die Hand zu drücken. Romberg dagegen sagte: »Meinen Sie, daß der
'Fritze' als Geistesproletarier glücklicher sein wird!?« »Auf das Glück
kommt es nicht an, sondern auf den Grad der sozialen Leistung, und die
wird größer sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,« antwortete
ich rasch.
Ein junges Mädchen trat an unseren Tisch. »Genossin Brandt?« forschend
sah sie mich an. -- »Die bin ich.« -- »Ich wollte Sie nur mal was
fragen. Ich bin nämlich Dienstmädchen gewesen und habe eine Freundin,
die noch Köchin is, und die hat mich neulich in den Dienerverein
mitgenommen, wo sie jetzt wollen auch die Mädchens aufnehmen. Sie
schimpfen aber dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal
wissen, ob Sie nich mal könnten hinkommen --«
»Sie werden doch nicht!« flüsterte mir Romberg zu. »Verpflichte dich zu
nichts,« sagte mein Mann leise.
»Selbstverständlich komme ich,« entgegnete ich der zaghaft vor mir
Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; wir verabredeten alles weitere.
Beim Heimweg schalt mein Mann: »Du läßt dich von jeder beschwatzen, und
alle spekulieren schließlich auf deine Gutmütigkeit.«
»Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung den Anlaß
gibt, so wirst du anders denken.«
»Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in der Gesellschaft seh,«
meinte Romberg. Er sah mich mit einem Blick an, der mich erröten machte.
Wie töricht, -- dachte ich gleich darauf, zornig über die eigene
Schwäche, und doch blieb ich den ganzen Abend über im Bann jener
Frauenfreude, die belebend wirkt wie prickelnder Champagner: der Freude
an der Bewunderung. Alix von Kleve stieg aus der Versenkung ernster
Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten Triumphen. In meinen
Verkehr mit Romberg trat ein neuer Reiz: er ließ es mich fühlen, daß das
Weib in mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante
Persönlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher Erfahrung die
Beleidigten spielen. Sie lügen.
»Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von Romberg die Kur machen
läßt,« grollte Heinrich, als wir zu Hause waren, zwischen Scherz und
Ernst. Ich flog ihm in die Arme. »Hast du mich wirklich so lieb?« lachte
ich. Er zog mich stürmisch an sich: »Dich, dich hab' ich lieb,«
flüsterte er leidenschaftlich, »das süße Katzel, -- meinen Schatz; --
die berühmte Frau kann mir gestohlen werden ...«
* * * * *
In der ersten Morgenfrühe weckte mich ein wilder Schrei. »Aus Minnas
Stube,« -- sagte ich mir und stürzte hinunter. Sie lag in ihrem Blut,
und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: sie hatte gewaltsam
die Folgen ihres Liebesverhältnisses beseitigen wollen.
An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. Sie faßte
Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von diesem armen Leben, das von Kindheit an
unter fremden Leuten in ständiger Unfreiheit, in ununterbrochener
Dienstbarkeit verflossen war. »Was muß unsereiner doch auch haben, --
was fürs Herz. Und wenn ich nicht getan hätte, was er wollte, -- dann
wär' er fortgegangen, -- dann hätte er zehn für eine gefunden,«
schluchzte sie.
»Warum heirateten Sie nicht?« wagte ich einmal einzuwenden. »Heiraten?!
Womit denn?! -- Arbeit hat mein Franz keine, -- meine paar Spargroschen
gab ich ihm, -- und vor so einer Jammerwirtschaft in einem Loch auf'n
Hof mit'n halb Dutzend Göhren graut's mich ...« Sie wurde von Tag zu Tag
elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er hörte, daß sie
krank sei, kam er nicht wieder. Ich mußte sie schließlich der schweren
Pflege wegen, die ihr Zustand nötig machte, ins Krankenhaus bringen.
Dort starb sie.
* * * * *
»Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten und Herrschaften wieder
herstellen ...« -- »die Dienstboten allein können nichts erreichen, es
gehören auch die Herrschaften dazu ...« -- »den Arbeitern fehlt es heute
an tüchtigen Hausfrauen, weil die Mädchen lieber in die Fabrik als in
Stellung gehen, wo sie sich dazu vorbereiten könnten ...« Das waren die
Leitmotive, unter denen die Versammlungen tagten, die der Dienerverein
veranstaltete. Die wenigen weiblichen Dienstboten, die ihm schon
angehörten, schlugen zwar zuweilen eine schärfere Tonart an, wenn die
Erinnerung an all die erlittene Unbill sie überwältige, aber sie trugen
schwarzweiße Kokarden und verwahrten sich nachdrücklich dagegen, mit der
Arbeiterbewegung irgend etwas gemeinsam zu haben.
Ich verhielt mich während der ersten Versammlungen nur als Zuhörerin
und erkannte bald, daß es dem Verein an Mitteln und Mitgliedern fehlte
und er offenbar nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher
Dienstboten diesem Übel abzuhelfen. Im Grunde fürchtete er schon, die
Geister, die er gerufen, nicht los zu werden, denn sobald ein Mädchen
ihre Erfahrungen gar zu rückhaltlos zum besten gab, trat irgendein
Beschwichtigungsapostel ihr entgegen.
»Ich stelle den Antrag, daß wir uns der entstehenden Dienstbotenbewegung
mit allem Nachdruck annehmen,« sagte ich, als ich wieder einmal mit den
Genossinnen zusammenkam; »in jeder Versammlung müssen einige von uns
anwesend sein. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um
diese rechtlosesten unter den Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klasse
zu erziehen. Wir müssen so bald als möglich eine selbständige
Organisation gründen, damit sie dadurch dem Einfluß dieses
grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen bleiben.«
Aber je lebhafter ich sprach, desto kühler und zurückhaltender waren die
anderen. »Genossin Brandt scheint nicht zu wissen, daß die Dienstboten
kein Koalitionsrecht besitzen --,« meinte Martha Bartels naserümpfend.
»Gerade weil ich das weiß, empfinde ich um so mehr unsere Verpflichtung,
ihnen zu helfen, ihnen das Rückgrat zu stärken,« entgegnete ich heftig.
»Die Dienstmädchen sind noch längst nicht reif für unsere Bewegung, --
überlassen wir sie ruhig sich selbst,« sagte eine andere.
»Damit sie den Nationalsozialen in die Hände fallen, die ihre Netze
auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang erwarten dürfen,«
antwortete ich, und unterdrückte noch rasch eine Bemerkung über die
Schädlichkeit dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung
der ökonomischen Entwicklung, der uns in geeigneten Momenten die Hände
in den Schoß legen läßt.
»So werde ich denn allein mein Heil versuchen,« erklärte ich
schließlich, als mein Antrag abgelehnt wurde, und verließ die Sitzung.
Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung. Mit bunten
Sommerhüten und hellen Blusen füllten die während der Reisezeit der
»Herrschaften« dienstfreien Mädchen die glutheißen Säle. Zuerst kamen
nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe trugen und zuweilen
vornehmer aussahen wie ihre »Gnädigen«. Sie betrachteten die Sache fast
wie eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den Männern, die hier
auf Abenteuer ausgingen. Aber allmählich überwogen die älteren, die von
zehn und zwanzig und dreißig Dienstjahren erzählen konnten, und die
Armen, die Mädchen für Alles waren, auf deren schmale Schultern die gut
bürgerliche Hausfrau die Lasten des Lebens abzuwälzen sucht. Und ihre
Klagen wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und Lachen
verstummte vor den Bildern des Grams, die sich enthüllten.
Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln Hängeboden über der
Küche beneideten, weil sie nichts hatten als ein Schrankbett auf dem
offenen Flur oder eine Matratze im Baderaum: »Dabei wird unsere gute
Stube nur zweimal im Jahre für die große Gesellschaft geöffnet ...«
Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit: »Eine Stulle mit
Schweineschmalz am Abend, -- während der Herr drinnen Rotwein trinkt zu
fünf Mark die Flasche ...«
Vor allem aber: »Nie ein Stündchen freie Zeit ... Wir schrubbern und
kochen, während die Herrschaft spazieren geht, ... wir hüten die Kinder,
während sie tanzen ...«
Dazwischen schüchterne Bitten der Ängstlichen und Gutmütigen: »Nur ein
wenig geregelte Arbeitszeit, -- und freundliche Worte statt des ewigen
Zanks, -- dann wollen wir gern dienen, wollen treu und fleißig sein.«
Sie waren wie aufgescheuchte Vögel, die ohne Richtung hin- und
herflattern. Als ich zum erstenmal vor ihnen zu reden begann, hielten
sie mich für eine »Gnädige«. »Nu aber jeht's los!« rief kampflustig eine
rundliche Köchin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen, den
Ausnahmegesetzen für die Dienstboten, die sie den Dienstgebern fast
rechtlos in die Hände liefern, von der erlaubten »leichten« körperlichen
Züchtigung, von den vielen Gründen zur Entlassung ohne Kündigung und
schließlich von einer jener Schöpfungen der preußischen Reaktion, die
den Streik der Dienstboten mit Gefängnis bestraft. Noch hörte man mir
ruhig zu, unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern würde. Nur der
Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit »das Hausrecht
übernahm«, sah beunruhigt zu mir auf.
»Für Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands gesamte
Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz gewesen,« rief ich laut.
»Eine Sozialdemokratin!« kreischte neben mir eine Frau in hellem
Entsetzen. Ein unbeschreiblicher Lärm erhob sich; auf die Tische
sprangen die Mädchen in hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit
den Taschentüchern; eine von ihnen drängte sich neben mich, ballte die
Fäuste und rief schluchzend: »Wir sind königstreu! Wir sind
gottesfürchtig!« Hilflos, mit angstgerötetem Gesicht schwang der
Vorsitzende unaufhörlich die Glocke. Aber in der nächsten Versammlung
erwarteten mich schon ein paar Mädchen an der Türe: »Sie werden
sprechen, nicht wahr? -- Wir werden Ihnen Ruhe verschaffen!«
Und im überfüllten Saal waren außer den Dienstboten: Neugierige,
Hausfrauen, bürgerliche Frauenrechtlerinnen, Journalisten mit der frohen
Erwartung einer in möglichst vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation.
Auch ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und Marie Wengs.
»Wir greifen ein, wenn's not tut,« sagten sie, »nur tapfer!« Bis um
Mitternacht ließ mich der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im
Saal umher, von Tisch zu Tisch. »Das ist Recht und Freiheit im
Dienerverein,« sagte ich. Jemand rief: »Alix Brandt soll reden!« und der
Ruf pflanzte sich fort und dröhnte schließlich durch den Saal. Als ich
aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges Zischen; die Kraft
meiner Stimme kämpfte dagegen an, und wie ein Unwetter in der Ferne
verklang es.
»Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung, als ob auf
verunkrautetes Feld frischer Samen gesät werden sollte. Es gibt nur eine
Forderung, die Sie stellen dürfen: ihre Abschaffung, damit Sie den
Arbeitern gleichgestellt werden --«
»Wir sind keine Arbeiterinnen, -- wollen keine sein!« rief ein
zierliches Zöfchen mit gebrannten Stirnlocken entrüstet.
»Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und Dienstboten, und doch
gibt es zwischen ihnen ebensowenig eine Interessengemeinschaft wie
zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer --«
»Unerhört!« -- Ein paar Damen mit hochrotem Gesicht drängten sich zur
Türe. Die Mädchen lachten hinter ihnen: »Sie können die Wahrheit nicht
vertragen!«
»Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen sind Sie und desto
bessere Dienstboten im Sinne der Hausfrauen ... Sie wollen statt der
endlosen eine beschränkte Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die
Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines, zwei und drei
Mädchen für dieselbe Arbeit anzustellen. Sie wollen statt einer
Schlafstelle ein Zimmer, das ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie
tun recht daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen und
ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen nicht imstande, sie Ihnen zu
geben. Sie wollen -- lassen Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch
nicht ausgesprochen haben -- Sie wollen mit Ihren Freundinnen verkehren
können, Ihren Bräutigam sehen, ohne auf die Straße, auf die Tanzböden
gehen zu müssen --«
»Unglaublich!« -- Und wieder leerte sich der Saal um zahlreiche elegante
Zuhörer.
»Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entrüstet gebärdet, den
frage ich: was empört sich in Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es
sittlich, junge, lebensvolle Mädchen, die auf Freude dasselbe Recht
haben wie die höheren Töchter, denen die Natur dasselbe Verlangen nach
der Erfüllung ihrer Geschlechtsbestimmung verlieh wie diesen, auf
Hintertreppen, auf Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen,
statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?«
Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um das Podium scharten sich
junge Gestalten und leuchtende Augen hingen an meinen Lippen.
»Es ist vielmehr der natürliche Egoismus, der Interessengegensatz der
Hausfrauen zu den Dienenden, der auch die Wohlwollenden unter ihnen
zwingt, fremden Gästen ihr Haus zu schließen ... Wir werden für die
Gegenwart eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung im Interesse
der Dienenden zu stellen haben, deren Erfüllung viele Mißstände
beseitigen wird. Aber der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter
des Sklavendienstes verlieren und zur Würde selbständiger Arbeit sich
entwickeln, wenn das abhängige Dienstmädchen sich in die freie
Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise
verkauft, die imstande ist, in Reih und Glied mit dem in der
Sozialdemokratie organisierten Proletariat für ihre letzten Ziele zu
kämpfen ..«
Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen und
Schimpfworten.
Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite. Die Versammlungen
wurden ruhiger, sachliche Beratungen der aufzustellenden Forderungen
wurden ermöglicht.
Der Lärm tobte statt dessen außerhalb der Säle weiter. Die Presse schrie
nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen nahmen geharnischte
Resolutionen an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren
Dienstboten den Besuch unserer Zusammenkünfte zu verbieten. Alles war
von der Angst ergriffen, daß mit der Dienstbotenbewegung die Intimität
des Familienlebens der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich, die
ich diese Gefahr über die ruhigen Bürger heraufbeschworen hatte,
konzentrierte sich der persönliche Haß. In allen Tonarten wurde ich
beschimpft und verleumdet. Und selbst nahe Freunde, aufgeklärte,
freidenkende Menschen, sprachen mir mündlich und schriftlich ihre
Mißbilligung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei in
leidenschaftliche Erregung.
»Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung geleitet haben,
wird das 'traute Familienleben' überfluten. Was dann?!« schrieb mir
Romberg.
Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den Vorgängen in Berlin.
»Immer wieder zerstörst Du durch die Maßlosigkeit Deiner Forderungen
ihren nützlichen Kern und machst Dir und Deiner Sache die
wohlwollendsten Menschen zu Feinden,« hieß es in einem Brief von ihr.
Tags darauf folgte ihm ein zweiter, dem ein Schreiben meiner augsburger
Tante beigelegt war. »Nach den unerhörten Vorgängen in Berlin bin ich
außerstande, an Alix persönlich zu schreiben. Ich habe sie bisher immer
verteidigt, habe ein Auge zugedrückt, wo ich konnte, aber ihre
unverantwortliche Aufhetzung der Dienstboten, -- denen es im Grunde nur
zu gut geht, -- werde ich weder verstehen, noch verzeihen können. Teile
ihr das in meinem Namen mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne
Eindruck auf sie bleiben wird, daß auch ihre alten Freunde, die
Grainauer Bauern, empört über sie sind ...« Ich lächelte unwillkürlich:
wenn ich von der Unfreiheit des Gesindes sprach, mußten sie sich
getroffen fühlen.
Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar: Ich hatte in Gedanken
an das reiche Erbe der Tante nie auch nur einen Bruchteil meiner
Überzeugungen preisgegeben, die Selbständigkeit meiner Entschließungen
war nie durch sie beeinflußt worden. Jetzt aber besaß ich einen Sohn,
dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in Frage stand, -- seine
Eltern hatten nicht das Zeug dazu, Kapitalisten zu werden! -- und ich
wußte nur zu gut, was es heißt, unter dem Druck ständiger Sorgen zu
leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten, wie ungehindert er
seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen kann, der an das
Dach über dem Kopf, an den Rock auf dem Leib und das tägliche Brot
keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich schrieb an Tante
Klotilde und versuchte, ihr meine Stellung zur Dienstbotenfrage
auseinanderzusetzen. Ich bekam meinen Brief uneröffnet zurück. Meiner
Mutter teilte sie mit, daß sie das Geschehene vergessen wolle, wenn ich
nach dieser Richtung auf meine agitatorische Tätigkeit verzichten würde.
In jenen Tagen erklärte Wanda Orbin in der 'Freiheit', daß die
Genossinnen verpflichtet seien, sich der Dienstbotenbewegung anzunehmen.
Wenn sie schon ohne besonderen Beschluß immer häufiger in den
Versammlungen erschienen, so war dies das Signal zur Änderung ihrer
Stellung der ganzen Sache gegenüber. Die Veranstaltung selbständiger
Versammlungen wurde beschlossen, und zur Rednerin wurde ich bestimmt.
Ich zögerte: verletzte ich nicht ein höheres Interesse, das meines
Sohnes, wenn ich zusagte?
»Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie zu verstehen,«
sagte mein Mann. »Wie er sie beantworten wird, kann ich dir jetzt schon
sagen: Meine Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre Überzeugung
opfern.«
Und ich sprach. Die Empörung in der Öffentlichkeit wuchs mit jeder
Versammlung. Mit einer gewissen Ostentation zogen sich die Menschen von
mir zurück. Aber die Bewegung war im Fluß und durch nichts mehr
aufzuhalten. Wäre ich weise genug gewesen, der fachliche Erfolg allein
hätte mich befriedigt. Aber noch war ich zu jung, war zu sehr Weib, um
den Menschen und den Ereignissen mit der kühlen Objektivität reifer
Politiker gegenüberstehen zu können. Im Grunde sehnte ich mich nach
einem warmen, aufmunternden Wort seitens meiner Kampfgefährten, nach ein
wenig freundlicher Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir stets
mit gleicher Kühle, mit gleicher Zurückhaltung. Zu keiner einzigen
entstand ein persönliches Verhältnis; je länger ich mit ihnen arbeitete,
desto fremder schien ich ihnen zu werden.
»Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem Herzen und ganzer
Kraft,« hätte ich sagen mögen, »warum stoßt ihr mich zurück?«
Ich kämpfte oft mit den Tränen, wenn ihr Mißtrauen mir immer wieder
begegnete. Und nachher hörte ich, daß man über meinen Hochmut, meine
Unnahbarkeit schalt. Im stillen hoffte ich, man würde mich diesmal zum
Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu vorgeschlagen.
Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: »Wir bleiben natürlich dem
Grundsatz treu, nur bewährte Genossinnen mit einer Delegation zu
betrauen.« Darauf wurde die große, hagere Frau Resch gewählt; sie trug
schon seit Jahren unermüdlich Flugblätter aus, und ihr Mann war eine
Größe in der inneren Bewegung.
»Was kümmerst du dich um die Weiber!« meinte mein Mann ärgerlich, als
ich ihm klagte. Und Ignaz Auer, der uns an einem schönen
Septembersonntag besuchte, wiederholte dasselbe.
»Glauben Sie mir altem Knaster,« meinte er, und sein schönes blasses
Gesicht nahm jenen rätselhaften Ausdruck an, der aus Sarkasmus und
Melancholie zusammengesetzt war, »glauben Sie mir: solange ich denken
kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, und wenn ich schon
lange modere, wird's ebenso sein. Sie haben alle Untugenden der
Unterdrückten in konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie die
Wanda, ständig die Knute, so hat man verspielt. Seien Sie versichert:
schon Ihr Aussehen vergeben Ihnen die Weiber nie.«
»Und doch sind Sie als Sozialdemokrat für die Gleichberechtigung der
Geschlechter?« wandte ich ein. Er wehrte ab, mit einer vollendet
geformten starken Männerhand, die aber durch ihre Blutleere an die eines
Toten gemahnte. »Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!« sagte er. »Nach
der Richtung hat die Wanda recht, wenn sie den Auer mit dem Bernstein,
den Schippel und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr für die
Bewegung als für das Endziel.« So waren wir wieder bei dem Thema
angelangt, in das jede Unterhaltung zwischen Parteigenossen zu münden
pflegte.
»Der Parteitag in Hannover wird eine Klärung bringen,« meinte ich im
Laufe der Unterhaltung.
»Eine Klärung?!« Er lachte kurz auf. »Ich muß Genossin Bartels wirklich
recht geben: Sie sind noch nicht mandatsfähig! Glauben Sie wirklich, so
tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden des
Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und der Lebenslage beruhen,
ließen sich durch bloßes Handaufheben entscheiden?! Wir werden sie auch
mit zehn Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder füge ich
hinzu: Gottlob nicht! Es wäre nur ein Zeichen von Altersschwäche, wenn
wir alle ja schrien. Die Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und
um die ist mir nicht bange, -- die zwingen uns unsere Gegner auf.«
»Die Meinungsverschiedenheiten wären gewiß kein Unglück, wenn nicht die
Unduldsamkeit hinzukäme,« sagte mein Mann.
»Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir die eigene Ansicht für
die richtige halten, so müssen wir doch konsequenterweise die falsche
des Gegners bekämpfen,« entgegnete Auer. »Nur daß der Andersdenkende
immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt wird, -- das ist
bitter.« Er verabschiedete sich. Er fürchtete sichtlich, sich zu Klagen
und Anklagen hinreißen zu lassen. An der Gartentür blieb er stehen, ein
spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen: »Wenn Sie übrigens ein
Mandat haben wollen, Genossin Brandt, -- ich verschaff' es Ihnen. Die
liebe Wanda und ihre Leibgarde ein wenig zu ärgern, macht mir Spaß. Sie
müssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden Kreis
verpflichten.« Ich schüttelte den Kopf. Mir widerstrebte die Sache.
»Nimm's an, Alix,« mahnte mein Mann, »so zeigst du am besten, daß du von
der Gnade der berliner Frauen nicht abhängig bist.«
»Sie können's tun, -- ganz ohne Gewissensbisse. Sowas haben auch die
obersten Halbgötter nicht verschmäht.« Zögernd sagte ich zu. Es war mir
nicht wohl dabei, so sehr ich auch gewünscht hatte, einem Parteitag, und
vor allem diesem, beizuwohnen.
Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurück. Sie schien um ein
Jahrzehnt verjüngt. »Ich bleibe bei dem Kleinen, während ihr fort seid,«
sagte sie; »das wird mein bedrücktes Gewissen etwas erleichtern, -- nach
diesen selbstsüchtigen Monaten!«
Wir mußten ihr nun auch von unserer Absicht, das Haus zu verkaufen,
erzählen. »Das ständige Hin- und Herfahren zerrüttet unsere Nerven,«
sagte ich leichthin, »ich müßte auf die öffentliche Tätigkeit
verzichten, wenn wir draußen bleiben wollten.«
Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller Frage. »Es ist
wirklich so, Mamachen --,« versicherte ich lächelnd. Sie schüttelte
fast unmerklich den Kopf und fragte nichts mehr.
* * * * *
Zwischen schmalen Gassen und engen Höfen, fern jenem modernen Teil der
Städte, der auch in Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, liegt
eine große dunkle Halle, der Ballhof genannt. Vor Zeiten warfen hier
Kurfürsten, Prinzessinnen und Könige einander im graziösen Spiel ihre
Bälle zu, bis mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, dem
Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Räume suchten die Fürsten
für ihre Freuden; er nahm für seine Arbeit, was sie übrig ließen: die
dunkle Halle. Mit frischem Grün waren ihre Pfeiler umwunden, hinter
purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen Wände. Das
Parlament der Arbeiter tagte hier. Draußen lachte die Oktobersonne,
drinnen brannte über den langen Tafeln künstliches Licht, das auf alle
Gesichter scharfe Schatten zeichnete, sodaß sie finster und feindselig
erschienen. Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem der Jahrhunderte war
hinter den winzigen Fenstern gefangen geblieben. Er beengte die Brust.
Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der Saal schon gefüllt.
Anschwellendes Stimmengewirr, Stühlerücken, Rascheln von Papier, --
jenem Papier, daß alle Süßigkeiten und alle Gifte der Welt auszuströmen
vermag, -- bildete die in ihren ungelösten Disharmonien aufreizende
Ouvertüre. Zeitungsblätter wurden hin- und hergezeigt: »Bernstein
Apostata« stand über dem einen Artikel, »Reinliche Scheidung« über
einem zweiten; »wir werden mit dem Revisionismus fertig werden, oder
wir sind fertig,« hieß es an einer rot angestrichenen Stelle, »die
Genossen im Reich erwarten eine klare Entscheidung,« an einer anderen.
Von der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend
bürgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blättern begrüßten
Kathedersozialisten die Anhänger Bernsteins als die ihren.
Bureauwahl. Es hörte kaum jemand zu. Paul Singer war anwesend, das
Präsidium also von vornherein in guten Händen. Die Begrüßungsreden der
Ausländer dämpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, wo der
Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses stand, wo Millerand,
der Sozialdemokrat, mit Jaurès', des Sozialdemokraten, ausdrücklicher
Zustimmung das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche
Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium einzutreten, -- Seite an
Seite mit Gallifet, dem Mörder der Kommune, -- war nicht vertreten. Des
alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits der Vogesen
mochte an dieser Zurückhaltung nicht ohne Schuld sein.
Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast wurde ein Punkt der
Tagesordnung nach dem anderen erledigt. Alles drängte dem Hauptthema des
Parteitages zu. Und selbst mitten in die nebensächlichsten Debatten
hinein blitzte schon das Wetter der kommenden Tage.
»Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem Scheiterhaufen --,«
sagte einer der Revisionisten neben uns.
Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Besprechung zusammenkamen,
fühlte ich: in Gedanken war die »reinliche Scheidung« schon vollzogen.
Wir berieten einen Antrag für den Arbeiterinnenschutz, der unserer
nächsten agitatorischen Tätigkeit Inhalt und Richtung geben, und dessen
Forderungen durch den Parteitag sanktioniert werden sollten. Im Grunde
waren es lauter Selbstverständlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren
war neu. Ich hatte dafür gekämpft, obwohl ich wie vor einer Mauer redete
und sie hatten ihn nicht ablehnen können, ohne sich selbst ins Gesicht
zu schlagen. Dafür waren sie um so hartnäckiger, als ich die
Unterstellung der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in den Antrag
aufzunehmen empfahl. Das steht bereits in unserem Programm, hieß es.
Aber viele unserer anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade
jetzt wäre es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung
solidarisch zu erklären. »Wir dürfen unsere Kräfte nicht verzetteln.« --
Damit war die Sache abgetan.
Die Frauen rückten nach der Besprechung freundschaftlich zueinander,
unterhielten sich mit wohltuender Herzlichkeit mit all den Genossinnen,
die aus Ost und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen ein
scheuer Gruß, ein fremder Blick; -- ich ging hinaus.
In unserem Gasthof fand ich die Führer in erregte Unterhaltung vertieft.
Ihre Augen glühten in jugendlichem Feuer, selbst die Ausbrüche ihrer
Leidenschaft bändigte der heilige Ernst, mit dem sie alle für ihre Sache
kämpften. Bebel war am stillsten; immer wieder strich er sich nervös die
widerspenstige Locke aus der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung
der kommenden Tage.
* * * * *
Kalt und grau brach der nächste Morgen an. Im Ballhof kämpften die
elektrischen Lampen umsonst gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher
hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je heller in ihrem
direkten Strahlenkreis das Licht erschien. Nur langsam füllte sich heute
der Saal, und nur wenige Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag
auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung. Singer betrat das
Podium:
»... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung: 'Die Angriffe auf
die Grundanschauungen der Partei'. Das Wort hat der Berichterstatter
Genosse Bebel.« Noch ein heftiges Stühlerücken, dann tiefe Stille.
Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.
Im Gesprächston begann er, ruhig, fast gemütlich. Jeder Zuhörer fühlte
sich unwillkürlich persönlich angeredet. Selbst als er die unbeschränkte
Freiheit der Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust
der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie einen Fehdehandschuh
in die Menge, sondern sprach im Tonfall der Konstatierung einer
Selbstverständlichkeit. Die Fragen der materialistischen
Geschichtsauffassung, der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von
vornherein aus, -- »der Kongreß ist kein wissenschaftliches Konzil,«
sagte er, -- um zum Problem des Entwickelungsprozesses der
kapitalistischen Gesellschaft überzugehen, das Bernstein anders
darstellte als Marx und Engels. Eine Fülle statistischer Berechnungen
schüttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu entkräften, um
festzustellen, daß das marxistische Dogma von der Zuspitzung der
wirtschaftlichen Gegensätze, von der relativen Verelendung des
Proletariats noch unerschüttert ist.
Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials, an der die große
Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit mißt, wie sie an der Häufigkeit
der Zitate den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein Flüstern
staunender Bewunderung durch die Reihen, das sich in einem »sehr
richtig«, einem »hört, hört« wieder und wieder Luft machte.
Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden lebhafter, seine
kleine Gestalt reckte sich. Er malte die Not des Proletariats. Die
grollende Leidenschaft dessen, dem das Elend Auge in Auge
gegenübertritt, zitterte in seinen Worten, und klein und jämmerlich
erschien dagegen, was Bernsteins nüchterne Schreibstubenweisheit von der
gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten gewußt hatte.
Wie der peitschende Ostwind über die Baumwipfel, so wehte seine Rede
über die Köpfe. Und sie neigten sich gedankenschwer, sie wandten sich
einander zu; sie hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf,
emporgerissen. Da und dort stand einer auf, wie magnetisch angezogen von
dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe Menschen umringte die Rednertribüne.
Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der in den Ästen rauscht, --
es war der Sturm. Die jugendstarke Kraft des Revolutionärs, die
begeisterte Schwärmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste in den
Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus, all der unschlüssige
Zweifel, all die resignierte Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die
Seelen belastet hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub. Und wie
der Geisterbeschwörer aus dem Nebel Gestalten entstehen läßt, so
entwickelte sich unter dem Zauberstab des Redners die Erscheinung des
alten Marx. War er es wirklich? Seltsam, -- uns allen, die wir
aufmerksam zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche Farben zu
diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider ihn gesagt hatte, das nahm
Bebel für ihn in Anspruch: Die Elendstheorie hat an den Tatsachen
Schiffbruch gelitten, sagte Bernstein, -- nie hat Marx sie im Sinne des
absoluten Niederganges aufgefaßt, erklärte Bebel; der Hinweis auf die
Erlöserkraft der Revolution ist vom Übel, sagte Bernstein, -- auf die
Evolution hat Marx schon das größte Gewicht gelegt und niemals das Heil
im Straßenkampf gesehen, erklärte Bebel. Und während er sein
Feuerschwert gegen all die zückte, die vor lauter Wenn und Aber den
rücksichtslosen Kampfmut einzubüßen im Begriffe standen, traf es auch
die Inquisitoren, die ihn besaßen, aber auf die Ketzer im eigenen Lager
zielten.
Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie Steine von einem
Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, -- jeder die scharfe Kante
feindselig wider den anderen gekehrt, -- schien wieder ein Marmorbruch,
aus dem er planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern
zusammenschließen ließen.
Fünf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm seiner Rede wieder dem
ruhigen Gesprächston; sich selbst zurückgegeben, atmete die Menge tief
und gesättigt auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner des
Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschwächter Kraft: »Unsere
Grundanschauungen sind nicht erschüttert, -- wir bleiben, was wir
waren --.« Tobender Beifall verschlang den Schluß.
Minutenlang stand der nächste Redner, Eduard David, an Bebels Stelle,
ehe seine Stimme den Lärm durchdrang. »Ich habe den Mut, auch nach
Bebels Referat, Bernstein in seinen Anschauungen zuzustimmen,« sagte er.
Irgendwo zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis
unterdrückte rasch jeden Laut des Mißfallens. Kühl, fast nüchtern sprach
er; wer ihn auch nicht kannte, empfand: er kam mitten aus der Praxis des
politischen Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der Tradition
der Sekte mit ihrer Geheimbündelei, ihrem Märtyrertum, ihrer
Glaubensseligkeit. Er ließ das grelle Licht des Tages auf die durch
Bebel beschworene Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr
stand der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegensätze
verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners niedergetrampelt
hatte, da malte er sie groß und deutlich, wie der Lehrer die
Rechenaufgaben vor der Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht
blind war, konnte sich ihnen verschließen. Und er rief in die
Wirklichkeit zurück, wo Bebel uns auf den Flügeln seiner Phantasie in
die Zukunft getragen hatte. »Die höhere prinzipielle Bewertung der
Gegenwartsarbeit, -- das ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist
mehr wert, als was er uns genommen hat,« erklärte er und verkündete
gegenüber der einseitigen Betonung des Kampfs um die politische Macht --
als des einzigen Mittels, den Sozialismus zum Siege zu führen -- die
Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen, der
politischen Bewegung, die durch tägliche Arbeit dem Sozialismus einen
Fußbreit Erde nach dem anderen erobern.
Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck trat an
Stelle der Begeisterungsglut, die Bebels Rede angefacht hatte, auf die
Gesichter, und über die Geister herrschten wieder, an Stelle des großen
einigenden Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen Politik.
Durfte ich mich deshalb dem Gefühl des Bedauerns überlassen, das mich
momentan überwältigt hatte? Entsprang nicht jenes instinktive Festhalten
an den überkommenen Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen
Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im Konservativismus, wie in
Denkfaulheit und Bequemlichkeit geäußert hat? Wir, die wir Vorkämpfer
sein wollten, waren verpflichtet, sie zu überwinden.
Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer ein Kampf der Meinungen
blieb. Und das »Kreuzige!« tönte am lautesten vom Munde der Frauen.
Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise Zehringer, die
Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte es; eine kleine polnische
Jüdin, die eben erst in die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte
mit der Sicherheit einer Parteiautorität die Ansichten und Handlungen
bewährter Führer. Und die Masse klatschte ihr Beifall. »Sehen Sie, --
das ist eine Politikerin,« sagte ein Journalist, »je respektloser sie
die Auer und Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr
Erfolg.«
Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei sich voneinander
ab; über dem tiefer und tiefer wühlenden Streit vergaßen auch die
Leichtsinnigsten die Vergnügungen des Abends; Sitzungen wurden statt
ihrer abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es schien, als
würden die Radikalen vor dem äußersten nicht zurückschrecken. Die
uneingeschränkte Anerkennung des Parteiprogramms wollten sie fordern,
wie der orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum. Und jeder
begann im stillen die große Abrechnung mit sich selbst.
Zum ersten Mal kam mir zum Bewußtsein, was all die Jahre hindurch die
unbekannte Quelle meiner Kämpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache
forderte den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im Kampfe für sie
ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit schien mir, als ob zuletzt kein
anderes als dies Problem all den Kämpfen, die wir führten, zugrunde lag.
»Warum bist du so stumm?« fragte mein Mann, als wir in der Mittagspause
zusammensaßen.
»Weil ich anfange zu fürchten, daß ich kein Recht habe, Genosse zu sein.
Ich bin ja auch kein Christ --.« Verständnislos, ein wenig erschrocken,
als zweifle er einen Augenblick an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich
mich an. Ich legte meinen Arm in den seinen. »Hab keine Angst, Liebster,
-- ich dachte niemals klarer als jetzt! Hingabe an den Willen Gottes bis
zur Selbstentäußerung fordert das Christentum, Hingabe an den Willen
der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser Forderung und dem
Persönlichkeitsrecht eine Brücke gibt, das weiß ich im Augenblick
ebensowenig, als wir es in der Partei wissen.«
»Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch,« entgegnete
Heinrich erregt, »nicht an den Willen, sondern an das Wohl der Massen
wird die Hingabe verlangt.«
»Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverständliches das Opfer der
Überzeugung,« unterbrach ich ihn.
Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervosität, die alle
ergriffen hatte und manche jener robusten sehnigen Arbeitergestalten
tragikomisch erscheinen ließ, rissen die Delegierten den austeilenden
Ordnern die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels Resolution in
neuer Fassung. Wir verglichen.
»... Nach alle diesem liegt für die Partei kein Grund vor, ihr
Programm ...« las ich. »Jetzt heißt es: 'ihre Grundsätze und
Grundforderungen' zu ändern« las Heinrich, »damit können wir uns ohne
weiteres einverstanden erklären,« fügte er hinzu, und mit einem
lächelnden Blick auf mich: »Du siehst, die Klippe tragischer Konflikte
ist glücklich umschifft.«
Auer kam an uns vorüber. In seinem Gesicht wetterleuchtete es. »Jetzt
werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen,« sagte er in grimmigem
Scherz. Dabei sah ich, wie seine Finger sich zur Faust zusammenzogen.
Von allen Seiten, schriftlich und mündlich, direkt und indirekt war er
angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage in der
Öffentlichkeit überhaupt nicht geäußert hatte, galt als der eigentliche
und der gefährlichste Führer der Revisionisten, als der Abtrünnige.
Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die
gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine
Entladung mußte kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner die
Gegensätze ins Absurde steigern, den Gegner bis zur Lächerlichkeit
herabsetzen zu müssen. Die Zuhörer wurden unruhiger. Man ging ab und zu,
man unterhielt sich.
Da betrat Auer die Tribüne. Mit dem leisen Spott der Überlegenheit um
die Lippen sah er über die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung.
Unwillkürlich senkten sich alle Köpfe vor diesem gewaltigen Ausbruch
eines feuerbergenden Kraters. Eine öffentliche Anklage war es, und am
Pranger standen alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein
lähmendes Gezänk um Personen verwandelt hatten. Und eine Verteidigung
war es, -- eine Verteidigung des Mannes, den dieselbe Partei, um
deretwillen er aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats
bezichtigte; -- aber auch eine Verteidigung seiner selbst, des in der
jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen Kämpfers. Seine breiten
Hände, -- bestimmt, einen Hammer zu führen oder ein Schwert, --
umklammerten, zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. Sie
waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen Bureauluft weiß geworden.
Das stolze Germanenhaupt, dem ein Ritterhelm gebührte, sank leise nach
vorn. Die Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, das
auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am nächsten, braun und rot sich
hätte färben müssen, war grau und fahl. Durchwachte Nächte sprachen aus
seinen Augen.
Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, -- zu wuchtig fielen seine Schläge.
Und seine Stimme, durch hunderte von Reden, hunderte von
Agitationsreisen abgenutzt, drohte zu versagen. Noch eine die Luft
durchschneidende Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, was
sich doch unauslöschlich seiner Erinnerung eingeprägt hatte, noch ein
Witz, den er in die Masse warf, wie der Tierbändiger einen Knochen
zwischen die Tiger, und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Fluß
sein Ziel.
Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein kleines Häuflein
Unentwegter, die noch immer ihr »Kreuzige!« schrieen, stimmte dagegen.
»... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, daß die Partei über
ihre Grundsätze und ihre Taktik einheitlich denkt und auch fernerhin in
voller Einmütigkeit handeln wird ...,« sagte Singer zum Schluß. Die
Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hörte niemand die
Dissonanz? Es waren nicht die Geister der Vergangenheit, die
Prinzessinnen, die Kurfürsten und die Könige, die sie hervorriefen. Es
war der Geist der Zukunft.
* * * * *
Müde und erschöpft reisten wir heimwärts. Es dämmerte, als wir vom
Bahnhof zum Grunewald fuhren. Wie herrlich die Stille war in den breiten
Alleen! Wie erfrischend der Duft der Kiefern den heißen Kopf umstrich!
Statt der vielen Menschenstimmen nur ein abendlich-süßes
Vogelgezwitscher! Wer doch im Walde bleiben könnte! --
Mit jenem feinen Taktgefühl, das auf dem Baume alter Kultur eine der
köstlichsten Früchte ist, hatte meine Mutter, kurz ehe wir ankamen, das
Haus verlassen. So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem
Jungen freuen. Mir schien, als wären wir Wochen statt Tage weg gewesen:
war er nicht viel größer und viel klüger geworden? Und wie entzückend
ringelten sich die blonden Löckchen um den breiten Schädel! In
übersprudelndem Eifer mußte er alles erzählen, alles zeigen. Seinen
Bauernhof packte er vor mir aus, nahm die Bäume und rief: »Nu laufen sie
zu dem lieben, duten Mamachen!« »Aber Bäume laufen doch nicht!« meinte
ich. Darauf nickte er altklug mit dem Köpfchen und sagte: »Doch, Mama;
in der Elektrischen, da laufen die Bäume.« Und als er zur Feier des
Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er geschickt von seinem
hohen Stühlchen, stellte sich breitbeinig vor uns hin und rief: »Ich bin
satt!« Das erste »Ich«! -- Lachend schloß ich ihn in die Arme: Nun war
mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme der Welt verschwanden mir
wieder angesichts dieses Wunders.
Am nächsten Morgen saß ich am Schreibtisch und rechnete. Die Angst
trieb mir Schweißtropfen auf die Stirn: schon das nächste Vierteljahr
würden wir die Zinsen nicht zahlen können. Wie hatte ich als Mädchen
gezittert, wenn die Rechnungen kamen, die der Mutter Tränen erpreßten!
Es war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit meiner Situation.
»Mach dir doch keine Sorgen, ehe das Unglück da ist,« sagte mein Mann
ärgerlich, als er sah, wie verstört ich war.
Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, die jede Erregung
zur Folge hatte, stellten sich mit erschreckender Heftigkeit wieder ein.
Und abends, wenn ich todmüde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz
bis zum Halse herauf. Ich war genötigt, ein paar Versammlungen
abzusagen. Ich war froh darüber: in einem Zustand geistiger und
körperlicher Erschlaffung verbrachte ich meine Tage.
»Wir haben einen Käufer!« mit der Botschaft überraschte mich mein Mann
eines Morgens. Ich zweifelte noch. Aber bald darauf kam er selbst, und
in wenigen Tagen war der Kauf abgeschlossen.
»Siehst du nun ein, wie töricht es war, sich zu fürchten?« sagte
Heinrich. Beschämt senkte ich den Kopf. »Ich will in Zukunft mutiger
sein,« versicherte ich.
Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. Dann wollen wir von
vorne anfangen, dachte ich, und begann eifrig nach einer bescheidenen
Wohnung zu suchen.
Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund werden, sagte ich zu mir
selbst, wenn die Schmerzen nicht weichen wollten und das Herz mich nicht
schlafen ließ.
* * * * *
Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung der Genossinnen teil. Wie
die Befreiung von den persönlichen Sorgen mich aus der Erstarrung
aufgerüttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt die politischen
Vorgänge wieder. Das Zuchthausgesetz war endgültig begraben worden, aber
trotz aller gegenteiligen Versicherungen drohte eine neue gewaltige
Flottenvermehrung.
»Unter den Waffen schweigen die Musen,« erklärte ich, als wir die
Aufgaben besprachen, die der kommende Winter uns stellte, und einige der
Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein und seine Veranstaltungen in den
Vordergrund schieben wollten. »Wir müssen unsere Kräfte konzentrieren:
auf die beschlossene Agitation für den Arbeiterinnen-Schutz und auf den
Kampf gegen die neue Volksausbeutung.«
»Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts wertvolle
Unterstützung rechnen können, wird der Sieg uns nicht fehlen,« spottete
Martha Bartels und berichtete dann, wie ich durch die kürzlich
»angeblich« wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschädigt
hätte.
»Unsichere Kantonisten können wir nicht brauchen,« sagte Frau Resch, die
seit ihrer Delegation nach Hannover sehr selbstbewußt geworden war.
Während ich antwortete, drückte ich die Hand krampfhaft in die Seite, wo
die Schmerzen wühlten, und suchte, tiefatmend, die wilden Schläge
meines Herzens zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte der
Zank sich fort. Und plötzlich war mir, als drehe sich das Zimmer um
mich --, ohnmächtig brach ich zusammen. Als ich zu mir kam, übersah ich
mit einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt mich
umschlungen, auf ihren Zügen lag ein Schimmer aufrichtiger Teilnahme;
aber steif und unbeweglich saßen alle anderen um den Tisch, die Augen
auf mich gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Kälte und Mißtrauen. Ein
eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich preßte die Zähne zusammen
und erhob mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner hatte mich
fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf mich wartete,
benachrichtigt. Auf seinen Arm gestützt, verließ ich das Zimmer. Niemand
erhob sich. Niemand sagte mir Lebewohl.
Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte ein bedenkliches
Gesicht. »Ein paar Monate im Süden, und Sie können genesen,« sagte er.
Ich empfand seinen Bescheid wie eine Erlösung. Fort, -- weit fort, wo
ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen würde!
Wir entschieden uns für Meran. Der Überschuß, der uns vom Kaufpreis des
Hauses bleiben würde, ermöglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und
eine große Kiste mit Büchern und Manuskripten. »Nun werde ich ungestört
meine 'Frauenfrage' vollenden können,« sagte ich hoffnungsvoll.
»Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,« meinte mein Mann und sah dabei
traurig drein. »Ich werde ihn nicht erst fragen,« lachte ich; »Arbeit
ist für mich die beste Medizin.«
* * * * *
Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter zu uns. Als es Mitternacht
schlug, rissen wir alle die Fenster auf und riefen ein schallendes
»Prost Jahrhundert!« in die sternhelle Nacht hinaus. Da war keiner, dem
das Vergangene nicht wie ein Alp von der Seele gefallen wäre. Und unsere
Hoffnungen waren riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem
zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust nach jedem lauten
Wort trockener Husten erschütterte, zu Ilse, deren Blicke halb
ängstlich, halb verschüchtert an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren
Kämpfen sie manches ahnen mochte.
Schatten gingen um. Ich mußte sie bannen. Aus dem Bettchen droben, wo es
mit heißen Wangen schlief, nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im
Licht der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich hatte es
jubelnd emporheben wollen, nun aber drückte ich es zärtlich ans Herz und
flüsterte leise, ganz leise, damit die anderen nichts hörten: »Dein ist
das Jahrhundert.«
Wenige Tage später schloß sich die Pforte des grauen Hauses hinter uns.
Die Wipfel der Kiefern bewegten sich leise über dem Dach. Schwarz
standen ihre Stämme vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude
auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick zurück. So wollte
auch ich nur vorwärts sehen.
Zehntes Kapitel
Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal über Meran; die
Schneeflocken fielen so dicht, daß es aussah wie lauter weiße Schleier,
die der Winter, mißgünstig, einen nach dem anderen der Natur vor das
schöne Antlitz zog. Und ich war mit der ganzen Sonnensehnsucht des
Deutschen, der jenseits des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel
und blühende Bäume erwartet, gen Süden gefahren!
»Du hast mir das Sommerland versprochen, -- ich will ins Sommerland --,«
weinte mein Bübchen, als es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres
kleinen Zimmers in die weiße Welt hinaussah. Während ich ihn durch
lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fröstelte auch mich.
Das Sanatorium »Iduna«, das westlich von Meran einsam zwischen Wiesen
und Obstbäumen lag, war uns empfohlen worden. »Es nimmt nur eine
beschränkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher den Charakter eines
behaglichen Privathauses,« hieß es im Prospekt. In Wirklichkeit war's
ein altes Landhaus, das, wie so viele seinesgleichen im Süden, mit
dünnen Wänden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren schien. Ein
paar eiserne Ofen strahlten stundenweise rotglühende Hitze aus, um dann
wieder kalt, schwarz und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des
grausamen Spiels mit den armen Bewohnern.
Ich hatte nicht schlafen können: der Wind rüttelte an den Fenstern, mein
Sohn warf sich unruhig in dem ungewohnten großen Bett hin und her, und
ein hohler Husten, nur von stöhnenden Seufzern unterbrochen, klang aus
dem Zimmer unter uns unaufhörlich zu mir empor. Müde und abgespannt ging
ich zum Frühstück in den Eßsaal, -- einer verglasten Veranda, durch
deren breite Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In der Mitte
stand der lange schmale weißgedeckte Tisch, darauf in nüchterner
Regelmäßigkeit Reihen weißer Teller und Tassen. Eine Frau saß daran in
schwarzem Kleid mit vergrämten Zügen, neben ihr im Rollstuhl ihr blasser
Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, -- einer jener Kranken,
die hoffnungsloses Leiden böse gemacht hat, -- ihm gegenüber am
äußersten Ende der Tafel ein schmalbrüstiger Jüngling, dessen Antlitz
nur noch mit der Haut bespannt schien, -- einer fahlen, graugelben --.
Ich zögerte an der Schwelle, mir grauste vor dem Bilde, in dem alle
Farben des Lebens erloschen waren.
Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten Kleidchen, mit frischen
Wangen und glänzenden Augen. Und der ganze Raum war erhellt. Ein
freundliches Lächeln spielte um die blutleeren Lippen des Jünglings; die
Falten auf der Stirn des Gelähmten glätteten sich, nur die Frau im
schwarzen Kleid wandte wie verletzt den Kopf zur Seite.
Ich wäre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich war viel zu müde,
viel zu apathisch dazu. Der Arzt, ein gütiger alter Mann mit weichen
Frauenhänden, versprach mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach
Süden. »Das unter Ihnen,« sagte er, »der Herr reist ab --,« dabei
verschleierten sich seine hellen Augen. Dann gab er mir
Verhaltungsmaßregeln. »Meine wichtigste Verordnung ist: ein
Kindermädchen. Sie müssen Ruhe haben, -- Tag und Nacht, der Bub dagegen
soll sich tüchtig Bewegung machen,« begann er.
Ruhe, -- schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. Am nächsten
Tage brachte er mir ein hübsches, brünettes Landmädchen, das mir gefiel;
sie zog mit dem Kleinen, der sich an die lustige Gefährtin rasch
gewöhnte, in das Zimmer nebenan. Nun erst fühlte ich, wie krank ich war:
den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos wie mein Körper waren
Gedanke und Gefühl. Auch meine Umgebung störte mich nicht mehr; -- wenn
ich nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.
»Nun wird er bald abreisen,« sagte der Arzt eines Tages und drückte mit
der Spitze des Zeigefingers in den Augenwinkel, als sei ihm ein
Staubkörnchen hineingeflogen.
»Dann soll ich hinunter?« fragte ich und dachte entsetzt an die Mühe des
Umräumens. »Ja,« meinte er, »denn nun es täglich wärmer wird, müssen Sie
in der Sonne liegen.« »In der Sonne?!« Ich lächelte ungläubig. Seit
einer Woche hatte der Schnee sich in Regen verwandelt.
Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und
her, und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: der regelmäßige Husten
unter mir war verstummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche
Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im
Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flüsterte, -- knarrend
öffnete sich unten eine Tür. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein
Leiterwagen stand im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden
mit denen im Hause zu verständigen schienen; und auf einmal schwebte
etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Großes, -- der Regen
klatschte darauf, -- eintönig. Schon wollt' ich schreien, -- da geriet
das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten Laterne: es war ein Sarg.
Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd unter der
Decke. So war er »abgereist«! --
Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen,
deren Körper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren.
Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das
Wasser aussah, als wäre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen,
hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und
Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!
Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh fuhr ich nach Meran und
drüber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als möglich. Dort fand
ich neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches Haus
zwischen Nußbäumen und Weinreben.
Am selben Abend zogen wir ein.
Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen können. Die Berge
entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die
Erde verhüllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine
Hochzeitskrone auf ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den
Mandelbäumchen die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda und ließ mich
wie sie von der Sonne durchglühen und fühlte, daß auch mir die
Lebensfarbe in die Wangen stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen
frische Wiesenblumen.
»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,«
schwatzte er, »zu den so vielen Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern
auch, wo die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, die
Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich,
immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war.
»Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« antwortete ich
ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein
Beweis, daß ich lebe.«
Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich
und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, -- so wohl! Warum nur?! Und
in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich
erschrocken um, als könnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, daß ich
kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei -- wirklich frei;
ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen
erst beantworten zu müssen: stört es den Anderen? Verletzt es ihn?
Beeinträchtigt es seine Ruhe, seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum
Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer
trällern, -- läge Heinrich neben mir, ich würde mich aus Rücksicht auf
seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemächlich
im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene
quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, -- die einzig
berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die
einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches
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