Stimmen mischte sich hinein: die Glocken Münsters, die zur Frühmesse
riefen. Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze Luft in
geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.
Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus. Eine breite Straße
sah ich, eingefaßt von hochgegiebelten Häusern mit reichen Zieraten,
Erkern, Blätterwerk und Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die
Trennung vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten aber
verbanden gewölbte Arkaden, deren breite Bogen auf trutzig-kräftigen
Pfeilern ruhten, alle Gebäude miteinander. Mir war, als sei mir durch
einen Blick der tiefe Sinn alten deutschen Bürgertums aufgegangen: wie
es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Schutzes
festbegründet ruhte und die Einheit und Selbständigkeit der Familie klar
und scharf sich daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel
gelästerte »finstere« Mittelalter gewesen, das für Inhalt und Bedeutung
des Lebens so wundervoll-harmonische Ausdrucksformen fand!
Eine Kirche, über die der ganze glaubensselige Reichtum der Gotik
ausgegossen schien, schloß mit schlankem Turm, durch dessen Maßwerk hoch
oben des Himmels lichte Bläue strahlte, und kraftvoll aufwärts
wachsenden Strebepfeilern die Straße gen Norden ab. Mußten sich nun
nicht rings die Tore öffnen, um fromme Beter zur Frühmesse zu entlassen,
-- Frauen in langen, reichen Gewändern, mit perlengestickten Gürteln,
das Haupt züchtig umhüllt, das Gebetbuch mit kunstvoll-geschmiedeter
Silberschließe in den Händen, -- Männer mit bunten geschlitzten Wämsen
und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete vergebens. Nur ein
paar Weiber in jenen tonlosen Kleidern, die das Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, passend zum monotonen Stil seiner Kasernenstädte, erfunden
hat, verschwanden hinter den Kirchentüren. Schon wollte ich mich,
unmutig über den zerstörten Zauber zurück ins Zimmer wenden, als mein
Blick noch einmal gefesselt ward: aus der engen Gasse gegenüber wand
sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer Hauben wehten im
Morgenwind, eng aneinander gedrückt, bewegten sie sich unhörbaren
Schrittes vorwärts, -- eine Kette verflogener Nachtvögel, die lichtscheu
über den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits
verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die Straße.
Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem künftigen Heim: dem
ehemaligen Kloster der Augustinerinnen, das fast vierhundert Jahre lang
dem strengen Orden der büßenden Nonnen gehört hatte, ehe es der
pietätlosen, säbelrasselnden Preußenpolitik zum Opfer fiel. Vor dem
langgestreckten grauen Haus mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern stand hinter ein paar mächtigen Linden halb versteckt die
uralte dunkle Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes
-- eines jener zahlreichen prunkvollen Stadtschlösser westfälischer
Adelsgeschlechter -- umschlossen hinter ihr den engen Platz. Nur zögernd
betrat ich den breiten, fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute
erklärende Stimme des Intendanturbeamten, der uns führte, machte mir
denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen all jener Kirchen-,
Gallerie- und Schloßdiener, die eigens dazu berufen zu sein scheinen,
den Besucher vor der Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich ließ
ihn vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag draußen,
die Sonne überflutete das große Treppenhaus, aber in die Zimmer hinein
drang sie nicht; hier wehte jene schwere kühle Luft der Grüfte, die nie
ein Sonnenstrahl berührt. Alle Wohnräume lagen nach Norden, -- kein
warmer Gruß lockenden Lebens durfte die Nonnen berühren, deren Zellen
hier gewesen waren. Eine davon mochte wohl den frömmsten zur Wohnung
gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus; gerade gegenüber,
zum Greifen nah, fiel der Blick auf das hohe gotische Fenster der
Klosterkapelle, aus dessen zerbrochenem Glasgemälde die
schmerzverzerrten Züge eines heiligen Märtyrers noch zu erkennen waren.
»Hier ist der Zugang zur Kapelle vermauert,« hatte ich von ferne den
Beamten sagen hören; »die Leute erzählen sich noch immer, daß die Nonnen
nächtlicherweile hier umgehen und klagend an den Wänden kratzen, weil
ihnen der Weg versperrt wurde.«
Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen Münsters -- die
Linde -- schmückte auch ihn, aber jetzt, da sie kahl war, verstärkte sie
nur den Eindruck lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen:
die der Kürassierkaserne auf der einen, die des Proviantmagazins, in das
ein Flügel des Klosters umgewandelt worden war, auf der anderen Seite.
»Hier war der Kirchhof des Klosters,« sagte unser Führer. »Als vor ein
paar Jahren Exzellenz Melchior durch das Tor dort hereinfuhr, senkte
sich der Boden, und die Räder wühlten vermorschte Särge auf.« -- »Eine
gemütliche Dienstwohnung, -- das muß ich sagen,« versuchte mein Vater zu
scherzen. Ich fühlte, daß es auch ihm schwer wie ein Alb auf der Seele
lag. »Mir gefällt sie ausnehmend,« sagte meine Mutter lächelnd, »die
armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung ist prachtvoll.«
Die Handwerker brachten von nun an Lärm und Leben hinein. Wir blieben
noch ein paar Wochen im Hotel, und ich benutzte die Zeit, um in allen
Gassen und Kirchen umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt
gesehen: in Augsburg, in Nürnberg hatte die neue Zeit unter der Führung
der rücksichtslosen Eroberer Industrie und Technik die alte mehr und
mehr zurückgedrängt, überflutet, vernichtet, -- hier stand das Leben
still, kein Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen
Protzenhaftigkeit neben den Kirchentürmen; hinter hohen Eisengittern,
in vornehmer Zurückgezogenheit prangten die Renaissance- und
Rokokoschlösser der Ketteler, der Heereman, der Droste-Vischering, der
Romberg, der Zwickel der Bevernförde, der Schmising, der Galen, der
Fürstenberg; zwischen hundertjährigen Linden standen Kirchen und
Kapellen, erfüllt von der Pracht und Schönheit romanischer und gotischer
Kunst; in abgelegenen Winkeln tauchten alte Klöster auf, deren
grasüberwucherte Höfe von Kreuzgängen wie von schützenden Armen umgeben
waren; manch alte Festungsmauer lugte draußen vor der Stadt zwischen
dickem Efeu und dichtem Gebüsch hervor, und heimlich verträumte
Plätzchen gab es neben plätschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen
Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.
Daß die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefaßt hatte, als draußen
in der Welt die Aufklärung umging und sie mit Stumpf und Stiel
auszurotten trachtete, daß Freiheitsschwärmer, wie die Brüder Stolberg,
sich hier zu Füßen der Fürstin Galitzin in die Fesseln der katholischen
Kirche schlagen ließen und Hamann, der Magus des Nordens, hier seinen
frommen Phantasien lebte, -- wer verstünde es nicht, dem Münster seinen
Zauber enthüllte?
Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die genußvolle Zeit
täglicher Entdeckungsreisen ein Ende. Die häuslichen und außerhäuslichen
Pflichten nahmen mich wieder in Anspruch. »Wir feierten den gestrigen
Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der Garnisonkirche und
hörten in einem kahlen, kalten, nüchternen Raum eine ebensolche
Predigt,« schrieb ich an meine Kusine. »Dann kamen Besuche über Besuche,
-- leider nur solche, bei denen es einem geht, wie dem erwachsenen
Menschen vor dem Marionettentheater: alles Interesse hört auf, sobald
der Unternehmer die Puppen wieder in den Kasten legt. Am liebsten möchte
ich jetzt still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen,
lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt -- im Verein für
Wissenschaft und Kunst --, die mir um so mehr zur Verfügung steht, als
sie niemand sonst zu benutzen scheint. Ein junger Beamter mit einem
strengen Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte, ist
jetzt mein bester Berater. Du hättest sehen sollen, wie seine sonst halb
geschlossenen Augen aufleuchteten, als ich die Schönheit Münsters pries!
'Wenn Sie erst ganz Westfalen kennen würden!' meinte er, und dabei
huschte ein heller Schein kindlicher Schwärmerei ihm über die Züge. Er
gab mir Stöße von Büchern mit, aus denen ich Natur und Kunst seiner
geliebten roten Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit mehr
anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen kulturgeschichtlichen
Inhalts, die der Katalog der Bibliothek aufweist. Mein Berater erklärte
freilich mit aller Bestimmtheit, das wäre nichts für mich, es seien
Bücher darunter, die die Ruhe der Seele gefährdeten; er wurde blaß und
rot, als ich ihm versicherte, daß mir nichts wünschenswerter sei; und
als ich von dem alten Bibliotheksdiener Leckys Geschichte der Aufklärung
und Tylors Anfänge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie eine
Erscheinung und stotterte schließlich: »Aber -- aber es sind nicht
einmal Bilder drin!« Nächtlicherweile habe ich sie verschlungen, mein
Verstand hat zu ihnen ja und zehnmal ja gesagt; -- meine Sinne aber
schwelgten im weihrauchgeschwängerten Dämmerdunkel des Doms. Unter
diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten, bis mir klar wurde,
daß es gar keiner ist: alle Seiten unserer Natur bedürfen der Nahrung,
und die Kunst ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im Grunde
nichts als Kunst und gestaltende Phantasie. Mir war der Protestantismus
nie sympatisch; daß er im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen
Geistes und Wesens, sondern ausgesprochen areligiös ist, wurde mir von
diesem Standpunkt aus erst völlig klar.
Leider muß ich mir zum Denken und Lernen jede Stunde erkämpfen. Vor
Räumen, Toilettenkrimskrams, Leute einarbeiten, Besuche machen und
empfangen komme ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder
ein paar landläufige Weisheitssprüche als fadenscheiniger Plunder
erwiesen: 'Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,' -- 'Gut Gewissen, sanftes
Ruhekissen' -- 'Pflichterfüllung beglückt', -- lauter faustdicke Lügen,
die man uns wie Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit nicht
mehr sehen können, -- die Wahrheit, die uns zeigt: Tue Deine Arbeit,
dann erst findest Du Befriedigung, -- erfülle Deine Bestimmung, dann
erst wirst Du glücklich sein.«
Mit steigender Virtuosität führte ich ein Doppelleben: ich vergrub mich
stundenweise in meine Bücher, ich lebte mit meinen Gedanken in ihnen,
während ich Hüte garnierte, schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu
den immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und Bällen beschäftigt
war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im Festkleid in den Wagen stieg
oder die ersten Gäste bei uns erschienen, zog ich den Schlüssel zu dem
Geheimfach meines Innern ab, und nichts blieb von mir übrig als die
Salondame.
Pünktlich mit dem Dreikönigstag öffneten sich die Adelshöfe Münsters.
Der Karneval zog ein. Keiner von denen, die weise Maß halten und Hygiene
und Moral zu Hofmarschällen ernennen, damit die braven Menschenkinder
sich auch den Magen nicht verderben -- sondern ein ungestümer, ein
wilder, zügelloser, der jung und alt in seine Dienste zwingt, der uns
überkommt wie ein Rausch und uns selig-müde zurück läßt.
Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch immer lebendig ist,
erzählt, daß der Teufel einmal die Junker der ganzen Welt in seinen Sack
gesteckt habe, um sie der Hölle zu überliefern. Als er just über
Westfalen flog, zerriß der Sack, und es regnete Ritter. Darum gibt es
noch heut auf der roten Erde eine so große Menge von ihnen, und kein
Königshof könnte eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als
Münster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel, dessen Ursprung
sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds des Sachsenherzogs
verliert, den Glanz verleiht, ist der gesicherte Reichtum vieler
Generationen. Der preußische, der schlesische, der märkische Edelmann
mit seinen großen Händen, seiner breiten Statur, seinem dicken Schädel
verrät noch oft, daß sein Vorfahr wie ein Bauer arbeiten und leben
mußte, und sein derber Witz, seine Verständnislosigkeit für die feineren
künstlerischen Reize des Lebens lassen nicht vergessen, daß neben Axt
und Pflug sein einziges Handwerkszeug das Schwert gewesen ist. Seines
westfälischen Standesgenossen rassige Schlankheit, seine der harten
Arbeit seit Jahrhunderten entwöhnten Hände verdankt er dagegen der
Freigebigkeit des üppigen Bodens, den Scharen der Hörigen, die ihn
bebauen mußten; und die Grazie seiner gesellschaftlichen Formen, die
Schönheit seiner Umgebung erinnert an die prunkvollen Höfe der
Kirchenfürsten von Köln, von Paderborn, von Münster, wo seine Ahnen
erzogen wurden, und an die künstlerische Kultur, die die katholische
Kirche um sich verbreitete. Mit einem angeborenen Sinn für Stoffe und
Farben kleiden sich seine schön gewachsenen, ein wenig steifen Frauen
und Töchter mit den feinen, regelmäßigen, ein wenig leeren Gesichtern;
Perlen und Edelsteine in herrlicher alter Fassung schmücken ihre vollen
blonden Haare, ihre schneeweißen Nacken und Arme. Die Möbel, die
Schaustücke, das reiche Silbergerät in ihren Häusern ist ererbter
Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik, der Renaissance, des
Rokoko; von den farbensatten Gobelins, die die Wände der Säle decken,
sieht die ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht, das ihr
auch geistig nicht untreu geworden ist.
Sie sind alle gläubige Katholiken; sie versäumen die Messe nicht, auch
wenn sie die Nächte durchtanzen; barhäuptig, Gebetbuch und Rosenkranz in
den Händen, schreiten die vornehmsten mit in der großen Prozession am
Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage Mariä Heimsuchung; die Kirche
ist ihr eigentliches Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes
behandelte der westfälische Adel die preußischen Beamten und Offiziere
wie Feinde, und eine gewisse mißtrauische Zurückhaltung zeigte sich hier
und da auch jetzt. Aber sie galt weniger dem preußischen Protestanten im
allgemeinen, als dem einzelnen, der mit taktloser Großspurigkeit
auftrat, oder -- dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien. Hier
herrschte noch vollkommenste Exklusivität, -- ein Bürgerlicher, ein
Neugeadelter war nicht gesellschaftsfähig, und dies ungeschriebene
Gesetz wurde den Einheimischen gegenüber am strengsten gehandhabt. Eine
Organisation westfälischer Damen, die angesichts des Gleichheitstaumels
der französischen Revolutionsepoche gegründet worden war, konnte über
Sein und Nichtsein entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der
Bälle des Damenklubs weit und breit berühmt und -- gefürchtet. Wer dazu
nicht geladen wurde, war einfür allemal boykottiert; rückhaltlos
gesellschaftlich anerkannt war nur, wer auch bei den intimen
Veranstaltungen nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder des
westfälischen Adels, die sich irgend etwas hatten zuschulden kommen
lassen, durch geheime Abstimmung auf Monate oder Jahre von allem Verkehr
mit seinen Standesgenossen auszuschließen.
Die Rücksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen -- spukte nicht hier
sogar die Erinnerung an die Vehme? -- führte zu merkwürdigen
Konsequenzen: man hatte zwar durchgesetzt, daß auch die nicht adeligen
Offiziere nicht völlig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden, aber
sie wurden nur zu großen Bällen gebeten und hätten es auch dort kaum
wagen dürfen, eine westfälische Dame zum Tanz zu führen. Die vierten
Kürassiere und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, --
Regimenter, so vornehm wie nur irgend eins der Garde, in die nicht
einmal ein unadliger Einjähriger Aufnahme fand, -- waren die allein
'hoffähigen'. Und so war es denn auch nicht die Stellung meines Vaters,
sondern sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns rasch alle
Türen öffneten. Geistige Ansprüche an unsere Gesellschaft zu stellen,
hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve, die mit heißen Wangen und
brennender Lebenslust zum Klang süßer Walzerweisen von einem Arm in den
anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit klopfendem Herzen und
unstillbarem Geistesdurst über den Büchern saß.
Die Atmosphäre der Vornehmheit und des Reichtums, die Eleganz der
Tänzer, die Schönheit der Menschen und der Räume befriedigte meine
Sinne; es gab Tage und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des
Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine Tanzmelodie mich wie
ein elektrischer Schlag bis in die Fußspitzen durchzuckte und alle
übrigen Lebenstöne erschlug. Wir tanzten täglich; in den Fastnachtstagen
fielen sogar die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter
Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir uns unter die
maskierte Menge der Straße. Alle Höfe und Häuser standen offen; überall
konnten die Masken sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die
sprudelnde Lustigkeit nie in rohe Späße aus.
Am Fastnachtsdienstag gab es ein Frühstück im Kürassierkasino, wo die
Sektpfropfen knatterten wie Salven, und darauf einen ausgelassenen Tanz
im Sande der Reitbahn, wo die Herren um die Wette über Hürden und Gräben
sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch einmal wurde
getanzt wie rasend, alte Graubärte machten den Jüngsten den Rang dabei
streitig, und die Fülle der Blumen, die uns gespendet wurden, ließ sich
kaum fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich fühlte nichts
mehr als die wiegende, schleifende Bewegung und den heißen, keuchenden
Atem meiner Tänzer. Plötzlich, mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand
alles still, wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab, mit
kurzem Gruß huschten die Damen hinaus, rasch warfen die Herren den
Mantel über die Schultern -- zwölf schlug die tiefe Glocke vom Domturm,
Aschermittwoch klingelte das schrille Glöcklein von der
Liebfrauenkirche.
Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still, mit verhängten
Fenstern lagen von nun an wieder die Adelshöfe. Nur drüben im
Erbdrostenhof regte sichs noch: gestern hatte die schlanke Tochter des
Hauses mit uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen den
Schleier. Wie eine glückliche Braut ward sie von all den Ihren geleitet,
und sie selbst lächelte wie eine solche. Mit einem Glanz verklärter
Freude auf den Zügen leisteten ihre Brüder -- die übermütigsten Tänzer
sonst -- die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung. Und doch
wußten alle, daß es ein Abschied für immer war, denn in strenger Klausur
verbringen die Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Buße geweihtes
Leben.
Während der Fastenzeit kamen Kapuzinermönche nach Münster, die besten
Kirchenredner ihres Ordens. Sie Sprachen von vier Kanzeln dreimal des
Tags, und Kopf an Kopf drängte sich jedesmal die Menge und hielt
geduldig stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in den Dom; die
fanatische Beredsamkeit dieser blassen Männer in ihren braunen Kutten
war überwältigend. Sie sprachen rücksichtslos und griffen mitten ins
Leben, und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur in dem
wachsenden Andrang zu ihren Beichtstühlen zum Ausdruck kam, sondern auch
in den Handlungen der Einwohner Münsters. Wir hörten häufig, daß
gestohlenes Gut zurückgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten um
Verzeihung baten, Treulose zu den verführten Mädchen zurückkehrten. »Es
geht ein Zug nach Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer
selbst nicht bewußt, auch die asketischen Diener der Kirche folgen
müssen. Zuweilen, wenn sie mit überwältigender Kraft das Elend armer
Arbeiter schilderten, und den Reihen, die nicht sehen und hören wollen,
mit den Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es wirklich
Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte. Mir träumte dabei von
einer fernen Zukunft, wo in heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger
der Freiheit zu den Tausenden sprechen werden.« So schrieb ich an
Mathilde. In Münster aber verstand man meine häufigen Kirchenbesuche
anders. Zufall -- Absicht? -- führten mich mit katholischen Priestern
zusammen, und ich merkte bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir
nahmen. Sie boten sich mir zu Führern in Kirchen und Kapellen an und
verwickelten mich, wenn ich kam, in religiöse Gespräche. Aus meiner
Stellung zum Protestantismus machte ich kein Hehl, und als ich einmal
freimütig erklärte, daß der Katholizismus mir weit anziehender sei,
meinte mein Begleiter vorsichtig: »Sie sollten sich mit unserer Kirche
näher vertraut machen, wenn sie Ihnen, wie es den Anschein hat, die Idee
des Christentums deutlicher repräsentiert.« -- »Die Idee des
Christentums?!« erwiderte ich lächelnd. »Nein, Hochwürden, mit ihr hat
die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das ist es, was ich an
ihr liebe und bewundere.« Sprachlos starrte der Priester mich an. »Ich
begreife nicht --« brachte er schließlich hervor. »Darf ich es Ihnen
erklären?« Er nickte zustimmend.
»Meiner Ansicht nach ist die ursprüngliche Lehre Christi mit ihrem
Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens, der Freude, der Schönheit,
ihrer Menschenfeindschaft, -- bei aller Betonung der Menschenliebe, --
der Natur der abendländischen Völker so widersprechend, daß sie sich in
ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind Heiden, sind
Sonnenanbeter; mit den Geschöpfen unserer Träume beleben wir Feld und
Wald, Berg und Tal. Karl der Große hat das rasch begriffen, und seine
Missionare mit ihm. Sie hatten häufig genug selbst Sachsenblut in den
Adern. Darum bauten sie an Stelle der Heiligtümer Wotans, Donars,
Baldurs und Freyas die Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie
nicht den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol
schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels. Darum schmücken die
Diener des Mannes, der nicht hatte, da er sein Haupt hätte hinlegen
können, ihre Gewänder, ihre Altäre und ihre Kirchen mit Gold und
Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom Standpunkt Christi
aus hatten Ihre Wiedertäufer Recht, die die Bilder zerstörten, aber die
lebensstarke Natur ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und
wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen Charakter des
Katholizismus und seiner Lebensfähigkeit infolgedessen bestärkte: der
eben verflossene Karneval! In keinem protestantischen Lande ist
dergleichen möglich, auch wenn es auf denselben Breitengraden liegt, wie
Münster, wie Köln, wie Düsseldorf, wie München. Vor lauter
Verständigkeit und Nüchternheit haben wir die Freude verlernt, die ein
Bestandteil heidnischer Religiösität ist.«
Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, überlegen zu lächeln.
»Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren sogenannter
wissenschaftlicher Aufklärung, Heidentum nennen, was christ-katholisch
ist, das dürfte zunächst von geringem Belang sein, sofern Sie nur an die
Lehren der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen nicht die
Gedanken- und Gefühlstiefe des erprobten Bekenners.«
»Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich ihre Existenz auch
verstehe!« Der Priester schüttelte den grauen Kopf. »Wir werden einander
nie näher kommen, Hochwürden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, und
Ihr Gott und Ihre Heiligen sind für mich nicht überirdische Wesen, die
ich anbeten muß, sondern Gebilde, die unsere Phantasie erschuf, wie die
Hand des Malers die heilige Jungfrau drüben. Daß Ihre Kirche diese
Schöpferkraft nicht unterband, sondern schützte, nährte, anfeuerte, ist
ein Verdienst, das sie mir ehrwürdig macht. Sie werden aber nun selbst
einsehen, daß sich aus solchem Material keine Proselyten machen lassen.«
Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich wurde in der
Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse und Aufmerksamkeit behandelt
als sonst ein junges Mädchen und war viel zu eitel, um die Vorteile
dieser Ausnahmestellung nicht angenehm zu empfinden. Daß ich mich im
stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis meiner Umgebung
entfernte, bemerkte niemand. Mit wem hätte ich mich auch ehrlich
aussprechen können? Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch
konservativen Anschauungen immer schroffer geworden, und je höher die
Stellung war, die er einnahm, je mehr er nichts anderes um sich hatte
als Untergebene, desto selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete
er Widerspruch. Meine Mutter wurde von steigender Antipathie gegen meine
Studien beherrscht, jeden Büchertitel musterte sie mit größtem
Mißtrauen, und ich konnte sicher sein, mit irgend einer »wichtigen«
häuslichen Aufgabe, wie Wäsche flicken, Staub wischen oder dergleichen,
immer dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt war. Unter
unseren vielen Bekannten war niemand, den ich für würdig und fähig
gehalten hätte, an meinen Interessen teil zu nehmen. Es gab schon
verblüffte Gesichter genug um mich her, wenn ich etwa über politische
Tagesereignisse mitzureden den Mut faßte.
So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und hochmütiger. Nichts
als meine pessimistischen Ansichten über die Menschen hatte ich
ausgesprochen, wenn ich auf einem Maskenfest des letzten Winters an die
Rosen, die ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet
hatte:
Die Menschen tragen im Leben
Eine Maske vor dem Gesicht;
Wünsch' nicht, sie zu demaskieren,
Denn, wisse, es lohnt sich nicht!
* * * * *
Und fürchtest du die Rose,
Weil stets ihr Dorn dich sticht, --
So pflücke dir Gänseblümchen,
Die, Teuerster, stechen nicht!
* * * * *
Du träumst vom Feuer der Liebe,
Das hoch ein jeder preist?
Wisse, in unserm Jahrhundert
Ist es ein Irrlicht meist.
* * * * *
Traue keinem hier von allen,
Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;
Niemals wird die zweite Maske fallen,
Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.
* * * * *
»Im Münster ist's finster,«
Wer wüßte das nicht?
Doch sag mir, wo in der Welt
Ist es licht?
Licht war für mich nur die Welt der Bücher; Erkenntnisse, die ich
gewann, erfüllten mich mit tiefer heißer Freude, und die Sehnsucht wuchs
hinaus aus der Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die
leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von Idealen erfüllt, mit
den reichsten Waffen des Geistes ausgestattet, eine dunkel geahnte
andere Welt zu erobern ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an
Mathilde waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen Lebens.
»Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte beim fünften großen
Werke angelangt,« schrieb ich damals, »mein Interesse dafür ist immer
im Wachsen, und immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit an --
damals noch wie eine Ahnung -- erfüllte: daß wir uns trotz allem, was
den Blick momentan verdunkeln mag, unaufhaltsam vorwärts bewegen. Wehe
denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der
Religion, oder der Politik! -- Nur eins schmerzt mich oft bis zur
Verzweiflung: daß ich nur Zuschauer bin und weder beim Niederreißen des
Alten, noch beim Aufbauen des Neuen tatkräftig eingreifen kann.«
An anderer Stelle heißt es: »Auf dem Wege meiner stillen Studien bin ich
zu der Erkenntnis gelangt, daß unsere Entwicklung wie auf einer
Wendeltreppe vorwärts schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu
verstehen, dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken,
und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persönliche Mensch und
fängt nun scheinbar von vorn an: er lernt, er versteht, er denkt -- oder
er entzündet das trocken aufgehäufte Pulver des Verstandes mit dem
elektrischen Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die starren
Formelmauern, um nun selbst Licht und Wärme zu verbreiten. Auf jeder
Stufe bleiben viele Menschen stehen; darum wird man mit dem
Vorwärtsschreiten immer einsamer und läßt viele hinter sich zurück, die
nicht gleichen Schritt mit uns hielten.«
Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einließ, trat sie mir
entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte gegenüber der
Kulturgeschichte; sie suchte mir zu beweisen, daß die Könige,
Staatsmänner und Feldherrn die Geschichte »machen,« während ich
erklärte, »daß der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus dem Volk
herauswächst und die Großen der Erde oft nichts sind als Marionetten in
der Hand der ungeheuern namenlosen Masse.« Ich hatte viel zu sehr das
Bedürfnis, mich irgend jemandem gegenüber auszusprechen, und ihr Urteil
war mir überdies viel zu wenig maßgebend, als daß ich mich von ihren
Gegengründen hätte abschrecken lassen. »Meine letzte Entdeckung muß ich
Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein weiß, daß Du über meine
'umstürzlerischen' Ansichten wieder empört sein wirst. Je mehr ich die
Geschichte der Völker studiere, desto klarer wird mir, daß der große,
viel zu wenig anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der völlig
veränderten Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der Vergangenheit hat
die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles betrachtet. Im Gegenteil: nur
der Sklave, der Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose
arbeitete. Die Arbeit war eines freien Mannes unwürdig. Das war die
durchgängige Ansicht der antiken Völker, das war auch die der Germanen.
Und zu jenen Ehrlosen, die zur Arbeit gewissermaßen verdammt waren,
gehörten charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den
Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit eine Ehre -- das
Nichtstun ein Laster, -- dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln,
und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in später
Zukunft gelangen. -- Für mich persönlich ist sie nicht eine bloße
verstandsmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschütterte.
Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, -- wie bestehe
ich vor dieser Prüfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an
Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite
nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!«
Wie sich der Heißhungrige über jeden Bissen stürzt, so warf ich mich
über jede Möglichkeit des Erlebens und der Arbeit.
Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im Märtyrerschicksal seines
Nachfolgers begann der Tragödie letzter Akt. Mit jener steigenden
Erregbarkeit meiner Nerven, die auch die Ereignisse außerhalb des
eigenen Schicksals zum persönlichen Erlebnis werden ließ, verfolgte ich
die Berichte der Presse, dachte des »neuen Herrn,« der nun kam, dessen
verkümmerter Arm mich vor Jahrzehnten schreckte, und der, seit jenem
Gespräch mit Graf Lehnsburg, seltsam drohend sich meinem Vater
entgegenzustrecken schien. Die alte Welt versank, -- der Todeskampf
Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder Zerstörungslust
schienen die Elemente ihn zu begleiten. Unaufhörlich strömte der Regen,
aus ihren Ufern traten die Flüsse, die Dämme brachen -- tausende stiller
Heimstätten wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen drohte
Hunger und Elend. Und ich saß hier im gesicherten Schutz unseres Hauses
mit gebundenen Händen! -- In fieberhaftem Eifer schrieb ich die Märchen
nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre erzählt hatte.
Ich schickte sie aufs geratewohl einem Königsberger Verleger, mit der
Bestimmung, den etwaigen Erlös den Überschwemmten zuzuführen.
»Veröffentlichungen dieser Art liegen außerhalb unseres Gebiets,«
schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer. Kurz darauf
wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten der Notleidenden arrangiert,
und ich, deren Karnevalsverse in Erinnerung geblieben waren, sollte
einen Prolog dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer,
ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und als ich am Tage der
Aufführung im schwarzem Trauerkleid auf hohem Podium stand, eine stumme
dunkle Menge vor mir, und fühlte, wie meine Stimme den Saal erfüllte, --
da war mirs, als sprengte mein eigenes klopfendes Herz die Eisenreifen,
die es umschnürt hatten. Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach
man mir, nachdem die einen mir stumm die Hand geschüttelt, die anderen,
voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besaß ich die Macht, die Menschen
zu erschüttern, sie zum Großen und Guten aus ihrer Stumpfheit
aufzurütteln? Eröffnete sich hier irgend ein Weg für mich, auf dem ich
endlich, endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? »O daß ich die
Kräfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten einsetzen
dürfte, die durch die Wüste der Welt neue Wege bahnen!« schrieb ich noch
in der Nacht darnach an meine Kusine.
Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend Exemplaren verkauft.
Aber dem Hochgefühl folgte bald die Ernüchterung. Ein Tropfen auf den
heißen Stein war, was ich für die Überschwemmten erreicht hatte; in die
Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurück; in das
Alltagsleben mußte ich aufs neue. Ich befand mich in einer förmlichen
Krisis, die mich schüttelte wie ein Fieber, mir allen Schlaf und alle
Selbstbeherrschung raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug,
warum ich so stumm und stocksteif dasäße, antwortete ich mit einer
Leidenschaft, die sich nicht mehr zurückdämmen ließ: »Weil das Leben
mir zum Ekel wurde -- weil ich mich selbst nicht länger ertragen kann.
--«
»Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen? Wieder so 'ne verdammte
Liebesgeschichte?« Papa schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn.
Mama dagegen sah mich flüchtig forschend an und lächelte dann ihr feines
malitiöses Lächeln.
»Das Gegenteil dürfte richtig sein, -- ihr fehlt momentan die
Liebesgeschichte,« sagte sie, und sekundenlang fuhr es mir blitzartig
durchs Gehirn, ob sie am Ende recht haben könnte. Dann aber antwortete
ich rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erlöschen:
»Arbeiten möcht ich, -- irgend etwas leisten, das mich ganz und gar in
Anspruch nimmt. Ich beneide den Steinklopfer an der Straße, der abends
wenigstens arbeitgesättigt totmüde auf seinen Strohsack sinkt.«
»Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke,« meinte Papa nach einem
kleinen zögernden Nachdenken, »du liest, du malst, du schneiderst, du
beschäftigst dich mit deiner Schwester, du bist der unersetzliche
Arrangeur unserer Feste --«
Mama unterbrach ihn: »Das genügt natürlich Alix' Ehrgeiz nicht.
Häusliche Pflichten sind ein überwundner Standpunkt. Aber du hast ja
Auswahl genug, wenn du ihrer überdrüssig wurdest,« damit wandte sie sich
an mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen Lippen bebten,
»du kannst Gesellschafterin -- Gouvernante -- Hofdame werden. Sieh dann
selber zu, wie das harte Brod der Fremde schmeckt!«
Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Mir ahnte längst, daß mir kein
Ausweg blieb, und doch erschütterte mich die trockne Aufzählung dieser
einzigen Möglichkeiten, die für mich Unmöglichkeiten waren. Mein Vater
konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine Töchter. Er sprang auf
und zog mich in die Arme, mir mit einem leisen: »Armes Kind, armes
Kind!« die Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz still
zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben weichen Stimme auf mich
ein, wie auf eine Kranke, -- mit langen Pausen dazwischen, als wollte er
mir zum Antworten Zeit lassen. »Sei still, mein Kind -- bitte weine
nicht mehr. -- Wie ein Vorwurf ist das für mich -- daß ich nicht besser
für dich sorgte! Wärst du ein Mann, so hätte ich dich schon auf Wege
geführt, die einen Lebensinhalt gewährleisten, aber so -- -- du bist nur
ein Mädchen -- nur für einen einzigen Beruf bestimmt, -- alle anderen
wären doch nichts als traurige Lückenbüßer. Du sollst diesem einzigen
nicht so krampfhaft -- oder leichtsinnig -- aus dem Wege gehen! Ich bin
ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben können, wenn ich dich nicht
im Hafen weiß!«
»Papa -- lieber Papa!« schluchzte ich auf; dann lief ich hinaus und
schloß mein Schlafzimmer hinter mir zu und saß auf dem Bett stundenlang
mit brennenden Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch nach dem
anderen heißhungrig verschlungen, und dunkel und leer gähnte mein
Inneres mich trotzdem an, -- hatte Erkenntnisse gewonnen, die mich
berauschten, und wenn ich zum nüchternen Tageslicht erwachte, war ich
elender als zuvor. So ist das Glück geistigen Werdens und Wachsens denn
auch nichts weiter als Betäubung? Ist wirklich das Schicksal des Weibes
nur der Mann? Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? -- Der Mann!
Ich dachte derer, die mir im letzten Winter gehuldigt hatten, -- gute
Tänzer, lustige Kurmacher, zu einem flüchtigen Flirt wie geschaffen --
aber an sie gekettet, ihnen unterworfen sein -- ein ganzes Leben lang --
entsetzlich! Plötzlich aber fühlte ich mich wie eingehüllt von einem
Feuerstrom, so daß im ersten Schreck das Herz mir stockte: ein Kind! ein
Kind! -- das war des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich haben,
gleichgültig von wem, ein lebendiges Teil meiner Selbst, einen Sohn, --
das Geschöpf meines Körpers und meines Geistes --, der meine Träume
erfüllen, der werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte! Was
galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, -- nur den Vater
meines Sohnes brauchte ich!
Und als wir am nächsten Abend wieder um den runden Tisch zusammen saßen,
sagte ich: »Du sollst dich nicht weiter um mich grämen, Papachen, -- paß
auf, über kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und bist die böse
Tochter los!« Worauf ich lachend einen zärtlichen Kuß bekam. Mama nahm
keine Notiz von meiner Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf
zurück. »Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet,« sagte sie, »und hüte
mich auch jetzt davor. Das Glück, das ein Mädchen von ihr erwartet,
findet sie nie.« -- »Ich will auch kein Glück -- eine Lebensaufgabe will
ich -- ein Kind,« stieß ich widerwillig hervor, denn mich meiner Mutter
anzuvertrauen, kostete mir die größte Überwindung. »Ein Kind?!«
wiederholte sie, »um dich vollends mit Sorgen zu beladen?!«
Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.
Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu mir gewesen. Was er mir
an den Augen absehen konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir
wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an all den stolz in
sich abgeschlossenen einsamen Bauernhöfen und an manch uraltem Schloß
mit festen Türmen und tiefen Gräben ringsum. Und wenn er weiter ins Land
Inspektionsreisen machte -- nach Minden, nach Soest, nach Paderborn --,
nahm er mich mit; während er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die
Schätze alter Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an
denen Westfalen so reich ist.
In der ersten Hälfte des Monats Juni fuhren wir nach Aachen, der
Garnison des 53. Infanterieregiments, dessen Chef Kaiser Friedrich war.
Das Wetter war so schön, die Stadt und ihre Umgebung so unerschöpflich,
daß wir länger blieben, als es der Dienst meines Vaters erfordert hätte.
Am Mittag des 15. Juni 1888 -- wir kehrten gerade von einem Spaziergang
in unser Hotel zurück -- kam ein junger Leutnant atemlos von der Kaserne
und bat uns, ihm so rasch wie möglich dorthin zu folgen. Was er
erzählte, war so seltsam, daß wir, wäre es nicht heller Tag gewesen, an
seiner Nüchternheit hätten zweifeln dürfen. Ein Zug Soldaten habe, so
berichtete er, auf dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten,
als einem der Offiziere von seinem Fenster aus große lateinische
Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die offenbar von den
regelmäßig sich wiederholenden Fußtritten herrühren mußten. Man habe
inzwischen rasch zu einem Photographen geschickt, um das merkwürdige
Phänomen auf der Platte festzuhalten, und »Exzellenz müssen es
unbedingt auch in Augenschein nehmen --« fügte er eifrig hinzu. »Zum
Donnerwetter, was ist es denn?« sauste mein Vater ihn an. »Es heißt für
jeden deutlich --.«
»Extrablatt! Extrablatt!« unterbrachen den ängstlich stotternden
Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen. »Heute Morgen elf Uhr ist
Kaiser Friedrich gestorben!«
Der junge Offizier wurde leichenblaß. »Elf Uhr?!« wiederholte er
langsam. »Um diese Stunde entstand die Schrift!«
Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment schien versammelt und
starrte wie gebannt auf den regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in
riesigen Lettern:
W W II.
Dreizehntes Kapitel
Münster, 29. Dez. 1888
Liebe Mathilde!
Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel versprochen hatte, geht zu
Ende. Es ist nicht süß, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und sein
einziges greifbares Resultat ist, daß ich meine hochfliegenden Wünsche
und Hoffnungen sauber verpackt zu anderem Urväterhausrat in die alte
Truhe legte, wo ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
hie und da herausnehmen und mit wehmütiger Resignation betrachten werde,
wie die Großmütter die Liebesbriefe ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst
mir zum neuen Jahr kein Glück zu wünschen; ich weiß von vorn herein, was
es bringt: das landläufige Mädchenschicksal einer Vernunftheirat. Ich
kenne den Glücklichen noch nicht, der sich an den Resten meines Ich
entflammen wird -- aber ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt
schon zur Kühle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten Ort das Herz
durchgeht.
Heut nacht hab ich beim müden Schimmer meiner Rosa-Ampel lange wach
gesessen und geträumt, -- gegrübelt wohl eher, denn träumen tut man kaum
mehr, wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem Ende zu
neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben -- schlechte Träume. Im
Kamin prasselte das Feuer, und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem
Spiegel ein Gesicht entgegen, das das einer Toten hätte sein können,
wenn nicht die Augen von verhaltenen Tränen geschimmert und die Lippen
wie eine klaffende Wunde blutrot geleuchtet hätten. Ein Kindergesicht
wars nie, -- bin ich denn überhaupt ein Kind gewesen? Ein glückliches
Kind? Es muß sehr lange her sein, denn ich besinne mich nicht darauf.
Ich mag auch nicht die Tafeln der Erinnerung aufdecken. Häßliche Bilder
zeigen sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt in
schillernden Farben, aber sieh dir den Höllenspuk nur genauer an: war
nicht das Schicksal ein wahnwitziger Maler, daß es so kostbares Material
an solchen Schund verwandte?
Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe etwa? Armes Menschenkind!
Sie ging an dir vorüber und du sahst nur so viel von ihr, um die
Sehnsucht darnach, die fiebernde, heiße, ewig zu spüren! Und der Glanz?
Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, daß er nichts war als
Flittergold, -- Raketen, die prasseln und strahlen; wenn sie verglimmt
sind, ist es viel dunkler noch als zuvor! --
Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene Liebschaft, --
die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, schüchtern nur und von
ferne, um die Hehre nicht mit meiner Pfuscherei zu besudeln, -- die
bleibt mir. Das mag jenen Luxustieren unter den Menschen genügen, die
vom Leben nichts wollen als Genuß, -- jenen, die so hohl sind, daß sie
immer empfangen können. Ich aber wollte schaffen!! -- Wozu lebe ich denn
überhaupt? Würde mich jemand vermissen, würde eine Lücke bleiben, wenn
ich nicht wäre? Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde würden
trauern. Wie lange? Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
denn nur wahrhaft vermißt? Ein guter Vater, -- eine treue, sorgende
Mutter! --
Pfui, du hast geweint, -- schnell, lache, setze die Maske auf, -- wer
zeigt denn heutzutage sein Gesicht? Es wären der Falten, der Tränen zu
viele!
Verzeih -- ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. Im nächsten Brief
sollst Du hören, wie herrlich ich mich amüsiere!
Prost Neujahr! -- Übrigens eine prachtvolle Phrase, mit der man sich um
das 'Glück' wünschen herumdrücken kann.
Deine Alix.
Münster, 30. 1. 89
Liebe Mathilde!
Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen läßt, ist die Ursache meines
langen Schweigens. Ich will ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz
genießen, weil es unweigerlich der letzte für mich ist. So oder so: ich
verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf der Höhe des Triumphs.
Alle bösen Geister haben wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen
mich vorwärts auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden -- dem einst allmächtigen und
gefürchteten Chef des Militärkabinetts, der die Vorsehung seiner
Vettern bis ins zwanzigste Glied gewesen ist -- scheinen die Löwinnen
des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Tätigkeit hierher verlegt
zu haben. Eine komische Gesellschaft: vornehm, blasiert, elegant,
hochnasig, mit einem starken Stich ins Burschikose, nicht ohne
'Vergangenheit'. Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind die
Ursache ihrer nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man im
Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun ist Münster aber auch
nicht der Ort, wo Leutnants den jungen Damen kameradschaftlich auf die
Schultern klopfen und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln
zum Damenfrühstück erscheinen können. Kurz -- wir werden die fremden
Vögel schon ausräuchern, und ich tue dazu, was ich an Koketterie, an
Geist und Toiletten aufbringen kann. Mit dem glänzendsten Kavalier
dieses Karnevals, Herrn von Hessenstein, der kürzlich hier
Schwadronschef geworden ist, schloß ich ein Schutz- und Trutzbündnis zu
diesem Zweck. Du brauchst keine Kassandrarufe auszustoßen -- wir
gefallen einander -- nichts weiter!
Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und Weib, die mit Geist und
Herz gar nichts zu tun hat; ich möchte sie körperlichen Magnetismus
nennen. Man ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglück wird sie nur, weil das
sentimentale Liebesgewinsel unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere
verlogene Erziehung uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden Sinne werden oft
von Menschen angezogen, von denen Geist und Herz sich abgestoßen
fühlen. Und umgekehrt sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel
empfinden. Würde ich mich des Instinktes schämen und ihn infolgedessen
mit dem Feigenblatt verlogener Schwärmerei bedecken, -- in welch
unselige Ehen hätte ich mich schon fesseln lassen! Vielleicht ist die
wahre, dauernde Liebe erst möglich unter den Gatten, die sich ganz
kennen, sich ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser äußerer Zwang
zusammenhält. Alles übrige ist Flirt -- Sport, oder sonst ein Fremdwort
... Wenn ich nur nicht die fatale Eigenschaft hätte, gegen alle Art
bürgerlich ehrbarer, staatlich sanktionierter, zu lebenslänglichem
Gebrauch auf Flaschen gezogener Gefühle einen unüberwindlichen Abscheu
zu haben ...«
Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, unser Oberpräsident, -- ein
gescheiter, feiner, alter Herr, der einzige fast, mit dem ich eine
ernstere Unterhaltung führen mochte, -- ein Diner, zu dem er mich,
entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge Mädchen waren ja
nur zum Tanzen da; man schloß sie daher überall von den Gelegenheiten
aus, wo Ansprüche an den Geist, statt an die Füße gemacht werden
konnten.
»Sie sollen heute diesen Böotier bekehren,« sagte mir unser Gastgeber
lächelnd, indem er mir Herrn von Syburg, den neuen Hammer Landrat
vorstellte, »er hat Ansichten über die Frauen, -- na, Sie werden ja
sehen!«
Ein großer schmächtiger Mann machte mir eine steife Verbeugung, und ein
paar helle, weit vorstehende Augen musterten mich ernsthaft. Der erste
Eindruck, den ich empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
ins Gespräch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine Kenntnisse, seine
vielseitigen Interessen erhoben ihn über den Durchschnitt. Er war
konservativ bis in die Fingerspitzen, und unsere Ansichten platzten
ständig aufeinander. Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte
Überzeugung, so daß mir meine eigene Unklarheit peinlich zum Bewußtsein
kam. Im Grunde war ich nur sicher in der Negation; diese Schwäche meines
Standpunkts schien Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
ein Übergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr stets peinlich
fühlbar blieb.
Er besuchte uns am nächsten Tage und fehlte dann in keiner Gesellschaft.
Er machte mir auf seine Art den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir
und war stets mein Tischherr.
»Nun hast du glücklich wieder eine neue 'Briefmarke',« meinte mein
Vater; aber während er sonst an dieselbe Bemerkung ärgerliche Vorwürfe
knüpfte, lächelte er diesmal dazu. Er neckte mich, weil ich
fahnenflüchtig zum Zivil überginge, und erzählte wohl auch gelegentlich
von dem großen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von dem
Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich in der Tasche
trüge. Seine Stimmung machte mich weich, -- der Gedanke, daß es
vielleicht in meiner Hand liegen sollte, ihn glücklich zu machen, lähmte
meine Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenüber immer scheuer
und büßte immer mehr von meiner Lustigkeit ein, weil ich mich ständig
von ihm beobachtet wußte.
»Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,« sagte Hessenstein
eines Tages zu mir, der der einzige war, dem die Entwicklung der Dinge
mißfiel, und der kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
Er unterwirft mich wirklich einer förmlichen Prüfung, dachte ich bitter.
Häufig nahm er einen dozierenden Ton an, der mich wild machen konnte.
Und doch wuchs seine Macht über mich. Es imponierte mir, daß er nie den
girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen Wünschen fügte, ja, sich
manchen leisen Tadel gestattete, dessen Berechtigung ich anerkennen
mußte. Schon vor Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: »Ich
bedarf der Bewunderung, sagst du, -- gewiß! Und doch sehne ich mich nach
einem Menschen, den nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft,
der mir nicht demütig die Hände küßt, sondern mich sanft und mitleidig
an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh dich aus, du armes, müdes Kind!«
Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren
künstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden
will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit ist
ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfüllung
vorzutäuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der
Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns
lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wünsche immer
wieder die Brücken hinüber. Nur des Nachts rächte sich die unterjochte
Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kämpfte mit den warnenden
Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, fiel ich in unruhigen
Schlaf. Von der Servatiikirche hörte ich die Stunden schlagen; die
gleichmäßigen Schritte zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause
unaufhörlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die
Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, piepsend über die
Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschweiß aus, sobald
eins der zierlichen grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.
Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde -- immer müder. Die
weiche Frühlingsluft, die merkwürdig früh in diesem Jahr Blätter und
Blüten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.
Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche Sanftmut zu
halten; das verstärkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich ließ
es geschehen, daß er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte.
Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen.
»Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« sagte er einmal, »niemals
passen Feuer und Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer
aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade das ists, was ich
brauche.«
Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Kürassiere
und unermüdliche liebenswürdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend
einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag
brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverständlich mein
Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenkünfte wurde die
Kostümfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der
Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu geben, als meine Mutter
das Hofkostüm der Rokokozeit für angemessener hielt. Der Prinz und seine
Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern schon
Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob,
schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst
den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. »Dein
schweriner Pompadourkostüm hast du nur das eine Mal angehabt,« sagte
sie, sichtlich befriedigt, »wir sparen nun, Gott Lob, jede
Neuanschaffung.«
»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief heftig: »Lieber verbrenn'
ichs!«
»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama ärgerlich. Meine
Blässe erst machte sie aufmerksam. »Ach -- darum!« sagte sie gedehnt,
»solch eine Sentimentalität hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.
Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins
Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklärten, daß die
Hofkostüme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mädchen, daß sie die
langen Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche Revolte.
Syburg allein war auf Seite der älteren Mitwirkenden und der Mütter.
»Ich kenne die Gründe Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich
begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem
kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte mich über die
Bevormundung und mehr noch über das gute Einvernehmen zwischen Syburg
und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
wir wurden überstimmt.
Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von
Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bänder und Schleifen, seine
grünen Blätter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig
gewordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: »O la
marquise Pompadour -- Elle connait l'amour --«. Durch das Mieder, das
sich eng um meinen Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst
so zärtlich an sich gezogen hatte.
»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. Der Felsen, den
ich vor die Grabkammer meines Innern gewälzt hatte, war zersprengt; und
wo ich nur Totes wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.
»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist nichts -- Papachen --
nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und
Wangen. Er lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen --
alles -- alles wird gut werden!« Und als ich, meiner selbst nicht
mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hände vom
Gesicht und sagte leise: »Syburg war längst bei mir und hat -- als ein
ehrenwerter Mann durch und durch -- zuerst deine Eltern gefragt, ob er
um dich werben dürfe ...« Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins
Gesicht. »Das darf dich nicht kränken, mein Kind, -- du solltest
selbstverständlich nichts davon wissen -- die Freiheit der Entschließung
sollte dir allein vorbehalten bleiben --« Er schloß mich gerührt in die
Arme, -- er war überzeugt, mich ganz getröstet zu haben -- der gute
Vater!
Er führte mich zum Wagen hinunter -- meine Schleppe raschelte über die
breiten Stufen -- draußen, rechts und links, standen die Menschen, um
mich anzustaunen; -- hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal
erlebt? Damals -- im weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche
fuhr, um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts wußte!
Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang
zu und stützte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre
Dame erwartet Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, und
gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.
Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß meine Füße sich im Takt
bewegten, während meine Seele weit, weit fort war -- oder war ich die
kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie
tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! -- Wie fest schlossen
sich heute die Finger meines Tänzers um meine Hand -- wie
Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten --; und so
sengend heiß wehte sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich
es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf
Draht gezogen bewegte er sich, -- ach, und heute -- heute tanzte
spukhaft eine andere Gestalt neben mir --
Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn ansehen, über die
Schulter hinweg, fächerschlagend, mit einem koketten Lächeln. Und da
traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
haften -- mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit --
Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen
haltend, verließen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat
Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und nach Haus
fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich
trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine
Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause
aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. »Die
übliche Frühlingskrankheit junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr
Fräulein Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung ergriff ich
den guten Rat und stellte mich kränker, als ich war, nur um ihm folgen
zu dürfen.
Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg fiel mir ein, die
mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein
reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft
wegen von der Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war.
Zuerst aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich
ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. »Kommen Sie
sofort, freue mich riesig« war ihre telegraphische Antwort auf meine
Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wäre.
* * * * *
Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden
zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über die
Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen Winkel duldete
der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich über
die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flüssiges Silber,
schlängelte sich der Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit
das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Türmen und
Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen
Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild:
breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als hätte sie
sich mit Ellbogen und Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der
Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr
hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bäumen zurück.
Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und
Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte,
die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel
des Raffenbergs, der Weißenstein mit seinen zackigen Spitzen, das
Felsentor der Hünenpforte, und fern am Horizont die blauen Höhen der
Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin kein Lärm und
kein Ruß zu dringen vermag!
Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den
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