zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und
ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also
für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel
willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir
doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von
Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed
kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«
Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine
Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte
unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem
Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im
Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges
aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen
würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy
noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewiß -- würde nicht
anders denken als ich.
Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder einmal den engen
Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner
Türe, als eine Stimme von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief
und warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns Norddeutsche,
wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam anheimelt.
»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß Ihre Partei uns ebenso
einschätzt: als einen Nebenfluß, der ihr reiche Schätze zuzutragen
vermag,« antwortete der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein paar
Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich öffnete rasch die Türe, um
nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein großer, blonder Mann stand
mir gegenüber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und
mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.
»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand
über die Stirne, -- ich mußte diesen Menschen schon irgendwo gesehen
haben.
»Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller,« sagte
Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude über den Besuch. »Was meinen
Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an
die Spitze unserer Satzungen stellen?«
»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich und drückte fest
die Hand, die er mir entgegenstreckte -- »hier haben Sie mich zum
Bundesgenossen!«
Achtzehntes Kapitel
Kranz, 15. 6. 92
Verehrter Herr Professor!
Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen
Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern
Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte,
mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gespräch
verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester
Bleichsucht, sondern mein 'gefährlicher' Geisteszustand die Eltern
veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der
Onkel erzählte mir, daß die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als
S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rücksicht auf seine
Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde
dafür bei Zeiten seinen Parteigängern an den Kragen gehen, die im
Polizeipräsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein
Professor ist viel gefährlicher', fügte er dann hinzu, 'und er wäre
längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wäre.' Da mir
die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glücklich abhanden
gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn
Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel,
als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur
Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte.
Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht
nur höchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen
zu hören, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal,
seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen.
Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesättigt von dem ganzen
Pessimismus des Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt für
ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche Durchgangsstation
hält, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und
angestammter Herrenrechte voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und
alle seine Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge halten,
gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen gestanden, sind mir solch
ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir
ja eben zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich die
Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln,
'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenüber den
Handelsverträgen einigermaßen fadenscheinig vorkäme.' -- 'Unser
Monarchismus besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen
Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung
alles dessen, was die Monarchie stützt und kräftigt, -- auch gegen den
Monarchen, wenn es sein muß!' Mich würde diese geistreiche Definition
in seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen
wäre, daß in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den
Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.
Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen Ergehen, von
der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne
Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern
mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine
Tasse Kaffee zu trinken?!
Mit herzlichen Grüßen
Ihre dankbar ergebene
Alix von Kleve.«
»Berlin, 18. 6. 92
Gnädigstes Fräulein!
So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige
Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel
interessierte mich natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung
'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat Althoff ließ
sich dieser Tage von mir alles auf sie bezügliche Material kommen, und
in der Universität, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an
mir vorüber.
Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus
ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzüge des Besitzes und der
Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit
vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf dem Wege
wissenschaftlicher -- das heißt in diesem Fall ethischer und sozialer --
Einsicht zu denselben Überzeugungen kommen, die sich die Armen und
Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu
erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!
Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich stürmisch, und
mir kamen wieder arge Bedenken über deren Zusammensetzung. Die einen
forderten in erregtester Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen
Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, die anderen,
Professor Seefried an der Spitze, erklärten das Hineinziehen der
sozialen Frage für außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der
Erklärung gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem
Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, versöhnliche Art
unseres Vorsitzenden goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber was er
zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung
wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer
Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschluß daran hielt
Geheimrat Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, deren
Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit
mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund
und Bodens für notwendig und durchführbar halte,' sagte er, wobei ich
ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschließen müssen,'
unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklärte
er für utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die
Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche Ablenkung von ernster
Arbeit. Ich ließ es bei meiner Erwiderung natürlich wieder an dem
nötigen ethischen Maß fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das
Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im
Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus
für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, das sich auch ohne Zweifel
verwirklichen werde, -- in vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise
vernünftig, in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich
habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung lossagen würde,
welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit
war der Anstoß zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch
machte, enttäuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die
Sozis aus Eugen Richters Rüstkammer holte: 'Auflösung der Familie', --
als ob es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und Kinder in
die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige
Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur käuflichen Waare machte!
Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer empfand, bin
ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer
Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Daß
unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unmaß in der
Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der
Erziehung und der Lebensführung zu fördern', heißt, fürchte ich, Egidys
Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte
'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir
ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend
Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr
Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied
vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu
bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch
falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern
abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.
Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie
suchte mich zu bestimmen, meinen 'großen Einfluß' auf Sie geltend zu
machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des
weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß
Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen
vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
recht kühl und, wie es schien, verletzt.
Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und
mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns
-- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner
ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie
wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit
Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.
Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu
Pfingsten war ich dort und ließ die Menschen an mir vorüberfluten. Diese
Physiognomien könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir vom
Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten
Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich
gleichgültig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie
gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen
einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!
Sie herzlichst grüßend, verbleibe ich
Ihr treuergebenster
Georg von Glyzcinski.
Allerlei Lektüre, auch der 'Vorwärts', folgt anbei!«
»Kranz, 29. 6. 92
Verehrter Herr Professor!
Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst heute beantworte,
weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergnügen zum anderen hetzten
und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die
Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe und die doch
eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verständnislosigkeit fremd.
Ihre Atmosphäre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines
überfüllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so
schreit alles, aus Angst vor Erkältung.
Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen und nach
dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glühende Feuer meiner
Hoffnung freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl getroffen
worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, daß beide
stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unmaß in der Menschenwelt'
stört mich besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf sehen, es
mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr
unethischen Konsequenzen führen. Und zu der Stellung von Professor
Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der
ist wider uns.
Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Wahl in die
Kommission annehmen muß. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung
für Sie werde! Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner
Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es mir so
schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu
entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich
aber einsehe, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die
Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will
ich versuchen, mich dazu zu erziehen.
Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch
das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestärkt worden: wie viel Jammer und
Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des unendlichen
brandenden Meeres! Fast möchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt
darüber die Hände untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten,
Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht möglich erscheint.
Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei
mir ein Zug zum Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der
Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von
dem Augenblick an, daß man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox
klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! --,
daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind
auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschöpf,
-- von dem Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. Und wenn
mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so
kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, -- und
fühls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- daß gerade
dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück ist und jeder einzelne
von uns die Verantwortung dafür trägt.
Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres Elends ist sicher der
erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwärts', dank
Ihrer Güte, regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der
Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die Sturmglocke
läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die
unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein
rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie Dr.
Brandt, die 'Ströme, die in sein Meer fließen'? So ist sein Angriff auf
die Ethische Bewegung ebenso töricht wie ungerecht. Er müßte uns
wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stöckerscher Art
unterscheiden können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen die
einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, -- der nichts zur
Folge hat, als lähmende Bitterkeit --, statt nur den Haß gegen die
Zustände, der Mut und Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt
doch, daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen
Grundprinzipien, wenn man den Haß gegen Personen verbreitet, die doch so
werden mußten, wie sie wurden.
Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die
Junker betreffend, zurück. Sie erinnern mich daran und werden es
vielleicht jetzt wieder tun, daß wir beide doch auch Junker wären und
uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum
Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich
höre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir
nicht von Jugend an Abhängige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von
unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine Eltern sich frei bewegen
können, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um
sie gezogen hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit -- macht sie
nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehöre von Rechts
wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden
Masse der Enterbten!
Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfüllt und mit neuer
Hoffnung; gilt doch dann dasselbe für unseresgleichen wie für das arme
Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer
gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es,
deren ganzes Wesen nach Befreiung und Betätigung verlangt, deren
geistige Kräfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewußt, schon im
Dienst der großen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all
unsere jungen Künstler und Schriftsteller!
Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit
Schießscharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so
spricht das nicht nur für seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert,
wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt
sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen
Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und
das Eisen ihrer Entrüstung schmieden, solange es warm ist.
Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen ersten Versuch
machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des
Schweriner Hoftheaters, die mit einem Königsberger Professor verheiratet
ist, lud mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange
sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, aus dem sie stammte,
nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen
die Erinnerung an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen
jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und
ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein
Mann, der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das Verdammungsurteil
ins Gesicht schleudern konnte, gehört von vornherein zu uns und müßte
der Bannerträger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.
Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich
mich auszusprechen vermöchte, und Sie haben mich so sehr verwöhnt!
Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich sie, nach Berlin
zurückkehren zu dürfen. Allein in unserer Wohnung zu sein, halten sie
für unpassend, und zu Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise
einluden, ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so komme ich
ohne ihre Erlaubnis.
Mit herzlichsten Grüßen
Ihre dankbar ergebene
Alix von Kleve.«
»Berlin, den 1. Juli 1892
Mein liebes gnädiges Fräulein!
Wundern Sie sich nicht über meine rasche Antwort: jeden Tag häuft sich
so viel an, was ich Ihnen sagen möchte, und Ihr Brief weckt überdies
solch eine Menge Empfindungen und Gedanken, daß ich nicht anders kann,
als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. Entschuldigen Sie
nur meine häßlichen zitternden Krakelfüße, -- ich bin nicht ganz auf dem
Posten und muß ausgestreckt liegen.
Für die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz persönlich: Sie werden
unserer Sache von größtem Nutzen sein und -- was mich besonders
befriedigt! -- das weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma
Kurz und Frau Schaper haben -- infolge 'starker Arbeitslast'! -- ihre
Ämter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl von zwei Sozialdemokraten
vorgeschlagen, so daß wir uns möglicherweise sehr verbessern werden. Sie
werden dann auch Gelegenheit haben, sich mit diesen über Ihre
Erweiterung des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, der, wie ich
glaube, durchaus im Rahmen marxistischer Entwicklungslehre liegt: der
Arbeiter, der 'mit dem Hirne pflügt' wird als Gleichberechtigter und
Gleichentrechteter neben den Handarbeiter gestellt.
Mit Ihrer Kritik des Vorwärts freilich würden Sie sich weniger in
Übereinstimmung mit den 'Genossen' befinden, -- auch mit Ihrem getreuen
'Genossen' Glyzcinski nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenüber nicht
verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft alsbald
viele sein, welche von dessen Urteil getroffen werden und nichts als
'Harmonieduselei' treiben wollen. Wer aber bürgt dafür, daß sie nicht
schließlich herrschen und 'gefährliche' Elemente hinausdrängen?!
Suchen Sie Sindermann für uns zu gewinnen. Mein Vetter Paul, den Sie
einmal bei mir sahen, und der dem Friedrichshagener Kreis angehört, hält
zwar nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz würden ihn eher
immer weiter von uns entfernen, als ihn uns näher bringen. Er rühmte mir
dagegen den jungen Dichter des Dramas 'Vor Sonnenaufgang', den er für
den 'Kommenden' hält; aber bei der Manier dieser Art junger Leute, aus
jedem bunten Kälbchen einen Götzen zu machen, vor dem sie anbetend auf
dem Bauche liegen, bin ich vorläufig noch sehr skeptisch.
Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt worden. Alles
denkt ans Reisen, und es wird im Zoo immer stiller. Wie schön und
ungestört ließe sichs jetzt dort plaudern! Nicht wahr, Sie gönnen mir
die Vorfreude und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie erwarten darf?
Mit herzlichsten Grüßen
Ihr treuergebener
Georg von Glyzcinski.«
Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, nichts als leere Worte
tanzten mir vor den Augen; denn nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft
eingeprägt: »ich bin nicht auf dem Posten -- muß ausgestreckt liegen.«
Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann mit dem Apostelkopf
und dem wesenlosen Körper, wie er allein, von einem ungeschickten Diener
kaum bedient, geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,
die weißen schmalen Hände auf der schwarzen Pelzdecke, die Kinderaugen
sehnsüchtig ins Weite gerichtet. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, und
ich wußte auf einmal, wohin ich gehörte.
Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: von Lisbeth; --
noch heute sollte ich zu ihr kommen, Sindermann habe sich zum Abend
angesagt, schrieb sie. Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste
eilig zusammen und hinterließ meiner Mutter, die mit allen anderen auf
ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: »Frau Professor Landmann lädt
mich soeben ein, noch heute nach Königsberg zu kommen. Da ich Eurer
Erlaubnis sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nächsten Zug.«
Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund
schon mit geschlossenen Augen und erblaßten Lippen auf dem Totenbette
sehen ließ. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu
benutzen, -- aber konnte -- durfte ich den Kranken durch meine
überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach
einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? Ich errötete unwillkürlich. Auf dem
Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und
kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille
Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren
altersgrauen Häusern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies
Königsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des
Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu
halten. Wäre ich hier aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie
über ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!
Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und Wangen glühend vor
Eifer, empfing mich Lisbeth. So -- gerade so hatte ich sie einmal in
Schwerin auf der Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte
es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd geflüstert »Du
-- du bist viel tausendmal schöner --« war mir aus dem Dunkel der Loge
heiß ins Ohr geklungen ...
Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich dem Taumel der
Erinnerung. Still -- ein bißchen verlegen, die Augen in offenbarer
Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der
typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein und
linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von
blühenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden
hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und
plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weißes,
goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes
Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck
still-seliger Verklärung an; -- »mein Kind!« sagte sie leise und legte
die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Tränen,
brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! -- Wie reich mußte sie sein!
Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen
Füßchen, seine runden Ärmchen, die Grübchen in den Händen und in den
Knieen mußte ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und
Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme Beter,
die selbst der Ungläubigste nicht zu stören wagt. In diesem Augenblick
lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.
Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann kam.
Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die
Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte völlig fremd. Ein »bel
homme« -- es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte --
mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen
Allüren, großen breiten Händen und runden fleischigen Fingern daran.
Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter
Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem
romantischen Kostüm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen
Gegensatz stand wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum
Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu weichen: dem
Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften Kerzenlicht bunter Lampions
erhellten künstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und
die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen
Zarewna leuchteten und glänzten wie Perlen und Brillanten, verschwand
nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.
Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne,
von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,«
sagte Sindermann, »weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein
kann, --« schon klopfte mir das Herz höher vor Freude -- »aber ich
glaube nicht, daß die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit
erfüllen werden.« Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die
Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und führte all meine Gründe
ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lächelte; in dem
rötlichen Dämmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es
das Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten
war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, uns zu würdigeren inneren
und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« meinte er dann, »und so sehr ich
alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter den
Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf
wie ich --« er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen.
Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.
»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.
»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das
vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid
der Gegenwart mit zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit
Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den Zuschauer dadurch
befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit den Schluß
herbeiführte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und
ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein
Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen
helfen, ich will es aufrütteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten
führen, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch
ethisch handeln?«
Ich war entzückt. So hatte ich mir das Wirken des Künstlers vorgestellt!
Er wurde wärmer und lebhafter.
»Glauben Sie mir,« sagte er mit einer großen Geste, »wenn ich könnte,
würde ich nur vor Arbeitern meine Stücke aufführen lassen, -- die
verstehen, die würdigen mich!« Und dann erzählte er von der berliner
Gesellschaft der Kunstkenner, Ästheten und Mäcene, die wahl- und
kritiklos jeder neu auftauchenden Größe nachliefen. »Bewundert haben
mich alle als den berühmten Mann,« und wieder zeigte sich jenes
unbestimmte tragisch-resignierte Lächeln, -- ich erinnerte mich flüchtig
eines Schauspielers, dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch eines
Lächelns willen zu Füßen lagen -- »aber die meisten wußten nicht, ob
dieses notwendige Salonrequisit ein Bildhauer oder sonst was wäre.«
Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein neuestes Werk die Rede
kam, das im nächsten Winter das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich
horchte um so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr. Ein
Weib sollte die Heldin sein, deren Künstlernatur sie aus dem engen
Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb in die Welt.
Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der Dichter zu erzählen
vermochte: Ich selbst war dies Weib, das sich endlich losriß, um die
Heimat seines Wesens zu finden, -- war nicht am Ende auch der alte
Oberst, der in der Verzweiflung zur Pistole griff, -- mein Vater?! Die
Heimat, -- das ist das Schicksal, es vernichtet uns, wenn wir die
Schwächeren sind, und es ist wie die antike Tragödie, die immer Tote auf
der Wahlstatt läßt.
Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, die des Gastes
Werk in mir ausgelöst hatte.
Draußen dämmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer hingen erschlafft die
Köpfchen; ein feiner Zigarettenrauch zog seine Kreise um die
verglimmenden Kerzen. Und plötzlich übermannte uns bleierne Müdigkeit.
Sindermann erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja wieder, vom
ersten Frühlicht beleuchtet, der »bel homme«, der Mann mit dem liebevoll
gepflegten Bart, den großen Händen und den runden fleischigen Fingern
daran. Seltsam, wie fremd, wie störend er wirkte. War er es wirklich
gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?
Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der Erschöpfung. Das
rasche Klingeln des Telegraphenboten weckte mich: »Befinden wechselnd.
Freue mich unbeschreiblich auf Ihre Rückkehr. Glyzcinski.« Ich hatte
noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines raschen Entschlusses
wegen um Entschuldigung zu bitten. »Der Professor ist krank; Ihr wißt,
sein Leben hängt nur an einem Faden; ich würde es mir nie verzeihen,
wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben müßte,« schrieb ich.
Am Abend war ich bei ihm. Er saß vor dem Schreibtisch am Fenster wie
immer, und schon wollt' ich freudig überrascht auf ihn zueilen, als
seine Augen mir entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;
auf seinen schmalen Wangen glühten rote Flecken, und die Hand bebte, die
er mir bot. »Sie haben sich meinetwegen aus dem Bett gewagt!« rief ich
erschrocken.
»Darf ich denn dies glückliche Ereignis nicht auf meine Art feiern?!« --
sein ganzes Antlitz strahlte -- »es geht mir ja besser, viel besser --
und ich glaubte schon« -- seine Stimme senkte sich -- »ich glaubte, ich
würde Sie niemals wiedersehen!«
Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte den Kopf zurück, mit
halb geschlossenen Augen, ich sah nichts als sein Gesicht, das ein
Ausdruck seligen Friedens verklärte. Und dann hatten wir einander so
viel zu sagen, daß selbst die schlagende Uhr uns an die vorrückende
Stunde nicht zu erinnern vermochte.
Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« sagte er und sah
mich halb verwundert, halb mißbilligend an. Erschrocken sprang ich auf.
»Wie komm' ich nun ins Haus -- und wie in die Wohnung!« Ich hatte
vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.
»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, »nebenan auf dem Sofa
hat mein Bruder oft geschlafen, -- Friedrich braucht Ihnen nur die
Betten aus dem Schrank zu geben.«
War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Geräusch der
Großstadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am
nächsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den
Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das mürrische Gebahren
des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich
aus zwinkerndem Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem mir
fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott Lob -- Glyzcinski bemerkte
nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die
gleichmäßige Färbung.
»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« sagte er und behielt
meine Hand in der seinen.
Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: »Papa über deine Abreise
äußerst empört, verlangt sofortige Rückkehr oder Übersiedlung zu
Egidys.« Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die
Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu
verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast immer war ich bei
Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zuließ, daß ich ihn pflegte, so
konnte ich doch überwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die
verschiedenen Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt
wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich wieder und freute
mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der
liebe Kranke meine Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu
sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« sagte er ernst.
»Leidet er?« frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief
in den dunkelsten Schatten der Treppe.
»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum ertragen, aber er, --
wir Gesunden könnten ihn fast um das Glücksgefühl beneiden, das ihm
unveränderlich aus den Augen strahlt.«
»Wird er genesen und -- leben?« brachte ich mühsam hervor.
Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte
mir die Hand zum Abschied:
»Genesen, -- niemals! Leben?! Glück und Liebe sind Elixire, die schon
Sterbende ins Dasein zurückriefen. Verordnen können wir sie leider
nicht!«
Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich
kam, begrüßte er mich, als wäre ich Jahre fort gewesen, und des Abends,
wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen
wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. Der Philosophie war
der Vormittag gewidmet -- »in einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen
machen können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein
förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte
dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: daß mir für
große Gebiete des Wissens die sprachlichen und -- noch mehr -- die
mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft
wünschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu
können, aber dann lachte er mich aus: »Sie kennen das Leben, -- das ist
mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, -- das ist
besser, als mathematische Aufgaben lösen und den Plato im Urtext
verstehen können.«
Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir uns mit der
Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militärvorlage warf damals
ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine
lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schärfste das
Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf
dem Gebiet der Sozialpolitik einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes
nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte durch dürre
Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und
Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends,
wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer
deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen
Interessen traten mehr und mehr zurück: hier war ein Gebiet, das empfand
ich instinktiv, das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die
Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten
strömten mir in Form von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln
Aufklärungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in
den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich
Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate Fabrikarbeiter,« dessen
ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortriß; und als Dr. Brandt
dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben
gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen der
Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah
von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch
einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,
erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen den Ausgangspunkt
allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrückung.
»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, und alles wächst, --
dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden
stehen,« pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte:
»Könnten wir nur den Anfang der künftigen Ordnung der Dinge noch
erleben,« so antwortete er: »Aber wir sind ja schon mitten darin!«
Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen
Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste,
die Kunst schmiedete Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber«
andres, als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts
sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt mit blutenden Füßen und
keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem
Wege auf duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und hoch auf die
Berge der weiten Ausblicke führen, den kein Ausruhen lockt im Schatten
der Dorflinde und der Kirchenpforten, -- derselbe Fanatismus, der die
ersten Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer Götter in die
pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.
Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, die Pforte der
Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.
Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung
seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer,
der mit uns kämpfte?
Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen
melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen
tiefen Seeen spiegeln und in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue
Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein
fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam feinen Lächeln nannte,
war dabei: Detlev von Liliencron.
Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie
scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine
Schleier und keine Papierlaternen gedämpft wird, beleuchtet grell, was
am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit
kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in modischen Kleidern
und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schön sind und im Salon
blenden, wirken, wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb
gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem Lächeln und
der »interessanten« Blässe endloser Kaffeehausnächte auf den Zügen,
richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese
Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, zu sein, wo
sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme und Lodenjoppen und
setzen naiv grüne Hütchen auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen,
so tritt ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit
hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen großstädtischen
Lebens bleibt nichts übrig als die armselige Maske kleiner
Vorstadtkomödianten.
Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht immer Stand zu
halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es
einem beinahe wehe tut.
Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am
See. Warum hatte nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und so
geistreiche Augen -- so fleischige Finger und eine so starke Männerhand?
Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stück dieser
märkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch völlig
fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, bei dem alles zueinander
paßte.
Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann,
und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe.
Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes
Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die
Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst
retten muß vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit
auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden
zwischen der Heimat und mir!«
Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhörer war groß. Daß man jede
Szene stundenlang unter dem Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit
besprach, verletzte mich freilich. Erst auf dem Rückweg zur Bahn fing
man an, die Tendenz des Stückes zu erörtern.
»Daß das individualistische Prinzip darin zu so starkem Ausdruck kommt,
befriedigt mich ganz besonders,« sagte einer.
»Diese Maria ist die Personifizierung der Idee Nietzsches!« fügte
enthusiastisch ein anderer hinzu, »sie hat die Umwertung aller Werte für
sich vollzogen, sie steht jenseits von gut und böse, sie ist der
Übermensch, obwohl sie ein Weib ist!«
Der Übermensch, -- diese Maria, die sich von einem Elenden hatte
verführen lassen?! dachte ich. Und die Umwertung aller Werte sollte sie
vollzogen haben, weil sie die Heimat überwand?! Wäre es möglich, daß ich
meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? -- Die Unterhaltung
wurde lebhafter. Man sprach über die Notwendigkeit, den Sozialismus
durch den Individualismus zu überwinden, die Sklavenmoral durch die
Herrenmoral.
»Wir Künstler haben inmitten der gefährlichen Nivellierungsbestrebungen
unserer Zeit die Aufgabe, das Recht der Adelsmenschen zu vertreten,«
rief ein kleiner Mann mit einem Spitzbauch, während ihm die hellen
Schweißtropfen über das runde Gesicht liefen.
»Und worin besteht dieses Recht?« frug ich neugierig, das Lachen mühsam
verbeißend.
Verblüfft sah er mich an. »In dem Recht, sich zu behaupten, seine
Persönlichkeit auszuleben,« sagte er schließlich und hieb sich mit der
flachen Hand auf den breiten Sportgürtel, daß die dicke Goldkette
klirrte, die weithin leuchtend darüber hing.
»Sofern man eine hat,« meinte Liliencron lakonisch, der bisher fast
immer geschwiegen hatte.
»Gewiß -- gewiß,« echote der erhitzte Individualist, sichtlich froh, daß
der einfahrende Zug ihn einer weiteren Erörterung überhob.
Am nächsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht aus: wir stritten
uns über Nietzsche, und zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft
verteidigte Glyzcinski seine Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. »Wie
im Anarchismus die große Gefahr für die Verbreitung des Sozialismus in
der Arbeiterklasse zu suchen ist,« sagte er, »so kann die Ausbreitung
der Ideen Nietzsches die Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den
oberen Klassen völlig untergraben. Die Ausbildung der Persönlichkeit als
Selbstzweck steht zu unserem Ziel -- dem größten Glück der größten
Mehrheit -- in direktem Gegensatz.«
»Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,« antwortete ich schüchtern,
aber doch im Augenblick meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. »Mir
scheint nämlich, als ob gerade sie unser Ziel wäre. Höchstes Glück der
Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit, -- so ähnlich heißt es schon bei
Goethe. Und der Sozialismus soll eben die Möglichkeit für alle schaffen,
ein Glück sich zu erringen, das heute nur wenige genießen können.«
»Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wäre,« lachte Glyzcinski, »so
würde ihn diese Ihre Auslegung daran mahnen, zum Weibe nicht ohne
Peitsche zu kommen! -- Sehen Sie doch um sich: sind seine lautesten
Anhänger nicht unsere ärgsten Feinde?«
»Weil sie es sind, die ihn mißverstehen, nicht ich! Sich ausleben,
bedeutet doch nichts anderes, als alle Fesseln zerreißen und
zersprengen, die uns hindern können, die Glieder im Dienst der
Menschheit zu regen!«
»Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke
Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon Fichte und Kant und viele
andere mehr ausgesprochen haben,« antwortete der Professor. »Ich
fürchtete schon, wir beide könnten uneins werden, und nun sehe ich, daß
selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis unserer
Einigkeit ist.«
Ein unbestimmter Widerspruch, über dessen Inhalt ich mir nicht klar zu
werden vermochte, regte sich zwar noch in mir, aber ich war viel zu
glücklich über die Brücke des Verständnisses, die wir betreten hatten,
als daß ich weiter darüber hätte nachdenken mögen.
* * * * *
Die Eltern kehrten zurück. Die Stimmung des Vaters mir gegenüber
wechselte täglich: er konnte zärtlich sein und voller Interesse für
mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der nächsten Stunde schon
wandelte sich seine Liebe in rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte
Verdammungsurteile, wenn irgendein politisches Ereignis, eine
sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung der Ethischen
Bewegung in der konservativen Presse, den Aristokraten, den General, den
Monarchisten in ihm über den Vater siegen ließen. Die Mutter dagegen
blieb fast immer kühl, zurückhaltend, beobachtend. Klein-Ilschen ging
mir scheu aus dem Wege. Und als ich sie nach der Ursache frug, gestand
sie, daß der Konfirmandenunterricht ihr eine nähere Beziehung zu mir
unmöglich mache.
Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der ungern Geduldeten zu
spielen, -- an dem Tage aber, wo dies blonde Kind sich von mir wandte,
weinte ich.
Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft stand vor
der Tür. Aus allen Teilen Deutschlands strömten uns Begrüßungsschreiben,
Beitrittserklärungen, Zustimmungskundgebungen zu, -- es schien wirklich,
als hätten sich viele im stillen nach einer geistigen Vereinigung auf
dieser Basis gesehnt. Selten nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein:
Gelehrte und Ungelehrte, Leute mit berühmten Namen und mit Würden
beladen erschienen neben armen Handwerkern, und Frauen aus allen Kreisen
fanden sich ein. Es war ein anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen
war: entschiedener in seiner antireligiösen Gesinnung, von sozialem
Pflichtbewußtsein stärker durchdrungen. Und die nahende Vollendung
des lange vorbereiteten Werks gestaltete auch die letzten
Kommissionssitzungen harmonischer. Wir waren alle voll Zuversicht und
voll guten Willens, uns auf dem Boden »allgemein menschlicher Ethik«
zusammenzufinden.
Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde jeder neuen
humanitären Schöpfung begleitet und die Teilnehmer glauben läßt, der
Beginn sei schon die Vollendung, verliefen die offiziellen Gründungstage
unserer Gesellschaft. Es tat förmlich weh, zu der Nüchternheit der
Alltagsaufgaben zurückzukehren, und die meisten Menschen, die uns eben
noch zugejubelt hatten, ergriffen vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von
der Welterlösung geträumt hatte, wurde es besonders schwer, an all den
internen Beratungen und Zusammenkünften teil zu nehmen, wo über Fragen,
wie die der Versammlungslokale, der Einkassierung der Beiträge, und
dergleichen mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging regelmäßig
hin, um Glyzcinski darüber zu berichten, der nur ausnahmsweise an den
Sitzungen teilnehmen konnte, und daher auch oft den Grad meiner
Ernüchterung nicht verstand. In Rücksicht auf ihn, dessen Freundschaft
mit mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung meiner sehr geringen
Verdienste um die Gesellschaft, wurde mir, statt seiner -- der jede Wahl
von vornherein abgelehnt hatte -- der Schriftführerposten im
Hauptvorstand angeboten. Ich zögerte keinen Augenblick, ihn anzunehmen,
da ich mir wohl bewußt war, gerade durch ihn den größten Einfluß
gewinnen zu können. Zu Hause erzählte ich nicht ohne Stolz von der mir
widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade aus seinem Klub, und ich hatte
in meiner Freude auf seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche
Zeichen nicht bemerkt.
»Wie --«, fuhr er los, »ein Mensch, der meinen ehrlichen Namen trägt,
offizieller Vertreter dieser Gesellschaft internationaler Schwindler?!«
Ich wollte ihn unterbrechen, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.
»Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natürlich von Fremden
erfahren mußte, für die wahnwitzige Utopie ewigen Friedens demonstriert,
was nichts anderes bedeutet, als diesen Schuften, den Sozialdemokraten,
Wasser auf ihre Mühle treiben!« Seine Stimme schwoll an, als stünde er
auf dem Kasernenhof, »und die Religion wollt ihr schon den Kindern durch
euren sogenannten Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das --
wahrhaftig!« Er trat auf mich zu: »Ich verbiete dir ein- für allemal,
mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrätern gemeinsame Sache zu
machen -- sonst --«
»Du erlaubst, daß ich mich entferne --« unterbrach ich den Tobenden und
ging hinaus.
Am nächsten Morgen kam er mir entgegen: ganz blaß, mit überwachten,
müden Augen. »Höre auf deinen alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir
meint, -- du bist auf falschem Wege, -- schneide dir nicht die Rückkehr
ab, indem du dich öffentlich engagierst!«
»Laß mir Zeit zum Überlegen, lieber Vater,« bat ich stockend, innerlich
fast schon überwunden; nur bei Glyzcinski wollte ich mir noch Rats
erholen.
»Geben Sie nach, -- für diesmal noch!« sagte er, »das geringste Maß von
Schmerz sollen wir anderen zufügen. Und am schönsten ists, wenn der
Gegner sich uns aus Überzeugung schließlich selbst ergibt.«
Meinen Vater überwältigte fast die Rührung, als ich ihm sagte, daß ich
mich seinem Wunsche fügen wolle. Er ging selbst zum Professor und
unterhielt sich ruhig und eingehend mit ihm, »wie ein vollendeter
Ethiker.« Dann mußt ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid
auszusuchen: »Ich will nicht, daß du durch die ewige Näherei in der
Arbeit gestört wirst, die dir am Herzen liegt!«
Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fühlte, daß es nur
eines geringfügigen Anlasses bedurfte, um einen neuen Sturm
heraufzubeschwören.
Ich schwebte in ständiger Angst. Schon der Tritt meines Vaters auf der
Treppe machte mich zittern, und möglichst leise verließ ich nachmittags
das Haus, um erst dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tür von
Glyzcinskis Studierstube sich hinter mir schloß.
»Jetzt müßt' ich Sie pflegen können, wie Sie mich,« sagte er dann wohl,
und sein warmer Blick voll Liebe und Mitleid ruhte auf mir.
Eines Novemberabends -- ich hatte infolge eines heftigen
Erkältungsfiebers ein paar Tage das Bett hüten müssen -- kam ein Brief
vom Professor:
»Mein gnädigstes Fräulein!
Wir haben schon oft miteinander besprochen, daß die Schaffung eines
Ethischen Journals sich angesichts der Entwicklung der Gesellschaft als
eine immer stärkere Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich
innerhalb unserer literarischen Gruppe die Frage erörtert, und der
Verleger unserer Flugblätter hat sich bereit erklärt, eine Zeitschrift,
wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft mit mir ins Leben zu rufen; da ich
jedoch außerstande bin, sie allein zu leiten, -- der Redakteur eines
solchen Blattes muß persönlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen sein
können --, liegt die letzte Entscheidung der Sache in Ihrer Hand. Die
Stellung als mein Mitredakteur wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch
nehmen, und im Anfang ist der Verlag leider außerstande, Ihnen ein
höheres Honorar, als etwa fünfzehnhundert bis zweitausend Mark jährlich
zu bieten. Aber ich hoffe und glaube, daß Ihre Liebe zur Sache groß
genug ist, um über diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.
Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und herzlichen Grüßen an
Sie
Ihr treuergebenster
Georg von Glyzcinski.«
Das ist die Befreiung! jubelte ich -- und zitterte doch vor Angst, als
ich den Brief meinen Eltern gab. Die Szene, die folgte, war schlimmer
als je vorher. »Solange du meinen Namen trägst, niemals -- niemals!«
Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstraße und brach,
aufschluchzend, neben dem Stuhl des Freundes zusammen. Minutenlang
vermochte ich nicht zu sprechen und fühlte nur, wie der schmalen Hand,
die mir leise über die Stirne strich, wohltätige Ruhe entströmte. Und
dann erzählte ich --
»'Solange du meinen Namen trägst' -- das sagte Ihr Vater?« Glyzcinski
wandte den Kopf und sah zum Fenster hinaus, wo die roten und gelben
Blätter im Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, -- eine Mahnung zum
Aufbruch.
»Ich fürchte mich so --« murmelte ich mit neu hervorstürzenden Tränen.
Und aus dem Zwielicht und der Stille hörte ich seine leise Stimme sagen:
»Möchtest du bei mir bleiben, mein Schwesterchen?« -- »Immer -- immer
--« stöhnte ich und preßte meine Lippen, ehe ers hindern konnte, auf die
Hand, die weiß und unirdisch im Dämmer leuchtete.
Am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt ich diesen Brief:
»Mein liebes, gnädiges Fräulein!
Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn Sie eine Anzahl Jahre
älter geworden wären, ohne das Glück gefunden zu haben, das Sie in so
reichem Maße verdienen, -- wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf Liebe und
Glück verzichten zu müssen, vertraut gemacht hätten, dann wollte ich
fragen: Liebe Freundin, wollen wir zueinander ziehen, Mann und Frau
werden, dabei aber -- wie es mir beschieden wäre -- als Bruder und
Schwester weiterleben?!
Der Umstand nun, daß sich jetzt ein Arbeitsplan für uns meldet, dessen
Verwirklichung, nach dem Standpunkt, den Ihr Herr Vater einnimmt, zu
schließen, durch jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden würde,
ist der Grund, daß ich schon heut mit dieser Frage an Sie herantrete.
Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe
führen; sie würde für Sie alles andere eher als eine 'Versorgung' sein;
wir würden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch
eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe nur ein geringes
Einkommen. Im übrigen wissen Sie, daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein
kann.
Und nun dürfen Sie rasch 'nein' sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen würde
auch dann immer dieselbe bleiben. Das 'ja' würde jedenfalls eine lange
Überlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas Ähnliches,
als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem
einmal 'ja' sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe
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