erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte,
ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, und steigerte
meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland des inneren Lebens, wo
Hoffnungsblumen noch wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf
unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland
ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die Frauen zum Gemeingut
machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der
Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem
Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und deren Wunsch, »die
infamen Kerls an den Laternenpfählen aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.
Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von
Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionär schon unangenehm genug
war, -- die gegen die Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot
kämpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll
war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« hinstellte, der
die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem Widerstand begegnen«
würde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter
mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und als Bebel
antwortete, vergaß ich über alledem, was er sagte, die Person des
Redners. Daß der Übermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen
belgischen Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung ihnen
angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt wie gegen
Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionäre
Bewegung hervorgerufen hätte, -- hervorrufen mußte, weil Menschen auf
die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft
der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles
wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit eigenster Gedankengänge,
und mich empörte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die
Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer
wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst
wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung,
als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen sprach, und
Singer, der Parteigänger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller
Unterdrückten offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst
durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden
begegnete.
»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« sagte ich, wie immer
rasch verbittert durch eine Enttäuschung, zu Großmama, »richtet euch
nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich
ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten später schlug meine
Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie
Sommerfäden vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht zwischen
die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer
Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die
Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wäre. Aus
Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es sich auch diesmal um eine
gegnerische Fälschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das
Manifest wieder. Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die
Forderung einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen losgelösten Ehe.
Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze
christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und
mehr in den Staub getreten hatte?!
Ich sprach mit Großmama darüber.
»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte sie, »über das man
manche ihrer Sünden vergessen könnte, daß sie alte wahrhaft christliche
Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, es
handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung kann sie
trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung
und Gesetzgebung gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen
an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen Forderung, wie die
des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrüht. Oder
meinst du, daß es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h.
heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze
stehen?« Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen
Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das
war zweifellos absurd.
Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte Liebknecht in derselben
Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwächliche Werk des
Engländers, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich
so offen auf die Seite der »schwarzen Arbeiter« hatte stellen können,
und den Roman des Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens
über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich bis in meine
Träume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem
Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine
und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser höher und
höher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern
ihren Leib zusammen schnürte, während der gedunsene Leichnam des
gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor
getragen wurde; -- aber fürchterlicher, als all diese Bilder, haftete
ein anderes unauslöschlich in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen,
an dem sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, still
und demütig all die zusammen fanden, die eben noch für ihre Freiheit
Leib und Leben eingesetzt hatten. »Was willst du -- ich hab ein Weib!«
sagten sie müde, »ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert;« und
die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon die Jahre ihrer
Jüngsten, bis auch sie reif wären zur Einfahrt, -- »sie tragen alle ihre
Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie!« -- Daß es Hunger und Not
und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, daß die
Menschen es ertrugen.
Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land
gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr
Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das
alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut
schnürte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das
Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.
»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grübelstunden
gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt,« schrieb ich an
meine Kusine, »daß der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit
kam; ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens wieder
untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« Und ein paar Wochen
später: »Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist
es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, so
lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube die warnenden
Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache
extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen
pflegt, -- aber ich würde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz
vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spaß ein Ende machen
würde.«
Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende
Anziehungskraft auf die Männer. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und
mehr zum Bedürfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber,
die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.
An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten
Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu
müssen, keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an Mathilde,
die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die »Stille der
Bergwelt« eingeladen hatte: »Die Stille mag gut sein für den, der sich
gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des
Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich
Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte
Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe
Beziehung zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen trage. Wenn
der Teufel auf dem Brocken seinen Repräsentationsball gibt, sag ihm, er
soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine
Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse für ihn.«
Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein Onkel eine geräumige
Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad
war überschwemmt mit dem Adel Ostpreußens, und mit jener
Selbstverständlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer als
Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige Menschheit nicht anders
ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen
lassen kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: wir nahmen
die besten Plätze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir
dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedürftigkeit anderer
Badegäste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und
vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen ließen. Unsere
alten Herren saßen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kümmerten
sich wenig um uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein
kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten Ähnlichkeit mit den
dünnen Spieläffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab
den Ton an. Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, seine
Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht frei von Zynismus war,
seine chevalreske Art Damen gegenüber, die einen Stich von Impertinenz
besaß, seine vielseitige künstlerische Begabung, die überall im
leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in
diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. Eine »Partie« war
er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für
mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der gegebene
Kavalier.
Eines abends -- wir saßen wie gewöhnlich im Sande und spielten
Pfänderspiele -- mischte sich ein neuer Gefährte in unseren Kreis: Graf
Göhren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes
Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar,
ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er
aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich
wußte nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden Tagen, daß wir
uns näher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in
den Dünen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen
Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten,
legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde seinen Mantel um meine
Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl,
sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht
bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer
Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die
Melodie gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, kriegen
die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« Mein Lied?! Ach so! -- vor
ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,
zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt hatte. »Darf ich es
sehen?« frug Graf Göhren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie
werden es nicht singen lassen« -- sagte er darnach mit scharfer Betonung
zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« warf der andere lächelnd
ein: »Fräulein von Kleve hat sich des Rechts darüber schon begeben.« --
»Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es
niemand anders hören wird --«. Graf Göhrens Stimme nahm einen drohenden
Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, --
mit welchem Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der
Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und einem kecken
Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: »Ich beuge mich
selbstverständlich, wie immer, dem Willen der Dame«, -- und
herausfordernd griffen seine schmalen gebräunten Finger in die Seiten
der Gitarre. »Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu
sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied Sie chokiert, steht es
Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das
Papier. Es hatte zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten
von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das
Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei
herunter getragen, -- »und nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf,
»unser künftiges Bundeslied:«
»Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale,
Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust;
Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle.
Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust,
Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken,
Trinken!«
Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.
»Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen,
Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt;
Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,
Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.
Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen
Genießen!«
Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer
flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Göhrens Gesicht mitten
darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen
Mädchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr röteten, in
den Refrain ein.
»Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,
Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,
Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder
Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum --
Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? --
Stranden!«
Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen
Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger.
Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das
meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer,
der unter der Menge verschwand.
»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel
Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich
zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn
überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit
--.«
»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,«
unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich
betteln, als daß ich mich verkaufe.«
Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?« herrschte er mich an,
dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen
beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen
hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf -- welch Licht fiel
plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!
Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu
meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate
krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom
Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst,
wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue
Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und
meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich
vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben
war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.
»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst
halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte,
nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt
zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden
habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin
ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so
unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch
Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung,
betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und
leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an
gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst
'glücklich' sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber
leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger
wirkt es ...«
* * * * *
Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler
Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich
angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir
schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung
nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der
anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst
interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine
schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind
von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern
erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und
phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen
beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an
breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen
zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes
Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer;
aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen,
die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und
gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da
ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß
der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der
Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen
ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese
einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei
aufzuatmen.
Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so
nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein
schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die
Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man
unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das
Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon.
Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, -- womit
hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von
Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische
Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu
täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den
jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben
allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein
bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der
guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von
Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl,
nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die
Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre
Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie
nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust
heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am
Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als
Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die
Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben
sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und
nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus
demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten
Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über
die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat
die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den
Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.
Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem
männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen
jede schön Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage
getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen
geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen
um das Septennat lebhaften Anteil nahm.
Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen
Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, vermied die Nähe der Fabriken.
Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg
ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie
stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere über die Landstraße, so
daß mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich
im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, war
indessen vergebens den heimtückischen Angreifern auf der Spur gewesen;
er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hörte tagelang nichts
anderes als sein maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von
Sozialdemokraten.« Niemand als sie waren die Attentäter gewesen, sie,
die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage
als Vaterlandsverräter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders
verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.
Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Daß sie nur in
der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine
Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der
russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemächtigte
sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, daß ihr
Leben endlich zum Ereignis werden könnte; mein Vater, der die Schrecken
des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation
betrachtete, doch in gehobener Stimmung. »Soldat sein und nur Krieg
spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Künstler sein und nichts
als Malstunden geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe an
der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen
Garnisonen verstärkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach
seiner Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller
Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten für rasche
Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklärung, so
konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg
sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten,
weil der feindlichen Grenze am nächsten liegenden Festung Thorn bestimmt
war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir
verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn
möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.
Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde,
konnte darüber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft
angesammelten Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle
wir standen.
Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott
fürchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats
und die Auflösung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in
der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem
Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte freudig den Sieg der
Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden
hatten überliefern wollen.
Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich verstummte und all
das glühende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um
die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war
ich rasch ernüchtert.
»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand.
Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in
den Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht wieder kommt und
das grünende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, daß die
Wurzeln ihrer Pflänzlein die Erde umklammern und festigen werden. --
Unser Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es duldet nichts
Grünes. Vernünftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die
mich zwingt, Hoffnungsbäume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der
Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren,
und es ist, als ob man nach dem Maßstab des kleinsten Baumes einen
ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstört --
schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lächeln --
und hüllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um
dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter Volkstribun.
Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der
Lektüre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen
kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns
Genußfähigkeit und gab uns Spottsucht dafür, wie man den Kindern aus
'Anstandsgefühl' Götterbilder verhüllt und ihnen die Trikotnacktheit des
Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach
dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach
geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale Güter. Noch schämen wir uns
dieses Gefühls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn
ich auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, die draußen
weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die
vernünftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, daß junge kräftige
Bäume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder an ihm
rächen werden.«
Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfängerin,
meiner Kusine, ein; sie gehörte auch zu den 'vernünftigen' Leuten, und
schon längst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des
Gedankenaustausches vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, dem
gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, war aber für mich
Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach
Süddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon
im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche
bei Mathilde auf. Ich wäre am liebsten schon nach dem ersten Tage
abgereist: eine Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken
schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kämpfte,
die verschüchtert durch die Räume schlich; ein von des Lebens Not
gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner
Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Haß
alles verfolgte, was reich, was glücklich war; die Mutter, die trotz
ihrer drei Kinder alle bösen Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an
sich trug; die Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei um
jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin,
blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, Gesangvereinen, und
Sonntagsschularbeit mühselig ihren Lebenshunger stillend, -- daß es
dergleichen gab, daß sich solch ein Dasein ertragen ließ!
In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg,
einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich
seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen
hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester
gezogen, und diese wünschte eine Versöhnung der Brüder. Mit jener
Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester
gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefügt. Wie
schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu
einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen
Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wäre über diesen
von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut
gewesen, wenn der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater
behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich nicht immer
wieder übermannt hätte. Wie an einem Schulbuben nörgelte sie den ganzen
Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das
Zivil meines Vaters mißfiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich
ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!
Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, -- welch jugendliche
Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte rücksichtslos über seine
Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wünschen Arthurs unter. Sie
hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel ausgeräumt,
um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswürdigen Egoismus,
der ihren brutalen übertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte
sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch
die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und her warf. Eines
Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem
Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da,
euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir wahrhaftig
ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.« -- »Wenn
ich mich nur darauf verlassen könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein
Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« antwortete
sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie
denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders
gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' ich
einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit weicher Stimme, »bis
übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!«
Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines
Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer
Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen
Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er
mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit
dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht
erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.
Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die
Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau
unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der
in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel
beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. »Ich weiß,
Hans braucht Geld,« sagte er beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers
nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk
an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in
derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir
und Onkel Arthur war gebrochen.
Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter
seinem Einfluß zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was
mir Vergnügen machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen
entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem
jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher
wie tollkühner Bergsteiger, der Führer und gebahnte Wege verschmähte.
Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein
Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich erst Probe klettern, ehe er mich
überall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter,
immer weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ er mir machen:
kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber
auch das ließ die Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des
Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich faß dich jedesmal
um die Taille und laß dich unweigerlich sitzen, wenn du das
Marterinstrument trägst,« sagte er, und ich fühlte mit Wonne die
Freiheit starker Atemzüge.
Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen
Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Hütte mit einfachem
Heulager. Wir zündeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein
mächtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal
schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die
Sterne, und weiß und gespenstisch glänzten von fern im Mondlicht die
Schneegipfel zu uns herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen
breitete mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte er. Wie weh
mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich vergaß seine Nähe,
lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum
erstenmal! Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand ich keine
Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, während die Geister der
Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus
Fiebersümpfen. Die Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und
still und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich herab.
Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine
grauen Haare vergessen ließ, dabei voll rührender Sorgfalt für mich.
Einmal saßen wir im Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne.
Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet er uns ein
Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm dazu,« sagte er, und ich überließ
ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt,
durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl,
das die nie vergessene Flasche Moselwein würzte, streckte er sich mir zu
Füßen ins Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin.
»Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im Grunde ein Primaner
oder bestenfalls ein Sekondeleutnant.« Er lachte. »Das bin ich auch;
die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«
»Aber ...« ich stockte.
»Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner Wahl gelebt! Niemand
weiß bis heute, daß diese zwei Jahrzehnte die Hölle waren. Mein Stolz
hieß mich schweigen. Ich wollte nicht, daß Mutter und Geschwister Recht
behielten. Endlich kam die Erlösung: sie starb -- seit vielen Monden
eine arme Irre, die nichts dafür konnte, daß sie mich quälte,« -- ganz
alt sah der Onkel plötzlich aus, -- dann sprang er auf, schüttelte sich
wie ein nasser Jagdhund und fügte lächelnd hinzu: »die Liebe ist Humbug,
weißt du, echt ist allein die Natur, die Kunst, die Wissenschaft. Ich
freue mich auf das Leben wie ein Student!«
Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender als unsere
Wanderungen. Von früh bis spät wimmelte es von Gästen; wenn der Onkel
irgendwo jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so lud er
ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. Es war eine bunte
Gesellschaft, die sich auf die Weise bei uns zusammenfand, denn
Tegernsee selbst schien eine Art neutraler Boden zu sein, wo die
heterogensten Elemente ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. Da
gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter exotischer Art;
Finanzgrößen dunkelster Herkunft; alte Diplomaten, die bei irgend einem
Hofskandal Schiffbruch gelitten hatten; französische Marquisen, deren
Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem Antlitz die
bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie so siegessicher auf
Eroberungen ausgingen; deutsche Gräfinnen, deren graziöse Pirouetten
noch vor kurzem die Balletthabitués der Großstädte entzückt hatten; und
um die Galerie moderner Typen der 'guten' Gesellschaft voll zu machen,
fehlte es nicht an österreichischen Erzherzogen, sogar nicht an einem
König, -- wenn es auch nur einer a. D. war, der von Neapel, -- einem
alten Roué, und seiner wunderschönen extravaganten Königin. Dazwischen
bewegte sich das Künstlervolk -- ein wenig geniert die einen, ängstlich
bestrebt, es den Vornehmen möglichst gleich zu tun, die anderen,
Menschen von genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar
Auserwählte mit jener seltenen angeborenen Größe, die sich überall mit
gleicher Selbstverständlichkeit zu bewegen vermag. Von mancher schönen
österreichischen Komteß flüsterte man sich zu, daß sie an der Entstehung
Makartscher Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und noch heut
ließ sie es gern geschehen, wenn die Maler sich an ihr begeisterten; ein
Hauch von Romantik, der die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den
rotblonden Kopf einer graziösen Baronin, von deren Beziehungen zum
Kronprinzen von Österreich Frau Fama vernehmlich flüsterte. All das
flirtete und rauschte in knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel
am hellen Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in
klösterlicher Einsamkeit der fromme Mönch Werinher der allerseligsten
Jungfrau süße Weisen gesungen hatte, oder stieg in kokettem Jagdkostüm
auf bequemen Wegen zu den Sennhütten hinauf, deren Gäste noch vor kurzem
nur Dirndeln, Jäger und Wilddiebe gewesen waren. Am späten Nachmittag
rollten die Equipagen ins kreuther Tal, wo hoch oben, von Bergen eng
umschlossen, auf grünem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch
quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, ließ seine Toiletten
bewundern, trank seinen Kaffee mit österreichischer Betonung und von
österreichischer Güte und ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu
den sieben Hütten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrümpfen, die
Madeln im Silbergeschnür und weitbauschendem kurzem Gewand sich im Tanze
drehten. Wenn die Dämmerung kam und lustige bunte Lampions sich wie
leuchtende Girlanden von Hütte zu Hütte zogen, dann änderte sich das
Bild: weiße Schleppen wirbelten zwischen den bunten Röcken, und
Lackschuhe glitten zwischen den Nagelstiefeln. Droben auf der
Hohensteinalp die blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese
wußten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den Weg nicht nach Hause
fand -- ach, und kleinwinzige Buberln gabs im Tal und Mäderln,
vaterlose, mit feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam
anzuschaun!
Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der eine zum Bad, der andere
nach dem Achensee führt, lag in einem weiten schattigen Park ein Haus,
nicht viel anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien ringsum und
buntbemalten Läden. Auf den grünen Rasenflächen davor, auf den
Spielplätzen zu beiden Seiten herrschte alltäglich ein frohes Leben und
Treiben. Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu jeder
Tageszeit ward man freudig begrüßt und reichlich bewirtet. Mich lockte
dies Haus schon lange; die ersten Künstler, das wußte ich, gingen dort
aus und ein. Aber meine Tante rümpfte die Nase, wenn ich seiner
Erwähnung tat, und mit tadelndem Kopfschütteln wurden diejenigen aus
unsern Kreisen betrachtet, die den Bann gebrochen hatten und sichs wohl
sein ließen in Schwarzeck. Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war
der Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr als sein
Name, so daß sich ihm gegenüber jener ästhetische Antisemitismus geltend
machte, den auch Vorurteilslose oft nicht abstreifen können. Der Magnet
des Hauses waren seine vier Töchter, von denen eine immer hübscher war
als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, daß selbst der Herzog Karl
Theodor bei ihnen verkehrte, überwand Onkel Arthur den Widerstand der
Tante, und eines Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte
zu machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines Kreises von
münchner Künstlern und Schriftstellern öffneten mir Ausblicke in eine
neue Welt: Fragen des Lebens und der Kunst wurden mit so rückhaltloser
Offenheit besprochen, daß ich es zunächst fast peinlich empfand und,
ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, außerstande war, mich daran
zu beteiligen. Um so aufmerksamer hörte ich zu: war dies ein Abglanz der
Welt, die ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen Idealen
erfüllt, auszog, um sie zu erobern?!
Ich wurde einer der häufigsten Gäste in Schwarzeck. Ich trotzte selbst
dem Befehl der Tante, die mich glaubte zurückhalten zu können, wenn sie
für mich nicht anspannen ließ, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fuß.
Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in heftigster Debatte
begriffen. Irgend ein Artikel aus M. G. Conrads »Gesellschaft« schien der
Anlaß gewesen zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser
»sittenlosen,« »die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden«
Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen Presse -- der
einzigen, die ich zu Gesicht bekam -- zuweilen gelesen zu haben.
»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat -- tausendmal recht,« rief ein
junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend,
»Wahrheit, hüllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur
indem wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven,
auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären und Wunden vor die
Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.«
»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein Maler Pilotyscher
Richtung ein, »sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens über das
Elend des Daseins hinweghelfen --«
»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die junge Frau eines
münchener Redakteurs ins Gespräch, die, wie man munkelte, unter anderem
Namen Geschichten schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, »sie
soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt sie zu lehren, mit der
brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.«
»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der Maler, »dann werden
wir glücklich dahin gelangen, Operationssäle und Wochenstuben auf der
Bühne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang
gemacht.«
Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo
der Herzog von Meiningen den unerhörten Schritt gewagt hatte, die
»Gespenster« auf seine Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt
war und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den Schild erhob,
las und hörte ich oft von ihm, als von einem halb Verrückten, einem, der
mit Wollust im Schmutze wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein
Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er
unmöglich ein Wegweiser sein.
»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe Männerstimme wie ein
ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, »Zola ist der
Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde
an die tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen,
meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es irgendwo einen Punkt gibt,
wo auch Sie unter seiner Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir
vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den großen und
kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnüren, unser Ich
verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als
lebendige Menschen, -- das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen
zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schließlich zu
Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen
Menschheitswärter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen --«
Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die Rinnsale der
Einzelunterhaltung und versickerte schließlich im Sande der
Alltagsfragen. Während die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich
den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren.
»Können Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache
erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.
»Hm« -- machte er -- »obs der gnädigen Frau Tante auch recht sein
wird?!«
»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will,« entgegnete ich
scharf, geärgert über die spöttische Art seiner Antwort. Er lachte
dröhnend.
»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!«
Mit großen, ungefügen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bücher auf
eine Ecke Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast die
Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor
hinaus.
»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.
»Ach -- der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heißt,
habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?«
Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich eine Karte an eine
münchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten
erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines
ungewohnten häuslichen Lebens vorschützend.
Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, -- ich trank sie, wie
ein Durstender in der Wüste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk
genoß ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir
war vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem
dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein Sturmwind auseinanderriß,
um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der
scharf und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der Vielen um mich
her.
Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen
Menschen, die auf Vorposten stehen und für die Wahrheiten kämpfen, die
noch zu neugeboren sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben
könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewänder
entkleidet als nackte Lügen vor mir, und mit einem einzigen Blick
erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß
ich den anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, die ebenso
heilig sind -- Pflichten gegen mich selbst --;« »ich muß nachdenken, ob
das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich
richtig ist --« sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst
zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln müssen, wie Nora,«
heißt es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, »viele Fesseln, -- feine,
die ich kaum fühlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, --
umschnüren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes Jahr
einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig
werden?« Und an meine Kusine, die mir über meine Ibsenbegeisterung
erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den Mut
hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureißen, der
ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu
bequem sind, um die Augen zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine
Zukunft, für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt die
Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du warnst mich vor
'unüberlegten Handlungen'; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst.
Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß die
Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgendwo Hand anlegen
kann, wo es für mich etwas zu tun gibt.«
Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr
rüstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen.
»Schade, daß du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.
Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Höhe. Tief unten
lächelte der See mit seinem großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote
Dächer und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und hinter ihm
bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender Firnen auf. Nein, ich war
den Bergen nicht untreu geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir
nahm.
Zwölftes Kapitel
Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein Gipfel des Vergnügens,
besonders wenn Onkel Walter der Führer war. Niemand wußte wie er, in
welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem Zirkus am
schneidigsten geritten wird, und wo man am besten ißt und trinkt. Die
acht Tage, die ich diesmal auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm
verbrachte, waren aber mehr eine Qual als ein Genuß für mich, obwohl wir
vor lauter »Amüsement« gar nicht zu Atem kamen und meine lustige Tante
sich über meine »blasierte Miene«, mit der ich wohl »die neueste Mode
mitmachte«, nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll im
»Mikado«, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei Renz, wir saßen auf der
Estrade im Wintergarten, soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer
in derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen
Parlamentariern, aber von dem modernen künstlerischen und literarischen
Leben, dem mein ganzes Interesse galt, war nur insofern etwas zu spüren,
als die einen es verhöhnten, die anderen nach dem Staatsanwalt schrieen
und der Rest heimlich und voll zynischer Lüsternheit mit ihm
liebäugelte, wie ein alter Roué mit der Straßendirne. Familien-, Hof-
und politischer Klatsch stand im übrigen im Mittelpunkt der
Unterhaltung, und dem Ärger und der Verstimmung gab man, wie gewöhnlich,
wenn man unter sich war, den kräftigsten Ausdruck. Des armen kranken
Kronprinzen wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, die Empörung
über den Einfluß der Kronprinzessin, über die von ihr eingefädelte
Battenberg-Affäre, deren Schlußeffekt der Sturz Bismarcks hätte sein
sollen, über die ganze allmählich zu Macht und Ansehen gelangende
Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen zusammen gesetzt sei,
war viel zu groß.
Die von Bismarck kopulierte unnatürliche Ehe zwischen dem
Nationalliberalismus und den Konservativen wurde hier, wo man sich
keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchte, drastisch genug beleuchtet.
»Hab ichs nicht immer gesagt,« rief bei einer solchen Unterhaltung eines
der ältesten Mitglieder des Herrenhauses, der Typus eines echten
Feudalherrn vom guten Schlag, »daß wir uns nicht stärker blamieren
konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. Nichts, gar
nichts Gemeinsames haben wir mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die
der Bienenkönigin, die ihre werten Gatten töten läßt, wenn sie ihre
Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter uns so dämlich, uns für
-- die Königin zu halten?!«
»Na, hören Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch nicht behaupten wollen
--« unterbrach ihn mein Onkel.
»Gewiß behaupte ich --,« polterte der alte Herr »laßt mal erst das
Gesindel hoffähig werden -- ein 'von' und ein 'Baron' ist heut schon
eine Spielerei für den, ders Geld hat --, dann wirds bei uns wie in
England und in Frankreich: unsere Jungens reißen sich um ihre Mädels,
und von dem ganzen guten preußischen Adel bleibt nichts übrig als der
Name.«
»Nur daß die Voraussetzung für Ihre Folgerungen fehlen wird: der
Kronprinz wird kaum zur Regierung kommen, und mit seinem Tod haben die
Ambitionen der Herren Liberalen ihr Ende erreicht.«
Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich auf die
Schulter: »Sie sind ein guter Kerl, Golzow, aber das Pulvererfinden ist
ihre Sache nicht! Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn
würde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist heute konservativ
-- aus Opposition, natürlich! Er bleibts vielleicht auch -- dem Namen
nach. Aber ist er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen Größen
rechnen müssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht erleben, aber Sie, meine
Herren, werden in zwanzig Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben,
wenn er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, und nicht
die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen mehr den Wert des
Mannes, sondern das gute Geschäft.«
»Es würde uns heute schon nichts schaden, wenn wir geschäftskundiger
wären,« mischte sich Baron Minckwitz ins Gespräch, der wegen seiner
Teilnahme an allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrüchig
war, »man muß mit den Wölfen heulen, will man nicht zugrunde gehen.«
Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser
klirrten. »Ich gehe lieber zugrunde!« brüllte er. Ein peinliches
Schweigen entstand. Mir gefiel die unverfälschte Echtheit des Alten. Er
schien mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir über den Tisch hinweg
die Hand.
»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er lächelnd, »ich bin
wirklich ein alter Mummelgreis, daß ich in Anwesenheit junger Damen so
ein Zeug schwätze! Übrigens -- ich wills gleich wieder gut machen --
richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment aus. Ich traf ihn vor vier
Wochen in Stettin bei Ihrer Majestät, er lief mir aber davon, ehe ich
ihm selber sagen konnte, wie glänzend seine Führung im Manöver war. In
der Umgebung Seiner Majestät herrschte nur eine Stimme darüber.«
Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanöver, bei dem mein Vater
das Ostkorps, den »markierten Feind«, zu kommandieren gehabt hatte, nur
wenig gehört. »Der Kaiser war außerordentlich gnädig,« hatte er mir
geschrieben, »die Ernennung zum Divisionskommandeur kann jeden Tag
erfolgen,« hatte Mama hinzugefügt. Ich freute mich nun doppelt, Näheres
zu erfahren. »Sie wünschen am Ende eine Kriegsberichterstattung mit
allen Schikanen?« frug Graf Lehnsburg und baute aus Brotkrümeln und
Papierschnitzeln ein ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort
abzuwarten.
»Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; die Papierschnitzel davor,
das ist das Dorf Brunn, und hier die Semmeln, das sind die Höhen, die
der General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen des 14. September
besetzt hielt. Er gehört noch zu der alten Sorte, wissen Sie, die von
Anno 70 her weiß, daß der, der am frühsten aufsteht, dem Siege am
nächsten ist. Dort drüben von der Ostsee her -- der Rotweinklexs reicht
gerade für den Tümpel -- kommt das feindliche Korps auf Stettin zu
marschiert, das es, nach dem Ratschluß der obersten Götter, erobern
soll. Der Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen zu
werden und den Ruhm des Gegners zu erhöhen. Natürlich war dieser Gegner
-- wie das die Götter mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen -- noch
mal so stark als er und hatte überdies in seiner Mitte so was wie einen
Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke reißen, immer noch seine
Gläubigen heraushaut.« Er legte dabei ein dickes Stück Schwarzbrot in
die Mitte der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten auf,
lachten und rückten näher zusammen. »Nun war aber ein Hundewetter an dem
Tag, es regnete Bauernjungens, darum entdeckte das Westkorps den
General, der schon eine ganze Weile mit allem nötigen Klimbim auf seinen
sieben Hügeln thronte, erst nach einigem unruhigen Hin- und Herfackeln.
Nachdem es die Situation glücklich erfaßt hatte, ging es marsch, marsch
im Sturm voran. Prinz Wilhelm -- der Schutzheilige, wissen Sie! --
führte dabei das Pommersche Grenadierregiment, und ich glaube, jeder
einzelne Kerl darin hatte schon nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich
den Lorbeer zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln
kroch. Aber Ihr Herr Vater hält offenbar nichts von Heiligen, -- er ist
ein ausgemachter Ketzer, für den schon irgendwo die Dienstbeflissenen
den Scheiterhaufen zusammentragen, -- er empfing den Feind mit einem
mörderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze blieb, das hätte
er, weiß Gott, noch gefangen genommen, wenn nicht ein weiser
Hoherpriester ihn beizeiten davon abgeraten hätte. Der hat freilich zum
Dank dafür ein paar faustdicke Grobheiten einstecken müssen! Es gab dann
noch eine formidable Reiterattacke -- ein théâtre paré für die Fremden!
--, wobei ein paar tausend arme Gäule sich einbilden sollten, das
Vaterland retten zu müssen; aber auch die Vierfüßler im Ostkorps zeigen
sich als die stärkeren. Ein schauerliches Abschlachten wärs im Ernstfall
gewesen. Sie sehen, Stettin konnte ruhig sein, -- und der alte Herr hat
in der Kritik den General von Kleve über den grünen Klee gelobt.
Trotzdem wars eine hanebüchene Dummheit, wie sie den Tapfersten immer
zustößt, daß er -- hm! -- daß er den -- den Schutzheiligen nicht besser
respektierte.«
Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig mit den Fingern auf der
Stuhllehne getrommelt hatte, schien für den Humor der Sache keinen Sinn
zu haben. »Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt,« sagte
er, »wer den Prinzen kennt, weiß, daß er alles kann, nur nicht
vergessen.«
Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen. Mir stieg auch jetzt
das Blut zu Kopf, und meine Verteidigung fiel heftiger aus, als es nötig
gewesen wäre.
»Ich finde, eine Rücksicht, wie du sie verlangtest, wäre eine
Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz, der noch nie eine Kugel hat
pfeifen hören, mit lauter servilen Leuten zu tun bekäme, so würde es
Deutschland mal büßen müssen.«
»Bravo!« sagte Graf Lehnsburg. »Großspuriges Geschwätz!« brummte der
Onkel.
Am frühen Morgen des nächsten Tages kam ein Telegramm: »Division in
Münster.« Mit beiden Füßen zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen:
Das nordische Rom -- die Wiedertäufer -- Annette Droste -- der
Westfälische Friede -- die Hermannsschlacht, -- es war eine verwirrende
Vielheit bunter Bilder, die bei diesem Namen vor mir aufstiegen. Ich
fuhr noch am Nachmittag nach Bromberg. Merkwürdig ernst empfing mich
mein Vater. Kaum daß ich eine Frage an ihn zu richten wagte. Und auch zu
Hause blieb er still, während mein Schwesterchen voll Freude über den
Wechsel im Zimmer umhersprang und Mama die nächsten Pläne erwog. Erst
spät am Abend, als er seine gewohnte Patience gelegt hatte und sich
befriedigt, weil sie mit Mamas Hilfe richtig aufgegangen war, in den
Stuhl zurücklehnte, fing er an, sich über die Zukunft auszusprechen. Wir
orientierten uns mit Hilfe der Rangliste über die Verhältnisse seiner
Division; bis nach Aachen und Paderborn dehnte sie sich aus; lauter
Städte voll historischer Bedeutung gehörten zu ihren Garnisonen. In
Münster erwartete uns eine geräumige Dienstwohnung, eine glänzende
Geselligkeit; der Kommandierende war meinem Vater als liebenswürdiger
Vorgesetzter bekannt.
»Und trotzdem --?« Ich stockte vor dem finsteren Blick, der mich traf.
Gleich darauf lächelte er ein wenig gezwungen und strich sich halb
nachdenklich, halb verlegen den Bart. »Ihr merkt eben nichts, gar
nichts,« sagte er, »mit der Nase muß man euch darauf stoßen;« damit wies
er mit dem Finger in die Rangliste: »Die 13. Division« stand dort, fett
gedruckt. Die 13 aber war rot unterstrichen.
Mein Vater verließ die Gesellschaft, wenn dreizehn bei Tische waren, er
drehte um, wenn eine Katze ihm über den Weg lief, und machte drei
Kreuze, wenn ihm beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete. Ich
lächelte leise und drückte schmeichelnd meine Wange an die seine. »Den
Spuk werden wir bannen, Papachen -- auf immer.«
»Glaubst du?!« meinte er zweifelnd und starrte mit großen Augen an mir
vorbei ins Leere.
Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer aus Berlin, der jedes
Stück unserer Einrichtung kannte und seine Kisten stets so wiederfand,
wie er sie beim letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam,
ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren. »For ne
Exzellenz is der Dreck nu jar nischt,« sagte er diesmal, als er mit
seinem Zeitungspaket unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir uns
noch auf der Durchreise auf. Während Papa sich meldete, machten wir
Besorgungen. Die Größe der künftigen Wohnung hatte eine erhebliche
Vermehrung unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und die
alten Möbel waren schon lange eines neuen Gewandes bedürftig. Auch an
Toiletten für den nächsten Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck,
nun nicht mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen
verlockenden Auslagen als bloße Zuschauerin vorbeigehen zu müssen,
verjüngte sich meine Mutter förmlich; ich entdeckte zum erstenmal und
nicht ohne Beschämung, daß sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch
immer eine schöne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte mich, daß
sie im Grunde ein ärmliches Leben geführt hatte und noch Ansprüche daran
zu stellen berechtigt war.
* * * * *
Es war ein Spätherbstabend, als wir uns Münster näherten; ein Wald von
Türmen stand schwarz am dunkelvioletten Himmel. Durch dämmernde Straßen,
über die nur hie und da graue Gestalten huschten, erreichten wir
den Gasthof mit seiner gewölbten Eingangshalle und den von
jahrhundertelangen Tritten ausgehöhlten Steinstufen der Treppe.
Früh am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie fernes Donnerrollen;
allmählich schwoll er stärker und stärker an, und ein Chor heller
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