sich zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.
* * * * *
Ich saß auf der Reichstagstribüne, als die nationalliberale
Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen betreffend, zur
Verhandlung kam und alle bürgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches
Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch kein preußischer Minister zu
denken gewagt hatte -- daß eine Arbeitseinstellung berechtigt sein
kann --, das erklärte Herr von Berlepsch vor der deutschen
Volksvertretung angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der
Riesenkampf, den die Ärmsten der Armen kämpften, wird kein vergeblicher
sein, eine neue Ära sozialer Reformen bricht an. Und dem Verdikt des
Reichstags werden die Unternehmer sich beugen müssen. Ich verstand
nicht, warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich
angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch äußern konnte. Im ganzen
Reich wurde für die Streikenden gesammelt. Neben den Bureaus der
Streikkommission, in denen Streikkarten ausgestellt und
Unterstützungsgelder gezahlt wurden, richteten bürgerliche Vereine
Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsstücke zur Verteilung
kamen.
Stolz, oft übermütig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit stellten sich in den
ersten Tagen die Streikenden ein. Von Unterstützung wollten sie nichts
wissen, nur ihre Karten ließen sie sich geben.
»Wir halten aus,« sagte ein junges, bleichsüchtiges Mädel, und ihre
Augen blitzten dabei. »Die Unternehmer haben uns für sich hungern
lassen, nun hungern wir mal für uns selber --« und, ein Liedchen
trällernd, war sie wieder draußen. Selbst auf den Gesichtern alter
müder Frauen lag ein stilles Leuchten. Ein halbwüchsiger Bengel, der in
Begleitung seiner Mutter kam, verkündete triumphierend: »Wir arbeeten
jetzt for drei, damit Muttern feiern kann,« und lächelnd streichelten
ihre zerstochenen Finger seine Wange: »Nu kommen ooch janz andere
Zeiten!«
Oft standen die engen Bureauräume gedrängt voll Wartender. Dann flogen
Witze hin und her; vom »Meester« erzählten sie einander, der mit der
»Ollen« händeringend in der leeren Bude stand. »Noch janz anders soll
die Gesellschaft winseln! Laßt man erst acht Tage ins Land jehen, denn
werden sie zu uns bitten kommen,« rief ein krummbeiniges Schneiderlein.
»Wir werden ihr Mores lehren, der Rasselbande!« fügte zähneknirschend
ein anderer hinzu.
Allmählich änderte sich das Bild: Blasse Frauen, die unsicher und
ängstlich blickten, mit Kindern auf den Armen und an der Schürze,
drängten sich um die Zahlstellen; das morgens angehäufte Geld, das mir
unerschöpflich schien, war jeden Abend wieder ausgegeben. Auch Männer
kamen, Familienväter, mit zusammengepreßten Lippen. Die Witze
verstummten. Finstere Entschlossenheit lag in dem Schweigen der
Wartenden. Aber immer noch traten welche an den Tisch, die nichts
verlangten, als die Ausfüllung ihrer Streikkarten. Auch Frauen waren
unter ihnen. Eingesunkene Wangen, trockene Lippen, fiebrige Augen
sprachen vom Heldenmut der Hungernden. Verlegen schob sich wohl auch ein
junges Mädel durch die Türe und streckte die Hand nach dem Gelde aus.
»Schämst du dir nicht!« schrie einer einmal eine hübsche Brünette an,
mit Rosen auf dem kecken Filzhut, und riß sie unsanft zurück, »hat noch
so'n Deckel auf'n Kopp und Glacénene an die Finger und will den ollen
Weibern das Brot nehmen?!« Kam aber gar ein kräftiger Mann, so hagelte
es empörte Schimpfworte: ein Verräter, wer in seinem Opfermut nicht bis
zum Äußersten ging.
Und dann kamen die Tage, wo sie in dichtgedrängten Scharen bis auf die
Straße hinunterstanden, und keiner mehr war, den der Hunger nicht
bezwungen hätte. Viele schämten sich, daß sie unterlegen waren; sie
wagten kaum den Kopf zu heben, wenn sie vor den Zahltisch traten.
Zusammengesunken erschienen andere vor Mutlosigkeit. »Erreichen wir's?«
flüsterte fragend der eine, »geben sie endlich nach?!« der andere.
Tränenumflorte Augen richteten die Frauen auf uns, scheue Blicke voll
Zweifel und Mißtrauen die Männer. Und nichts als Schweigen, als
Achselzucken konnte die Antwort sein. Die Kassen füllten sich langsamer;
der aus rührseliger Sentimentalität entstandene Enthusiasmus
bürgerlicher Kreise verpuffte wie ein Feuerwerk. Die Unternehmer hielten
aus; sie hatten noch immer genug zu essen. Und die Opferwilligkeit der
deutschen Arbeiterschaft für die kämpfenden Brüder hatte ihre äußerste
Grenze erreicht.
Ich sah Reinhard nur flüchtig. Die hektische Röte wich nicht mehr von
seinen Backenknochen. Er hatte keine ruhige Minute.
»Wir sind am Ende,« sagte er mir mit rauher Stimme, als wir uns in einem
der Streikbureaus wieder begegneten. Es traf mich wie ein
Peitschenschlag. Was hatte ich damals denen, die ich zum Streik aufrief,
als sicheren Lohn ihres Ausharrens in Aussicht gestellt! Würden sie mir
jemals wieder vertrauen können?! »Die Forderung der Betriebswerkstätten
werden wir fallen lassen müssen --.« »Gerade das?! Die Hauptsache!« rief
ich. »Das einzige Mittel vielleicht, um dem Elend der Heimarbeit, um der
Ausbeutung der Zwischenmeister ein Ende zu machen!« -- »Gerade das. Wir
wollen froh sein, wenn sich der Lohntarif durchsetzen läßt und der
Reichstag sein Versprechen einer durchgreifenden Gesetzgebung einlöst.«
Schweren Herzens kam ich an jenem Tag in das Bureau. Es war überfüllt,
und lautes Stimmengewirr drang mir entgegen. »Die Führer verraten uns!«
rief einer. »Wir können hungern, und sie stopfen sich die Taschen --,«
brüllte ein anderer. Ein paar keifende Weiber hieben mit Fäusten auf den
Zahltisch: »Betrüger seid Ihr, -- Ausbeuter, -- schlimmer als die
Meister,« schrien sie den Dahinterstehenden ins Gesicht, die das Geld
abzählten. »Wir haben nichts mehr --,« flüsterte einer der
Gewerkschaftsbeamten mir hastig zu, »-- es war ein Ansturm
ohnegleichen.« Ich lief die Treppe wieder hinab, sprang in die nächste
vorüberfahrende Droschke und fuhr zur Zentralstelle der Ethischen
Gesellschaft. Heute, so hatte man mir mitgeteilt, sei eine beträchtliche
Summe eingelaufen. Ich ließ mir geben, was zur Verfügung stand, -- es
war auch nur ein Tautropfen, der im Augenblick in der durstenden Erde
verschwinden würde, -- und fuhr zurück, so rasch der arme Schimmel
laufen konnte. Vor dem Bureau stauten sich die Menschen. Ein paar
Polizisten hielten mühsam die Straße frei. Ich sprang aus dem Wagen und
versuchte mich vorzudrängen. »Wat, so eene biste, daß de erster Jüte
fährst?« schrie mich eine rohe Stimme an, und eine Faust stieß mich in
den Rücken. Ein paar Burschen, die nach Fusel rochen und mit den
Konfektionsarbeitern sichtlich nicht das Geringste zu tun hatten,
überschütteten mich mit unflätigen Redensarten. Ich versuchte, mir mit
ein paar Ellbogenstößen freie Bahn zu schaffen, während meine Hände die
Geldtasche angstvoll umklammerten. »So loof doch, loof -- wir werden dir
Beene machen,« gröhlten sie und ich fühlte ihre Fäuste wieder auf meinem
Rücken. Ich schrie laut auf. Im Augenblick war ich von bekannten
Gesichtern umgeben, ich hörte noch ein paar Ohrfeigen rechts und links
und war halb getragen, halb geschoben im Zimmer.
Am Abend war auch das letzte Geld verteilt.
In diesem Augenblick der Not kam es zu einer überraschenden Wendung: ein
Teil der Zwischenmeister, empört darüber, daß die Unternehmer ihnen alle
Schuld an den schlechten Löhnen zuzuschieben suchten, machten gemeinsame
Sache mit den Arbeitern, und die Fabrikanten, die nunmehr ernstlich in
Gefahr standen, die Einnahmen der Saison zu verlieren, die aber
andererseits auch genug von der Lage der Dinge unterrichtet waren, um zu
wissen, daß die Streikenden das Ende ihrer Widerstandskraft erreicht
hatten, riefen offiziell die Vermittlung des Gewerbegerichts an. Die
Fünferkommission der Arbeiter, davon in Kenntnis gesetzt, zögerte nicht,
auch ihrerseits mit dem Einigungsamt in Verbindung zu treten. Im
Bürgersaal des berliner Rathauses, vor einem vielhundertköpfigen
Publikum, kam es zur Verhandlung und zur endlichen Unterzeichnung eines
Vertrags, dessen wichtigste Bedingungen die Erhöhung der Löhne und die
Gegenseitigkeitsverpflichtungen in bezug auf die Durchführung der
Lohntarife waren. Von den Betriebswerkstätten war gar keine Rede mehr.
Die Streikleitung berief die Referenten zu einer neuen Sitzung. In
öffentlichen Versammlungen sollten wir das Ende des Streiks verkünden.
Ich versuchte, mich frei zu machen. »Wir haben Ihr Wort, Genossin
Glyzcinski,« sagte einer der Führer mit scharfer Betonung. »Wie kann ich
diesen Ausgang als einen Sieg verteidigen,« wandte ich ein. »Darüber
mögen Sie denken, was Sie wollen,« entgegnete Martha Bartels heftig,
»hier haben Sie einfach Ihre Pflicht zu tun, wie wir alle.« Flüchtig
fuhr mir durch den Kopf, daß ich aus meiner Welt dem Zwang der Pflicht
entflohen war, um meiner Überzeugung zu folgen, aber ich fühlte mich
viel zu müde, um jetzt darüber nachzudenken. Ich fügte mich
stillschweigend. Als eine Wohltat sah ich es an, daß ich wenigstens
nicht in demselben Saal, vor denselben Menschen sprechen mußte. Weit in
den Osten, in die Andreasstraße, schickte man mich. »Sie werden keinen
leichten Stand haben,« sagte Reinhard beim Weggehen, »es ist das
Hauptquartier der Anarchisten.«
Heinrich Brandt begleitete mich auf dem Wege zur Versammlung. Wir hatten
uns in der Zwischenzeit nur immer auf Minuten gesehen. Erst jetzt, wo
Rosalie schon seit einigen Tagen aufgestanden war, schwand unsere Angst
um sie. Das Wochenbett war normal verlaufen; sie nährte den Kleinen und
schien seelenruhig. Trotzdem war Heinrich heute wortkarg, und sein
ausdrucksvolles Gesicht, das jede Stimmung verriet, erschreckte mich.
Aber soviel ich auch in ihn drang, er meinte, es sei nichts, gar nichts
geschehen, ich solle lieber an meinen Vortrag denken, als über die
Ursache seiner schlechten Laune nachgrübeln.
Der kleine Saal war schon voll, als ich kam. In allen Händen sah ich
weiße Zettel, mein Auge fiel auf lauter erregt gerötete Gesichter. Bei
der Wahl des Bureaus siegte der Führer der Anarchisten mit riesiger
Mehrheit über unseren Kandidaten. Ich empfand es fast wie eine
Erleichterung --, »nun werden sie mich gar nicht reden lassen,«
flüsterte ich Heinrich zu. Aber schon stand der junge blonde Mann mit
den zarten Mädchenzügen auf der Tribüne: »Ich erteile der Referentin
Frau von Glyzcinski das Wort«, und mit einer höflichen Handbewegung
machte er mir neben sich Platz.
Ich sprach schlecht. Keinen Augenblick konnte ich meiner eigenen
Empfindung, meinen innersten Gedanken folgen. Ich war nur ein
Sprachrohr. Trotz der musterhaften Leitung des jungen Anarchisten, der
die Ruhe immer wieder herzustellen suchte, unterbrachen mich Zurufe
aller Art: sarkastische, gemeine, wütende. Dazu Heinrichs Gesicht, auf
dem meine Blicke immer wieder haften blieben --, ich verlor den Faden,
verwirrte mich, wurde ängstlich. Man rief höhnisch »Bravo«, als ich
geendet hatte. Und dann sprach der Vorsitzende. Seine ganze Rede war ein
feuriger Appell an das Proletariat, eine glühende Anklage der
Streikleitung. Im Moment, wo aus England Millionen an Unterstützung zu
erwarten seien, habe sie sich feige den Kapitalisten unterworfen und die
Sache des Volks verraten. An ihm sei es nun, zu zeigen, daß es sich von
keiner Seite knebeln lasse, daß es den Kampf nicht nur fortsetze,
sondern ausdehne, bis ein Generalstreik dem Volk die Macht verleihe,
dem Unternehmertum seine Gesetze zu diktieren. In jedem Wort, das er
aussprach, brannte das Feuer seiner Überzeugung, und alles jauchzte ihm
zu. Meine Resolution wurde abgelehnt, die seine, die die Fortsetzung des
Streiks erklärte, angenommen. Durch einen Nebeneingang ließ man mich
hinaus. Man hätte mich sonst vor den Insulten der fanatisierten Menge
nicht schützen können.
Der Streik war trotzdem zu Ende. Die englischen Millionen waren nichts
als ein Märchen. Ein paar Tollkühne hungerten noch eine Woche länger --,
das war alles.
* * * * *
Wir gingen durch den Tiergarten heimwärts, Heinrich und ich. Die Kälte
tat mir wohl. »Am liebsten zöge ich selbst solch Schneekleid an, um
ganz, ganz kalt zu werden,« murmelte ich. Eine große Hoffnungslosigkeit
hatte sich meiner bemächtigt.
»Nun sollst du auch wissen, was mir fehlt,« sagte Heinrich, auf dessen
Arm ich mich müde stützte. »Ich hatte heute eine böse Szene mit Rosalie.
Sie will in den Süden -- auf Monate -- mit mir. Um unsere Ehe wieder
herzustellen, wie sie sagt. Ich weigere mich, brauchte lahme Ausreden,
die sie durchschaute. Sie bekam einen Weinkrampf, dann warf sie mir vor,
daß ich das Kind töten wolle, indem ich sie, die nährende Mutter, nicht
schone.«
Er blieb aufatmend stehen.
»Und du?!«
»Ich versprach ihr jede Rücksicht, -- nur mit ihr reisen könne ich
nicht. Jetzt fordert sie eine Auseinandersetzung, auch mit dir. Zwei
Tage hat sie mir Zeit gegeben.«
»Sie hat recht,« sagte ich, »auch sie zieht ein Ende mit Schrecken dem
Schrecken ohne Ende vor.«
Ich zwang mich zur Ruhe, -- seinetwegen.
Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele Jahre, jede Stunde
beladen mit Qualen, mit Selbstvorwürfen, mit Zweifelfragen. Hatte ich
nicht das Leben dieser Menschen zerstört, hatte den, der mir auf der
Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der für ihn vielleicht
des Einsatzes nicht wert sein würde, hatte dem Kinde schon im
Mutterleibe den Vater gestohlen!
Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete von mittags bis abends.
Jeder Schritt auf dem Hof ließ mich auffahren, vor jedem Laut, der von
drüben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen ich die Hände
faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose Angst es den schützenden
Vater im Himmel suchen ließ. Aber durfte ich beten -- ich! --, selbst
wenn ich noch glauben könnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch
starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich auch im ruhelosen Auf-
und Abwandern mich wandte: der Vater, der einst einen braven Offizier
seines Regiments für unwürdig erklärt hatte, weiter des Königs Rock zu
tragen, weil er das Weib eines andern liebte; die Mutter, deren ganzes
Leben unter dem einen Gesetz der Pflichterfüllung stand; -- aber lugte
nicht neben ihr aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit
gütigen dunkeln Augen? »Großmama,« schluchzte ich leise. O, daß ich den
Kopf in ihrem Schoß vergraben, ihr beichten und aus ihrem Munde mein
Absolve te hören dürfte!
War das nicht sein Schritt? Ich riß das Fenster auf. Klang nicht ein Ruf
zärtlich aus dem Dunkel? Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es
nicht an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das ich hörte? Ich
blieb auf dem engen, kleinen Flur, an die Mauer gelehnt, mit krampfhaft
aufgerissenen Augen und pochenden Schläfen. Die Treppe draußen knarrte,
ich griff an die Klinke, die Türe sprang auf --
»Alix!« Welch ein Ton war in seiner Stimme! Halb bewußtlos sank ich in
seine weitgeöffneten Arme.
»Sie willigt in die Scheidung.«
Viertes Kapitel
An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frühling und Winter einander
wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne
auf hellen Plätzen Sommergrüße vom Himmel sendet und daneben der
feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich
zum Abschiednehmen zu den Eltern.
Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich
nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschäftlichen
Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir
und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, hatte mein
Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise
noch einmal sehen wollen.
Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst schlecht aus,« sagte er
dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine äußere Strenge
Lügen. Ich wußte es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft
erschöpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von
Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. »Die Erbschaft
kommt dir wirklich zustatten,« fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem
Umfang er recht hatte!
Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das
Herz so voll: ich allein wußte von uns allen, wie weit ich mich
mit diesem Abschied von ihnen entfernte, -- vielleicht auf
Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern
gesagt; -- in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es,
noch ehe es über die Lippen kam.
»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt hineinreist,« sagte
mein Vater, als ich schon an der Türe stand, »Ihr Jungen denkt anders
darüber, -- Einfluß habe ich keinen mehr, -- ich kann nur hoffen, daß du
dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« Seine Augen
ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: »Lebewohl,
Papa --« Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete
er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht mehr.
Die Mutter begleitete mich auf den Flur.
»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie mit Betonung, »so
lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn
Hans ohne Schaden zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein
Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Straße mit mir.
»Du, Schwester, ist es wahr, daß Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden
läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden Augen. Aufs peinlichste
überrascht starrte ich sie an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du,
-- das ist furchtbar interessant! Freilich --« und nachdenklich kaute
sie an der Unterlippe -- »mit Papa werden wir wieder aushalten müssen!«
Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd zog ich den
Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins
Gesicht.
Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte
seine Söhne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs
Land gebracht.
»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere Stimme, an die sie
nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, daß du mich unglücklich machen
würdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden
wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit
dem Pathos einer Kassandra, ich würde noch einmal kniefällig um ihre
Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei
dunkle Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die Pflegerin
lachte mich dabei so impertinent an, daß ich grob wurde.«
»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« sagte ich
trübsinnig.
»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb ungeduldig, halb
belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle hatte das Wort »Furcht« keinen
Platz gefunden. »Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir
nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, und du willst
verzagen -- gerade jetzt, wo wir dem Frühling entgegenfahren?«
Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurück, der mich
umschlang, und sah still den weißen Flocken zu, die vor den Fenstern
tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die
der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu
wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, was ich allein nicht hätte
tragen können.
Auf dem Brenner glänzte die Sonne über frisch gefallenem Schnee, aber
von den Bergen stürzten schon frühlingsfroh die entfesselten Wasser. In
Gossensaß, wo die Bergwände sich noch einmal finster zusammenschoben,
braute wieder der Nebel um dunkle Fichten und winterstarres Gebüsch,
hinter Franzensfeste jedoch stand das breite Tal in blühendem Lenzkleid
und öffnete die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an seine warme
Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von allen Höhen weiße Kirchlein mit
spitzen Fingern hinauf zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel
stand. Auf den knorrigen Ästen alter Obstbäume saßen junge lustige rote
und weiße Blüten. Ohne Ehrfurcht vor dem grauen Alter der Ruinen, der
nüchternen Heiligkeit der Klöster, fluteten in blauen Kaskaden die
süß-sehnsüchtigen Blumendolden der Glyzinien über die Mauern, vom
Liebesspiel buntschillernder Käfer umtanzt.
Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild
des Rüsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die
Zeit, wo Kaiser und Könige auf der Romfahrt hier Einkehr hielten. Jetzt
saßen nur wenige unscheinbare Leute in dem niedrigen, dunkel getäfelten
Gastzimmer. Sicher: hier kannte uns niemand. Aber kaum saßen wir vor der
Schüssel, die verheißungsvoll nach gut österreichischer Mahlzeit
duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, Heinrich freudig begrüßend.
Umsonst, daß dieser die abweisendste Miene machte, den Fremden weder
nötigte, Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner Freude,
einen Bekannten zu treffen, besorgte er das ohne weiteres selbst; er
hielt mich für Heinrichs Frau und kündigte uns mit vielem Geräusch die
Bekanntschaft seiner Familie an. »Wir werden nicht bleiben können,«
sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, »es sind Berliner.«
Ich zuckte die Achseln. »Diesmal bin ich die Mutigere von uns beiden.
Mir ist nichts so gleichgültig als der Klatsch.«
»Aber ich dulde nicht, daß man dich verdächtigt,« brauste er auf.
In aller Frühe am nächsten Morgen fuhren wir weiter bis nach Trient.
»Hierher kommt keiner unsrer Landsleute,« hatte Heinrich gesagt. Und in
der Tat: in den großen Palasträumen des Hotel Trento sprachen selbst die
Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. Ob wir uns hier ein paar Wochen
würden ausruhen können? Wir hatten sehr das Bedürfnis danach.
Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz mit dem ehernen
Denkmale Dantes. Mächtig zeichnete sich seine schwarze Silhouette gegen
den blauen Himmel ab, zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der
Berge eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Füßen mit ein wenig Rasen und
ein paar kleinen immergrünen Büschen sah im gelben Licht der Sonne öde
aus.
Wir gingen durch die Straßen: lauter graue Häuser mit verwaschenen
Farben und trüben Fenstern, Paläste dazwischen mit verblichenen Fresken,
Höfe mit alten ausgetrockneten Brunnen und Säulengängen, unter denen
zerlumpte Wäsche hing, stolze wappengekrönte Tore mit Firmenschildern
aus Blech und Anzeigen aus Papier benagelt und beklebt; ein Dom,
geschmückt mit den zierlichsten romanischen Galerien, die hohen Portale
von säulentragenden Löwen bewacht, und darin auf dem ausgetretenen
Estrich, zwischen den Grabmälern edler Geschlechter, ein paar alte
Weiber, die kniend den Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit
zahnlosem Munde Gebete plärrten. Und über der Stadt, sie beherrschend,
der prächtige Renaissancebau des alten fürstbischöflichen Schlosses, ein
unvergleichlicher Rahmen üppiger Hofhaltungen, -- eine Kaserne heute. In
der dämmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die Würdenträger des
fürstbischöflichen Stuhls in roten und violetten Gewändern beim Gesang
des leise plätschernden Wasserstrahls die kunstvollen Lettern
pergamentgebundener Bücher zu lesen pflegten, saßen Soldaten und putzten
Gewehre; in den hohen Sälen, von deren gemalten Decken die Götter des
Olymps auf die tafelnden Priester des Gekreuzigten einst lächelnd
herniedersahen, standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, an den
Wänden, hinter deren kalkweißer Tünche prächtige Bilder schlummern,
hingen in Reih und Glied Käppis und Tornister.
Wir gingen schweigsam zurück. In den Gassen lärmten ein paar Kinder:
Mädchen mit seidenen Schleifen im Haar und zerschlissenen Röckchen über
den bloßen Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer rauften. Vor
den Wirtshäusern auf dem schmalen Trottoir saßen in schäbiger Eleganz
junge Leute, die lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zähnen.
Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen Lebenssamen, den
sie hätten wecken können; die kahlen Mauern, die baumlosen Straßen
warfen nur sengende Glut zurück. Fürsten erbauten diese Stadt, und
Bettler haben sie daraus vertrieben.
Wir aber suchten den Frühling. Ein Postwagen mit vier Pferden davor
entführte uns aus Trient. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten,
die wie ein steinerner Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender
wurde die Natur. Auf den Wiesen blühten Lilien und Glockenblumen, um die
elendesten Hütten leuchteten in rosiger Pracht die Mandelbäume. In
Caldonazzo, einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren Himmel
auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. Unter der Laube im
Obstgarten der Trattoria, die von gelben Rosen überwuchert war, wurde
uns gedeckt. Vino santo funkelte goldfarbig in den Gläsern, ein kleines
Mädchen mit großen runden Augen, wie geschliffene Kohlen, setzte noch
eine blaue Vase mit weißen Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es
ganz, ganz still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit keinem
lauten Wort zu stören wagten. Unsere Hände schlangen sich ineinander,
fester zog mich sein Arm an seine Brust, und sehnsüchtiger wurden unsere
Küsse.
Schlüsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. Wir standen auf. Vor
der Tür meines Zimmers blieben wir stehen, stumm, mit herabhängenden
Armen, unsere Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende Qual
unserer Liebe lag in unserem Blick. »Gute Nacht!« -- er berührte mit den
heißen Lippen nur meine Fingerspitzen.
Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die laue Luft und
trug die süßen Gerüche der Wiesen auf ihren Flügeln. Ich preßte die
Zähne zusammen, um nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte,
ich drückte die spitzen Nägel meiner Finger mir ins Fleisch, um mit dem
Schmerz die Qual zu betäuben, die mein Blut durch die Adern peitschte.
Draußen im Garten knirschte der Kies, -- das Weinlaub am Fenster bewegte
sich, -- schlich nicht ein Schatten leise vorüber? -- O, warum kommst du
nicht, -- sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie
Perlmutter glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich
die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden Tales umschließen die
meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die
Vergangenheit? Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist
unser als dieser Frühlingsnacht zauberische Gegenwart! -- --
Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde und einsam. Wir
trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nächtlicher Kämpfe lagen
auch auf seinen Zügen.
Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit unserer trüben
Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: »Frau Brandt
verlangt Schlüssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung
nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das Telegramm war
uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. »Ich
muß nach Berlin -- sofort --. Sie kann alles zerstören,« knirschte
Heinrich, »und du -- du Arme?!« »Zunächst begleite ich dich, -- alles
weitere besprechen wir unterwegs.«
In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff über
die schweißtriefenden Pferde. Wir mußten den Schnellzug erreichen.
Unterwegs bekam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam,
ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und Heinrichs
angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. »Wirst du weiter
können?« Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit,
um ruhig denken zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen
ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis --. »Bis
alles gut ist, mein armer Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher
wäre, daß du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, -- für mich ist
der Kampf ein Kinderspiel --« Der Triumph des Sieges blitzte schon aus
seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum
Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit
einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen anonymen Wisch bekam ich
soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken können. Da aber
Wiederholungen, womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind,
und ich von deinem Anstandsgefühl doch noch so viel erwarte, daß der
Inhalt dieses Schriftstückes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht
mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er uns seine
Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert ...«
»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, »du stehst, wie
notwendig es ist, daß wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die
letzte sein!«
Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast scheint's, als freutest
du dich, daß du fort mußt!«
»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wäre
bange geworden vor der Größe meines Glückes, wenn sein Besitz keine
Opfer kosten würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir nahmen
Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.
* * * * *
Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein.
Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten
am klaren Bach. Stundenlang saß ich hier in wachen Träumen. Zuweilen
folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mußte
ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und sah, wie einst als
Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern
hinauf und saß zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite
Bergschatten das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen der Dolomiten
fern am Horizont aufglühten wie verlöschende Fackeln.
Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und
wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung
verschweigen mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich
sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt --«, sie suchte Zeugen
gegen mich; der Preis der Scheidung würde die Verhinderung unserer
Heirat sein! »Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« --, sie
suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm
erzählen, -- und er ertrüge es nicht, so nicht, -- er würde Heinrich vor
die Pistole fordern!
Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt,
aber nur über die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins
wegen Urkundenfälschung zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel,
dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar
dem Schwindel verfällt,« den Austritt Stöckers aus der konservativen
Partei, »dieses tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer
verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf
dem Gewissen haben,« über die in seinen Jubiläumsreden stets deutlicher
zutage tretenden Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten
geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und dem bewußten Sichbescheiden
auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik
abenteuernder Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen
immer erst mühsam auf die Welt außer mir einstellen, wenn seine Briefe
Antwort heischten.
Eines Morgens kam ein Expreßbrief von Heinrich, den ich in Erwartung
erfüllter böser Träume zitternd öffnete. »Deine Liebe soll noch eine
harte Probe bestehen,« schrieb er. »Rosalie will sich nur unter der
Bedingung scheiden lassen, daß ich ihr mein ganzes Vermögen gebe. Es ist
an sich nur klein, wie Du weißt, aber es ist alles. Wirst Du stark genug
sein, einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir nur seine
Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen Willen, Dir trotz alledem
ein glückliches Leben zu erkämpfen?... Antworte mir nach reiflicher
Überlegung. Aus Deiner Hand würde ich jedes Geschick ohne Murren
empfangen. Fürchte nichts von mir, wenn Du nein sagen mußt. Das Glück,
das Deine Liebe mir schenkte, war schon so groß, daß ich Dir auch dann
noch dankbar bleibe...« Ich lächelte, von einem Alpdruck befreit; so
viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht einen Augenblick des
Besinnens gab es für mich. »Gib, was sie fordert,« telegraphierte ich.
Aber noch immer schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage später
verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermögen übertraf. Und als der
Anwalt ihr vorhielt, daß Heinrich Wucherschulden machen müsse, wenn er
ihren Wunsch erfüllen solle, sagte sie ruhig: »Mag sein, -- aber sonst
lasse ich die Scheidung nicht zu.« Sie war unersättlich. In meinen
nächtlichen Träumen sah ich sie: groß, dunkel, mit der Schleppe, die wie
eine Schlange hinter ihr her raschelte, und den weißen Raubtierhänden.
* * * * *
Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend fuhr ich nach München. Die
Stunden schlichen, die Zeiger an der Uhr wollten nicht von der Stelle
rücken. Ich hörte, wie das Leben draußen verstummte, die letzten Pferde
müde zum Stalle trotteten, das letzte Läuten der Straßenbahn verklang.
Und ich hörte wieder, wie es erwachte, wie die ersten Marktwagen im
Dämmerlicht grauenden Morgens über das Pflaster ratterten und die Tritte
der Bäckerjungen straßenweit zu verfolgen waren; wie das Räderrollen
allmählich anschwoll zu einem brausenden Ton, und kein einzelner Schritt
unter den vielen mehr zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die
über mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige Wesen, die mit
meinem Herzen Fangball spielten.
* * * * *
»Frei!« -- Ich hatte das Telegramm dem Boten aus der Hand gerissen, --
ich starrte das Wort an, bis mir die Augen übergingen. Im Zimmer ertrug
ich's nicht mehr. Zu groß war mein Glück. Und selbst als der Himmel sich
über mich spannte, war mir's, als müßte es sein blaues Gewölbe
zersprengen.
Zwei Tage mußte ich des Geliebten warten. »Nachdem Dein heimlicher
Wunsch, Du emanzipationslüsterne Frau, eine freie Ehe zu schließen, an
meinem reaktionären Eigensinn endgültig zu Schanden wurde« schrieb er
neckend, »muß ich unserer altmodisch ordentlichen Verbindung auch eine
bürgerliche Grundlage schaffen.«
Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, meinem übervollen
Herzen Luft zu machen. Ein Bettler stand an der Ecke mit einem Plakat
vor der Brust: »Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,« ich
drückte ihm ein Goldstück in die Hand, was ihn so verblüffte, daß er
seiner Stummheit vergaß und ein Mal über das andere ein »Vergelt's Gott«
stammelte. Vor allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die
Maisonne zärtlich über Spitzen und Schleier strich. Und das Schönste,
was ich sah, war nur gerade schön genug, um mich für ihn zu schmücken.
Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Türe; königlich sollte sie
empfangen werden. Niemand durfte ihr begegnen, der Trauergewänder trug.
Keines Menschen Träne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem ich
sie begrüßen wollte. Und im geschliffenen Kristall des Pokals sollte
sich nur die Sonne spiegeln.
Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz zusammen. Ich sah sie
in der dunkeln Wohnung hinter den schweren Vorhängen, die immer an den
Winter glauben ließen. Würde mein Glück hell genug sein, um
hindurchzudringen? Ich fühlte, wie dumpf die Luft bei ihnen war. Würde
mein Glück stark genug sein, sie zu zerstreuen?
An einem hellen Morgen, über den der Himmel leuchtete wie ein
geheimnisvoll gleißender Opal, trug ich ein weißes Kleid und Rosen im
Gürtel, die lauter Sonnenlicht getrunken hatten und die Blütenköpfe
senkten, schwer von Schönheit. Ich wartete des Geliebten. Durch die
vielen Scheiben der Bahnhofshalle funkelte und sprühte das Morgenlicht
und malte tanzend helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben,
wenn der Tag noch herrscht, standen die großen, runden Bogenlampen über
dem hastenden Leben. Hin und her strömten bunte Menschenschwärme.
Reisefieber, das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der
Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in die Arme der Liebe
verlangt, bange Angst, die vor der Fremde zittert, malten sich in den
vielen Gesichtern. Die Züge brachten und empfingen sie in unaufhörlichem
Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die Augen auf das
helle riesige Bogenrund gerichtet, in das die großen schwarzen Schlangen
fauchend untertauchten, und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer,
brausend hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer
Lokomotive, die ihre mächtigen, blanken Glieder majestätisch
hereinwälzte, zwei zischende Garben weißer Wasserdämpfe --, sie stand.
Lauter Schatten liefen und drängten an mir vorüber, ich sah nur ihn, --
und er zog mich in die Arme, ganz fest --, alle Rosen fielen mir aus
dem Gürtel, und streuten ihre Blätter um uns, glutrote ...
* * * * *
»Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?« »Irgendwo zwischen
hohen Bergen, im Walde, wo der Dompfaff uns traut --«
»Und wann, -- wann?« heiß flüsterte seine Stimme an meinem Ohr.
»Still muß es um uns sein, ganz still, dann wird die Stunde kommen, der
wir gehorchen müssen ...«
* * * * *
Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, meines Vaters Schwester.
Vielleicht, daß sie sich für uns gewinnen ließ, daß ihr Einfluß den
Vater beruhigen könnte. Am Bahnhof trennten wir uns, er ging ins Hotel,
mich führte ihr Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das schöne
Haus mitten im blühenden Garten. Mit ungewohnter Zärtlichkeit empfing
sie mich: »Du hast mir etwas zu sagen, Kind? Fürchte dich nicht --, du
weißt, ich habe viel an dir gut zu machen.« Ich fürchtete mich doch, --
aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, so wußte ich: das Herz
würde ihr darum nicht bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die
Verständigung nicht würde herbeiführen wollen. Ich erzählte, daß ich
verlobt sei. Ich verschwieg nicht, daß er sich hatte scheiden lassen, --
um meinetwillen. Aber von der ersten Ehe erzählte ich nichts, und nichts
von dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren worden war. Ich
bekannte ehrlich, daß er, wie ich, Sozialdemokrat von Gesinnung sei,
aber ich betonte, daß seine Tätigkeit allein auf neutralem
wissenschaftlichem Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die,
wie ich wußte, für sie von ausschlaggebender Bedeutung war: »In welcher
Lage ist er?« -- da log ich: »In der besten --« Was ging das alles die
anderen an?! Mein Leben war es, für das ich allein die Verantwortung
trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht machen, und die Mutter sollte
sich nicht grämen, und mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!
Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, fast hochmütige
Zurückhaltung der »Frau Baronin« gegenüber imponierte ihr. Sie schrieb
noch am Abend einen langen Brief an den Vater. Und am nächsten Mittag
kam seine telegraphische Antwort: »Tief gerührt über die Liebe, mit der
du Alix in deinen Schutz nimmst, versage ich ihr nicht den Segen ihrer
schmerzbewegten Eltern.«
Heinrich reiste nach München zurück, -- es wäre ja nicht passend
gewesen, ein Brautpaar beieinander zu lassen! -- ich blieb noch, um in
ein paar Tagen mit Freunden, -- wie ich vorgab, -- nach Tirol zu gehen.
Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der Mutter zuerst. Sehr
liebevoll, aber doch voller Sorge. »Ich danke Gott und der lieben
Klotilde,« schrieb sie, »daß Dein Vater die große unerwartete Sache so
aufnahm und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer wird und er
noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. Wenn nur seine Gesundheit
aushält, um die ich oft sehr besorgt bin, besonders bei so großen
Erschütterungen ... Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche,
zärtliche Art, ihrem Papa alles recht gut und schön darzustellen, ihre
Bitten und Tränen haben ihn tief gerührt ... Um Deines Vaters willen
bitte ich Dich, Deine Verlobung wenigstens solange geheimzuhalten, bis
er bei Klotilde in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am
leichtesten wird beruhigen können. Auf diese Weise entgeht er am besten
dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider nicht fehlen wird ... Mir ist
das Herz so übervoll, daß ich keine Worte finde. Gott führe alles zum
Besten ...« Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich erfuhr,
daß er wußte, was ich ihm schonend verschwiegen hatte. »Wenn Du älter
geworden sein wirst,« hieß es darin, »so wirst Du verstehen, daß ich
nicht Dein Glück stören will, sondern nur mit der Erfahrung eines
Mannes, der am Ende seines Lebens steht, da kein Glück sehe, wo Du
seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt mußte bei mir
und Mama zuerst um die Erlaubnis zur Verbindung mit Dir nachsuchen, es
mußten mir ganz klar die äußeren Verhältnisse dargetan werden, die zur
Scheidung führten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt Dir bietet. Von
alledem ist nichts geschehen, und ich bin und bleibe der vor Gott und
den Menschen für Dich verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt
jeder öffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich Vertrauen zu
einem Manne haben, der zweimal geschieden ist? Ich kenne die Gründe
nicht, kann also nur bei meinem theoretischen Urteile bleiben, daß es
ihm zweimal nicht gelungen ist, seine ihm 'bis der Tod uns trennt'
angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt hinzu, daß selbst roheste
Naturen Pietät dafür haben, wenn dem Manne eben von seiner Frau ein
Kind geschenkt worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung zu wählen,
ist gewiß nicht feinfühlig. Meine Tochter ist mir zu schade, als daß ich
ruhig zusehen könnte, wenn sie in solche Verhältnisse verwickelt
wird ...«
Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich war viel zu
empfindlich, besonders gegenüber Angriffen auf den Geliebten, als daß
ich mich wenigstens äußerlich hätte beherrschen können. Mein strahlendes
Glück hatte mich blind gemacht für die Welt, in der meine Eltern lebten
und dachten. Ich empfand als bittere Kränkungen, was von ihrem
Standpunkt aus sorgende Liebe war. »Ich begreife nicht, daß Du scheinbar
gar nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden muß,« schrieb Mama
in Beantwortung eines meiner Briefe, »willst Du denn durchaus nicht die
Wirklichkeit sehen? Muß ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie
selbst Dir wohlwollende Menschen über Dich den Kopf schütteln? Du ahnst
wohl gar nicht, was und wie man über Euch spricht! Und jetzt erwähnst Du
wie etwas Selbstverständliches, daß Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen
lassen. Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur an das
Aufsehen, und was das für ein Licht auf uns alle werfen würde! Wir
wollen der Welt gegenüber betonen, daß Du mit unserem Segen
heiratest --, hier würde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng über
Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in irgend einem
stillen Ort Süddeutschlands, wohin ich und Ilse zur Trauung kommen
werden, und überlegt vor allem, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr Euch
dann fern von Berlin niederlaßt? Für alle Teile würde es besser sein,
solange der gemeine Klatsch über Euch nicht verstummt ist. Ich habe auch
an Deinen armen Vater zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und
dem jede neue Aufregung erspart werden muß ...«
Ich erwähnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, die eine Heirat an
anderem Orte bereiten würde. Wir hatten längst beschlossen, uns ohne
alles Aufsehen trauen zu lassen und gehofft, daß die Eltern angesichts
der vollzogenen Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kümmern würden.
Im nächsten Brief meiner Mutter schrieb sie: »Du erwähnst nur der
standesamtlichen Schwierigkeiten, also wollt Ihr wohl die Kirche
umgehen, -- wenn Du mir das noch antust, dann wäre es besser, wir sehen
uns nie wieder, denn das kann ich nicht überwinden, das würde ich nie
verzeihen, und Vater, Schwester und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was
Ihr damit tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todesstoß ...«
Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen
in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen
Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner
Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: »Was zu erwarten
war, ist geschehen: alle Zeitungen beschäftigen sich mit Dir und ziehen
meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen,
daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast ...
Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern,
nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und
wir tragen an Dir mit, gleichgültig welches die Bürde ist, die Du uns
auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur
Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich bin alt und
gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber ich bin notwendig für Deine
Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man
mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer
staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Daß die
Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter
eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife
ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden
Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, daß diese
Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet,
die um so reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten
wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung stehen, wenn
er die eigene Tochter unter ihnen weiß ...« Ich antwortete nicht. Wie
viel besser wäre der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande
unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über Unüberbrückbares
zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen --, litten
die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung
befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?
Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut
dämpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glück
bemerkte er meine Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes
Geburtstagsgeschenk,« rief er, mich zärtlich umarmend. »Herr Charles
Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich
dir oft erzählte, hat sich bereit erklärt, meine Zeitschrift zu
unterstützen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die
bürgerliche Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! -- Dürfen wir nun
nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. Ich schüttelte den Kopf
und hing mich fest an seinen Arm: »Laß mich erst wieder froh werden,
mein Heinz!«
* * * * *
An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen
Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen fruh scheint d'
Sunn,« versicherte der Führer, mit dem wir über unsere Pläne
verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte
zu gehen. Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen des Valser
Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief
hinunterhing, und dann die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von
schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren.
Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhütte, und der Regen
klatschte an die kleinen Fenster, daß ich mich fröstelnd in die Decken
hüllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben
meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. »Schön wird's,« sagte
er mit unerschütterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt,
wie zu einer Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen vor
dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf
einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel
dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie
lange schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten,
verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwärts,
Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner.
Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da
glänzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, -- geheimnisvoll
lockende Gräber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt,
unhörbar versanken unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht das
Reich des Todes, das wir betreten hatten?
Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; noch einmal sah ich
hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Füße
mich tragen konnten, um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.
Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum
erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut
zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die
dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt
hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer
prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz
gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß
dessen, der sie erlöste.
Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die
Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor
bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt,
zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel
war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet
in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen
Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich
hinab. »Dort will ich Hochzeit halten,« flüstere ich. Da hob mich der
Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee
in die Tiefe.
»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend
unten standen.
Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge
Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um
den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil,
Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und
die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche
Söhne will ich haben --, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus
unbekannter Tiefe meines Wesens.
Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die
Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre
braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch
keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster.
Da bin ich sein Weib geworden ...
Fünftes Kapitel
Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brütete unten in
gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes.
Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rückte auf dem
mächtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten
machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefsöhne
waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem
blumengeschmückten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit über die
dichtbelaubten Bäume am Kanal schweifen konnte und rechts die Straße
hinauf bis in die grüne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die
Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die
Kinder überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich nebenan vom
reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr:
gleich mußten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um
sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser
Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln und meergrünen Vorhängen auf die
breite Loggia hinaus: von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie
vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich musterte
erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Höhe meines vierten
Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Händler um
Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der
Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.
Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen Tuch? Richtig: es war
der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich
hatte doch rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,«
hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein »Ja« war aus vollem Herzen
gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen --,
würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin
begegnen? Würde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie
Heinrichs Söhne waren, ihr Mißtrauen besiegen können?
Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt die Mama bist!« rief
Wölfchen. Hans sah mich nur groß an und kramte in seinem Rucksack nach
einem halbverwelkten Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht hatte.
»Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient,« sagte
Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht
loben, -- jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte
ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaßen. Sie waren
vergnügt, selbst Hans wurde gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte,
waren sie ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.
»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer Betonung. »Noch hast du
zum Dank keine Ursache,« antwortete ich. Mir war seltsam beklommen
zumute.
Als wir schlafen gingen, öffnete ich gedankenlos die Tür zum Zimmer der
Kinder, -- es hatte mir in den acht Tagen seit unserem Einzug als
Ankleideraum gedient --, erschrocken fuhr ich zurück: »Bist du's,
Mutter?« rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die Türe
wieder ins Schloß; auf Zehenspitzen schlich ich ins Bett. »Liebste --
Einzigste!« flüsterte Heinrich und zog mich in seine Arme. Noch waren
wir in den Flitterwochen unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder
Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. Heute aber wehrte
ich dem Geliebten mit einem ängstlichen Blick auf die Tür, -- kaum daß
ich seinen Kuß zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein.
Zehnjährige Knaben sind hellhörig.
Am nächsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. Ich hatte mich
überzeugt, daß sie ganz neu eingekleidet werden mußten, auch die
Schulbücher galt es anzuschaffen. In recht gedrückter Stimmung kam ich
nach Hause; die Einkäufe hatten ein großes Loch in mein Portemonnaie
gerissen. Siebenzig Mark, -- das war der ganze Rest meiner Erbschaft;
auf unsere Reisen, auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen;
Heinrich hatte schließlich auch noch den ganzen Haushalt der
geschiedenen Frau mitgegeben, und es war nun nötig geworden, alles
Fehlende zu ersetzen. Gewiß: ich hätte weniger ausgeben können --; ich
hatte an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim zu schaffen,
das ihrer würdig war. Glückselig hatten wir in den Tag hineingelebt; nun
erst schien das Alltagsleben anzufangen, ganz nüchtern, ganz prosaisch,
mit seinen täglichen kleinen Forderungen und seinen persönlichen Sorgen,
in deren Schwüle der Altruismus so leicht verdorrt und der Egoismus
üppig emporwuchert. Mir sank der Mut: wie würde Heinrich, der, wie es
schien, an die Unerschöpflichkeit meiner Kasse ebenso fest geglaubt
hatte wie ich, die unerwartete Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch,
-- dem ersten Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige
Studenten stets irgendwo draußen gegessen, -- nicht gerade redselig.
Gut, daß die Buben so viel zu erzählen wußten!
Als wir uns am Schreibtisch allein gegenübersaßen, Korrekturen und
Manuskripte vor uns, bekannte ich Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich
ganz entgeistert an. »Aber das ist doch nicht möglich!« sagte er
schließlich und strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. »Du hast
dich bestehlen und betrügen lassen --«, fuhr er dann los mit einem
Ausdruck und einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen
ließen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater ausgesehen,
wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns verängstigt aus dem Zimmer
entfloh. Mir stürzten die Tränen aus den Augen. »Und nun weinst du auch
noch, -- als ob damit geholfen wäre --« rief Heinrich aufgeregt. Ich
drückte mein Taschentuch vor die Augen, stand auf und riegelte
geräuschvoll die Schlafzimmertür hinter mir zu. Ich hörte, wie er die
Entreetür krachend ins Schloß warf. Es war die erste, ernste Differenz
in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen Schritten unten über
den Lützowplatz gehen sah, war mein Kummer verflogen. Ich hätte ihn,
ohne Rücksicht auf die Verwunderung der Menschen, zurückgerufen, wenn
meine Stimme ihn erreicht haben würde. Nun stand ich weit hinausgelehnt
auf der Loggia und winkte mit dem Tuch, das noch feucht von meinen
Tränen war. Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem Korb
voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, als er in ihre Nähe kam.
Zögernd ging er an ihr vorüber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als
habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er der alten Frau
alle Rosen aus dem Korbe nahm, und den Weg hastig zurückging, den er
gekommen war. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er
winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe hinab, ihm
entgegen. Wir sanken einander in die Arme. »Verzeih mir, Geliebte,
verzeih!« flüsterte er. »Was sollte ich dir zu verzeihen haben ...!«
Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall um einen Vorschuß zu
bitten; vierundzwanzig Stunden später depeschierte er: »Anstandslos
bewilligt. Sei ohne Sorgen.«
* * * * *
»Nun müssen wir doch wohl ein paar Besuche machen,« meinte Heinrich
seufzend, ein paar Tage später, »bei meinem Bruder, bei August, bei dem
Alten --«
Wir gingen zuerst zum »Vorwärts« in die Beuthstraße, in dessen Redaktion
mein Schwager tätig war, Dunkle, schmierige Steintreppen führten hinauf.
Nur spärlich drang das Tageslicht in die Redaktionsräume, vor deren
Fenstern ein großes Fabrikgebäude mit dem Rattern seiner Maschinen und
den grauen Gestalten, die sich eilig hin- und herbewegten, als ständiges
Menetekel für die Vertreter der Arbeiterschaft drüben aufgerichtet
schien. Zwischen Haufen von Büchern und Zeitungen saß mein Schwager,
blaß und abgespannt.
Er war immer überarbeitet, denn zu seiner redaktionellen Tätigkeit
lastete er sich stets noch tausend andere Dinge auf.
»Du interessierst dich ja für die Konfektionsarbeiter,« wandte er sich
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