werden.
Ewig
Ihr treuer Freund
Georg von Glyzcinski.«
Ich hatte kaum zu Ende gelesen -- mit klopfendem Herzen und tiefen
Atemzügen --, als ich schon am Schreibtisch saß und meine Feder über das
Papier flog:
»Mein lieber Freund!
Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine Hand mit einem
freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im
Gefühl, auf Glück und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur
ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist,
gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies
geträumt, das dem Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir
fast wie die Hölle erscheinen, -- während Sie mir bieten, was die
Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.
Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft
undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht bis auf den Boden dringen
kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen
bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus der Ferne
tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter zu uns herüber. Das ist
Musik für unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen,
die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange
wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfällt, solange
wir offnen Auges das Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes
fluten sehen, -- solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...«
Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fuße. Leise trat
ich ins Zimmer -- Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor
ihm lag mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und die Stirn
wie versunken darauf gepreßt.
»Georg --«
»Alix --«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, überströmt
von Tränen. Und er nahm meine Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu
sich hernieder, und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen
berührte.
Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen
mußten, -- daß meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwände
erheben würden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel --
und im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden
werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor
Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und
ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefärbtem
Gesicht, die Augen rot unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock
geöffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als
fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die
seine nicht war, begann er zu reden, während die Mutter, im Sofa
zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.
»Das mir -- das mir! -- hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! --
Dich -- dich -- auf die ich so stolz gewesen bin! -- Die du mein -- mein
Kind warst vor allem! -- Dich, um die ein König noch hätte betteln
müssen! -- Dich will dieser -- dieser -- den Gott selbst als einen
Ausgestoßenen brandmarkte --«
»Papa --!« schrie ich und taumelte bis an die Tür zurück.
Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie von einem Schwindel
erfaßt, mit beiden Fäusten schwer auf den Tisch zu stützen. Den Kopf
weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:
»Du läufst mir nicht wieder davon, -- und wenn ich dich mit Gewalt
festhalten müßte! Und deinen sauberen Galan --« er lachte grell auf --
»ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, -- niederschießen tu ich ihn,
wie einen tollen Hund -- --.« Mit einem unartikulierten Laut fiel er in
den Stuhl zurück. Ich lief nach Wasser, -- benetzte ihm die Lippen, --
rieb ihm die Stirn, -- es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte!
Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß er mich auch schon von sich.
Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht saß
ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. Wie eine Mörderin kam ich mir
vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski,
und kaum daß der graue Novembertag mit schwerfällig-langsamen Schritten
durch die Straßen geschlichen kam, hörte ich den Vater schon wieder in
seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, -- die Angst
schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus!
In einer einzigen Nacht, -- wie furchtbar gealtert!
»Fürchte dich nicht, -- ich tue dir nichts --« sagte er und verzog den
Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein
sollte. »Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, -- was du
nicht weißt -- nicht wissen kannst, und was der Professor --« es war ihm
offenbar unmöglich, den verhaßten Namen zu nennen -- »vielleicht auch
nicht weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!«
Ich mußte mich neben ihn setzen, wie in früheren Jahren, und er behielt,
während er sprach, meine Hand in der seinen.
»Ich sagte dir schon, -- du bist mein Kind! Du hast meine
Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes Blut. Bist du die -- die
Frau dieses Mannes, so wird -- ich weiß es genau, ganz genau! -- eine
Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen
zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit -- schreit!! -- hörst
du? -- Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! --
Dann wirst du unglücklich werden, totunglücklich -- oder --,« er brachte
nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor -- »eine Ehrlose,
-- eine -- eine Dirne!«
»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, »du könntest so
nicht sprechen, wenn du mich besser kennen würdest! -- Ich bin kein Kind
mehr -- ich habe viel erlebt, -- sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat
endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen Liebe als von
der, die Georg mir bietet!«
»Du irrst, -- und dieser Irrtum wird dein Unglück werden. Ich kenne dich
besser, als du dich in diesem Augenblick kennst --.« Seine überwachten
Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich neben
ihm saß. »Auch ich liebte -- und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein
viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht
begreifen, daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte --! Bis
ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, daß nichts --
nichts im Leben mir Wort hielt, -- auch meine Liebeshoffnung nicht! --«
Er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.
»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso
-- nein -- noch viel unglücklicher werden zu sehen als mich? -- Du wirst
ja nicht einmal Kinder haben!«
Ich zuckte zusammen, -- aber rasch und gewaltsam hatte ich die
Empfindung auch schon niedergekämpft, die ihm Recht hätte geben können.
»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder
sein --« antwortete ich, »für sie werde ich denken und arbeiten!«
Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn,
du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und
deine Mutter wird dieselbe Bitte dem -- dem Professor vortragen -- ich
selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen --: Warte nur noch ein
halbes Jahr, -- prüfe dich währenddessen. Du kannst, ungehindert durch
mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, -- bist
du dann noch entschlossen, -- so strecke ich die Waffen.«
Ich wollte danken, -- war doch dies Zugeständnis weit mehr, als ich nach
dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu dürfen, -- aber er
entzog mir seine Hand und verließ hastig das Zimmer.
Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht
hatte:
»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so
größeren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier
gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus
meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. 'Geschieht, was du in
deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glück ansiehst, so
geht Ihr zugrunde,' sagte er. Meine geliebte Alix, -- sind wir nicht in
einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns
zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar
wenige, die unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten wir uns
beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhängnis, das
der schönen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und
in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden
abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte.
Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein segensreiches Schicksal
verwandeln können, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst
bezwinge? ...
Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die
armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich
dürste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! -- Und lieber
lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das Haupt des
liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!
Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein
wenig Glück -- für mich ist das schon überschwenglich viel! -- und viel
Arbeit zu begnügen, und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen
sollen ...«
Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung
Lügen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das
sonnige Lächeln um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so
hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen
eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns täglich. Bald aber merkte ich,
wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine
Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein
Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wünschen Widerstand
entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter
verweint, die Schwester verschüchtert, den Vater stumm und finster
wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort -- Versammlungen und
Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift berichten
mußte, machten es häufig genug notwendig --, so schlich ich mich in
zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den
ungerechtfertigsten Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in
unserem Blatt unter meinem Namen schrieb -- die Anonymität war mir als
eine Feigheit verhaßt --, gab Anlaß zu den peinlichsten
Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte
er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. Ich wurde
schließlich von einem so dauernden, Angstgefühl gefoltert, daß ich oft
meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der täglich wiederholte
Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, und
eines Tages gestanden wir einander das Unerträgliche unseres Zustands.
»So willst du wirklich -- wirklich diesen Krüppel heiraten, den man im
Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewiß verbrannt haben
würde?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.
»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein muß, ohne den Segen
der Eltern.« Da ich wußte, daß meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde
zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen
Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, daß ich alt genug sei,
um nach eigener Überzeugung mein Leben zu gestalten, daß es im höheren
Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht und
dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, daß es
schlimmer sei als töten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur
Unmündigkeit und Unfreiheit verdamme.
Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu
ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur
entgegen.
»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate
Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst
mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche
einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar
deine Seele vergiften.«
»Du brichst dein Versprechen, Papa --« stieß ich hervor und riß mich
gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten
Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.
»Ein Schritt noch und ich schieße --.« Aber schon lief ich die Treppe
hinunter -- über die Straße -- über den Platz, -- Menschen und Wagen und
Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.
Wie ich zu Georg kam, -- ich weiß es nicht, -- der gelle Angstschrei,
den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte
mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von
ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt
hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich
nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie
erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich
zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und
während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte,
gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand
konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.
»Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie
immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter
in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller
Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich -- wenn er
auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz
heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand,
wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir
aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat,
nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries.
Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen
meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle
Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst
nicht teilnehmen wird.«
Mir traten die Tränen in die Augen, -- die Erschütterung dieses neuen
plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!
»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff
jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre
unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir
haben.« Damit war ich entlassen.
Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater abgereist war.
Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. »Deiner
Heirat steht nichts mehr im Wege,« sagte sie, »außer einer Kleinigkeit,
die du natürlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du
weißt, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit
der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begnügen müssen.
Und was die Wohnung betrifft, so -- --«
Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch wirklich nichts als
Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach ich sie. »Wir haben, was wir brauchen,
-- und Georgs Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben
möchte!«
»Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer!« Mama kräuselte verächtlich die
Lippen.
»Übergenug für uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt,
können wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --«
»Selbstverständlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das
Standesamt und womöglich auch gleich zum Geistlichen gehen.«
»Zum -- Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos an. Wir
»dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich trauen lassen?!
»Georg ist Atheist --«
»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest unter dem Schutz
deiner gläubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder
gar nicht.«
All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen
ab. Ich sah aufs neue die schwer erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als
ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen
Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über seine Züge.
»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr
die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben
und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte
stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht
zustimmen können.
Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt
worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren
Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre
teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich
selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir:
»Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches
Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich
schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir
kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine
schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das
ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«
Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all
die Nadelstiche des täglichen Lebens.
Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche
Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in
den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.
In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr
tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten
liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen
Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten
das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten,
und der Teekessel summte schwermütig, -- groß und vorwurfsvoll sah mir
zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter
vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der
Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte
mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da
klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat
Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in
der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte
es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; -- mit
einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren
schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten
Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, -- einen anderen
Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; -- fort mit allem
blassen Erinnern, -- draußen stand die Arbeit, stand das Leben und
begehrte meiner!
Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:
»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von
morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe
liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und
eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.
Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix!
-- der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, -- anderen zur Warnung,
oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir:
sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns
warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so
denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde
mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine
Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.
Dein in Zeit und Ewigkeit!
Georg.«
Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich
schlief ich dem Morgen entgegen.
Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als
sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen.
Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher --
immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der
Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür
blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,«
stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges
Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz
und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle
vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der
Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und
lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen
bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler
nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt
täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut
nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein
zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's,
daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig
schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah
mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein
wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier
und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben
Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott
segne Sie! --«
War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir
in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts
als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts
angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen
sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam.
Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine
Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf
grünem Grund, -- es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden --
und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein
vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich
noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn -- Kleiderrauschen --
halblautes Schwatzen -- Türen schlagen -- und noch einmal den grellen
Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir
und Georg. Dein Vater.«
Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.
Neunzehntes Kapitel
In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der
Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge
mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,
kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr
Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne
Licht war wie ein mütterliches Lächeln.
Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit,
daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft
heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es
möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade
betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend
zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war
neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,
ein Pfadfinder.
Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,
aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir
allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt
wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so
war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle
unsere Wunden ...
Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein
geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der
goldenen Schätze zum anderen springt.
Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch,
der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den
mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen
konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen
Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum
Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu
begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk --
»mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es
»Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten.
Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das
Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige
Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer
seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst
gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr
vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen
Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn
standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.
Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien
auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In
atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der
»Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von
der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der
Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der
Wahlstatt.
»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag
aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht
immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich
komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner
Wahlversammlungen begleiten.«
Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem
ersten Besuch einer Volksversammlung!
Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir
eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren
Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das
praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber,
kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen
Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft
geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von
Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten.
»Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell
erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen
warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und
die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen
Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.
»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten
Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr
Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --
un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«
»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der
Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott
gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,
»wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!«
schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein
Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht
an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern
schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit
Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns
aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen
uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues
Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall,
wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen
rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an
der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den
zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes
Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf
gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so
daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich
sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.
»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht
üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm
eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein
paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten
sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen
zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was
er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten
zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der
herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein
paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor
dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden
Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die
Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer
Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen
deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren
Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern
wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und
hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch
zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und
wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den
gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für
all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --
wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren
rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen
Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist
das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den
inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie
brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit
verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.
»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.
»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich
ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf
das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie
dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«
Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,
erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz
neben mir.
»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, --
darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten
Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und
niedertrampelt -- --«
»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um
einen Schein blasser.
»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht
Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten
Waffen kämpft --«
Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr
richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt
aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken
hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu
schaffen.
Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um
gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur
Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte
ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,
und neben ihr stand er.
»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der
Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie
Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne
Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine
Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch
weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von
Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war
seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen
Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern
wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine
ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm
stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:
rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie
mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache
bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den
Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die
Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe --
»an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren
Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure
christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, --
jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht
ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie
brauchen müssen!« --
Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,
hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden,
und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur
die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --,
»Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und
plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die
überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose
Kraft der Jugend lag darin.
»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.
Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy
noch mit der kleinen Näherin.
»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden
zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich
dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz
strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre
Adresse.
Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die
Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt
hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein
feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.
»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen
und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden
aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.
»So versuch es doch einmal ...«
Ich sprang auf: »Meinst du?!«
Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im
Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch
bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem
Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine
wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete
es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger
Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels
aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor --« Mit
ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.
Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten
lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen
Sofa mit dem sorgfältig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um
die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte
peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder
von Marx und Lassalle an den Wänden.
Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander
im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und
hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie
-- früh mutterlos -- schon als Schulkind mit verdienen mußte und der
kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.
»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben
Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wußt ich nicht,
sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
dem elenden Leben ein Ende machen.«
»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn,
der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, -- Tag aus,
Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher!
--« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich
zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und
Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«
Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter.
»Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren
auf einmal nicht mehr allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme
Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des
Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und
draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete -- der Meisterhochmut war mir
glücklich vergangen! --, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging,
haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«
Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich
zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den
Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln
verstand! -- Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten
Künste erinnern müssen!«
Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre
Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit
für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie
im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern
und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.
»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit
steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«
»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will
sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«
»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich
nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat
eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren
Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse --
aber jetzt muß ich fort, -- wir tragen heut in unserem Bezirk
Wahlflugblätter aus --«
Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein,
von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie
sollten mal hinkommen, Frau Professor!«
»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber -- bitte -- nennen Sie mich nicht
'Frau Professor', Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst
erworben sind.«
Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja -- wie soll ich Sie sonst
anreden -- ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«
Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die
Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten
einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle
fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften
mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen
an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier
eine Fremde war.
Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im
Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die
Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut
und lustig, »meine Frau und ich!«
Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn
schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger
entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen,
schmalen Körper -- »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum
daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die
Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg
seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.
Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus
bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder.
Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und,
dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen
zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten
kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer
Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen
liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um
Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen,
und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um
durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der
Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen
die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden
Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer
Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegensätze zwischen
Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer
Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus
Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.
»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er
oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres
persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«
Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit
einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, --
zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine
Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der
Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine
andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die
eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste
Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek
die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden
gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender
sicherlich auf neue Wege geführt.
Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar
hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte?
Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer
Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer
ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen
starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren
jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.
Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere
Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den
sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche
Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln
gesagt, -- derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde
berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von
Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.
Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs
Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller
Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch
Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen,
die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich
aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft
Leben war.
Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen,
tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank.
Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu
verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch
Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie
sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit
Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen.
Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und
manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen
Aufgaben, die der christlich-soziale Kongreß den Vertretern der Kirche
stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in
Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das
Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige
Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze
Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances
Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug
gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner
Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne
Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum
anderen trug.
So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die
finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, -- zweierlei war
ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das
Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der
Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.
»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte
Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und
Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen
Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen
Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom
Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.
»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich -- eine tiefe
Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises
selbständig schaffender Menschen ergriffen --, »nicht immer bloß
nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.«
Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem
berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die
notwendig zum Sozialismus führen müsse.
»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit,
unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und
Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen
Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten
wir die Frauen, -- wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer
umher -- »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt -- --«
»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich Georg, mir beide
Hände entgegenstreckend.
Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste der Ethischen
Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine
Anmeldung mit Freuden begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung.
Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich über den
Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der »Vorwärts,« die
Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die
ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der
Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von
der deutschen Frauenbewegung wußte ich noch nicht viel.
Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die Eröffnung bürgerlicher
Berufe, um höhere Bildung. Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen
und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, -- aber die Welt
außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. Ich las die Broschüren von
Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu
sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und
seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.
»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben
können!« rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien
auseinandersetzte. »Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und
Advokaten werden können, was haben wir dann besonderes, als einige
Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage
ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelöst ist, die
längst das Recht haben, zu schuften wie die Männer.«
»Ich bin ganz Ihrer Meinung -- ganz und gar --« nickte Frau Vanselow
eifrig und hob die schweren Lider von den berühmt schönen Augen -- »aber
wir müssen vorsichtig -- sehr vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne
Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, -- kämpfen Sie erst so lange
Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, daß wir
Frauen nur Schritt für Schritt vorgehen dürfen. Ich besonders habe
schwer zu ringen -- niemand versteht mich -- meine Vereinsdamen sind die
Ängstlichkeit selbst --«, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in
der ihren -- »wie froh wäre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft
gewinnen zu können!« Ich errötete erfreut; hier bot sich mir eine neue
Gelegenheit, um zu wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,«
antwortete ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst
abwarten, was ich leisten kann.«
Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn
Satz für Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war »Generalprobe«
vor Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich schon vor dir so
fürchte, wie soll das bloß morgen werden!« sagte ich, und das Papier
zitterte in meinen Händen. Da klingelte es, -- ich hörte eine Stimme,
die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Tränen in die Augen
trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun
stand er vor mir -- sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer auf den
Stock stützend --, wie an den Boden gewurzelt.
»Papa!«
»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er
meinen Kopf zwischen seine Hände und sah mich an. »Wie rosig du
aussiehst -- und wie -- wie glücklich!« Mit einer raschen Bewegung
näherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder,
verzeiht! -- Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich meine Alix so
wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand,
jeder Zimmerwinkel mußte einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie
hübsch und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem Seufzer die
Hand über die Augen. »Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los
werden!«
Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung
beschäftigt hatte, und vergaß in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor
sich sah: »Diese Rasselbande, die die Militärvorlage ablehnte, -- und
dann diese infamen Wahlen -- --.«
Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er räusperte
sich vernehmbar. Der Vater stockte. »Ach soo --« sagte er gedehnt, biß
sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen Litfaßsäulen
steht dein Name -- mich hat das nicht wenig entsetzt -- du wirst kaum
auf mich rechnen in der Versammlung -- Mama wird mir berichten. -- Gute
Nacht, mein Kind.«
* * * * *
Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten Saal des
Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als
müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden
Bänken wie eine Lawine auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf
Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefühl
sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst nur für ihn. Allmählich
aber strömte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen,
-- ich fühlte die Menschen, die unter meinen Worten -ein- Mensch
geworden waren, -- mit -einem- klopfenden Herzen, -einem- horchenden
Verstand.
»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem
Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder
unserer Handschuhe könnte von hohläugigen, müden Frauen, von blassen um
ihre Jugend betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen.
Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen Frau
wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der
Damast, der unsere Tafeln deckt, -- Leopold Jakoby singt von ihm:
'Daraus hervor grauenhaft -- das Gespenst des Hungers grinst mich an --
über den Tisch ...«
Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug
-- mich empor hob -- hoch -- immer höher, so daß meine Stimme über alle
hinweg in die Ferne drang.
»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein
Mädchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres
Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater
es daran hindern kann. Die Frau darf -- bei uns in Deutschland! -- nicht
Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit so zärtlich besorgt
ist und ihre Sittlichkeit hüten will, aber sie darf sich einen
Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch
und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf -- bei uns in Deutschland!
-- an keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem
durch den Verkauf ihres Körpers schmählich erworbenen Geld dem Staate
Abgaben zahlen ...«
Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, -- der Sturm
der Empörung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen
einzureißen, dürre Bäume zu stürzen galt!
»... Was tun? fragen wir mit dem großen russischen Dichter, dessen Werk
nur ein Ausdruck des Gefühls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht
mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den
verschlossenen Türen unserer Vereine über unsere frommen Wünsche
unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und für ihre
Erfüllung kämpfen, gleichgültig, ob man mit Steinen nach uns wirft ...«
Brausender Beifall unterbrach mich, -- ich sah nur Georg, der weit
vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und die Augen nicht von mir ließ.
»... Aber was wir auch fordern mögen zugunsten unseres Geschlechts, das
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