»Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange! Im übrigen --,«
sie nahm wieder den alten eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, »muß
ich umziehen, ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine Wohnung --,«
sie wies nach dem Eßzimmer nebenan, »ich habe keinen Platz für sie.«
Keinen Platz für die eigenen Kinder?! Sie schien zu fühlen, was ich
empfand, denn rasch fuhr sie fort: »Ich wünsche, daß die durch Unordnung
sowieso schon genug geschädigten Buben gleich in ein regelmäßiges Leben,
eine zu ernster Arbeit gestimmte Häuslichkeit kommen.«
»Und wann, meinen Sie, dürfte das sein?« Drängte ich. »Die Situation ist
für alle Teile unerträglich!«
Sie lächelte: »Finden Sie? Ich habe Schlimmeres ausgehalten!« Tiefe
Falten gruben sich auf ihre Stirn, um ihre Mundwinkel. Wieder streifte
mich ein Blick, -- zum Fürchten. »Warten Sie nur, bis Sie fünf, sechs
Jahre mit ihm gelebt haben werden!«
Ich erhob mich, -- fast wäre der geschnitzte Stuhl bei meiner raschen
Bewegung zu Boden geglitten. Hier hatte ich nichts mehr zu tun. Sie
geleitete mich hinaus. Und als müßte sie mir zuletzt noch ihren Haß
fühlen lassen, sagte sie: »Ich werde schwere Mühe haben, -- die Kinder
sind zu schlecht erzogen.«
Ich dachte an die Buben, -- an ihre lustigen Knabenstreiche, an die
ungebundene Freiheit, die sie genossen. Noch ein gutes Wort wollte ich
bei der strengen Frau für sie einlegen und sagte bittend: »Sie werden
ihnen nicht zu plötzlich die Wandlung fühlen lassen?«
»Wie können Sie sich erlauben --?!« rief sie fassungslos. »Wer ist hier
die Mutter: Sie oder ich?!«
Krachend fiel die Flurtüre hinter mir zu. In der nächsten Nacht fuhr ich
nach Berlin zurück. Nicht das mindeste glaubte ich erreicht zu haben.
Ein Brief des wiener Anwalts folgte mir auf dem Fuße. Er enthielt den
unterschriebenen Vertrag und übermittelte den Wunsch, den Kindern möchte
die Reise nach Wien nur als ein Besuch dargestellt werden, »damit sie
gerne kommen.«
Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, -- und eine Reise nach Wien!
Wir brachten sie zur Bahn und sahen den strahlenden Gesichtern nach, die
grüßend aus dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken
entschwand.
* * * * *
Kaum drei Wochen später kehrten sie zurück, -- still und blaß. Wolfgangs
rundes Kindergesicht war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen hatte
sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft. Ihr Aufenthalt in Wien
war wirklich nur ein Besuch gewesen. Ob die einsame Frau das Glück nicht
ertragen hatte? Ob die Forderungen eines Lebens für andere sie erdrückt
haben mochten? In die größte, die letzte Einsamkeit hatte sie plötzlich
der Tod entführt.
Aber noch darüber hinaus wirkte ihr Haß: das Testament bedrohte die
Kinder mit Enterbung, wenn sie im Hause des Vaters bleiben würden. Und
so mußten sie wieder fort, da sie der Wärme, der Liebe am meisten
bedurften.
Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren, wo die Jugend in
schöner Abwechselung von Spiel und Arbeit, von der Übung körperlicher
und geistiger Kräfte sich frei und fröhlich zu entwickeln vermag, einer
Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem Geist engherzigen Preußentums
den Eintritt bei sich zu verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das
beste, das wir hatten finden können, und doch so schrecklich wenig für
die, denen die Mutter gestorben war.
* * * * *
Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen, der sich inzwischen auf
seinen eigenen Füßchen zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer der
Brüder von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schränke und unter die Betten
und rief vergebens »Wof« und »Ans«. Zuerst weinte er, weil sie nicht
kamen, um mit ihm zu »pielen«, dann erinnerte er sich ihrer nur noch,
wenn er auf meinem Schoß am Schreibtisch saß und ich ihm ihre Bilder
zeigte. Er war ein unbändiger kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz
aushielt. Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster,
Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Straße, -- alles erregte seine
brennende Neugierde; wenn aber gar Soldaten vorübermarschierten, so
zappelte er mit Händen und Füßen vor Freuden, und rief, so laut er
konnte: »Daten! daten!«
Seitdem der Großvater sich dem Enkel zu Liebe einmal in die alte
Generalsuniform gezwängt hatte, ging er noch einmal so gern in die
Ansbacherstraße. »Apapa Dat, Apapa Dat,« hatte er mir mit erstaunten
Augen und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen damals
erzählt. Und »Apapa dehn!« schrie er mit Stentorstimme, wenn wir nicht
ruhig genug mit ihm spielten.
Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erzählte mir, der Vater habe
heute, ohne sie zu fragen, die Wohnung gekündigt. »Er will im Grunewald
mieten,« fügte sie hinzu, »um Ottochen nahe zu sein.« Mir wurden die
Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel die Tochter, die er verloren
hatte.
Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:
»Liebes Kind! denke doch nicht, daß es mir genügt, Deinen Jungen bei
mir zu sehen. Alte Leute brauchen viel Wärme, darum sagte ich
Ottochen heute, daß er Papa und Mama das nächste Mal mitbringen soll.
Er sah mich so ernsthaft an, daß ich glaube, er hat mich verstanden.
Dein treuer Vater.«
Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in die alte Wohnung. Die
Schwester kam mir entgegen: »Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges
Fest für mich sein,« sagte sie und küßte mich stürmisch. Sie öffnete die
Tür zum Zimmer des Vaters. »Er kommt gleich,« flüsterte sie und lief
davon. Ich mußte mich setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein
Gesicht, ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so
einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte, grüne Teppich,
der sich warm und weich unter meine Füße schmiegte, die dunkeln Bilder
an der Wand, die zu lächeln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie
einst in Reih und Glied die sorgfältig gespitzten Bleistifte und die
Gänsefedern, die der Vater sich selbst zu schneiden pflegte, und der
»Soldatenhort«, für den er schrieb. Und in der Ecke -- die alte
Reiterpistole! Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. -- Der
sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zurück! Nein, -- mich
nicht! Nur dieses süßen blonden Kindes Mutter!
Die Türe ging auf. »Apapa!« rief der Kleine und streckte ihm die Ärmchen
entgegen. Im nächsten Augenblick fühlte ich uns beide umfaßt: Die Lippen
zitterten, die meine Stirn berührten. »Wir wollen einander nicht weich
machen, Alix,« sagte er leise. »Wir wollen so tun, als wärst du gar nie
weg gewesen.«
Von nun an sahen wir uns oft. Mühsam, mit schwerem Atem, auf jedem
Treppenabsatz minutenlang innehaltend, kam er immer häufiger zu uns
herauf, und meist um die Stunde, die er früher im Kasino zuzubringen
pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte Gewohnheit aufgegeben,
und als die Mutter ihn darnach fragte, sagte er: »Was soll ich mich
jetzt noch über Menschen und Zeitungen ärgern?!«
Mein Mann, der sich nie als »Schwiegersohn« fühlte, sondern stets sehr
zurückhaltend, sehr förmlich blieb, gefiel ihm. »Du ahnst ja kaum, wie
der Frieden auf mich wirkt,« schrieb er mir einmal. »Ich bin Dir die
Erklärung schuldig, daß dein Mann, dessen vollendeter Takt mir so
wohltuend ist, ganz auf mich zählen kann.«
Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er zum Frühjahr in unserer
Nähe eine Wohnung gemietet hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser
Häuschen wachsen und werden sah.
»Wie mich das glücklich macht, dich so ohne Sorgen zu wissen,« sagte er
zu mir, während er unermüdlich über die Balken kletterte und jeden Raum
in Augenschein nahm. Dann drückte er Heinrich die Hand: »Daß du meiner
Alix solch eine Heimat schaffst!«
Draußen im Garten freute ihn jeder Strauch, der gepflanzt wurde. »Hier
muß Ottochen einen großen Sandhaufen haben,« -- meinte er, »und eine
Schaukel und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden.
Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich im Sommer, ohne euch zu
stören, sitzen und mit meinem Jungen spielen kann.«
* * * * *
An einem dunkeln Spätherbsttag, kurz vor der Hochzeit meiner Schwester,
kam ich nach Hause. »Exzellenz ist beim Kleinen,« sagte das Mädchen. Ich
nickte lächelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und durfte des schlechten
Wetters wegen nicht ausgehen. Nun kam der Großvater zu ihm. Ich trat in
sein Zimmer. Auf dem Teppich saß mein Kind, vertieft in die neuen
Soldaten, die ihm »Apapa« mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl lag der
Vater tief zurückgelehnt und schlief. Der sonst so lebhafte Junge
bewegte sich leise zwischen dem Spielzeug und sah erschrocken auf, als
ich näher trat. »Pst, pst!« machte er und legte ein Fingerchen auf die
Lippen. »Apapa baba!«
Der graue Schatten des frühen Abends kroch durch die Fenster. Schwer lag
er über den Zügen des Schlafenden, verwischte jede Lebensfarbe, ließ
jede Falte tiefer erscheinen. Ich faltete unwillkürlich die Hände: Wie
alt, wie blaß, wie müde sah er aus! Und war doch ein so starker Mann
gewesen und den Jahren nach kein Greis! Ich sank in die Kniee und küßte
die herabhängende Hand. Der Kummer um mich war es gewesen, der ihm ein
Stück seines Lebens gekostet hatte.
* * * * *
Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar Erdmann getraut. Nur
die nächsten Verwandten waren geladen worden, und auch von ihnen hatten
manche abgesagt, als sie erfuhren, daß wir zugegen sein würden. Meine
Schwester sah aus wie eine Frühlingselfe. Alles Licht im Raum ging von
ihren goldenen Haaren aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier
nicht zu dämpfen vermochte. Erdmann schien mir noch schmaler als sonst.
Ein unbestimmtes Angstgefühl beschlich mich. Meiner Schwester »Ja!«
klang so froh, so hell an mein Ohr, daß es die Sorge verscheuchte. Als
aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte, verschlang ein rauher
Husten, unter dem ich seinen Rücken beben sah, seine Antwort. Mir war,
als wechselten seine Geschwister, die neben uns standen, einen
erschrockenen, vielsagenden Blick. Doch wie das junge Paar sich uns
zuwandte, überstrahlte ihr Glück auch diesen Eindruck.
Vor der Hochzeitstafel überkamen mich alte Träume. Sie stiegen aus den
schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen, während Walzermelodien
mich umrauschten, sie schimmerten in den silbernen Jardinieren, in denen
so viel Rosen, -- duftende Zeugen meiner Balltriumphe --, verblüht
waren.
Jemand schlug ans Glas. Nun, wußte ich, wird meines Vaters klare Stimme
die Luft in rasche Schwingung versetzen, sein Geist und sein Witz wird
alle bezaubern, und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden.
Erwartungsvoll sah ich ihn an.
Seine Finger zerdrückten unruhig die Serviette, seine Lippen öffneten
sich einmal -- zweimal, bis daß ein Ton sich ihnen entrang, der rauh und
heiser war. Und dann sprach er, -- langsam, schwerfällig, wie
eingelernt. Meine Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in
Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten, die so
wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, -- gleich darauf sank
sie schlaff herab, die Lippen zuckten, -- der begonnene Satz zerriß; --
eine qualvolle Pause; -- dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob es
empor, wobei die Tropfen zitternd über den Rand spritzten: »Die Familie
Erdmann lebe hoch -- hoch -- hoch!« -- In den Stuhl sank er zurück;
seine Augen wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum anderen,
und als sein Blick den meinen traf, sah ich die Träne, die ihm in den
Wimpern hing.
* * * * *
Im Winter ging es meinem Vater Woche um Woche schlechter. Es duldete ihn
nicht im Hause; schon früh trieb ihn eine unerklärliche Unruhe fort;
versuchte die Mutter, ihn zurückzuhalten, so setzte er ihren Bitten
einen so heftigem Widerstand entgegen, daß sie ihn gehen lassen mußte.
Er besuchte meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf, obwohl
es ihm täglich schwerer wurde. Es war, als ob er das Alleinsein mit der
Mutter nicht ertrüge. Nur wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere
Unruhe einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verließ ihn das
Gedächtnis, dann nannte er den Kleinen »Alix« und war noch zärtlicher zu
ihm als sonst. Einmal kaufte er eine Puppe, um sie »Alix« zu schenken;
als ihn die Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er in helle
Wut. »Alle Freude willst du mir verderben,« schrie er und sprach
stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine Pflege duldete er nicht; er schloß
sich im Schlafzimmer ein, wenn der Arzt kommen sollte.
Ich sah, wie meine Mutter sich mühte, ihm alles recht zu machen. Aber
die Sorgfalt, mit der sie ihn umgab, hatte etwas Kühles, Fremdes, -- als
ob das Herz nicht dabei wäre. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es kam
vor, daß ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach; dann weinte sie
bitterlich, aber es waren Tränen des Zornes, nicht des Leides. »Er ist
so böse zu mir, so böse!« kam es krampfhaft zwischen ihren fest
geschlossenen Zähnen hervor. Hilflos stand ich vor der Offenbarung der
Ehetragödie meiner Eltern. Manches Erlebnis, das meine Jugend verbittert
hatte, tauchte in der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den
Schlüssel dazu.
»Die Ehe hat sie zerstört,« sagte ich zu meiner Schwester, als wir
darüber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu helfen sei.
»Ja, -- das glaube ich gern,« antwortete sie mit einem grüblerischen
Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen sonst fremd war.
Ich horchte auf; -- kaum zwei Monate war sie verheiratet! Von da an
führte mein Weg, wenn ich zu den Eltern ging, regelmäßig bei ihr
vorüber. Ich hatte sie in ihrem jungen Glück nicht stören wollen, jetzt
trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es nicht schon gestört war. Aber ich
fand sie stets heiter inmitten ihrer schönen Häuslichkeit, die in Formen
und Farben so harmonisch zusammenstimmte, daß eine Vase, ein
Blumenstrauß schon störend zu wirken vermochte, wenn sie nicht in
bewußtem Einklang damit gewählt worden waren. Und ich fand ihren Mann
zärtlich um sie besorgt, -- in einer Art freilich, die ich nicht
vertragen hätte, die der Natur Ilsens aber zu entsprechen schien. Er
bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte die Hauswirtschaft, er
ordnete den Tisch, wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter
seiner Hand den Charakter seines Künstlertums an: der Vornehmheit, die
jedes äußeren Schmuckes entbehren konnte, weil sie das Wesen des
Materials zu reinstem Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden
Ruhe, die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen Vorhänge
klang und am Abend in den Falten der grünen, die sich darüber breiteten,
träumte; und der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab,
widerspiegelte, -- in den dunkelroten Kastanienblättern der Tapete, den
zarten Pflanzen- und Vögelstudien japanischer Stiche, dem Wandteppich
mit dem stillen Waldbach, auf dem die Schwäne ziehen. Es war gut sein
bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt draußen doppelt häßlich,
unharmonisch, laut und herzlos vor. Aber es ging auch etwas wie eine
Lähmung von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen Leben
gewaltsam abzog.
Die Gäste des Hauses entsprachen dieser Stimmung; keine der Fragen, die
uns bewegten, traten mit ihnen über seine Schwelle. Die Kunst stand im
Mittelpunkt all ihres Denkens und Fühlens; nicht jene nebenabsichtslose,
die wächst wie ein Baum, gleichgültig, ob nur einsame Wanderer ihn
finden, oder ob Scharen unter seinem Schatten ruhen, sondern jene
märchenhafte Treibhausblume, die nur für die Auserwählten gezogen wird.
Sie vertraten alle den Individualismus, aber hinter ihrer Forderung der
höchsten Kultur des Individuums verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach
mit halber Stimme, man las Bücher, die in numerierten Exemplaren nur für
einen kleinen Kreis von Freunden gedruckt wurden; am Flügel saß häufig
ein katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht des
zartgetönten Salons Palestrinas feierliche Weisen ertönen ließ.
Dieselbe Atmosphäre, die sich weich um die Stirne legt, herrschte hier,
wie im Theater, wo Hofmannsthals Hochzeit der Sobëide jenen
Haschichrausch hervorrief, der der Welt entrückt. Und am Ende des
Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen Göttern ebenso stürmisch zu,
wie wir die Ibsen und Gerhart Hauptmann empfangen hatten. Flüchteten die
Menschen nur im Gefühl ihrer Schwäche aus der Wirklichkeit, oder waren
nicht unter denen, die sich abseits des rauhen Lebens in einem weißen
Tempel versteckten, auch solche, die als geweihte Priester der
Menschheit wieder aus ihm hervorgehen werden?
Ich hätte die Frage nicht entscheiden können, aber mein Optimismus
glaubte gern an Keime neuen Werdens, wo andere Fäulniserscheinungen
sehen. Auch Erdmanns Persönlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte
zu bewußt im Boden der Erde, als daß er seine Kunst ihr hätte entreißen
können. Er behandelte die jungen Männer, die seine genial geknoteten
Krawatten nachahmten, von seinem tiefsten Wesen aber wenig wußten, mit
leiser Ironie. Die l'art pour l'art-Devise war für ihn nicht das Letzte.
»Wir müssen den Snob benutzen,« sagte er, als wir einmal unter uns
waren, »um allmählich zum Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe
wie mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht der Wenigen und
nach einem Jahr die Gewohnheit der Massen.« Lebhaft hin- und hergehend
setzte er uns dann seine Zukunftspläne auseinander: Handwerkerschulen
wollte er schaffen, in denen nicht alte Klischees immer wieder benutzt
werden, sondern die neuesten und schönsten Errungenschaften der Kunst zu
Mustern dienen.
»Es ist bewundernswert, wie verständnisvoll all die kleinen Handwerker,
die ich jetzt schon zusammengesucht habe, meinen Ideen entgegenkommen.
Sie sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben vor allem weit
mehr Gefühl für das Material, das sie bearbeiten, als die meisten
unserer Kunstgewerbetreibenden, die vor lauter theoretischem Wissenskram
jede persönliche Stellung zu den Dingen verloren haben --.« Ein heftiger
Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken zirkelten sich auf seinen
eingefallenen Wangen ab. Meine Schwester erblaßte, lief hinaus und
brachte ihm eine Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas längst
Gewohntes. »Der berliner Winter, -- dies ekelhafte Regenwetter --,«
sagte er dann und lehnte sich müde in den Stuhl zurück, während seine
Brust sich noch krampfhaft hob und senkte. »Ich war um diese Zeit immer
im Süden --,« fügte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.
Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur Tür. Ich sah sie
fragend an. Sie nickte, um ihren Mund zuckte es verräterisch: »Ich weiß,
-- wir sollten fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten nicht im
Stiche lassen, sagte er. Aber später, in Jahr und Tag, wenn er sehr viel
verdient haben wird, --« dabei lächelte sie wieder hoffnungsvoll, --
»dann wollen wir reisen --« »Ilse!« klang es ungeduldig von innen. Sie
fuhr erschrocken zusammen: »Nun wird er wieder böse sein!« und lief,
sich hastig verabschiedend, hinein.
Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun ging meine Mutter
zwischen dem Mann und dem Schwiegersohn unermüdlich hin und her.
»Ilschen ist viel zu zart für solch eine Pflege,« meinte sie, während
sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich zu schonen, so
hatte sie nur die eine Antwort: »Solange mir Gott Pflichten auferlegt,
habe ich sie zu erfüllen.« Dabei rückte der Umzugstermin näher; er mußte
pünktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der Eltern war
vermietet. In der Nacht, wenn der Vater schlief, kramte und packte die
Mutter, um ihn nur ja bei Tage damit nicht zu stören.
Bei uns sah es ähnlich aus, denn unser Häuschen war inzwischen fertig
geworden, und der Tag des Einzugs war festgesetzt. Aber die Freude
fehlte, mit der ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.
»Sind wir erst draußen, so wird alles gut werden,« versicherte mir
Heinrich immer wieder, wenn meine sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung
verrieten. »Glaubst du, daß wir Taler von den Kiefern schütteln können,
wie das Kind im Märchen?« antwortete ich. »Wertvollere jedenfalls,«
meinte er gereizt. »Deines Kindes und deine Gesundheit, deine
Arbeitskraft sind doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die
du momentan vermißt.« Ich zuckte die Achseln. Die Sorgen waren ja meine
Krankheit, und sie gedeihen auch in der besten Luft.
* * * * *
Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich --« Meine Mutter schickte
diese Zeilen. Wir fuhren in die Ansbacherstraße. Auf seinem Lehnstuhl
saß der Vater, halb angezogen, mit blaurotem Gesicht und
blutunterlaufenen Augen. Gepackte Kisten standen umher, öde starrten uns
die vorhanglosen Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgeräumten
Tischen.
»Ich will nicht zu Bett, -- ich will nicht,« stöhnte der Kranke. Der
Mutter liefen die Tränen über die abgehärmten Wangen.
»Er stößt mich zurück, wenn ich ihm helfen will,« flüsterte sie. Der
Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung erhob sich der Vater, stützte
sich mit beiden Händen auf den Tisch vor ihm und schrie, während die
Augen ihm aus den Höhlen zu treten schienen: »Hinaus -- hinaus! Ich mag
keinen Quacksalber!« --
Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die linke Seite, -- langsam
wich die Farbe aus seinen Zügen; willenlos ließ er sich ins Schlafzimmer
führen, den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren
Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur die Augen, die merkwürdig groß
und klar geworden waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.
Während Heinrich und Erdmann von den neuen Mietern der Wohnung, die sich
zu einem Aufschub des Einzugs nicht verstehen wollten, zum nächsten
Krankenhaus fuhren, um die Übersiedlung dorthin vorzubereiten, und die
Mutter mit Ilsens Hilfe draußen das Notwendigste zusammenpackte, war ich
allein bei dem Kranken.
Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine
Züge. »Du kannst ruhig, -- ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin
vollkommen glücklich --,« versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich
gleich darauf in jäher Angst, halb geschlossen, wieder auf mich zu
richten. »Ich liebe dich, Papa, ich habe nie aufgehört, dich zu lieben,«
antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen
zuckte ein leises Lächeln, seine schwache Hand versuchte, die meine zu
umschließen, die Lider deckten sekundenlang die stahlblauen Pupillen, --
dann zuckten sie schreckhaft wieder empor. Eine einzige, ungeheure,
verzweifelte Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben sich
zu einer letzten Zuflucht zusammendrängte. Ich verstand. Vorsichtig
löste ich meine Hand aus der seinen und ging hinaus -- »Mama!« rief ich
leise. Sie kam. Ich sah noch zwei Hände, die sich zitternd ihr
entgegenstreckten, -- dann zog ich die Türe hinter mir ins Schloß ...
Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem Zimmer, bleich,
regungslos, wie versteinert. »Er schläft,« sagte sie. Ich beugte mich
über ihn: wie ein Hauch schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen.
Die Augen waren geschlossen, das Gesicht weiß und still, beherrscht von
einem Ausdruck feierlichen Ernstes.
* * * * *
Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. »Apapa dehn!« schrie es
ungeduldig. Es war die Stunde seiner täglichen Ausfahrt. Ich schüttelte
traurig den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.
* * * * *
Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit einer Ruhe, von der ich nicht
wußte, ob ich sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen sollte, ordnete
die Mutter alles an, als wäre er schon gestorben.
Angstvoll sah ich hinüber zu dem starren Gesicht in den weißen Kissen.
»Er ist ohne Bewußtsein,« hatte der Arzt versichert. Zuweilen aber
schien mir, als hörte er noch, als sähe er mit geschlossenen Augen, als
ginge ein Beben durch seinen Körper.
In der dritten Nacht starb er.
* * * * *
Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib der Stadt sich gigantisch
den Hügeln zu Füßen hinstreckt und der Sturm ungehindert durch die alten
Bäume pfeift, ist die letzte Garnison der Soldaten. Von den
Schießständen grüßen die Flintenschüsse herüber, von den Kasernenhöfen
die Trompetensignale, und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen die
Kriegsmärsche in den Frieden des Kirchhofs.
Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg, in dem der Tote
schlief, gehüllt in den Mantel, der in allen Feldzügen sein
unzertrennlicher Begleiter gewesen war. Es war ein stilles Begräbnis.
Für die alten Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der
Abtrünnigen, versöhnte.
Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der seinem Ahnherrn in
Frankreichs blutgetränkter Erde die Krone des deutschen Reiches erobern
half.
* * * * *
Acht Tage später verließen wir die Wohnung, in der die Sonne durch alle
Fenster hatte fluten können, in der mein Sohn geboren worden war. »Ottoo
-- addaa --« jauchzte er wieder, als wir davonfuhren; aber die Fenster
des Wagens waren geschlossen, und der Frühlingsregen peitschte an das
Glas. Im Walde draußen empfing uns die neue Heimat: Unter dem tiefen
grauen Dach unseres Hauses schauten die kleinen Fenster wie Augen unter
schattenden Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig
abwehrend zurück. Darüber wiegten die Kiefern ihre schwarzen Kronen. Es
war wie ein Stück der stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still
und ernst trat ich über seine Schwelle.
Neuntes Kapitel
Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende nehmen. Die Stadt Berlin,
die durch Reinlichkeit zu ersetzen pflegte, was ihr an Schönheit
gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Straßen bis in den April
hinein in schmutzig-grauen Schlamm verwandelte, nicht gewachsen.
Heerscharen, mit Spaten und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den
hartnäckigen Feind aus den Toren zu treiben, und um die Massen der
Arbeitslosen, die unter seinem Regiment immer stärker angeschwollen
waren, zu verringern. Vergebens. Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor
den Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr als je waren
kräftige Männer darunter. Selbst um die am schlechtesten bezahlte
Heimarbeit rissen sich die Frauen; wovon sollten sie die Kinder
ernähren, da die Väter feiern mußten und das Fleisch immer teurer wurde?
»Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde,« sagte eine blasse, kleine
Parteigenossin, die jedesmal mit entzündeteren Augen in die Sitzungen
kam. »Die Agrarier, die Konfektionäre und die Kohlenfritzen werden dick
und fett, und wir kriegen die Schwindsucht.« Sie stickte Hemden, --
»ganz feine aus Battist, mit 'ner Fürstenkrone. Ich wünschte man bloß,
jeder Stich wäre 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten Körper
berühren,« fügte sie hinzu. Die Bitterkeit, mit der sie sprach, erfüllte
mehr denn je ihre Klassengenossen.
Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte die Mehrheit der
bürgerlichen Parteien eine Militärvorlage, die Millionen und
Abermillionen kostete. Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im
Abgeordnetenhaus brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals zu
Fall, der zahllose neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet hätte. Überall
siegten die Interessen der Besitzenden gegen die der Arbeiter,
und nun drohte die Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere
Arbeitsbedingungen die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.
Noch zögerte die Regierung mit der Veröffentlichung des Wortlautes der
Vorlage, aber sie warf ihre Schatten voraus, so daß an ihrem Inhalt
niemand mehr zweifeln konnte.
* * * * *
Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins längst erwartete Broschüre:
»Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
Sozialdemokratie.« Sie faßte zusammen und führte aus, was er ein Jahr
vorher in seiner Artikelserie über die Probleme des Sozialismus gesagt
hatte. Jetzt, wo die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem
Verstand zu lesen vermochte, spürte ich den Einfluß der englischen
Fabier, der Webb, der Shaw, der Burns, in deren geistiger Atmosphäre
dies Buch entstanden war. Ich spürte aber auch den deutschen Gelehrten,
der der rauhen Luft Preußens seit Jahrzehnten entwöhnt war und es in
seiner stillen londoner Studierstube, fern der Heimat, verfaßt hatte. Er
konnte drüben nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick jede
Aufnahmefähigkeit für theoretische Erörterungen gebrach, und wie der
Masse der Parteigenossen, die sich von allen Seiten in ihrer physischen
und rechtlichen Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus
nicht zurückzustoßen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische
Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen mußte. Wo waren denn die
freigesinnten Elemente der Bourgeoise, auf die es sich verlohnte,
Rücksicht zu nehmen, um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen
durchzusetzen? Sie entflammten in schöner Begeisterung für
Völkerfreiheit, -- wenn es sich um den Kampf der Buren gegen die
Engländer handelte. Sie empörten sich wider Unrecht und Vergewaltigung,
-- wenn von Dreyfus und dem französischen Generalstab die Rede war. Es
kam sogar etwas wie ein Entrüstungssturm zustande, als das Zentrum die
Kunst in die Ketten kirchlicher Moral zu legen drohte, -- aber dem
Urteil von Löbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren über die schwer
errungene zehnstündige Arbeitszeit hinaus arbeitenden Kollegen in eine
Schlägerei verwickelten, mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und
kalt gegenüber.
So sehr ich mich genötigt sah, der theoretischen Kritik Bernsteins
zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von der Notwendigkeit eines
Paktierens mit dem Liberalismus. »Wer nicht mit uns ist, der ist wider
uns --.« Getäuschte Liebe trägt die Maske brennenden Hasses; darum
urteilt der Renegat über die Klasse, die er verließ, am schärfsten. Wo
waren all die, auf die ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem
den Weg zu uns gefunden: Göhre. Alle anderen starrten geblendet in die
Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.
* * * * *
»Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu unterbreiten,« begann
Martha Bartels in einer unserer Frauensitzungen. »Unter uns ist kaum
eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im Vorwärts verfolgt
hätte. In engeren Parteikreisen haben wir wohl auch Gelegenheit gehabt,
uns darüber auszusprechen und Belehrung durch andere zu empfangen. An
einer großen öffentlichen Auseinandersetzung fehlt es leider noch. Ich
beantrage, Genossin Orbin zu bitten, in öffentlicher Volksversammlung
einen Vortrag über den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu
wollen.«
Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. Ich wußte, daß es
Wanda Orbin selbst gewesen war, die ihr diesen Gedanken souffliert
hatte. Sie wütete in der »Freiheit« gegen Bernstein. »Soweit es sich um
die Erörterung der praktischen Vorschläge Bernsteins handelt, scheint
auch mir der Antrag annehmbar,« sagte ich. »Seine Theorien aber sind
doch wohl kein Thema für eine öffentliche Volksversammlung.«
»Genossin Brandt hält uns mal wieder für zu dumm,« hörte ich die
schrille Stimme der rotäugigen Stickerin sagen. »Bernstein meent ja
ooch, daß wir noch nich reif sind,« meinte eine andere mit einem
giftigen Blick auf mich, »er is nischt als so'n verkappter Bourgeois,
der uns zum St. Nimmerleinstag vertrösten will, damit's ihm nich an den
Schlafrock jeht.«
Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die die Partei groß
gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische Sicherheit, mit der die
Partei in ihrer Presse ihre Ansichten vertrat; die verflachende
Popularisierung der Lehren ihrer Vorkämpfer, durch die sie sie den
Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die Äußerungen
»bürgerlicher Wissenschaft« überschüttete, konnten keine andere Wirkung
haben.
»Wie wär's, wenn Genossin Brandt das Korreferat übernähme?« fragte Ida
Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich tätig war und infolgedessen zu
einer weniger radikalen Auffassung neigte.
»Selbst wenn Sie das wünschen, müßte ich nein sagen,« antwortete ich
rasch; »ich bin außer stande, theoretische Fragen zu beurteilen, die
einen Mann wie Bernstein jahrelang beschäftigt haben, ehe er eine
Antwort fand.« Rings um mich sah ich spöttisches Lächeln in den Mienen,
Ida Wiemer senkte errötend den Kopf, als schäme sie sich für mich.
Tatsächlich hätte ich nicht törichter vorgehen können: Nur wer keck
alles zu wissen und zu können behauptet, verschafft sich Ansehen in der
Öffentlichkeit. Ich hatte mir eine Blöße gegeben, die mir nicht
vergessen werden würde.
Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus Hamburg, eine
Zigarrenarbeiterin mit harten vermännlichten Zügen. Es fehlte ihr, auch
in dem Klang der Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes
Arbeitsleben von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung jede
Weichheit genommen.
»Ich gehöre zu denen, die eine energische Zurückweisung der
Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen nicht nur für
notwendig, sondern für jede von uns, die im Besitze proletarischen
Klassenbewußtseins ist, für möglich hält,« sagte sie. »Ich habe keine
vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin Brandt, aber meine fünf
Sinne habe ich beieinander. Ich weiß darum, ohne jahrelanges Studium,
daß Bernstein Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie niemals
vertreten haben, daß er gegen eine Verelendungstheorie kämpft, die
niemals von uns propagiert worden ist. Wir verstehen unter Proletariat
nicht diejenigen, die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen
umherlaufen, sondern jeden, der abhängig ist vom Kapital. Und diese
Abhängigkeit wächst von Tag zu Tag und damit die Masse des Elends. Und
ist die Zunahme der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und Mütter
nicht ein weiterer, schlagender Beweis für die Zunahme des Elends?
Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie verließen aus Vergnügungssucht,
wie die Damen der Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!«
Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich
vorgestoßenen Worte mit lebhaften eckigen Gestikulationen begleitete.
»Ich weiß aber noch mehr: ich weiß, daß die Empörung gegen das Elend mit
ihm wächst, daß die Gleichgültigsten, wenn sie hungernd über den
Jungfernstieg gehen, während hinter den Spiegelscheiben der feinen
Restaurants die Protzen schmatzen und saufen, die Fäuste ballen lernen
und weniger denn je von einem Techtelmechtel mit den schlauen
Verführern der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen uns
und ihnen gibt es nur Kampf, -- Kampf bis aufs Messer, -- bis zur
Diktatur des Proletariats, vor dem der behäbige, gut genährte Herr
Bernstein und seinesgleichen solch ein Grausen hat ...« Sie schwieg
erschöpft; ihre Züge waren noch um einen Schein blasser geworden. Wanda
Orbins Referat war gesichert.
* * * * *
»Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu Bernsteins Schrift?« Auf
leuchtend gelben Zetteln prangte diese Frage an den Litfaßsäulen. Im
Westen gingen die Spaziergänger achtlos daran vorbei. In der
Friedrichstadt blieben Studenten mit unverkennbar russischem Typus
nachdenklich davor stehen, während ihre deutschen Kollegen der Anzeige
der Amorsäle ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im Norden und im Osten
dagegen sammelten sich Gruppen von Arbeitern vor ihr, und in die
Kneipen, in die Arbeitssäle und in die Wohnungen wurde die Frage weiter
getragen. Als Wanda Orbin die Tribüne betrat, erwarteten nur wenige
ihrer Zuhörer von ihr etwas anderes, als die Bestätigung der Antwort,
die für sie selber schon feststand.
Sie verkündete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden Glauben an
die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden Zukunftsstaates gegenüber der
kühlen Beweisführung seiner langsamen Entwicklung; sie schürte den Haß
wider die bürgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum Vertrauen allein auf
die eigene Kraft des Proletariats. Zwischen ihr und der Zuhörerschaft
entstand jene hypnotische Verbindung, durch die der Redner nur als
Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder unter der
Suggestion des Redners stehen. Sie war die Stimme des Volkes, das die
Ketzer verdammte, die ihm nehmen wollten, was ihres Lebens einziger
Reichtum, ihres Willens einzige Triebkraft war: den religiösen Glauben
des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung, die nur Freunde
und Feinde kannte, die kämpfen wollte, aber nicht paktieren, die im
Eroberungskrieg das Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht
aber die Hoffnung auf raschen Sieg.
Ein alter Mann saß neben mir. Er war müde gekommen; jetzt glänzten seine
Augen, seine Wangen glühten, sein gebeugter Rücken richtete sich auf. An
einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe junger Arbeiter; sie
trommelten mit den breiten Fäusten auf den Tisch, und Haß und Lust und
barbarische Kampfbegier leuchtete aus ihren Zügen. Unter dem Spiegel an
der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige Studentinnen; aus
ihren Blicken sprach jene Schwärmerei, die Hirtenmädchen zu Heldinnen
macht. Auch ich war erschüttert; was mein Verstand, mir selbst zum
Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das drohten die Pfeile von der
Rednertribüne zu zerstören. Aber dann vernahm ich schrille, falsche
Töne, für die nur mein Gehör fein genug schien: die Rednerin verhöhnte
die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung zu stellenden Motor in
der revolutionären Bewegung. Sie überschüttete mit Spott jene
»bürgerliche Intelligenzen«, die mit der »Gerechtigkeitsidee« ins weite
Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen der Entsagung
zurückgekehrt sind. »Nur der aus seinen Klasseninteressen entstehende
Klassenkampf des Proletariats wird dem Sozialismus die Welt erobern.«
Welche Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle, die
Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben? Waren sie nicht
»bürgerliche Intelligenzen« gewesen, wie Wanda Orbin selbst? Mit
frenetischem Beifall nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majestät
entgegen, während mir die Schamröte in die Schläfen stieg. Als sie dann
mit einer Stimme, die nur noch ein Kreischen war, weil nicht mehr das
Feuer der Begeisterung, sondern weibische Rachsucht sie belebte, in den
Saal hinausschrie: »Wenn die Gegensätze so schroff zutage treten, wie
zwischen der Masse der Genossen und den Bernstein, den Heine, den David,
den Schippel, so ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler
Friede,« und die Zuhörer trampelnd und johlend Beifall klatschten, da
wußte ich, daß die Partei der Freiheit Scheiterhaufen zu schichten
imstande sein würde.
Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen worden war,
wäre gewiß am klügsten gewesen. Der Wirbelsturm meiner Gefühle, der sich
aus Bewunderung und Empörung, aus Schüchternheit und Angst
zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion zu sprechen,
jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte nicht feige erscheinen, ich
mußte mit Wanda Orbin sprechen, die mich noch immer für ein Glied ihrer
Gefolgschaft hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.
Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege dahin sprach sie
mich an: »Sie waren gegen mein Referat, hörte ich?« »Ja, und ich bin es
nachträglich noch mehr, als vorher,« antwortete ich. »Das ist ja sehr
interessant,« meinte sie spitz und wandte sich von mir ab. Ich war den
Rest des Abends Luft für sie.
Wir verabschiedeten uns mit einer kühlen Verbeugung, und während sie,
umringt von den Genossinnen, ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr
ich allein nach Hause. Ich kämpfte mit den Tränen. In dem engen Kreise
der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als Gegnerin gegenüberzustehen,
das bedeutete entweder mein Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen
aufreibenden Kampf.
* * * * *
Spät in der Nacht kam ich nach Hause. Hier draußen im Grunewald bedeckte
eine feste Schneedecke Straßen und Gärten, tiefschwarz stiegen die
Kiefern aus ihrer hellen Weiße empor; ihre dünnen, dürftigen Wipfel
verloren sich im Nebel. Ich fürchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren
meine schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit, drohende
Gestalten hinter Baum und Busch, und hörte die Tritte Unsichtbarer
hinter mir. Ich lief. Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem
Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen. Ich sah hinüber:
Grau, düster, als wäre es selbst nur ein Gebilde des Nebels, schlief
unser Haus zwischen den schwarzen Stämmen, die es umstanden wie lauernde
Wächter.
Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken: wir hatten hier noch keinen
frohen Tag gehabt. Der Kleine schlief schlecht, -- der Kiefernduft rege
ihn auf, meinte der Arzt, -- er war oft krank gewesen. Und zwischen mir
und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf, immer höher und höher,
wie eine trennende Mauer, in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da
Bresche schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, -- aus Rücksicht; wir
hüllten unsere Seelen in den dunkeln Mantel des Schweigens, damit der
Anblick ihrer Not nicht den anderen verletze. Daß einer den anderen
überhaupt nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene
Vorwürfe wirkten auf unsere Gefühle wie früher Frost auf entfaltete
Rosen. Uralte Vorurteile, Traditionen, deren triebkräftige Wurzeln den
Boden umklammern, wenn auch der Baum gefällt ist, nährten sie.
Unter der Schwelle des Bewußtseins lebte in mir, der Emanzipatorin ihres
Geschlechts, die Vorstellung: daß der Mann, dem das Weib sich
anvertraute, wie ein Schutzengel über ihrem Leben stehen müsse, daß er
verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu hüten. Statt dessen hatte der meine
-- der Vorwurf wühlte in mir -- sie über mich heraufbeschworen! Und in
dem Grunde der Seele des Mannes, der aus eigener Überzeugung meine
Berufsarbeit förderte, lebte der Gedanke: daß die Frau das Reich des
Hauses zu regieren habe, daß ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken
die Not von seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die seine
nichts von alledem, und nur zu oft las ich in seinen sprechenden Zügen
den Vorwurf: Du -- du bist schuld.
Ein Licht, das im Erdgeschoß, wo die Köchin schlief, aufflammte, riß
mich aus meinem Sinnen. Ich eilte der Gartenpforte zu. Da öffnete sich
die Türe zum Kücheneingang, -- »auf morgen!« hörte ich flüstern, ein
Mann trat heraus, kletterte gewandt über den Zaun und ging, vor sich
hinträllernd, die Straße hinab. Das Licht im Mädchenzimmer erlosch.
Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie ich ihn schon um diesen
Schlaf beneidet hatte! Ihn suchte er auf, ich mußte ihn mir erst
erzwingen! Heute wollte er sich überhaupt nicht festhalten lassen. Der
Gedanke, daß ich morgen die Minna schelten mußte, peinigte mich:
dadurch, daß ich ihre Arbeitskraft in Anspruch nahm, hatte ich doch noch
kein Recht über ihre Person. Wie durfte ich verlangen, daß sie mir ihre
Liebe opfern sollte? Und doch würde vermutlich die Konsequenz meiner
Nachsicht nichts anderes sein, als daß sie ihren Liebhaber mit ernährte.
Eine gute Hausfrau nimmt alle Schlüssel an sich, -- die des Hauses wie
die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht: Konnte ich einen fremden
Menschen einsperren, wie einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles
verschließen, als hielte ich sie von vornherein für eine Diebin? Wieder
rollte sich durch einen geringfügigen Anlaß ein ganzes Problem vor mir
auf. Ich grübelte ihm nach, über die kleinen Nöte meiner eigenen vier
Wände hinaus, und fand keine andere Lösung als die radikalste:
Vernichtung des patriarchalischen Haushalts, Entwicklung des
Dienstmädchens, das unter ständiger Kontrolle steht, das Tag und Nacht
dienstbereit sein soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise
beschäftigt und entlohnt wird.
Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir selbst zurück. Die
nächste Zeit stellte starke Anforderungen an mich: der Feldzug gegen den
Zuchthauskurs sollte auf der ganzen Linie eröffnet werden, -- ich würde
häufig abends fort sein müssen. Wenn ich doch irgend jemand hätte, der
mich im Hause vertreten könnte. Aber die guten Hausgeister der
Vergangenheit, -- all die unbeschäftigten Tanten und Cousinen waren
ausgestorben, hatten sich in selbständige Berufsarbeiterinnen
verwandelt. Und meine Mutter?!
* * * * *
Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren Haushalt aufgelöst und war zu
Erdmanns gezogen. Eine Lungenentzündung hatte Ilse aufs Krankenlager
geworfen, die Mutter war Pflegerin und Haushälterin zugleich gewesen.
Durfte ich sie jetzt, wo sie selbst der Erholung bedürftig war, für mich
in Anspruch nehmen?
Sie besuchte uns am nächsten Tag. Ottochen lief ihr entgegen. Er suchte
immer noch den »Apapa« und weinte, wenn er nicht mitkam.
Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist, dachte ich erstaunt,
als ich sie näher kommen sah. Mir war, als wäre sie sonst schwer und
hart aufgetreten. Ihre Wangen waren gerötet, der bittere Zug um ihren
Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepreßten Lippen
wölbten sich plötzlich, wie von jungem Blut durchglüht.
»Nun kann ich reisen!« sagte sie mit einem Aufleuchten in den Augen.
»Meine Pflicht Erdmanns gegenüber ist erfüllt, -- sie wollen selbst so
rasch als möglich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin ich
frei --,« sie dehnte dies letzte Wort, als müßte sie es ganz auskosten.
Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erzählte von einem ganzen Stoß
kunsthistorischer Bücher, die sie mitnehmen wollte. »Ich bin nie zum
Lesen gekommen,« meinte sie; »wie viel hab' ich versäumt, wie viel kann
ich nachholen!«
Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte sie mich nicht so und
so oft aus der Lektüre herausgerissen, als ich noch daheim war, und mich
neben sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas anderes
gelesen als die Zeitung und hie und da einen Roman?
»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch selbst erfahren, wie
die Pflicht für andere zu leben uns Frauen fast bis zur
Selbstvernichtung treiben kann.« Ich fand keine Antwort. Wie unglücklich
mußte sie gewesen sein, -- und wie unglücklich gemacht haben, da sie
fünfunddreißig Jahre lang nur aus Pflichtgefühl die Ketten der Ehe
getragen hatte!
»Im nächsten Winter werde ich mich hier in einer Pension etablieren,«
fuhr sie fort, »du glaubst nicht, wie allein der Gedanke mich beruhigt,
alle Haushaltsquälerei los zu sein!« Und sie war scheinbar in ihrem
Haushalt aufgegangen!
»Was geschieht aber dann mit den Möbeln?« fragte ich, um nur irgend
etwas zu sagen.
»Ich habe heute das letzte verkauft -- --«
»Verkauft?!« Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! Ohne uns, ihren
Kindern, auch nur eine Mitteilung davon zu machen, hatte sie all die
hundert lieben Dinge, die ein Stück Heimat für mich gewesen waren,
achtlos in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch mit den
geschnitzten Eulen, -- den alten Stuhl davor, -- die Reiterpistole! Ich
strich mir mechanisch mit der Hand über die heiße Stirn, um den bösen
Traum zu verscheuchen, -- denn es war doch nur ein Traum!
»Auch die grünen Lehnsessel -- und das alte Sofa, das in meinem Zimmer
stand?« murmelte ich.
»Gewiß!« antwortete sie mit heller Stimme, aus der der scharfe
ostpreußische Akzent mehr als sonst hervortrat. »Ihr alle habt, was ihr
braucht, -- das Gerümpel hätte kaum noch einen Umzug ausgehalten; -- nur
Silber, Glas und Porzellan ließ ich bei Ilse auf den Boden stellen. Ich
habe lang genug all dies Schwergewicht mit mir gezogen.«
Mir schoß das Blut in die Schläfen: So strich sie Jahrzehnte ihres
Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! Schon hatte ich bittere Worte
auf der Zunge. Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Züge entwaffnete
mich. Mir war, als sähe ich plötzlich bis zum Grunde ihres Herzens. Dem
Götzen der Pflicht hatte sie ihr Leben geopfert und wußte nun nicht
einmal, wie groß ihre Sünde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem
Dämmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und grüßte es, als sähe sie
es zum erstenmal. Arme Mutter! Keinen Strahl deiner schon leise
sinkenden Sonne will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im
stillen ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen getragen
hatte. Als ich sie zum Abschied küßte, liebte ich sie, -- mit jener
mitleidigen Liebe, die eine einzige Trennung ist.
Es war gut, daß sie ging, -- für sie und für mich. Der Glaube, daß ihre
Kinder keine materiellen Sorgen hatten, gehörte zu dem Glücksgefühl, mit
dem sie die späte Freiheit genoß. Hätte ich sie zurückgehalten, ihr in
meine Häuslichkeit Einblick gewährt, er wäre doch erschüttert worden.
Ich mußte selbst mit mir und den Verhältnissen fertig werden.
* * * * *
»Eine Villa im Grunewald, --« wie oft hörte ich in den Kreisen der
Parteigenossen mit einem mißtrauisch-hohnvollen Blick auf mich diese
vier Worte flüstern. Sie wußten nicht, daß uns kein Stein von ihr
gehörte, daß sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf uns
lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren schließlich doch
höher, als die Miete gewesen; Haus und Garten erforderten mehr
Arbeitskräfte, als die kleine Etagenwohnung, und das Leben hier draußen
war auf Rentiers und Millionäre zugeschnitten, die den Grunewald
allmählich bevölkert hatten. Noch mehr als früher war jeder Erste des
Monats ein Schreckenstag für mich. Und wenn ich am Schreibtisch saß und
meine Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren wollte,
kamen die Sorgen grinsend aus allen Winkeln gekrochen und bohrten ihre
Knochenfinger in mein Gehirn und zerdrückten meine Gedanken zwischen
ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder spielte im Garten mit
ihm, -- denn über seinen Zauberkreis wagten sich die grauen Gespenster
nicht.
Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen Augen von ihrer
Freiheit sprach? »Lang genug hab' ich dieses Schwergewicht mit mir
gezogen -- --« Ein Schwergewicht, -- eine Kette am Fuß, -- so empfand
ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Flügellos machte es mich und
-- alt, alt!
Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein Spiegel, Falten, und trübe
Schleier über den Pupillen wie all jene Frauen, denen der jämmerliche
Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber will nicht alt sein,
schrie es in mir; noch braust und schäumt der Strom der Jugend in meinem
Innern, der starke Strom, der Felsen höhlt und Riesen des Waldes
entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten Kanäle zwang.
»Heinz, hab' einmal Zeit für mich,« sagte ich eines Abends. Wir saßen
fast immer bis zum Schlafengehen arbeitend an unserem Schreibtisch.
Gemeinsame Abende gab's für uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel im
Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah von seiner Lektüre auf;
ein helles Licht huschte über seine Züge. »Immer, mein Schatz -- nur
leider verlangst du nie danach.«
»Ich weiß, du hast es sehr gut gemeint,« begann ich stockend, »du hast
nur meinen Wunsch erfüllen wollen, als du dieses Haus für uns bautest.
Keiner von uns hat vorher gewußt, daß -- daß es eine unerträgliche Last
für uns sein würde -- --«
»Aber, Alix, du kommst auf diesen vernünftigen Gedanken, du?!«
unterbrach er mich. »Du könntest -- du wolltest --?!«
»Das Haus verkaufen, -- ja! Tausendmal lieber, als in dieser Angst
weiterleben --« Mir stürzten die Tränen aus den Augen, trotz aller
Selbstbeherrschung.
Heinrich gehörte zu den wenigen Männern, die durch Frauentränen nicht
weicher, sondern härter werden. »Wozu die Tragik,« sagte er ärgerlich.
»Wenn du einsiehst, was mir längst klar ist: daß wir über unsere
Verhältnisse leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen sind
selbstverständlich.«
Meine Tränen flossen nur noch stärker; ich hatte unwillkürlich so etwas
wie ein Lob für meinen Opfermut erwartet. Erst allmählich kam ich zur
Ruhe.
Wir saßen aneinandergeschmiegt wie in den ersten Zeiten unserer Ehe auf
dem pfauenblauen Sofa und spannen neue Zukunftsträume, als wäre durch
unseren bloßen Entschluß schon die Bahn für sie frei.
* * * * *
Wochen und Monde vergingen. Niemand fragte nach unserem Haus. Indessen
zog mit blauem Himmel und heißer Sonne der Sommer ein, und auch unter
den Kiefern lachten und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Grüne Ranken
kletterten übermütig an den grauen Wänden empor, vor allen Fenstern
nickten rote Geranien. Und mitten in all der Pracht blühte mein Kind. Es
spielte den ganzen Tag im Grünen, jeder Busch wurde ihm ein lebendiger
Gefährte. Und wenn es droben im Giebelstübchen hinter den Blumenbrettern
schlief, dann saßen wir noch lange auf der Altane und atmeten den
würzigen Duft der Nacht und genossen der zauberischen Ruhe des Waldes.
Ich fing an, dies Stückchen Erde zu lieben: es hatte meinem Sohn eine
Heimat werden sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen
Winkel.
Nichts ist gefährlicher für den Altruismus, als die mit Egoismusbazillen
gefüllte Luft häuslicher Gemütlichkeit. Nur die ganz Starken,
Widerstandsfähigen entziehen sich der Ansteckung.
Die Vorkämpfer der Menschheit waren fast immer die Heimatlosen.
Aber auch meine Körperkräfte hinderten mich oft an der agitatorischen
Tätigkeit. War ich genötigt, ein paar Abende hintereinander zu sprechen,
so versagte meine Stimme. »Sie dürfen sich niemals in Rauch und Staub
aufhalten,« sagte dann der Arzt und verordnete mir Schweigen und frische
Luft. Meine robusten Genossinnen, für die die Atmosphäre der
Versammlungssäle nicht schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer
überfüllten Werkstätten und Fabrikräume, hielten mich für schulkrank und
mißtrauten mir mehr noch als früher.
* * * * *
Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein gegründet, --
einen Notbehelf, da das Gesetz den Frauen die Teilnahme an politischen
Organisationen untersagte und seine Handhabung den Arbeiterinnen
gegenüber besonders streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; die
Frauen hatten ein lebhaftes Bedürfnis nach geistiger Aufklärung aller
Art, und es war für mich eine Erfrischung, seinen Zusammenkünften
beizuwohnen. Zwei Abende war schon über Erziehung gesprochen worden,
und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit wie viel Eifer diese
armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe als Mütter erfaßten.
Diesmal hatte ich Romberg genötigt, mitzukommen. Er war in bezug auf die
geistige Entwickelungsmöglichkeit der Frauen sehr skeptisch, und so sehr
er aus rein ökonomischen Gründen die Frauenbewegung für notwendig
anerkannte, so war sie ihm doch nur eine traurige Notwendigkeit; was sie
erstrebte, erschien ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine
unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger der
»Waschfrauen und Näherinnen« hielt er nun gar für eine meiner
unverzeihlichen Illusionen. Ich wollte ihm einmal statt Gründe Beweise
liefern. Und allmählich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, adrett
gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. »Mein Mann ist
Maschinenschlosser,« sagte sie, »wir haben nur zwei Kinder und soweit
unser Auskommen, so daß ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser
Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: Der soll was Besseres
werden als seine Eltern, der soll auch mal wissen, wie schön und wie
reich die Welt ist, und nicht, wie wir, bloß durch so'n schmales
Guckloch ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe ich wieder
in die Fabrik, und der Fritze geht dafür aufs Gymnasium. Ich will mich
nicht rühmen, daß ich's tu', ich möcht' nur jeder raten, es ebenso zu
machen.«
In jener Impulsivität, die ich so sehr an meinem Mann liebte, stand er
auf, um der tapferen kleinen Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt,
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