* * * * *
Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten fast immer zu
unterwerfen, weil es im Grunde stets die ihren waren. Aber in Bezug auf
meine Theaterbesuche geriet sie in einen Zwiespalt mit ihrer eigenen
Neigung und mit ihrem Pflichtgefühl. Das Theater wurde mehr und mehr
ihre Leidenschaft, -- es war, als suche diese kühle, harte Frau das
Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte --, aber für sich allein und
ihr persönliches Vergnügen Geld auszugeben, wäre ihr nie in den Sinn
gekommen. Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit, daß »uns
doch niemand sehen wird«, und schärfte mir ein, nicht darüber zu
sprechen. So sahen wir »Die Ehre« und »Sodoms Ende«, dessen
ursprüngliches Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zurückgeführt
wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert hatte. Der tiefe
Eindruck, den wir empfingen, setzte sich aus Verblüffung, Entsetzen und
Ergriffenheit zusammen. Aber während er sich bei meiner Mutter durch den
befreienden Gedanken auslöste, daß hier der verdorbenen Bourgeoisie und
den verhaßten Parvenüs ein gräßliches Spiegelbild vorgehalten werde,
das sie im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft nach. Ich
sah in meinen Träumen Alma, das verdorbene Mädchen aus dem Hinterhaus,
und Frau Adah, die arme Reiche, die nach Glück und Liebe lechzte,
während ihr Mann sich mit Straßendirnen umhertrieb. Sie waren nichts als
Typen der modernen Gesellschaft, und ihre Wahrhaftigkeit erschütterte
mich.
Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem ich einst in Posen
meine heimlich erworbenen Reklambändchen verschlang, die Werke der
»Jungen«. Jedes Buch riß mir einen neuen Schleier von den Augen.
Kretzers »Meister Timpe«, Holz-Schlafs »Familie Selicke«, Gerhart
Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«, -- mit welcher Grausamkeit enthüllten
sie ungeahnte Tiefen des Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe
Bücher in die Hände -- von Strindberg, von Garborg, von Przybyszewski
--, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus blutende Herzen und
zuckende Sinne bloßlegten. Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe
Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart verschwimmende
Dämmerung nicht duldete, enthüllte sich nun auch die Welt in mir. Hatte
ich die zehrende Glut meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne
doch nur vergebens mit den Feuerlöscheimern des Verstandes und der
Pflichterfüllung zu ersticken gesucht.
Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten Farbenflecken unruhig,
blendend, vor meinen Augen geflirrt; jetzt erst entdeckte ich, daß sie
alle notwendig zueinander gehörten und zu einem einzigen, riesigen
Gemälde zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest und mutig darauf
zu richten, nicht zu schaudern vor der Wahrheit, die im zerschlissenen,
blutbefleckten Gewande der Not der schier endlosen Schar der Hungernden
und Blinden, der Lahmen und Verkrüppelten, der Irren und der
Kettenträger voranschritt. Wer sehend war, erkannte unter ihrem
Bettlermantel das Königskleid, und ihm wandelte sich die Geißel, die sie
trug, zur Fahne des Sieges.
Das Grauen verschwand, ein Gefühl unbezwinglicher Kraft überkam mich. O,
ich war stark genug, um, Seite an Seite mit den anderen, Ruinen
einzureißen und Felsen aufeinander zu türmen!
War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht ängstlich jenem pedantischen
Schulmeister, dem Alltag, der mich jeden Morgen aus meinen Träumen
weckte, mich zwang, zwanzig alte, muffig riechende Bücher zu
durchstöbern, um über irgend einen vergessenen Zeitgenossen Goethes
einen kleinen Artikel zu schreiben, oder meinem Schwesterchen beim
Rechnen beizustehen, oder Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder für ein
Dutzend überraschender Abendgäste den Tisch zu decken?!
In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine Aufsätze erschienen,
und von den weimarer Freunden und Verwandten meiner Großmutter wurde mir
eitel Anerkennung zu Teil. Auch der Großherzog ließ mir sagen, wie sehr
ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir nahe, nach Weimar zu
kommen, wo ich zu neuen Studien und Arbeiten alle Türen offen und alle
Menschen hilfsbereit finden würde. Mein Vater strahlte über diesen
Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment zögern könne,
der Anregung Folge zu leisten.
»Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen,« meinte er, »nun
kannst du es wenigstens auf eine standesgemäße Weise sein.«
Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten und ihm sagen, daß die
Fesseln des »Standesgemäßen« mir schon jetzt schmerzhaft genug ins
Fleisch schnitten?
Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man mich nicht.
»Der Großherzog selbst fordert Sie auf und bietet Ihnen seine Hilfe an,
und Sie haben noch Bedenken, nach Weimar zu gehen?!« sagte Professor
Fiedler, als ich einmal wieder zu einer größeren Abendgesellschaft bei
ihm war. »Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet mir eine Erklärung
dafür! Was viele Gelehrte vergebens wünschten -- Zugang zu den
verschlossenen Schätzen Weimars --, wird Ihnen hier entgegen getragen,
und Sie greifen nicht mit beiden Händen zu! Das bedeutet doch nichts
anderes, als eine Sicherstellung Ihrer literarischen Zukunft, als den
Beginn einer großen Karriere.« Ich hatte ihm und seiner Unterstützung
schon zu viel zu verdanken, als daß sein Zureden ohne Eindruck hätte
bleiben können.
»Sie haben persönliche Beziehungen zum Großherzog von Sachsen-Weimar?«
mischte sich ein anderer Gast ins Gespräch, der mich bisher von der Höhe
seiner Berühmtheit und seiner vielbewunderten Ähnlichkeit mit Goethe
kaum eines flüchtigen Grußes gewürdigt hatte. Ich erzählte von Großmamas
Freundschaft mit Karl Alexander. Der Kreis um mich vergrößerte sich. Man
erging sich in Lobeserhebungen des Fürsten, über den ich in meinen
Kreisen immer nur hatte lachen und spotten hören.
»Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, -- welche Dienste können
Sie dann der Wissenschaft leisten!« sagte der Mann mit dem Goethe-Kopf.
Seltsam, wie er plötzlich von meiner Leistungskraft überzeugt schien,
obwohl er alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen übergangen
hatte! Er führte mich zu Tisch, und ich, die ich bis jetzt eine
bescheiden abseits Stehende gewesen war, sah mich auf einmal im
Mittelpunkt der Gesellschaft. Das verletzte mich aufs tiefste: waren das
die freien, geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd
aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen Fortschritts
reißen sollte?
Auf das angenehmste überrascht wandte ich mich daher meinem Nachbarn zur
Rechten zu, der meinen Aufsatz in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu
haben schien und ein paar kritische Bemerkungen darüber machte. Er war
ein bekannter österreichischer Dichter, dessen tapfere Bücher, aus denen
das ganze Leid des jahrhundertelang verfolgten und unterdrückten
Judentums herausschrie, mich ihn schon lange bewundern ließen.
»Wie stolz müssen Sie sein, so wertvolle Andenken an Goethe Ihr eigen zu
nennen, wie die Gedichte an Ihre Frau Großmutter, wie den Ring aus der
Hand des Olympiers,« meinte er.
Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte die Runde um den
Tisch. Alles schien entzückt, dankbar, voll Bewunderung.
»Muß man das dem Fräulein glauben?!« rief plötzlich eine helle Stimme
von der anderen Seite der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte
ich mit den Augen die Sprecherin, -- sie hatte offenbar nicht den
mindesten Respekt vor meinen fürstlichen Beziehungen.
»Juliane Déry« -- flüsterte mir mein Tischherr zu, »ein überspanntes,
hypermodernes Frauenzimmer. Sie kennen doch ihre Novellen?«
Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre Unart gefiel mir. Nach
dem Souper sprach ich sie an.
Sie saß hingekauert zu Füßen des österreichischen Dichters und maß mich
mit einem feindseligen Blick, während sie ungeduldig den tief
herabgesunkenen Ärmel ihres ausgeschnittenen nilgrünen Kleides auf die
Schulter zurückschob.
»Ich habe kein Interesse für Goethe und nicht das mindeste für die
Goethe-Philologie,« sagte sie gereizt.
»Fräulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, als ob sie mit Haut
und Haaren der Philologie verfallen wäre,« lachte der Dichter, ein wenig
verlegen ob der Ungezogenheit seiner Gefährtin.
»Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« antwortete ich und setzte mich
auf einen geraden Holzstuhl, der mit ein paar anderen seinesgleichen,
einigen von Zeitschriften beladenen Tischen und schlichten Bücherregalen
die Einrichtung des Raumes bildete. Es schien als sei diese Einfachheit
wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger und beherrschender traten
die Goethe-Bilder hervor, die die Wände schmückten. »Tatsächlich habe
ich gar keine Neigung zur Philologie, -- sehen Sie nur, wie all der
aufgehäufte papierne Wissenskram schon vor dem bloßen Abbild des
lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es widerstrebt mir geradezu, ihn zu
vermehren.«
»Warum tun Sie's denn?!« rief die junge Schriftstellerin, spöttisch
lachend. Ich schwieg. Ich hatte die Empfindung, schon viel zu viel von
mir selbst verraten zu haben. Der Dichter, bemüht, zwischen mir und dem
Mädchen zu seinen Füßen eine Brücke zu bauen, lenkte ein: »Seien Sie ihr
nicht böse. Sie ist viel besser, als sie sich gibt, und mit der
borstigen Außenseite will sie nur das allzu Weiche ihres Inneren
verstecken.«
»Sie will?!« Juliane Déry sprang auf und wühlte mit nervösen schmalen
Fingern, die merkwürdig wenig zu der kurzen breiten Hand und dem
vulgären Handgelenk paßten, in ihrem wirren Haarschopf. »Sie will gar
nicht. Aber zuweilen muß sie. Und das Müssen widert sie an. Nicht
verbergen, bloßlegen, was ihr im Innern lebt -- ganz nackt und bloß --,
daß Ihr guten anständigen Leute eine Gänsehaut kriegt, das will sie, --
das wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben dienen, -- und
keinem toten Götzen.« Mir stieg das Blut in die Schläfen. Das Zimmer
hatte sich gefüllt. Wie konnte man vor all diesen fremden Menschen die
Pforten seiner Seele aufreißen, dachte ich, und doch beneidete ich sie,
weil sie es konnte.
Sie hatte einen Funken ins Pulverfaß geschleudert. Eine allgemeine
Unterhaltung über das Wollen und Können der Jungen entspann sich, bei
der die scheinbar ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung
gerieten, -- jene Erregung, die immer verrät, daß der Kampf aufhört,
objektiv geführt zu werden. Ich hörte mit steigendem Erstaunen zu.
Verteidigten sie nicht im Grunde ihre persönliche Ruhe, wenn sie mit
Keulen auf alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben
verkündigten?
»Der Pöbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu Kopfe gestiegen,«
eiferte Dr. Friedrich, der von vielen als zweiter Lessing gepriesen
wurde, und sein schmales bartloses Gesicht rötete sich. »Man spekuliert
auf die ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natürlich die
Masse auf seiner Seite. Was würde der Große hier sagen« -- er wies mit
einer theatralischen Gebärde auf die Bilder an den Wänden -- »wenn er
diese Entartung der deutschen Literatur hätte erleben müssen!«
Eine Pause trat ein. Juliane Déry stampfte mit dem Fuß und biß sich die
vollen Lippen wund, aber auch sie schwieg. Die Autorität des
gefürchteten Mannes wirkte lähmend auf alle. Ich allein war noch viel zu
naiv, um von seiner Macht eine Ahnung zu haben.
»Ich glaube, niemand würde die Jungen besser verstehen und würdigen als
er,« begann ich leise und stockend, während ängstliche, warnende und
spöttische Blicke sich auf mich richteten. »Sein Werther, sein Meister,
sein Faust und sein Gretchen vor allem mögen die meisten seiner
Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit nicht minder verletzt haben als
die Enthüllungen des äußeren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute
verletzen. Mir scheint, Dichter und Künstler müssen uns die Wahrheit
zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den Mut haben, sie aus
eigener Kraft zu sehen.«
Man unterbrach mich; Rufe der Entrüstung wurden laut, ich wollte schon
verschüchtert schweigen, als ein kühler, herausfordernder Blick Dr.
Friedrichs mich traf, der jetzt dicht vor mir stand.
»Reden Sie nur weiter, gnädiges Fräulein, reden Sie! Es ist
psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die Dinge auf Menschen
wirken, die, wie Sie, dem Leben so fern stehen.«
»Ich stehe ihm näher, viel näher, als Sie glauben --« nun flossen mir
die Worte rasch und klar von den Lippen -- »und ich weiß, daß wir nicht
weiter kommen -- der Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht --, solange
wir uns scheuen, das Böse und Widerwärtige, das Häßliche und
Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst daran erprobt sich die
Lebenskraft. Kein größeres Zeichen der Dekadenz gibt es als die Furcht
vor dem Schmerz. Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt
zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und Nietzsche und denen,
die ihresgleichen sind, nicht heilen läßt.« Ich atmete tief auf. Jetzt
erst sah ich wieder, wer um mich war: man lächelte, halb verlegen, halb
mitleidig, man zuckte die Achseln.
»Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen, meine Gnädigste,«
spöttelte Dr. Friedrich, »Sie haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin
ist an Ihnen verloren gegangen.«
Ich fühlte mich gedrückt und verlegen und mochte den Mund nicht mehr
auftun.
Auf dem Nachhausewege schloß sich mir plötzlich Juliane Déry an und
schob ihren Arm in den meinen.
»Sie sind eine tapfere kleine Person,« sagte sie, »aber furchtbar dumm
sind Sie auch! -- Das vergißt Ihnen der Friedrich nie!«
»Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, -- die Folgen will ich auf
mich nehmen.«
»Na -- allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! -- Aber -- da wir zwei die
Wahrheit zu vertragen scheinen, so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit
ist noch nicht erschöpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem
Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische Motive angedichtet. Die
Kunst ist Kunst, -- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hat eine
neue Schönheit entdeckt, die der Wahrheit -- der Häßlichkeit meinetwegen
--, die muß sie darstellen. Im Wort, im Bild, im Ton. Aber nützen und
bessern will sie nicht, soll sie nicht.«
»Mag sein, daß das nicht ihre Absicht ist. Auch die Blume blüht und
duftet und ist schön und vollendet, selbst wenn sie nicht zur Frucht
werden wollte. Aber die Frucht kommt ohne ihre Absicht.«
Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. »Ihr Vergleich
hinkt. Die Blume muß sterben, soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst
aber blüht und ist immer Frucht und Blume zugleich.«
Wir waren über kaum angelegte Straßen, an Kartoffelfeldern vorbei bis zu
der alten Linde gelangt, die mitten in der Straßenkreuzung des
Kurfürstendamms und der Tauenzienstraße stand, ein letzter Zeuge jener
Vergangenheit, wo die lauernde Schlange der Großstadt die Natur noch
nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt hatte.
Wir trennten uns mit einem Händedruck und doch eben so fremd wie vorher.
Nicht zu jenen gehörte ich, deren Gast ich eben gewesen war, und nicht
zu ihr. Wohin denn?...
* * * * *
Am nächsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten nach Weimar und
kündigte meinen Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich stürzen, das
würde wieder das Beste sein.
Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzählig bei uns
zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, die Potsdamer Kleves, Vetter
Fritz und Vetter Hermann Wolkenstein, der als Offizier auf keine
Karriere zu rechnen hatte und daher zur Diplomatie übergegangen war.
Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war gekommen, sehr alt, sehr
gebrechlich, aber mit ihren scharfen klugen Augen doch noch alles
sehend, alles beobachtend, und in ihrem Urteil härter denn je. Ihr Kopf
schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. Sie kannte die
Schicksale der entferntesten Verwandten. Mich mochte sie nicht: daß ich
als Kind auch nur wochenlang eine jüdische Schulfreundin gehabt hatte,
war ein unauslöschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute jedoch ließ
sie sich meinen Handkuß auf das gnädigste gefallen.
»Es freut mich, freut mich sehr, daß du nach Weimar gehst,« sagte sie,
»für verschrobene Köpfe wie deinen ist das gut -- sehr gut. Literarisch
angehauchte Frauenzimmer haben dort Aussicht auf Hofkarriere.« Ich
lächelte unwillkürlich: Professor Fiedler hatte auch von der »Karriere«
gesprochen!
Die Unterhaltung drehte sich zunächst um Familienereignisse. Von den
Vettern, die um die Ecke gegangen waren, und die, statt wie früher nach
Amerika, jetzt nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als
Kulturträger aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die
Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich doch nicht
schickten, war die Rede. »Besser sich die Finger mit Blut als mit Tinte
beschmutzen,« krähte die hohe Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann
wurde das unerhörte Ereignis kräftig glossiert, daß ein Golzow die
Tochter eines Großindustriellen geheiratet hatte. Die erste Unadelige in
der Familie, und noch dazu der Sprößling eines »Kohlenfritzen!«
»Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit gehabt, mir seine
Verlobungsanzeige zu schicken.« Auf Tante Jettchens runzligen Wangen
brannten rote Flecke. »Aber freilich, wenn von oben das Beispiel gegeben
wird! -- Wenn Se. Majestät selbst mit dem Kanonen-Krupp und den
Hamburger Kaffeesäcken fraternisiert! -- Und amerikanische
Milliardärstöchter, deren Väter noch mit dem Bündel auf dem Rücken
durchs Land zogen, hoffähig werden!« -- Ihre Stimme überschlug sich, der
stockende Atem zwang sie zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte
Stimmung Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum noch
möglich schien: Jeder wußte einen neuen Hofklatsch, eine neue Variation
einer der vielen Kaiserreden oder flüsterte dem Zunächstsitzenden -- aus
Rücksicht auf die anwesenden jungen Mädchen -- einen neuen derben Spaß
zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel die Lachlust Sr. Majestät
gereizt und sich eine neue Gunstbezeugung errungen hatte.
»Für das Modell des Doms, mit seiner überladenen Pracht, hat er selbst
die Zeichnungen entworfen,« sagte der eine, »dem Darsteller des großen
Kurfürsten in Wildenbruchs neuem Spektakelstück, dem 'neuen Herrn' --
das übrigens ein unglaublich taktloser Angriff auf Bismarck ist -- hat
er persönlich gezeigt, wie ein Hohenzoller sich bewegen und benehmen
muß,« -- fügte ein anderer hinzu, »kurz, der liebe Gott kann alles, aber
der Kaiser kann alles besser,« lachte Onkel Walter. Und die alte Tante
schüttelte sich vor Vergnügen: »Als roi soleil hat er sich ja auch schon
malen lassen!«
Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa hatte sich mit
bezeichnenden Blicken auf die jungen Offiziere schon oft vernehmbar
geräuspert.
»Nun aber genug des grausamen Spiels,« unterbrach er schließlich den
allgemeinen Redefluß. »Ich komme gewiß nicht in den Verdacht, ein
Sachwalter des neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, daß wir
doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. Schien er im
Überschwang jugendlicher Gefühle den Herren Sozialdemokraten
Konzessionen zu machen und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so
hat er doch beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen -- --«
Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des Angriffs.
Merkwürdig, welche Reizbarkeit alle Menschen befallen hatte, wie es fast
unmöglich schien, eine ruhige Unterhaltung zu führen.
»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber Hans,« rief Onkel
Walter, der sich als Reichstagsmitglied fühlte und sich gern das Ansehen
gab, als wäre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht;
»tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so
rascher, je mehr man uns, die einzigen Stützen der Monarchie, vor den
Kopf stößt. Ist es erhört, daß von einem preußischen Könige Ausdrücke
wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden können, daß
Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag,
die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«
Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der Unzufriedenheit, von dem
der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo
zu suchen!« sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne
Literatur. Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen hatte,
schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte
zwischen der Empörung, die die traditionelle Auffassung von dem, was
sich schickt, ihr auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr
Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre Empörung zu
stärken, aber unsere Gäste hielten dies Thema nicht für der Mühe wert,
um sich deswegen zu erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft
nehmen,« meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form amüsanter
Schweinereien -- nichts weiter.« Nur Tante Jettchen ereiferte sich:
»Anständige Leute gehen in solche Stücke nicht.« Und erleichtert über
die Wendung des Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.
Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, saß
ich in steigender Erregung. Plötzlich trafen mich die scharfen Augen des
Familienorakels. »Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie
nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der
alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende,
eine andere Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Verlegenheit
vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal,
den ich erregen würde, ließen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim
Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann
Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde
doppelt lächerlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst
und Literatur, und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit
und der dumme Hochmut der anderen empörte.
»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt eine der
Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.
»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie zu entwickeln,«
antwortete ich und warf den Kopf zurück.
»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte Hermann
naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten intimiert ...«
»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe --« spottete ich.
Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen
Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb
mit der riesigen, weißen, gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein
Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.
»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen den Zähnen hervor;
»mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu.« Ein
unartikulierter Laut ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden,
Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im Gesicht, mit
zuckenden Lippen.
»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,«
herrschte er Hermann an. »Habe gar keine Ursache, Herr von
Langenscheid,« antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück
und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die
heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch keine Geschichten, Fritz
--, Hermann ist taktlos wie immer -- bitte, mir zuliebe, beruhige dich!
-- das ist ja gräßlich -- hier, im Hause meiner Eltern!«
In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer an, sich zu
verabschieden. Fritz zog mich beiseite. Er zitterte vor Erregung.
»Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche Gemeinheit,«
flüsterte er mit erstickter Stimme.
»Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll ich ihm vielleicht
eingestehen, daß ich einmal im Leben liebte, -- mit ganzer Seele und mit
vollem Herzen?! Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung
fähig sind, mein Inneres entblößen, was ich vor mir selbst zu tun kaum
den Mut habe?«
»Alix!« von weit her schien jemand meinen Namen zu rufen, mit einem
Ausdruck, der mir in die Seele schnitt.
Im nächsten Moment beugte ich mich zum Abschied über die welke Hand
Tante Jettchens, hörte mit halbem Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und
fühlte schließlich noch Papas Lippen auf meiner Stirn.
»Gott Lob,« murmelte er, »den Abend hätten wir hinter uns!«
Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage später in
Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe
helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an
der Ackerwand führte mich die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter
ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr
da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf
rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien's, als wäre der
schöne, tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem leicht
gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.
Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über dem graziösen Sofa und den
verblaßten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus
dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und
streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln ein weißes Händchen
entgegen. War das wirklich die Gräfin Wendland -- meine Tante --, oder
war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus
hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrüßten mich, --
lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen
und allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.
Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, wie vor uralten
Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, als träfe ihre Kronen niemals
ein Wirbelsturm.
Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. Er kam zu Fuß und
unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen
Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen.
Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und je länger er sprach --
mit heller Stimme und in dem eleganten Französisch des ancien régime --,
desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg
die Vergangenheit empor. Von der Großmutter erzählte er mir zuerst, wie
schön und wie gut und wie klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist
in sich verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß sie
anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war.
Zuweilen legte er die Hand über die Augen, eine gelbliche, blutleere
muskellose Hand, die gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und
lehnte sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene Alter über
ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich darauf reckte sich sein
schmaler Oberkörper krampfhaft auf, die Hände umschlossen die
Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen
angelernten Fürstenlächeln, das über jede Empfindung hinweg täuschen
soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind
der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die
Erfüllung eines langgehegten Wunsches erwartete. Die Geschichte der
Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit
Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts »getreu ihrer Tradition,
Künstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg
zum Ruhm gebahnt hat.« Und von den Vielen erzählte er, denen Weimar ein
Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung
fanden, die die Welt draußen ihnen versagte. Er begeisterte sich an
seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit
einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten Augen
entzündete sich ein stilles Licht.
»Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt mit Weimars
Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren
Takt der Aristokratin,« sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand
reichte. »Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen
zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine
Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der
Großherzogin versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen -- --«
Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, -- daß ich nicht nein
sagen könnte und dürfte, war ihm selbstverständlich. Ich hatte mich nur
noch tief und dankbar zu verneigen.
Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne.
Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen.
Während langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit im
Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung
die unnahbare Fürstin, und doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren
Zügen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in allen
Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenüber in der
Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit
einer gewissen Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch
um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß
eine prächtige Landpastorin abgegeben hätte, unterstützte ihn darin.
Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche
Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten
einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte.
Wir waren in großer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht »Du«
zu dem anderen sagte.
Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an
das achtzehnte Jahrhundert über all diesen Menschen und ihrer Umgebung.
Alles war verblaßt, was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt und
geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, -- die gemalten Wangen, -- die
Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewänder, die Schönpflästerchen,
die bunten Westen, die weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die
Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig und
ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster brannten und das blanke
Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfältig wiedergaben,
schienen sie sich des alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und
lachten und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und ich selbst
mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der
Vergangenheit.
Auch in die Bürgerhäuser kam ich, wo Erinnerungen alter Zeiten in
vergilbten Briefen, zärtlich-himmelblauen Stammbüchern, Ringen aus den
Haaren der Liebsten, Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen
verwahrt wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, ein wenig enge
Geist der dreißiger Jahre herrschte hier. Keine moderne Renaissance
hatte die gradlinigen Biedermeiermöbel und die hellen Mullgardinen
verdrängt, und trotzdem der Rausch der Farben und der Töne eines
Böcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr getroffen hatte,
standen sie inmitten der weichen Märchenträume Schwindscher Wälder, und
in ihrem Inneren klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.
Ich arbeitete jeden Vormittag in den Räumen des Goethe-Archivs, hoch
oben im linken Schloßflügel, durch dessen Fenster der Blick weit über
den Park hinweg schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das
leise Geschwätz zwischen der plätschernden Ilm und den grünen
Baumblättern über ihr. Die gelehrten Herren, die mit mir arbeiteten,
behandelten mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die Mauern
aufrichtet zwischen den Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie
brachten mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, als
es nötig gewesen wäre, aber ich fühlte trotzdem die Geringschätzung des
deutschen Gelehrten vor dem Weibe, das in seine Kreise dringt. Doch je
länger ich in Weimar war, desto dichter umhüllte mich eine Atmosphäre
des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern auch unnahbar
hochmütig machte. Nur einer, der Direktor, ein geistvoller Sonderling,
begegnete mir wie ein Mensch dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, daß
ich seine väterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschläge, seine
sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht nur die Eitelkeit, die
in der Treibhausluft der Salons so üppig gedieh, auch die Ungeduld, die
mich oft mitten in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.
»Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser ewigen
Papierkorbarbeit,« rief ich einmal empört, als ich eine Notiz, die mir
fehlte, durchaus nicht finden konnte.
Der Direktor, der mir während der letzten Stunden geholfen hatte, sah
mich stirnrunzelnd an.
»Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gnädiges Fräulein,« sagte er
scharf. »Wer zur Vollendung eines Mosaikbildes ein einziges Steinchen
braucht und Kisten und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht,
der leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein ganzes Gemälde
in zwei Stunden hinpatzt. 'Beschränkung ist überall unser Loos,' sagt
unser Meister, und mit vollem Bewußtsein einseitig werden, ist der
Ausgangspunkt tüchtiger Leistung.«
»Beschränkung ist überall unser Loos«, -- das bohrte sich in mein Gehirn
-- ich suchte von da an meine Steinchen und unterdrückte mein Murren.
An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle Lieder der Sänger
Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf
nach Belvedere. Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest in sein
Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen und Rosen war der
runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geöffneten Türbogen lachte
der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen
Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die Zahl der Tischgäste
überstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gespräch, das wie der
Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine
streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine
Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald am grünen
Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und kühler Bergwind mir die
Stirn umstrich? -- der Duft der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber
hervorrief.
In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir
das Labyrinth und die Naturbühne und wies mit liebevoller Bewunderung
auf die sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die Ferne
dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme Schönheit, ein
reiner Rahmen für echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und
pflegen werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. -- Sie werden
in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich antwortete ausweichend. Er verstand
mich falsch: »Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie
mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck wandte er sich
anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf
Wendland, der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen
klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen
Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein
Ziel, aufs innigste zu wünschen, nicht wahr?!«
An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper.
Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, -- ein Original, über
das die Familie die Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte
sich schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes
Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Künstlern
und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen
Dekorationsstücken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie
allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden,
die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder
künstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lästig
wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge
brannte, der kam zu ihr.
Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen:
Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte neben dem schönen Schillerprofil
Alexander von Gleichens auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller
und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag
schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strauß stand schüchtern
in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten
verlachten, und der hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer
Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und blaß wie
er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein
Mädchen -- nicht jung, nicht alt -- in der Türe auf, das mir die Tante
schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele
Reuter. Und eine junge Sängerin kam, eine bayerische Oberstentochter,
die trotz ihrer schönen Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden
konnte und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die
sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte
Gesellschaft und das Gespräch, -- und warf ein geistvolles Wort hinein,
wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu geraten drohte.
Schließlich stritt man sich hitzig über Weimars Bedeutung für das
geistige Leben der Gegenwart.
»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber sie verkommen und
versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus
der Welt draußen hierher zurückkehren.«
Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im
großherzoglichen Hausarchiv tätig war. »Für den Mann der Wissenschaft
gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo
nichts ihn von seinen Studien ablenkt.«
Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. »Alten Leuten mag das
entsprechen. Euch Jungen aber muß der Sturm erst tüchtig um die Nase
blasen,« sagte sie. »Ausgegangen sind viele von hier, mit Schaffenskraft
gesättigt, aber etwas geworden sind sie erst außerhalb unserer milden
Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, -- hinaustreiben möcht ich Euch
alle miteinander,« und damit nickte sie dem schmalbrüstigen Musiker und
der schüchternen kleinen Schriftstellerin zu, um sich gleich darauf an
mich und an Eberstein zu wenden, der neben mir saß und ihr Neffe war:
»Ihr seid beide schon in Vorschußlorbeeren eingewickelt bis an den Hals,
aber trotzdem gebe ich euch noch nicht auf. Habt die Selbstverleugnung,
sie abzureißen! Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der
Hinterhausstuben.«
»Sie sind ganz blaß und still geworden, liebes Fräulein,« sagte
Gleichen, als er mich spät in der Nacht nach Hause begleitete. »Glauben
Sie, ich hätte meine verrückten Krautgärten malen können, wenn ich die
Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen hätte als hier?!«
Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich ihm zum erstenmal
begegnet war.
»Aber vielleicht bedeutet Weimar für mich, was für Sie die übrige Welt
bedeutet: Leben -- Befreiung?!« antwortete ich.
»Nein,« sagte er energisch und drückte mir die Hand. »Nein -- Sie
brauchen größeren Spielraum für Ihre Freiheit.«
Ich wurde müder von Tag zu Tag. War es die tägliche stundenlange
Morgenarbeit in den Archiven, war es die ununterbrochene Geselligkeit am
Mittag und am Abend, die mich allmählich erschlafften? Ich wurde mir
nicht klar darüber. Aber ich sehnte mich in die Stille der Berge, wo ich
mit Hilfe der aufgehäuften Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht
hatte. Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie fielen in
diesem Jahre mit dem Jubiläum des alten Theaters zusammen und zogen
Berühmtheiten aus aller Herren Ländern nach Weimar. Auch meine Berliner
Freunde fehlten nicht.
»Habe ich ihnen nicht gut geraten?« meinte Professor Fiedler mit
ehrlicher Freude, als er mich im Mittelpunkt der Gesellschaft, von
Anerkennung und Schmeichelei umgeben, wiedersah.
»Welch eine Ehre für mich, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Mann mit
dem Goethekopf, als er bei einem Diner neben mir saß.
Und ich sah mit wachsendem Mißvergnügen, wie tief all die Männer der
Kunst und Wissenschaft die grauen Köpfe vor den Fürsten neigten, wie sie
erwartungsvoll, stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und ein
Ausdruck von Beglückung das Gesicht jedes Einzelnen belebte, wenn der
Großherzog ein paar nichtssagende Worte an ihn richtete. Ich wurde
mißtrauisch gegen jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die
Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an mich richtete,
verbitterte mir der Gedanke, daß nur der Glanz der Krone, in deren
hellem Umkreis ich stand, mich dem Dichter als das erscheinen ließ, was
er besang.
Mit mir selbst zerfallen, saß ich am Vorabend meiner Abreise im dunklen
Hintergrund der kleinen Hofloge des Theaters und sah den Faust. Wie
seltsam geschah mir: Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt,
hatte täglich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk in
seinen Schriften umgab, und nun plötzlich sprach er selbst, und -- ich
kannte ihn nicht! Als hätte ich sie niemals gelesen, niemals auswendig
gewußt, trafen seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das
Dunkel erhellten, lauter Donnerschläge, die mich erbeben ließen.
Das war des Menschen Schicksal, das an mir vorüber rollte; mein eigen
kleines Leben sah ich darin verflochten mit seinen Kämpfen und
Niederlagen. Und vor einer Niederlage stand ich wieder. »Nur der
verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß«
dröhnte es mir in den Ohren.
Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich drückte ihm die Hand.
»Leben Sie wohl«, sagte ich. »Sie reisen?« Er sah mich forschend an.
»Ja, -- und ich werde nicht wiederkommen.«
Auf dem Frühstückstisch fand ich am nächsten Morgen zwei Briefe: vom
Großherzog, der mich aufforderte, den Hof nach Wilhelmstal zu begleiten,
von Tante Klotilde, die mir mitteilte, daß sie mich in diesem Sommer in
Grainau nicht erwarten könne, weil sie, dem Rate meiner Mutter folgend,
eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten habe. Ich zuckte
unwillkürlich zusammen, als habe mir jemand hinterrücks einen Schlag ins
Genick versetzt. »Also werd' ich nach Pirgallen gehen,« sagte ich laut,
wie zu mir selbst.
»Nach Pirgallen?!« frug die kleine Rokokogräfin erstaunt. »Man rechnet
doch auf dich für Wilhelmstal!« »Ich werde ablehnen müssen, -- mein Buch
soll zum Herbst fertig werden, -- ich brauche den Sommer zur Arbeit,«
antwortete ich ein wenig zögernd. Es war ein paar Augenblicke still in
dem weißen, von der Morgensonne hell durchfluteten Speisesaal. Nur der
Teekessel sang, und draußen über das holprige Pflaster rasselte eine
Hofequipage.
»Überlege es dir reiflich,« begann Graf Wendland langsam und sah mit
gerunzelter Stirn auf seine blanken Fingernägel. »Es ist vielleicht eine
Lebensentscheidung, die du triffst«, -- ein langer prüfender Blick traf
mich, -- »du weißt wohl noch nicht -- Prinz Hellmut hat am Mariental das
Schloß seiner eben verstorbenen Tante übernommen ...«
Wieder war es still. Ich hörte das Summen einer Biene am Fenster und
sah, wie schwarz und schwer das alte eichene Buffet sich von der weißen
Wand abhob. Mein Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment atemlos zu
toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut -- --! Er hatte mich gehen
heißen, als ich mich ihm geben wollte -- --! Aber hatte er nicht, wie
ich, unter dem Zwang großer, selbstverleugnender Liebe gehandelt -- --?
Doch warum kam er nicht wieder -- jetzt, da er ein freier Mann war? --
Ich strich mir mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der
Stirn:
»Mein Entschluß steht fest, -- ich gehe nach Pirgallen!«
Und nun saß ich in Großmamas stillem, grünem Zimmer unter dem weißen
Marmorbild ihres Vaters, und aus dem Garten grüßten die Jasminsträucher
mit großen, süß duftenden Blüten. Niemand störte mich in dieser
Einsamkeit. Onkel Walter fürchtete die Räume der Toten, als ginge ihr
Geist darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der Vater ritt mit dem
Schwesterchen durch die Wälder, wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten
wollen. Bücher und Notizen lagen in großen Stößen auf dem Tisch der
Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften mir alle Gedanken
ein. Tot und leer waren all die vielen Papiere, -- wie sollte je etwas
Lebendiges aus ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde die
fremden Dinge und Menschen an? Was würde die Welt davon haben, wenn ich
des langen und breiten von denen erzählte, die im Dunkel geblieben
wären, wenn nicht ein ganz Großer sie in seine Nähe gezogen hätte?
In Großmamas Bücherschrank standen Goethes Werke in langer Reihe mit
grünen Einbänden und weißen runden Schildern auf dem Rücken. Ich begann
zu lesen -- stundenlang, tagelang, wochenlang --. Und je mehr ich las,
desto mehr zog ich mich in die Räume zurück, die eine stille Insel waren
mitten im Weltgetriebe. Täglich schmückte ich sie mit frischen Blumen,
wie Großmama es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln
Sammetportieren vor Türen und Fenster und steckte die Ampel an mit der
großen Flamme unter dem sonnengoldnen Seidenschirm. Wenn ich dann halb
die Augen schloß, sah ich das Zimmer erfüllt wie von einem flimmernden
Nebel, aus dem die Statue Goethes immer größer und lebendiger
hervorwuchs.
»Rede zu mir, Meister!« flehte meine Seele. Und er redete.
»Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem Werke gleich,« zürnte
er.
»Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!« schrie meine Seele.
»Bleibe nicht am Boden haften -- frisch gewagt und frisch hinaus,« hörte
ich die Stimme des Mahners, »dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm,
-- tätig zu sein, ist seine Bestimmung!«
»So zeige meiner Kraft eine Tat --«, und sehnsüchtig streckte meine
Seele die gefalteten Hände empor zu ihm.
»Ein edler Held ists, der fürs Vaterland, ein edlerer, der für des
Landes Wohl, der edelste, der für die Menschheit kämpft....«
Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von den Marmorwänden
klangen dröhnend die Worte seines Hohenpriesters wider.
Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, -- tränkte ihn der
Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?
Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.
»Nenne mir Ziel und Maßstab meines Strebens!« flüsterte sie.
»... Solch ein Gewimmel möcht ich sehn -- auf freiem Grund mit freiem
Volke stehn....«
Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war ein Chor von
Millionen Stimmen, und alle Hoffnung der Verlassenen, alle Sehnsucht
deren, die zu leben begehren, tönte darin.
Ein Brief von Egidy, erfüllt von den Ereignissen der Gegenwart und
seinen Plänen für die Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zurück, und in
unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Betätigung vor mir. »Ihre
Übersiedelung nach Berlin freut mich außerordentlich,« antwortete ich
ihm, »und wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die Frage, ob
ich Ihre Mitkämpferin werden kann, zu antworten vermag, so steht das
Eine für mich fest: ich werde meine Kraft nicht im Durchstöbern alter
Folianten verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden Staubes
verdunkeln. Ich weiß, daß dem Christentum des Wortes das der Gesinnung
und der Tat folgen muß, -- nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den
Namen Christentum noch ein Recht haben.
Mein Entschluß, Weimar endgültig aufzugeben, hat in meiner Familie viel
Entrüstung hervorgerufen. Meine Mutter sieht darin einen neuen Beweis
für meine Charakterschwäche. 'Alix ist noch niemals konsequent bei der
Sache geblieben, -- sie wechselt ihre Neigungen für Menschen und Dinge
wie alte Handschuhe,' meinte sie. Ich selbst aber fange an zu glauben,
daß in dieser Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt.
Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine rückwärts gegangen.
Papa war traurig --, was mir immer am meisten weh tut. Mein Onkel
dagegen hat mir eine Rede gehalten, deren Quintessenz war, daß ich
lieber heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.
Wir reisen nächste Woche nach Haus.
Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen mir plötzlich die
Tränen in die Augen, wenn ich den breiten efeuumsponnenen Turm von
Pirgallen vor mir sehe. Er war etwas Lebendiges für mich; ein treuer,
starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die zu seinen Füßen
wuchsen und in seinem Schutz. Nun hat er die Seele verloren, seit
Großmama ihn verließ. Es ist auch für mich Zeit, zu gehen. Aber soviel
Stärke auch die Erkenntnis verleiht und der Entschluß, -- der Abschied
von den Toten tut weh. Und mir ist, als sähe ich sie nie wieder ....«
Siebzehntes Kapitel
Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt sich der Himmel über Berlin;
alles Licht ist gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton.
Auf den Anlagen der großen Plätze und in den Vorgärten der Häuser, die
die Kultur mühsam dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt
ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot
der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grünen
Rasenteppich glänzen Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während
sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen Steinstufen der
Estraden schmiegen. Goldene Blätter tanzen in lind bewegter Luft, und
unter den Bäumen sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der
Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle und Kleider
tragen, die aussehen, als wären sie in der Sommersonne verblichen.
Täglich, am frühen Nachmittag, gingen wir vier in den nahen Zoologischen
Garten, wo sich die Bewohner des Westens am Neptunteich unter den
Musikkapellen ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behäbige
Spießbürger mit Freunden und Verwandten, im stillen beglückt, nach der
vorschriftsmäßigen Sommerreise wieder ruhig am rotgedeckten Tisch zu
sitzen, statt schwitzend und prustend Ausflüge abzuklappern. Hier
erschien in schäbiger Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um ihre
schon stark angejahrten, interessant verschleierten Töchter vor
Männeraugen spazieren zu führen. Hier ließen sich mit der Stickerei und
dem mitgebrachten Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die Überflüssigen
nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. Droben aber vor
dem Restaurant, wo die weißen Tischtücher weithin sichtbar die Klassen
schieden, tauchten elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und
Rücken an Rücken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft saß im Glanz
ihrer Brillanten und schwarzen Augen die schöne Otero und ihresgleichen.
Jenseits jedoch, auf dem Hügel hinter dem Neptun, fanden die Stillen
sich ein, die Musik- und die Naturschwärmer, die Nebenabsichtslosen mit
ihren Büchern und ihren Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der
Lästerallee den bunten Strom kokettierender Jugend an sich
vorüberfluten: bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, kurzröckige
Mädchen mit heißen Augen; greisenhafte Jünglinge, lüstern nach Beute um
sich schauend; korrekte junge Damen, glatt gescheitelt, mit kühlen,
bleichen Wangen.
Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich nicht gern hierher;
es kam mir wie Zeitverschwendung vor, und überdies sah ich mit leiser
Angst mein reizendes Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und
Gymnasiasten. Aber mein Vater liebte den Verkehr mit alten Freunden, die
hier immer zu finden waren, und meine Mutter amüsierte der
großstädtische Trubel. Bald hatten auch wir unseren Stammtisch unter
der großen Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster
Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames Gefühl aneinander zu
fesseln schien: die Unzufriedenheit. Das Leben hatte ihnen allen nicht
gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatten, und sie gaben nicht
sich die Schuld, und nicht den Verhältnissen, -- wodurch Unzufriedenheit
zum Hebel der Tatkraft werden kann, -- sondern den heimlichen Feinden im
Militär- und Zivilkabinett und den Intriganten am neuen Kaiserhof.
Es waren Männer darunter, die, um die magere Pension zu erhöhen und
ihren Frauen und Töchtern standesgemäße Toiletten, ihren Söhnen die
Leutnantszulage zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten
Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp ab liefen, und nachmittags
im Zoologischen den Junker spielten, der von seinen Renten lebt. Andere,
die für ihre ungebrochene Kraft eine Beschäftigung, für ihre leere Zeit
eine Ausfüllung brauchten, griffen zu den seltsamsten Hilfsmitteln. Der
eine vergrub sich in heraldische Studien, ein zweiter sammelte
Briefmarken, ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken dem
Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus auf und hatte täglich
andere Geistererscheinungen. Aus Langerweile ließ ich mich mit diesem
seltsamen Kauz, einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste
Erscheinung mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher
erinnerte, oftmals in Gespräche ein und amüsierte mich im stillen
darüber, auf welch vertrautem Fuß er mit dem lieben Gott stand, und wie
glühend er zu gleicher Zeit die Kirche und ihre Diener haßte. Dankbar
für mein vermeintliches Interesse brachte er mir täglich andere Bücher
und Broschüren und lief geduldig die Lästerallee mit mir auf und ab,
wenn ich es in der von Ärger und Mißgunst geschwängerten Atmosphäre
unserer Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.
So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle zur anderen,
als der Oberst plötzlich stehen blieb.
»Wie gehts dir, Vetter?« hörte ich ihn sagen; mein Blick fiel durch den
Schwarm Vorübergehender hindurch auf ein schmales Gesicht, von dichtem
braunem Bart umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen
herausleuchteten, wie von großer innerer Freude erhellt. »Gut -- sehr
gut,« antwortete eine Stimme, die wie ein voller Geigenton klang. Welch
glücklicher Mensch muß das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem
Augenblick schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, -- ich
sah einen Rollstuhl, -- eine dunkle Pelzdecke, -- zwei ganz schmale,
weiße Hände, deren blaues Geäder wie mit einem feinen Pinsel gezogen
war, -- einen schmächtigen Oberkörper -- -- unmöglich! -- das konnte
doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! Aber schon
richteten sie sich auf mich -- verwirrt sah ich zu Boden. »Entschuldigen
Sie ...« sagte mein Begleiter im Weitergehen. »Wer war das?« frug ich
hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.
»Professor von Glyzcinski -- mein Vetter,« lautete die lakonische
Antwort.
»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein rasch entstandener Wunsch
formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.
»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung über seine
Lippen.
Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir
zitternd über den Rücken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch stärker.
»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an:
»Aber die Verantwortung tragen Sie allein!«
Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein von Kleve möchte dich
kennen lernen, Georg, -- sie ist Schriftstellerin.«
Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. »Dann freue
ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« sagte er, und seine Hand umfaßte
die meine mit einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut
hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft.«
»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« meinte ich
zweifelnd.
»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien ihnen offen stehen, wie
den Männern!« Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich
bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische
Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz
geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die
Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine
Ansicht. Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten Töchtern
ging gerade vorüber.
»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit Jahren hier auf den
Heiratsmarkt geführt werden, vielleicht würdigere Vertreter der
Weiblichkeit?« sagte er, »die russische Studentin ziehe ich ihnen
jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, -- sie selbst würde keinenfalls
mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und
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