hüten; -- meine Bewunderung für sie stieg und zugleich mein Verständnis für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, das sich in ihnen angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter entreißt, mit anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte ich mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, die weibliche Berufsarbeit -- auch die der Mütter -- zu erhalten? Ich zerriß den halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen, ich war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen, seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr für mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mußte. Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« fragte er mit einem verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit mehr verriet. Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür fehlen würde. Er hatte schon oft nachsichtig, wie über eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den Konflikt berührte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da heftig geworden, hatte mich für sentimental, für überängstlich erklärt, wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte er den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht verletzen wollte. »Ich glaube, wir haben Grenzpfähle berührt, die das Reich des Weibes von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich. »Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in kühler Objektivität zu lösen, -- wie eine mathematische Aufgabe.« Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom Züricher Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz nicht nur zu meinen großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu ihren eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte. »Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, daß Gelehrte und Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und miteinander beraten könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich Ihnen endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht!« Romberg biß sich in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war. »Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd. »Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,« rief ich empört, »daß die starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher nicht hingehörten!« Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs. »Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln. »Ich fürchte, jede 'Lösung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,« erwiderte ich. Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, -- auch Sie beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird zur Antifeministin -- --« »Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.« »Also auch hier nur eine Revision des Programmes?« »Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, -- gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm, weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.« »Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft. »Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --,« fügte Heinrich rasch hinzu, »ein Buch über die Frauenfrage, das von einer Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu behandeln hätte, ...« »In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach ihn Romberg. »Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Händen zur Disposition eines ganzen Werkes geworden.« Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. Ein zusammenfassendes, grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir, es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und hertastete. »Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« meinte ich schließlich zaghaft. »Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum Mann,« antwortete Romberg. Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszuführen. Erst auf Rombergs wiederholtes: »Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der Reihe vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren, feuchtschimmernden Augen und unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. »Ich hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er lächelnd. In der Bewunderung für derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der Provinz, dachte ich ärgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit gemäß, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: »Können Sie sich wirklich eine Welt als wünschenswert vorstellen, in der alle Frauen Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Männer sind; in der sie keine Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in der alle duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt werden?« -- »Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen helfen! Aber Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehören nicht zu den duftenden Blumen, zu den an sich unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens. Sie sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.« »Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich aber bleibt für mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur höchste Blüte sein, sondern die femme amante.« Er sah mich kampflustig an, er liebte den Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand für ihn ein für allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir vor sich zu haben. »Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,« spottete ich, »meine Meinung stimmt fast überein mit der Ihren, nur daß ich die Existenz der femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre Voraussetzung ist...« Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte ich nicht meinem dummen Katzel widersprechen müssen, das die femme amante wegdisputieren will und selbst nichts anderes ist?« »Und nichts anderes sein will,« sagte ich leise und gab ihm seinen Kuß zurück. Ich lag noch lange wach und grübelte. Ob ich ihm anvertrauen könnte, was mich bewegte? Schon in der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden, was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt hatte: warum Staat und Kirche nicht die Liebe, sondern die Pflicht zur Grundlage der Ehe gemacht haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und Erziehung der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. Die Ehe kam mir vor wie eine moralische alte Jungfer, die der jungen unbändigen Liebesleidenschaft durch ihre Predigten das Leben ständig vergällt. Die Liebe braucht Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor jedem rauhen Luftzug, den die Ehe erzeugt, läßt die zarte Blume der Liebe die Blätter hängen. Die Liebe ist ein Rausch, die Ehe ist nüchtern. Lodern auf dem Altar der Liebe die Flammen, so schämen sich die Opfernden wie arme Sünder, wenn die Ehe sie plötzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir täglich gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe Abhängigkeit. Einer muß sich dem anderen unterordnen, wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfängt, flieht sie selbst. So türmten sich die Probleme der Frauenfrage, -- meiner Frauenfrage. Wahrlich, es war eine große Aufgabe, sie zu lösen. * * * * * Ich stürzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien meiner Arbeit; daß sie mich ans Haus, an den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene Begleiterscheinung. Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, -- und es blieb nicht bei bloßen Aufforderungen, deren Annahme oder Ablehnung der Entscheidung des Einzelnen überlassen blieb, die Genossinnen verfügten vielmehr ohne viel zu fragen über meine Arbeitskraft --, erzählte ich von dem Buch, das ich vorbereitete, und das mir eine gewisse Beschränkung auferlege. Ich war nicht wenig erstaunt, daß dieselben Menschen, die der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen, über meine Mitteilung die Nase rümpften und sie nur als einen Vorwand ansahen, um mich von der Agitation zurückzuziehen. Je mehr ich sie zu überzeugen suchte, desto weniger verstanden sie mich. »Wer so 'ne Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, für den is das Schreiben doch keen Kunststück,« sagte eine von ihnen. »Un ieberhaupt: im Erfurter Programm steht haarkleen allens, wat wir wollen,« fügte eine andere hinzu. »Genosse Bebels 'Frau' und Genossin Orbins Artikel in der 'Freiheit' sind als Grundlage für unsere Bewegung mehr als ausreichend,« sagte Martha Bartels mit einer Schärfe, die sich steigerte, je älter sie wurde. Ich sah ein, daß nichts zu machen war; im Grunde hatten die Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte Eier nicht kümmern mochten. Nur eine Idee erwähnte ich noch, die ich kürzlich als den gesunden Kern aus der ungenießbaren Schale einer französischen Broschüre herausgeschält hatte: die einer staatlichen Mutterschafts-Versicherung. Ich wollte ihr eine fest umrissene Gestalt geben und sie in den Mittelpunkt meines Buches stellen. Die Mutter schützen, solange sie das Kind unter dem Herzen trägt, sie dem Kinde erhalten, solange es der Pflege und Ernährung durch sie bedürftig ist, -- das schien mir aber auch ein Ziel, würdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur Erörterung zu bringen. Aber seltsam: um unseren Sitzungstisch saßen die früh gealterten, abgehärmten Mütter, und kein Wort, keine Miene verriet, daß der Gedanke sie zu erwärmen vermöchte. Alles Neue galt ihnen zunächst als etwas Feindliches. Diese Revolutionärinnen hatten schon eine Tradition und waren darum vielfach reaktionär. Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen nicht mehr. Aber ich beschloß, alle Zeit, die mir blieb, ihm zu widmen. Doch auf die Möglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich vergebens. An unserem Schreibtisch saßen wir, mein Mann und ich. Wie schön hatten wir es uns gedacht, das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses Einandergegenübersitzen von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden Ausdruck im Gesicht des anderen sehen müssen und unwillkürlich zu deuten versuchen, diese Sorge, einander ja nicht zu stören, schufen eine Atmosphäre von Nervosität, die um so unerträglicher wurde, als keiner den Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, daß ich aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verließ; und oft ging ich hinaus, weil ich fühlte, daß er allein sein mußte. Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: Da gab's bei den Kindern Vokabeln zu überhören und Anzüge zu flicken, da waren die Haushaltssorgen, die mich um so stärker in Anspruch nahmen, je weniger ich von ihnen verstand, und die ständige angstvolle Frage: komme ich aus? Auf meinen Mann, der für mich die Güte und Rücksicht selber war, wirkte sie wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklärung und Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets für schuldig, wenn ich sie nicht bejahend beantworten konnte. »Du verschwendest, -- du läßt dich vom Mädchen betrügen --,« rief er, während die Zornadern ihm auf der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen anerzogenen Begriffen über die Maßen einfach. Mich kränkte sein Zorn, den ich als Ungerechtigkeit empfand. Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich zu gleicher Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausüben wollte. Das menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von zwei Gedankenketten nicht eingerichtet. Und der Haushalt erfordert umsomehr die Gedankenwelt der Frau, je weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg meine Sorgen, ich vermied es soviel als möglich, meinen Mann um Geld zu bitten, was ich immer als eine Erniedrigung meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte recht, tausendmal recht: die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie hilft so manche andere Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben der Vorarbeit für mein Buch, wieder Artikel für Zeitschriften und Tagesblätter, um Geld zu verdienen. Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine Pflege meine Gedanken in Anspruch nahm, dann empfand ich das nicht wie eine Störung oder wie ein Ablenken von meiner eigentlichen Tätigkeit. Fühlte ich sein warmes rundes Körperchen in meinen Armen, so strömte wunschloser Friede mir tief ins Herz. Lachten mich seine blauen Augen an, so vergaß ich alles darüber, was es an Glück in der Welt noch geben mochte, und weinte er, und ich wußte nicht warum, so gab es kein Menschenleid, das mir hätte größer erscheinen können; klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger fest um die meinen, so fühlte ich, daß er für immer von mir Besitz ergriffen hatte; daß mein Herz dazu da war, um ihn zu lieben, mein Geist, um ihn zu erziehen, meine Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen zu helfen. Kam ich von ihm zu meinem Mann zurück, so war jeder Schatten von Kummer verschwunden, ich liebte ihn doppelt, weil er meines Kindes Vater war. Und sah ich meine Stiefsöhne dann, so tat mir das Herz weh: ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; sie mußten das fühlen, wenn ich mich auch noch so sehr bemühte, meine Zärtlichkeit für den Kleinen nur zu äußern, sobald sie fern waren. Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp war, dachte ich nicht ohne Bitterkeit an die reiche Mutter dieser Kinder. Aber meinem Mann sagte ich nichts davon. Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte, und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen vermochte, bekam wieder Macht über mich: ich lernte schweigen, um nicht zu verletzen, und um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen. Meine Mutter kam um jene Zeit häufig zu mir. Seitdem wir unser Kind hatten taufen lassen, war sie viel milder und herzlicher geworden, obwohl ich sie über unsere Beweggründe nicht im Irrtum gelassen hatte. »Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in eine Ausnahmestellung zu zwingen,« hatte ich ihr gesagt, als sie in unserer Handlungsweise einen Ausdruck unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte; »ebensowenig wie wir es später, wenn es selbständig denken kann, hindern wollen, zu tun oder zu lassen, was seiner eigenen Überzeugung entspricht.« Aber nach anderen Richtungen hütete ich mich um so mehr, sie ins Vertrauen zu ziehen. Sie hatte mir häufig gesagt: »Wenn du einmal verheiratet bist, wirst du einsehen, daß das Leben der Frau aus lauter Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!« Sie durfte nicht glauben, daß ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen wäre. Und sie mußte in der Meinung erhalten werden, die sie schließlich allein über meine Heirat getröstet hatte: daß meine äußere Lage die behaglichste sei. An der Art, wie diese ruhige, anscheinend kühle Frau ihre Freude darüber äußerte, sah ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden pekuniären Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie um ihrer Härte willen im stillen angeklagt. Jetzt bat ich ihr manches ab. Ich erinnerte mich, wie umsichtig sie den großen Haushalt geführt hatte, wie sie stunden- und tagelang Wäsche flickte und uns unsere Kleider nähen half, -- wie schwer mochte es auch ihr geworden sein, wie viel mochte sie entbehrt haben! * * * * * Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal putzte ich für mein Kind den Weihnachtsbaum. Erstaunt riß es die Augen auf und streckte die Händchen verlangend aus, als es die vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne lag allerlei Spielzeug für ihn, darunter ein großer bunter Hampelmann, den mein Vater geschickt hatte. Mit dem Söhnchen auf dem Arm trat ich zu meinem Weihnachtstisch, auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief lag. Ich öffnete ihn, während mein Junge fröhlich lallend den Hampelmann hin- und herschwenkte: »Ein Häuschen im Grunewald« stand darin. Vor Überraschung war ich sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind, glückselig über die Freude, die er bereitet hatte. In aller Stille hatte er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit gefunden, unseren Wunsch durch die Beschaffung von Baugeld und Hypotheken erfüllen zu helfen. »Wie wird unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine Alix dort arbeiten können!« sagte er. »Werden wir auch die Zinsen aufbringen können?« meinte ich schließlich, nachdem der erste Sturm der Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog über seine Züge: »Mußt du dich immer gleich wieder fürchten, -- auch angesichts solch eines Glücksfalles?!« Beschämt senkte ich den Kopf. Die Lichter waren längst erloschen, und die Kinder schliefen, unser Liebling mit dem Hampelmann, fest an sich gedrückt; der süße Duft der Wachskerzen, vereint mit dem starken der Tanne, erfüllte das Zimmer; wir großen Kinder träumten darin unseren Weihnachtstraum: von dem stillen Häuschen im Wald, fern dem Lärm der Großstadt, von einer Heimat, die wir beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das wachsen sollte wie die Bäume: die Wurzeln im Boden der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der Sonne zu und dem Sturme trotzend. Am nächsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, über den der Himmel all seinen Glanz und seine Farben goß, zog ich meinem blonden Buben ein weißes Mäntelchen an, packte ihn sorgfältig in die weichen Kissen seines weißen Wagens und schickte ihn zu den Eltern. Meine Gedanken begleiteten ihn: wie ein helles Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur, sah, wie der Großvater ihn feuchten Auges in die Arme nahm, fühlte, wie der letzte eiserne Reifen um des alten Mannes Herz zersprang. »Das war ein lieber Gedanke von Dir,« schrieb die Mutter. »Ich habe Deinen Vater seit Jahren nicht so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt und behauptet, es gäbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie seinen Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs Weihnachtsgeschenk noch besonders beglückt: so hat Gott meine Gebete doch erhört und alle Strafe von Dir abgewendet!« * * * * * Unseren wundergläubigen Vorfahren galten die zwölf Nächte, die dem Weihnachtsabend folgen, für heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit auf das notwendigste beschränkt, nur in Feiertagsgewändern begegneten die Menschen einander, und die Träume, die geträumt wurden, gingen in Erfüllung. Unter der Schwelle unseres Bewußtseins lebt und wirkt auch heute noch dieser Glaube. In den Straßen und in den Herzen ist es stiller als sonst. Der fieberhafte Pulsschlag des öffentlichen Lebens stockt. Selbst der heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es recht wohl und warm ums Herz wird, der wünscht zuweilen, sich auf immer einspinnen zu können in diese Stille. Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die die Greisenhand des alten zum Abschied spendete, aus seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit schmetternden Fanfaren zu neuen Kämpfen, richtet Ziele auf mit lockenden Preisen, so daß auch die süß Schlummernden sich dem Land ihrer Träume entreißen und im grellen Licht des Tages den alten Wettlauf wieder beginnen. So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die Wetterkundigen am Himmel seit jenen ersten Gewitterwolken kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr. »Rücksichtslose Niederwerfung jeden Umsturzes« hatte die eine gefordert, als »Vaterlandslose« hatte die andere diejenigen gebrandmarkt, die den Flottenforderungen ablehnend gegenüberstanden. Inzwischen war die Flottenvorlage dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten monatelang vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre hinaus Millionen und Abermillionen für neue Schiffsbauten forderte. Doch die stürmische Entrüstung, zu welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in seiner psychologischer Kenntnis der Menschennatur, die um so überraschender war, als die Regierungen ihre Völker mit dergleichen nicht zu verwöhnen pflegen, waren Vorfälle, die früher spurlos vorübergingen, -- wie der Streit eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehörden der Republik Haiti und die Ermordung zweier deutscher Missionare in China, -- zu so ernsten Konflikten mit fremden Mächten aufgebauscht worden, daß der furor teutonicus sich daran zu entzünden vermochte. Einmal gereizt, griff der gute deutsche Michel wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen Träumeraugen brannte plötzlich wieder die alte Sehnsucht nach fernen fremden Ländern und ihren Märchenschätzen. Was uns, die wir nüchtern geblieben waren, wie eine romantische Floskel klang, -- die pathetische Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden Bruder von dem Dreinfahren der gepanzerten Faust und dessen Antwort von dem »Evangelium der geheiligten Person Seiner Majestät«, das er im Auslande verkünden wolle, -- das entsprach im Augenblick dem fanatisierten Empfinden des deutschen Bürgers. Er, dessen Leben so lange sang- und klanglos dahingeflossen war, der seit Bismarcks Abschied für seine Begeisterungsfähigkeit keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure Flottenforderung schreckte ihn nun nicht mehr. Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch mehr als das: hatte das Interesse eines großen Teiles der Bourgeoisie sich in einer für sie bedenklichen Weise in den letzten Jahren der sozialen Frage zugewandt, so war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken. Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie Männer, auf die ich noch vor wenigen Monden für unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus über den Sozialismus siegen ließen, wie selbst ein Romberg und seine Freunde die Weltmachtpolitik verteidigten. Daß es zwischen ihr und der Arbeiterpolitik nichts anderes geben könne als unversöhnlichen Gegensatz, schien mir über allem Zweifel zu stehen. Für Rombergs Argumente, der in der Erschließung neuer Absatzgebiete auch einen Vorteil für die deutsche Arbeiterschaft sah, war ich vollkommen unzugänglich. Die große Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb nicht nur alte Freunde von unserer Sache ab, sie trug uns auch neue Feinde zu. Vielen, die sich um Politik bisher kaum gekümmert hatten, galten wir jetzt als Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten. Der Weizen Herrn von Stumms, unseres grimmigen alten Gegners, blühte; er drohte mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage im Reichstag zu Falle käme. Und tatsächlich schien ein neues Ausnahmegesetz in Vorbereitung. Der »Vorwärts« veröffentlichte ein Geheimschreiben des Staatssekretärs des Innern an die verbündeten Regierungen, worin er ein Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht stellte, das, nach den Absichten unserer Gegner, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig beeinträchtigen, wenn nicht vernichten würde. Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: eine Mehrheit für die Flottenvorlage, eine scharfe Trennung zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie für die Wahlen zum neuen Reichstag. Aber auch für uns schien die Lage günstig: auf der einen Seite die Weltmachtpolitik mit ihrer möglichen Folge kostspieliger Kriegsabenteuer und drückender Steuerlasten, auf der anderen die Bedrohung des Koalitionsrechtes, -- war das nicht genug, um die proletarischen Massen zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! Warum war die Stimmung in unseren Versammlungen so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach, jene anfeuernde Kraft der Rede, die früher an ihren Wirkungen zutage getreten war? Die starke, hoffnungsvolle Freudigkeit war verloren gegangen, als ob sich zwischen uns und das Ziel, dem wir so leidenschaftlich zustrebten, ein dunkler Schleier gesenkt hätte. Durch die Einheit, die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Riß. Das Instrument der Partei klang verstimmt, als wäre eine Saite gerissen. Langsam und allmählich, für die meisten unmerklich, hatte es sich vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie von der Sekte zur Partei hatte sich zuerst die Taktik ihres Vorgehens leise verändert. Von der Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des kapitalistischen Staates als eines unmöglichen Paktierens mit der Bourgeoisie bis jetzt, wo sogar von alten bewährten Führern die Teilnahme an den Landtagswahlen unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war ein weiter Weg. Und er war gegangen worden. Was einer der wenigen Staatsmänner der Partei, Georg von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter dem empörten Widerspruch der radikalen Elemente in der Partei erklärt hatte: daß in dem Maße, in welchem wir einen unmittelbaren Einfluß auf den Gang der öffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft auf die nächsten und dringenden Dinge konzentrieren müßten und »dem guten Willen die offene Hand, dem schlechten die Faust« zu zeigen sei, -- das hatte sich von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, und vor der Logik der Tatsachen wich die radikale Phrase bloßer Verneinung Schritt vor Schritt zurück. Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwürdige Theorie vor dem Ansturm der jungen Praxis in ihren Grundfesten zu zittern. Im Lichte der fortschreitenden Zeit erwiesen sich manche Fundamentalsätze, wie sie das Erfurter Programm formuliert hatte, als überholt. Schon die Beschäftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, daß die wirtschaftliche Entwickelung sich nicht überall mit den von Marx aufgestellten Gesetzen in Einklang bringen ließ, daß die Konzentrierung des Kapitals sich nicht so rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf Grund damaliger Erfahrungen angenommen hatte. Und auch das vom kommunistischen Manifest mit apodiktischer Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine Herabsinken der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; die Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im Laufe des letzten halben Jahrhunderts gehoben. Und nun trat einer der bewährtesten Vorkämpfer des Sozialismus, einer ihrer Märtyrer, der noch im Exil in England lebte -- Eduard Bernstein --, auf und erörterte in breiter Öffentlichkeit die neuen Probleme des Sozialismus. Er rüttelte weder an seiner Voraussetzung noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der Tatsachen, daß der Weg zwischen beiden länger ist und anders geartet, als Marx und seine Schüler ihn dargestellt hatten, daß wir ihn daher mehr berücksichtigen, unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf das schließliche Ende einstellen müßten. Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in der Welt zum Sozialismus geführt worden waren, die wir von ihm in einem in seiner Wurzel religiösen Glaubensüberschwang die Erlösung von allem Übel erwartet hatten, wirkte die kühle Klarheit der Bernsteinschen Beweisführungen niederschmetternd. Meinem Verstande waren die Grundsätze des Sozialismus so ohne weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefühl mit seinem Wollen von vornherein übereinstimmte. Sie kritisch und wissenschaftlich zu prüfen, war mir, wie Tausenden meiner Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. Jetzt war es ein Gebot der höchsten Tugend, -- der intellektuellen Redlichkeit, -- es nachzuholen. Die Zeiten meiner religiösen Kinderkämpfe schienen wiedergekehrt zu sein. Nur daß ich jetzt mit allen Fasern meines Innern in dem Glauben wurzelte, dem ich meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich alle meine Kräfte sog. Was stand noch fest, dachte ich verzweifelt, wenn so vieles schwankte? Ernüchtert, -- bar jener stürmischen Begeisterung, die mich ausziehen ließ, der Menschheit eine neue Welt zu erkämpfen, sah ich den langen, öden Weg vor mir mit all seinen kleinen Hindernissen, die im Schweiße unseres Angesichts überwunden werden sollten, und mit dem Ziel, das im Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivetät jungen Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist für die Masse der Menschen die Voraussetzung ihres Enthusiasmus und damit ihrer Stärke. Ich hatte sie verloren wie viele meiner Genossen; das lähmte uns. Oft kamen Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es aus unbewußter Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, sei es aus einer gewissen Beschränktheit ihres Denkens, den alten Glauben gegenüber der neuen Erkenntnis aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. Mein Gefühl war auf ihrer Seite, und nur zu häufig riß es mich wieder mit sich fort. Vielleicht wäre es sogar auf lange Zeit hinaus das herrschende geblieben, wenn nicht mein Mann immer wieder meinen Verstand gegen mein Herz zu Hilfe gerufen hätte. Und die Tatsachen und die Zahlen waren unerbittlich: Die Konzentration des Kapitals und die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat waren die beiden anerkannten Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. Aber der Schneckengang der Entwickelung zum Großbetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu sein schien, und die Tatsache, daß von hundert Wahlberechtigten nur achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel abgaben und mehr als die Hälfte der erwachsenen männlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie noch gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstand, bewiesen, wie weit wir noch vom Ziel entfernt waren. Eine Selbsttäuschung hierüber wäre ein Verbrechen an unserer Sache gewesen, -- das sah ich ein. Es galt, den Kinderglauben ruhig und mutig aufzugeben. Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst um die Gefährdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte die Masse der Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Führer, deren heißblütiges Temperament über alle Zweifel siegte, und all die klugen Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit blieben, weil ihre Macht von dieser Mehrheit abhing, die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; er lähmte die Agitationskraft der einen, die wie ich noch mit sich selbst zerfallen waren, er lenkte die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem unheilvollen Einfluß der Ketzer glaubten schützen zu müssen. Wenn ich in Versammlungen sprach, fühlte ich: meine Worte zündeten nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit Reinhard wieder. Er schien mir sehr gealtert. Wir sprachen über unsere Aussichten. »Wir hätten zwanzig bis dreißig Mandate erobern können,« sagte er, »wäre das ganze Getratsch von Endziel und Bewegung uns nicht in die Parade gefahren.« »Hat Bernstein etwa nicht recht?!« fragte ich. »Recht! -- Recht!« antwortete er heftig. »Natürlich hat er recht in dem, was er sagt, aber daß er es sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein Fehler, ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die wir mitten im Leben stehen, sind schon lange seiner Meinung, aber wir machen die Genossen nicht kopfscheu mit theoretischem Kram, wir handeln einfach, wie die Verhältnisse es fordern.« »So hätte er schweigen sollen?« »Keineswegs! Er hätte nach den Wahlen fünf Jahre zum Reden Zeit genug gehabt. Aber daß er uns jetzt diesen Knüppel zwischen die Beine schmeißt --« Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal in der Diskussion ein rabiater Genosse vorwarf, auch ich hätte »das Endziel in die Tasche gesteckt«, und verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen den gemeinsamen Gegner standen, mußte die Streitaxt begraben werden. Aber die Radikalen dachten anders. Es kam vor, daß Reichstagskandidaten von den eigenen Genossen wie Parteiverräter behandelt wurden. Wanda Orbin vor allem, die immer wieder erklärte, daß die Reinheit der Partei ihr höher stünde als ihre numerische Stärke, wurde zur fanatischen Gegnerin aller derer, die sich nicht unverbrüchlich auf die alten Dogmen einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen auf ihrer Seite, -- die Frauen, die nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern einzig und allein durch ihr Gefühl geleitet zu Sozialistinnen geworden waren. Mit jener naiven Kraft der ersten Christen, die ihr ganzes Tun und Denken auf die unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten eingerichtet hatten, hofften sie auf die baldige Erfüllung ihres Zukunftstraums. Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, -- es war in bezug auf die Zunahme der Mandate, aber noch mehr im Hinblick auf das Stimmenverhältnis weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben, -- stieg die Erbitterung gegen die »Bernsteinianer«, denen man die Schuld an diesem Ergebnis zuschob, noch mehr. Ein Symptom für die allgemeine Stimmung war der Beschluß, der nach einer stürmischen Versammlung im Feenpalast von den Berlinern gefaßt wurde. Seinem Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine Beteiligung an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein Tenor aber war eine Verurteilung der Beteiligung überhaupt. Sie erschien den Radikalen als ein bedenkliches Hinneigen zu revisionistischen Ideen. * * * * * In dem Kreise der Genossinnen äußerte sich das gegenseitige Mißtrauen weniger im Streit um Meinungen, als in persönlichen Reibereien. War ich schon während meiner Tätigkeit in der bürgerlichen Frauenbewegung zu der Überzeugung gelangt, daß diese spezifisch weibliche Art nur durch eine Zusammenarbeit mit dem Mann sich beseitigen lassen würde, so war ich jetzt entschlossen, den Einfluß, den ich noch besaß, nach dieser Richtung geltend zu machen. »Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter auf das Programm geschrieben, wir müssen sie also zu allererst in der eigenen Partei durchführen,« erklärte ich, und selbst die Feindseligsten waren in diesem Gedanken mit mir einig. »Bei den Genossen aber werden Sie damit schön abblitzen!« meinte Martha Bartels. »Bei denen heißt's noch immer, wenn unsereins den Mund auftut: Kusch dich! zu Hause -- wie in der Bewegung,« sagte eine andere langjährige Parteigenossin. »Sie wissen, wie wir voriges Jahr behandelt worden sind, --« fügte die dicke Frau Wengs hinzu, »als wir auch nur eine Einzigste von uns in den allgemeinen Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten aufgestellt haben. 'Wascht man eure dreckige Wäsche alleene --,' sagten uns die Vertrauensleute.« »So müssen wir eben immer wiederkommen,« entgegnete ich, »Na -- für die schönen Augen von Genossin Brandt tun sie's am Ende,« höhnte Martha Bartels. Schließlich beschloß man, noch einen Versuch zu machen, und es gelang auf einer der Parteiversammlungen, zunächst meine Delegation zum Parteitag der Provinz Brandenburg durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen über diesen Erfolg war die der Kinder, wenn sie ein neues Spiel beginnen: auf eine Zeitlang war jeder Streit vergessen. * * * * * Am Vorabend der Provinzialkonferenz veröffentlichte die Presse eine neue Rede des Kaisers, die er im Kurhause von Öynhausen gehalten hatte: »Das Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern noch in diesem Jahre zugehen, worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der willig ist, seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhindern sucht, oder gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll ...« Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als eine Vernichtung des Koalitionsrechts, das war eine Kriegserklärung an das Proletariat, für die es nur eine Antwort gab: einmütiges Zusammenhalten. In der Sitzung am nächsten Morgen brachte ich eine Protestresolution ein, die zur einstimmigen Annahme gelangte, und unter dem Eindruck der kaiserlichen Drohung verlief die Tagung ohne einen Mißklang. Martha Bartels schüttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten nicht, die gute Frau Wengs lachte über das ganze runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf die Schulter und versicherte: »Nun haben Sie uns aber alle miteinander auf Ihrer Seite.« Zwei Tage später erfuhr ich, daß einer der berliner Wahlkreise bereit sei, mich zum nächsten Parteitag zu delegieren. »Du bist leicht zu befriedigen!« sagte mein Mann mit einem leise spöttischen Ton in der Stimme, als er meine Freude sah. »Es ist doch ein Anfang,« antwortete ich. »Oder meinst du, ich wäre in die Partei gekommen, um ewig Rekrut zu bleiben?« »Gewiß nicht,« lachte er, »ich kenne doch meinen ehrgeizigen Schatz!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. War es Ehrgeiz, der mich beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte Wunsch nach einem Wirkungskreis für meine Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer, das ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verließ, als daß ich es dauernd für überflüssige Nichtigkeiten hätte bringen können. Jetzt war ich im Aufstieg, und weil ich es war, hatte ich die Sympathie der anderen für mich; es galt nunmehr, beides festzuhalten. * * * * * In der Versammlung, die über die Parteitagsdelegationen endgültig zu entscheiden hatte, herrschte von Anfang an Gewitterschwüle. Die schroffsten Gegner saßen einander gegenüber, und bei jedem Punkt der Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines schien von vornherein klar: die Masse der radikalen Berliner erwartete vom nächsten Parteitag eine Abrechnung mit den revisionistischen Elementen in der Partei, ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung zu nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf ihrer Seite stand. Man forderte schließlich, daß sämtliche Delegierte sich auf die Feenpalastresolution verpflichten sollten. Während ringsumher alles durcheinander schrie und tobte, wurden die zur Delegation Vorgeschlagenen aufgerufen. »Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres Beschlusses?« Überrascht fuhr ich auf, -- ich hatte nicht erwartet, als Erste gefragt zu werden, -- ich versuchte mir im Moment die Situation zu vergegenwärtigen. »So antworten Sie doch!« rief ungeduldig die Stimme des Vorsitzenden. Die Genossinnen umringten mich: »Sie werden uns doch nicht im Stiche lassen,« flüsterte Frau Wiemer von der einen Seite, -- »wir haben ja nur für Berlin die Beteiligung abgelehnt,« zischte mir Martha Bartels von der anderen ins Ohr. Und ein leises »Ja« kam zögernd von meinen Lippen. Gleich darauf hörte ich Reinhards Namen nennen, und im selben Augenblick seine Antwort: ein scharfes »Nein«. Ich wurde gewählt -- er nicht. Glückwünschend umringten mich die Genossinnen. Aber jedes Wort, das sie sagten, ließ mich dunkler erröten. Am Ausgang traf ich Reinhard. »Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet,« sagte er. »Sie kannten doch den tieferen Sinn der Resolution.« Ich schlich nach Hause, müde, schuldbewußt. Noch in der Nacht schrieb ich eine Erklärung für den »Vorwärts«, und legte mein Mandat in die Hände meiner Wähler zurück ... Die Frauen hätten mich am liebsten gesteinigt, die Männer lachten mich aus. Ich schwieg. Womit hätte ich mich verteidigen können? Achtes Kapitel »Ottoo -- addaa,« rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er saß auf meinen Knieen im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts und links, als ob er in seiner Freude alles grüßen müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn fauchte heut wie ein vergnügter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne fuhr. Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden Grashalm an und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit einem jauchzenden »Da -- da!« den Vögeln zu, die von Zweig zu Zweig hüpften. Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte runde goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine blaue Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein gelber Schmetterling tanzte über ihnen, -- es war eine große Sommer-Festvorstellung für mein Kind. Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter Künstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens in der Hand, das seinen Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach. »Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. »Nein! Unter die schwarzen Kiefern paßt nur ein graues.« Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen. »Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand an der Türe, die Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein großer, überschlanker Mann. Errötend stellte sie ihn vor: »Professor Erdmann!« Sie hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern am Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine Rolle zu spielen begann, und Messel begrüßte ihn wie einen lieben Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: »Wir dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. »Ich find' es viel hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lächeln an, das auf ein tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm, seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander die sonnige Straße hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang. * * * * * »Ottoo -- addaa,« klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir heimwärts fuhren. Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach rechts und links; krampfhaft umspannten sie einen Büschel grünes Gras, und unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der sich gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine schillernden Flügel aus und flog mit surrendem Geräusch davon; entsetzt starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen -- ein sehnsüchtig-schluchzendes »adda -- adda« kam von dem zuckenden Mündchen, und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lächelte über den wilden Schmerz um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um den Verlust ihrer Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die Arme. * * * * * Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine Schwester. Sie wollte mich allein sprechen. Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mühsam hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten mir genug. »Und die Eltern?« fragte ich. »Sie wissen von nichts,« stotterte sie und sah ganz verängstigt drein. Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen? »Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, --« sagte ich, und mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie. Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie schutzbedürftig vor mir stand. Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen seine Erscheinung vergessen. »Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, --« fügte er lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.« »Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem Vater, gefallen müssen,« meinte ich. »Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der härtere erwiesen,« entgegnete er. »Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!« »Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf mich, -- nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können? »Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« -- ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, -- »wir Künstler brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.« Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklären, damit sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim. Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn mit dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und herführen; aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein unbändiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glühte der Haß gegen den, der sie meistern wollte. Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige Grenze zu finden wissen? Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann sich ihr eröffnet hatte. Sie kam zu mir und kämpfte mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die Eurem Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« »Dafür wirst du nachher um so mehr Ruhe haben,« suchte ich sie zu beruhigen. Ihre schmalen Lippen kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf der Zunge, aber sie sprach es nicht aus. Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. »Denk' nur, er gefällt Papa!« erzählte mir Ilse ganz glücklich, und die Mutter lebte wieder auf. Daß der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war, beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; wie oft hatte nicht die Mutter vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der Rücken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals genötigt worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu häufig die Schularbeiten gemacht, damit das Köpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu müde wurde! Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« und daneben von der Mutter Hand: »Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er mußte doppelt gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, -- ob ein verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermöchte? Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein Kind. Er hatte immer die Taschen voll für den Kleinen; war das Wetter schlecht, so ließ er ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ er mich grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen Brief von mir nicht zurückweisen! An einem blauen Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um den Hals, als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe Weise brachte er die Antwort mit zurück: »... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das andere lacht nicht. Ich muß mich selbst überwinden. Wenn man das Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen muß, das gibt an keiner Stelle Ruhe. Daß Du mich verstanden hast, erfreut mich und macht mich dankbar. Dein alter Vater.« Meine Schwester strahlte vor Glück. Mit jener geistigen Beweglichkeit, die ihr von jeher eigen gewesen war, ging sie vollkommen auf im Künstlertum ihres Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Händen ein lebendiges Werk werden sollte. Selbst ihre Kleidung richtete sie nach seinem Geschmack; sie war eine der ersten, die jene malerischen Gewänder trug, wie sie aus den Köpfen der jungen Vorkämpfer des aufblühenden Kunstgewerbes hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen aus hygienischen, von den Malern aus künstlerischen Gründen geschaffen wurden. Jedes Stück ihrer künftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen Erdmanns angefertigt. »Oskars Stil entspricht so vollkommen meinem ästhetischen Empfinden,« sagte sie, und ihr Blick flog ein wenig hochmütig über unsere Möbel hinweg, »daß ich in einer anderen Umgebung nicht leben könnte.« Sie hatten nahe dem Kurfürstendamm eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns Angaben umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der Mutter zu uns, so drehte sich das Gespräch um die Zukunftspläne mit all ihren reizvollen Details. Meine eigenen, die mich so glücklich gemacht, so ganz gefangen hatten, traten dabei zurück. »Du willst uns wohl mit eurem Haus überraschen, daß du so wenig davon erzählst,« meinte die Mutter einmal und ich nickte dazu. Die Gründe, warum ich schwieg, waren freilich anderer Art. Das Haus, das inzwischen immer stattlicher aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle neuer drückender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer naiven Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens vorher nicht berechnet, daß doch auch während des Baues Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget auf das Schwerste belasten mußten. Ich wußte oft nicht ein noch aus; dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhältnissen litt, und zwar um so mehr, je mehr er empfand, daß ich von ihnen betroffen wurde. Machte ich einmal irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr er sich mit der Hand nervös durch das weiche, wellige Haar und sagte mit einem gequälten Ausdruck in den Zügen: »Kümmere dich doch nicht darum! Überlasse mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem Wege räumen.« * * * * * Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien zurück. Ich fürchtete mich schon davor, denn noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem Egoismus zu erzählen, was alles bei ihrer Mutter besser und schöner gewesen war. Hörte es Heinrich, so schalt er sie, weil er sah, daß es mich kränkte, und eine bleischwere Stimmung herrschte um unseren Tisch. Diesmal stürmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; -- so freuen sie sich doch, nach Hause zu kommen, dachte ich. Wolfgang, der Leichtfüßigere, kam zuerst. Kaum ließ er sich Zeit, mich zu begrüßen. »Die Mutter läßt dir sagen,« rief er atemlos, »sowas dürfte nicht mehr vorkommen. Mützen hatten wir, wie sie in Österreich nur Portiers tragen, und Anzüge, über die die Bauernjungens lachten.« Ich fühlte, wie blaß ich wurde. Ich hatte sie wie immer für die Reise neu eingekleidet, um ja keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal war es mir noch schwerer geworden als sonst. Bei Tisch fing auch Hans, der stets zurückhaltender war, zu erzählen an. »Warmes Abendessen ist viel gesünder, meint die Mutter,« sagte er, »und es schmeckt auch besser als immer bloß Wurst.« Ich war so überreizt, daß ich mit den Tränen kämpfte, und als am nächsten Morgen auch noch ein Brief aus Wien kam, in dem mir die Mutter der Kinder über meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. Konnte ich die Kinder denn überhaupt erziehen, wo ich ständig fürchtete, von ihnen als die böse Stiefmutter angesehen zu werden und damit jeden Einfluß zu verlieren?! Konnte ich sie strafen, wo ich wußte, daß sie sich bei der eigenen Mutter darüber beklagen würden?! Ich zeigte Heinrich den Brief und schüttete ihm, nicht ohne mich selbst all meiner versäumten Pflichten anzuklagen, mein Herz aus. »Und das alles sagst du mir erst jetzt?« rief er. »All den Kummer schleppst du mit dir herum und sprichst dich nicht aus?« Er schlang den Arm um mich und küßte mir die Tränen aus den Augen. »Hier muß gründlich Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...« »Vor allem um der Kinder willen, Heinz,« unterbrach ich ihn; »so gut geartet, wie sie sind, -- schließlich müssen sie Schaden leiden.« Wir berieten, was zu tun sei. In früheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, ihre Söhne bei sich zu behalten, aber immer wieder hatte Heinrich sie zurückgefordert. »Wie konntest du?!« sagte ich leisem Vorwurf. »Kinder gehören zur Mutter!« »Ich war sehr einsam, sehr liebebedürftig; ich hatte im Scheidungsprozeß mit Nägeln und Zähnen um die Kinder gekämpft,« antwortete er. »Jetzt aber ist die arme Frau viel einsamer als du, --« »-- sie zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,« entgegnete er hart, »sie war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche ließ! Jetzt darf nur die Rücksicht auf dich und auf das Wohl der beiden Buben den Ausschlag geben.« In der Nacht nach unserem Gespräch warf sich Heinrich im Bett schlaflos hin und her; im ersten Morgengrauen stand er leise auf, und ich hörte, wie er im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich hätte doch nichts sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er sah müde und vergrämt aus, als er wieder zu mir hereinkam. »Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,« sagte er. »Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, -- ich sehe vielleicht nur zu schwarz,« warf ich ein. Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, sie recht lieb zu haben, seine Söhne anvertraut hatte. Er sah so finster drein! Jähe Furcht beschlich mich um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er blieb bei dem einmal gefaßten Beschluß. Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine rückhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte zwischen den Söhnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie ihr Haus betreten würden. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin, und die Korrespondenz nahm eine immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwürfe, die mich quälten, nicht mehr ertragen. Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit und fuhr mit dem Nachtzug nach Wien. Vom Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der Kinder an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. In einem Salon mit schweren Renaissancemöbeln empfing sie mich, eine schlanke, dunkle Frau mit scharf geschnittenen, fast männlichen Zügen. Sie gab mir nicht die Hand, sie zögerte offenbar, mir auch nur einen Stuhl anzubieten. »Ich komme, weil ich hoffe, daß eine mündliche Besprechung leichter zum Ziele führen wird,« begann ich. »Er schickt Sie?« Ihre Stimme hatte einen merkwürdig leblosen, kalten Ton, als käme sie weit her aus dunkler Tiefe. »Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, meine ich, werden uns verständigen, -- mit einigem guten Willen natürlich, -- denn zwischen uns steht nichts --« »Meinen Sie wirklich, daß zwischen uns nichts steht?!« Ein Blick voll Haß streifte mich. »Meine Kinder stehlen Sie mir!« »Ich?! --« Aufs Äußerste erstaunt sah ich sie an. »Ich, die ich sie Ihnen wiederbringe?!« Aber sie hörte nicht auf mich. In leidenschaftlicher Erregung kamen die Worte, sich überstürzend, von ihren Lippen: »Habe ich nicht in diesem letzten Sommer tagtäglich hören müssen: 'Die Mama erlaubt das alles, -- die Mama straft uns nicht, -- die Mama schenkt uns dies und jenes'?! Und jetzt soll ich vielleicht erleben müssen, daß meine eigenen Kinder sich fort wünschen von mir? Oder jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater es wünscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!« Ich verstand sie, -- so hatte ich auch ihr unbewußt Böses getan! »Sie wissen, mein Mann hat für das erste Jahr schon auf ein Wiedersehen verzichtet,« antwortete ich. ; - - 1 , , 2 . , 3 , ? 4 , 5 - - - - ? 6 7 . , 8 , , 9 , 10 . 11 12 . » ? « 13 , 14 . , 15 , . 16 , , 17 , ; 18 , , , 19 , - 20 , . 21 , 22 . » , , 23 , « . 24 » , , 25 , - - . « 26 27 . 28 . 29 - 30 , 31 , 32 . 33 34 » , , 35 36 ? « . » 37 , ! « 38 , , . 39 40 » , « . 41 42 » , 43 , « , » 44 45 46 ! « 47 48 : » , 49 ! « 50 . 51 . 52 53 » , , 54 , « . 55 56 » , ' ' , « 57 . 58 59 : » , - - 60 , ? ! 61 : 62 , 63 64 ; 65 , 66 , 67 - - - - « 68 69 » , , 70 , 71 . « 72 73 » ? « 74 75 » , , - - 76 ! , 77 . « 78 79 » , , « . 80 81 » - - , « 82 , » , 83 , 84 , 85 , . . . « 86 87 » , « . 88 » 89 . « 90 91 . 92 . , 93 . , 94 , - 95 . 96 97 » , , , « 98 . 99 100 » , « 101 . 102 103 , , 104 , . 105 : » ! « . 106 , 107 . » 108 ? « . » 109 ! « . » ! « . 110 111 , . , 112 , , 113 , : » 114 , 115 , ; 116 , , , 117 ? « - - 118 119 » ! 120 , , , 121 , , . 122 . « 123 124 » ; 125 : , , 126 , , 127 . « , 128 ; 129 , , 130 . 131 132 » , « , » 133 , 134 , 135 . . . « 136 137 , 138 : » 139 , 140 ? « » , « 141 . 142 143 . , 144 ? , 145 : 146 , 147 , , 148 . 149 , 150 . 151 , . , 152 , . 153 , . 154 , , 155 . 156 : , . 157 , 158 , , . 159 160 , - - . 161 , , . 162 163 * * * * * 164 165 ; 166 , , 167 . 168 169 , - - 170 , 171 , 172 - - , 173 , , 174 . , 175 , , 176 177 , . 178 , . » ' 179 , , 180 , « . » : 181 , , « 182 . » ' ' 183 ' ' , « 184 , , 185 . , ; 186 , . 187 188 , 189 190 : - . 191 192 . , 193 , , 194 , - - 195 , , . 196 , 197 . : 198 , , , , 199 . 200 . 201 . 202 203 . 204 , , , . 205 206 . 207 208 , . 209 , ! 210 , , 211 212 , , , 213 , , 214 , . , 215 , ; , 216 , . 217 218 : ' 219 , 220 , , 221 , : 222 ? , , 223 . 224 , , 225 . » , - - 226 - - , « , 227 . 228 . , 229 . , 230 . 231 232 . 233 , 234 . : , 235 , , 236 . 237 , : 238 , 239 . , 240 , 241 , . 242 243 , 244 , 245 . 246 , 247 . , 248 , , , 249 , , 250 ; , 251 , , 252 ; , , 253 , , , 254 . , 255 , , 256 . , : 257 ; 258 , , 259 , . 260 261 , , 262 . 263 . , , 264 , 265 : , 266 , . 267 268 . 269 , , 270 . 271 » , 272 , « , 273 ; 274 » , , 275 , , 276 . « 277 278 , 279 . : » 280 , , 281 ! « 282 , . 283 , 284 : . 285 , , 286 , , 287 . 288 . . 289 , , 290 - , 291 - - , 292 ! 293 294 * * * * * 295 296 . 297 . 298 , ! 299 , , 300 . 301 , 302 . , 303 - : » « . 304 . , 305 , . 306 , 307 . 308 » , 309 ! « . 310 311 » ? « , 312 . 313 : » , - - 314 ? ! « . 315 , , 316 , ; 317 , , ; 318 : 319 , , , 320 , , 321 : , , 322 . 323 324 , , 325 , 326 , 327 . 328 : , 329 , , , 330 . 331 332 » , « . » 333 . 334 , 335 . 336 : 337 ! « 338 339 * * * * * 340 341 , 342 , : 343 , 344 , , , 345 . 346 . 347 . 348 . 349 , . 350 , , 351 . 352 353 , 354 , 355 , 356 , 357 358 . 359 360 . 361 . 362 » « , 363 » « , 364 . 365 , 366 , 367 . 368 , , 369 , . 370 , , 371 , 372 , , - - 373 374 , - - 375 , 376 . , 377 , 378 379 . , 380 , , - - 381 382 » 383 « , 384 , - - 385 . , - 386 , 387 , 388 , 389 . 390 391 : 392 393 394 , , . 395 , , 396 , 397 , 398 . 399 400 , . 401 , 402 , 403 . 404 405 406 , . , 407 , 408 , . 409 , , ; 410 , 411 . 412 . » « 413 , 414 , , 415 , 416 , . 417 418 , : 419 , 420 . 421 422 : 423 424 , 425 , - - , 426 ? ! 427 , , , 428 , 429 ? , 430 , , 431 , . 432 , , . 433 , . 434 435 , , 436 : 437 . 438 439 , 440 441 , . 442 . , 443 , 444 : 445 , 446 , 447 » 448 , « , - - 449 , 450 451 . 452 453 - 454 . 455 , 456 , . 457 , 458 459 , 460 , 461 . 462 463 ; 464 465 . 466 , , 467 - - - - , 468 . 469 , 470 , , 471 , 472 , , 473 . 474 475 , 476 , 477 478 , 479 . 480 , 481 . 482 , , 483 , . 484 , - - , - - . 485 486 487 . 488 , , 489 . , , 490 ? , - - , 491 , , 492 , , 493 , 494 , . 495 , , 496 . 497 ; . 498 , , , 499 , 500 , 501 . 502 , 503 . 504 , 505 . 506 : 507 508 . 509 , 510 , , 511 512 513 , , , 514 . 515 , - - . , 516 . 517 518 , 519 , 520 , , 521 , 522 , , 523 , . 524 ; 525 , 526 , , 527 . 528 529 , : 530 . . 531 . . » 532 , « , » 533 534 . « 535 536 » ? ! « . 537 538 » ! - - ! « . » , 539 , , , 540 , . , 541 , , 542 , , 543 . « 544 545 » ? « 546 547 » ! 548 . 549 - - « 550 551 , 552 , » 553 « , . 554 , . 555 . , 556 . 557 , , 558 , 559 , 560 . , - - 561 , , 562 563 . , 564 565 , 566 . 567 568 , - - 569 , 570 , - - 571 » « , 572 , . 573 574 , 575 576 . 577 , 578 . 579 . 580 581 * * * * * 582 583 584 , . 585 586 , 587 , 588 , , , 589 . 590 591 » 592 , 593 , « , 594 . » 595 ! « . » ' , 596 : ! - - 597 , « . » , 598 , - - « 599 , » 600 601 . 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