»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns heute seinen Besuch hat machen wollen,« sagte Papa. Alle waren aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor. Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein von meinem Rasenplatz nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu legen.« Bei der förmlichen Anrede sah ich erstaunt zu ihm auf. »Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner erinnern,« antwortete ich mit kaum verhülltem Spott. Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saßen, -- die anderen hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller Entfernung --, erklärte er mir sein Verhalten. Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem »Du« unserer Kindheit Abstand zu nehmen, »Sie kennen die Klatschmäuler kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch mißzuverstehen,« hatte er hinzugefügt. Er war ein schlechter Psychologe, der gute Papa! Er hätte wissen müssen, daß dieses Verbot unseren Beziehungen die Harmlosigkeit nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit aufdrückte. Wir kehrten ohne Verabredung zum Du zurück, sobald wir allein waren, und redeten uns vor anderen, belustigt über die Komödie, die wir den Dummen vorspielten, »Durchlaucht« und »gnädigstes Fräulein« an. Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in der wir geboren wurden, hat eine geheimnisvolle Bedeutung für unser Leben. Nie fühle ich das Dasein mit seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und Seligkeiten so stark und tief, als wenn dem Himmel und der Erde Glutwellen entströmen. Wie die Rosenknospe sich öffnet und sich bis zur Tiefe ihres goldenen Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so öffnet sich dann mein Herz. An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel und wehenden Fahnen Friedrich Franz II. und Anastasia, seine Gemahlin, durch die Straßen von Schwerin zum Schloß. Am Abend desselben Tages, während der Mond hoch am Himmel stand und das Märchenschloß in silberne Schleier hüllte, war der ganze See von großen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen geschmückten Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten schwangen sich die Lichterketten, und Blumengirlanden schleiften im schimmernden Wasser. Nur wenige Würdenträger waren an diesem Abend ins Schloß geladen, um von den Terrassen des Burggartens aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir gehörten dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten Gastes, des Königs von Griechenland, attachiert worden war. Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine Stimme hinter mir flüsterte: »Komm mit.« Ich nahm den Arm, der sich mir bot, und fühlte bebend den Druck, mit der er den meinen an sich preßte. Versteckt zwischen den Rotdornbüschen lag drunten ein Boot. Es trug keine Lichter, nur Kissen und Decken und zu Füßen der Sitze in hellen Körben eine Fülle von Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer wurde. Wie ein Heer von Glühwürmchen erschienen von hier aus die Lichter der Schiffe, während der Mond groß und majestätisch zu uns hernieder sah. »Frierst du, Alix?« -- Er zog die Ruder ein und hüllte mich knieend fester in die Decken. Seine Hand, die meinen bloßen Arm berührte, war heiß und zitterte, und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz, der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, -- tief und fest. Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf. »Durchlaucht verzeihen -- die Herrschaften brechen auf --, darf ich meine Hilfe anbieten?« Graf Waldburg wars, ein Regimentskamerad des Prinzen, der rasch entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die bunten Schiffe hineinruderte, wo wir -- zu dritt! -- von allen Seiten gesehen wurden und mit unseren Rosen in die Blumenschlacht eingriffen; zusammen erschienen wir im Burggarten in der Gesellschaft und erzählten so harmlos als möglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt. »Ich danke Ihnen, Waldburg,« flüsterte Hellmut. Noch ein Zusammenschlagen der Sporen, ein höflich-kühles Kopfneigen als Antwort von mir, und ich schritt hinter den Eltern dem Wagen zu, der uns heim brachte. Wie lauter Träume folgten einander die Sommertage. Krachende, kurze Gewitter schienen die sonst so schwere Luft Mecklenburgs immer wieder zu zerstreuen; die Jugend wagte es plötzlich, jung zu sein, und die Alten lächelten nachsichtig darüber. Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten auf glattem Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; wir spielten alte traute Kinderspiele unter dem Schatten der Bäume; und, müde geworden, verloren wir uns in den geschnittenen Buchengängen, vorbei an springenden Wasserkünsten und verwitterten Götterbildern. Blind und taub für die Welt um uns her, und doch wie gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des Jahres, bewegten wir uns unter den Menschen. Oft ging es in bekränzten Wagen weiter hinaus in die Wälder, oder an einen der ferneren Seen, von denen jeder uns schöner dünkte als der andere: der eine, weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte, von freundlichen Dörfern rings umgeben, der andere, weil er einsam und dunkel zwischen bewaldeten Hügeln lag. Oder wir ritten am taufrischen Morgen mit verhängten Zügeln querfeldein, wo oft meilenweit kein Mensch uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein stattlicher Gutshof auftauchte, die ärmlichen Taglöhnerhäuser überragend, -- ein verkleinertes Abbild von Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon von weitem Kehrt zu machen. »Sie fürchten sich wohl vor den Dorfkötern?« meinte bei solcher Gelegenheit eine schnippische Freundin. »Das traut mir wohl keiner zu,« antwortete ich, »aber ich schäme mich vor den armen Leuten.« Alles lachte; nur Hellmut wandte sich mir zu und sagte: »Das würden die armen Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, daß sie für uns nichts empfinden als Neugierde und Bewunderung.« »Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie mit Steinen nach uns werfen,« entgegnete ich laut und drückte meiner Stute die Peitsche in die Flanke, so daß sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kräftig in meine Zügel und sagte, während seine hellen Augen mich übermütig anblitzten: »Wirst du mir nicht davongehen, du Süße, Wilde!« Mein Groll war verflogen, -- daß ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, -- welch tiefe Seligkeit war das! Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinüber gerudert, dem stillen Witwensitz der alten Großherzogin. Mit dem Dampfschiff war uns eine große Gesellschaft vorausgefahren, lauter ältere und gesetzte Angehörige, die zuweilen die Verpflichtung fühlten, uns Jugend zu beschützen. Ich hielt das nie lange aus und war stets die erste, die Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis zu verschwinden. Hellmut benahm sich korrekter und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt stand ich mit einem lachenden: »Wer kein Philister ist, folgt mir,« vom Teetisch auf und ging hinunter an das Seeufer. Ein paar junge Herren kamen mir nach, und empört über Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit ihnen in erzwungner Lustigkeit. Als wir in der Abenddämmerung zu Fuß heimkehrten, gesellte er sich endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen, die seinem sonst so guten Gesicht einen bösen Ausdruck verlieh. »Das darfst du mir nicht wieder antun -- hörst du,« zischte er mich an und eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. »Verzeih mir --,« flüsterte ich, »aber warum hast du mich allein gelassen?« -- »Weißt du nicht, daß ich alles nur um deinetwillen tue?« -- Ganz weich war seine Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, die Worte waren zu arm für die Fülle unseres Gefühls. An einem anderen glühheißen Sommertag gab das Grenadier-Regiment ein Fest im Jagdschloß von Friedrichstal. Heiß und ermattet vom Tanz und vom Spiel, gingen wir alle zum Neumühler See herunter, wo die Buchen und Birken über dem Uferweg dichte Lauben bilden. Allmählich zerstreute sich die Menge hier- und dorthin; wir blieben nur zu fünfen beieinander, -- zwei Mädchen und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten Bucht lagerten wir, und die Lust packte mich, die Füße im Wasser zu kühlen. Meine Gefährtin errötete dunkel bei meiner Aufforderung, es mir nach zu tun. »Du, das ist unpassend,« flüsterte sie mir leise zu. »Unpassend?« wiederholte ich laut, »zeigst du vielleicht nicht deine Hände, deine Arme, deinen Hals, -- warum nicht deine Füße?« -- »Bravo, bravo,« applaudierte einer der Herren. Das stachelte mich auf, und keck von einem zum anderen blickend, fuhr ich fort: »Soll ich euch sagen, was wir alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? -- Wir schämen uns nur unserer Häßlichkeit --« Damit hatte ich rasch Schuhe und Strümpfe abgestreift. Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, mich umzusehen, mein Blick haftete auf meinen nackten Füßen, als sähe ich sie zum erstenmal, -- sie waren so weiß, so schrecklich weiß! -- mir stieg das Blut bis in die Stirne. Ich berührte scheu das Wasser mit den Zehen. »Es -- es ist -- zu kalt,« brachte ich mühsam hervor und zog die Füße rasch unter die Kleider. Ein Geräusch verriet mir, daß die Herren sich entfernten; die Kleine neben mir, noch röter und verlegener als ich, half mir rasch beim Anziehen und lief dann auch davon. Langsam erhob ich mich, -- die Glieder waren mir schwer, -- da stand Hellmut vor mir -- ein paar Schweißtropfen auf der Stirn und doch ganz blaß. »Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, damit nichts und niemand dir zu nahe treten kann, und du -- du gibst dich diesen -- diesen Schurken preis,« kam es stockend über seine Lippen. Mir stürzten die Tränen aus den Augen, -- doch schon hatten seine Arme mich umschlungen, und sein Mund preßte sich auf den meinen, und die heißen, lang zurückgedämmten Wogen der Leidenschaft schlugen über uns zusammen. Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, -- ich weiß nichts mehr davon. Ich weiß nur, daß ich am weit geöffneten Fenster saß und die linde Nachtluft tief und langsam einsog, als hätte ich nie vorher die Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, -- ein fester Tritt, ein schleppender Säbel unterbrachen die Stille, ein lichtes Blau schimmerte durch die Büsche des Gartens. »Alix --« klang es sehnsüchtig. -- Und ich nahm die Rose, die mir noch zerdrückt im Gürtel hing und warf sie in zwei geöffnete Hände. Alles Denken war ausgelöscht in meinem Hirn, ich fühlte nur mit gesteigerter Intensität. Morgens am Kaffeetisch umarmte ich zärtlich den Vater, -- es fiel mir plötzlich schwer aufs Herz, daß ich seiner rührenden Liebe stets so kühl begegnet war --. »Du hast ja schon in aller Frühe illuminiert,« sagte er und streichelte mir halb erstaunt, halb beglückt die Wangen. Schüchtern und schuldbewußt küßte ich der Mutter die Hände, -- wie schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt! -- ach, und wie ernst und verhärmt sah sie aus! Als aber das Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf den Schoß und flüsterte in ihr rosiges, von lauter Goldlöckchen umspieltes Ohr: »Du -- ich weiß was ganz Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem grauen Schloßzwerg, bis er vor lauter Atemnot auf den Rasen plumpste. Ich glaub' immer, da liegt er noch und schnarcht, und die Nixen haben vor Lachen den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell hinaus, -- am Ende sehn wir sie noch!« Sie jubelte hell auf vor Freude, und richtig, -- zehn Minuten später waren wir unten am See. Klein-Ilschen suchte -- ich aber war still und ernst geworden und sah hinüber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte das Glück, das mir dort begegnet war, auch nur ein nächtlicher Spuk gewesen sein? -- Wir fanden die Nixen nicht -- Klein-Ilschen war böse. Wie wir langsam heimwärts gingen, kam ein Reiter uns entgegen, -- ich wagte kaum aufzusehen. Doch schon war er neben mir und hielt den Fuchs am Zügel. »Willst du reiten, Kleine?« sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft Pferde waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, unsere Augen aber versenkten sich ineinander, tief, immer tiefer, -- bis sie Gewißheit hatten und auch im fernsten Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden als nur das eigene Bild. »Die Nixen waren weg,« sagte das Schwesterchen zu Hause zu Mama, »aber Prinz Hellmut ließ mich reiten!« »Prinz Hellmut?!« Ein rascher mißtrauischer Blick streifte mich. Ich wandte mich zu den Fenstern und ordnete eifrig die vielen kleinen Lichter zur abendlichen Illumination. Der Großherzogin Geburtstag war heute; mit dem prächtigsten und zugleich dem letzten Fest dieses Sommers sollte er gefeiert werden. Verwandte und Freunde des Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze Adel Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. Stundenlang rollten auch vor unserem Hause die Wagen, und die Besucher kamen und gingen; Staatsvisiten waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter. Im weißen Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Gürtel, stand ich im Salon, neigte mich vorschriftsmäßig über die Hände der Damen und senkte den Kopf vor den Herren. Was mich sonst ermüdete, machte mich heute froh, denn mit geschärften Augen sah ich die Menge der bewundernden Blicke. Wie ich mich dann am späten Nachmittag vor der Abfahrt zum Schloß im Spiegel sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton gedämpft durch goldgestickten Tüll schimmerte, -- Rosen auf der langen Schleppe verstreut und Rosen in den dunkeln Locken --, da war ich zufrieden. Dicht gedrängt standen die Menschen auf der Schloßbrücke, wo die Wagen nur Schritt vor Schritt vorwärts kamen. »Alix von Kleve« -- »Alix von Kleve« ging es flüsternd von Mund zu Mund. Dankbar lächelnd neigte ich mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. Auf den schwarzen Marmorstufen der großen Treppe, in deren tiefem Dunkel das Gold des Geländers und der Säulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten Rock und die Läufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumenstrauß über den Stirnen. Und droben in den Vorzimmern gleißte und glänzte es von goldgestickten Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen. Wir wurden zu unseren Plätzen gewiesen. In der Ahnengalerie stand die Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster über den See hinaus und rührte mich nicht. Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war ich hier, als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, als auf ihn? Die Musik im Thronsaal neben uns intonierte den »Einzug der Gäste« auf der Wartburg, drei schwere Schläge mit dem Hofmarschallstab kündigten das Nahen der Herrschaften an. Ich erwachte aus meinen Träumen. Ein Rauschen ab und auf: wir versanken in unseren Kleidern und tauchten wieder auf -- wie eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick haftete sekundenlang auf dem Herrscherpaar, das langsam durch unsere Reihen schritt: der schlanke Mann mit dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten Schädel, darunter ein Antlitz von jener blaß-grauen Farbe, die das Morphium allmählich auf die Haut seiner Opfer malt, zwei fiebrig glänzende Augen darin und zwei Lippen, zu jenem wehmütig-freundlichem Lächeln verzogen, mit dem die früh vom Tode Gezeichneten die Jugend grüßen. Neben ihm das Weib: um den üppig-schlanken Leib schmiegte sich ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, auf dem hoch erhobenen dunkeln Kopf trug sie stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wölbten sich die Lippen über den kleinen weißen Raubtierzähnen, und ein gieriges Leuchten wie von heißem Lebenshunger tauchte in ihren wunderschönen Augen auf. Über uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, -- sie war mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber wallte das Mitleid auf -- mit dem Mann und mit der Frau. Dann kam der König von Griechenland, -- wie die meisten Könige: kein König. Und dann die Königin, -- weich und licht und holdselig, wie die guten Feen aus den Märchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. -- Aber ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus war Hellmut zu mir getreten. In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern saßen wir zu vier um den rosengeschmückten Tisch: Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut, die kleine Komteß Lantheim. Wir aßen nicht viel, aber unsere Gläser klangen immer wieder aneinander, und prickelnd floß der eisige Sekt durch unsere Kehlen. Leise und schmeichelnd tönte von fern die Musik. Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut des Abendhimmels hineinströmte, während viele hunderte flammender Kerzen alle Wände und Pfeiler aufleuchten ließen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem Rhythmus klang die süße Walzerweise der »Schönen blauen Donau« von der Estrade. Ich lag in seinem Arm, und die Töne schienen uns zu tragen. »Alix -- ich liebe dich,« hauchte mir im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins Ohr -- »verzehrend lieb ich dich -- ich laß dich nicht los -- nie -- nimmermehr --« Sein heißer Atem berührte mich wie ein zärtlich kosender Kuß, und meine Haare wehten um seine Wangen. »Durchlaucht -- Galopp -- wenn ich bitten darf!« hörten wir plötzlich neben uns sagen. Aufatmend standen wir still, -- wir hatten wirklich das strenge höfische Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat der Kammerherr der Großherzogin auf uns zu: »Ihre Königliche Hoheit befehlen --« »Mich auch?« frug Hellmut. Er senkte bejahend den Kopf, während ein leises malitiöses Lächeln seine Lippen kräuselte. Sollte die schöne Fürstin so konventionell sein und unser Vergehen gar noch persönlich rügen wollen? »Sie tanzen bezaubernd, -- ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein von Kleve!« sagte sie laut, als ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die Lippen zog. »Die mecklenburger Damen können sich ein Beispiel nehmen!« Die Umstehenden horchten hoch auf. »Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber Prinz, den man offenbar nur verbietet, weil man ihn zu tanzen nicht versteht.« Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um uns. Und wir tanzten. Aber ich fühlte die vielen musternden, neidischen, feindseligen Blicke, die mich betasteten, wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, wie mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich -- fester, immer fester lehnte ich mich in Hellmuts Arm -- er trug mich mehr, als daß ich tanzte. »Führen Sie Ihre Tänzerin auf die Terrasse, -- das wird ihr gut tun --« sagte die Großherzogin, als ich mich blaß und zitternd wieder verbeugte. Ein Ton war in ihrer Stimme, der mich auffahren ließ, -- hatte sie unser Geheimnis erraten? Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten die Terrasse und den Burggarten, plaudernde Gruppen standen ringsumher. Wir aber suchten die Nacht und die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weißen Blüten übersäter Strauch an die dunkle Mauer, und ein schwerer süßer Duft breitete sich rings um ihn. Jasmin -- meine Blume! Weißt du noch, Hellmut, wie du übermütig in die Zweige griffst und ein Regen schneeiger Blätter mir auf Schultern und Haare fiel? und wie sie matt zu Boden taumelten vor dem heißen Hauch deines Mundes? Du preßtest mich wild an dein Herz, daß der Atem mir stockte, -- du hättest mich morden können in jener Nacht, -- mit einem Liebesblick hätt ich es dir vergolten. »Warum sagst du mir nicht, daß du mich liebst -- warum bist du so still?« frugst du, und ich seufzte, den Arm fest um deinen Hals: »Ich kann dirs nicht sagen -- ich kann nicht -- ich liebe dich viel -- viel zu sehr!« Droben tanzten sie wieder -- wir sahen die Paare hinter den hellen Fenstern vorüberschweben --, und eine Melodie verirrte sich zuweilen bis zu uns. Wie mit kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die plätschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen Baumwipfeln des Parks klang hie und da ein verträumtes Vogelzwitschern. Immer verzehrender glühten unsere Augen ineinander, verlangender, sehnsüchtiger wurden unsere Küsse. Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern. »Wir müssen hinauf« -- sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort, während wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns trennen -- mein Dienst ist morgen zu Ende --« »Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich mühsam, -- es würgte mir am Halse. »Im Herbst erst sehen wir uns wieder --« »Das ertrag ich nicht -- --« »Ich sterbe vor Sehnsucht --« Und noch einmal zogst du mich an dich, und aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust. »Weine nicht, Liebling, weine nicht, -- für ein ganzes Leben voll Liebe, das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nächsten Wochen am Ende nicht zu groß,« versuchtest du uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. -- * * * * * Wir fuhren nach Karlsbad, -- Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit einem großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. »Wir« sage ich, -- aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild. Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln Chorgestühl eines hochragenden Doms, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden Weihrauchs ... Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens, das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen. * * * * * Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns Erzählungen«, -- jenes geniale Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des Zauberers, dem es galt, -- gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge -- ich war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden --, als die ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, -- ein Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie nichts vollkommen Irdisches. Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der Bogenvorhang sich teilte, -- ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester -- ein Stuhl wurde zur Seite gerückt -- »Alix!« hörte ich Hellmuts Stimme hinter mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken. »Schöne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille mein Verlangen!« tönte es von der Bühne dicht vor uns; ausgestreckt auf Decken und Fellen lag die schöne Guiletta vor ihren Anbetern; ihre nackten Arme und ihre bloßen Schultern leuchteten im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strömte mir zum Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von einer Melodie durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetörender nicht zum zweitenmal vorkommt, wurde die Luft immer schwüler um uns. Kaum daß wir uns im hellen Licht des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. Hellmuts Uniform verriet seine Anwesenheit auch im Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und Operngläser richteten sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Köpfe zueinander. Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. »Sie entfloh -- die Taube so minnig« sang der blassen Antonia weiche Stimme. Seltsam -- kein Zweifel -- sie sah mir ähnlich: der gelbliche Ton der Haut, die dunkeln Locken. Mich fröstelte. O -- und als dann der gespenstische Arzt erschien mit der hageren Gestalt, dem glatten Totenschädel und den klirrenden Flaschen in den Händen -- -- »Mir ist nicht ganz wohl!« flüsterte ich und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt meinen vorzeitigen Aufbruch nur für einen Vorwand. Während er mir den Mantel um die Schultern legte, flüsterte er mir zu: »Ich war bei Mama -- ein bißchen Tränen hats ihr gekostet --, aber schließlich fand sie sich ins Unabänderliche. Wir dürfen hoffen, Liebling! -- Hier alles Nähere,« er drückte mir ein Papier in die Hand und führte mich bis zum Wagen; schon zogen die Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite noch einmal öffnete, -- mit einem raschen Sprung war er neben mir und ich in seinen Armen, -- einen Augenblick nur, einen kurzen, glückseligen. An der nächsten Straßenbiegung verschwand er ebenso, wie er gekommen war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, öffnete ich seinen Brief. »Mein süßer Liebling,« schrieb er, »die Wochen ohne Dich waren eine gräßliche Fastenzeit. Zum zweitenmal ertrage ich so etwas nicht. Das habe ich auch Mama gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert -- begreifst Du solche Anhänglichkeit, Du Einzigste?! --, so hat sie meine Drohung toternst genommen. Sie wird in den nächsten Tagen Tante Brigitte Sonderburg, ihre verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie bei ihr das nötige Kleingeld zusammenscharren kann; bei Vetter Georg, dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas eigne Kasse ist völlig schwindsüchtig. Ich schäme mich, Dir so was schreiben zu müssen, meine holde, kleine Göttin Du, und doch mußt Du wissen, warum ich immer noch nicht in Helm und Schärpe antrete. Meine Zulage reicht kaum für mich, der ich das Unglück habe, ein Prinz zu sein, und diese Würde täglich mit barer Münze bezahlen muß. Aber trotz alledem muß es werden, und ich träume schon jede Nacht von dem weichen Nest, das ich für mein Prinzeßchen -- viel, viel mehr Prinzeßchen, als alle Ebenbürtigen zusammengenommen! -- erobern werde! Verlobte schicken einander immer briefliche Küsse. Das finde ich fad. Aber holen tu ich sie mir bei allernächster Gelegenheit für die langen sechs Wochen, die Du sie mir schuldig bliebst. Hüte Dich beizeiten, daß Du nicht daran erstickst ...« Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner Reifen um meine Stirn. »Der Weg zur Ehe geht durch die Kirche« pflegte Mama zu sagen, -- aber stand nicht ein goldener Götze am Altar, statt des Priesters? Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende Sehnsucht durchwühlte mich wie eine Krankheit. Jeder Händedruck schien mir die Haut zu versengen. Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu heimlichen Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball bei der Großherzogin-Mutter eröffnete ihn endlich. Sie hatte es allen Warnungen zum Trotz durchgesetzt, daß er in ihrem Palais stattfand, dessen Tanzsaal erst vor jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mußte. Diesmal, so erzählte man sich, habe sie schon recht bedenklich den Kopf geschüttelt. Als wir kamen, fiel mein erster Blick auf Hellmut, der mit zusammengezognen Brauen, blaß und finster, allein in einer Fensternische stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen und Begrüßungen und stereotypen Phrasen erledigt hatte und meine Hand in der seinen ruhte. »Ich habe Nachricht von Mama,« preßte er mühsam hervor, »Tante Brigitte hat rundweg abgelehnt. Für dumme Streiche hätte sie kein Geld!« Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe Leuchten über seine Züge, gepaart mit einem neuen Ausdruck starker Energie: »Sei nicht furchtsam, Liebling; du weißt: und wenn ich mich dafür dem Teufel verschreiben sollte, -- du wirst mein!« Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an Wunder; und sie ist sich selbst genug und vergißt darüber die Welt. Es war eine stürmische Saison damals, -- kaum ein Tag verging ohne ein Diner, einen Ball, eine Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht anders ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust zurück. Er verlor allmählich die gesunde Farbe, aber wenn ich ihn angstvoll um sein Ergehen frug, lachte er. Wir wurden immer kühner und immer erfinderischer, um uns allein sehen zu können, und die fremdesten Menschen halfen uns dabei: sie zogen sich zurück, wenn wir ins Zimmer traten, sie vertieften sich in ein Gespräch, wenn wir am gleichen Tische saßen, sie mäßigten das Tempo ihres Laufs, wenn sie auf der weiten Eisfläche des Schweriner Sees in unsere Nähe kamen. Daß die Mädchen mich mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und da freilich fing ich ein hämisches Lächeln auf, ein vieldeutiges Augenzwinkern, oder hörte mit halbem Ohr, wie es um mich her raunte und flüsterte. Aber ich dachte darüber nicht nach. Ich vegetierte überhaupt nur noch, und lebte allein, wenn er um mich war. In diesem Winter wußte ich erst, was Tanzen ist: keine Bewegung, in der wir nach Vorschrift die Füße so oder so setzen, kein harmlos-kindliches Vergnügen aus reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, -- Liebe ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei Menschen zu Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, um die Sehnsucht zu steigern und sie um so glühender wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und kokettiert -- sich demütig neigt und siegesbewußt aufrichtet -- die mit den anderen lächelt, sich ihnen vorübergehend hingibt, nur um des einen, des Geliebten Glut zu loderndem Feuer zu entfachen. Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hörte sie bis in meine Träume. Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, -- der Tanz, in dem sich die ganze graziöse Sündhaftigkeit und künstlerisch verklärte Erotik seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand, sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend über den Hüften, zum Umspannen schmal in der Taille, mit langen höfischen Schleppen. Rosen und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre schlangen sich mir um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schönpflästerchen am Mundwinkel und eins auf der Brust, -- so traf ich im Vorzimmer am Abend des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, -- so hatte ich die ebenmäßige Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein Gesicht blieb ernst. »Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während wir uns nach Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. »Ist nicht die gleißende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?« »Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der Welt!« antwortete ich und lehnte den Kopf zurück, um über die Schulter hinweg ihn selig anzulächeln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl. »Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist!« gab er zurück und beugte das Knie in bittender Gebärde zu dem lang gezognen Sehnsuchtston der Musik. Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschränkten Armen an einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorüberkam, fühlte ich seinen Blick. »Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er mich an, als mein Tänzer mich verlassen hatte, -- er vermochte seiner Erregung kaum Herr zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht tust, um was ich dich bitte, -- ich halts einfach nicht aus, daß jeder Schmutzfink dich im Arm hält und seine frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.« Ich fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, und um keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir in der Garderobe eine aus Taschentüchern improvisierte Bandage um den »verstauchten« Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte. Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal drängte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saßen die Älteren an den Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten, phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher brannten. Wir standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmär, die hier im Schloß der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder im rosigen Schein gedämpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu atmen, an den sein Haupt sich zärtlich lehnte. Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille das Verlangen --« klang es leise -- sehnsüchtig. Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte ich ein unterdrücktes Gelächter, -- aber im nächsten Augenblick vergaß ich es wieder. Wir tanzten, -- waren wir nicht allein auf mondheller Wiese, von Palmen umrauscht und großen, weißen Blumen umgeben, aus deren Goldkelch betäubende Düfte strömten? Wir tanzten, -- wars nicht ein Schaukeln auf kristallhellen Fluten, -- sahen wir nicht bis zum Grund, wo die blendenden Leiber nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehört, ihren roten Lippen entströmten? -- Mein Herzschlag stockte -- auf den nächsten Stuhl sank ich schwindelnd zurück, zu meinen Füßen brach der Geliebte zusammen, den blonden Kopf vergraben in meinem Schoß ... »Oh, la marquise Pompadour, Elle connait l'amour Et toutes ses tendresses, La plus belle des maitresses« -- sang plötzlich eine krähende Sopranstimme hinter uns. Hellmut sprang auf und griff instinktiv an den zierlichen Galanteriedegen, der ihm an der Seite hing. »Verdammt --« knirschte er, -- es war eine leere Scheide, die er in der Hand hielt. Wir hörten noch ein Rascheln und Raunen und das ferne Schlagen einer Tür, dann wars still. »Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, wenns nicht anders ist, zu Georg. Ich muß ein Ende machen -- so oder so!« flüsterte er mir zu, ehe wir den Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; -- wir verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die meisten Menschen zusammendrängten, trat Hellmut an meinen Vater heran: »Darf ich mich gleich heute für die nächsten Wochen verabschieden, Herr General,« -- sagte er sehr laut und förmlich -- »mein Vetter, Herzog Georg, wünscht meine Anwesenheit bei den Hofbällen.« -- »Reisen Sie glücklich,« antwortete mein Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei aufatmete. »Amüsieren Sie sich gut« -- brachte ich mühsam hervor und legte meine kalten Finger flüchtig in die seinen. Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in den nächsten Wochen aufrecht zu halten. Ich fehlte in keiner Gesellschaft, auf keinem Ball; keine tanzte so unermüdlich wie ich, an keinem andern Tisch wurde so viel Sekt getrunken wie an dem meinen. Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. Er machte in den Pausen mit großem Eifer Propaganda für eine Schlittenpartie, die mit einem Diner im Hotel enden sollte. »Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet Sie um die Ehre, Sie fahren zu dürfen,« wandte er sich an mich. Als ich fragend zu ihm aufsah, zuckte er die Achseln und sagte, nur für mich hörbar: »Durchlaucht haben mir nichts weiter mitgeteilt, als daß ich rasch für eine Gelegenheit zu längerer Aussprache sorgen möchte.« Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis zum Unerträglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen über den Seen. Mit hellem Schellengeläut erschien trotzdem am festgesetzten Tage Hellmuts Schlitten vor unserer Tür, -- eine winzige mit Pelzen dicht ausgefütterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte mir alles -- ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. »Also um fünf Uhr pünktlich im Hotel!« rief er noch freundlich, dann flogen wir davon. »Georg hat mich ausgelacht -- Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu versichern: für ein vernünftiges Verhältnis hätte sie Geld -- für eine dumme Ehe nicht!« Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. »Was meinst du, wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz direkt auf den See führen, -- der hält uns nicht lange!« Ich packte ihn entsetzt am Arm. »Nein, Hellmut, nein,« flehte ich, »wir haben ja noch gar nicht gelebt!« Der Fanatismus des Daseins durchglühte mich -- so sterben -- so -- nein! Und wie eine Erleuchtung kam es über mich: Tante Klotilde, -- sie mußte und konnte helfen. Mit schmetternden Fanfaren begrüßte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und uns fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte! Wie wir den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit Millionen winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden wir keinen Zweifel mehr an der wieder erwachten Sonne unseres Glücks. Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen Fahrt ins Hotel, uns, die wir ihnen weit voran gewesen waren und doch als letzte zurückkehrten, war glühheiß. Noch lange saßen wir zusammen; die vielen Gänge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer einsilbiger wurden, das langsame Servieren, das jeden Nichtmecklenburger immer ungeduldiger machte, -- wir merkten es nicht. Für uns wars viel zu früh, als es galt, Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, im rieselnden Regen, umschloß eine kräftige Hand noch einmal die meine, und spitze Nägel gruben sich mir ins Fleisch. Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. Mein ganzes Herz schüttete ich ihr aus; mit all meiner Hoffnung klammerte ich mich an sie; jede Seite ihres Wesens suchte ich zu rühren. Wenige Tage später wurde ich zu ungewohnter Stunde zu meinem Vater gerufen. Hochrot im Gesicht, mit meinem Brief in der Hand, trat er mir entgegen. Mama saß vor Schrecken totenblaß im Lehnstuhl. Es gab eine unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir seine Zärtlichkeit nie genug zeigen konnte, war jetzt kein Wort zu verletzend, um mich zu beschimpfen. Ich stand vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut einen Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen gegen ihn ausstieß, kam ich zu mir. »Das duld' ich nicht, daß du seine Ehre angreifst,« rief ich und trat ihm dicht unter die Augen, »schlag doch mit Fäusten auf mich, wenn du willst, aber ihn -- ihn darfst du nicht anrühren.« Papa sah mich groß an, wandte sich ab und stöhnte qualvoll. Das ertrug ich nicht mehr. Weinend warf ich mich ihm zu Füßen. »Papachen -- hab' doch Mitleid mit mir -- mein Unglück ist doch schon groß genug«, schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die mich fast geschlagen hätte, hob mich empor. »Mein armes, armes Kind,« sagte er, und mit dem Ausdruck eines zu Tode Verwundeten sah er mich an. Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hörte ich ihre ruhige kühle Stimme wie von weit, weit her. Sie las den Brief der Tante vor, ich verstand ihn kaum, nur die Worte »Pflicht«, »Opfer«, »Ehrgefühl« wiederholten sich, wie es schien, häufig. »Alix wird,« so schloß er ungefähr, »durch diese Erfahrung klug werden und ihre zügellosen Leidenschaften bändigen lernen. Unser ganzes Leben ist Entsagung und Pflichterfüllung ...« Ich lachte gellend auf bei dieser schönen Tirade, um gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. Papa trug mich in mein Bett. Meine Mutter verließ mich von da an keine Minute. Gegen Abend ließ sie mich aufstehen. Kaum auf den Füßen konnt ich mich halten, und vor Schmerzen hätte ich am liebsten geschrien, aber meine Willenskraft war stärker als alles. Ich vermochte es sogar, meinen Vater dankbar anzulächeln, als er mir mitteilte, er habe »die schwere Aufgabe auf sich genommen, den Prinzen über den Ausgang der traurigen Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.« Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, hörte ich, mit meinen fieberhaft geschärften Sinnen, Mama zu ihm sagen: »Ich kenne Alix genug, um keine ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen sind, -- es gab immer irgend eine mehr oder weniger fatale Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit mitspricht, sieht die Sache erheblicher aus.« »Aber du sahst sie doch! -- Eine solche Verzweiflung läßt das Äußerste fürchten!« wandte mein Vater ein. »Vertraue mir, lieber Hans -- du siehst sie immer wie in einem goldnen Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr nüchternen und klaren Augen behalten,« antwortete Mama, »wir haben jetzt nichts zu tun, als zu verhüten, daß sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert -- alles andre überlasse ruhig der Zeit und --,« fügte sie mit einem halben Lachen hinzu -- »dem nächsten Mann!« Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich benahm mich, ihren Worten entsprechend, während ich zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die Ausführung eines Planes ging, der vom ersten Augenblick an, da ich von der Ablehnung der Tante erfahren hatte, für mich fest stand. Ich ließ mir zur Gutenacht die Stirn küssen und legte mich ruhig nieder; daß Mama noch einmal kommen und nach mir sehen würde, wußte ich, und wartete, bis sie zurück in ihr Schlafzimmer ging und jeder Ton im Hause erstorben war. Dann stand ich auf, zog mich sorgfältig an, packte das Nötigste in eine bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem Atem die Treppe hinunter. Die Haustür knarrte nicht einmal, als ich sie aufschloß. Es regnete in Strömen, kein Mensch war zu hören, noch zu sehen. Ich wartete in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt mir entgegen klang, ein schleppender Säbel auf das Pflaster taktmäßig aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom Fenster aus ein verabredetes Zeichen erwartend, in den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er fuhr zurück, als er mich vor sich sah. Es bedurfte nicht vieler Worte zwischen uns. Aber was ich gleichgültig, mit einer ganz fremden ruhigen Stimme erzählte, das erschütterte ihn so, daß er sich schwer auf meine Schulter lehnen mußte. »Ich kann dich nicht lassen, Alix!« stöhnte er immer wieder. »Das sollst du auch nicht, Hellmut!« antwortete ich fest. »Da uns zum Ehebund der Goldsegen fehlt, schließen wir ihn unter dem Segen der Liebe.« Mit weit geöffneten Augen sah er mich an. »Du wolltest --?« klang es fragend, zögernd. »Deine Geliebte werden -- ja. Selbstverständlich muß ich Schwerin sofort verlassen -- -- --« »Alix, du fieberst -- du weißt ja gar nicht, was du sagst, -- das ist ja heller Wahnsinn!« rief er. Ich fühlte plötzlich, wie die feuchte Kälte der Nacht von den Fußsohlen an langsam an mir emporkroch. »Ich bin nicht wahnsinnig, Liebster --« sagte ich weich und drückte seine Hand zärtlich an meine Wange, »ganz im Gegenteil: ich will die wahnsinnige Weltordnung für mein Teil vernünftig machen! -- Nun laß uns nicht länger hier stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend eine kleine Station wird sich mit deinem Wagen doch noch erreichen lassen, wo ich den ersten Morgenzug erwarten kann --.« Er trat einen Schritt zurück, -- »Mach mich doch nicht zum Schurken -- Alix« -- er packte mich am Arm und schüttelte mich, als wolle er mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich -- während der Regen mir ins Antlitz peitschte -- und die letzten Laternen erloschen, kam es mit grausamer Klarheit über mich. »Hellmut!« rief ich noch einmal und breitete die Arme aus. Er stürzte auf mich zu, bedeckte mir Mund und Augen und Wangen und Hände mit wilden Küssen -- und verschwand, wie von Furien gepeitscht, in der dunkeln Allee. Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann strich ich mechanisch mit den Händen über den nassen Mantel. Ich mußte mich vergewissern, wer das eigentlich war, der hier draußen im Regen stand. Auch an die Stelle griff ich, wo mir das Herz noch eben wild geschlagen hatte. Es war wohl nicht mehr da -- es war wohl tot -- oder am Ende in den Schmutz gefallen. Ganz ängstlich sah ich in die schwarzen Pfützen zu meinen Füßen. Jetzt müßt ich eigentlich schlafen gehn -- fuhr es mir durch den Kopf. -- Gott, war das Täschchen schwer und der nasse Mantel. -- Ob ich mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! -- Nach ein paar Schritten stockte mein Fuß: nein, das ging nicht, ringsumher standen schrecklich viele Menschen und starrten mich an. Und dann rissen sie alle den Mund weit auf, und von allen Ecken dröhnte und kreischte es -- Oh, la marquise Pompadour -- Elle connait l'amour -- Et toutes ces tendresses -- La plus belle des maîtresses -- -- Ich floh die Stufen empor, -- riß die Türe auf und setzte mich erschöpft auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Händen und Füßen -- wie Würmer. Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. Und plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -- Alix Kleve -- hier in triefenden Kleidern auf dem Bette saß. Ein Grauen überfiel mich, als wäre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen Weltraum. Die Sinne vergingen mir. Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« -- selbst bei der Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte. Elftes Kapitel »Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend, halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann. »Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit vollkommener Ruhe. An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von mir. »Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort! Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang, fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich in Empfang nahm. »Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach Königsberg saß. Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern, hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden. Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen. »Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen. Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern zugrunde richten willst ...« Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete: »Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um meine Familie zu erhalten ...« Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte. »Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --« so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke nichts taugen.« Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab. Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden. Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend, während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende, führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers beklagen kamen. »Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama. Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen. Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war. Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen. Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war seine Antwort gewesen. Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn sie hier in die Türe trat. Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich. Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte. »Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!« »Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger Vergeltung, war mir verloren gegangen. Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten, sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen. Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis 1 » . , 2 , « . 3 . , , 4 , , . 5 , 6 . » 7 , 8 . « 9 . 10 11 » , , , « 12 . 13 14 , - - 15 - - , 16 . , 17 » « , » 18 , , « 19 . , ! 20 , 21 . 22 , , 23 , , , 24 » « » « . 25 26 . , , 27 . 28 , 29 , 30 . 31 , 32 . 33 34 35 . , , 36 . , 37 , 38 , 39 . 40 , . 41 42 , 43 . 44 , , , 45 , . 46 47 , 48 : » . « , , 49 , . 50 51 . 52 , 53 . 54 , . 55 , 56 . 57 58 » , ? « - - 59 . , , 60 , , 61 . . . , - - 62 . 63 64 . 65 66 » - - - - , 67 ? « , 68 , , 69 , - - ! - - 70 ; 71 72 . 73 74 » , , « . 75 , - 76 , , 77 . 78 79 . , 80 81 ; , , 82 . 83 84 : 85 ; 86 ; , , 87 , 88 . 89 , 90 , . 91 92 , 93 , 94 : , , 95 , , 96 . 97 , 98 , , 99 , , - - 100 . , 101 . 102 103 » ? « 104 . » , « 105 , » . « 106 ; : » 107 . , 108 . « 109 110 » ! , 111 , « 112 , . 113 , 114 , : » 115 , , ! « , - - 116 , , , - - 117 ! 118 119 , 120 . 121 , 122 , , 123 . , 124 , . 125 . 126 : » , , « 127 . 128 , , 129 . 130 131 , 132 . , 133 . » 134 - - , « 135 . » - - , « 136 , » ? « - - » 137 , ? « - - 138 , , 139 . 140 141 - 142 . 143 , , 144 . 145 - ; , - - 146 . 147 , , . 148 , 149 . » , , « . » ? « 150 , » , 151 , , - - ? « - - » , , « 152 . , 153 , : » , 154 ? - - 155 - - « 156 . 157 158 ; , , 159 , , 160 - - , ! - - 161 . . » - - 162 - - , « 163 . , ; 164 , , 165 . , - - 166 , - - - - 167 . 168 169 » , 170 , - - - - 171 , « . 172 , - - , 173 , , 174 . 175 176 , , - - 177 . , 178 , 179 . , - - 180 , , 181 . » - - « . 182 - - , 183 . 184 185 , 186 . 187 , - - , 188 - - . » 189 , « , 190 . 191 , - - ! 192 - - , ! 193 , 194 , : » - - 195 : 196 , . 197 ' , , 198 . , - - 199 ! « , , - - 200 . 201 202 - - - 203 : , 204 , ? - - 205 - - - . 206 , , - - . 207 . » , 208 ? « , 209 , . , 210 , , , - - 211 212 . 213 214 » , « , » 215 ! « 216 217 » ? ! « . 218 219 . 220 221 ; 222 . 223 , - , 224 . 225 , ; 226 , . 227 , , 228 , 229 . , 230 , 231 . 232 , , 233 , - - 234 - - , 235 . 236 237 , 238 . » « - - » 239 « . 240 . 241 , 242 , 243 244 . 245 , . 246 . 247 . 248 . ? , 249 ? , ? 250 » « , 251 252 . . 253 : - - 254 . 255 , : 256 , , 257 , - , 258 , 259 , - 260 , 261 . : - 262 , 263 , 264 , 265 . 266 , , - - 267 . - - 268 . 269 270 , - - : 271 . , - - , 272 , . - - 273 , 274 . 275 276 277 : , , 278 . , 279 , 280 . . 281 282 , 283 , 284 , . 285 , . , 286 » « . 287 288 , . » - - 289 , « 290 - - » - - - - - - 291 - - « 292 , . 293 294 » - - - - ! « 295 . , - - 296 ! 297 : » 298 - - « 299 300 » ? « . , 301 . 302 303 ? 304 305 » , - - , 306 ! « , 307 . » ! « 308 . 309 310 » , , 311 , . « 312 313 . . 314 , , , 315 , , , 316 . - - , 317 - - , 318 . 319 320 » , - - - - « 321 , . 322 , , - - 323 ? 324 325 . 326 , . 327 . 328 , 329 . - - ! 330 331 , , 332 ? 333 ? 334 , , - - 335 , - - 336 . » , - - 337 ? « , , : 338 » - - - - - - 339 ! « 340 341 - - 342 - - , 343 . , 344 , 345 . 346 , , 347 . 348 349 , . 350 » « - - , 351 : » 352 - - - - « 353 354 » , « , - - 355 . 356 357 » - - « 358 359 » - - - - « 360 361 » - - « , 362 . 363 364 » , , , - - , 365 , 366 , « , 367 . - - 368 369 * * * * * 370 371 , - - , - . 372 . » « , - - 373 , . 374 , : 375 . 376 , , 377 , 378 , 379 . . . 380 381 , 382 , ; 383 , . , 384 . , 385 , ? , 386 , . 387 388 * * * * * 389 390 391 . » « , - - 392 , , 393 , , - - , , 394 . - - 395 , , - - , 396 . 397 ! , 398 ; , 399 , , , , 400 , 401 , - - 402 , 403 . 404 . 405 406 , 407 , - - . 408 - - 409 - - » ! « 410 , . 411 412 » - - - - ! « 413 ; 414 ; 415 . 416 , . 417 , , 418 , . 419 , 420 . 421 , 422 , 423 . 424 425 . » - - 426 « . - - 427 - - : , 428 . . - - 429 , 430 - - - - » ! « 431 . . 432 . 433 , : » - - 434 - - , 435 . , ! - - , « 436 ; 437 , 438 , - - 439 , - - , , 440 . , 441 . , , 442 . 443 444 » , « , » 445 . . 446 , - - 447 , ? ! - - , 448 . 449 , , , 450 ; , 451 , , 452 . , , 453 , , , 454 . , 455 , , 456 . , 457 , 458 - - , , 459 ! - - ! 460 461 . . 462 463 , . , 464 . . . « 465 466 . 467 . » « , - - 468 , ? 469 470 , . 471 . 472 . , 473 . 474 - . 475 , , 476 . 477 , , 478 . , , 479 , , 480 . , 481 . 482 483 » , « , » 484 . ! « 485 486 . , 487 : » , 488 ; : 489 , - - ! « 490 491 , ; 492 . 493 , - - , 494 , . . 495 , . 496 , 497 , . 498 , , 499 : , 500 , , 501 , , 502 . 503 , . 504 , , 505 , . 506 . , , 507 . 508 509 , : , 510 , - 511 , - - 512 , , , 513 , , 514 . , 515 - - - - 516 , , , 517 . 518 519 » « . 520 . 521 522 , - - , 523 524 . , 525 , , 526 , . 527 , 528 , 529 . , 530 , - - 531 , . , - - 532 533 , . . 534 . 535 536 » ! « , 537 - . » 538 ? « 539 540 » , , ! « 541 , 542 , . 543 544 » , ! « 545 546 . 547 548 . 549 , , , 550 . 551 552 » , « , 553 , - - 554 . 555 ; » , , 556 , - - , 557 . « 558 , 559 , , 560 561 » « , . 562 563 . 564 , 565 . , 566 , . 567 , 568 569 , 570 ; 571 , . 572 573 . . . » - - 574 - - - - « - - . 575 576 , , 577 , . , 578 , - - 579 . 580 581 , - - , 582 , , 583 ? , - - 584 , - - , 585 586 , , 587 ? - - - - 588 , 589 , . . . 590 591 » , , 592 ' 593 , 594 « - - 595 596 . 597 , 598 . 599 600 » - - « , - - , 601 . 602 , . 603 604 » , 605 , . - - ! « 606 , . ; - - 607 . , 608 , : » 609 , , « - - 610 - - » , , 611 . « - - » , « 612 , , 613 . » « - - 614 . 615 616 , 617 . , ; 618 , 619 . 620 621 . 622 , 623 . » 624 , , « . 625 , , 626 : » , 627 . « 628 629 ! 630 . . 631 , . 632 633 , - - 634 , 635 . . 636 - - , . » 637 ! « , 638 . 639 640 » - - , 641 : - - 642 ! « . » , 643 644 , - - ! « 645 646 . » , , , « , » 647 ! « 648 - - - - - - ! 649 : , - - . 650 , , 651 , 652 . 653 , ! 654 , 655 , 656 . 657 658 , 659 , 660 , . ; 661 , , 662 , 663 , - - . , , 664 . , , 665 , 666 . 667 668 . 669 ; 670 ; . 671 672 673 . , , 674 . . 675 . , 676 , , 677 . , . 678 679 , . » ' , 680 , « , » 681 , , - - 682 . « , . 683 . . » 684 - - ' - - « , 685 . , , 686 . » , , « , 687 . 688 689 . 690 , . , 691 , » « , » « , » « 692 , , . » , « 693 , » 694 . 695 . . . « , 696 . 697 . . 698 . 699 , , 700 . , 701 , , » 702 , 703 . « 704 705 , , , , 706 , : » 707 , . 708 , - - 709 . , , 710 . « » ! - - 711 ! « . 712 » , - - 713 ! , , 714 , « , » , 715 , - - 716 - - , « 717 - - » ! « 718 719 , , , 720 , 721 , , 722 , . 723 ; 724 , , , 725 726 . , , 727 728 . , 729 . , , 730 . , 731 , 732 . , 733 , . 734 , . 735 . , 736 , , 737 . » , ! « 738 . » , ! « . 739 » , 740 . « . » 741 - - ? « , . » - - . 742 - - - - - - « 743 744 » , - - , , - - 745 ! « . , 746 . » 747 , - - « 748 , » : 749 ! - - 750 , , . 751 , 752 - - . « , - - » 753 - - « - - 754 , . - - 755 - - 756 , . » ! « 757 . , 758 - - 759 , , . 760 761 , 762 . , 763 , . 764 , . 765 - - - - 766 . 767 . - - 768 . - - , . - - 769 ? ! - - 770 : , , 771 . 772 , - - 773 774 , - - 775 ' - - 776 - - 777 - - - - 778 779 , - - 780 . - - - - 781 . . 782 , - - - - 783 . , 784 785 . . 786 787 . , 788 . » « - - 789 . 790 . . . 791 792 793 794 795 796 797 798 » ! « 799 , 800 ; » - - 801 , « - - , , 802 , . 803 804 » , , « 805 . 806 807 808 , , 809 . 810 811 , 812 , , 813 . 814 815 » , « ; 816 , , , 817 . , ! 818 819 , , 820 . 821 , 822 ; , 823 . 824 , , 825 , , , 826 . 827 828 » , , « . 829 . » 830 , « , » 831 , , , 832 . « , » 833 « , » « 834 , , 835 . 836 837 , , 838 , , 839 . , , 840 , 841 . . 842 . 843 - - . 844 845 » « , , » , 846 , . 847 848 . , 849 , 850 . 851 , 852 , 853 . . . « 854 855 . : 856 857 » ! , 858 , , 859 , : 860 . - 861 , - - 862 , 863 , , , 864 . . . « 865 866 , 867 . 868 : » 869 , ; , 870 , 871 . « . 872 , 873 . 874 875 » , , , - - « 876 877 . » - - - - 878 , « : » 879 , 880 . « 881 882 , 883 , . 884 885 , 886 887 . 888 , 889 890 , , 891 , , 892 . , 893 , 894 . , 895 . - 896 . 897 . 898 , , 899 , , 900 . 901 , 902 , . , , 903 , , , 904 . 905 , 906 ? ! 907 , 908 909 . 910 911 » , 912 913 - - , « . 914 915 . 916 : 917 , , 918 , , , 919 , . 920 , , 921 , , , 922 . 923 , : , , 924 925 , . 926 927 928 . , 929 , , 930 , , 931 , . 932 , - - , 933 . 934 , 935 , . » 936 , , « 937 . 938 939 , 940 941 , . 942 , , 943 , . , 944 , , 945 . 946 . 947 . 948 , , , 949 . 950 951 , 952 , . 953 , . 954 , . 955 956 » , , « , » 957 , , 958 . ? ! « 959 960 » , , « 961 . . 962 963 , . 964 , - - , 965 . , 966 , 967 , . 968 969 , . 970 , 971 , . 972 , 973 . , , 974 , 975 , 976 , , 977 , . 978 , 979 . 980 981 982 , 983 . » , 984 , « ; 985 , 986 , , . 987 , 988 : 989 , , 990 991 , 992 . , 993 ; 994 , 995 ; , , 996 , 997 , - - , 998 . 999 , 1000