Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn
gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte
mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so
sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin,
mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen
heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich
jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige
Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.
Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der alte Turm, um den
die gelben Blätter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und
ohne ein anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit
darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete
mich; sie hatte schon längst mit den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum
letzten »Erziehungsschliff« anvertraut werden sollte. Mir war es ganz
gleichgültig, wohin ich ging.
Sechstes Kapitel
Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg
ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.
Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter
dem großen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken üppig
hervor, stahlblau glänzten ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie
war ich mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. Als
unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst als öde Sandwüste
gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem
bunten Laub seiner Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.
Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren Hause ging es, -- vor
einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, öffneten
sich vielmehr die breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten
Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, das in seiner
lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es
noch nicht gesehen, aber genug davon gehört, denn mein Vater war gar
nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das alte
Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den
Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit
großen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre von Schönheit
und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger
Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Fülle von
exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der die
vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf
die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch
hier Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel weiter noch als
von der Warthe bis zum Lech fühlte ich mich fern von all den Sorgen des
Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich
niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter
schöner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines
Betts.
Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin wünschen, daß das
gnädige Fräulein früh aufsteht,« sagte die Jungfer. Nicht wenig
erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen
trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen aus der
Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück zu warten hatte.
Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Absätze
und Rauschen seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines
Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie schaust du denn
aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der
Hochzeitsreise.« Tief gekränkt biß ich mir auf die Lippen; ich war so
stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater
geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theatertoilette nicht mehr
anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, während sie sich setzte und
die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.
»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden Frage begann
sie aufs neue ein Gespräch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen
hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört zu haben. In diesem
eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft männlichen
und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! »Es ist doch
selbstverständlich, daß ich für dich keine Kammerjungfer halten werde.
Außer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß
vor dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen blieben mir im
Halse stecken, -- so etwas hätte ich mir niemals träumen lassen! Aber es
kam noch besser: aus Schränken und Schubladen wurden meine Sachen
herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der
Tante; und meine Art, die Dinge einzuräumen, erklärte sie für skandalös.
Dann forderte sie den Schlüssel zum Schreibtisch -- »ein Kind hat nichts
zu verschließen« -- und geriet in helle Empörung über meine poetischen
Manuskripte, die sie durchstöberte, und meine Lieblingsbücher, von denen
ich mich nicht hatte trennen wollen.
»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann meine Zeit und meine
Kräfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu
einem anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor Aufregung, aber
kein Wort kam über meine Lippen, -- das einzige, was ich durch die
Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die
Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich
nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, kam die Verzweiflung
über mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die
Möglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich
morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Ränder um meine Augen, so
erregte das den heftigsten Zorn der Tante, -- »ein junges Ding hat
frisch und rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl
nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt
in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewöhnte ich
mich rasch an die große Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte
ich dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten worden wäre: wenn
an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie über jede Leiste in meinem
Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig
gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig ausgereckt in der
Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide
entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich
Strümpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern
aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und gelesen. Dadurch erfuhr
sie, daß ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist
sehr traurig, daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt
werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« hatte sie mir
daraufhin geschrieben; höhnend las die Tante mir die Stelle vor und
erklärte dann: »Ich verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit
deinen Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer Hochmut
heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich einsiehst, wie viel dir
noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ
nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete
möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die
musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang quälte
ich mich täglich am Klavier; englische und französische
Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nähunterricht ab.
Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten
Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der
Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und
schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand ich
sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer
verwunschenen Prinzessin.
Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der
Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber war: eine grenzenlose, von
allen Menschen, die sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit.
Wie ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage und ihre
Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte -- am
Maßstab Augsburgs gemessen -- die vollendetste junge Dame sein. Es
gehörte eine intensive geistige und körperliche Umwandlung hierzu, um
dieses Ziel zu erreichen.
Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den
alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner Auffassung
von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und
politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen
Geringschätzung jeden Berufs, der außerhalb der Laufbahn des
Gutsbesitzers, des Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten
lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und
dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor
bürgerlichen Berufssphären angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren der
preußischen Junker wider Heiden und Türken kämpften, handelte der
Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der
Welfer nach Westindien, saßen die ersten Stettens in der
Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich und Forster
und Schätzler -- Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts -- als zu
sich gehörig, während der Offizier als solcher ebensowenig eine
gesellschaftliche Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.
So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen
Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische
gewesen waren und hier ausschließlich großindustrielle. Die
verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute
Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der
politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse
für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der
Allgemeinen Zeitung und den Männern, die durch sie nach Augsburg kamen,
stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens
von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel
des größeren oder geringeren Amüsements; in Augsburg gehörte es zum
guten Ton, Neues zu kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus
darüber zu urteilen.
Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und links immer die
Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten
Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu
ihrer eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, war das
Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preußen vermied man es, über
ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen
könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war man soweit, alles
zum Gegenstand bloßer Konversation zu machen.
Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und
noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drücken, der
sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen
Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und
religiöse Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und
von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich
zum gefügigen Zögling meiner Tante.
Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt -- eine kunstvolle
Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut süddeutscher
Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der
norddeutschen waren --, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und
Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in Erstaunen setzte, war,
bei anerkanntem Reichtum, die große Einfachheit des äußeren Lebens. In
dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch
gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In der Zeit der
Renaissancemöbel und verdunkelnden Gobelinvorhänge behauptete hier die
weiße Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im
Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Königsschloß zur
Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und
machte das Obst ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase
zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und Reichtum hatte
etwas imponierendes, und die Erkenntnis, daß es außerhalb der Welt
meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren
konnte, war epochemachend für mich. Aber noch überraschender war der
Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im
Hause meiner Tante gehörte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung,
Dr. Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und
der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis
anderer Gäste -- aus dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war
-- kamen sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der
Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Möbeln dem
brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Königs zu huldigen schien, war
dem Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir trafen sich die
Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen
Fächerpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.
Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen
Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche
Begeisterung für seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mußte. Trotz
des Gegengewichts der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste und
kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen
Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschloß mir Gebiete der
Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden
Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die
Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andächtig
verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad
Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen
Offenbarungen. Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos
gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, Ibsen und
manche der großen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so
weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphäre
schon einen großen Schritt vorwärts bedeutete.
Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie für das
der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflußreiches Mitglied der
nationalliberalen Partei auf der Höhe seines parlamentarischen Ruhmes
stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die
konservative Politik stets als die eines anständigen Menschen allein
würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. Die Erinnerung
an den revolutionären Liberalismus von 1848, der mich in der
Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck;
von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem
Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks
keinen Begriff, sondern empfand, was ich hörte, wie eine innere
Befreiung: es gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale
der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu
ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen
Widerstand zu stoßen. »Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im
Frühjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt
die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren
durfte, »das wäre dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die
Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte.
Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten
Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die
wissenschaftliche Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch
der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht meinen
Ansichten.«
Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter
war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner
Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste
vertreten. Der sonntägliche Kirchgang -- hier ebenso eine
selbstverständliche Pflicht wie zu Hause -- hatte darum nichts
abschreckendes mehr für mich. Wenn Julius Haberlands schöne
Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die
Kirche mit Wohlklang erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an
gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und
Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, wo mir in Posen
nichts als Verurteilung und Härte begegnet war.
Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen Kämpfe mir
geschlagen hatten; sie waren nur mühselig überklebt, aber nicht geheilt
worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen
dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten
Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich
denn allwöchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstraße.
In seiner sonnigen Studierstube saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit
den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen,
schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, und ganz, ganz
langsam gelang es ihm, aus meinem ängstlich verschlossenen Inneren all
meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das
den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem
des Für-wahr-haltens, auffaßte, wirkte zunächst auf mich, wie der
Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den
Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.
Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein
Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche Inspiration der Bibel, an
die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfräulichkeit der Mutter des
Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. Als
heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, was ich wörtlich für wahr zu
halten verpflichtet worden war, -- demnach hatte ich vor dem Altar
keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte
auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf der so viele, selbst
alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber,
beherrscht von jener gefährlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft -- der
Bequemlichkeit -- da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst
anfangen sollte.
Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer über den
Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. Es blieb leer in mir, viel
leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche
sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast
verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des
Entsetzens hüllte mich diese trostlose Öde, je länger ich in dem
glänzenden Blumenhaus am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den
rastlos formenden Händen der Tante der Idealgestalt, die ihr
vorschwebte, näherte. Nie ließ sie mir Zeit für mich selbst; mein Tag
war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau
eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein Platz übrig blieb.
Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer
Handarbeit saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich mich
ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß ich heimlich nachts
darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und
Reime zu fassen, was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die
Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. »Unnütze
Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte durchaus gedichtet werden,
so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.
Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer ärztlichen Konsultation
nach München hatte fahren müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines
Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt
umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das sich aus
künstlerischen und religiösen Motiven merkwürdig zusammensetzte, war es
mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der
alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dämmer
wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir
ein paar Stunden gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt
hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich näher trat, und Scharen
kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frühlingsblumen hinein, um
die vielhundertjährigen Säulen und Altäre zu den Maiandachten der
heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich und liebreich zugleich schien
sie vom Pfeiler des großen Tores auf all die jungen Gläubigen
herabzulächeln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,
und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung
deutscher Kunst erzählen, verklangen die vielen trippelnden Füßchen, und
es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch die alten
gemalten Fenster, so daß Daniel und Jonas, Moses und David von neuem
Leben durchglüht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die
schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter
grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen.
Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang
schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenströmten;
sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich,
zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlingsgöttin die
Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fuß vor einem
steinernen Grabmal: ein Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen
grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib auf dem
Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum gräßlich benagt. Entsetzt
floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstärkte sich nur noch der
Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus
Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige
Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde wühlte und Augsburgs
schönsten Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt
hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit
leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf
ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und
schrieb -- schrieb -- schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum
Abendessen zu berücksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der
Kirchenfürst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe
entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem
Pfeiler verwandelt wurde, während er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses
dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hörte
nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich über mich
beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken
aus meinem wachen Traum.
»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte
fängt von neuem an,« rief sie empört und nahm die beschriebenen Blätter
vom Schreibtisch. »Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst
du Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle in tausend
Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der
Selbstbeherrschung war es vorbei. »Du willst mich umbringen -- langsam
zu Tode martern« -- stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, was du
willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen
Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen eigenes Leben -- schenk mir ein
paar Stunden am Tag --. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es
mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. --« »Das wäre auch
noch schöner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen
Geschreibsels blamieren wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann
tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich
soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine Frau hat überhaupt
nicht für sich zu leben, sondern für andere.« Gequält lachte ich auf --
ich dachte daran, wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber
nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch
nicht wie du. Großmama ist immer dafür gewesen, daß ich dem inneren
Zwang gehorche.«
»Deine Großmama!« -- höhnisch schürzte die Tante die vollen Lippen; »ich
will ja gewiß der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch
besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!«
Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, die ich kenne, der
einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!«
»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. »Sie ist gerade so
überspannt wie du. Kein Wunder -- bei der problematischen Herkunft!«
Ich ballte unwillkürlich die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch
drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit deinen Augsburgern
Krämern kann sie sich freilich nicht messen!« Kochender Zorn verzerrte
die Züge der Tante. »Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit
um Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem kurzen »Nein«
wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.
Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, um nicht laut auf zu
schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen
Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in
Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in Augsburg waren sie immer
stärker geworden, und steigerten sich nach jeder großen Erregung zu
einem heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen gehabt,
der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anlaß genommen, mir zu
erklären, daß ein gut erzogenes junges Mädchen nicht krank zu sein
hätte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein
blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. Daraufhin sagte ich
nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krümmte. So wie diese
Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.
Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß ich oben zu bleiben hätte.
Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte
gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich dazu
Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von
Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persönlichem
Behagen, die sie mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur
Unterordnung verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie jetzt wirklich
eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen Sie sich, auch wenn Ihnen
wirklich Unrecht geschehen wäre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer
selbst -- Sie werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er
wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, einen Sieg
über mein böses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es
gab eine rührende Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und
Segenswünschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art
Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir
unangenehmen Arbeiten übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als
ob ich es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit meiner
Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für die Negerkinder,
während die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im
Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern
flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, dann
erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heiße -- wonach, ach wonach?!
Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber
durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt
sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,
und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant
geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter
verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet
haben, daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn er kam
nicht wieder.
Wir fuhren täglich spazieren, -- wie ich von meinem Wagen aus die
Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und
fröhlich in die Welt hineinmarschierten!
Nach Augsburg zurückgekehrt -- ich war inzwischen sechzehn Jahre alt
geworden -- eröffnete mir die Tante, daß ich mich nunmehr, nachdem sie
einen Rückfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da
ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel bekam,
beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres Maß von
Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschließlich
aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei
Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. Die Konferenz und
Energie meiner Tante, ihre unablässigen, in den verschiedensten Formen
sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen
Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen Mädchens von
vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich auf mich gewirkt wie ein
Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in
mir, so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte mich, es
wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb ich damals: »Du fragst,
ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen,
aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder
Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glüht es, und ich glaube wohl,
daß ich Talent habe, und daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn
doppelt hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, -- und
wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen muß, wird meine
Zeit vollends ganz ausgefüllt sein. Es mag Menschen geben, die für die
Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen Pflichten
nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus
hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ...
Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel mit ihm anfangen?
Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir
herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie
gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben
damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.«
Ich war wirklich eine »junge Dame« geworden; ich fühlte nicht einmal
mehr, daß die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens
niedergetrampelt waren. »Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem
Aussehen, weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die Ansichten
der Tante zu eigen machend, »sie wird mit Recht für arrogant gehalten,
wenn sie schon eine eigne Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich
seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich es nicht
durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl mich niemand mehr daran
hinderte. Großmama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit
schnippischem Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich finde, daß
man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, die man nicht denkt, und
aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergißt. Mein Leben
brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht
kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf
gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie möglich
zu gestalten« -- durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen
und ein mißhandeltes Klavier! -- »damit ich einmal meinem Mann eine
hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«
Mein Mann! -- Die Tante sorgte dafür, daß meine Träume sich mehr und
mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt
wähnten, nach dieser Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel
all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht wie ein glattes
Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen
ich heiraten sollte? »Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich
gesorgt sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren
gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen
ruhte, »aber natürlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei
der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage
rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe
zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem
Wolkenkuckucksheim in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, so
doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft
verplemperst. Du kannst jetzt die größten Ansprüche machen -- verscherze
dir das nicht!« Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir das
alles selbstverständlich klang.
Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und
ich sah plötzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere
meines Herzens. Ich suchte spät Abends im Park nach einem Tuch, das
ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng
aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das
Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie
stehen und küßten sich -- endlos verzehrend. »Maria und Josef«, schrie
die Lina als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, die glühten und
Augen, die glänzten, mehr vor Glück als vor Scham, streckte sie die
Hände nach mir aus: »Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel
ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht nöt. Wers freili
so noblich haben kann wie das gnä Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen
warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini
führt. Aber mir --« sie lächelte den verlegen daneben stehenden Johann
zärtlich an, »mir haben nix als das bissel Liab -- und dös -- dös müssen
wir haben ... So red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd
in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß der Mensch haben,
so a rechte herzklopfete Freud!« Es dunkelte mir vor den Augen, laut
aufgeschluchzt hätte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war
ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar
meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine »nobliche« Gefangenschaft
zurück.
Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch
die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft
der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der
verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir
waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren
Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des
glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus
irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel
von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge -- sowohl der
kommunalen, als der privaten -- zu erzählen, daß ich meine Bedenken
zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten
Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines
Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen
lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine
einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der
Türe, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur
Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden
könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte
meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über
ein neues Kleid, das ich -- als Verkäuferin -- notwendig dafür haben
müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, --
kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten
erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von
fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam
ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert«
sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen
einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere
Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen
werden.«
Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da
selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die
Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu
ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen
engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine
Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten
sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug.
»Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem
ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom
Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,
führte mich hinauf.
Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den
Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot
jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme
Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen
Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und
dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der
dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach
schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir
ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der
Schwindsucht gestorben, -- »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach
draußen« --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von
hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie
tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie
aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder
herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer
Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter
seufzend, »eins -- das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus
noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem
Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf
einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die
Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden
und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu
sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen
Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit
brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon
fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als
sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein
Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem
Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die
Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier
sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins
da nunter fiele!«
Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im
entferntesten von solch einem Elend gewußt --, die Tränen strömten mir
aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge
der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die
Hände: »So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwiß der liebe Herrgott
geschickt!« -- mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es
denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die
Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten?
Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und
wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an
meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach
geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der
Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die
Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, -- hatten nicht am Ende
ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir?
O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten
mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter
sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich hätte es in diesem Augenblick
ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit
keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter
pries überschwenglich mein »gutes Herz«.
Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste
einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« --
»Sechsundzwanzig.« -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige
Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, --
und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die
vierzigjährige -- und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie
lange arbeiten Sie am Tage?« -- »I steh halt um fünfe auf und leg mich
um zwölfen nieder!« -- Und das alles nur um das elende Leben am nächsten
Tag weiter zu fristen!
»Was verdienen Sie in der Woche?« -- »Sechs Mark, und wanns arg gut
geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf
-- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« -- Also hatte sie für sich
und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich
gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum
Leben hatte!
Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine
Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig
blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was
für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr
den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte,
davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und
erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für
»überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus
bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das
Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern
heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«
Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter
Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu
seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur
wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen
Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen,
rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken
umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig.
»I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter
Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft
über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil
mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die
Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding
doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi«
kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf
den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a
bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn
man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab
nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder -- »zu
meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is
aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem
Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein
Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die
Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie,
die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren
Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium
der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in
der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß
nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel
was für's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat --
dös kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll
viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« -- aus
dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei
ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken
könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig«
-- ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen -- »Sie merkend ja selber,
wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's
aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, -- da schluckt einer
weiter nix wie Baumwolle.«
Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die
Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen
Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank
sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde
festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu
finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese
Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die
ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch
in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu
haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und
krank -- laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«
Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten
durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen.
In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit
geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein
paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig
geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend
erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern -- gar nicht
nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die
selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les
choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem
gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen
und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands,
und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt.
Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im
Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft
christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen
»Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen
und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten
»vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht
recht wußte, warum. -- Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten
sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen
Nützlichkeiten.
Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später
hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle
Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch
nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte
die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts
darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und
wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um
die Zerrissenheit meines Innern flossen.
Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir
dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen,
nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle,
in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!
Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr
die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde,
desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und
ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug
der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem
meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt
geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden
Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir,
als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in
die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich
eine Wut -- eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen
und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!
Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein
Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar
Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.
Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender
Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine
Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer
Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern
nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben
hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles
gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er
schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben,
die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren
Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den
Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine
Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.
Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und
nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor
sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen,
die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme
Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf
mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der
Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten
Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.
»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.
Siebentes Kapitel
Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein
Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte
Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus
warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem
grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter
der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt,
breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder
Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie
flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.
Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel
und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor,
das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren
tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit
seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das
breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles
Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit
offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter
Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die
größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu
nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen,
Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm
meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das
mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit
begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus
dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn,
und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich
schon lange weich und wohlig umfingen.
Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus.
Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine
der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz
mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben
haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ
und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren
verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des
Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und
Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten
auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an
Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden
Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein
auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen
verloren hatten.
In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den
blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des
Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter
unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis
hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das
die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich
außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest
umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem
Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein
und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten!
Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt
des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir
wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht
warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind,
der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir
lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein
Herz stürmisch entgegenschlug!
Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und
mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im
Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine
Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, -- lauter kecke
brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister
trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz
geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue
Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer,
ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der
anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die
blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine
Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg
tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment.
Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe,
die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die
Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen
Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!
Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber,
sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn
Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?
Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie
erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die
schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem
Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte
und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße
Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die
die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der
Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe
aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her.
Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel
im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von
ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht
zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht
los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar
nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und
Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster
hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener
Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage
Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den
Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von
drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen
Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich
ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete
er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig
kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,
die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder,
um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden,
frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den
Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben
Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich
gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein
Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.
Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur
Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange
Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon
rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den
Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal.
Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend
einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst
angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm
heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft
absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt
sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene
wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor,
daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen
will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause
zu reiten.
Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute,
glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden
Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem
Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich
die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein
huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner
Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz
reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht
zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen
hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch
seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu
übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen
setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und
zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie
keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den
Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie
verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der
Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern
nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das
bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische
Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg,
und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des
Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz
ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte
es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines
Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft
entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters
Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle
Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des
Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter
demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu
finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und
verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im
Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der
Erziehungsprinzipien meines Vaters.
Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus
ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem
Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer
häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der
aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen
gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade
die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant
von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den
Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe
Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte
keinerlei Angriffsfläche gewährt.
Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso
freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und
Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock,
und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße
Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schönste
war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch
ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies
Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den
schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick
und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen
lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu
verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete
freudig den aus, der mir am meisten huldigte.
Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich
,
.
»
1
?
«
.
2
,
3
,
,
,
,
4
5
,
,
6
.
7
,
,
.
8
9
,
,
10
,
.
11
12
.
13
;
,
14
»
«
.
15
,
.
16
17
18
19
20
21
22
23
,
,
24
.
.
25
,
;
26
27
,
.
28
.
29
,
30
,
31
.
32
,
,
-
-
33
,
,
34
,
35
,
36
.
37
,
,
38
,
39
,
40
,
41
.
42
,
43
.
44
,
,
45
,
46
.
:
47
.
48
49
-
,
50
.
,
51
,
52
.
53
54
,
.
»
,
55
,
«
.
56
,
.
57
;
58
,
.
59
,
60
.
61
:
»
62
?
!
,
63
.
«
;
64
,
65
!
»
66
!
«
,
67
.
68
69
»
?
«
70
,
71
.
»
?
!
«
.
72
,
73
?
!
»
74
,
.
75
.
76
.
«
77
,
-
-
!
78
:
79
;
80
;
,
,
.
81
-
-
»
82
«
-
-
83
,
,
,
84
.
85
86
»
!
«
,
»
87
,
88
!
«
,
89
,
-
-
,
90
,
91
.
,
,
92
,
93
.
94
,
,
.
95
,
,
96
,
-
-
»
97
«
,
;
98
,
,
,
99
,
,
.
100
,
.
101
.
,
:
102
,
103
,
;
104
,
105
,
106
,
,
107
!
,
108
,
.
109
,
.
»
110
,
111
,
«
112
;
113
:
»
,
114
.
,
115
,
,
116
,
.
«
117
,
,
118
:
119
,
,
.
120
;
121
-
.
122
123
.
124
,
,
,
125
,
.
126
127
.
128
129
,
,
130
:
,
131
,
,
.
132
,
133
,
-
-
134
-
-
.
135
,
136
.
137
138
139
140
,
-
141
-
,
142
,
143
,
-
144
,
,
,
145
,
146
.
,
147
,
148
,
149
,
150
.
151
-
-
-
-
152
,
153
.
154
155
156
,
157
.
158
:
159
,
160
.
161
,
162
,
,
163
.
164
,
165
;
166
,
167
.
168
169
,
170
,
,
171
,
172
»
«
,
173
.
,
174
,
175
,
,
176
.
177
178
,
,
179
,
,
180
,
181
,
182
.
183
184
.
185
186
-
-
187
188
,
189
-
-
,
190
.
,
,
191
,
.
192
193
.
194
195
.
196
,
197
,
198
.
,
199
;
,
200
,
,
201
,
»
«
202
,
.
203
,
.
204
,
205
.
,
,
,
206
.
,
.
207
-
-
208
-
-
.
209
,
210
,
211
-
.
212
;
213
.
214
215
,
,
216
,
217
.
218
,
219
,
,
220
,
221
,
,
222
,
.
223
,
,
,
224
,
,
225
-
226
.
227
,
,
,
228
,
229
,
230
.
231
232
233
.
,
234
235
,
,
,
236
237
,
.
238
,
239
,
;
240
,
241
242
,
,
,
243
:
,
,
244
,
245
,
,
,
246
.
»
,
«
247
,
,
248
,
249
,
»
,
250
.
251
,
252
,
,
253
,
254
,
255
.
«
256
257
,
258
,
,
259
260
.
-
-
261
-
-
262
.
263
264
,
265
:
;
266
,
267
.
268
269
,
270
;
,
271
,
.
272
,
273
;
,
274
.
275
276
,
,
277
,
,
,
278
,
279
.
,
280
,
281
-
-
,
,
,
282
,
283
.
284
285
,
286
.
,
287
,
288
.
289
,
290
,
-
-
291
!
.
292
»
«
,
,
293
,
,
,
294
-
-
295
-
-
,
296
.
297
298
299
.
,
300
,
301
,
302
.
303
,
304
,
305
,
306
,
.
;
307
,
,
308
,
.
309
,
310
,
311
,
312
,
313
,
,
,
314
.
»
315
«
;
,
316
.
317
318
,
,
319
.
320
,
321
.
,
322
,
323
,
324
,
325
.
326
,
327
.
,
,
328
,
329
330
.
331
332
.
,
,
,
333
,
334
,
,
335
.
336
,
,
337
.
338
,
339
.
340
.
341
,
;
342
,
,
343
,
344
.
345
:
346
,
347
,
.
348
;
349
:
,
350
,
,
351
,
,
352
,
353
,
,
,
354
.
,
355
,
356
-
-
-
-
,
357
,
,
358
359
360
,
361
.
,
362
,
363
,
364
.
365
366
»
,
367
,
«
368
.
»
,
369
.
«
370
.
,
;
371
.
»
-
-
372
«
-
-
;
»
,
373
,
,
374
?
-
-
375
-
-
.
,
,
376
.
.
-
-
«
»
377
,
378
!
«
.
»
379
.
,
380
!
381
,
.
«
-
-
382
,
»
«
!
»
383
,
,
.
384
.
,
385
.
«
386
387
»
!
«
-
-
;
»
388
,
389
,
!
«
390
391
:
»
,
,
392
,
!
«
393
394
»
,
!
«
.
»
395
.
-
-
!
«
396
,
397
:
»
398
!
«
399
.
»
400
?
!
«
.
»
«
401
.
402
403
,
404
:
405
.
406
;
,
407
,
408
.
,
409
;
,
410
,
411
,
,
412
»
«
.
413
,
.
414
.
.
415
416
,
.
417
418
.
,
419
,
.
420
,
,
421
,
,
422
.
»
,
423
!
«
.
»
,
424
!
425
-
-
!
«
»
426
«
,
;
,
427
,
,
428
,
429
.
.
430
,
431
:
»
«
,
432
,
433
,
,
434
.
435
,
436
,
437
,
,
-
-
,
?
!
438
439
.
,
440
441
.
,
442
,
443
,
444
,
;
445
,
»
«
,
446
.
447
448
,
-
-
449
,
450
!
451
452
-
-
453
-
-
,
,
454
,
.
455
-
,
,
456
»
«
457
,
,
458
,
,
459
.
460
,
,
461
,
462
463
,
464
,
.
465
,
,
,
466
.
:
»
,
467
?
,
468
,
.
469
.
,
,
470
,
.
471
.
,
-
-
472
,
,
473
.
,
474
;
475
;
.
.
.
476
!
.
.
.
477
.
?
478
;
479
.
,
480
,
,
,
,
481
,
.
«
482
483
»
«
;
484
,
485
.
»
486
,
«
,
,
487
,
»
,
488
«
.
,
489
,
490
,
,
491
.
,
492
:
»
,
,
493
,
,
494
,
.
495
,
496
.
,
497
,
498
«
-
-
,
499
!
-
-
»
500
.
«
501
502
!
-
-
,
503
,
504
,
.
505
?
506
,
,
507
?
»
,
508
,
«
,
509
510
,
»
.
511
512
.
.
513
.
,
514
,
515
,
516
.
-
-
517
!
«
,
,
518
.
519
520
,
,
521
,
,
,
,
522
.
,
523
,
,
524
,
:
,
525
,
,
.
526
-
-
.
»
«
,
527
,
»
!
«
,
528
,
,
,
529
:
»
,
530
?
«
,
»
.
531
,
532
,
533
.
-
-
«
534
,
»
-
-
-
-
535
.
.
.
,
!
«
536
.
»
!
«
,
»
,
537
!
«
,
538
.
,
539
!
!
540
»
«
541
.
542
543
544
545
.
546
.
547
,
,
548
,
549
550
.
551
-
-
552
,
-
-
,
553
,
,
554
.
555
.
556
;
557
,
558
,
-
-
,
559
560
.
.
561
,
562
,
-
-
-
-
563
,
,
,
-
-
564
,
,
565
,
566
.
567
.
»
«
568
,
»
,
569
.
,
570
,
571
.
«
572
573
574
.
575
-
,
576
.
577
,
,
578
,
.
579
,
.
580
»
,
«
581
,
,
582
,
583
.
584
585
,
586
,
587
,
588
.
589
,
,
590
,
591
,
592
,
593
.
,
,
594
,
-
-
»
595
«
-
-
,
596
.
»
«
597
,
;
598
.
599
600
.
»
,
«
601
,
»
-
-
,
,
602
.
«
603
604
.
605
,
,
»
«
606
,
,
607
.
608
,
609
.
610
,
611
,
612
,
613
,
,
614
.
615
,
.
»
,
616
!
«
617
618
,
-
-
619
-
-
,
620
.
621
;
622
:
»
-
-
623
!
«
-
-
:
,
624
,
?
!
625
,
,
?
626
,
?
627
,
?
628
629
,
630
,
.
631
,
-
-
632
,
?
633
,
!
634
,
635
,
-
-
636
.
637
,
638
»
«
.
639
640
,
641
.
.
»
?
«
-
-
642
»
.
«
-
-
:
,
643
,
,
,
,
-
-
644
!
,
645
-
-
.
»
646
?
«
-
-
»
647
!
«
-
-
648
!
649
650
»
?
«
-
-
»
,
651
,
.
.
652
-
-
.
«
-
-
653
,
,
-
-
654
655
!
656
657
.
,
658
,
659
.
,
,
660
,
,
661
,
,
662
.
,
,
,
663
,
664
»
«
.
»
665
.
,
666
,
.
667
,
.
«
668
669
,
670
.
,
,
671
,
,
672
.
673
,
;
,
674
,
675
.
,
,
.
676
»
,
«
.
677
.
678
,
»
'
«
,
»
679
,
«
»
680
«
,
»
681
.
«
»
'
«
682
,
683
.
.
»
684
'
,
«
,
»
685
'
.
«
686
,
-
-
»
687
'
.
688
'
.
«
,
689
.
,
690
,
691
.
,
692
,
,
693
,
694
.
695
,
.
»
'
696
,
,
«
,
»
697
'
,
,
-
-
'
,
'
-
-
698
'
-
-
,
699
,
'
«
-
-
700
,
701
,
702
.
»
,
,
'
«
703
-
-
-
-
»
,
704
'
,
!
'
705
,
'
,
-
-
706
.
«
707
708
,
,
.
709
.
»
710
,
«
,
»
,
711
.
«
,
»
«
712
,
713
.
714
,
715
.
»
716
-
-
717
,
«
,
»
,
718
-
-
.
«
719
720
.
721
.
722
723
,
,
,
724
;
725
726
.
-
-
727
-
-
,
,
728
»
«
,
»
729
«
730
.
731
,
,
732
,
.
733
,
»
734
«
,
»
,
«
»
735
,
«
736
»
.
«
737
,
738
»
«
,
739
,
.
-
-
740
,
741
.
742
743
744
745
,
746
.
»
«
,
747
,
.
748
749
,
750
.
751
752
,
753
,
,
,
754
.
,
755
!
756
757
,
,
758
,
759
.
,
760
,
761
,
,
762
,
,
»
«
763
.
764
,
,
765
766
.
767
-
-
,
768
!
769
770
,
,
,
771
-
-
772
,
.
.
773
774
,
.
775
,
.
776
,
777
778
,
»
«
779
.
,
780
;
,
781
.
,
,
,
782
,
,
,
783
.
784
,
!
785
,
.
786
787
788
,
,
.
,
789
,
790
:
,
,
,
791
,
,
.
-
-
792
.
793
,
,
794
,
,
.
795
796
»
,
«
.
797
798
799
800
801
802
803
804
,
,
805
.
806
.
807
,
808
.
809
,
,
810
,
811
,
812
,
.
813
814
.
815
,
816
,
817
,
818
.
,
819
,
:
820
;
821
822
,
,
823
,
824
,
,
,
825
.
826
,
,
,
827
:
.
828
,
:
»
,
«
829
,
,
830
,
831
.
832
833
.
834
,
835
.
836
,
,
837
,
,
,
838
,
,
839
.
,
840
,
841
,
,
842
.
843
,
,
844
,
845
,
846
.
847
848
849
850
.
851
,
,
852
.
,
853
,
854
.
855
,
,
856
;
857
!
858
859
.
860
,
-
-
,
-
-
,
861
.
,
862
,
,
863
.
,
,
,
864
!
865
866
.
867
:
868
,
869
,
,
-
-
870
,
871
,
872
.
,
,
-
-
873
,
-
-
,
;
,
874
,
,
875
,
876
.
877
,
,
878
:
.
879
,
,
,
880
,
,
881
,
882
.
,
,
!
883
884
,
,
885
,
886
,
?
887
888
.
889
,
890
,
,
891
!
,
892
,
893
,
,
894
.
,
895
,
896
,
.
897
,
898
.
899
,
,
,
900
,
.
901
,
;
902
.
,
903
'
,
;
904
'
,
,
905
,
906
.
,
907
.
908
,
909
.
910
,
,
.
911
,
;
912
,
,
913
;
,
914
,
,
,
915
,
,
;
916
,
917
.
918
,
919
,
.
920
921
922
.
,
923
,
924
,
,
925
,
,
.
926
,
927
.
928
,
929
,
,
,
930
,
,
931
,
932
.
,
,
933
,
,
934
,
,
935
.
936
937
.
,
938
;
939
.
940
,
.
941
,
942
,
.
943
,
,
944
945
.
946
947
948
.
-
949
,
950
951
.
952
,
953
,
954
.
,
955
.
956
,
957
,
958
,
959
.
,
960
,
961
,
962
,
963
.
964
965
,
966
,
,
967
968
.
969
970
971
.
972
973
:
,
974
,
975
,
976
,
977
,
978
.
979
,
980
,
,
981
,
-
-
982
,
,
983
.
984
985
,
986
,
:
»
987
,
;
,
988
!
«
,
!
989
!
-
-
!
990
!
991
,
992
!
993
;
994
.
995
,
,
996
,
997
,
.
998
999
'
,
1000