an mich, »Reinhard und ich bereiten eine Enquete vor. Man muß die
Öffentlichkeit immer wieder mit der Nase auf die Dinge stoßen. Berlepsch
ist abgesägt, die Konfektionäre haben ihr Wort gebrochen, ohne daß ein
Hahn darnach krähte, jetzt gilt's wieder Spektakel machen, sonst ist's
ganz und gar aus mit der Sozialreform.« Ich sicherte ihm freudig meine
Hilfe zu. Und mit jener nervösen Unruhe, die stets das Zeichen geistiger
Überreiztheit ist, schnitt er in der nächsten halben Stunde ein Dutzend
anderer Gesprächsthemen an, um schließlich von seinem Bruder bei der
Frage des Vorwärtskonflikts festgehalten zu werden, der gerade die
Gemüter in der Partei erhitzte und die Gegner sehr beschäftigte, die
überall hoffnungsvoll Unfrieden witterten.
»Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,« erklärte Heinrich
kategorisch. »Zuerst in der Ironisierung der Quarckschen Vorschläge und
dann in der unwürdigen Behandlung des alten Liebknecht.« »Was verstehst
du davon?« brummte Adolf.
»Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel wie du. Und
Quarcks Vorschläge liefen darauf hinaus, den Gewerkschaften eine
intensivere Beschäftigung mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu
legen. Darin hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig
begonnene Streiks.«
»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen Kongresse
pfeifen, und die Folge wäre nur eine Verwischung des Klassencharakters
der Bewegung« -- Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede
Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen;
-- »selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem stärkt, weil
er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher
Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft --, ich möchte sehen,
was du tätest, wenn du mit ihm in der Redaktion säßest!« -- »Mich zanken
-- höchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt
den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens habe ich noch was
für dich, Schwägerin,« sagte Adolf und begann seine sämtlichen mit
Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich
der Zeitungsausschnitt, den er suchte.
Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts -- cherchez la femme! Wir
erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklärung über
die tieferen Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen ihren
Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Fräulein Alix von
Kleve, heiratete kürzlich Dr. Brandt, einen der Vorwärtsredakteure. Ihr
brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei
in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige anzettelte. Eine
Dynastie Brandt dürfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablösen.«
»Verlogenes Pack!« knirschte Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,«
sagte er zu ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung --« »Und wir
gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.«
Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch dringend, den Besuch
zu unterlassen. Der Alte kümmert sich freilich um keinerlei Geklatsch,
aber Frau Natalie erzählt in allen Parteikaffeekränzchen
Räubergeschichten über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört
haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo.« »Leo?!«
wiederholte Heinrich überrascht. So hieß jener Freund, auf dessen
enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht
hatte. »Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der es hören oder
nicht hören will, zählt er haarklein deine Sünden auf: daß du Rosalie
gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier -- na, sagen wir:
ungestört zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht geschont,
sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhörliche Quälerei
erpreßt hättest und sie, kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling
aus dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. Einer seiner
besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehört
zu haben!
Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz sah ich Frau
Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in
einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum
Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir nichts draus, Schatz. Es
ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als daß es dich verletzen
könnte.« -- »Und dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß
sich die Lippen und schwieg.
Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche Begegnungen: Kein
Zweifel, meine alten Gefährtinnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung
wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem
Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von
den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongreß, den einzuberufen
ich im Frühjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner
Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir das Referat über die
Arbeiterinnenfrage fort genommen hätte, das mir seit Monaten übertragen
worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern.
Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir glaubten nicht, daß Sie
noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so können wir Sie
natürlich nicht hindern.«
Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne
Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein
Glückwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine
Höflichkeit gewesen; ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie
Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger war ich
überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hieß. Vor
Rührung und Dankbarkeit wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn
ich in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert hatte, --
von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: »Nun sind Sie
ganz die unsere« kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner
Menschlichkeit willen.
Ich beklagte mich über die Behandlung durch die vielen anderen, --
selbst durch Parteigenossen. »Sie wundern sich noch, daß Ihre Geschichte
so viel Staub aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere
männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie läßt man
sich allerlei bieten, aber in der Praxis -- nein, das geht doch nicht!
Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie
kämpfen müssen --«
»So laß doch, August, -- das erzählt man doch nicht!« wehrte Frau Julie
errötend ab, während ich ihr dankbar die mütterlich-weiche Hand drückte.
»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, Brandts sind orientiert,
als daß sie täglich aufs neue unangenehm überrascht werden.«
»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« fragte Heinrich.
»Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon herumgestritten, so
daß er mich schließlich fragte, ob ich ihn für einen Philister hielte,
was ich bejahte. Daß Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift,
war bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. Bei den Frauen
müssen Sie sowieso darauf gefaßt sein, daß sie von einem wahren horror
ergriffen sind. Im Mittelalter hätten sie Sie als Hexe verbrannt, heute
werden Sie von hundert Mäulern begeifert und auf hundert Federn
gespießt.«
»Und da läßt sich gar nichts machen?« Meinem Mann schwollen die Adern
an den Schläfen. »Warten Sie's ab, daß ist der einzige Rat, den ich
geben kann. In vier Wochen stürzen sich die Raubtiere auf irgendeinen
anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, fliegen zu wollen.«
Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzählte freimütig, was wir
durchgemacht hatten. »Arme, junge Frau -- arme junge Frau,« wiederholte
sie immer wieder und streichelte mir die Wange.
»Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie ist,« sagte er -- »Sie
müßten statt dessen in Drachenblut baden! Aber eins wird Sie trösten:
die Arbeit in der Partei. Damit werden Sie schließlich auch die bösesten
Zungen zum Schweigen bringen.«
Wir schieden wie Freunde. Ich fühlte mich neu gekräftigt und voll
Hoffnung. Als wir ein paar Tage später zu Bebels geladen wurden, sah ich
diesem Ereignis mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft
freier Geister, die die höchsten Ideale der Menschheit vertreten --
meine Sehnsucht, seit ich denken konnte --, würde sich bei ihnen
zusammenfinden: unsere Gefährten auf dem Weg in die Zukunft.
Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend über
die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jählings, sobald die Türe
vor uns aufging. Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich
unwillkürlich. Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. Auf dem
Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. Neben mir saß eine
große, dicke Dame, die sich nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng
geschnürt war. Sie war selbstbewußt wie anerkannte Schönheiten, warf
ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte mich sehr gnädig.
Ein Herr mit einem schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel
glänzte, rückte ihr mit seinem Stuhl immer näher und schlug sich bei
jedem Witz, den er erzählte, schallend auf die Schenkel. Er versuchte,
auch mich ins Gespräch zu ziehen. »Sie sind ja, Gott Lob, auch eine
vorurteilslose Frau,« sagte er und zwinkerte vertraulich mit den Augen.
Ich wandte mich ostentativ zur anderen Seite den Damen zu, die Frau
Bebel an den Tisch führte. Aber die Unterhaltung blieb an den
oberflächlichsten Phrasen kleben. Dazwischen hörte ich mit halbem Ohr
das Gespräch der beiden neben mir. Seine Witze wurden immer eindeutiger,
in irgend einer Friedrichsstraßen-Bar mochte er sie nicht anders
erzählen. Endlich ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben Bebel.
Man sprach über die lieben Mitmenschen genau wie bei den »sauren Möpsen«
schrecklichen Angedenkens, die ich in den verschiedenen Garnisonen
meines Vaters hatte mitmachen müssen, und an Stelle von Regiments- und
Manövergeschichten über interne Parteiaffären. Da ich nichts von ihnen
verstand, konnte ich die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen
waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung machte,
kicherten sie unaufhörlich. Die Hausfrau ging von einem zum anderen, um
zum Essen zu nötigen. Ich fing an, mich zu amüsieren, -- nicht mit den
Gästen, sondern über sie, -- und schämte mich doch wieder, daß meine
Beobachtung so kleinlich an lauter Äußerlichkeiten kleben blieb. Ich
wußte doch von vorn herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas
wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte ich mir doch wohl
vorgestellt.
Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, um meines
Nachbarn Ansicht über den bevorstehenden Frauenkongreß einzuholen. Eine
Notiz in Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. »Die
Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum Kongreß abzulehnen,«
hieß es darin.
»Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, ohne Rücksicht darauf,
wie Frau Wanda sich stellt,« sagte Bebel und warf mit einer lebhaften
Bewegung die widerspenstigen Haare aus der Stirn. »Ich befinde mich mit
ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten Taktik und der
oft recht gehässigen Art, mit der sie die bürgerliche Frauenbewegung
bekämpft. Sie käme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel
weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie über die Resolutionen
schrieb, die hier in vier großen Versammlungen zwischen der zweiten und
dritten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?«
Ich nickte: »Mich hat überhaupt gewundert, daß von seiten der
sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. Das Bürgerliche Gesetzbuch
hätte zu einer großen Protestbewegung Anlaß genug gegeben!«
»Sicherlich!« bekräftigte er, »und statt den gegebenen Anlaß zu
benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschluß an den Protest der bürgerlichen
Damen ab --, nicht etwa wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem,
was nicht darin steht! Mich amüsiert der Vorgang besonders deshalb, weil
ich selbst den Resolutionen, die Frau Vanselow mir schickte, ihre letzte
Form gegeben habe.«
»Sie scheinen mir mehr von der bürgerlichen Frauenbewegung zu halten,
als ich, die ich aus ihr hervorging,« meinte ich lächelnd.
»Die Distanz verändert immer das Urteil,« antwortete er. »Ich mache mir
aber keinerlei Illusionen, finde nur, daß es taktisch richtiger gewesen
wäre, die Empörung der bürgerlichen Damen über die Haltung des
Reichstags für uns auszunutzen, als sie so plump, wie Frau Wanda es tat,
vor den Kopf zu stoßen. Die Frauen haben tatsächliche Fortschritte
gemacht und sind mit ihren männlichen Parteigenossen, den Liberalen,
nicht in einen Topf zu werfen.«
Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das sie seit dem
Konfektionsarbeiterstreik für die Arbeiterinnenfrage an den Tag legten.
»Auch auf dem Kongreß wird sie im Verhältnis zu früheren Zeiten einen
breiten Raum einnehmen.«
»Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift --, das werden Sie sich
hoffentlich nicht verhehlen,« warf er ein. »Im übrigen ist das natürlich
die schwächste Seite der Damen und wird es bleiben. Sie können ihnen ja
darüber tüchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme der christlich-sozialen
Frauen jüngerer Richtung verstehen sie nicht einen Deut von ihr.«
Christlich-sozial, -- das war das Stichwort zur Verallgemeinerung des
Gesprächs. Göhre hatte eben sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante
eine Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die sich um ihn
gebildet hatte, von der Stöckerpartei, war eine schon fast vollendete
Tatsache. Man stritt mit steigender Lebhaftigkeit über ihre Ansichten,
über die Bedeutung, die sie für die Sozialdemokratie haben könne.
»Nichts als ein Unterschlupf für die Möchtegern- und
Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit den Jahren nach
rechts abschwenken,« sagte der mit dem schwarzen Bart und zog ihn
schmeichelnd durch kranke, blutleere Finger »Es wird unsere Sache sein,
ihnen die Entwicklung zu uns zu ermöglichen,« hörte ich Heinrichs
Stimme. »Sie sind immer ein Ideologe gewesen, lieber Brandt,« antwortete
ihm eine andere, »sollten wir uns um eine Handvoll Intellektueller die
Beine ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren sind?!«
»Gerade um die Millionen zu gewinnen, brauchen wir eine solche
Handvoll --,« entgegnete Heinrich.
»Dafür lassen Sie nur ruhig die Verhältnisse sorgen,« sagte Bebel
lebhaft, »sie werden uns schneller, als ihr alle glaubt, die Massen
zutreiben. Noch ein paar Jahre Flottenrummel, einige Reden von S. M..«
»Und wir werden glücklich ein Dutzend Mandate mehr haben --, oder meinst
du wirklich, wir sprängen dann schon mit beiden Beinen in den
Zukunftsstaat?!« Der mit gutmütigem Spott gesprochen und bisher fast
immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine rasch entzündliche
Begeisterung, die Bebels Worte ganz anders ergänzte, wirkten die seinen
wie ein kalter Wasserstrahl. Anderen schien es ähnlich zu gehen, das
Gespräch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand auf. Nach ein
paar Höflichkeitsphrasen wurde der weibliche Teil der Gesellschaft in
das Wohnzimmer genötigt; die Herren rückten mit ihren Zigarren um den
Eßtisch zusammen, und durch die Tür klang ihre laute Unterhaltung. Bei
uns drinnen sprach man von Fleischpreisen und Kochrezepten; keine der
anwesenden Frauen schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle
zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden nicht berührt. Nur
die große, dicke Frau, deren Schönheit und Geist mir inzwischen
irgendwer gepriesen hatte, stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade
vor mich hin und fragte: »Wie denken Sie über Ibsen?« Die anderen
richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund schienen sie über mich
zu tuscheln, und ich fühlte ihre Blicke, die musternd auf mir ruhten.
Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft machen. »Das sind ja alles
Philister --,« brach ich los, »vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin hätte
ich nichts anderes erwartet.« Heinrich lachte.
»Glaubst du, die politischen Ideale könnten aus ihren Vertretern
gewandte Salonhelden machen?«
»Das nicht. Aber freiere Menschen.«
»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut
und läßt sich nicht auf einmal abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der
Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.«
* * * * *
Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung
der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschläge Dr.
Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstraße
fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und
süßlichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein
paar verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen
Todeskampf führten, ging es in die große, hölzerne Veranda, deren
spärliche Gasflammen die dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten.
Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten
vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, die
Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen
unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber
während Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe
schob und meinen Gruß frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer
freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die Bartels
gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den Moralkoller, wie alle alten
Jungfern.« Mühsam drängte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch
die Reihen, um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen noch
persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns dazu, weil Sie nun
ganz Genossin sind.«
Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, die mir die
Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, wandte er sich gegen die
Vorschläge Quarcks. Erst allmählich hörte ich das Leitmotiv aus seiner
Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung
sozialpolitischer Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen
Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, die sich
bisher allein damit beschäftigt haben -- »den Bedürfnissen und
Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollständig entsprechend« --,
Sonderorganisationen gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher
Sozialreformer einzudringen imstande sein würde. Die folgende
Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.
Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine
Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. »Ein Mensch, der in
seiner bürgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, -- lauter
alte erprobte Gewerkschafter, -- auf neue Wege führen,« sagte der eine
unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll er, wie jeder Arbeiter
auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreißt.« -- »Eine
Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts
als jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch
gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit seiner bescheidenen
Parteistellung nicht zufrieden ist, dann hätte er lieber gleich sagen
sollen: für einen so großen Mann wie mich muß eine Extrawurst
gebraten werden, statt seine Wünsche hinter die Forderung eines
Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken,« meinte ein dritter Redner,
dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die
Debatte über persönliche Gehässigkeiten hinaus, so stand auf der einen
Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer
den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die
Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den
internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige
Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren
Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der
Partei leise herausklang, und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf
die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften.
Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, daß unsere Vereinsgesetzgebung den
Gewerkschaften aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick
drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich machen könnte. Keiner
ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war
zu schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine Lanze zu
brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschläge
unausführbar zu finden.
Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen Männern, die so
eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich nur ein Ziel im Auge
hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann
und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.
Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden
Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes
Zureden dazu bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete
besprechen,« hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns näherte. Ida
Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren
Arm in den meinen: »Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß
Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«
Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige,
die die Motive meines Schritts hätte richtig beurteilen müssen. Sie
blieb steif und zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug,
ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des Streiks bewährt
hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« rief sie leidenschaftlich.
»Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft
vermitteln, die sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die
Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus!« Es war,
als ob ich Wanda Orbin sprechen hörte. Aber ich konnte nicht anders, als
ihr recht geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die
andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem
gereizten Ton in der Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite -- nach
allem, was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu staunen, war
jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die Sache, -- nicht um die
Person!«
Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. War es der
Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte
Nachtluft, -- ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und
warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen an.
Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, -- und die meergrünen
Wände waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der
Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkämme aus
den Haaren --, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe
aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen Händen, von denen
wohlige Wärme mir durch den ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt
besser, mein Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner
Stimme. Ich sah ihn dankbar an --, dabei blieb mein Blick über seine
Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin
gehängt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen
gelächelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt -- in
glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs Herz --: glänzte
nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein
Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten
mir aus den Augen, -- war's möglich, daß ich vor der Erfüllung meiner
tiefsten Sehnsucht stand?!
Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte über die Erregung, mit der
ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte
nichts anderes als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht,
ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in
ein Gewiß verwandeln könnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen
quälten mich: als hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen,
eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als könnten ihre
Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. Mein Mann wurde heftig und
schalt meine Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war ich
denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine Freundin, -- oder eine
Mutter --, dachte ich oft.
Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurück. »Ich muß
Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und
kündigte ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne
Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, daß wir ihr Anerbieten,
bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten.
Zuerst würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann --, sie würde
doch fühlen müssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Händen ging
ich ihr entgegen, -- ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie
übersah sie, -- vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete
rasch und war sehr rot, -- vielleicht weil die Treppe sie überanstrengt
hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, -- und ich hatte es
ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.
»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.
»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den äußersten Rand
des großen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich
behaglich in seine Polster zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu
erfahren, das über unsere künftigen Beziehungen entscheidet --« die
ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hören.
»Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein
könnt Ihr nicht lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als das
ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe meines verletzten Gefühles
kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im
Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. »So ist eure
Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mätresse,« schrie sie mit
gellender Stimme. Ich fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen
begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.
»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand --, schonen Sie ihr
Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich
schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie
schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!«
Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett.
»Ist sie fort?!« flüsterte ich und sah angstvoll fragend auf den
Geliebten. Er nickte.
»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein paar Stunden später.
In meinem Blick muß meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie
streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte tröstend:
»Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«
* * * * *
Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz
zu kämpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft
unüberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden
werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Händen lassen, er
hätte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine
Kongreßrede vor und studierte alles, was über die Lage der Arbeiterinnen
irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte
heimlich längst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu
können, ich versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, die
ich einst zu Hause gelernt hatte.
Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. »Was, Sie können
kochen?!« lachte sie. »Ich kann, -- ja,« antwortete ich, »aber ich sehe,
daß die Ausführung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin
das Feld wieder räumen müssen --.« »Das wird für beide Teile das Beste
sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun müssen, bin aber dafür nicht als
Generalstochter aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren Worten.
»Sie werden überhaupt noch viel lernen müssen, Genossin Brandt!«
»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« antwortete ich kühl.
»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem
Kongreßprogramm --, Sie müssen ihn zurückziehen!«
Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten
gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts
einzuwenden!«
»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die
Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu
offizieller Beteiligung abzulehnen.«
»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur Zeit, als ich das
Referat übernahm, bestand dieser Beschluß noch nicht. Ich würde meinen
Rücktritt, so kurz vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um
so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich mein Thema
auf Grund meiner politischen Überzeugung behandeln werde und es für dies
Publikum sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu
lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen Frauenbewegung in die
Arme liefen -- die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die
Beamtinnen --, gehören ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur
gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen --«
Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute kommen für uns
zunächst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre
Überredungskünste« -- sie schürzte wieder spöttisch die Lippen -- »zwei
oder drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an
einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge hätte, gar nicht im
Verhältnis zu diesem minimalen Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie
stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann
dicht vor mir stehen.
»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie mit einer Art
mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind Aristokratin, -- Gründe genug, um
Ihnen mißtrauisch zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, von
der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als
einzige, -- gegen unseren Beschluß, -- an diesem einseitig
feministischen Kongreß teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht.
Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkündigen würden,
sie hören Sie nicht, -- sie sehen darin doch nichts anderes, als daß Sie
eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren
Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen
Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren
Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« Sie zögerte und sah
mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide
Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Sie
sind in die Partei eingetreten, um für sie zu wirken; wollen Sie sich
aus Rücksicht auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung
erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen? Haben die Damen das um Sie
verdient ...?« Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie
Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht grüßen
zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig erhobenem Kopf an mir
vorüberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das
Referat nicht erzwungen, -- konnte ich unter diesen Umständen daran
denken, zurückzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner Überzeugung?
»Sie mögen in allem recht haben, -- nur in der Hauptsache nicht: in
Ihrem Beschluß. Würde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum
mindesten als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm fügen wollte
wider besseres Wissen und Gewissen?!« sagte ich. Auge in Auge standen
wir uns gegenüber. Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem
Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit
einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte,
daß kein Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine sie
überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.
»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben!« rief
sie aus. »Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in
Frankfurt vor zwei Jahren seinen aufsässigen Landsleuten diente: 'Das
gehört zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, daß er sich sagt: Esel
seid ihr zwar, aber ich muß mich fügen'. Mögen Sie uns meinetwegen für
Esel halten -- der Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl ein Recht
dazu! --, wenn Sie aber zu uns gehören wollen, so haben Sie Ihre Person
der Allgemeinheit unterzuordnen.« Jetzt war die untersetzte, kleine Frau
doch die Überlegene. Ich wandte mich ab und lehnte die heiße Stirn an
die kühle Fensterscheibe; -- sie sollte nicht sehen, wie schwer es mir
wurde, mich zu unterwerfen. Aber sie folgte mir.
»Genossin Brandt --,« aus ihrer Stimme war der schrille Ton wieder
verschwunden, der an den Kasernenhof erinnerte, -- »wir haben uns alle
opfern müssen --« Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Züge waren weich
geworden. »So will ich Ihnen nicht nachstehen,« antwortete ich. In ihren
Augen leuchtete es auf wie Triumph. Mir war, als ob ihr Händedruck mich
in neue unsichtbare Fesseln schlüge.
»So, -- und nun soll Ihnen eine goldene Brücke gebaut werden,« damit zog
sie mich neben sich aufs Sofa. »Wir erlassen Ihnen den offiziellen
Rücktritt, aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur zur
Verfügung steht, zu einer Erklärung Ihres Standpunktes und überbringen
dem Kongreß unsere Einladung zu den Volksversammlungen, in denen die
Arbeiterinnenfrage in einem Umfang zur Erörterung kommen wird, der ihrer
Bedeutung allein entspricht. Sie müssen es ja selbst schon als eine
skandalöse Zumutung empfunden haben, daß man Ihnen dieselben fünfzehn
Minuten zugestand, die man so welterschütternden Fragen wie den
Volksküchen oder den Kleinkinderschulen auch gewährt hat --«. Ich
bejahte, ohne recht hinzuhören, sie sprach weiter, wie ein unaufhörlich
knarrendes Wasserrad, immer rascher, ohne Absatz. »Den ersten Vortrag in
unseren Versammlungen übernehmen Sie,« -- damit war ihr Redestrom
endlich versiegt. Wir verabschiedeten uns. An der Treppe blieb sie noch
einmal stehen: »Ich hätte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben
morgen eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es wird für sie
angenehmer sein, wenn ich Sie einführe.«
So war ich also aufgenommen -- endgültig, aber zu einer rechten Freude
darüber kam ich nicht. So sehr sich mein Nachgeben begreifen und
entschuldigen ließ, so notwendig es vielleicht in der gegebenen
Situation für mich war, ich wurde das peinliche Gefühl dabei nicht los,
einen Wortbruch begangen zu haben. Was mir zuerst wie eine Erleichterung
schien: die »goldene Brücke«, -- kam mir nun vollends wie eine Täuschung
vor. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.
* * * * *
Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand damals noch immer im
Zeichen des Köller-Kurses. Ihre Bildungsvereine waren unter den
nichtigsten Vorwänden aufgelöst worden; ihre Vorkämpferinnen mußten sich
wiederholt polizeilichen Haussuchungen unterwerfen, jede Korrespondenz
mit Gesinnungsgenossinnen, die man auffand, genügte, um sie als
staatsgefährliche Verbrecher hinter Schloß und Riegel zu setzen. An der
Frauenbewegung blieb daher der Charakter revolutionären
Geheimbündlertums, den die Partei als solche mehr und mehr abstreifte,
noch lange haften. Für die Zusammenkünfte, die notwendig waren, bedurfte
es der größten Vorsichtsmaßregeln, und nur ein kleiner Kreis
vertrauenswürdiger Frauen wurde dazu eingeladen. Die Sitzung, zu der wir
gingen, Frau Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in der
Linienstraße statt. Wir vermieden es, durch das Lokal zu gehen -- »hier
gibt's überall Spitzel,« meinte meine Gefährtin --, und bogen in den
dunkeln Torweg ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe
hinauf und standen einen Augenblick zögernd vor einer Tür, durch deren
Schlüsselloch ein schwacher Lichtschein drang. Ich bemühte mich,
hindurch zu sehen. »Drinnen ist niemand,« sagte ich, »eine Photographie
hängt an der Wand, -- ein Mann mit schwarzem Bart und weißen Locken.« --
»Marx!« rief Wanda Orbin, »so sind wir richtig.« Wir durchquerten den
fensterlosen Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und traten
in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine Petroleumlampe hing von der
geschwärzten Decke; mit einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle
Gegenstände im Zimmer, -- die schmutzigen Vorhänge, die fettigen
Zeitungen, die rotgewürfelte Tischdecke, das alte Klavier im Winkel --,
förmlich imprägniert zu sein. Und dazu hatte der frische September
draußen den Rest stickiger Sommergroßstadthitze hier hereingedrängt. Die
Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saßen, schwitzten. Ich
wurde vorgestellt. Mein verbindliches Lächeln begegnete
unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst als Wanda Orbin mit
ungewöhnlicher Wärme von mir sprach, meinen Entschluß, dem Kongreß eine
Erklärung abzugeben, statt den angekündigten Vortrag zu halten, mit
großem Nachdruck herausstrich, klärten die Mienen sich auf. Eine kleine
runde Frau, die neben mir saß, streckte mir die arbeitsharte Hand
entgegen: »Na, sehen Se mal, det is scheen von Ihnen!« sagte sie laut
mit feucht schimmernden Äuglein. »Ruhe, Genossin Wengs!« rief die
Bartels vom Tischende hinunter und trommelte mit den Fingerknöcheln auf
den Tisch. Man versuchte parlamentarisch zu verhandeln, aber es
entspannen sich immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich
das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die Kassenverhältnisse
eines der aufgelösten Vereine wurden erörtert. Da man Bücher und
Protokolle aus Angst vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu führen
pflegte und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde eilig
verbrannt worden war, so fehlte es an den nötigen Unterlagen, um zu
einem tatsächlichen Ergebnis zu gelangen. Es kam zu einer heftigen
Debatte. Die arme Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und
leise der Unredlichkeit geziehen --, sie hätte unbedingt noch vier Mark
haben müssen und behauptete schluchzend, nichts zu haben.
»Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt gemacht hab,«
heulte sie, »soll ich nu noch als Diebin dastehn. In Zukunft macht Euren
Dreck alleene!« Und hinaus war sie. Immer drückender wurde die Luft. Das
Fenster durfte nicht geöffnet werden, man hätte uns vom Hof aus hören
können. Ich erstickte fast in dieser Atmosphäre. Die anderen schienen an
sie gewöhnt zu sein, niemand beklagte sich. »Wir müssen unbedingt die
beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute noch erledigen,« erklärte
schließlich Wanda Orbin, nachdem man sich schon zwei Stunden um lauter
persönliche Dinge hin- und hergezankt hatte. »Ich bitte daher ums Wort
zur Frage des bürgerlichen Frauenkongresses.« Man schwieg, und sie fuhr
fort, indem sie nochmals den Standpunkt der Genossinnen begründete, --
mit einer Stimme und einer Ausführlichkeit, als gelte es eine
Volksversammlung zu überzeugen. Machte sie eine Pause, so gab Martha
Bartels das Signal zu allgemeinem Applaus. »Wir sind in der vorigen
Sitzung mit unserer Besprechung zu keinem Abschluß gekommen. Ich frage
die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen des
Kongresses einzugreifen, überlegt haben, und wie sie sich dazu stellen?«
Mit dieser mich nicht wenig überraschenden Frage, schloß sie ihre Rede.
Alles blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von einer zur
anderen. »Wir sind wohl alle einer Meinung,« meinte sie dann, »und
können ohne weiteres zur Abstimmung schreiten.« Ich hatte bisher mit
keinem Wort in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mißbilligend an,
als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte die Stirne. »Ich habe
der Sitzung nicht beigewohnt, in der Sie, scheint's, die Angelegenheit
schon hinreichend besprochen haben,« sagte ich, »mir fehlen daher, um zu
einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gründe. Ich möchte mir deshalb nur
die Frage erlauben, ob es nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung
am Kongreß abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion zu
beschließen?« Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur Ida Wiemer, die neben
mir saß, stieß mich unter dem Tisch heimlich an und warf mir einen
aufmunternden Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda Orbin, vom
Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, die grundsätzliche
Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung auseinander zu setzen. »Es
hieße das Prinzip des Klassenkampfes preisgeben,« sagte sie, »wenn wir
mit bürgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam unternehmen wollten,
aber es gehört zum Klassenkampf, daß wir in der Debatte ihnen
geschlossen gegenüber treten.« »Niemand hinderte uns, in selbständiger
Rede dasselbe zu tun --«, warf ich noch einmal ein. Meine Worte gingen
im allgemeinen Geschwätz, das wieder entfesselt war, verloren. Wanda
Orbin hatte alle Stimmen auf ihrer Seite, -- auch Ida Wiemer. »Wenn man
nicht mittut, wird man gehenkt --,« flüsterte sie mir sich
entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. »Wir kommen zum
nächsten Punkt der Tagesordnung: Parteitag,« sagte Martha Bartels, die
den Vorsitz führte. »Genossin Orbin hat das Wort.« »Der Parteitag in
Gotha ist für uns ganz besonders bedeutungsvoll,« begann sie; »die
Frauenagitation steht auf der Tagesordnung. Es ist infolgedessen
wünschenswert, daß viele der tätigen Genossinnen als Delegiertinnen
anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben der theoretischen
Schulung zu Worte kommt. Unsere Resolution ist Ihnen durch die
'Freiheit' bekannt; es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie
wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie nichts Neues bringt,
sondern nur das bewährte Alte zusammenfaßt. Nach anderer Richtung jedoch
drohen uns Kämpfe: es liegen Anträge vor, die die Schaffung einer
besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre Verfasser sind mit
unserer 'Freiheit' unzufrieden. Es ist notwendig, daß die Berliner
Genossinnen klipp und klar dazu Stellung nehmen.« Nun entwickelte sich
etwas wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels voran, lobten
die 'Freiheit' in allen Tönen, Frau Wiemer allein sprach mit dem Wunsch
nach etwas populäreren Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den
Frau Orbin dadurch entkräftete, daß sie erklärte, die 'Freiheit' sei
gar nicht für die Massen bestimmt, sondern nur für die Führerinnen. Man
war darnach ausnahmslos entschlossen, jede Änderung ihres Inhalts und
jeden Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als ich bemerkte,
man möge wenigstens dafür sorgen, daß, als wichtiges Mittel unserer
Agitation, die allgemeine Parteipresse der Frauenfrage einen breiten
Raum gewähre, lachte alles. »Da kennen Se unsere Männer schlecht,«
meinte die dicke Frau Wengs neben mir, »die wollen von uns rein jar
nischt wissen.« »Die mehrschten erlooben den Frauen nich, daß se in ne
Versammlung jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un Strümpe
stoppen,« rief eine andere und ein allgemeines Klagelied über die Männer
hub an; erst die energische Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder
her: »Es ist zwölf Uhr, -- wir müssen zu Ende kommen.« »Jotte doch,
schon zwölwe, un ick habe soo'n weiten Weg,« jammerte Frau Wengs und
erhob sich. Ein paar andere, die schon lange auf ihren Stühlen hin und
hergerückt waren, sprangen auf. »So bleiben Sie doch fünf Minuten,
Genossinnen,« kommandierte Martha Bartels, »wir müssen doch die
Delegiertinnen zum Parteitag noch bestimmen.« Frau Wengs ging eilig zu
ihrem Stuhl zurück, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde drückte
sich in den Mienen aller aus. Die Bartels fuhr mit erhobener Stimme
fort: »Vorgeschlagen sind Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.«
Ein eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. »Hat jemand andere
Vorschläge?!« Sie sah drohend umher. Ein Dutzend Frauen meldeten sich
auf einmal. »Immer dieselben!« -- »Laßt doch ooch andere drankommen!«
-- »Die gewerkschaftlich tätigen Genossinnen werden natürlich
übergangen --!« schrie und lärmte es durcheinander. »Ick schlage die
Jenossin Brandt vor --,« rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen
sahen mich an, -- mißtrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation rasch
erfaßt. »Ich danke der Genossin Wengs für ihre Freundlichkeit,« sagte
ich, »aber ich fühle mich noch viel zu jung in der Bewegung, als daß ich
solch einen Ehrenposten annehmen könnte.« Wanda Orbin nickte mir,
sichtlich erleichtert, zu: »Nun aber schnell zur Abstimmung, -- wir
versäumen ja noch die Pferdebahn! -- Ich denke, wir bleiben bei unseren
Vorschlägen --« Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung
geschlossen, als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter
Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen Gruppen
auseinander, -- lauter feindliche Lager, wie mir schien. Wanda Orbin
legte ihren Arm in den meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung
gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drückte mir herzlich die Hand,
als wir Abschied nahmen.
Mein Mann erwartete mich im nächsten Kaffee. »Das hat aber lange
gedauert,« meinte er. »Wenn die Bedeutung Eurer Beschlüsse der Länge der
Zeit entspricht, die Ihr darauf verwandt habt --!« Ich lachte, aber es
war nicht das Lachen glücklichen Humors, der den Ereignissen die
komische Seite abgewinnt und sich dadurch über sie erhebt. Heute würde
mich der Humor im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen
hätte. Es war alles so eng gewesen, so drückend, -- wie die schmutzige
Stube und die eingeschlossene Luft in ihr; kein großer Gesichtspunkt
war zutage getreten. »Wir Genossinnen sind immer einig,« hatte Wanda
Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich für Einigkeit halten, was nichts
war als die Beherrschung armer Frauen kraft ihres Willens und ihrer
Intelligenz? »So wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus zu
brechen,« sagte Heinrich. -- »Nachdem ich mich ihm selbst schon
unterworfen habe?!«
* * * * *
Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses hinauf. Seit vier
Tagen verhandelte der Frauenkongreß in dem festlichen Bürgersaal vor
einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, immer mehr aus
Interesse kam. Es war zwar im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei
der jede Teilnehmerin ihr Schlachtroß in raschem Galopp vorzuführen
hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die Frauen konnten reiten. Heute
war der Tag der großen Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der
Tagesordnung; man erwartete eine Schlacht zwischen den bürgerlichen
Frauen und den Proletarierinnen, und auch mir persönlich galt ein Teil
der allgemeinen Spannung, -- der Frau, deren Roman von Mund zu Mund
ging, der Renegatin. An der Türe stand Egidy, mein alter Freund. Er
drückte mir die Hand: »Ich bin erst eben nach Berlin zurückgekehrt.
Sonst wäre ich schon bei Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim
alten.« Ich lächelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den überfüllten
Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider raschelten, Stühle wurden
gerückt, Köpfe wandten sich nach mir um, man flüsterte meinen Namen.
Eine Gruppe russischer Studentinnen, an denen ich vorüber mußte,
klatschte stürmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine scharfe Stimme zur
Ruhe. Die Genossinnen begrüßten mich; die erwartungsvolle Erregung, in
der sie sich befanden, steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenüber.
Wanda Orbin nötigte mich auf den Stuhl neben sich. Ich blieb trotzdem
befangen und suchte mit den Augen meinen Mann, als müßte ich mich
wenigstens mit den Blicken an ihn klammern.
Eine Österreicherin sprach zuerst über die Ergebnisse der Wiener
Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie war eine überzeugte
Sozialdemokratin. Die fünfzehn Minuten reichten aus, um ein ergreifendes
Bild schrecklichen Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht!
Eine Engländerin folgte ihr. Sie begründete die Notwendigkeit der
gewerkschaftlichen Organisation der Frauen in wenigen scharf-umrissenen
Sätzen; in langer Rede hätte sie kaum mehr sagen können.
»Frau Alix Brandt hat das Wort«, -- tönte jetzt die heisere Stimme der
Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand auf und zwängte mich durch die
Stuhlreihen, am dichtbesetzten Tisch der Presse vorbei. »Sie wissen« --
»Scheidungsprozeß« -- »Verhältnis« -- »Unglaublich«, -- flüsterte es.
Mein Blut begann zu sieden. Ich stand auf der Tribüne; -- am
Vorstandstisch zischte jemand, aus einer Ecke des Saales klang
Beifallsgeklatsch und Getrampel. Das Zischen wurde stärker. Sekundenlang
kämpften beide Laute miteinander, -- die Vorsitzende rührte sich nicht.
Helle Empörung bemächtigte sich meiner, -- jetzt war ich bereit, ihnen
meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig,
indem ich erklärte, warum die Vertreterinnen der deutschen
Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt hätten, sich an den Arbeiten des
Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. »Für sie, die auf dem Boden
der Sozialdemokratie stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der
sozialen Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut gemeinten
Bestrebungen bürgerlicher Sozialreformer nicht lösbar. Ich selbst teile
diese Auffassung vollkommen.« Meine Stimme hob sich und wurde schärfer;
zu schneidendem Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. »Wer
vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend mit der Frauenfrage,
-- wohl gemerkt, der ganzen Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, --
beschäftigt, der muß notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.«
Stürmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall der Genossinnen
vergebens zu ersticken suchte. »Mit anderen Worten: wer es nicht tut,
ist ein Dummkopf oder ein Heuchler?!« schrie eine der Damen vom
Pressetisch zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spöttischer
Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen meinen Worten klingen
sollte. Die Unruhe wuchs, ich mußte lauter sprechen, um durchzudringen.
»Die Wertschätzung und das Verständnis der bürgerlichen Frauenbewegung
für die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts deutlicher charakterisiert,
als durch die Tatsache, daß man mir zu einem Vortrag über sie, die die
größte Masse des weiblichen Geschlechts umschließt, und die entrechtete
und unglücklichste, dieselben fünfzehn Minuten gewährt hat, wie etwa der
Damenfrage der Mädchengymnasien. Ich verzichte daher auf meinen
Vortrag...«
Die Zuhörer schrieen und tobten, ein paar Männer sprangen auf die
Stühle und drohten mir mit erhobenen Armen, in größter Erregung schwang
die Vorsitzende unaufhörlich die Glocke, deren wimmerndes Klagegeheul
die Melodie zu der Begleitung brüllender Stimmen zu sein schien. Endlich
verschaffte ich mir wieder Gehör:
»In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen worden sind, soll
den Teilnehmerinnen des Kongresses Gelegenheit geboten werden, die
Arbeiterinnenbewegung kennen zu lernen. Nicht als ob wir des frommen
Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen für uns gewinnen zu können. Zu
tief eingewurzelt ist der jahrhundertelang genährte Klassenegoismus, zu
einschneidend in das Leben und Denken gerade der abhängigen Frau sind
die Interessen ihrer Klasse, als daß sie sich so leicht davon losreißen
könnte. Aber vielleicht wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, daß es
ein größeres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten,
berufslosen Töchter Ihrer Stände; daß außerhalb Ihrer Kreise ein Kampf
gekämpft wird, der ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; daß
der Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung nur dort zu
finden ist, wo Männer und Frauen ihre vereinten Kräfte für das eine
große Ziel einsetzen: Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und
moralischer Knechtschaft ...«
Ich stieg vom Podium. Es war ein Spießrutenlaufen. Die eleganten Frauen
Berlins, die in ihren schönen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt
hielten, hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie
zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weißbehandschuhte Fäuste
erhoben sich in bedrohlicher Nähe. Aber schon war Heinrich neben mir und
reichte mir den Arm. Ein paar Schritte weiter umringten mich die
Genossinnen, Wanda Orbin schloß mich stürmisch in die Arme.
Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten Damen um den
jüngsten Philosophen Berlins geschart; er war ein Freund meines Mannes.
»Sie haben Gift gespritzt,« schrie er mir zu. Mit einem Blick voll Zorn
und Verachtung maß ihn Heinrich. Den nächsten Augenblick trat mir Egidy
entgegen. »Sie haben sich schwer versündigt,« sagte er, seine blauen
Augen funkelten zornig.
An der Türe zögerte ich. Mir war, als müßte ich noch einmal rückwärts
sehen, über die Menge hinweg in den festlich glänzenden Saal: Von der
Decke herab flutete das Licht in Strahlenbündeln; es schimmerte weich
auf weißen Marmorfiguren, es zauberte lebendige blutdurchflossene Adern
in die Säulen von rotem Granit, es funkelte prahlend auf goldenen
Gesimsen, und dem grauen Herbstabend draußen wehrten die hohen farbigen
Bogenfenster den Eintritt.
Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab auf die schmutzige
Straße.
* * * * *
Am Südende der Friedrichstraße, wo das Licht spärlicher wird, lag der
alte Tanzsaal, in dem ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar Höfe,
die nur die glühenden Augen breiter Fabrikfenster erhellten, führte der
Weg. Sie waren schwarz voll Menschen. Auf den ausgetretenen Stufen der
Holztreppe bis zum Saal war ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Ein paar
stämmige Ordner bahnten uns mit Ellbogenstößen den Weg. »Die berliner
Arbeiter wollen Sie alle sehen, Genossin Brandt,« sagte der eine. Ich
senkte den Kopf. Wie ich mich freute! Über den Massen, die den Raum
erfüllten, in den wir endlich gelangten, lagerte Tabaksqualm und
Menschenschweiß in schweren, dunkeln Nebeln. Das Licht von den
verstaubten Kronleuchtern drang nur trübe durch den grauen Dunst.
Rußgeschwärzt war die niedrige Decke, von den Wänden bröckelte der Kalk,
blinde Spiegelscheiben warfen gespensterhaft verzerrt das Bild der
Menschen zurück, die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen zu
einer kleinen Bühne ging es empor, auf der grell gemalte Kulissen einen
Wald von Palmen darstellen sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf
an Kopf. Siedende Hitze stieg von ihr auf, daß der Atem mir sekundenlang
stockte.
»So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine Mauer,« sagte Ida
Wiemer, die den Vorsitz führte. Der graubärtige Polizeileutnant
schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich kann nur einen kurzen Vortrag
gestatten,« sagte er, »wenn ich nicht die Versammlung auflösen soll.«
»Genossen,« rief Ida Wiemer so laut sie konnte in den Saal, »macht den
fremden Kongreßdelegierten Platz, die heute unsere Gäste sind --.« Eine
Anzahl Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber die
Scharen, die die Türen belagerten, versperrten den Weg. »Das ist
lebensgefährlich,« wiederholte der Polizeileutnant und wischte sich den
Schweiß von der Stirne. »Fangen Sie an und machen Sie's kurz, -- ein
anderes Mittel gibt's hier nicht.«
Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene
landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie
tödlich zu treffen glauben: Die Zerstörung der Familie, die Propagierung
der freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen Umsturz.
Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche Not es ist, die das
Familienleben zerstört, wie aus derselben Not die käufliche Liebe
wächst, die nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die wir als
die einzige Grundlage echten Familienglückes den Menschen erobern
wollen; wie es die Kirche ist und der Staat, die die Religion Christi
vernichtet haben, wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von
denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Säbeln drohen, die der
wehrhaften Jugend befehlen, auch auf Vater und Mutter zu schießen, die
den Ruf hungernder Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein paar
Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven beantworten. Ich sah nichts
mehr; zwischen mir und den Menschen da unten hingen dichte Schleier.
Aber ich fühlte ihren heißen Atem, ich hörte mit gesteigerten Sinnen ihr
Stöhnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren Beifall, wenn ich von ihren
Kämpfen sprach, ihren hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft
gedachte, die unser sein wird.
Ich schwieg erschöpft, -- jetzt erst fühlte ich, wie der Kopf mir
brannte und der Atem nach Luft rang. Hundert Hände streckten sich mir
entgegen, als ich zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrängte
mich. Dank, -- Vertrauen, -- Liebe las ich in ihren Mienen. Ein paar
Frauenrechtlerinnen gingen mit steif erhobenen Köpfen an mir vorbei. Ich
lächelte. Wie hatte ich mich nur je über ihre Feindseligkeit grämen
können?! Ich kam nur langsam vorwärts. Mit lauter Fragen und Bitten
wurde ich aufgehalten: »Nicht wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?«
-- »In unserem Kreis?« -- »In meiner Gewerkschaft?« Und immer wieder
sagte ich freudig ja. Die hier glaubten an mich und erwarteten von mir,
daß ich ihnen etwas sein könnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder
warm und hell geworden.
Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach Haus. Am Kanalufer
raschelten die gelben Blätter uns zu Füßen und tanzten wie goldige
Schmetterlinge in der feuchten Herbstluft.
»Warum die Menschen trauern, wenn die Blätter fallen?« sagte ich. »Sie
machen doch nur den jungen Trieben Platz!« Mein Liebster küßte mich.
»Du, was denken die Leute?!« rief ich lachend und lief ihm davon. »Die
Wahrheit!« sagte er, mich einholend, und preßte mir die Hände mit einem
starken Griff zusammen. »Daß wir ein Liebespaar sind!«
Im Schlafzimmer droben riß ich die Kleider vom Leibe, in denen der Dunst
des Saales noch hing. Das rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine
Augen suchten den kleinen Ganymed. Unwillkürlich faltete ich die Hände.
Auch an diesen Frühling glaubte ich wieder.
Sechstes Kapitel
Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten,
der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurück, was sie an Sommerglut
der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz
deiner Liebe zu überschütten. Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick
jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand märkischen
Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst
sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter
deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von Segen neigen sich die
Äste vor dir. Von entblätterten Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden
über die Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung
kommender Jahre.
Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges Silber, läßt du in
Nächten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres
Geheimnis.
Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen -- schämig errötend und
demutsvoll -- empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes,
meinen Anteil an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, aus
meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem
Saitenspiel, mein Schoß zum Tempel des Lebens -- -- --
Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. Er duldete nichts
Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus
Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, daß sie
klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie
ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel
zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging
der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und
barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.
Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!
Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen
hatte von mir Besitz ergriffen. Ich träumte nicht mehr meine engen
Träume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr
meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des
eigenen Daseins spannte. Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über
mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung baute,
verband die Zeit mit der Ewigkeit.
Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Körper wie der
Gläubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele
Eingang hüteten goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes traf
jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefühl. Denn
,
»
.
1
.
2
,
,
3
,
'
,
'
4
.
«
5
.
,
6
,
7
,
8
,
9
,
10
.
11
12
»
,
«
13
.
»
14
.
«
»
15
?
«
.
16
17
»
:
.
18
,
19
20
.
.
,
21
.
«
22
23
»
24
,
25
«
-
-
;
26
;
27
-
-
»
,
,
28
,
29
.
-
-
,
,
30
,
!
«
-
-
»
31
-
-
!
!
«
32
.
»
33
,
,
«
34
.
35
,
.
36
37
:
»
-
-
!
38
39
40
,
.
,
41
,
.
,
.
42
,
,
43
,
,
.
44
.
«
45
»
!
«
.
.
»
,
«
46
,
»
-
-
«
»
47
,
.
«
48
49
:
»
,
50
.
,
51
52
,
53
.
.
«
»
?
!
«
54
.
,
55
56
.
»
?
!
«
.
»
,
57
,
:
58
,
,
-
-
,
:
59
,
,
60
61
,
,
62
.
«
.
63
,
,
64
!
65
66
.
67
.
,
68
.
,
69
,
.
»
,
.
70
!
,
71
.
«
-
-
»
?
!
«
.
72
.
73
74
,
,
:
75
,
76
.
77
,
,
78
,
79
.
80
,
,
81
,
82
.
,
.
83
:
»
,
84
,
,
85
.
«
86
87
88
,
89
.
90
;
,
,
91
.
92
,
.
93
.
94
,
-
-
95
,
:
»
96
«
,
97
.
98
99
,
-
-
100
.
»
,
101
?
!
«
.
»
102
!
103
,
-
-
,
!
104
!
!
105
-
-
«
106
107
»
,
,
-
-
!
«
108
,
-
.
109
110
»
?
«
.
»
,
,
111
.
«
112
113
»
,
?
«
.
114
115
»
!
,
116
,
,
117
.
,
118
.
119
,
120
.
,
121
122
.
«
123
124
»
?
«
125
.
»
'
,
,
126
.
127
,
,
.
«
128
129
.
,
130
.
»
,
-
-
,
«
131
.
132
133
»
,
,
«
-
-
»
134
!
:
135
.
136
.
«
137
138
.
139
.
,
140
.
141
,
-
-
142
,
-
-
,
143
:
.
144
145
,
146
.
,
147
.
,
148
.
.
149
.
150
,
,
,
151
.
,
152
.
153
,
154
,
155
,
,
.
,
156
.
»
,
,
157
,
«
.
158
,
159
.
160
.
161
.
,
162
-
163
.
'
;
.
164
»
«
165
,
166
,
-
167
.
168
,
;
169
,
,
170
.
,
171
.
,
,
-
-
172
,
,
-
-
,
173
.
174
:
.
175
176
.
177
178
,
179
.
180
.
»
181
,
,
«
182
.
183
184
»
,
,
,
185
,
«
186
.
»
187
188
,
189
.
,
190
.
,
191
,
192
?
«
193
194
:
»
,
195
.
196
!
«
197
198
»
!
«
,
»
199
,
200
-
-
,
,
,
,
201
!
,
202
,
,
203
.
«
204
205
»
,
206
,
,
«
.
207
208
»
,
«
.
»
209
,
,
210
,
211
,
,
,
212
.
213
,
,
214
.
«
215
216
,
217
.
218
»
219
.
«
220
221
»
-
-
,
222
,
«
.
»
223
.
224
.
-
225
.
«
226
227
-
,
-
-
228
.
,
229
;
,
230
,
,
231
.
,
232
,
.
233
234
»
-
235
-
;
,
236
,
«
237
,
»
,
238
,
«
239
.
»
,
,
«
240
,
»
241
,
?
!
«
242
»
,
243
-
-
,
«
.
244
245
»
,
«
246
,
»
,
,
247
.
,
.
.
.
«
248
249
»
-
-
,
250
,
251
?
!
«
252
,
.
253
,
,
254
.
,
255
;
.
256
257
;
258
,
.
259
;
260
261
.
.
262
,
,
263
,
264
:
»
?
«
265
;
266
,
,
.
267
268
.
»
269
-
-
,
«
,
»
-
270
.
«
.
271
272
»
,
273
?
«
274
275
»
.
.
«
276
277
»
.
278
.
279
,
.
«
280
281
*
*
*
*
*
282
283
.
,
284
,
.
285
.
286
.
,
287
,
,
288
289
,
,
,
290
.
291
292
,
,
,
293
,
;
294
:
.
.
295
296
,
297
.
»
298
?
«
.
»
,
299
.
«
300
,
.
»
301
,
«
,
»
,
302
.
«
303
304
.
,
305
,
306
.
307
:
308
,
309
,
,
310
-
-
»
311
«
-
-
,
312
,
313
.
314
,
.
315
316
,
,
317
,
.
»
,
318
,
,
-
-
319
,
-
-
,
«
320
.
»
,
321
,
,
.
«
-
-
»
322
,
,
,
323
,
324
,
«
.
»
325
,
326
:
327
,
328
-
,
«
,
329
.
330
,
331
,
332
333
334
-
335
,
,
336
337
,
338
.
339
,
340
341
.
342
,
,
343
,
344
.
,
345
.
346
347
,
:
,
348
,
349
,
,
,
350
-
.
351
352
:
,
,
353
.
354
.
»
355
,
«
,
.
356
357
:
»
:
,
358
,
,
.
«
359
360
:
,
361
.
362
,
,
363
,
364
,
.
»
!
«
.
365
»
366
,
.
367
-
!
«
,
368
.
,
369
.
,
,
370
,
,
371
.
»
-
-
372
,
?
!
«
,
,
373
:
»
,
-
-
374
!
«
375
376
.
377
,
,
378
,
-
-
379
.
.
380
,
-
-
381
,
382
.
383
-
-
,
;
384
,
385
.
»
386
,
?
«
387
.
-
-
,
388
;
389
,
,
390
,
,
.
-
-
391
-
-
:
392
393
?
,
394
,
-
-
'
,
395
?
!
396
397
.
,
398
,
399
:
»
!
«
,
400
,
401
.
402
:
,
,
403
,
404
.
405
,
.
406
.
,
-
-
407
-
-
,
.
408
409
.
»
410
,
,
,
«
411
.
412
:
,
,
413
,
.
414
,
-
-
,
415
,
!
416
,
-
-
!
417
,
-
-
.
418
,
-
-
419
.
,
-
-
420
.
421
422
»
?
«
.
423
424
»
,
«
425
,
,
426
.
»
,
427
,
-
-
«
428
,
.
429
»
,
430
:
?
«
431
»
«
.
432
.
!
!
,
433
,
.
»
434
,
,
«
435
.
,
436
.
437
438
»
'
-
-
,
439
!
«
,
,
,
440
.
,
441
:
»
?
!
?
!
«
442
443
.
,
.
444
»
?
!
«
445
.
.
446
447
»
!
«
.
448
,
449
:
450
»
!
«
451
452
*
*
*
*
*
453
454
.
455
.
,
,
456
,
457
.
,
458
.
459
,
460
;
461
,
462
,
,
,
463
.
464
465
.
»
,
466
?
!
«
.
»
,
-
-
,
«
,
»
,
467
;
468
-
-
.
«
»
469
.
'
,
470
.
«
.
471
»
,
!
«
472
473
»
,
«
.
474
475
»
.
476
-
-
,
!
«
477
478
.
479
.
»
?
!
480
!
«
481
482
»
!
,
483
.
,
484
.
«
485
486
»
,
«
;
»
,
,
487
,
.
488
,
,
,
489
,
490
491
,
492
.
,
493
-
-
,
,
494
-
-
,
.
495
,
-
-
«
496
497
.
»
.
498
.
499
«
-
-
-
-
»
500
,
,
501
,
502
.
«
.
503
,
504
.
505
506
»
,
«
507
,
»
,
-
-
,
508
,
,
509
,
.
510
,
-
-
,
-
-
511
!
.
512
,
513
,
-
-
,
514
.
515
:
,
516
,
517
.
«
518
.
,
519
:
»
520
,
;
521
522
,
?
523
.
.
.
?
«
.
,
524
,
525
,
526
.
527
,
-
-
528
,
?
:
?
529
530
»
,
-
-
:
531
.
,
532
,
533
?
!
«
.
534
.
,
535
,
536
.
,
;
,
537
;
538
,
.
539
540
»
!
«
541
.
»
,
542
:
'
543
,
:
544
,
'
.
545
-
-
546
!
-
-
,
,
547
.
«
,
548
.
549
;
-
-
,
550
,
.
.
551
552
»
-
-
,
«
553
,
,
-
-
»
554
-
-
«
.
555
.
»
,
«
.
556
.
,
557
.
558
559
»
,
-
-
,
«
560
.
»
561
,
,
562
,
563
,
564
,
565
.
566
,
567
,
568
-
-
«
.
569
,
,
,
570
,
,
.
»
571
,
«
-
-
572
.
.
573
:
»
:
574
.
;
575
,
.
«
576
577
-
-
,
578
.
579
,
580
,
,
581
.
582
:
»
«
,
-
-
583
.
.
584
585
*
*
*
*
*
586
587
588
-
.
589
;
590
,
591
,
,
,
592
.
593
594
,
,
595
.
,
,
596
,
597
.
,
598
,
,
599
.
,
-
-
»
600
'
,
«
-
-
,
601
,
602
,
603
.
,
604
.
»
,
«
,
»
605
,
-
-
.
«
-
-
606
»
!
«
,
»
.
«
607
,
,
608
,
.
609
;
610
,
-
-
,
611
,
,
-
-
,
612
.
613
.
614
,
,
.
615
.
616
-
.
617
,
,
618
,
,
619
,
.
620
,
,
621
:
»
,
,
!
«
622
.
»
,
!
«
623
624
.
,
625
.
626
:
627
.
628
629
630
,
,
631
.
632
.
,
,
633
-
-
,
634
,
.
635
636
»
,
,
«
637
,
»
.
638
!
«
.
.
639
,
640
.
.
641
,
.
»
642
,
«
643
,
644
-
.
»
645
.
«
,
646
,
,
-
-
647
,
648
.
,
649
.
»
650
.
651
,
,
652
,
,
?
«
653
,
.
654
.
655
.
»
,
«
,
»
656
.
«
657
.
,
658
.
.
»
659
,
,
'
,
660
,
«
,
»
,
661
,
.
662
,
,
663
664
?
«
,
.
,
665
,
666
.
,
667
,
668
.
»
669
,
«
,
»
670
,
671
,
672
.
«
»
,
673
-
-
«
,
.
674
,
,
.
675
,
-
-
.
»
676
,
-
-
,
«
677
.
.
»
678
:
,
«
,
679
.
»
.
«
»
680
,
«
;
»
681
.
682
,
683
,
684
.
685
'
'
;
,
686
,
,
687
.
688
:
,
689
.
690
'
'
.
,
691
.
«
692
.
,
,
693
'
'
,
694
,
695
,
,
'
'
696
,
.
697
,
698
.
,
699
,
,
700
,
701
,
.
»
,
«
702
,
»
703
.
«
»
,
704
'
.
705
,
«
706
;
707
:
»
,
-
-
.
«
»
,
708
,
'
,
«
709
.
,
710
,
.
»
,
711
,
«
,
»
712
.
«
713
,
;
714
.
715
:
»
,
.
«
716
.
»
717
?
!
«
.
718
.
»
!
«
-
-
»
!
«
719
-
-
»
720
-
-
!
«
.
»
721
-
-
,
«
.
.
722
,
-
-
,
.
723
.
»
,
«
724
,
»
,
725
.
«
,
726
,
:
»
,
-
-
727
!
-
-
,
728
-
-
«
,
729
,
730
.
731
,
-
-
,
.
732
,
;
733
.
,
734
.
735
736
.
»
737
,
«
.
»
738
,
-
-
!
«
,
739
,
740
.
741
,
742
.
,
,
-
-
743
;
744
.
»
,
«
745
.
,
746
747
?
»
,
748
,
«
.
-
-
»
749
?
!
«
750
751
*
*
*
*
*
752
753
.
754
755
,
,
756
.
,
757
758
.
:
.
759
:
760
;
761
,
762
,
-
-
,
763
,
.
,
.
764
:
»
.
765
.
766
.
«
.
767
:
,
768
,
,
.
769
,
,
770
.
771
.
;
,
772
,
.
773
.
774
,
775
.
776
777
778
-
.
.
779
.
,
780
.
!
781
.
782
-
783
;
.
784
785
»
«
,
-
-
786
.
787
,
.
»
«
-
-
788
»
«
-
-
»
«
-
-
»
«
,
-
-
.
789
.
;
-
-
790
,
791
.
.
792
,
-
-
.
793
,
-
-
,
794
.
,
795
,
796
,
797
.
»
,
798
,
799
,
800
.
801
.
«
;
802
.
»
803
,
804
-
-
,
,
,
-
-
805
,
.
«
806
,
807
.
»
:
,
808
?
!
«
809
.
810
;
,
811
.
,
,
.
812
»
813
,
814
,
,
815
,
816
,
,
817
.
818
.
.
.
«
819
820
,
821
,
822
,
823
.
824
:
825
826
»
,
,
827
,
828
.
829
,
.
830
,
831
832
,
833
.
,
834
,
,
,
835
;
836
,
,
;
837
,
838
,
839
:
840
.
.
.
«
841
842
.
.
843
,
844
,
.
845
,
,
846
.
847
.
848
,
.
849
850
851
;
.
852
»
,
«
.
853
.
854
.
»
,
«
,
855
.
856
857
.
,
858
,
:
859
;
860
,
861
,
862
,
863
.
864
865
866
.
867
868
*
*
*
*
*
869
870
,
,
871
,
.
,
872
,
873
.
.
874
.
875
.
»
876
,
,
«
.
877
.
!
,
878
,
,
879
,
.
880
.
881
,
,
882
883
,
.
884
,
885
.
886
.
,
887
.
888
889
»
,
«
890
,
.
891
.
»
892
,
«
,
»
.
«
893
»
,
«
,
»
894
,
-
-
.
«
895
,
.
896
,
,
.
»
897
,
«
898
.
»
'
,
-
-
899
'
.
«
900
901
.
.
902
,
903
:
,
904
,
,
.
905
,
,
906
,
907
,
,
908
909
;
,
910
,
,
911
,
,
912
,
,
913
,
914
.
915
;
.
916
,
917
,
,
,
918
,
,
919
,
.
920
921
,
-
-
,
922
.
923
,
.
924
.
,
-
-
,
-
-
.
925
.
926
.
927
?
!
.
928
:
»
,
?
«
929
-
-
»
?
«
-
-
»
?
«
930
.
,
931
.
932
.
933
934
.
935
936
.
937
938
»
,
?
«
.
»
939
!
«
.
940
»
,
?
!
«
.
»
941
!
«
,
,
942
.
»
!
«
943
944
,
945
.
;
946
.
.
947
.
948
949
950
951
952
953
954
955
!
.
,
956
,
,
957
.
,
958
.
959
.
960
961
,
.
962
,
963
.
964
965
.
966
967
,
,
968
,
,
969
.
970
971
-
-
972
-
-
.
,
,
973
,
.
,
,
974
,
975
,
-
-
-
-
-
-
976
977
.
978
.
,
979
,
.
,
980
,
981
.
982
,
.
983
.
984
.
985
986
,
!
987
988
.
989
.
990
,
,
991
,
992
.
993
,
,
,
994
.
995
996
.
997
,
.
998
;
999
,
.
1000