -Mémoires-, Bd. 3, S. 82ff.] [Anmerkung 17: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 122.] [Anmerkung 18: A. a. O. S. 117.] [Anmerkung 19: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 3, S. 78f und S. 90f.] [Anmerkung 20: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 37.] [Anmerkung 21: A. a. O. S. 45f.] [Anmerkung 22: Vgl. -Mémoires-, Bd. 3, S. 129ff.] [Anmerkung 23: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 76.] [Anmerkung 24: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 46ff.] [Anmerkung 25: A. a. O. S. 50.] [Anmerkung 26: -Mémoires-, a. a. O. Bd. 4, S. 33.] , 1 . 2 , , 3 , , 4 , . 5 " , , 6 - - 7 ! " , 8 . , 9 , . 10 , , 11 , 12 , . 13 : 14 15 " - - 16 - - , , 17 18 . 19 ; , , 20 , , , 21 , . 22 , 23 24 . , 25 , , , 26 , 27 . - , - 28 , 29 . . . 30 , , 31 , . 32 : , 33 , ! : , 34 , - - 35 , , 36 , , 37 ; 38 , 39 , , 40 : . " 41 42 , , 43 44 , 45 . 46 , 47 , . 48 " , , " 49 , " , 50 . " " 51 , , 52 . 53 , , 54 , 55 . , 56 , 57 , 58 - - , 59 . 60 , , 61 62 , , , 63 , 64 , 65 . " 66 67 , , , 68 , , 69 , 70 71 72 , 73 . , 74 75 , 76 , . " 77 , " , " 78 , 79 . , 80 , , , 81 , . " 82 , , 83 , , 84 . , . . 85 86 , , 87 : " , , 88 ? 89 - ? 90 , , 91 ? " : " 92 , ? 93 94 ? , 95 , , 96 , , . 97 , , 98 , 99 , , 100 , 101 , , - . " 102 103 , 104 , , 105 106 . " , , 107 , , 108 , " . " 109 , " , " 110 ; , , 111 , 112 . . . 113 , 114 , , 115 , , 116 , , 117 . . . " 118 " , " , " 119 , , 120 121 , 122 . ? 123 , , , - - , 124 ! . . . , 125 , , 126 ! , 127 , : 128 , - - , 129 . , , 130 , 131 , , , 132 , , 133 . , 134 135 , . " 136 137 , 138 . " 139 , " , " 140 ' ' 141 . , 142 , . 143 , 144 , , , 145 , 146 147 . 148 , 149 , . 150 , , 151 , , , 152 . , , 153 ! 154 , 155 , , 156 , . , 157 , , 158 , , 159 , 160 . , , 161 , , , 162 , , 163 , 164 . " 165 166 , 167 . 168 ; 169 , : 170 , 171 . " , 172 , " 173 . 174 . : " , " 175 , 176 , " " : " 177 ' ' . " 178 : " , " 179 . 180 181 , 182 , 183 , , 184 , , 185 , 186 , 187 . 188 , 189 , 190 , , 191 , , , 192 . 193 194 , , 195 , 196 197 . , 198 . 199 200 , 201 , 202 , , 203 . " 204 205 , " , " , , 206 , 207 , 208 209 , 210 . , , 211 ! , 212 213 , 214 - - , , 215 - - 216 . 217 , , 218 . , 219 , , : 220 ' , ' , 221 , 222 : 223 , 224 . 225 226 , 227 , 228 : 229 , , 230 - - 231 , 232 233 . . . 234 , , 235 , . 236 , 237 , 238 , , , 239 , , 240 . " , 241 : " 242 , , 243 244 . , 245 - - : , 246 ! - - , 247 , , 248 , , 249 , , 250 , , 251 , 252 . 253 , , , , 254 , . , 255 , , , 256 , 257 , . 258 - : 259 , 260 , 261 . 262 , 263 ! 264 , 265 , , , 266 . 267 , 268 269 , 270 . , , , 271 : 272 , 273 , . 274 , 275 276 , . " 277 278 279 , , , . 280 , 281 , 282 . . , , 283 , 284 , 285 , , 286 - - 287 288 , 289 290 . 291 292 293 - - " , " 294 - - . " , " 295 , " , 296 , , 297 . 298 - - ! 299 , , 300 301 , , 302 . " 303 304 , , 305 . , , 306 ; 307 , , , 308 , . 309 , 310 , 311 . 312 , 313 , , 314 , - - 315 - - , 316 , , : 317 - . 318 , 319 " , " , " 320 , , 321 , " , 322 , 323 . 324 325 , 326 , 327 . , 328 . " , 329 , , 330 , , 331 ? " . " 332 , 333 , , 334 , 335 ? 336 , 337 , ? 338 , 339 340 ; , 341 , 342 . 343 , ? 344 345 , . " 346 347 : " 348 , , , - 349 ; 350 . . . , , 351 , , 352 , 353 , 354 - - , 355 , 356 , - . 357 , , 358 359 . , , 360 , 361 , 362 . 363 364 , - 365 . 366 , , 367 , 368 - - , - - ! ? " 369 370 , 371 372 , 373 , 374 . 375 376 377 , , 378 , . 379 - - 380 381 " , 382 , 383 : 384 ' , ? . . . " 385 386 , , , 387 , , . 388 : " , 389 , . 390 , 391 ! , , 392 - - 393 , 394 - - - , , 395 , , 396 , , 397 . , 398 , 399 , . . . 400 , 401 , , 402 - - , 403 , 404 , , 405 , : 406 , 407 . : 408 , 409 - - , , 410 , , ! 411 , 412 , , 413 , : 414 ; : 415 ; : 416 . 417 , 418 : . " 419 420 , , 421 : 422 423 " . . . , 424 : , 425 426 . " 427 428 , 429 : " . " 430 431 432 , . 433 434 , . , 435 , 436 . 437 438 , , 439 , , 440 . , - - - - 441 . 442 , 443 ; , 444 , , 445 , 446 - - , 447 , , 448 . " , 449 , 450 , , " , 451 " , 452 , 453 , . 454 , , 455 . 456 , , 457 . 458 , - - 459 460 . " 461 - 462 , 463 . , 464 . " 465 , " 466 , " 467 , 468 469 , 470 . 471 , 472 , , 473 , 474 . " - 475 476 , , , 477 . 478 , , 479 . " 480 , " , 481 , " , 482 . 483 - , 484 , . 485 , , 486 , 487 . , 488 , 489 , 490 . - , , 491 , , 492 493 , . . . " , 494 , 495 , 496 . 497 498 . , 499 . 500 501 ; 502 , - - 503 . 504 505 , 506 , : 507 " , , 508 . , 509 , , , 510 . , , 511 , . . . " 512 513 : , , 514 , 515 , , 516 , . " 517 , " , " 518 , . " , 519 , . 520 , 521 , : 522 523 524 " , . . 525 526 " , , , , 527 , . 528 , , , , 529 . , 530 , 531 , . 532 , , . 533 , , , 534 . , 535 , , 536 , . . . 537 . 538 , ! , 539 , 540 , , 541 . 542 543 " . 544 , 545 , , 546 . , 547 , 548 . 549 , , , 550 , 551 . , 552 . 553 554 555 556 557 . " 558 559 560 561 , . - - 562 , - - 563 . 564 , , 565 . " , , " 566 , " , 567 : , 568 , , 569 - - - - 570 , . " 571 , 572 . 573 . 574 : 575 576 577 " , , . . 578 579 " , , , 580 . , , 581 , , 582 . 583 . . , 584 . , 585 , . 586 587 " , . , 588 , 589 . 590 591 " 592 . . . 593 594 " , . 595 , 596 597 598 599 600 . " 601 602 603 : 604 , , 605 . 606 607 , 608 . " , " 609 , . 610 : 611 612 613 " , . . 614 615 " . . . , , 616 , 617 , 618 , . , 619 . , 620 , 621 , , 622 , . 623 ; : 624 , , . 625 , , 626 , , 627 , , , 628 , . 629 , 630 , , 631 ; , 632 , 633 . , . . . . , 634 , " " , 635 , 636 . , 637 , , 638 . 639 , , , 640 , , 641 . , 642 , , . 643 , , , 644 : , , 645 . . . . , , , 646 647 . 648 649 " , , 650 . , 651 , , 652 , 653 . , 654 , . 655 , , , 656 , , 657 658 , 659 660 . " 661 662 663 " , . . 664 665 " . . . , , 666 , , 667 : 668 , 669 , 670 . . . 671 672 " . 673 , , 674 . , 675 . , : 676 , , 677 : 678 , , 679 . - - 680 ! 681 , 682 683 684 685 . " 686 687 688 " , . . 689 690 " , , 691 , . 692 , , 693 - - ! - - 694 , . 695 696 , , 697 698 . , , 699 : , , 700 , 701 . 702 . . 703 704 " 705 , . 706 , 707 . , 708 . , 709 , 710 . 711 , , ! 712 , . 713 , . 714 715 . 716 , . 717 , 718 , , , 719 - - 720 . 721 . 722 , 723 . 724 , 725 - - ! - - 726 ! . . . 727 728 " . . . , , 729 ! 730 731 " , 732 . , 733 . 734 , , 735 . 736 737 " , 738 - - - - , 739 740 741 " , 742 743 . " 744 745 746 " , . . 747 748 " : 749 750 , 751 , 752 ' , 753 . 754 755 " , 756 . 757 , . 758 - - , , 759 ! . . . , 760 , , 761 , , 762 , , 763 , , 764 , 765 . , , , 766 . 767 , , 768 , , 769 . 770 , 771 . 772 , . , . 773 , 774 , , 775 , 776 . . . , 777 778 , 779 , , 780 . , , 781 , 782 . 783 , , , 784 , , 785 , 786 . . . 787 . 788 . 789 ? - - 790 791 792 793 . " 794 795 796 : 797 " 798 , 799 , . 800 801 ; , 802 , . 803 , 804 , 805 ; , 806 , , 807 . . . 808 ; 809 . 810 , , , 811 - - , 812 . , 813 . . . , 814 . , - - 815 , , 816 . . . ? . . . " 817 818 , , - - 819 . , 820 : " - - 821 , , - - " 822 , , , , 823 , 824 . , 825 . 826 . . : " 827 . 828 , 829 830 , , , 831 . 832 . . . , , 833 , . 834 . . " : 835 836 837 " , . . 838 839 " . , 840 , , . . 841 , . . . 842 , , 843 . , - - 844 , 845 - - . 846 , , 847 . - - , , 848 , , , ! 849 , 850 , 851 . . . 852 ? , 853 , , 854 . , , 855 , . . . 856 , - - , 857 , , 858 . : 859 ! , 860 - - . 861 ! 862 863 864 865 866 867 . " 868 869 870 . 871 , 872 . 873 , , , 874 , 875 . - - 876 - - 877 878 - - . 879 , , 880 , , : ' , 881 , 882 , 883 , , 884 . , , 885 : , 886 , 887 , 888 , 889 . , 890 , , , 891 . , - - 892 ! . , 893 , , , 894 , - 895 . - - - - - - 896 897 , 898 , 899 . , 900 , , ; 901 , 902 , , 903 . , , 904 , 905 , , , 906 , . " " 907 . , 908 - - - - , . 909 , , 910 , , , 911 , , 912 913 , . 914 915 , ? , 916 , , , 917 ? ' , 918 . 919 920 921 922 923 924 925 926 [ : . - , , . 927 - . . ] 928 929 [ : . - 930 . - - . . . , . . - - 931 , 932 , 933 , 934 , 935 936 , , . ] 937 938 [ : . - - , . . . . , . . ] 939 940 [ : . - - , . . . . - . - ] 941 942 [ : . - - , . . . . , - - , 943 . . . . - - . ] 944 945 [ : . - - , . . . . , . . ] 946 947 [ : . - - , . . . . , . . ] 948 949 [ : . - - , . . . . , . . ] 950 951 [ : . - - , . . . . , . . . ] 952 953 [ : . - - , . . . . , . . ] 954 955 [ : . - - , . . . . , . . - - 956 957 , 958 , 959 . ] 960 961 [ : . - - , . . . . , . . , 962 - - , . . . . - - . ] 963 964 [ : . - - , . . . . - . - ] 965 966 [ : . - - , . . . . . , - - , 967 . . . . , . ] 968 969 [ : . - . - - . - . 970 . . . . 971 . - - , 972 , , 973 974 , " 975 976 " . . . ] 977 978 [ : . , . . . . . , - - , 979 . , . . ] 980 981 [ : . , . . . . . ] 982 983 [ : . . . . . ] 984 985 [ : . - - , . . . . , . . . ] 986 987 [ : . - - , . . . . . ] 988 989 [ : . . . . . ] 990 991 [ : . - - , . , . . ] 992 993 [ : . , . . . . . ] 994 995 [ : . - - , . . . . . ] 996 997 [ : . . . . . ] 998 999 [ : - - , . . . . , . . ] 1000