blödes Gesicht ein seliges Lächeln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens
antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltäterin. Als aber nach einiger
Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um
ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller
Gegenvorstellungen meiner Großmutter der Anlaß benützt, ihn aufzulösen.
"Du siehst, wohin solche Sentimentalitäten führen, dadurch wird die
Unsittlichkeit nur unterstützt -- die Leute verdienen es eben nicht
besser!" hieß es, und die armen Kinder kamen wieder zurück in den
Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der
nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der
Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anlaß für meine
Großmutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit
durchzusetzen, daß der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde.
In einem ihrer Briefe darüber heißt es:
"Es sind Vereine gegen Tierquälerei entstanden -- und ich begrüße sie
freudig -- aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder gequält werden, wie
vor allem die ländlichen Schullehrer ihr Züchtigungsrecht in
unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die
Schulen; der Lehrer versucht einzuprügeln, was ein armes, schlecht
genährtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus
Angst vor der Mißhandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel
über die Fürsorge des Staates für den armen Mann, läßt aber inzwischen
ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle
Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht
bekleidet, schlecht genährt, erfroren, durchnäßt in die schlecht
erwärmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner
warten. Dabei muß es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit
leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Kräften
helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers
sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schweiß
gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlöste.
Ich habe die Bitte gehört: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu
kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur
heute noch laß mich zu Hause, ich habe so große Angst -- und das von
Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes für sie hatte, für die
eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gütiger Lehrer ein
wahrer Lebenssonnenschein sein müßte; ich habe es gesehen und gehört ein
halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren größten Dichter
preist, dem man Denkmäler errichtet, auf dessen Namen man Vereine
gründet und der gesagt hat: Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden."
Wenn sie sich schon, soweit die Prügelstrafe der Kinder in Betracht kam,
in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer
Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der
Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenblaß sich
zurückziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige
traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besaß, es zu verhindern.
"Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrührer,"
sagte sie, "während ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe
folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenüber "ein
instinktives Schuldbewußtsein, ein Gefühl der Scham, wenn ich in
bequemem Wagen an ihren schmutzigen Hütten vorüberfuhr. Ich habe immer
versucht, durch besondere Güte, Rücksicht und Liebe diese Schuld
abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefühl nur immer
drückender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld
Rüben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rücken nach Hause wankt, um
dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder
empfangen zu werden -- frage ich mich immer wieder, und die rätselvollen
Beziehungen zwischen Schuld und Unglück werden nur immer dunkler.
Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im
Schweiße ihres Angesichts die widerwärtigste Arbeit verrichten und kaum
das nackte Leben dafür haben, während Andere, nicht weil sie besser,
sondern nur weil sie glücklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons
schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und
vermag den allgütigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen."
Mitleid, auch in dieser höchsten Steigerung, mit dem Unglück zu haben,
ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei
ihr erschöpfte sie sich weder in bloßen sentimentalen Gefühlen, sie
löste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende Überlegung über
die Maßnahmen zur Abhilfe des Unglücks aus und steigerte sich auf der
anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der
Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die
Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und
Genossenschaften, über die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem
Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das
Bedürfniß," so schrieb sie mir einmal, "das große Kreise der Besitzlosen
jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis
für ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu
verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie
die Verblödeten im Schmutz, darin wohl fühlen." Sie stand mit ihrer
Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede
Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat,
wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal
ihrer Entrüstung über die sich wiederholenden schamlosen
Vergewaltigungen ihres Schützlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck
gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst
Du eine höhere Kultur zuführen zu können? Verlangst für diese gemeine
Bande alle möglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es
sogar, daß ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie
ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht
stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen
nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer
Vertiertheit aufgestiegen? Daß es bei euch um so viel früher geschah,
ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die
Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurückgebliebenen herauszuhelfen.
Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher
Wertung abhängen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer
würdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Körper, Geist und
Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein größtes Vergnügen im
Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mädchenverführen findet."
Ihre Entrüstung über Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer
Standesgenossen löste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen
eine so große Erregung aus, daß die ursprüngliche, durch Erziehung und
Leben gebändigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein
kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrümmert ist, nicht die
Bausteine trägt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine
bleibt und allmählich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heißt
eine adlige Gesinnung haben," heißt es an anderer Stelle, "und sie ist
zugleich die christliche; sie verbietet üppiges Leben, Schulden machen,
über die Verhältnisse hinauswollen, die Armen und Abhängigen verletzen
und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant für dreißig Mark diniert und
fünfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas
Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich
wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die
Familie zu retten, so ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein
armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..."
"Ihr entrüstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "über die zunehmende
Unzufriedenheit, über die wachsenden Lebensansprüche der Armen, statt
über den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch über
Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller höchsten Güter der
Welt doch noch immer unglücklich seid. Was ist unglücklich in Euch?
Neid, Genußsucht, Geldgier, gekränkte Eitelkeit -- ach, wenn sie doch
vor lauter Unglück sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden,
außer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden,
außer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche,
aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die
Schuld, mein ist die große Schuld --, statt daß Ihr die Schuld nur immer
auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genährt, habt
die Kultur der Welt für Euch allein in Anspruch genommen, während die
Anderen, die stillen, dunkeln, demütigen Massen im Schweiße ihres
Angesichts für Euch arbeiteten, und Euch noch die Hände küßten, wenn ein
gnädiges Lächeln sie dafür belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und
wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange
Leidensnacht, so ist Euer die Schuld."
Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenüber
dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich
teile den Haß gegen die jüdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur daß
ich das 'jüdisch' als Eigenschaftswort für unsere Zeit und nicht blos
für die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwänden, blieben
unzählige Christen aller Nationen, um den jüdischen Geist fortzusetzen.
Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach
zur Last fällt, so müssen wir nicht vergessen, daß die Folgen von Druck,
Qual, Mißhandlungen während vieler hundert Jahre nicht durch
Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden können und
ein mehr als tausendjähriger Haß sich nicht in fünfzig Jahren verwischt.
Daß sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht
ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer für ihre
Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern,
Judengäßchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschließen von fast
jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krämer, nicht Handelsherren, angesichts
eines Rothschild! Läuten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und
ihre Siege über Millionen Christen, doch gehören zu jedem Betrüger
Leute, die sich betrügen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu
finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige,
diabolische Waffen, so laßt uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen
überzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Gründerei,
die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden
giebt. Laßt uns in unseren christlichen Bestrebungen so zäh, so klug, so
ausdauernd sein wie die Juden, laßt uns, wie sie, erst erwerben und dann
ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den
Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es für faule
Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt."
Daß sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder
wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persönlichem Vorwurf gemacht werden.
Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; für sie war des irdischen Lebens
höchster Inhalt, wie für Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im
Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens für ein neues
Geschlecht. "Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit
freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wünsche angesichts des
grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das
Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so
drückte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das
sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Gräfin Thara" sagte: "Sie
bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn
sie erklärte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen
Gefolgschaft ihres großen Meisters.
Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von
Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Höhe entstammen, von der
aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation,
die ihre Kinder angehörten, lag eine Welt, lag vor allem der große
Kampfplatz der sozialen Gegensätze, auf dem ein ungeheures Ringen ums
Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persönlichen
Interessen die Führer waren. Den Wünschen der zum Bewußsein ihres Elends
gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung
nachgeben, bedeutete für die privilegierten Klassen ein allmähliches
Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar möglich erscheinen konnte,
der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte,
für die Gesamtheit aber unmöglich war. Diese historisch notwendige und
in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzündete
unausbleiblich jenen Haß, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt,
die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Haß wird wieder
notwendig das Urteil über den Feind irreführen und die besten Absichten
verdunkeln. Meiner Großmutter ging dafür jedes Verständnis ab, und das
erschwerte noch ihre Stellung.
Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphäre seiner
Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als früher in innere
und oft auch in äußere Konflikte, da sein schroffer, konservativer
Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue
Tätigkeit hat dem geistig oft recht öden Leben einen neuen Inhalt
verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bücher, Broschüren,
Zeitungen ins Haus, und vor allem die außerordentlich unterrichtenden
stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen
politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit
einer Flut von Ideen erfüllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch
wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den
Köpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles
parteipolitisch färben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten
Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu
sehen -- wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken läßt,
von ihnen ausgeht -- sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen
werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach
links, während ich doch wohl einsehen muß, daß praktisch die jetzige
konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in
den viel verpönten und doch, christlich aufgefaßt, herrlichen Worten:
'Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ausdrückt, ist auch das meine
und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit
der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der
Voraussetzung tugendhafter Menschen, während das praktische Leben auf
der Voraussetzung sündhafter Menschen bauen muß. Das große
Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nähert
uns beständig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der
Gegenwart läßt sich der allgemeine, für unsere Wünsche freilich sehr
langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhörlichen
Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters,
über die Schauer der Negersklaverei bis heute -- ein stufenweises
Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh
konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der
Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schärfster Observanz sich nicht
mit dem Aufhalten begnügen, sondern erhalten wollen, was dem Tode
verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute
Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja
auch oft darin besteht, der zu großen Heftigkeit der Kinder Zügel
anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie,
wie alle Alten, der Jugend weichen müssen, wenn ihre Rolle ausgespielt
ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt
sie: "Ich möchte wohl mit den Plänen unseres eisernen Kanzlers
einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, daß ich
mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag
sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich
den Schutz zum Auswandern billige -- Goethe sagt: wo wir nützen, ist
unser Vaterland! -- aber doch nur in Gegenden, die ein schönes Vaterland
werden können, nicht in die Glutöfen der Welt, wo man noch dazu mehr
Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Ländern zu gelangen, als wir
in Deutschland noch brauchen, um das nötigste Verkehrsnetz zu vollenden,
und wo es, wie ich fürchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der
Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands
großartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich
nicht einverstanden, ich halte sie für hart, grausam, ungerecht,
unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose,
gehorsame, genügsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewußtsein bekommen,
und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so
ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen ähnlichen Standpunkt
habe ich immer gegenüber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist
selbstverständlich, daß der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die
Möglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der
Ausgewiesenen mögen von Natur Königsmörder sein. Und wie viel
Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den
Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein
notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als
Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben,
an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorübergingen. Wollte
Gott, daß die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und
sich ihrer ungeheueren Unterlassungssünden ebenso bewußt werden wie der
großen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung
ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts
Tatsächliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre
stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe
kommen, daß sie sogar damit noch nützen können. Meine Kinder habe ich
nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein
unbeschriebenes Blatt und läßt sich vielleicht die großmütterlichen
Zeichen gefallen, die sich darauf einprägen möchten."
Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Großmutter und der
Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war
zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen
Theorien zu bekennen, sie beschäftigte sich gar nicht mit ihnen und wäre
z. B., hätte sie sich damit beschäftigt, zu einer Anerkennung der Idee
des Klassenkampfes nie gelangt, aber daß sie in ihr Beurteilung einen
Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen,
daß sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als
berechtigt anerkannte -- das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz
ungewöhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen
nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr
weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen
dafür angesehen wurden.
Ihre Lektüre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen
-- "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman"
-- bestärkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb
sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in
Zustände, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts
ihrer Wirklichkeit ganz außer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen
-- das gräßlichste Rätsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht
mich aus blöden Augen an, und in den Fischerhütten am Strand, wo ein
hartes Geschlecht in ständigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bißchen
armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen,
daß aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift."
Ihr Mitleiden, das kein gefühlsmäßiges Mitleid mehr war, steigerte sich
fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering,
als daß ihr Herz sich vor ihm verschlossen hätte; es wurde ihr zum
körperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern,
Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich früher
angesichts des unverschuldeten Unglücks dadurch beruhigt hatte, daß die
Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so
vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab für die
Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrätsel des Lebens
gegenüber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu
bewahren vermochte, den Glauben an den allgütigen Gott -- die Stütze
ihrer inneren Welt -- nicht selbst zu zertrümmern, ihn mit dem
namenlosen Unglück, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der
Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von
einer künftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht,
"in ihr liegt weder ein Trost für die Unglücklichen," sagte sie, "noch
eine Erklärung dafür, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz
geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der
das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte für sie etwas
außerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar
unverschuldetes Unglück war danach die Folge der Schuld früherer
Existenzen, und selbst für die Qualen der Tiere fand sie eine Erklärung
in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie
lehrt. Ihr Glaube war so unerschütterlich, daß keine Einwendung dagegen
sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du
Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hältst sie, selbst ihr
Vorhandensein vorausgesetzt, für wertlos, wenn wir von unserem
persönlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du
nicht jenes merkwürdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen
befällt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten,
oder das Geheimniß der Sympathie, das Menschen gegenüber nicht anders
wirkt wie ein Wiedererkennen längst Vertrauter? Oder die Bilder des
Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Länder und unter Menschen
führen, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was
den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von
unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich
mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was
wir geworden sind, schon hier lösen sich Hunderte von scheinbar nahen
Verhältnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend
Fällen eine Erlösung, wenn die Erinnerung verblaßt und verlischt? Es
kommt gewiß in früheren und späteren Existenzen des Geistes nicht auf
Erinnerung, sondern auf Gewordensein an."
Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines
Lebens ist das innere Drängen, Stürmen, Fragen, das Hin- und
Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen
habe ich abgeschlossen ... Das Unglück der Schuldlosen, Kinderqualen,
Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben
zu führen scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch
geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in
Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen -- Rätsel, die mich
mein Leben lang quälten und meine Freuden vergällten, sind mir zu
Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen.
Darüber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, daß
schließlich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntniß der
Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, daß, wie ein Maulwurf das
Licht nicht sehen, wie ein unmündiges Kind den Faust nicht verstehen
kann, wir auf unserer Erdenstufe die höheren Stufen noch nicht zu
erkennen vermögen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und
der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum
Beweise dafür, wie viele Erkenntniß-Entwicklungen wir sowohl in der
irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der
Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermögen, sollte
nicht reifen und wachsen und Höhen erreichen, die auf Erden nur wenige
-- ein Christus, ein Goethe -- erreicht haben!?"
Aber wie ihr ganzes Lebensgebäude zusammengestürzt wäre, wenn dieser
Glaube nicht die Brücke gebaut hätte zwischen ihrem Gottesglauben und
ihrer Menschenliebe, so wäre sie auch an dem Schmerz und an der Größe
ihrer Mutterliebe zugrunde gegangen, wenn sie die Hoffnung auf ihrer
Kinder endliche höchste Entwicklung hätte aufgeben müssen.
Die letzte Eintragung in ihr Sammelbuch besteht in jener düsteren
spanischen Ballade, die von dem Jüngling erzählt, der der Mutter das
Herz aus der Brust reißt, um es der grausamen Geliebten zu bringen. Er
stürzt auf dem Wege zu Boden --
"Da sieh, dem Mutterherzen
Ein Tropfen Bluts entrinnt,
Und fragt mit weicher Stimme:
Tat'st Du Dir weh, mein Kind? ..."
So groß, so stark war auch ihre Liebe, die durch alle Wunden, die ihr
geschlagen wurden, nicht sterben, sondern nur immer noch wachsen konnte.
Aus dieser Empfindung heraus schrieb sie mir: "Mir ist oft, als müßte
ich denen Glück wünschen, die nicht heiraten und keine Kinder haben. Wie
gering ist die Zahl der Mütter, bei denen das Glück das Unglück
überwiegt! Für Muttermühe, Muttersorge, Mutterarbeit entschädigt die
Liebe zu den Kindern und die Freude an ihnen -- aber der Schmerz und
Stachel über ihre Leiden und ihre Sünden und ihre schweren Schicksale,
die sind -par-dessus le marché-, und je mehr man liebt, desto schwerer
ist dies Mitleiden, und je älter man wird, desto kraftloser ist man
dagegen, sogar Gebet, Glaube und Frömmigkeit lassen darin schmerzliche
Lücken. Eine Mutter trägt nicht nur ihre eigene Last, sondern noch die
Lasten ihrer Kinder und Kindeskinder bis zum Grabe, und das schlimmste
ist, daß sie sie ihnen dadurch nicht einmal abnimmt ... Und wenn ihr
Nest leer geworden ist, sie keine oder oft keine erfüllbaren Pflichten
mehr hat, ihre Kinder ihr fremd und fremder werden, ihr Rat nicht gehört
wird und ihre Erfahrungen nichts nützen -- wie furchtbar, wie
unerträglich würde diese entsetzlichste Lebensenttäuschung sein, die
Enttäuschung an dem, was wir aus unserem Blut entstehen sahen, mit
unserem Herzblut nährten, wenn es den einen Trost nicht gäbe: den
Glauben an immer neue Verwandlungen, bis für Alle die höchste Stufe der
Seelenentwicklung erreicht ist. Der Schmerz freilich bleibt: hat das
Erdenfegefeuer sie nicht genug gereinigt, so sinken sie in eine noch
tiefere Hölle der Prüfungen -- vielleicht, daß die Thränen der Mutter,
auch die ungeweinten, die am schwersten wiegen, sie davor bewahren! Wenn
ich rückwärtsschauend mein Leben betrachte und mich frage, welches
Gefühl das mächtigste, welche Erkenntniß die folgenreichste, welche
Hoffnung die sicherste ist, so lautet die Antwort: Das tiefste Gefühl
ist die Mutterliebe; die wichtigste Erkenntniß: Die Sünde ist der Welt
Verderben; die sicherste Hoffnung: Die Entwicklung der Menschheit bis
zum höchsten Sein. Ohne diese würden Gefühl und Erkenntniß nur die
Qualen der Erdenkinder erhöhen, und es gäbe nur einen Ausweg aus dieser
Hölle: Die Selbstvernichtung der Menschheit."
So war sie am Ende des Lebens da angelangt, wo Goethe gestanden hatte,
als er schrieb:
"... Und solang Du dies nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde,
Bist Du nur ein müder Gast
Auf der armen Erde."
Und sie sah dem Tode entgegen im Sinne seiner letzten Worte, die sie oft
wiederholte: "Nun kommt die Wandelung zu höheren Wandelungen."
Innerlich fester verbunden wie je und nur äußerlich fern der alten
Heimat, schien sich der Kreislauf ihres Lebens leise zu schließen. Und
als ob die Harmonie ihres Wesens auch in ihrem Dasein zum Ausdruck
kommen sollte, so berührte das Ende den Anfang. Hatten sich beschattend,
aber auch schützend die Äste des Waldriesen über sie gebreitet, so
schmiegten sie sich jetzt wie Freundesarme um sie.
Mit denen, die sie in Weimar lieb hatte, war sie immer in Verbindung
geblieben und hatte an allem, was sie erzählten, den lebhaftesten Anteil
genommen. Nur einer, der zu den Nächsten gehörte -- der Großherzog --
war seit ihrer Abreise verstummt. Er hatte ihre Trennung von Weimar
nicht begriffen und sie als eine persönliche Kränkung empfunden, die er
nicht verwinden konnte; daß es vor allem pekuniäre Sorgen waren, die sie
dazu gezwungen hatten, daß sie geblieben wäre, wenn sie sich eine
größere, zur Aufnahme ihrer Kinder mögliche Wohnung hätte gönnen dürfen
-- das hatte ihr Stolz ihm verschwiegen, das verschwieg sie ihm auch
dann, als sein Mißverstehen, der scheinbare Verlust seiner Freundschaft
ihr tiefe Schmerzen bereitete. "Eure Generation, die so reich an
Verstandeserkenntniß und so bettelarm an Herzensreichtum ist, weiß
nichts von dem Wert treuer, lebenslanger Freundschaft," schrieb sie,
"sie ist die Wahlverwandschaft der Seelen, die uns die Fremdheit der
Beziehungen des Bluts vergessen läßt, sie ist der Hebel geistigen
Fortschritts, der größte menschliche Trost im Leid. Einen lebendig
verlorenen Freund beweinen müssen, ist darum viel schmerzlicher, als um
das unabweisbare Geschick seines Todes zu trauern. Daß der Großherzog
mich so mißverstehen konnte, wo die gute Kaiserin mich so ganz verstand,
war darum eine harte Prüfung für mich. Nun ist meines lieben Walter
Goethes Tod die Brücke geworden, die ihn wieder zu mir hinüberführte --
wie denn das Beste in meinem Leben immer in tiefer Beziehung zu dem
Namen Goethe gestanden hat." Walter Goethes Vermächtnis seines
großväterlichen Nachlasses an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar
war nicht nur ein Zeichen seiner großen Gesinnung, sondern auch ein
Beweis für seine Menschenkenntnis. Er wußte, daß es durch sie in der
rechten Weise zu einem Besitztum des deutschen Volkes werden würde. "Es
ist so viel über Goethes Nachlaß gestritten worden," heißt es in einem
Brief meiner Großmutter, "man hat oft mit mehr Neugierde als
Begeisterung darnach verlangt, mir selbst sind von allen Nachlässen die
geistigen Goetheflammen in seinen Enkeln als die wichtigsten und
liebsten erschienen, und daß ich recht hatte in meiner großen Meinung
über diese so viel Gescholtenen beweist Walters Testament. Die
großartige und würdige Weise, wie es zur Verherrlichung seines großen
Ahnen gewandelt wird, entspricht ihren Charakteren, die zwar nicht in
dieses Jahrhundert, aber in das Große und Edle aller Jahrhunderte
passen." Als nun auch das Goethe-Haus der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht und die Empfangszimmer wie zu Goethes Lebzeiten gestaltet werden
sollten, wandte man sich von Weimar aus an sie, die einzige, die von der
ehemaligen Beschaffenheit der Räume noch etwas Genaues wissen konnte.
Nach ihrer Beschreibung und einer Zeichnung, die sie sandte, wurden sie
in ihrer alten schlichten Vornehmheit wieder hergestellt. "Ich
beschäftige mich viel mit Weimar," schrieb sie mir, als sie davon
erzählte, "und es versinkt ein halbes Jahrhundert meines Lebens, während
in jugendlicher Frische die alte schöne Zeit vor mir aufsteigt. Ob die
Goethe-Gesellschaft ein Mittel sein wird, sie auch für die Menschheit
lebendig zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist leider eine
Eigentümlichkeit des Deutschen, daß er gute und große Gedanken hat, sie
aber verknöchern und versumpfen, sobald er sie in die Paragraphen eines
Vereinchens zwängt. Auch der deutsche Gelehrte, so hoch ich ihn stelle
als gründlichen Wahrheitssucher, gerät mit seinem Forschungstrieb leicht
in Kleinigkeiten, und dann geht ihm der große Blick für das Ganze
verloren. Hoffentlich wird der Goethe-Verein nie vergessen, daß Goethe,
neben seinem Interesse für das Kleinste, das Große stets obenan stellte,
hoffentlich wird er seinen Geist zu erforschen und lebendig auszubreiten
suchen, was uns recht not tut ..." Der Großherzog, erfüllt mit
jugendlicher Begeisterung für die neue große Aufgabe Weimars, wandte
sich nun auch an die alte Freundin mit Fragen und Bitten, die die Zeit
Goethes und ihre Erinnerungen daran betrafen. Und die ferne Einsamkeit
Ostpreußens wurde ihr belebt und erfüllt mit den unsterblichen Gestalten
der Vergangenheit. Unermüdlich im Fragen war der Großherzog, unermüdlich
im Antworten war sie. Im Traum verloren machte sie ihre regelmäßigen
Spaziergänge durch Park und Wald oder saß still mit gefalteten Händen in
ihrem tiefen grünen Stuhl; ihr Mund zuckte nicht mehr so oft wie sonst
in schmerzlicher Sorge, ein weiches Lächeln umspielte ihn -- mit sanftem
Kuß grüßte sie der Genius ihrer Jugend.
Immer schattenhafter erschien ihr die Gegenwart, immer mehr lebte sie in
der Vergangenheit und in einer Zukunft, die sie jenseits des Grabes sah:
"Ich sehe von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht bis in den fernen,
gottdurchglänzten Raum des Allerheiligsten. Ein Reich des Lichts, voll
Musik, voll Liebe, hört und fühlt mein Geist mit einer Zuversicht, die
täglich wächst. Und lächelnd, fast ohne Schmerz winke ich denen, die
mir vorangingen, grüßend zu ..."
Es waren ihrer viele vorangegangen: Pauline, die blinde Schwester, war
in demselben Kloster gestorben, das des verlassenen Säuglings erster
Zufluchtsort gewesen war, und Beust, auf den sich alle schwesterliche
Liebe meiner Großmutter nun konzentriert hatte, war ihr gefolgt. "Er
war," schrieb sie von ihm, "ein reiner Mensch und darum eine vornehme
Natur, wie ich eine zweite nicht kenne." Sein Tod wurde, wie der Walter
Goethes, zu einem neuen Bindeglied zwischen ihr und dem Großherzog. Auf
ihren Brief, der den Freund über den Verlust des Freundes zu trösten
versuchte, antwortete er:
"Schloß Wartburg, am 9. September 1889.
"Ihr Brief, gnädige Frau, hat mich tief gerührt, ich wollte, ich könnte
Ihnen danken, wie ich es fühle. Jede Zeile erweckt Erinnerungen und
Bedauern, die sich darin gleichen, daß sie, die einen wie die andern,
sich in mir nur durch Schweigen ausdrücken. So tief ist die Furche, die
der Schmerz um den Verlust meiner Mutter in mein Herz grub, und so tief
ist auch die, die mir der Verlust meines Freundes gräbt. Er gehört zu
denen, deren Eindruck erst erkennen läßt, was man besessen hat. Und man
lernt die ganze Größe dessen, was man besaß, erst kennen, wenn der
Besitz verloren ging. So feste Bande zwischen den Menschen, wie die
zwischen mir und ihm, ziehen gleichsam, wenn sie auseinander gerissen
werden, ein Stück von unserem eigenen Ich mit sich ... So haben Sie mich
doch wider meinen Willen zu einer erlösenden Aussprache veranlaßt. Sie
allein können beurteilen, was ich leide! Der Glaube, daß mein treuer
Freund nun mit denen vereint ist, die ihm vorangegangen sind und die er
so zärtlich liebte, ist wohl ein Trost, aber den Verlust läßt er mich
nicht überwinden.
"Ihr Brief hat mich in Wilhelmsthal gesucht und in Weimar gefunden. Der
nahende Herbst hat mich und meine Tochter Elisabeth veranlaßt, die
Gegend zu verlassen, an die sich all die schönen Erinnerungen knüpfen,
die Ihr Brief heraufbeschwor. Ich gestehe Ihnen, daß ich an jenem lieben
alten Hause auch um anderer teurer Jugenderinnerungen hänge, die mit
unsichtbarer Schrift auf seinen Mauern geschrieben stehen. Wie bedaure
ich, gnädige Frau, mit Ihnen nur noch schriftlich verkehren zu können,
und wie sehr bedauerte es der Verstorbene, der in derselben Lage war wie
ich. Aber die Erinnerung kennt weder Zeit noch Entfernungen, und auch
das Herz weiß von beiden nichts. Das empfindet aufs tiefste und mit
aufrichtiger Dankbarkeit
Ihr alter Freund
Carl Alexander."
Auch aus der Ferne schloß sich der Kreis der alten Freunde um so enger
zusammen, je kleiner er wurde. Drei Greise waren es nur noch -- Jenny
Gustedt, der Großherzog und die Kaiserin -- die das Band einer
gemeinsamen Vergangenheit umschloß. Und unter ihnen war Jenny die
Trösterin, die, die sie aufzurichten versuchte aus dem niederdrückenden
Leid. "Aus jeder Zeile, die meine geliebte Kaiserin mir schreibt," heißt
es in einem Brief meiner Großmutter aus dem Jahre 1888, "lese ich, wie
schwer sie unter den Schlägen des Schicksals leidet: den Gatten, den
Sohn verloren, den Enkel, der die erziehende Schule des Kronprinzentums
nicht durchmachte -- wie sie sich ausdrückt -- unter der Last einer
schwer zu tragenden Krone, mit dem Ausblick in eine ungewisse Zukunft."
Nicht allzu lange sollte die Kaiserin die neue Zeit miterleben, die ihr
immer fremder wurde. In den ersten Tagen des Jahres 1890 schloß sie die
müden Augen für immer. Kurz darauf schrieb Carl Alexander an ihre
Freundin:
"Berlin, Schloß, 15. Januar 1890.
"Sie werden es mir, wie sich selbst, gern glauben, daß Ihre Teilnahme
mir eine wahre Wohltat gewesen ist. Sich selbst, weil es Ihr Herz war,
das Ihre Feder führte, und weil es der Schmerz ist, der die Sprache der
Freundschaft am liebsten hört. Ich kann von meinem eigenen Verlust nicht
sprechen. Das ist auch nicht nötig. Ein Jeder macht mir den Eindruck,
als hätte er einen persönlichen Verlust erlitten. Das ist, wie ich
glaube, das charakteristische Zeichen dieses Unglücks.
"Gestatten Sie mir, hier zu schließen. Es giebt Ereignisse, deren
einzige Sprache das Schweigen ist, denn dieses allein ist der richtige
Ausdruck für den größten Schmerz.
"Mein treuer Beust fehlt mir sehr und fehlt mir stets aufs neue und
immer mehr ...
"Leben Sie wohl, gnädige Frau. Das Gedächtniß meiner Schwester und
meiner Mutter werden Sie immer treu bewahren, erinnern Sie sich aber
auch freundlich
Ihres sehr traurigen Freundes
Carl Alexander."
Seiner Bitte um ein Erinnern folgte von Weimar aus eine neue: Goethes
letzte Lebensjahre möchte sie schildern, sie, die von allen Überlebenden
dem großen Toten jetzt noch am nächsten stand. Und während der
Wintersturm vom Haff herüberbrauste und Wintereinsamkeit das Haus mit
tiefer Stille füllte, saß die alte Frau am Schreibtisch und suchte ihren
Erinnerungen eine Form zu geben. "Ich werde selbst wieder jung dabei,"
schrieb sie mir, als sie von ihrer Tätigkeit erzählte. Auf ihre ersten
Sendungen antwortete der Großherzog:
"Weimar, 28. Januar 1890.
"... Ich erhielt die Blätter, die Sie, meine liebenswürdige und getreue
Freundin, die geduldige Güte hatten mit Details über Goethe und die
englische Gesellschaft während seiner letzten Lebensjahre zu füllen, und
um die ich mir erlaubt hatte, Sie zu bitten. Ich komme heute, um Ihnen
die Hand dafür zu küssen. Vor allem aber komme ich, um Sie um
Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich abermals an dieselbe Güte
appelliere, die mich so zu Dank verpflichtet, und an dieselbe
Erinnerung, die mich entzückt. Meine Unbescheidenheit verlangt vor Allem
eine Erklärung; hier ist sie: Das Testament Walter Goethes hat mit dem
Augenblick, da es bekannt wurde, in Weimar ein neues Leben erweckt. Ich
kann es nicht besser charakterisieren, als indem ich versichere, daß man
den Eindruck hat, als ob die Seele des größten deutschen Dichters, die
Seele Goethes, wieder eingezogen sei in diese Stadt, in sein altes Haus,
in das Schloß, um aufs neue zu wirken und zu schaffen. Hervorragende
Männer sind herberufen worden, um Walter Goethes Vermächtniß zu ordnen
und zu verwalten, andere haben sich bemüht, Zulassung zu der
wundervollen neu entdeckten Quelle zu finden; sie kamen und kommen, um
im Archiv zu arbeiten, und wir verdanken dem Umstand eine Fülle
interessanter Bekanntschaften. Einen jungen Amerikaner, Mr. G..., rechne
ich dazu, der eine Arbeit "Goethe in England" unter der Feder hat, und
für den es sehr wichtig ist, alle Beziehungen zwischen Goethe und
England kennen zu lernen. Diese Notwendigkeit führte mich zu Ihnen, und
das Interesse, das ich an der Sache nehme, läßt mich meine Bitte
wiederholen. Und um meine Zudringlichkeit vollends auf die Spitze zu
treiben, gestatten Sie mir, Sie zu bitten, für mich Notizen über Alles
zu machen, was an Tatsachen, Unterhaltungen und Namen aus jener Zeit
noch in Ihrer Erinnerung lebt. Diese Zudringlichkeit ist so natürlich,
daß Sie sie verzeihen, und so notwendig, daß Sie sie verstehen werden.
Es lohnt sich der Mühe, die Arbeit, die ich Ihnen zumute, in zwei Teile
zu teilen: die eine, die Erinnerungen an die Engländer enthaltend, so
daß sie Mr. G... von Nutzen sein kann, die andre, für mich persönlich,
die die übrigen Erinnerungen an die große Epoche Weimars zum Gegenstand
hat.
"Goethe hatte die Gewohnheit, jeden großen Schmerz dadurch zu bekämpfen,
daß er eine neue Arbeit unternahm. Dieser Brief ist freilich keine,
aber er gehört zu jener Tätigkeit, die ich mich bemühe, im Gang zu
erhalten, weil ich in dieser fremden Welt der Seelen so schwer zu
kämpfen habe. Dieser Kampf wird mir um so leichter werden, je eher ich
dort Verständniß finde, wo ich verstanden sein möchte. Sie werden aus
diesem Bekenntniß, teuerste Freundin, nichts Neues folgern, denn Sie
kennen, wie ich hoffe,
Ihren alten, treu ergebenen Freund
Carl Alexander."
"Weimar, den 11. Februar 1890.
"... Ich habe niemals aufgehört, Ihr Fernsein von Weimar, meine liebe
verehrte Freundin, auf das lebhafteste zu bedauern, ich tue es jetzt
lebhafter denn je: wie würden Sie sich inmitten all der Tätigkeit wohl
fühlen, die ich nicht anders charakterisieren kann als mit dem
symbolischen Bilde des Januskopfes, denn sie umfaßt die Vergangenheit
und wirkt für die Zukunft ...
"Vier Wochen sind heute seit unserem großen Verlust vergangen. Ich fühle
mich in dem seelischen Kampf, der von ihm hervorgerufen wurde, noch
nicht als Sieger. Und er beginnt immer wieder, wenn ich am wenigsten
daran denke. Wie seltsam ist doch dieses doppelte Leben, das wir führen:
eines nach außen und eines nach innen, und Liszt hatte Recht, als er
während einer für ihn sehr schweren Zeit der Prüfungen einmal sagte: es
schiene ihm, als ob ein zweites Ich es auf sich genommen habe, sie zu
ertragen. Da wäre ich bei den intimen Bekenntnissen angelangt -- die
rechte Sprache einer fest gegründeten Freudschaft! Und sie ist keine
bloße Vermutung, sondern die einfache Wahrheit von Seiten
Ihres treuesten Freundes
Carl Alexander."
"Weimar, den 20. März 1890.
"Die Verlegenheit, meine teuerste Freundin, scheint mir den schlimmsten
aller Momente zu schaffen, um einen Brief zu schreiben. Dieser Gedanke
ist für mich zur Überzeugung geworden, als ich die Feder ergriff, um
Ihnen -- endlich! -- für Ihren liebenswürdigen Brief zu danken und für
die interessanten und wertvollen Notizen, die ihn begleiteten. Ich
bedarf von Seiten Ihrer alten und treuen Freundschaft aller Nachsicht
und all der Güte, die sich mir gegenüber stets bewährt hat, um Ihrer
Vergebung angesichts meiner Nachlässigkeit und Undankbarkeit sicher zu
sein. Ich habe aber trotzdem ein Recht, zu versichern, daß meine Sünden
nur scheinbare sind: Sie werden die erste sein, mir zu vergeben, wenn
Sie sich erinnern wollen, welch traurige Pflichten mich Anfang des
Monats nach Berlin geführt haben. Nun aber bin ich wieder zu Ihren Füßen
mit meinem aufrichtigsten Dankgefühl. Nehmen Sie es als solches an.
"Ihre Notizen haben den doppelten Reiz eines wichtigen und interessanten
Inhalts und einer entzückenden, faszinierenden Form. Wir sollten Ihr
Gedächtnis und Ihre Feder in Anspruch nehmen, um ein Bild der
Gesellschaft Weimars zu zeichnen. Ich habe mir immer gewünscht, daß ihre
Geschichte geschrieben würde. Das könnte nicht besser geschehen, als
wenn Zeitgenossen einzelne Personen darstellen, und Niemand in der Welt
wäre dazu besser imstande als Sie. Und so sehen Sie mich abermals als
Bittenden nahen, um Sie zu beschwören, es zu tun! Die Biographie
Ottiliens wäre das erste, was Sie unternehmen sollten. Ein Lebensbild
Walter Goethes zu zeichnen, würde ich sehr gern unternehmen. Wolf hat
einen ebenso treuen wie geschmackvollen Biographen in seinem Freunde
Mejer gefunden. Der Salon von Johanna Schopenhauer ist von Stephan
Schütze geschildert, aber noch nicht veröffentlicht worden. Eine
Sammlung würde auf diese Weise entstehen, die an Interesse zunehmen
würde, je mehr die Epoche sich entfernt, die sie schildert, und je mehr
die litterarischen Publikationen des Goethe-Schiller-Archivs
fortschreiten. Diese würden für unsere Sammlung erst die Atmosphäre
schaffen. Lassen Sie mich Ihrem Nachdenken meine Überlegungen
anvertrauen, während die Vögel von Liebe singen und die Blumen den
Frühling predigen. Zahllose Kindererinnerungen sind durch Ihre Notizen
erweckt worden wie Blumen aus dem Lenz meines Lebens, und es ist nicht
ohne tiefe Bewegung -- Sie können nicht anders empfunden haben! -- daß
ich diese Zeugen der Vergangenheit vor mir lebendig werden sah! ...
"... Wie fehlt mir dauernd mein treuer Beust, und wie anders wäre es,
wenn Sie mir nicht auch fehlen würden!
"Die Reichstagswahlen haben uns hier sehr beschäftigt, wir sind von den
Resultaten degoutiert. Ich finde übrigens, daß der Moment für den
Abschied des Reichskanzlers sehr schlecht gewählt ist. Daß er es so
wollte, vermindert beinahe den Eindruck des Unglücks, das im ersten
Moment empfunden wurde.
"In der Verlegenheit habe ich angefangen, ich schließe mit der Politik
-- Beide begegnen einander öfters -- Der Himmel wolle, daß wir von der
einen entfernt bleiben und daß Sie aus der anderen befreien
"Ihren treuesten, anhänglichsten und ganz ergebenen Freund
Carl Alexander."
"Weimar, den 9. April 1890.
"Goethe sagt irgendwo:
Du im Leben nichts verschiebe,
Sei Dein Leben Tat um Tat,
Und Dein Streben sei's in Liebe,
Und Dein Leben sei die Tat.
"Es steht gewiß nicht im Widerspruch dazu, wenn ich mit der Beantwortung
Ihres liebenswürdigen Briefs die Zusendung des Buchs von M. Mejer über
Wolf Goethe verbinde, das Sie sicherlich interessieren wird. Der Autor
hat es mit Liebe geschrieben -- es gelingt nichts, wie Sie wissen, wenn
man nicht auch mit dem Herzen bei der Sache ist! ... Nur Sie allein,
meine sehr liebe und verehrte Freundin, könnten, wenn Sie die Biographie
Ottiliens schreiben wollten, etwas noch weit Besseres leisten, denn ich
glaube, daß im allgemeinen die Feder einer Frau mehr dafür geeignet ist,
eine so merkwürdige, ungewöhnlich begabte, aber niemals im Gleichgewicht
sich befindende Persönlichkeit zu charakterisieren, wie Frau von Goethe
es war. Ich komme abermals, um Sie darum zu bitten, obwohl ich verstehe,
daß Ihre Freundschaft für Ottilie Ihnen dabei einige Skrupeln macht.
Gestatten Sie mir dazu zu bemerken, daß es nur menschlich ist, Fehler zu
haben, daß aber alles Menschliche notwendig die Kritik herausfordert,
noch mehr jedoch auf Verständniß und Vergebung rechnen kann. Die
Geschichte Ottiliens ist im übrigen so bekannt, daß es sich um
Indiskretionen dabei kaum mehr handeln kann. Die Biographie ihrer
Freundin, Mrs. Jameson, ist ein Beweis dafür. Nur um die Auferstehung
der großen Epoche Weimars, die durch Walter Goethes großherziges
Vermächtniß hervorgerufen wurde, zur vollständigen zu machen, bitte
ich Sie, Ihre Erinnerungen und Ihre Feder in den Dienst der Sache zu
stellen ... Meine Frau dankt Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche, meine
Kinder vereinigen sich mit mir im Gefühl der Liebe und der Dankbarkeit
für Sie, und ich danke Ihnen noch besonders und voll tiefer Bewegung für
die Worte, die Sie meiner geliebten, unvergeßlichen Mutter gewidmet
haben. Ich habe das Recht, so zu sprechen, denn auf der einen Seite
führen mich meine Pflichten in die Vergangenheit zurück, auf der anderen
lebt mein Herz in ihrem Kultus. Er wird mit Gottes Hilfe der Compaß
sein, der mich in die Zukunft leitet, die ich mich bemühe, im Vorhinein
zu verstehen, indem ich die Geschichte studiere, und für die ich mich
vorbereite, indem ich mich selbst immer weiter zu einer selbständigen
Individualität zu entwickeln trachte ... Offene Aussprachen wie diese
sind nur Fortsetzungen unserer unvergeßlichen Weimarer Unterhaltungen.
Die Freundschaft ist doch die süßeste aller Gewohnheiten. Meinen Sie
nicht auch? -- Jedenfalls ist es die Ansicht
Ihres getreusten Freundes
Carl Alexander."
Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Großmutter:
"Mein von Dir übersetzter alter Aufsatz über Ottilie ist freilich keine
Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten
treuen Freund gern gefällig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute
und schöne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar
vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den
Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedürfnis und Wahrheit. Das stumme
Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnürt mir jetzt wieder, da die
Söhne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und
Wärme; wenn auch etwas Tränen und Sorge dabei gespart werden, so wird
viel Höheres an Rat, Mitgefühl, Seeleneinfluß und Liebe Preis gegeben
oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr müde
und schlafe viel; dabei lächelt eine heitere Frühlingssonne in mein
Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im
Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig würden, oft
füllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb
vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wäre in Weimar
... Mein guter Großherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig
vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schön -- viel
schöner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wächst, je weiter ich
mich von ihr entferne ... Oder nähere ich mich ihr wieder? ..."
Oft schien es, als spräche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und
doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer
Kinder sagte sie dann lächelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren
wirklich da, sie reden mit mir, während Ihr schweigt --" Sie hatte
keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedürfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre
Spaziergänge wurden immer kürzer, und ein äußeres Interesse nach dem
anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so stärkeres Leben,
und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklärung. Mitte April schrieb sie
dem Großherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine
Lebenselixire. Wie in einen schützenden Mantel und undurchdringlichen
Harnisch möchte ich Kinder und Enkel hüllen, und dankbar vor dem
Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrüne Blättchen dem zu
Füßen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher,
meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu
nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten
Absicht an, denn die Kräfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir
immer gegenwärtiger. Sie rufen mich." Der Großherzog schrieb darauf:
"Weimar, den 26. April 1890.
"In Ihrem gütigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, daß
Ihnen, gnädige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich
erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens
Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die
Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, daß der Kaschnack -- der
Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der
nur die Augen frei läßt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht.
Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, betätigen
diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt
sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das
schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und
Undankbarkeit, daß die großen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in
der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Dürfte ich selbst zur Feder
greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, muß man mit ihm vertraut
gewesen sein, es genügte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu
verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimität, und ich darf wohl sagen,
daß ich zu denen gehörte, die ihm am nächsten standen ... Seine
Schöpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollständigt sich inzwischen
mehr und mehr, und ich hoffe, daß es sich nach und nach zum Archiv der
deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Träume suchen
immer den Frühling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten
der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten.
Hoffnung aber läßt nie zu Schanden werden!
In treuster freundschaftlicher Gesinnung küßt Ihnen die Hände
Ihr alter Freund
Carl Alexander."
Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der
Achtundsiebzigjährigen war müde geworden, und ein Schleier nach dem
anderen umhüllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Träume den
Frühling, aber nicht den, der draußen die Bäume mit Blüten bedeckte, der
vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften ließ, der mit holden
kleinen Lenzesgrüßen ihre Zimmer schmückte. Sie schlief -- sie träumte
-- und wenn sie die Augen öffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand
leise drückte oder zärtlich über das Köpfchen ihres jüngsten Enkelkindes
strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der
Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann
erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's,
wenn die Lindenblätter weich über die Scheiben strichen, wie Rauschen
von Gewändern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind
strich, wie Flüstern von Stimmen, wenn über das Dach hin die alten Äste
sich berührten. Alle sah sie, grüßte sie, lächelte ihnen zu und rief sie
mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im
weißen Rosenkränzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten
Zügen des frühe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden
Augen des Unsterblichen und den Vater, über dem leise und feierlich der
Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da
zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in
ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu höheren
Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände
gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem
Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren
Zügen. -- -- --
Der Haffwind pfiff über die wogenden Felder, rüttelte die toten Äste von
den Bäumen und streute weiße und rote und gelbe Blüten über die Wege,
als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin
zu führen, wo ihres Geistes Geburtsstätte, ihres Herzens Heimat war;
niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in
der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedächtnis ihn geschmückt, Liebe
ihn gepflegt hätte. In Legitten, mitten im öden Land, dicht an der
staubigen Straße, wo ein einsames Kirchlein zwischen spärlichen Bäumen
sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort,
dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe höret nimmer auf" steht
in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres
ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur
die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen läßt, und die
Blüten, die der Wind von den Linden herüberweht, schmücken die Stätte,
wo sie ruht, und statt daß Worte der Liebe und des Erinnerns sie grüßen,
zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glöcklein singt
sein Sterbelied, wenn neue Schläfer unter ihm einziehen.
Fühlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder weiß sie, daß Blumen ihrem
Grab entsprießen, die nie verwelken, daß ein Ton aus ihm klingt, der
sich dem Siegeslied der Menschheit vermählt? Mir war's, als hätte ich
ihn gehört und müßte ihn weiter verkünden.
Anmerkungen
[Anmerkung 1: Vgl. -André Martinet, Jérôme Napoléon, roi de Westphalie.
Paris- 1902. Seite VIII f.]
[Anmerkung 2: Vgl. -Mémoires et Correspondance du roi Jérôme et de la
reine Catherine. Paris- 1861-1866. 7 Bände. Bd. 1, S. 18. -- Dieses
Quellenwerk umfaßt die ganze Korrespondenz des Königs mit Napoleon, mit
seiner Gattin und mit hervorragenden Persönlichkeiten seiner Zeit,
zugleich das regelmäßig geführte Tagebuch der Königin, ferner die
amtlichen Berichte aus den Archiven der Ministerien des Krieges, der
Marine und des Auswärtigen sowie einen großen Teil der Berichte des
Grafen Reinhard, Gesandten Napoleons in Kassel, an diesen.]
[Anmerkung 3: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 20f.]
[Anmerkung 4: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. -IX.-]
[Anmerkung 5: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. S. 22, und -Martinet-,
a. a. O. S. -X-.]
[Anmerkung 6: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 23.]
[Anmerkung 7: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 51.]
[Anmerkung 8: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 52ff.]
[Anmerkung 9: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 107 u. 118f.]
[Anmerkung 10: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 123f.]
[Anmerkung 11: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 128 bis 324. --
Dieser Abschnitt enthält die ausführliche Darstellung der Ehe Jeromes
mit Elisabeth Patterson und all ihrer Folgen bis zu seinem Tode, sowie
zahlreiche Briefe Jeromes an Elisabeth, auch aus der Zeit nach der
Trennung der Ehe.]
[Anmerkung 12: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 1, S. 374ff., und
-Martinet-, a. a. O. S. -XVIII-.]
[Anmerkung 13: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. -XVIII.-]
[Anmerkung 14: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 19ff., und -Mémoires-,
a. a. O. Bd. 3, S. 71f]
[Anmerkung 15: Vgl. -Dr.- Rudolf Goecke und -Dr.- Theodor Ilgen. Das
Königreich Westfalen. Nach den Quellen dargestellt. Düsseldorf 1888. S.
163. --Die Verfasser, unter den deutschen Historikern des westfälischen
Königtums diejenigen, die sich möglichster Objektivität befleißigten,
verurteilen die nach Jeromes Abdankung erschienenen gemeinen
Klatschgeschichten über seine Regierungszeit, die "nach den Urteilen
Ununterrichteter die Epoche der Fremdherrschaft allein ausgefüllt
haben". S. 116.]
[Anmerkung 16: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 50f., und -Mémoires-,
Bd. 3, S. 82ff.]
[Anmerkung 17: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 122.]
[Anmerkung 18: A. a. O. S. 117.]
[Anmerkung 19: Vgl. -Mémoires-, a. a. O. Bd. 3, S. 78f und S. 90f.]
[Anmerkung 20: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 37.]
[Anmerkung 21: A. a. O. S. 45f.]
[Anmerkung 22: Vgl. -Mémoires-, Bd. 3, S. 129ff.]
[Anmerkung 23: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 76.]
[Anmerkung 24: Vgl. -Martinet-, a. a. O. S. 46ff.]
[Anmerkung 25: A. a. O. S. 50.]
[Anmerkung 26: -Mémoires-, a. a. O. Bd. 4, S. 33.]
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