hüten; -- meine Bewunderung für sie stieg und zugleich mein Verständnis
für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, das sich in ihnen
angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter
entreißt, mit anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte ich
mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, die weibliche
Berufsarbeit -- auch die der Mütter -- zu erhalten? Ich zerriß den
halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar
entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen,
ich war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen,
seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr
für mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mußte.
Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« fragte er mit einem
verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit
mehr verriet. Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein
wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür fehlen würde. Er hatte schon
oft nachsichtig, wie über eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den
Konflikt berührte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da
heftig geworden, hatte mich für sentimental, für überängstlich erklärt,
wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und
Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte er
den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht
verletzen wollte. »Ich glaube, wir haben Grenzpfähle berührt, die das
Reich des Weibes von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich.
»Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in kühler Objektivität
zu lösen, -- wie eine mathematische Aufgabe.«
Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester
Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom
Züricher Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration
gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz
nicht nur zu meinen großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu
ihren eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte.
»Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, daß Gelehrte und
Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und
miteinander beraten könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich Ihnen
endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht!« Romberg biß sich
in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.
»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.
»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu
ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,« rief ich empört, »daß die
starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem
sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher
nicht hingehörten!«
Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an
Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte
ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem
Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.
»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die
Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln.
»Ich fürchte, jede 'Lösung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,«
erwiderte ich.
Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, -- auch Sie
beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja
immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen
Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts
der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen
werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt
für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines
mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird
zur Antifeministin -- --«
»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß
meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder
Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«
»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«
»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, --
gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm,
weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.«
»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft.
»Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --,« fügte
Heinrich rasch hinzu, »ein Buch über die Frauenfrage, das von einer
Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die
wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu
behandeln hätte, ...«
»In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach ihn Romberg.
»Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Händen zur Disposition eines
ganzen Werkes geworden.«
Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte
mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. Ein zusammenfassendes,
grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir,
es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und
hertastete.
»Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« meinte ich
schließlich zaghaft.
»Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum Mann,« antwortete
Romberg.
Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an
den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszuführen. Erst auf
Rombergs wiederholtes: »Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der Reihe
vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren,
feuchtschimmernden Augen und unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für
diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. »Ich
hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er lächelnd. In der
Bewunderung für derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der
Provinz, dachte ich ärgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit
gemäß, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns
zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: »Können Sie sich
wirklich eine Welt als wünschenswert vorstellen, in der alle Frauen
Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Männer sind; in der sie
keine Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in der alle
duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt werden?« --
»Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen helfen! Aber
Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehören nicht zu den duftenden
Blumen, zu den an sich unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens.
Sie sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.«
»Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich aber bleibt für
mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren
Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur höchste Blüte sein,
sondern die femme amante.« Er sah mich kampflustig an, er liebte den
Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand
für ihn ein für allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir
vor sich zu haben.
»Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,« spottete ich, »meine
Meinung stimmt fast überein mit der Ihren, nur daß ich die Existenz der
femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre
Voraussetzung ist...«
Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme
und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte ich nicht meinem dummen Katzel
widersprechen müssen, das die femme amante wegdisputieren will und
selbst nichts anderes ist?« »Und nichts anderes sein will,« sagte ich
leise und gab ihm seinen Kuß zurück.
Ich lag noch lange wach und grübelte. Ob ich ihm anvertrauen könnte, was
mich bewegte? Schon in der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden,
was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt hatte: warum
Staat und Kirche nicht die Liebe, sondern die Pflicht zur Grundlage der
Ehe gemacht haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und Erziehung
der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. Die Ehe kam mir vor wie eine
moralische alte Jungfer, die der jungen unbändigen Liebesleidenschaft
durch ihre Predigten das Leben ständig vergällt. Die Liebe braucht
Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor jedem rauhen Luftzug,
den die Ehe erzeugt, läßt die zarte Blume der Liebe die Blätter hängen.
Die Liebe ist ein Rausch, die Ehe ist nüchtern. Lodern auf dem Altar der
Liebe die Flammen, so schämen sich die Opfernden wie arme Sünder, wenn
die Ehe sie plötzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir täglich
gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe Abhängigkeit. Einer muß
sich dem anderen unterordnen, wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein
soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfängt, flieht sie selbst.
So türmten sich die Probleme der Frauenfrage, -- meiner Frauenfrage.
Wahrlich, es war eine große Aufgabe, sie zu lösen.
* * * * *
Ich stürzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien meiner Arbeit; daß sie
mich ans Haus, an den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene
Begleiterscheinung.
Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, -- und es blieb
nicht bei bloßen Aufforderungen, deren Annahme oder Ablehnung der
Entscheidung des Einzelnen überlassen blieb, die Genossinnen verfügten
vielmehr ohne viel zu fragen über meine Arbeitskraft --, erzählte ich
von dem Buch, das ich vorbereitete, und das mir eine gewisse
Beschränkung auferlege. Ich war nicht wenig erstaunt, daß dieselben
Menschen, die der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen,
über meine Mitteilung die Nase rümpften und sie nur als einen Vorwand
ansahen, um mich von der Agitation zurückzuziehen. Je mehr ich sie zu
überzeugen suchte, desto weniger verstanden sie mich. »Wer so 'ne
Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, für den is das Schreiben
doch keen Kunststück,« sagte eine von ihnen. »Un ieberhaupt: im Erfurter
Programm steht haarkleen allens, wat wir wollen,« fügte eine andere
hinzu. »Genosse Bebels 'Frau' und Genossin Orbins Artikel in der
'Freiheit' sind als Grundlage für unsere Bewegung mehr als ausreichend,«
sagte Martha Bartels mit einer Schärfe, die sich steigerte, je älter
sie wurde. Ich sah ein, daß nichts zu machen war; im Grunde hatten die
Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte Eier nicht kümmern mochten.
Nur eine Idee erwähnte ich noch, die ich kürzlich als den gesunden Kern
aus der ungenießbaren Schale einer französischen Broschüre
herausgeschält hatte: die einer staatlichen Mutterschafts-Versicherung.
Ich wollte ihr eine fest umrissene Gestalt geben und sie in den
Mittelpunkt meines Buches stellen. Die Mutter schützen, solange sie das
Kind unter dem Herzen trägt, sie dem Kinde erhalten, solange es der
Pflege und Ernährung durch sie bedürftig ist, -- das schien mir aber
auch ein Ziel, würdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich
schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur Erörterung zu
bringen. Aber seltsam: um unseren Sitzungstisch saßen die früh
gealterten, abgehärmten Mütter, und kein Wort, keine Miene verriet, daß
der Gedanke sie zu erwärmen vermöchte. Alles Neue galt ihnen zunächst
als etwas Feindliches. Diese Revolutionärinnen hatten schon eine
Tradition und waren darum vielfach reaktionär.
Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen nicht mehr. Aber ich
beschloß, alle Zeit, die mir blieb, ihm zu widmen.
Doch auf die Möglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich vergebens.
An unserem Schreibtisch saßen wir, mein Mann und ich. Wie schön hatten
wir es uns gedacht, das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses
Einandergegenübersitzen von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden
Ausdruck im Gesicht des anderen sehen müssen und unwillkürlich zu deuten
versuchen, diese Sorge, einander ja nicht zu stören, schufen eine
Atmosphäre von Nervosität, die um so unerträglicher wurde, als keiner
den Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, daß ich
aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verließ; und oft ging ich hinaus,
weil ich fühlte, daß er allein sein mußte.
Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: Da gab's bei den
Kindern Vokabeln zu überhören und Anzüge zu flicken, da waren die
Haushaltssorgen, die mich um so stärker in Anspruch nahmen, je weniger
ich von ihnen verstand, und die ständige angstvolle Frage: komme ich
aus? Auf meinen Mann, der für mich die Güte und Rücksicht selber war,
wirkte sie wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklärung und
Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets für schuldig, wenn
ich sie nicht bejahend beantworten konnte. »Du verschwendest, -- du läßt
dich vom Mädchen betrügen --,« rief er, während die Zornadern ihm auf
der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen anerzogenen
Begriffen über die Maßen einfach. Mich kränkte sein Zorn, den ich als
Ungerechtigkeit empfand. Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich
zu gleicher Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausüben wollte. Das
menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von zwei Gedankenketten
nicht eingerichtet. Und der Haushalt erfordert umsomehr die Gedankenwelt
der Frau, je weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit
geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg meine Sorgen, ich
vermied es soviel als möglich, meinen Mann um Geld zu bitten, was ich
immer als eine Erniedrigung meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte
recht, tausendmal recht: die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist
die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie
hilft so manche andere Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben
der Vorarbeit für mein Buch, wieder Artikel für Zeitschriften und
Tagesblätter, um Geld zu verdienen.
Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine Pflege meine Gedanken in
Anspruch nahm, dann empfand ich das nicht wie eine Störung oder wie ein
Ablenken von meiner eigentlichen Tätigkeit. Fühlte ich sein warmes
rundes Körperchen in meinen Armen, so strömte wunschloser Friede mir
tief ins Herz. Lachten mich seine blauen Augen an, so vergaß ich alles
darüber, was es an Glück in der Welt noch geben mochte, und weinte er,
und ich wußte nicht warum, so gab es kein Menschenleid, das mir hätte
größer erscheinen können; klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger
fest um die meinen, so fühlte ich, daß er für immer von mir Besitz
ergriffen hatte; daß mein Herz dazu da war, um ihn zu lieben, mein
Geist, um ihn zu erziehen, meine Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen
zu helfen. Kam ich von ihm zu meinem Mann zurück, so war jeder Schatten
von Kummer verschwunden, ich liebte ihn doppelt, weil er meines Kindes
Vater war. Und sah ich meine Stiefsöhne dann, so tat mir das Herz weh:
ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; sie mußten das
fühlen, wenn ich mich auch noch so sehr bemühte, meine Zärtlichkeit für
den Kleinen nur zu äußern, sobald sie fern waren.
Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp war, dachte ich nicht
ohne Bitterkeit an die reiche Mutter dieser Kinder. Aber meinem Mann
sagte ich nichts davon. Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte,
und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen vermochte,
bekam wieder Macht über mich: ich lernte schweigen, um nicht zu
verletzen, und um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen.
Meine Mutter kam um jene Zeit häufig zu mir. Seitdem wir unser Kind
hatten taufen lassen, war sie viel milder und herzlicher geworden,
obwohl ich sie über unsere Beweggründe nicht im Irrtum gelassen hatte.
»Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in eine Ausnahmestellung
zu zwingen,« hatte ich ihr gesagt, als sie in unserer Handlungsweise
einen Ausdruck unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte;
»ebensowenig wie wir es später, wenn es selbständig denken kann, hindern
wollen, zu tun oder zu lassen, was seiner eigenen Überzeugung
entspricht.«
Aber nach anderen Richtungen hütete ich mich um so mehr, sie ins
Vertrauen zu ziehen. Sie hatte mir häufig gesagt: »Wenn du einmal
verheiratet bist, wirst du einsehen, daß das Leben der Frau aus lauter
Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!« Sie durfte nicht
glauben, daß ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen wäre. Und sie mußte
in der Meinung erhalten werden, die sie schließlich allein über meine
Heirat getröstet hatte: daß meine äußere Lage die behaglichste sei. An
der Art, wie diese ruhige, anscheinend kühle Frau ihre Freude darüber
äußerte, sah ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden
pekuniären Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie um ihrer Härte
willen im stillen angeklagt. Jetzt bat ich ihr manches ab. Ich erinnerte
mich, wie umsichtig sie den großen Haushalt geführt hatte, wie sie
stunden- und tagelang Wäsche flickte und uns unsere Kleider nähen half,
-- wie schwer mochte es auch ihr geworden sein, wie viel mochte sie
entbehrt haben!
* * * * *
Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal putzte ich für mein Kind den
Weihnachtsbaum. Erstaunt riß es die Augen auf und streckte die Händchen
verlangend aus, als es die vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne
lag allerlei Spielzeug für ihn, darunter ein großer bunter Hampelmann,
den mein Vater geschickt hatte. Mit dem Söhnchen auf dem Arm trat ich zu
meinem Weihnachtstisch, auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief
lag. Ich öffnete ihn, während mein Junge fröhlich lallend den Hampelmann
hin- und herschwenkte: »Ein Häuschen im Grunewald« stand darin. Vor
Überraschung war ich sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind,
glückselig über die Freude, die er bereitet hatte. In aller Stille hatte
er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit gefunden, unseren Wunsch
durch die Beschaffung von Baugeld und Hypotheken erfüllen zu helfen.
»Wie wird unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine Alix
dort arbeiten können!« sagte er.
»Werden wir auch die Zinsen aufbringen können?« meinte ich schließlich,
nachdem der erste Sturm der Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog
über seine Züge: »Mußt du dich immer gleich wieder fürchten, -- auch
angesichts solch eines Glücksfalles?!« Beschämt senkte ich den Kopf. Die
Lichter waren längst erloschen, und die Kinder schliefen, unser Liebling
mit dem Hampelmann, fest an sich gedrückt; der süße Duft der
Wachskerzen, vereint mit dem starken der Tanne, erfüllte das Zimmer; wir
großen Kinder träumten darin unseren Weihnachtstraum: von dem stillen
Häuschen im Wald, fern dem Lärm der Großstadt, von einer Heimat, die wir
beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das wachsen sollte wie die
Bäume: die Wurzeln im Boden der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der
Sonne zu und dem Sturme trotzend.
Am nächsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, über den der Himmel
all seinen Glanz und seine Farben goß, zog ich meinem blonden Buben ein
weißes Mäntelchen an, packte ihn sorgfältig in die weichen Kissen seines
weißen Wagens und schickte ihn zu den Eltern. Meine Gedanken begleiteten
ihn: wie ein helles Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur,
sah, wie der Großvater ihn feuchten Auges in die Arme nahm, fühlte, wie
der letzte eiserne Reifen um des alten Mannes Herz zersprang.
»Das war ein lieber Gedanke von Dir,« schrieb die Mutter. »Ich habe
Deinen Vater seit Jahren nicht so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt
und behauptet, es gäbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie seinen
Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs Weihnachtsgeschenk noch
besonders beglückt: so hat Gott meine Gebete doch erhört und alle Strafe
von Dir abgewendet!«
* * * * *
Unseren wundergläubigen Vorfahren galten die zwölf Nächte, die dem
Weihnachtsabend folgen, für heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit auf
das notwendigste beschränkt, nur in Feiertagsgewändern begegneten die
Menschen einander, und die Träume, die geträumt wurden, gingen in
Erfüllung. Unter der Schwelle unseres Bewußtseins lebt und wirkt auch
heute noch dieser Glaube. In den Straßen und in den Herzen ist es
stiller als sonst. Der fieberhafte Pulsschlag des öffentlichen Lebens
stockt. Selbst der heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel
Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es recht wohl und warm
ums Herz wird, der wünscht zuweilen, sich auf immer einspinnen zu können
in diese Stille.
Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die die Greisenhand des
alten zum Abschied spendete, aus seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit
schmetternden Fanfaren zu neuen Kämpfen, richtet Ziele auf mit lockenden
Preisen, so daß auch die süß Schlummernden sich dem Land ihrer Träume
entreißen und im grellen Licht des Tages den alten Wettlauf wieder
beginnen.
So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die Wetterkundigen am Himmel
seit jenen ersten Gewitterwolken kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr.
»Rücksichtslose Niederwerfung jeden Umsturzes« hatte die eine gefordert,
als »Vaterlandslose« hatte die andere diejenigen gebrandmarkt, die den
Flottenforderungen ablehnend gegenüberstanden. Inzwischen war die
Flottenvorlage dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten monatelang
vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre hinaus Millionen und
Abermillionen für neue Schiffsbauten forderte. Doch die stürmische
Entrüstung, zu welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem
Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in seiner psychologischer
Kenntnis der Menschennatur, die um so überraschender war, als die
Regierungen ihre Völker mit dergleichen nicht zu verwöhnen pflegen,
waren Vorfälle, die früher spurlos vorübergingen, -- wie der Streit
eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehörden der Republik Haiti und
die Ermordung zweier deutscher Missionare in China, -- zu so ernsten
Konflikten mit fremden Mächten aufgebauscht worden, daß der furor
teutonicus sich daran zu entzünden vermochte. Einmal gereizt, griff der
gute deutsche Michel wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen
Träumeraugen brannte plötzlich wieder die alte Sehnsucht nach fernen
fremden Ländern und ihren Märchenschätzen. Was uns, die wir nüchtern
geblieben waren, wie eine romantische Floskel klang, -- die pathetische
Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden Bruder von dem
Dreinfahren der gepanzerten Faust und dessen Antwort von dem »Evangelium
der geheiligten Person Seiner Majestät«, das er im Auslande verkünden
wolle, -- das entsprach im Augenblick dem fanatisierten Empfinden des
deutschen Bürgers. Er, dessen Leben so lange sang- und klanglos
dahingeflossen war, der seit Bismarcks Abschied für seine
Begeisterungsfähigkeit keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte
sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure Flottenforderung
schreckte ihn nun nicht mehr.
Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch mehr als das:
hatte das Interesse eines großen Teiles der Bourgeoisie sich in einer
für sie bedenklichen Weise in den letzten Jahren der sozialen Frage
zugewandt, so war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken.
Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie Männer, auf die ich noch vor
wenigen Monden für unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus über
den Sozialismus siegen ließen, wie selbst ein Romberg und seine Freunde
die Weltmachtpolitik verteidigten. Daß es zwischen ihr und der
Arbeiterpolitik nichts anderes geben könne als unversöhnlichen
Gegensatz, schien mir über allem Zweifel zu stehen. Für Rombergs
Argumente, der in der Erschließung neuer Absatzgebiete auch einen
Vorteil für die deutsche Arbeiterschaft sah, war ich vollkommen
unzugänglich.
Die große Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb nicht nur alte
Freunde von unserer Sache ab, sie trug uns auch neue Feinde zu. Vielen,
die sich um Politik bisher kaum gekümmert hatten, galten wir jetzt als
Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten.
Der Weizen Herrn von Stumms, unseres grimmigen alten Gegners, blühte; er
drohte mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage im Reichstag
zu Falle käme. Und tatsächlich schien ein neues Ausnahmegesetz in
Vorbereitung. Der »Vorwärts« veröffentlichte ein Geheimschreiben des
Staatssekretärs des Innern an die verbündeten Regierungen, worin er ein
Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht stellte, das, nach den
Absichten unserer Gegner, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig
beeinträchtigen, wenn nicht vernichten würde.
Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: eine Mehrheit für die
Flottenvorlage, eine scharfe Trennung zwischen den bürgerlichen Parteien
und der Sozialdemokratie für die Wahlen zum neuen Reichstag.
Aber auch für uns schien die Lage günstig: auf der einen Seite die
Weltmachtpolitik mit ihrer möglichen Folge kostspieliger Kriegsabenteuer
und drückender Steuerlasten, auf der anderen die Bedrohung des
Koalitionsrechtes, -- war das nicht genug, um die proletarischen Massen
zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! Warum war die Stimmung in
unseren Versammlungen so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach,
jene anfeuernde Kraft der Rede, die früher an ihren Wirkungen zutage
getreten war? Die starke, hoffnungsvolle Freudigkeit war verloren
gegangen, als ob sich zwischen uns und das Ziel, dem wir so
leidenschaftlich zustrebten, ein dunkler Schleier gesenkt hätte. Durch
die Einheit, die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Riß. Das
Instrument der Partei klang verstimmt, als wäre eine Saite gerissen.
Langsam und allmählich, für die meisten unmerklich, hatte es sich
vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie von der Sekte zur
Partei hatte sich zuerst die Taktik ihres Vorgehens leise verändert. Von
der Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des kapitalistischen
Staates als eines unmöglichen Paktierens mit der Bourgeoisie bis jetzt,
wo sogar von alten bewährten Führern die Teilnahme an den Landtagswahlen
unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war ein weiter Weg. Und
er war gegangen worden. Was einer der wenigen Staatsmänner der Partei,
Georg von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter dem
empörten Widerspruch der radikalen Elemente in der Partei erklärt hatte:
daß in dem Maße, in welchem wir einen unmittelbaren Einfluß auf den Gang
der öffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft auf die
nächsten und dringenden Dinge konzentrieren müßten und »dem guten Willen
die offene Hand, dem schlechten die Faust« zu zeigen sei, -- das hatte
sich von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, und vor der Logik
der Tatsachen wich die radikale Phrase bloßer Verneinung Schritt vor
Schritt zurück.
Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwürdige Theorie vor dem Ansturm der
jungen Praxis in ihren Grundfesten zu zittern. Im Lichte der
fortschreitenden Zeit erwiesen sich manche Fundamentalsätze, wie sie das
Erfurter Programm formuliert hatte, als überholt. Schon die
Beschäftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, daß die wirtschaftliche
Entwickelung sich nicht überall mit den von Marx aufgestellten Gesetzen
in Einklang bringen ließ, daß die Konzentrierung des Kapitals sich nicht
so rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf Grund damaliger
Erfahrungen angenommen hatte. Und auch das vom kommunistischen Manifest
mit apodiktischer Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine
Herabsinken der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; die
Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im Laufe des letzten
halben Jahrhunderts gehoben. Und nun trat einer der bewährtesten
Vorkämpfer des Sozialismus, einer ihrer Märtyrer, der noch im Exil in
England lebte -- Eduard Bernstein --, auf und erörterte in breiter
Öffentlichkeit die neuen Probleme des Sozialismus. Er rüttelte weder an
seiner Voraussetzung noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der
Tatsachen, daß der Weg zwischen beiden länger ist und anders geartet,
als Marx und seine Schüler ihn dargestellt hatten, daß wir ihn daher
mehr berücksichtigen, unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf
das schließliche Ende einstellen müßten.
Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in der Welt zum
Sozialismus geführt worden waren, die wir von ihm in einem in seiner
Wurzel religiösen Glaubensüberschwang die Erlösung von allem Übel
erwartet hatten, wirkte die kühle Klarheit der Bernsteinschen
Beweisführungen niederschmetternd. Meinem Verstande waren die Grundsätze
des Sozialismus so ohne weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefühl
mit seinem Wollen von vornherein übereinstimmte. Sie kritisch und
wissenschaftlich zu prüfen, war mir, wie Tausenden meiner
Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. Jetzt war es ein Gebot der höchsten
Tugend, -- der intellektuellen Redlichkeit, -- es nachzuholen.
Die Zeiten meiner religiösen Kinderkämpfe schienen wiedergekehrt zu
sein. Nur daß ich jetzt mit allen Fasern meines Innern in dem Glauben
wurzelte, dem ich meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich
alle meine Kräfte sog. Was stand noch fest, dachte ich verzweifelt, wenn
so vieles schwankte? Ernüchtert, -- bar jener stürmischen Begeisterung,
die mich ausziehen ließ, der Menschheit eine neue Welt zu erkämpfen, sah
ich den langen, öden Weg vor mir mit all seinen kleinen Hindernissen,
die im Schweiße unseres Angesichts überwunden werden sollten, und mit
dem Ziel, das im Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivetät jungen
Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist für die Masse der Menschen
die Voraussetzung ihres Enthusiasmus und damit ihrer Stärke. Ich hatte
sie verloren wie viele meiner Genossen; das lähmte uns. Oft kamen
Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es aus unbewußter
Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, sei es aus einer gewissen
Beschränktheit ihres Denkens, den alten Glauben gegenüber der neuen
Erkenntnis aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. Mein
Gefühl war auf ihrer Seite, und nur zu häufig riß es mich wieder mit
sich fort. Vielleicht wäre es sogar auf lange Zeit hinaus das
herrschende geblieben, wenn nicht mein Mann immer wieder meinen Verstand
gegen mein Herz zu Hilfe gerufen hätte. Und die Tatsachen und die Zahlen
waren unerbittlich: Die Konzentration des Kapitals und die Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat waren die beiden anerkannten
Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. Aber der Schneckengang
der Entwickelung zum Großbetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu
sein schien, und die Tatsache, daß von hundert Wahlberechtigten nur
achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel abgaben und mehr als die Hälfte
der erwachsenen männlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie noch
gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstand, bewiesen, wie weit
wir noch vom Ziel entfernt waren. Eine Selbsttäuschung hierüber wäre ein
Verbrechen an unserer Sache gewesen, -- das sah ich ein. Es galt, den
Kinderglauben ruhig und mutig aufzugeben.
Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst
um die Gefährdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte
die Masse der Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Führer, deren
heißblütiges Temperament über alle Zweifel siegte, und all die klugen
Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit blieben, weil ihre Macht von
dieser Mehrheit abhing, die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser
ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; er lähmte die
Agitationskraft der einen, die wie ich noch mit sich selbst zerfallen
waren, er lenkte die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem
unheilvollen Einfluß der Ketzer glaubten schützen zu müssen.
Wenn ich in Versammlungen sprach, fühlte ich: meine Worte zündeten
nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit Reinhard wieder. Er
schien mir sehr gealtert. Wir sprachen über unsere Aussichten. »Wir
hätten zwanzig bis dreißig Mandate erobern können,« sagte er, »wäre das
ganze Getratsch von Endziel und Bewegung uns nicht in die Parade
gefahren.«
»Hat Bernstein etwa nicht recht?!« fragte ich.
»Recht! -- Recht!« antwortete er heftig. »Natürlich hat er recht in dem,
was er sagt, aber daß er es sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein
Fehler, ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die wir mitten im
Leben stehen, sind schon lange seiner Meinung, aber wir machen die
Genossen nicht kopfscheu mit theoretischem Kram, wir handeln einfach,
wie die Verhältnisse es fordern.«
»So hätte er schweigen sollen?«
»Keineswegs! Er hätte nach den Wahlen fünf Jahre zum Reden Zeit genug
gehabt. Aber daß er uns jetzt diesen Knüppel zwischen die Beine
schmeißt --«
Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal in der Diskussion
ein rabiater Genosse vorwarf, auch ich hätte »das Endziel in die Tasche
gesteckt«, und verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen den
gemeinsamen Gegner standen, mußte die Streitaxt begraben werden. Aber
die Radikalen dachten anders. Es kam vor, daß Reichstagskandidaten von
den eigenen Genossen wie Parteiverräter behandelt wurden. Wanda Orbin
vor allem, die immer wieder erklärte, daß die Reinheit der Partei ihr
höher stünde als ihre numerische Stärke, wurde zur fanatischen Gegnerin
aller derer, die sich nicht unverbrüchlich auf die alten Dogmen
einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen auf ihrer Seite, --
die Frauen, die nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis,
sondern einzig und allein durch ihr Gefühl geleitet zu Sozialistinnen
geworden waren. Mit jener naiven Kraft der ersten Christen, die ihr
ganzes Tun und Denken auf die unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten
eingerichtet hatten, hofften sie auf die baldige Erfüllung ihres
Zukunftstraums.
Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, -- es war in bezug auf die
Zunahme der Mandate, aber noch mehr im Hinblick auf das
Stimmenverhältnis weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben, --
stieg die Erbitterung gegen die »Bernsteinianer«, denen man die Schuld
an diesem Ergebnis zuschob, noch mehr.
Ein Symptom für die allgemeine Stimmung war der Beschluß, der nach
einer stürmischen Versammlung im Feenpalast von den Berlinern gefaßt
wurde. Seinem Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine
Beteiligung an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein Tenor aber war
eine Verurteilung der Beteiligung überhaupt. Sie erschien den Radikalen
als ein bedenkliches Hinneigen zu revisionistischen Ideen.
* * * * *
In dem Kreise der Genossinnen äußerte sich das gegenseitige Mißtrauen
weniger im Streit um Meinungen, als in persönlichen Reibereien. War ich
schon während meiner Tätigkeit in der bürgerlichen Frauenbewegung zu der
Überzeugung gelangt, daß diese spezifisch weibliche Art nur durch eine
Zusammenarbeit mit dem Mann sich beseitigen lassen würde, so war ich
jetzt entschlossen, den Einfluß, den ich noch besaß, nach dieser
Richtung geltend zu machen.
»Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter auf das Programm
geschrieben, wir müssen sie also zu allererst in der eigenen Partei
durchführen,« erklärte ich, und selbst die Feindseligsten waren in
diesem Gedanken mit mir einig. »Bei den Genossen aber werden Sie damit
schön abblitzen!« meinte Martha Bartels. »Bei denen heißt's noch immer,
wenn unsereins den Mund auftut: Kusch dich! zu Hause -- wie in der
Bewegung,« sagte eine andere langjährige Parteigenossin. »Sie wissen,
wie wir voriges Jahr behandelt worden sind, --« fügte die dicke Frau
Wengs hinzu, »als wir auch nur eine Einzigste von uns in den
allgemeinen Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten
aufgestellt haben. 'Wascht man eure dreckige Wäsche alleene --,' sagten
uns die Vertrauensleute.« »So müssen wir eben immer wiederkommen,«
entgegnete ich, »Na -- für die schönen Augen von Genossin Brandt tun
sie's am Ende,« höhnte Martha Bartels. Schließlich beschloß man,
noch einen Versuch zu machen, und es gelang auf einer der
Parteiversammlungen, zunächst meine Delegation zum Parteitag der Provinz
Brandenburg durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen über diesen Erfolg
war die der Kinder, wenn sie ein neues Spiel beginnen: auf eine Zeitlang
war jeder Streit vergessen.
* * * * *
Am Vorabend der Provinzialkonferenz veröffentlichte die Presse eine neue
Rede des Kaisers, die er im Kurhause von Öynhausen gehalten hatte: »Das
Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern noch in
diesem Jahre zugehen, worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der
willig ist, seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhindern sucht, oder
gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll ...«
Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als eine Vernichtung des
Koalitionsrechts, das war eine Kriegserklärung an das Proletariat, für
die es nur eine Antwort gab: einmütiges Zusammenhalten. In der Sitzung
am nächsten Morgen brachte ich eine Protestresolution ein, die zur
einstimmigen Annahme gelangte, und unter dem Eindruck der kaiserlichen
Drohung verlief die Tagung ohne einen Mißklang. Martha Bartels
schüttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten nicht, die gute Frau
Wengs lachte über das ganze runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf
die Schulter und versicherte: »Nun haben Sie uns aber alle miteinander
auf Ihrer Seite.«
Zwei Tage später erfuhr ich, daß einer der berliner Wahlkreise bereit
sei, mich zum nächsten Parteitag zu delegieren.
»Du bist leicht zu befriedigen!« sagte mein Mann mit einem leise
spöttischen Ton in der Stimme, als er meine Freude sah.
»Es ist doch ein Anfang,« antwortete ich. »Oder meinst du, ich wäre in
die Partei gekommen, um ewig Rekrut zu bleiben?«
»Gewiß nicht,« lachte er, »ich kenne doch meinen ehrgeizigen Schatz!«
Mir stieg das Blut in die Schläfen. War es Ehrgeiz, der mich
beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte Wunsch nach einem
Wirkungskreis für meine Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer,
das ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verließ, als daß ich
es dauernd für überflüssige Nichtigkeiten hätte bringen können. Jetzt
war ich im Aufstieg, und weil ich es war, hatte ich die Sympathie der
anderen für mich; es galt nunmehr, beides festzuhalten.
* * * * *
In der Versammlung, die über die Parteitagsdelegationen endgültig zu
entscheiden hatte, herrschte von Anfang an Gewitterschwüle. Die
schroffsten Gegner saßen einander gegenüber, und bei jedem Punkt der
Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines schien von
vornherein klar: die Masse der radikalen Berliner erwartete vom nächsten
Parteitag eine Abrechnung mit den revisionistischen Elementen in der
Partei, ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung zu
nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf ihrer Seite stand.
Man forderte schließlich, daß sämtliche Delegierte sich auf die
Feenpalastresolution verpflichten sollten. Während ringsumher alles
durcheinander schrie und tobte, wurden die zur Delegation
Vorgeschlagenen aufgerufen.
»Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres Beschlusses?«
Überrascht fuhr ich auf, -- ich hatte nicht erwartet, als Erste gefragt
zu werden, -- ich versuchte mir im Moment die Situation zu
vergegenwärtigen. »So antworten Sie doch!« rief ungeduldig die Stimme
des Vorsitzenden.
Die Genossinnen umringten mich: »Sie werden uns doch nicht im Stiche
lassen,« flüsterte Frau Wiemer von der einen Seite, -- »wir haben ja nur
für Berlin die Beteiligung abgelehnt,« zischte mir Martha Bartels von
der anderen ins Ohr. Und ein leises »Ja« kam zögernd von meinen Lippen.
Gleich darauf hörte ich Reinhards Namen nennen, und im selben Augenblick
seine Antwort: ein scharfes »Nein«. Ich wurde gewählt -- er nicht.
Glückwünschend umringten mich die Genossinnen. Aber jedes Wort, das sie
sagten, ließ mich dunkler erröten. Am Ausgang traf ich Reinhard. »Das
hätte ich von Ihnen nicht erwartet,« sagte er. »Sie kannten doch den
tieferen Sinn der Resolution.«
Ich schlich nach Hause, müde, schuldbewußt. Noch in der Nacht schrieb
ich eine Erklärung für den »Vorwärts«, und legte mein Mandat in die
Hände meiner Wähler zurück ...
Die Frauen hätten mich am liebsten gesteinigt, die Männer lachten mich
aus. Ich schwieg. Womit hätte ich mich verteidigen können?
Achtes Kapitel
»Ottoo -- addaa,« rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er saß auf
meinen Knieen im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts und links, als
ob er in seiner Freude alles grüßen müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus
in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern
flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn fauchte heut wie ein
vergnügter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne
fuhr.
Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins
Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden
Grashalm an und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit einem
jauchzenden »Da -- da!« den Vögeln zu, die von Zweig zu Zweig hüpften.
Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte
runde goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine blaue
Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein gelber Schmetterling
tanzte über ihnen, -- es war eine große Sommer-Festvorstellung für mein
Kind.
Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten
das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der
Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter
Künstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten
verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens in der Hand, das seinen
Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit
seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach.
»Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. »Nein! Unter die schwarzen
Kiefern paßt nur ein graues.« Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich
sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen.
»Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand an der Türe, die
Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein
großer, überschlanker Mann. Errötend stellte sie ihn vor: »Professor
Erdmann!« Sie hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern am
Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine
Rolle zu spielen begann, und Messel begrüßte ihn wie einen lieben
Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: »Wir
dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. »Ich find' es viel
hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lächeln
an, das auf ein tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie
fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm,
seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander
die sonnige Straße hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.
* * * * *
»Ottoo -- addaa,« klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir
heimwärts fuhren. Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach rechts und
links; krampfhaft umspannten sie einen Büschel grünes Gras, und
unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der
sich gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine
schillernden Flügel aus und flog mit surrendem Geräusch davon; entsetzt
starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen -- ein
sehnsüchtig-schluchzendes »adda -- adda« kam von dem zuckenden Mündchen,
und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lächelte über den
wilden Schmerz um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen
nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um den Verlust ihrer
Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die
Arme.
* * * * *
Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine Schwester. Sie wollte mich
allein sprechen. Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mühsam
hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten mir genug. »Und die
Eltern?« fragte ich. »Sie wissen von nichts,« stotterte sie und sah ganz
verängstigt drein.
Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er
früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine
seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen?
»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, --« sagte ich, und
mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe
davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie.
Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal
mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie
schutzbedürftig vor mir stand.
Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war
mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und
schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen
Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen
seine Erscheinung vergessen.
»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf
meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, --« fügte er
lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.«
»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem
Vater, gefallen müssen,« meinte ich.
»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der
härtere erwiesen,« entgegnete er.
»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!«
»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf
mich, -- nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine
Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu
verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können?
»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« --
ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, -- »wir Künstler
brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.«
Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklären, damit
sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim.
Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn
mit dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und herführen;
aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein
unbändiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glühte der Haß gegen den,
der sie meistern wollte. Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von
Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige
Grenze zu finden wissen?
Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann sich ihr eröffnet hatte.
Sie kam zu mir und kämpfte mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die
Eurem Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« »Dafür wirst
du nachher um so mehr Ruhe haben,« suchte ich sie zu beruhigen. Ihre
schmalen Lippen kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf
der Zunge, aber sie sprach es nicht aus.
Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. »Denk' nur, er gefällt
Papa!« erzählte mir Ilse ganz glücklich, und die Mutter lebte wieder
auf. Daß der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war,
beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine
Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; wie oft hatte nicht die Mutter
vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der
Rücken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals genötigt
worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu häufig die Schularbeiten gemacht,
damit das Köpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu
müde wurde!
Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« und daneben
von der Mutter Hand: »Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat
er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er mußte doppelt
gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft
mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil
ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, -- ob ein
verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermöchte?
Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein Kind. Er hatte immer
die Taschen voll für den Kleinen; war das Wetter schlecht, so ließ er
ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem
Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ er mich
grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen Brief von mir nicht
zurückweisen! An einem blauen Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um
den Hals, als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe Weise
brachte er die Antwort mit zurück:
»... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das
andere lacht nicht. Ich muß mich selbst überwinden. Wenn man das
Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das
unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen muß, das gibt
an keiner Stelle Ruhe. Daß Du mich verstanden hast, erfreut mich und
macht mich dankbar.
Dein alter Vater.«
Meine Schwester strahlte vor Glück. Mit jener geistigen Beweglichkeit,
die ihr von jeher eigen gewesen war, ging sie vollkommen auf im
Künstlertum ihres Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der
unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Händen ein lebendiges Werk
werden sollte. Selbst ihre Kleidung richtete sie nach seinem Geschmack;
sie war eine der ersten, die jene malerischen Gewänder trug, wie sie aus
den Köpfen der jungen Vorkämpfer des aufblühenden Kunstgewerbes
hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen aus hygienischen, von den
Malern aus künstlerischen Gründen geschaffen wurden. Jedes Stück ihrer
künftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen Erdmanns angefertigt.
»Oskars Stil entspricht so vollkommen meinem ästhetischen Empfinden,«
sagte sie, und ihr Blick flog ein wenig hochmütig über unsere Möbel
hinweg, »daß ich in einer anderen Umgebung nicht leben könnte.« Sie
hatten nahe dem Kurfürstendamm eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns
Angaben umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der Mutter zu uns, so
drehte sich das Gespräch um die Zukunftspläne mit all ihren reizvollen
Details. Meine eigenen, die mich so glücklich gemacht, so ganz gefangen
hatten, traten dabei zurück. »Du willst uns wohl mit eurem Haus
überraschen, daß du so wenig davon erzählst,« meinte die Mutter einmal
und ich nickte dazu.
Die Gründe, warum ich schwieg, waren freilich anderer Art. Das Haus, das
inzwischen immer stattlicher aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle
neuer drückender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer naiven
Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens vorher nicht berechnet,
daß doch auch während des Baues Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget
auf das Schwerste belasten mußten. Ich wußte oft nicht ein noch aus;
dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhältnissen litt, und zwar um
so mehr, je mehr er empfand, daß ich von ihnen betroffen wurde. Machte
ich einmal irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr er
sich mit der Hand nervös durch das weiche, wellige Haar und sagte mit
einem gequälten Ausdruck in den Zügen: »Kümmere dich doch nicht darum!
Überlasse mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem Wege
räumen.«
* * * * *
Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien zurück. Ich fürchtete mich
schon davor, denn noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem
Egoismus zu erzählen, was alles bei ihrer Mutter besser und schöner
gewesen war. Hörte es Heinrich, so schalt er sie, weil er sah, daß es
mich kränkte, und eine bleischwere Stimmung herrschte um unseren Tisch.
Diesmal stürmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; -- so freuen sie
sich doch, nach Hause zu kommen, dachte ich. Wolfgang, der
Leichtfüßigere, kam zuerst. Kaum ließ er sich Zeit, mich zu begrüßen.
»Die Mutter läßt dir sagen,« rief er atemlos, »sowas dürfte nicht mehr
vorkommen. Mützen hatten wir, wie sie in Österreich nur Portiers tragen,
und Anzüge, über die die Bauernjungens lachten.« Ich fühlte, wie blaß
ich wurde. Ich hatte sie wie immer für die Reise neu eingekleidet, um ja
keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal war es mir noch
schwerer geworden als sonst. Bei Tisch fing auch Hans, der stets
zurückhaltender war, zu erzählen an. »Warmes Abendessen ist viel
gesünder, meint die Mutter,« sagte er, »und es schmeckt auch besser als
immer bloß Wurst.«
Ich war so überreizt, daß ich mit den Tränen kämpfte, und als am
nächsten Morgen auch noch ein Brief aus Wien kam, in dem mir die Mutter
der Kinder über meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen
machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. Konnte ich die
Kinder denn überhaupt erziehen, wo ich ständig fürchtete, von ihnen als
die böse Stiefmutter angesehen zu werden und damit jeden Einfluß zu
verlieren?! Konnte ich sie strafen, wo ich wußte, daß sie sich bei der
eigenen Mutter darüber beklagen würden?! Ich zeigte Heinrich den Brief
und schüttete ihm, nicht ohne mich selbst all meiner versäumten
Pflichten anzuklagen, mein Herz aus.
»Und das alles sagst du mir erst jetzt?« rief er. »All den Kummer
schleppst du mit dir herum und sprichst dich nicht aus?« Er schlang den
Arm um mich und küßte mir die Tränen aus den Augen. »Hier muß gründlich
Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...« »Vor allem um der Kinder
willen, Heinz,« unterbrach ich ihn; »so gut geartet, wie sie sind, --
schließlich müssen sie Schaden leiden.« Wir berieten, was zu tun sei.
In früheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, ihre Söhne bei
sich zu behalten, aber immer wieder hatte Heinrich sie zurückgefordert.
»Wie konntest du?!« sagte ich leisem Vorwurf. »Kinder gehören zur
Mutter!« »Ich war sehr einsam, sehr liebebedürftig; ich hatte im
Scheidungsprozeß mit Nägeln und Zähnen um die Kinder gekämpft,«
antwortete er. »Jetzt aber ist die arme Frau viel einsamer als du, --«
»-- sie zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,« entgegnete er hart, »sie
war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche ließ! Jetzt darf nur die
Rücksicht auf dich und auf das Wohl der beiden Buben den Ausschlag
geben.«
In der Nacht nach unserem Gespräch warf sich Heinrich im Bett schlaflos
hin und her; im ersten Morgengrauen stand er leise auf, und ich hörte,
wie er im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich hätte doch nichts
sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er sah müde und vergrämt aus, als er
wieder zu mir hereinkam.
»Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,« sagte er.
»Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, -- ich sehe
vielleicht nur zu schwarz,« warf ich ein.
Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, sie recht lieb zu
haben, seine Söhne anvertraut hatte. Er sah so finster drein! Jähe
Furcht beschlich mich um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er
blieb bei dem einmal gefaßten Beschluß.
Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine
rückhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte
zwischen den Söhnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie ihr
Haus betreten würden. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin, und
die Korrespondenz nahm eine immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht
mehr mit ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwürfe, die
mich quälten, nicht mehr ertragen.
Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit und fuhr mit dem
Nachtzug nach Wien. Vom Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der
Kinder an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. In einem
Salon mit schweren Renaissancemöbeln empfing sie mich, eine schlanke,
dunkle Frau mit scharf geschnittenen, fast männlichen Zügen. Sie gab mir
nicht die Hand, sie zögerte offenbar, mir auch nur einen Stuhl
anzubieten.
»Ich komme, weil ich hoffe, daß eine mündliche Besprechung leichter zum
Ziele führen wird,« begann ich.
»Er schickt Sie?« Ihre Stimme hatte einen merkwürdig leblosen, kalten
Ton, als käme sie weit her aus dunkler Tiefe.
»Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, meine ich, werden uns
verständigen, -- mit einigem guten Willen natürlich, -- denn zwischen
uns steht nichts --«
»Meinen Sie wirklich, daß zwischen uns nichts steht?!« Ein Blick voll
Haß streifte mich. »Meine Kinder stehlen Sie mir!«
»Ich?! --« Aufs Äußerste erstaunt sah ich sie an. »Ich, die ich sie
Ihnen wiederbringe?!« Aber sie hörte nicht auf mich. In
leidenschaftlicher Erregung kamen die Worte, sich überstürzend, von
ihren Lippen: »Habe ich nicht in diesem letzten Sommer tagtäglich hören
müssen: 'Die Mama erlaubt das alles, -- die Mama straft uns nicht, --
die Mama schenkt uns dies und jenes'?! Und jetzt soll ich vielleicht
erleben müssen, daß meine eigenen Kinder sich fort wünschen von mir?
Oder jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater es
wünscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!«
Ich verstand sie, -- so hatte ich auch ihr unbewußt Böses getan! »Sie
wissen, mein Mann hat für das erste Jahr schon auf ein Wiedersehen
verzichtet,« antwortete ich.
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