»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns
heute seinen Besuch hat machen wollen,« sagte Papa. Alle waren
aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in
jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor.
Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein
von meinem Rasenplatz nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu
meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine
ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu legen.« Bei der förmlichen Anrede
sah ich erstaunt zu ihm auf.
»Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner erinnern,« antwortete
ich mit kaum verhülltem Spott.
Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saßen, -- die anderen
hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller Entfernung --,
erklärte er mir sein Verhalten. Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem
»Du« unserer Kindheit Abstand zu nehmen, »Sie kennen die Klatschmäuler
kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch mißzuverstehen,« hatte er
hinzugefügt. Er war ein schlechter Psychologe, der gute Papa! Er hätte
wissen müssen, daß dieses Verbot unseren Beziehungen die Harmlosigkeit
nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit aufdrückte. Wir kehrten ohne
Verabredung zum Du zurück, sobald wir allein waren, und redeten uns vor
anderen, belustigt über die Komödie, die wir den Dummen vorspielten,
»Durchlaucht« und »gnädigstes Fräulein« an.
Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in der wir geboren wurden,
hat eine geheimnisvolle Bedeutung für unser Leben. Nie fühle ich das
Dasein mit seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und Seligkeiten
so stark und tief, als wenn dem Himmel und der Erde Glutwellen
entströmen. Wie die Rosenknospe sich öffnet und sich bis zur Tiefe ihres
goldenen Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so öffnet sich dann
mein Herz.
An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel und wehenden Fahnen
Friedrich Franz II. und Anastasia, seine Gemahlin, durch die Straßen von
Schwerin zum Schloß. Am Abend desselben Tages, während der Mond hoch am
Himmel stand und das Märchenschloß in silberne Schleier hüllte, war der
ganze See von großen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen
geschmückten Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten schwangen sich die
Lichterketten, und Blumengirlanden schleiften im schimmernden Wasser.
Nur wenige Würdenträger waren an diesem Abend ins Schloß geladen, um von
den Terrassen des Burggartens aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir
gehörten dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten Gastes,
des Königs von Griechenland, attachiert worden war.
Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine Stimme hinter mir
flüsterte: »Komm mit.« Ich nahm den Arm, der sich mir bot, und fühlte
bebend den Druck, mit der er den meinen an sich preßte.
Versteckt zwischen den Rotdornbüschen lag drunten ein Boot. Es trug
keine Lichter, nur Kissen und Decken und zu Füßen der Sitze in hellen
Körben eine Fülle von Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang
und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer wurde. Wie ein Heer
von Glühwürmchen erschienen von hier aus die Lichter der Schiffe,
während der Mond groß und majestätisch zu uns hernieder sah.
»Frierst du, Alix?« -- Er zog die Ruder ein und hüllte mich knieend
fester in die Decken. Seine Hand, die meinen bloßen Arm berührte, war
heiß und zitterte, und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz,
der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, -- tief
und fest.
Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.
»Durchlaucht verzeihen -- die Herrschaften brechen auf --, darf ich
meine Hilfe anbieten?« Graf Waldburg wars, ein Regimentskamerad des
Prinzen, der rasch entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die
bunten Schiffe hineinruderte, wo wir -- zu dritt! -- von allen Seiten
gesehen wurden und mit unseren Rosen in die Blumenschlacht eingriffen;
zusammen erschienen wir im Burggarten in der Gesellschaft und erzählten
so harmlos als möglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.
»Ich danke Ihnen, Waldburg,« flüsterte Hellmut. Noch ein
Zusammenschlagen der Sporen, ein höflich-kühles Kopfneigen als Antwort
von mir, und ich schritt hinter den Eltern dem Wagen zu, der uns heim
brachte.
Wie lauter Träume folgten einander die Sommertage. Krachende, kurze
Gewitter schienen die sonst so schwere Luft Mecklenburgs immer wieder zu
zerstreuen; die Jugend wagte es plötzlich, jung zu sein, und die Alten
lächelten nachsichtig darüber.
Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten auf glattem
Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; wir spielten alte traute
Kinderspiele unter dem Schatten der Bäume; und, müde geworden, verloren
wir uns in den geschnittenen Buchengängen, vorbei an springenden
Wasserkünsten und verwitterten Götterbildern. Blind und taub für die
Welt um uns her, und doch wie gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des
Jahres, bewegten wir uns unter den Menschen.
Oft ging es in bekränzten Wagen weiter hinaus in die Wälder, oder an
einen der ferneren Seen, von denen jeder uns schöner dünkte als der
andere: der eine, weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte,
von freundlichen Dörfern rings umgeben, der andere, weil er einsam und
dunkel zwischen bewaldeten Hügeln lag. Oder wir ritten am taufrischen
Morgen mit verhängten Zügeln querfeldein, wo oft meilenweit kein Mensch
uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein stattlicher Gutshof
auftauchte, die ärmlichen Taglöhnerhäuser überragend, -- ein
verkleinertes Abbild von Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon
von weitem Kehrt zu machen.
»Sie fürchten sich wohl vor den Dorfkötern?« meinte bei solcher
Gelegenheit eine schnippische Freundin. »Das traut mir wohl keiner zu,«
antwortete ich, »aber ich schäme mich vor den armen Leuten.« Alles
lachte; nur Hellmut wandte sich mir zu und sagte: »Das würden die armen
Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, daß sie für uns nichts
empfinden als Neugierde und Bewunderung.«
»Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie mit Steinen nach uns
werfen,« entgegnete ich laut und drückte meiner Stute die Peitsche in
die Flanke, so daß sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber
blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kräftig in meine Zügel
und sagte, während seine hellen Augen mich übermütig anblitzten: »Wirst
du mir nicht davongehen, du Süße, Wilde!« Mein Groll war verflogen, --
daß ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, -- welch tiefe
Seligkeit war das!
Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinüber gerudert, dem stillen
Witwensitz der alten Großherzogin. Mit dem Dampfschiff war uns eine
große Gesellschaft vorausgefahren, lauter ältere und gesetzte
Angehörige, die zuweilen die Verpflichtung fühlten, uns Jugend zu
beschützen. Ich hielt das nie lange aus und war stets die erste, die
Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis zu verschwinden. Hellmut
benahm sich korrekter und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt
stand ich mit einem lachenden: »Wer kein Philister ist, folgt mir,« vom
Teetisch auf und ging hinunter an das Seeufer. Ein paar junge Herren
kamen mir nach, und empört über Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit
ihnen in erzwungner Lustigkeit.
Als wir in der Abenddämmerung zu Fuß heimkehrten, gesellte er sich
endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen,
die seinem sonst so guten Gesicht einen bösen Ausdruck verlieh. »Das
darfst du mir nicht wieder antun -- hörst du,« zischte er mich an und
eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. »Verzeih mir --,«
flüsterte ich, »aber warum hast du mich allein gelassen?« -- »Weißt du
nicht, daß ich alles nur um deinetwillen tue?« -- Ganz weich war seine
Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, die Worte waren
zu arm für die Fülle unseres Gefühls.
An einem anderen glühheißen Sommertag gab das Grenadier-Regiment ein
Fest im Jagdschloß von Friedrichstal. Heiß und ermattet vom Tanz und vom
Spiel, gingen wir alle zum Neumühler See herunter, wo die Buchen und
Birken über dem Uferweg dichte Lauben bilden. Allmählich zerstreute sich
die Menge hier- und dorthin; wir blieben nur zu fünfen beieinander, --
zwei Mädchen und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten Bucht
lagerten wir, und die Lust packte mich, die Füße im Wasser zu kühlen.
Meine Gefährtin errötete dunkel bei meiner Aufforderung, es mir nach zu
tun. »Du, das ist unpassend,« flüsterte sie mir leise zu. »Unpassend?«
wiederholte ich laut, »zeigst du vielleicht nicht deine Hände, deine
Arme, deinen Hals, -- warum nicht deine Füße?« -- »Bravo, bravo,«
applaudierte einer der Herren. Das stachelte mich auf, und keck von
einem zum anderen blickend, fuhr ich fort: »Soll ich euch sagen, was wir
alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? -- Wir schämen uns
nur unserer Häßlichkeit --« Damit hatte ich rasch Schuhe und Strümpfe
abgestreift.
Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, mich umzusehen, mein
Blick haftete auf meinen nackten Füßen, als sähe ich sie zum erstenmal,
-- sie waren so weiß, so schrecklich weiß! -- mir stieg das Blut bis in
die Stirne. Ich berührte scheu das Wasser mit den Zehen. »Es -- es ist
-- zu kalt,« brachte ich mühsam hervor und zog die Füße rasch unter die
Kleider. Ein Geräusch verriet mir, daß die Herren sich entfernten; die
Kleine neben mir, noch röter und verlegener als ich, half mir rasch beim
Anziehen und lief dann auch davon. Langsam erhob ich mich, -- die
Glieder waren mir schwer, -- da stand Hellmut vor mir -- ein paar
Schweißtropfen auf der Stirn und doch ganz blaß.
»Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, damit nichts und niemand
dir zu nahe treten kann, und du -- du gibst dich diesen -- diesen
Schurken preis,« kam es stockend über seine Lippen. Mir stürzten die
Tränen aus den Augen, -- doch schon hatten seine Arme mich umschlungen,
und sein Mund preßte sich auf den meinen, und die heißen, lang
zurückgedämmten Wogen der Leidenschaft schlugen über uns zusammen.
Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, -- ich weiß nichts mehr
davon. Ich weiß nur, daß ich am weit geöffneten Fenster saß und die
linde Nachtluft tief und langsam einsog, als hätte ich nie vorher die
Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, -- ein fester
Tritt, ein schleppender Säbel unterbrachen die Stille, ein lichtes Blau
schimmerte durch die Büsche des Gartens. »Alix --« klang es sehnsüchtig.
-- Und ich nahm die Rose, die mir noch zerdrückt im Gürtel hing und warf
sie in zwei geöffnete Hände.
Alles Denken war ausgelöscht in meinem Hirn, ich fühlte nur mit
gesteigerter Intensität. Morgens am Kaffeetisch umarmte ich zärtlich den
Vater, -- es fiel mir plötzlich schwer aufs Herz, daß ich seiner
rührenden Liebe stets so kühl begegnet war --. »Du hast ja schon in
aller Frühe illuminiert,« sagte er und streichelte mir halb erstaunt,
halb beglückt die Wangen. Schüchtern und schuldbewußt küßte ich der
Mutter die Hände, -- wie schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt!
-- ach, und wie ernst und verhärmt sah sie aus! Als aber das
Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf den Schoß und flüsterte in
ihr rosiges, von lauter Goldlöckchen umspieltes Ohr: »Du -- ich weiß was
ganz Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem grauen
Schloßzwerg, bis er vor lauter Atemnot auf den Rasen plumpste. Ich
glaub' immer, da liegt er noch und schnarcht, und die Nixen haben vor
Lachen den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell hinaus, -- am Ende
sehn wir sie noch!« Sie jubelte hell auf vor Freude, und richtig, --
zehn Minuten später waren wir unten am See.
Klein-Ilschen suchte -- ich aber war still und ernst geworden und sah
hinüber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte das Glück, das mir dort
begegnet war, auch nur ein nächtlicher Spuk gewesen sein? -- Wir fanden
die Nixen nicht -- Klein-Ilschen war böse. Wie wir langsam heimwärts
gingen, kam ein Reiter uns entgegen, -- ich wagte kaum aufzusehen. Doch
schon war er neben mir und hielt den Fuchs am Zügel. »Willst du reiten,
Kleine?« sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft Pferde
waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, unsere Augen aber
versenkten sich ineinander, tief, immer tiefer, -- bis sie Gewißheit
hatten und auch im fernsten Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden
als nur das eigene Bild.
»Die Nixen waren weg,« sagte das Schwesterchen zu Hause zu Mama, »aber
Prinz Hellmut ließ mich reiten!«
»Prinz Hellmut?!« Ein rascher mißtrauischer Blick streifte mich. Ich
wandte mich zu den Fenstern und ordnete eifrig die vielen kleinen
Lichter zur abendlichen Illumination.
Der Großherzogin Geburtstag war heute; mit dem prächtigsten und zugleich
dem letzten Fest dieses Sommers sollte er gefeiert werden. Verwandte und
Freunde des Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze Adel
Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. Stundenlang rollten auch vor
unserem Hause die Wagen, und die Besucher kamen und gingen;
Staatsvisiten waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter.
Im weißen Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Gürtel, stand ich im
Salon, neigte mich vorschriftsmäßig über die Hände der Damen und senkte
den Kopf vor den Herren. Was mich sonst ermüdete, machte mich heute
froh, denn mit geschärften Augen sah ich die Menge der bewundernden
Blicke. Wie ich mich dann am späten Nachmittag vor der Abfahrt zum
Schloß im Spiegel sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton
gedämpft durch goldgestickten Tüll schimmerte, -- Rosen auf der langen
Schleppe verstreut und Rosen in den dunkeln Locken --, da war ich
zufrieden.
Dicht gedrängt standen die Menschen auf der Schloßbrücke, wo die Wagen
nur Schritt vor Schritt vorwärts kamen. »Alix von Kleve« -- »Alix von
Kleve« ging es flüsternd von Mund zu Mund. Dankbar lächelnd neigte ich
mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. Auf den schwarzen
Marmorstufen der großen Treppe, in deren tiefem Dunkel das Gold des
Geländers und der Säulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten
Rock und die Läufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumenstrauß über den
Stirnen. Und droben in den Vorzimmern gleißte und glänzte es von
goldgestickten Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen.
Wir wurden zu unseren Plätzen gewiesen. In der Ahnengalerie stand die
Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster über den See hinaus und rührte
mich nicht. Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war ich hier,
als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, als auf ihn? Die Musik im
Thronsaal neben uns intonierte den »Einzug der Gäste« auf der Wartburg,
drei schwere Schläge mit dem Hofmarschallstab kündigten das Nahen der
Herrschaften an. Ich erwachte aus meinen Träumen. Ein Rauschen ab und
auf: wir versanken in unseren Kleidern und tauchten wieder auf -- wie
eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick haftete sekundenlang auf dem
Herrscherpaar, das langsam durch unsere Reihen schritt: der schlanke
Mann mit dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten
Schädel, darunter ein Antlitz von jener blaß-grauen Farbe, die das
Morphium allmählich auf die Haut seiner Opfer malt, zwei fiebrig
glänzende Augen darin und zwei Lippen, zu jenem wehmütig-freundlichem
Lächeln verzogen, mit dem die früh vom Tode Gezeichneten die Jugend
grüßen. Neben ihm das Weib: um den üppig-schlanken Leib schmiegte sich
ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, auf dem hoch erhobenen dunkeln
Kopf trug sie stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wölbten sich die
Lippen über den kleinen weißen Raubtierzähnen, und ein gieriges Leuchten
wie von heißem Lebenshunger tauchte in ihren wunderschönen Augen auf.
Über uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, -- sie war
mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber wallte das Mitleid auf -- mit
dem Mann und mit der Frau.
Dann kam der König von Griechenland, -- wie die meisten Könige: kein
König. Und dann die Königin, -- weich und licht und holdselig, wie die
guten Feen aus den Märchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. --
Aber ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus war Hellmut zu mir
getreten.
In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern saßen wir zu vier um den
rosengeschmückten Tisch: Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut,
die kleine Komteß Lantheim. Wir aßen nicht viel, aber unsere Gläser
klangen immer wieder aneinander, und prickelnd floß der eisige Sekt
durch unsere Kehlen. Leise und schmeichelnd tönte von fern die Musik.
Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut des Abendhimmels
hineinströmte, während viele hunderte flammender Kerzen alle Wände und
Pfeiler aufleuchten ließen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch
fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem Rhythmus klang die
süße Walzerweise der »Schönen blauen Donau« von der Estrade.
Ich lag in seinem Arm, und die Töne schienen uns zu tragen. »Alix -- ich
liebe dich,« hauchte mir im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins
Ohr -- »verzehrend lieb ich dich -- ich laß dich nicht los -- nie --
nimmermehr --« Sein heißer Atem berührte mich wie ein zärtlich kosender
Kuß, und meine Haare wehten um seine Wangen.
»Durchlaucht -- Galopp -- wenn ich bitten darf!« hörten wir plötzlich
neben uns sagen. Aufatmend standen wir still, -- wir hatten wirklich das
strenge höfische Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat
der Kammerherr der Großherzogin auf uns zu: »Ihre Königliche Hoheit
befehlen --«
»Mich auch?« frug Hellmut. Er senkte bejahend den Kopf, während ein
leises malitiöses Lächeln seine Lippen kräuselte. Sollte die schöne
Fürstin so konventionell sein und unser Vergehen gar noch persönlich
rügen wollen?
»Sie tanzen bezaubernd, -- ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein von
Kleve!« sagte sie laut, als ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die
Lippen zog. »Die mecklenburger Damen können sich ein Beispiel nehmen!«
Die Umstehenden horchten hoch auf.
»Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber Prinz, den man offenbar
nur verbietet, weil man ihn zu tanzen nicht versteht.«
Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um uns. Und wir tanzten.
Aber ich fühlte die vielen musternden, neidischen, feindseligen Blicke,
die mich betasteten, wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, wie
mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich -- fester, immer fester
lehnte ich mich in Hellmuts Arm -- er trug mich mehr, als daß ich
tanzte.
»Führen Sie Ihre Tänzerin auf die Terrasse, -- das wird ihr gut tun --«
sagte die Großherzogin, als ich mich blaß und zitternd wieder verbeugte.
Ein Ton war in ihrer Stimme, der mich auffahren ließ, -- hatte sie unser
Geheimnis erraten?
Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten die Terrasse und den
Burggarten, plaudernde Gruppen standen ringsumher. Wir aber suchten die
Nacht und die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weißen Blüten
übersäter Strauch an die dunkle Mauer, und ein schwerer süßer Duft
breitete sich rings um ihn. Jasmin -- meine Blume!
Weißt du noch, Hellmut, wie du übermütig in die Zweige griffst und ein
Regen schneeiger Blätter mir auf Schultern und Haare fiel? und wie sie
matt zu Boden taumelten vor dem heißen Hauch deines Mundes? Du preßtest
mich wild an dein Herz, daß der Atem mir stockte, -- du hättest mich
morden können in jener Nacht, -- mit einem Liebesblick hätt ich es dir
vergolten. »Warum sagst du mir nicht, daß du mich liebst -- warum bist
du so still?« frugst du, und ich seufzte, den Arm fest um deinen Hals:
»Ich kann dirs nicht sagen -- ich kann nicht -- ich liebe dich viel --
viel zu sehr!«
Droben tanzten sie wieder -- wir sahen die Paare hinter den hellen
Fenstern vorüberschweben --, und eine Melodie verirrte sich zuweilen bis
zu uns. Wie mit kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die
plätschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen Baumwipfeln des
Parks klang hie und da ein verträumtes Vogelzwitschern. Immer
verzehrender glühten unsere Augen ineinander, verlangender,
sehnsüchtiger wurden unsere Küsse.
Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern.
»Wir müssen hinauf« -- sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort,
während wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns
trennen -- mein Dienst ist morgen zu Ende --«
»Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich mühsam, -- es
würgte mir am Halse.
»Im Herbst erst sehen wir uns wieder --«
»Das ertrag ich nicht -- --«
»Ich sterbe vor Sehnsucht --« Und noch einmal zogst du mich an dich, und
aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust.
»Weine nicht, Liebling, weine nicht, -- für ein ganzes Leben voll Liebe,
das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nächsten Wochen am Ende nicht
zu groß,« versuchtest du uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße
Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. --
* * * * *
Wir fuhren nach Karlsbad, -- Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit
einem großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. »Wir« sage ich, --
aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild.
Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein
Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln Chorgestühl eines hochragenden
Doms, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in
mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den
Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden
Weihrauchs ...
Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm
von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz
andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und
ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich
Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens,
das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen.
* * * * *
Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der
Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns Erzählungen«, -- jenes geniale
Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des
Zauberers, dem es galt, -- gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur
Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge -- ich
war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden --, als die
ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die
Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden
worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im
ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht
nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines
einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, -- ein
Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen
Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie
nichts vollkommen Irdisches.
Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der
Bogenvorhang sich teilte, -- ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der
erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester -- ein Stuhl
wurde zur Seite gerückt -- »Alix!« hörte ich Hellmuts Stimme hinter
mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken.
»Schöne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille mein Verlangen!« tönte es von
der Bühne dicht vor uns; ausgestreckt auf Decken und Fellen lag die
schöne Guiletta vor ihren Anbetern; ihre nackten Arme und ihre bloßen
Schultern leuchteten im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strömte mir zum
Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von einer Melodie
durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetörender nicht zum zweitenmal
vorkommt, wurde die Luft immer schwüler um uns. Kaum daß wir uns im
hellen Licht des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um
konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. Hellmuts Uniform
verriet seine Anwesenheit auch im Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und
Operngläser richteten sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Köpfe
zueinander.
Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. »Sie entfloh --
die Taube so minnig« sang der blassen Antonia weiche Stimme. Seltsam --
kein Zweifel -- sie sah mir ähnlich: der gelbliche Ton der Haut, die
dunkeln Locken. Mich fröstelte. O -- und als dann der gespenstische Arzt
erschien mit der hageren Gestalt, dem glatten Totenschädel und den
klirrenden Flaschen in den Händen -- -- »Mir ist nicht ganz wohl!«
flüsterte ich und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt
meinen vorzeitigen Aufbruch nur für einen Vorwand. Während er mir den
Mantel um die Schultern legte, flüsterte er mir zu: »Ich war bei Mama --
ein bißchen Tränen hats ihr gekostet --, aber schließlich fand sie sich
ins Unabänderliche. Wir dürfen hoffen, Liebling! -- Hier alles Nähere,«
er drückte mir ein Papier in die Hand und führte mich bis zum Wagen;
schon zogen die Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite
noch einmal öffnete, -- mit einem raschen Sprung war er neben mir und
ich in seinen Armen, -- einen Augenblick nur, einen kurzen,
glückseligen. An der nächsten Straßenbiegung verschwand er ebenso, wie
er gekommen war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, öffnete
ich seinen Brief.
»Mein süßer Liebling,« schrieb er, »die Wochen ohne Dich waren eine
gräßliche Fastenzeit. Zum zweitenmal ertrage ich so etwas nicht. Das
habe ich auch Mama gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert --
begreifst Du solche Anhänglichkeit, Du Einzigste?! --, so hat sie meine
Drohung toternst genommen. Sie wird in den nächsten Tagen Tante Brigitte
Sonderburg, ihre verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie
bei ihr das nötige Kleingeld zusammenscharren kann; bei Vetter Georg,
dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas eigne Kasse ist völlig
schwindsüchtig. Ich schäme mich, Dir so was schreiben zu müssen, meine
holde, kleine Göttin Du, und doch mußt Du wissen, warum ich immer noch
nicht in Helm und Schärpe antrete. Meine Zulage reicht kaum für mich,
der ich das Unglück habe, ein Prinz zu sein, und diese Würde täglich mit
barer Münze bezahlen muß. Aber trotz alledem muß es werden, und ich
träume schon jede Nacht von dem weichen Nest, das ich für mein
Prinzeßchen -- viel, viel mehr Prinzeßchen, als alle Ebenbürtigen
zusammengenommen! -- erobern werde!
Verlobte schicken einander immer briefliche Küsse. Das finde ich fad.
Aber holen tu ich sie mir bei allernächster Gelegenheit für die langen
sechs Wochen, die Du sie mir schuldig bliebst. Hüte Dich beizeiten, daß
Du nicht daran erstickst ...«
Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner Reifen um meine
Stirn. »Der Weg zur Ehe geht durch die Kirche« pflegte Mama zu sagen, --
aber stand nicht ein goldener Götze am Altar, statt des Priesters?
Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende Sehnsucht
durchwühlte mich wie eine Krankheit. Jeder Händedruck schien mir die
Haut zu versengen. Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu
heimlichen Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball bei der
Großherzogin-Mutter eröffnete ihn endlich. Sie hatte es allen Warnungen
zum Trotz durchgesetzt, daß er in ihrem Palais stattfand, dessen
Tanzsaal erst vor jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mußte.
Diesmal, so erzählte man sich, habe sie schon recht bedenklich den Kopf
geschüttelt. Als wir kamen, fiel mein erster Blick auf Hellmut, der mit
zusammengezognen Brauen, blaß und finster, allein in einer Fensternische
stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen und Begrüßungen und
stereotypen Phrasen erledigt hatte und meine Hand in der seinen ruhte.
»Ich habe Nachricht von Mama,« preßte er mühsam hervor, »Tante Brigitte
hat rundweg abgelehnt. Für dumme Streiche hätte sie kein Geld!«
Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe Leuchten über seine Züge,
gepaart mit einem neuen Ausdruck starker Energie: »Sei nicht furchtsam,
Liebling; du weißt: und wenn ich mich dafür dem Teufel verschreiben
sollte, -- du wirst mein!«
Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an Wunder; und sie
ist sich selbst genug und vergißt darüber die Welt. Es war eine
stürmische Saison damals, -- kaum ein Tag verging ohne ein Diner, einen
Ball, eine Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht anders
ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust zurück. Er verlor
allmählich die gesunde Farbe, aber wenn ich ihn angstvoll um sein
Ergehen frug, lachte er. Wir wurden immer kühner und immer
erfinderischer, um uns allein sehen zu können, und die fremdesten
Menschen halfen uns dabei: sie zogen sich zurück, wenn wir ins Zimmer
traten, sie vertieften sich in ein Gespräch, wenn wir am gleichen Tische
saßen, sie mäßigten das Tempo ihres Laufs, wenn sie auf der weiten
Eisfläche des Schweriner Sees in unsere Nähe kamen. Daß die Mädchen mich
mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und da freilich fing ich ein
hämisches Lächeln auf, ein vieldeutiges Augenzwinkern, oder hörte mit
halbem Ohr, wie es um mich her raunte und flüsterte. Aber ich dachte
darüber nicht nach. Ich vegetierte überhaupt nur noch, und lebte allein,
wenn er um mich war.
In diesem Winter wußte ich erst, was Tanzen ist: keine Bewegung, in der
wir nach Vorschrift die Füße so oder so setzen, kein harmlos-kindliches
Vergnügen aus reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, -- Liebe
ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei Menschen zu
Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, um die Sehnsucht zu steigern
und sie um so glühender wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und
kokettiert -- sich demütig neigt und siegesbewußt aufrichtet -- die mit
den anderen lächelt, sich ihnen vorübergehend hingibt, nur um des einen,
des Geliebten Glut zu loderndem Feuer zu entfachen.
Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hörte sie
bis in meine Träume.
Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, -- der Tanz, in dem sich
die ganze graziöse Sündhaftigkeit und künstlerisch verklärte Erotik
seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand,
sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend über den Hüften, zum
Umspannen schmal in der Taille, mit langen höfischen Schleppen. Rosen
und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen
meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre schlangen sich mir
um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schönpflästerchen am
Mundwinkel und eins auf der Brust, -- so traf ich im Vorzimmer am Abend
des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, -- so hatte
ich die ebenmäßige Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie
jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein
Gesicht blieb ernst.
»Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während wir uns nach
Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. »Ist nicht
die gleißende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?«
»Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der Welt!« antwortete
ich und lehnte den Kopf zurück, um über die Schulter hinweg ihn selig
anzulächeln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl.
»Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist!« gab er zurück
und beugte das Knie in bittender Gebärde zu dem lang gezognen
Sehnsuchtston der Musik.
Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschränkten Armen an
einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorüberkam, fühlte ich seinen
Blick.
»Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er mich an, als mein
Tänzer mich verlassen hatte, -- er vermochte seiner Erregung kaum Herr
zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens
klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht tust, um was ich
dich bitte, -- ich halts einfach nicht aus, daß jeder Schmutzfink dich
im Arm hält und seine frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.«
Ich fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, und um
keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir
in der Garderobe eine aus Taschentüchern improvisierte Bandage um den
»verstauchten« Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte.
Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal
drängte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saßen die Älteren an den
Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten,
phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher brannten. Wir
standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmär,
die hier im Schloß der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den
Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder
im rosigen Schein gedämpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu
atmen, an den sein Haupt sich zärtlich lehnte.
Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne Nacht -- o
Liebesnacht -- o stille das Verlangen --« klang es leise -- sehnsüchtig.
Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander
geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte
ich ein unterdrücktes Gelächter, -- aber im nächsten Augenblick vergaß
ich es wieder.
Wir tanzten, -- waren wir nicht allein auf mondheller Wiese, von Palmen
umrauscht und großen, weißen Blumen umgeben, aus deren Goldkelch
betäubende Düfte strömten? Wir tanzten, -- wars nicht ein Schaukeln auf
kristallhellen Fluten, -- sahen wir nicht bis zum Grund, wo die
blendenden Leiber nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder
tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehört, ihren roten
Lippen entströmten? -- Mein Herzschlag stockte -- auf den nächsten Stuhl
sank ich schwindelnd zurück, zu meinen Füßen brach der Geliebte
zusammen, den blonden Kopf vergraben in meinem Schoß ...
»Oh, la marquise Pompadour,
Elle connait l'amour
Et toutes ses tendresses,
La plus belle des maitresses« --
sang plötzlich eine krähende Sopranstimme hinter uns. Hellmut sprang auf
und griff instinktiv an den zierlichen Galanteriedegen, der ihm an der
Seite hing.
»Verdammt --« knirschte er, -- es war eine leere Scheide, die er in der
Hand hielt. Wir hörten noch ein Rascheln und Raunen und das ferne
Schlagen einer Tür, dann wars still.
»Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, wenns nicht anders
ist, zu Georg. Ich muß ein Ende machen -- so oder so!« flüsterte er mir
zu, ehe wir den Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; --
wir verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die meisten Menschen
zusammendrängten, trat Hellmut an meinen Vater heran: »Darf ich mich
gleich heute für die nächsten Wochen verabschieden, Herr General,« --
sagte er sehr laut und förmlich -- »mein Vetter, Herzog Georg, wünscht
meine Anwesenheit bei den Hofbällen.« -- »Reisen Sie glücklich,«
antwortete mein Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei
aufatmete. »Amüsieren Sie sich gut« -- brachte ich mühsam hervor und
legte meine kalten Finger flüchtig in die seinen.
Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in den nächsten Wochen
aufrecht zu halten. Ich fehlte in keiner Gesellschaft, auf keinem Ball;
keine tanzte so unermüdlich wie ich, an keinem andern Tisch wurde so
viel Sekt getrunken wie an dem meinen.
Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. Er machte in den Pausen
mit großem Eifer Propaganda für eine Schlittenpartie, die mit einem
Diner im Hotel enden sollte. »Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet Sie
um die Ehre, Sie fahren zu dürfen,« wandte er sich an mich. Als ich
fragend zu ihm aufsah, zuckte er die Achseln und sagte, nur für mich
hörbar: »Durchlaucht haben mir nichts weiter mitgeteilt, als daß ich
rasch für eine Gelegenheit zu längerer Aussprache sorgen möchte.«
Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis
zum Unerträglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau
bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen über den Seen.
Mit hellem Schellengeläut erschien trotzdem am festgesetzten Tage
Hellmuts Schlitten vor unserer Tür, -- eine winzige mit Pelzen dicht
ausgefütterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden
stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte
mir alles -- ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. »Also um
fünf Uhr pünktlich im Hotel!« rief er noch freundlich, dann flogen wir
davon.
»Georg hat mich ausgelacht -- Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu
versichern: für ein vernünftiges Verhältnis hätte sie Geld -- für eine
dumme Ehe nicht!« Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. »Was meinst du,
wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz direkt auf den See
führen, -- der hält uns nicht lange!«
Ich packte ihn entsetzt am Arm. »Nein, Hellmut, nein,« flehte ich, »wir
haben ja noch gar nicht gelebt!« Der Fanatismus des Daseins durchglühte
mich -- so sterben -- so -- nein! Und wie eine Erleuchtung kam es über
mich: Tante Klotilde, -- sie mußte und konnte helfen. Mit schmetternden
Fanfaren begrüßte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen
von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und uns
fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt
durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte!
Wie wir den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit Millionen
winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden wir keinen Zweifel mehr an
der wieder erwachten Sonne unseres Glücks.
Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen Fahrt ins Hotel,
uns, die wir ihnen weit voran gewesen waren und doch als letzte
zurückkehrten, war glühheiß. Noch lange saßen wir zusammen; die vielen
Gänge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer einsilbiger wurden, das
langsame Servieren, das jeden Nichtmecklenburger immer ungeduldiger
machte, -- wir merkten es nicht. Für uns wars viel zu früh, als es galt,
Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, im rieselnden Regen,
umschloß eine kräftige Hand noch einmal die meine, und spitze Nägel
gruben sich mir ins Fleisch.
Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. Mein ganzes Herz
schüttete ich ihr aus; mit all meiner Hoffnung klammerte ich mich an
sie; jede Seite ihres Wesens suchte ich zu rühren.
Wenige Tage später wurde ich zu ungewohnter Stunde zu meinem Vater
gerufen. Hochrot im Gesicht, mit meinem Brief in der Hand, trat er mir
entgegen. Mama saß vor Schrecken totenblaß im Lehnstuhl. Es gab eine
unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir seine Zärtlichkeit nie
genug zeigen konnte, war jetzt kein Wort zu verletzend, um mich zu
beschimpfen. Ich stand vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut
einen Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen gegen ihn
ausstieß, kam ich zu mir. »Das duld' ich nicht, daß du seine Ehre
angreifst,« rief ich und trat ihm dicht unter die Augen, »schlag doch
mit Fäusten auf mich, wenn du willst, aber ihn -- ihn darfst du nicht
anrühren.« Papa sah mich groß an, wandte sich ab und stöhnte qualvoll.
Das ertrug ich nicht mehr. Weinend warf ich mich ihm zu Füßen. »Papachen
-- hab' doch Mitleid mit mir -- mein Unglück ist doch schon groß genug«,
schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die mich fast geschlagen hätte, hob
mich empor. »Mein armes, armes Kind,« sagte er, und mit dem Ausdruck
eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.
Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hörte ich ihre ruhige kühle
Stimme wie von weit, weit her. Sie las den Brief der Tante vor, ich
verstand ihn kaum, nur die Worte »Pflicht«, »Opfer«, »Ehrgefühl«
wiederholten sich, wie es schien, häufig. »Alix wird,« so schloß er
ungefähr, »durch diese Erfahrung klug werden und ihre zügellosen
Leidenschaften bändigen lernen. Unser ganzes Leben ist Entsagung und
Pflichterfüllung ...« Ich lachte gellend auf bei dieser schönen Tirade,
um gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. Papa trug
mich in mein Bett. Meine Mutter verließ mich von da an keine Minute.
Gegen Abend ließ sie mich aufstehen. Kaum auf den Füßen konnt ich mich
halten, und vor Schmerzen hätte ich am liebsten geschrien, aber meine
Willenskraft war stärker als alles. Ich vermochte es sogar, meinen Vater
dankbar anzulächeln, als er mir mitteilte, er habe »die schwere Aufgabe
auf sich genommen, den Prinzen über den Ausgang der traurigen
Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.«
Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, hörte ich,
mit meinen fieberhaft geschärften Sinnen, Mama zu ihm sagen: »Ich kenne
Alix genug, um keine ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen
sind, -- es gab immer irgend eine mehr oder weniger fatale
Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit mitspricht, sieht
die Sache erheblicher aus.« »Aber du sahst sie doch! -- Eine solche
Verzweiflung läßt das Äußerste fürchten!« wandte mein Vater ein.
»Vertraue mir, lieber Hans -- du siehst sie immer wie in einem goldnen
Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr nüchternen und klaren Augen
behalten,« antwortete Mama, »wir haben jetzt nichts zu tun, als zu
verhüten, daß sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert --
alles andre überlasse ruhig der Zeit und --,« fügte sie mit einem halben
Lachen hinzu -- »dem nächsten Mann!«
Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich benahm mich, ihren Worten
entsprechend, während ich zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die
Ausführung eines Planes ging, der vom ersten Augenblick an, da ich von
der Ablehnung der Tante erfahren hatte, für mich fest stand. Ich ließ
mir zur Gutenacht die Stirn küssen und legte mich ruhig nieder; daß Mama
noch einmal kommen und nach mir sehen würde, wußte ich, und wartete, bis
sie zurück in ihr Schlafzimmer ging und jeder Ton im Hause erstorben
war. Dann stand ich auf, zog mich sorgfältig an, packte das Nötigste in
eine bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem Atem die
Treppe hinunter. Die Haustür knarrte nicht einmal, als ich sie
aufschloß. Es regnete in Strömen, kein Mensch war zu hören, noch zu
sehen. Ich wartete in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt
mir entgegen klang, ein schleppender Säbel auf das Pflaster taktmäßig
aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom Fenster aus ein verabredetes
Zeichen erwartend, in den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er fuhr
zurück, als er mich vor sich sah. Es bedurfte nicht vieler Worte
zwischen uns. Aber was ich gleichgültig, mit einer ganz fremden ruhigen
Stimme erzählte, das erschütterte ihn so, daß er sich schwer auf meine
Schulter lehnen mußte. »Ich kann dich nicht lassen, Alix!« stöhnte er
immer wieder. »Das sollst du auch nicht, Hellmut!« antwortete ich fest.
»Da uns zum Ehebund der Goldsegen fehlt, schließen wir ihn unter dem
Segen der Liebe.« Mit weit geöffneten Augen sah er mich an. »Du wolltest
--?« klang es fragend, zögernd. »Deine Geliebte werden -- ja.
Selbstverständlich muß ich Schwerin sofort verlassen -- -- --«
»Alix, du fieberst -- du weißt ja gar nicht, was du sagst, -- das ist ja
heller Wahnsinn!« rief er. Ich fühlte plötzlich, wie die feuchte Kälte
der Nacht von den Fußsohlen an langsam an mir emporkroch. »Ich bin nicht
wahnsinnig, Liebster --« sagte ich weich und drückte seine Hand zärtlich
an meine Wange, »ganz im Gegenteil: ich will die wahnsinnige Weltordnung
für mein Teil vernünftig machen! -- Nun laß uns nicht länger hier
stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend eine kleine Station
wird sich mit deinem Wagen doch noch erreichen lassen, wo ich den ersten
Morgenzug erwarten kann --.« Er trat einen Schritt zurück, -- »Mach mich
doch nicht zum Schurken -- Alix« -- er packte mich am Arm und schüttelte
mich, als wolle er mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich --
während der Regen mir ins Antlitz peitschte -- und die letzten Laternen
erloschen, kam es mit grausamer Klarheit über mich. »Hellmut!« rief ich
noch einmal und breitete die Arme aus. Er stürzte auf mich zu, bedeckte
mir Mund und Augen und Wangen und Hände mit wilden Küssen -- und
verschwand, wie von Furien gepeitscht, in der dunkeln Allee.
Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann strich ich mechanisch
mit den Händen über den nassen Mantel. Ich mußte mich vergewissern, wer
das eigentlich war, der hier draußen im Regen stand. Auch an die Stelle
griff ich, wo mir das Herz noch eben wild geschlagen hatte. Es war wohl
nicht mehr da -- es war wohl tot -- oder am Ende in den Schmutz
gefallen. Ganz ängstlich sah ich in die schwarzen Pfützen zu meinen
Füßen. Jetzt müßt ich eigentlich schlafen gehn -- fuhr es mir durch den
Kopf. -- Gott, war das Täschchen schwer und der nasse Mantel. -- Ob ich
mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! -- Nach ein paar Schritten
stockte mein Fuß: nein, das ging nicht, ringsumher standen schrecklich
viele Menschen und starrten mich an. Und dann rissen sie alle den Mund
weit auf, und von allen Ecken dröhnte und kreischte es --
Oh, la marquise Pompadour --
Elle connait l'amour --
Et toutes ces tendresses --
La plus belle des maîtresses -- --
Ich floh die Stufen empor, -- riß die Türe auf und setzte mich erschöpft
auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Händen und Füßen -- wie
Würmer. Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. Und
plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -- Alix Kleve -- hier in
triefenden Kleidern auf dem Bette saß. Ein Grauen überfiel mich, als
wäre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen
Weltraum. Die Sinne vergingen mir.
Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald
darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« -- selbst bei der
Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden
gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.
Elftes Kapitel
»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem
Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille
einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf
ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend,
halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.
»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit
vollkommener Ruhe.
An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein
liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße
auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am
offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit
einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels
das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von
mir.
»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich
hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als
ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!
Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich
verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen
Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu
frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte
schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz
einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang,
fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich
in Empfang nahm.
»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich
überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier
behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller
Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich
zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten
Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu
machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach
Königsberg saß.
Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die
das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie
mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern,
hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme
gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden.
Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von
Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.
»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es
für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen.
Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem
Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so
hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die
höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest
Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und
Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern
zugrunde richten willst ...«
Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete:
»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den
Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am
eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die
Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion
in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine
ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch
beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um
meine Familie zu erhalten ...«
Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu
lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße
Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern
ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm
erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen
helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte
förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch
nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.
»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --«
so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner
Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle
Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen
solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke
nichts taugen.«
Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später
klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab.
Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht
schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe
spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden.
Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie
eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf
erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend,
während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen
erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder
putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige
Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel
Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale
Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren
rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten
mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an
triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit
Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen
stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf
demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende,
führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir
die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas
nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren
und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und
wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer
wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers
beklagen kamen.
»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche
Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige
Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama.
Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher
Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen
uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen
Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend
Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen.
Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und
brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten
Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben
Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn
vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter
obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war.
Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste
streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und
Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem
stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der
Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen.
Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu
verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von
Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu
erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das
hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war
seine Antwort gewesen.
Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen
und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken
trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die
kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau
saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte
aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein
Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als
im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der
Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die
Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn
sie hier in die Türe trat.
Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein
überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun
von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich.
Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.
»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene
eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr
verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«
»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete
sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des
Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor
mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten
sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd
vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der
Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger
Vergeltung, war mir verloren gegangen.
Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen
Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn
regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich
langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das
ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten,
sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht
seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so
Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir
komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der
Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs
mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.
Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze
gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten
richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von
Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder
Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug
war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir
selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten
Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie
nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische
Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches
eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger
gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren
ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind
gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles
Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren
Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde
führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein
Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die
kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis
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