Schreiben, das Dr. Jacob, mein alter Gegner aus der Ethischen
Gesellschaft, an mich richtete, »jetzt, im Jubiläumsjahr, wo das
unverantwortliche, antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie
selbst solche Kreise erbittern muß, die vielen ihrer Forderungen
sympathisch gegenüberstanden, ist nicht der Augenblick, um zu
gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich bezweifle auch, daß Sie Kapitalien
finden, die Ihnen zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel
zur Verfügung stellen werden.« Und Frau Schwabach, die einzige unter den
Frauenrechtlerinnen, der ich ein ernsteres Verständnis der Sache
zutraute, war gleichfalls voller Bedenken gewesen. »Wir müssen zuerst
die Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fähig sein sollen,«
hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die Gewissen einlullt, das
Selbstvertrauen betäubt und die Schuld trägt, wenn vor lauter
Vorbereitung zur Tat die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben
wird.
Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei ihrer Freundinnen --
Arbeiterinnen wie sie --, um ihr Urteil zu hören und ihren Rat, der mir
der weitaus wichtigste erschien, zu erbitten.
»Sie müssen für heute aufhören, mein lieber Schmidt,« wandte ich mich an
den Studenten, der vor den letztem Regalen des Bücherschranks hoch oben
auf der Leiter stand, »es ist unverantwortlich von mir, daß ich Ihre
Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.«
Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und strich sich die
dichten schwarzen Haare aus der heißen Stirn.
»Muß ich wirklich schon fort?« Hastig wandte er sich um und rieb die
roten, knochigen Hände wie fröstelnd aneinander. Ich nickte, denn schon
hörte ich draußen die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.
»Ach, -- wenn ich doch wirklich etwas für Sie tun könnte --,« damit
senkte er den Kopf tief auf meine Hand.
In dem Augenblick öffnete sich die Türe, und die drei Frauen traten ein.
Sie sahen uns, wechselten sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein
leises spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen der einen, der großen,
hageren; -- ein Gefühl, als hätte mich jemand mit Schmutz beworfen,
beschlich mich. Flüchtig erinnerte ich mich, daß meine Mutter die
Anwesenheit eines jungen Herrn bei mir, der Witwe, für unpassend erklärt
hatte, -- aber waren nicht diese Frauen Vorkämpferinnen einer freien
Weltanschauung?! Ich richtete mich gerade auf, zog meine Hand aus der
sie noch immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen Verbeugung
drückte sich der junge Student an den neuen Gästen vorbei zur Türe
hinaus.
Bei Kaffee und Kuchen überwanden meine Besucherinnen die erste
Verlegenheit. Sie hatten sich in den besten Sonntagsstaat geworfen und
saßen kerzengerade auf den weichen Lehnstühlen; bei jeder Bewegung
krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und die vielen
bunten Blumen auf ihren Hüten schwankten hin und her. Nur Martha
Bartels, die nicht zum ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.
Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen Näherin hatte sich seit unserem
letzten Zusammensein verändert.
»Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes mitzuteilen,« sagte
sie mit einem leisen gönnerischen Ton in der Stimme, den sie damals noch
nicht gehabt hatte, als sie mich »Frau von Glyzcinski« nannte. Freilich,
sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt nur eine Novize
in ihren Reihen --, dachte ich und bezwang die gereizte Stimmung, die
sich meiner zu bemächtigen drohte.
Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erwärmend, setzte ich
ihnen meine Pläne auseinander. »Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,«
schloß ich; »wir können für die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit
ihnen geschieht --«
Tiefe Stille. Die drei löffelten in ihren Kaffeetassen, stießen einander
unter dem Tische an und wollten nicht mit der Sprache heraus. »Ja --,«
meinte Martha Bartels schließlich gedehnt, »das ist ja alles ganz schön
und gut, aber was uns das eigentlich angeht --! Wir wissen doch längst,
wie's bei uns aussieht, und um die Neugierde der Bourgeoisdamen und
-herren zu befriedigen, oder sie gar in unseren Organisationen
herumstänkern zu lassen, -- dazu sind wir nicht da.«
Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen giftigen Blick
zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen mit gutmütigen braunen Augen,
drehte sich hastig auf dem Stuhle um, so daß die Sprungfedern knackten.
»Da bin ich nun ganz und gar anderer Meinung,« rief sie, »wir wären
schön dumm, wenn wir so eine Unterstützung von der Hand weisen wollten.
Wir haben, weiß Gott, keinen Überfluß an Kräften, und wenn wir sie noch
dazu nach unserem Gutdünken benutzen können --«
Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern auf dem Tisch. »In
meinem Kreis, Genossin Wiemer, kann ich dafür keine Stimmung machen,«
sagte sie scharf.
»Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend Frauen haben Sie
neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson gewählt, -- das macht
den Kohl nicht fett!« spöttelte die Angeredete. »Die Männer haben,
gottlob, auch noch ein Wörtchen mitzureden!«
Frau Resch kicherte: »Sie freilich meinen immer, Sie haben die Männer am
Bändel --!«
Stumm, in wachsender Verblüffung hörte ich der Debatte zu, die sich mehr
und mehr ins Persönliche verlor.
»Im übrigen: was ereifern wir uns,« sagte Martha Bartels endlich,
während sie sich mit hochrotem Gesicht in den Stuhl zurücklehnte. »Zu
allererst werden wir doch Genossin Orbins Urteil hören müssen.«
Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war die anerkannte Führerin der
Arbeiterinnen-Bewegung, eine Frau, die ich aus der Ferne schon längst zu
bewundern gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit ihrer
Rednergabe vermochte sie alles mit sich fortzureißen.
Meine Gäste verabschiedeten sich, kühl und verlegen. Nur Frau Wiemer
schüttelte mir kräftig die Hand und zögerte beim Hinausgehen. »Wir reden
noch mal miteinander -- unter vier Augen,« flüsterte sie.
Enttäuscht -- mutlos blieb ich zurück. Tiefes Verständnis, freudige
Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit hatte ich erwartet --!
Am nächsten Morgen kam ein Brief von Martha Bartels: »Seit gestern weiß
ich nicht, ob Sie wirklich unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen,
das kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, daß Sie mit der
bürgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen haben, und deshalb können
wir kein rechtes Vertrauen gewinnen. Ich sehe nun, daß man immer unrecht
tut, wenn man den schönen Gefühlen der Bourgeoisdamen Glauben schenkt.«
Hatte sie zu ihrer Enttäuschung nicht ein größeres Recht als ich zu der
meinen? War mein ganzes Verhalten nicht wirklich ein Rückzug? Versuchte
ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen, damit ich nur
selbst fein säuberlich auf dem normalen Mittelweg mich erhalten konnte?
In meinen Hoffnungen und Wünschen sehr herabgestimmt, machte ich mich in
den nächsten Tagen auf den Weg, um die Führer der sozialdemokratischen
Partei aufzusuchen, bei denen ich mich schon angekündigt hatte.
Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte draußen in der Kantstraße, wo
inzwischen das neue Berlin aus der Erde schoß wie eine wildwuchernde
Urwaldpflanze. In der Tauentzienstraße, die vor fünf Jahren nicht viel
mehr als ein breiter Feldweg gewesen war, reihte sich ein Neubau an den
andern, -- hohe vier- und fünfstöckige Häuser, mit lauter Wohnungen zu
neun bis zwölf Zimmern. Wo kam der Reichtum nur her, der so üppig zu
wohnen vermochte? dachte ich. Und weiter nach dem Westen zogen sich
Straßen und Straßen hinaus, -- lange Spinnenarme, die über die Felder
griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine schwarze schmale Linie, am
Horizont auftauchte. Ratternd und fauchend bewegte sich die
Dampfstraßenbahn den Kurfürstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine
gemütliche einstöckige Häuschen zwischen Birkenwäldchen und
Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum Opfer gefallen! Und der
Riesenbaum, der an der Straßenkreuzung ein Wahrzeichen der Gegend
gewesen war hatte einer Kirche weichen müssen. Gut, daß er fiel, dachte
ich; wie hätten die Mauern den alten Recken beengt, wie hätte seine
trotzige, rauhe Schönheit ihre Fassadenpracht Lügen gestraft. Die Kirche
hatte sich noch immer ihrer Umgebung angepaßt, auch hier hatte sie sich
zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.
In die Kantstraße bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbrücke, im dritten
Stock, wohnte Liebknecht. Er empfing mich vor einem alten Schreibpult in
seinem winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren und
Zeitungen war, so daß dazwischen kaum ein freier Raum zum Treten übrig
blieb. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick,
der unter buschigen Brauen wie abwesend über einen hinwegsah, den wirren
dunkeln Haaren über der hohen geraden Stirn, dem grauen ungepflegten
Bart um das breite Kinn und den seltsam schiefstehenden großen Mund,
dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem Rücken speckig glänzte,
das Hemd darunter mit dem weichen halboffenen Umlegekragen, die
ausgetretenen Pantoffeln an den graubestrumpften Füßen, -- das alles
wirkte zunächst wenig anziehend. Dann gab er mir flüchtig die Hand, die
weich und zart war, -- ich mußte ihn wirklich noch einmal betrachten, um
zu glauben, daß sie diesem Manne gehörte. Sie gab mir Mut zu reden, ich
wäre ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erzählte ihm auch von
meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er lächelte mit einem gutmütigen
Spott in den Augen. »Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen
Rat geben?« sagte er. »Kümmern Sie sich nicht um sie, wenn Sie was
erreichen wollen. Die sind noch rückständiger als die Männer, können gar
nicht anders sein. Wo sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die
armen Weiber?! Schon alles mögliche, wenn sie rein aus ihrem
proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.«
Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten, es interessierte
ihn offenbar nicht; dagegen rief der Name England eine Flut von
Gedankenverbindungen in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos
bourgeoisen Standpunkt daran zu erkennen, daß ich zwar mit Burns und den
Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen Föderation,
die allein den Marxismus in England repräsentierten, verkehrt habe. Mit
den sprunghaften Übergängen eines glänzenden Geistes, der weder die
Fähigkeit hat, auf die Interessen des anderen einzugehen, noch die
Fähigkeit, sich in eine Frage zu vertiefen, kam er von da auf unsere
auswärtige Politik zu sprechen, auf das berechtigte Mißtrauen Englands
den offenbaren Weltmachtgelüsten unseres Kaisers gegenüber, auf Rußland,
an das wir um so näher uns anschließen würden, je weiter wir von
England abrückten, auf den künstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus
der Kriegserinnerungsfeiern der Gegenwart, der letzten Endes nur dazu da
sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen und die gescheiterte
Umsturzvorlage in anderer Form wieder aufleben zu lassen.
Mir war diese Gesprächswendung unbehaglich. Gut, daß ich, ohne
aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten die Eierschalen der
Vergangenheit noch so fest an mir, daß die Artikel des »Vorwärts« über
die Gedenkfeiern an den »brudermörderischen Krieg« mir das Blut in
Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit und
Gerechtigkeit in weit höherem Maße, als all die mit Orden und Bändern
behängten Kriegervereinler, die sich wie die Wilden an der blutigen
Unterdrückung eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten.
Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Chauvinismus
ein Fanatiker. »National gesinnt ist meines Erachtens nur, wer das Recht
und das Wohl anderer Nationen ebenso zu achten weiß, wie das der
eigenen,« sagte er. Und mir wurde bewußt: er fühlte international,
während ich nur die Idee der Internationalität kühl verstandesmäßig
anerkannte. Ich sprach das aus, und er nickte eifrig: »Natürlich, -- das
ist der Unterschied, -- und der kommt zum großen Teil daher, daß das
Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das Vaterland nahmen und die Welt
zur Heimat machten. Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der
Arbeit über alle Grenzen hinweg nachrennen muß, ist von Herzen
international, und die Hammerstein und Konsorten,« -- er lachte
boshaft --, »die sich vom Vaterland den Schmerbauch mästen lassen,
predigen uns Verruchten Patriotismus!« Er unterbrach sich und stand auf.
Ich wollte gehen »Daraus wird nichts, -- nun müssen Sie noch bei meiner
Frau Kaffee trinken.«
Ich wurde ins Wohnzimmer geführt. Bei Frau Major X. in Bromberg und bei
Frau Hauptmann Z. in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen --,
nur daß hier statt der Familienbilder die von Marx, Engels und Lassalle
an den Wänden prangten, statt des Stichs der Sixtina Walter Cranes
Maifestzug, und ich damals noch nicht in die rechte Sofaecke genötigt
wurde. Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen
Häusern, der Bildung und Lebensform nicht die Haut war, sondern das
Kleid. Ihm war ich irgendwer gewesen, ihr: »Frau von Glyzcinski.«
Es dämmerte schon, als ich mit ihm das Haus verließ. Er ging in seine
Redaktion, ich in die Ansbacherstraße, wo ich die Eltern aus Pirgallen
zurückerwarten sollte. »Und für meinen Plan kann ich auf Ihre
Unterstützung nicht rechnen?« fragte ich nun doch noch einmal. Er blieb
stehen. »Meine Unterstützung?! Das würde keinem von uns nützen.
Überlegen Sie sich's selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Unterstützung
wert ist!«
* * * * *
Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern und Schwester empfing,
und auch sie schienen erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die Lippen
fest zusammengekniffen, so daß sie nur noch wie ein schmaler, blasser
Strich erschienen, der Vater war feuerrot im Gesicht und räusperte sich
ununterbrochen, Ilschen hatte verweinte Augen. »Alles ging so gut,«
flüsterte sie mir hastig zu, als die Eltern ins Zimmer getreten waren,
und hielt mich im Flur zurück, »da kam es gestern abend wegen der dummen
Hammerstein-Geschichte zu einer Auseinandersetzung zwischen Onkel Walter
und Papa. Das Vertuschungssystem sei unanständig, sagte er, während
Onkel es für notwendig erklärte im Interesse der Partei. Schließlich
schimpfte Papa -- du kannst dir denken, wie --, und Onkel sagte, Papa
habe sich wohl bei seiner Tochter, der 'Genossin', angesteckt, -- ein
Wort gab das andere, Onkel zeigte Papa schließlich die Kreuz-Zeitung mit
der Notiz über dich -- --«
»So, -- nun haben wir miteinander zu reden --,« unterbrach meines Vaters
vor Erregung rauhe Stimme die Schwester. Es war ein förmliches
Verhör ...
»Mitglied der sozialdemokratischen Partei bin ich noch nicht --,« sagte
ich. Er lehnte sich tief aufatmend mit geschlossenen Augen in den Stuhl
zurück. Ich wollte fortfahren. Er wehrte mit beiden Händen ab: »Genug --
genug! Mehr will ich nicht hören -- mehr nicht!« Dann erhob er sich
schwerfällig, ging zum Schreibtisch und setzte ein Telegramm auf: »Baron
Walter von Golzow, Pirgallen. Ich habe Alix' Wort. Verlange nunmehr von
dir Ehrenerklärung. Hans.« Ich wollte widersprechen, -- des Vaters
rotunterlaufene Augen blitzten mich herrisch an, Ilse faltete hinter ihm
mit bittender Gebärde die Hände --, ich schwieg. War es Feigheit? War es
Rücksicht? Oder nichts als schlaffe Ermüdung?
Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, daß die Gartenwohnung auf
derselben Etage frei geworden sei. »Wir hätten andernfalls umziehen
müssen, nun ersparen wir das, und du ziehst einfach hierher,« sagte der
Vater; »dann haben wir Alten wieder unsere beiden Töchter,« fügte er mit
einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu und streckte mir über den
Tisch die Hand entgegen. Nur zögernd legte ich die meine hinein.
»Sehr gütig, Papa, daß du an mich dachtest, aber ich habe schon eine
Wohnung.« Er brauste wütend auf. Schweigend ließ ich den Wortschwall
über mich ergehen.
»Ich habe euch meine Überzeugung geopfert,« sagte ich dann fest, »meine
Freiheit opfere ich euch nicht ...«
Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause. Über die
menschenleere Straße schwankten ein paar Betrunkene. Wie fürchtete ich
mich sonst vor ihnen, -- gleichgültig schritt ich heute vorbei, --
meinetwegen hätten sie mit mir tun können, was sie wollten. Ich war ja
gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das einst lebendig war. In
meiner einsamen dunkeln Wohnung warf ich mich angekleidet aufs Bett und
grübelte stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich eigentlich den
Morgen erwarten müßte -- und den Tag -- und wieder einen Tag, und so in
endloser Reihe die ganze Leere des Lebens?!
* * * * *
In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf mir. Die Sonne strahlte
durch die grünumsponnenen Fenster, über die lachenden Gärten, -- wäre
ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich nichts sah, als eine gemalte
Landschaft! Von innerer Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher,
blieb vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf einem halb
unbewußten Verlangen nach hellen Kleidern. Ich saß allein vor dem alten
verräucherten Kaffee Josty und sah über den Potsdamer Platz hinweg den
Menschen nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und unter
die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gefühl von wohliger Wärme überkam
mich, wenn bewundernde Blicke mich trafen, -- ach, und Sehnsucht packte
mich, unbändige Sehnsucht nach Lebensfreude.
Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner alten Tänzer; er hatte den
schlechtesten Ruf und war doch einer der verwöhntesten Männer der
berliner Gesellschaft. Eine aufreizende, schwüle Atmosphäre verfeinerter
Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender Blick aus halbgeschlossenen
Augen, sein weicher, langsamer Händedruck ließ die Frauen erröten, denen
er sich näherte. Mir gegenüber war er ganz teilnehmender Freund. »Ihre
Blässe erhöht zwar nur Ihren Reiz, schönste Frau,« sagte er, »aber im
Verein mit Ihrer sylphidenhaften Gestalt« -- seine Blicke wanderten
förmlich über meinen Körper -- »finde ich sie beängstigend. Sie brauchen
Sonnenweide wie ein Rassepferd. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen täglich
ein paar Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den Grunewald
fahre oder nach Wannsee?« Trotz meiner Ablehnung, die nicht sehr
energisch gewesen sein mochte, hielt sein elegantes Juckergespann am
nächsten Morgen vor meiner Türe. War das wonnig, so in den jungen Tag
hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an den öden Feldern des
Kurfürstendamms, in den Grunewald hinein, dessen vereinzelte Villen sich
rasch verloren, bis zu dem kleinen Försterhaus am stillen See, in dem
die Sonne sich, ihrer Schönheit froh, eitel bespiegelte. »Wie Sie
genießen können!« sagte Graf Oer, als wir beim Frühstück im Gärtchen
saßen. »Und Sie wollen lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist
so schön und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, -- lassen Sie mich Ihr
Führer sein --« Ich fühlte seine feuchten, kühlen Lippen auf meiner
Hand, sein Knie dicht an dem meinen, -- ein unbezwinglicher Ekel
schnürte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf, raffte mein Kleid und
verließ ohne ein Wort, ohne einen Blick den Garten. Waren Genuß und
Gemeinheit Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins Kloster
gehen!
* * * * *
Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten und wichtigsten Besuch,
den ich im Interesse des Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er
lud mich zum Mittagessen ein, »dabei läßt sich am besten besprechen, was
Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft interessiert.«
In der Großgörschenstraße wohnte er, einer jener neuen Straßen, die jede
Fassadenpracht verschmähte und deren üppiger Blumenschmuck verriet, daß
die vielen kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.
Ein lächelndes Dienstmädchen in blendend weißer Schürze öffnete mir auf
mein Läuten an der blank geputzten Klingel. Ein leichter Geruch nach
frischer Seife drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das ich
betrat, blinkte die Politur der Möbel, daß sich die Bilder an den Wänden
darin spiegelten. Die vollkommenste Einfachheit herrschte hier, jede
Spur künstlerischer Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch,
Nichtvorhandenes vortäuschen zu wollen. Die kleine, runde Frau, die mich
herzlich willkommen hieß, mit der schwarzen Schürze über dem schlichten
Kleid, den von Güte strahlenden Zügen unter den glatten Scheiteln, war
wie ein Teil dieses Raumes. Sie nötigte mich in den Lehnstuhl neben dem
Nähtischchen am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.
»So eine arme, junge Frau,« sagte sie mitleidig; »ich mußte oft an Sie
denken und an Ihre Einsamkeit, -- ich wäre längst bei Ihnen gewesen,
wenn ich nicht gefürchtet hätte, zudringlich zu erscheinen.« Mir wurden
die Augen feucht, -- meiner Einsamkeit hatten sich auch die Nächsten
nicht erinnert. Mit jener Kunst verständnisvollen Zuhörens, die selbst
die beste Erziehung nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des
Herzens fehlt, ließ sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und
Wirtschaftskümmernissen erzählen. »Was, im Wirtshaus essen Sie --?!« Sie
schlug die Hände erstaunt zusammen. -- »Kein Wunder, daß Sie so blaß und
schmal werden; ordentlich herausfuttern müßte man Sie --«
Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt, die glänzenden
Augen gerade auf mich gerichtet, während ein Büschel Haare ihm keck, wie
bei einem Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand -- zu
schwer fast für den schmächtigen Körper -- fühlte ich meine Finger
umschlossen. »Ich freue mich Ihres Besuchs --,« seine Stimme klang im
Zimmer viel weicher und voller als auf der Rednertribüne, »-- nicht mehr
allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach dem Schriftstück hier --,«
er hielt das Programm des Zentralausschusses in der Hand, »-- haben wir
von Ihnen viel Gutes zu erwarten.«
Er nötigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen Raum mit wenigen
gestrichenen Holzmöbeln, blank gescheuerter Diele und musterhafter
Ordnung. Wir erörterten alle Einzelheiten meines Plans.
»Sie können mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo die Regierung nicht
eine, sondern hundert Lücken gelassen hat. Unsere Beteiligung freilich
wird sich wohl nur auf Ratschläge beschränken.«
»Damit ist mir nicht gedient!« rief ich. »Wie können wir in die Arbeits-
und Lebensverhältnisse der Arbeiter Einblick gewinnen, wenn Sie uns
nicht die verschlossenen Türen öffnen.«
»Ja, glauben Sie, ich wäre der liebe Gott?!« lachte er. »Ich könnte etwa
den Gewerkschaften befehlen, Ihren Bestrebungen Vertrauen
entgegenzubringen, oder gar unseren Frauen!!«
Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir je so gut gemundet wie
dieses einfache Mittagsmahl. Die besten Stücke wurden mir auf den Teller
gehäuft.
»Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht trübselig allein an einer
schmuddeligen Wirtstafel sitzt!« sagte Frau Bebel, befriedigt über
meinen Appetit. Sie schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar
zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein paar besänftigende
oder entschuldigende Worte ein, und als er gegen die Junker wetterte,
sah sie zuerst ihn, dann mich vielsagend an.
»Ach soo --,« er unterbrach sich ein wenig verlegen, »-- Sie gehören ja
am Ende auch zu ihnen! -- Aber mein Schimpfen ist wahrscheinlich
ein sanftes Flötenspiel gegen die Töne, die angesichts der
Kreuzzeitungsaffäre in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden. Der
Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der Edelsten und Besten,
kommt den privilegierten Beschützern von Religion und Sittlichkeit
gerade jetzt gewaltig in die Quere. Und die Sache ist noch lange nicht
zu Ende, -- die ganze Kreuzzeitungspartei, die den jungen Kaiser vor ein
paar Jahren als Zugpferd vor ihren eignen Wagen spannen wollte, wird
daran glauben müssen.« Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend,
über die politische Lage und die nächsten Zukunftsaussichten. Er sah
überall Symptome für den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft,
und auf der anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus. »Die
Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten sein
wird, ist der Anfang vom Ende. Sie appelliert zwar an die stärksten, an
die brutalen Instinkte, aber sie führt schließlich mit Notwendigkeit zur
Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in die Arme, --
gewisser, als alle Agitation von unserer Seite es vermöchte. Selbst ein
möglicher Weltkrieg zwischen den Kolonialmächten wäre nur der Auftakt
der Revolution.«
Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft zu dieser ans
Fatalistische streifenden Auffassung von der Entwicklung zum Sozialismus
und warf in diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung:
»Stehen wir nicht in Gefahr, als bloße Zuschauer die Hände in den Schoß
zu legen, wenn uns die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos
fest steht?«
»Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt! Müssen wir nicht die
Menschen für diese Entwicklung vorbereiten?«
»Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck --?«
»Sondern nur Mittel zum Ziel,« rief er lebhaft, »und ihr Wert ist nur
von diesem Gesichtspunkt aus zu bemessen!«
»Wie habe ich danach Ihr Interesse für meinen Plan einzuschätzen?« frug
ich lächelnd. »Als bloße Höflichkeit etwa?!«
»Treiben wir Sozialpolitik aus Höflichkeit?! Doch nur, weil eine
gesunde, kräftige Arbeiterschaft, die Zeit hat zum Denken und zum
Wirken, die Armee ist, die wir haben müssen.«
Ich streifte mechanisch die Handschuhe über die Finger. Mein Herz schlug
in dem raschen Takt der Melodie, die dieser Mann angeschlagen hatte. Der
Glaube an die Sache --, das war das Unüberwindliche in ihr. An der Tür
hielt mich Bebel noch einmal auf: »Ich rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas
im Kreise unserer Genossinnen erreichen wollen, -- setzen Sie sich mit
Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie zu ihr. Ist sie gegen
Ihren Plan, so haben Sie alle miteinander gegen sich!«
Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin, um ihr meinen Besuch
anzukündigen; zugleich bat ich sie, in ihrer Zeitschrift, der
»Freiheit«, meine Idee zur Diskussion stellen zu dürfen. Sie antwortete
umgehend, aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn mein Weg
mich über Stuttgart führe, so würde ihr mein Besuch willkommen sein; zu
einer Reise, eigens ihretwegen, könne sie mir jedoch nicht raten, da sie
zwecklos sein würde; von einer Veröffentlichung meines Plans in ihrer
Zeitschrift könne auch keine Rede sein: »... die 'Freiheit' ist ein rein
sozialdemokratisches Blatt, an dem ich grundsätzlich nur solche
Mitarbeiter zulasse, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.«
Trotzdem beschloß ich, zu ihr zu fahren, und wäre es nur, um die
Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren Leben und deren
Persönlichkeit ein wahrhaft vorbildliches zu sein schien. Bebel, den ich
in dieser Zeit öfter sah, erzählte mir viel von ihr: wie sie sich mit
Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe verbunden habe,
ihm nach Paris in Elend und Verbannung gefolgt sei und das schwere
Siechtum, das über ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu
verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte, in
seinem Namen Artikel schrieb und mit zwei kleinen Kindern und dem
kranken, ständiger Pflege bedürftigen Mann nicht nur das tägliche Brot
für alle schaffte, sondern auch imstande war, für die Partei
unermüdlich zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser Leistungskraft;
meine Schmerzen, meine Kämpfe schrumpften davor kläglich zusammen.
»Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert,« fügte Bebel schließlich
hinzu.
An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels zu mir geladen. Längst
erloschene Gesellschaftsvorfreuden empfand ich wieder in der Erwartung
dieser Gäste. Zum erstenmal vermißte ich schmerzlich all die vielen
graziösen Geräte, mit denen ich als Haustochter die Festtafel zu
schmücken verstand, -- ich hatte nicht einmal genug Messer und Gabeln!
Schweren Herzens entschloß ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am
notwendigen fehlte.
»Du gibst Gesellschaften?« frug Mama erstaunt. »Kaum ein halbes Jahr
nach dem Tode deines Mannes?!«
»Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses --,« antwortete
ich ausweichend, während die Scham über diese verlogene
Geheimniskrämerei mich erröten machte. War es Zufall oder Absicht, daß
mein Vater, kurz ehe ich meine Gäste erwartete, zu mir kam und Anstalten
machte zu bleiben? In quälender Angst saß ich vor ihm, alle erdenklichen
Gründe ersinnend, um ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu nötigen.
Endlich stand er auf. »Meine eigene Tochter wirft mich hinaus,« sagte er
mit einem müden, wehen Ton in der Stimme. »Lieber -- lieber Papa! --«
ich schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn. In diesem Augenblick
kam ich mir vor wie ein Verräter. Der Abend, auf den ich mich so gefreut
hatte, war für mich eine Qual.
* * * * *
Am nächsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart. Ein unbestimmtes Hoffen, das
wie durchleuchtet war von froher Ahnung, erfüllte mich: irgend etwas
ganz Ungewöhnliches würde geschehen. Auf dem Bahnhof empfing mich Frau
Orbin. Ihre Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir
vorgestellt hatte. Ich sah zunächst nichts als eine breite untersetzte
Gestalt und einen großen Hut mit zerzausten Federn, der windschief auf
ihrem Kopfe saß und ihre Züge beschattete. Fast hätte ich sie nicht
wiedererkannt, als sie ihn abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des
Hotels zu mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um Stirn und
Schläfen, helle Augen, in allen Lichtern des Regenbogens spielend, sahen
mir gerade ins Gesicht, auf der Stirn, um Nase und Mund gruben sich
kleine senkrechte Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung
der Wangen in peinlichem Mißverhältnis standen. Ohne alle
Höflichkeitspräliminarien begann sie sofort meinen Plan rücksichtslos zu
zerzausen. Sie sprach mit nervöser Überstürzung, die Worte jagten
einander, als wollte eins das andere verschlucken. »An eine
Zusammenarbeit von uns und Ihnen ist natürlich gar nicht zu denken.
Sollte von anderer Seite etwas der Art für möglich erklärt worden
sein --,« ein mißtrauisch-fragender Blick traf mich, -- »so würde
ich jede solche Absicht auf das Schärfste bekämpfen. Der politische
Kampf ist für uns das A und O. Darum ist jede Harmonieduselei mit
bürgerlichen Elementen vom Übel und kann nur verwirrend wirken, den
Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen. Nicht die Gegensätze
überbrücken, wie bürgerliche Idealisten und Ethiker wünschen, sondern
sie auf das Schärfste betonen, ist für uns die Hauptsache. Reinliche
Scheidung, -- ohne Konzessionen.«
Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und ein feines ironisches
Lächeln kräuselte flüchtig ihre Lippen. »Das ist freilich nicht immer
ganz bequem, aber für Menschen wie Parteien die einzig mögliche
Grundlage ihrer Existenz.«
Sie lud mich für den folgenden Tag zu sich ein. Hätte mich die Frau
nicht gereizt, der Sache wegen schien der Besuch keinen Zweck mehr zu
haben.
In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing sie mich, aber
ein unbestimmtes Etwas, sei es die Wahl der Bilder, der Fall der
Vorhänge oder nur die ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das
künstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre beiden frischen
Buben hereinstürmten, rotwangig und glänzenden Auges, sah ich hinter der
Rüstung der Kämpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war sie! --
Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt, die bewaldeten Hügel hinan,
die sie so zärtlich umschließen. Die Kinder und die Natur schienen Wanda
Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie sprach über Kunst
und Literatur mit dem Verständnis eines selbständigen Geistes und der
Wehmut unglücklich Liebender. »Das alles ist eingeschlafen, hat
einschlafen müssen gegenüber der großen, umfassenden Aufgabe,« sagte sie
schließlich, und ihre Augen bekamen wieder den fiebrigen Glanz des
Fanatismus.
Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann zu ihr hereinstürzte,
atemlos eine Depesche hin- und herschwenkend, während ihm hinter den
Augengläsern die dicken Tränen über die bärtigen Wangen liefen. »Engels
-- Engels ist tot --,« stieß er mühsam hervor. Mit einer abwehrenden
Bewegung der Hände -- breiter kurzfingeriger Hände, die aussahen, als
hätte der Bildhauer Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und
vergessen, sie auszuführen -- starrte Wanda Orbin dem Unglücksboten
sekundenlang ins Gesicht. Dann warf sie die Arme empor und brach in ein
konvulsivisches Schluchzen aus, unter dem ihr Körper immer heftiger zu
zittern begann. Ihre Füße würden die Schwankende nicht mehr tragen,
dachte ich, und schob ihr vorsichtig einen Sessel zu, in dem sie haltlos
versank. Inzwischen hatte sich das Zimmer gefüllt: die Eintretenden
tauschten miteinander warme Händedrücke. Alles sammelte sich um die
weinende Frau, leise Flüstergespräche, als läge der Tote mitten unter
ihnen, flogen nach langer beängstigender Stille hin und her. Eine
Familie war dies, die Stärkeres zusammengeschweißt hatte als das Blut:
aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und Idealen entsprang die Tiefe
gemeinsamer Trauer um den, der ihr Führer gewesen war. Auf Zehenspitzen
schlich ich hinaus und fühlte doch mit überwältigender Gewißheit, daß
ich dazu gehörte.
Spät am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu mir, -- sehr weich, sehr
liebevoll. »Sie hätten bleiben dürfen, Sie sind uns doch keine Fremde,«
sagte sie. Da gewann ich Vertrauen und erzählte ihr von den Zweifeln und
Kämpfen der letzten Wochen. Ich sah, wie sie lächelte, -- nachsichtig
wie eine Mutter über Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. »Im
Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen helfen,« meinte sie
dann. »Ich weiß nur eins gewiß: ist Ihre Überzeugung erst vollkommen
klar und unerschütterlich, so verschwindet vor ihr das bloße Gefühl, wie
Sommerschwüle vor dem Gewitter. Zu dieser Überzeugung zu gelangen, das
ist freilich das schwerste. Die Logik der Tatsachen, die
Lebensverhältnisse pauken dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die
sich der bürgerliche Idealist mit großer Mühe aneignen muß, wenn es ihm
überhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt, den alten Adam der
bürgerlichen Ideen abzulegen. Es ist so furchtbar schwer, aus seiner
Haut zu fahren, sich von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus
uns gemacht haben.« Ihre Augen schauten wie nach innen.
Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir jetzt zur Ausführung
meines Planes; ich würde durch ihn vielleicht am besten zur Klarheit
kommen, und an Rat und -- inoffizieller -- Hilfe von ihr sollte es nicht
fehlen. »Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften in Verbindung,
und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern, die infolge der
Bewegung, in der sie augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine
Unterstützung betrachten dürften. Und dann, vor allen Dingen, suchen Sie
unseren Genossen Dr. Heinrich Brandt für sich zu interessieren. Gewinnen
Sie ihn, so ist Ihnen geholfen: er setzt alles durch, was er will.«
Dr. Brandt! -- Ich schloß unwillkürlich die Lider, verloren in
Erinnerung. »Alle Ströme fließen in unser Meer,« hörte ich eine dunkle
klingende Stimme sagen, und flüchtig -- ein Traumbild -- tauchte ein
Mann vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen versanken
sekundenlang in den meinen.
* * * * *
Nach meiner Rückkehr schrieb ich sofort an Johannes Reinhard, den Führer
der Konfektionsarbeiter-Bewegung, und an Heinrich Brandt. Reinhard
kündigte mir umgehend seinen Besuch an; kurz darnach bestimmte Brandt
dafür dieselbe Stunde. Im ersten Gefühl starker Freude, über deren
Ursache ich mir nicht so recht klar war, wollte ich Reinhard
abschreiben, um den anderen bald und zuerst zu sehen. Über mich selbst
errötend, zerriß ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen
hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu verschieben.
»Schade,« antwortete er mir, »ich wäre gern gleich gekommen. Vorgestern
las ich in der wiener 'Zeit' einen Artikel von Ihnen, der mich so
entzückte, daß der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in mir rege
wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am selben Morgen Ihr Brief.«
Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken Schulter die Krücke,
das Gesicht noch gelber, als da ich ihn zum letztenmal in der
Egidyversammlung gesehen hatte, die schwarzen, dünnen Haarsträhnen wie
festgeklebt um den breiten Schädel und die tief eingefallenen Schläfen.
»Hielte ich Ihren Plan nicht für gut, für notwendig sogar in diesem
Augenblick, wo der Reichskanzler den Stillstand der Sozialreform nicht
nur zugab, sondern verteidigte, ich würde nicht so rasch hier sein,«
begann er die Unterhaltung, indem er sich mühsam, das linke Bein gerade
ausgestreckt, auf dem Stuhl niederließ. »Wir stehen in der Konfektion
seit Beginn des Jahres in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine
Ruhe läßt -- --«
»Ich weiß: um die Durchsetzung von Betriebswerkstätten handelt es sich,«
unterbrach ich ihn. »Der Zentralausschuß könnte nichts Besseres
beginnen, als Sie darin unterstützen.«
Er sah erfreut auf. »Ich sehe, Sie sind orientiert, und so brauche ich
nur hinzuzufügen, daß Ihr Zentralausschuß auch nirgends reicheres
Material zur Frage der Frauenarbeit finden könnte als bei uns. Ihren
londoner Eindrücken, von denen ich in den Zeitungen gelesen habe, würden
die berliner nicht nachstehen.«
Ich zweifelte an der Möglichkeit ähnlichen Elends bei uns. Nicht einmal
in der Nacht, wenn ich aus Versammlungen gekommen war, hatte ich so
bittere Not gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.
»Unsere Ärmsten schämen sich, -- das ist vielleicht der letzte Rest
Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit Wochen mache ich fast nichts
anderes als Besuche bei den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem
alten gelähmten Weibe, das hier im Westen, fünf Treppen hoch, ein
einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige Küche mit ihrer
Tochter und deren vier kleinen Kindern bewohnt. Von früh fünf bis nachts
um elf trampelt die Tochter die Nähmaschine, um bestenfalls neun Mark in
der Woche zu verdienen. Vor wenigen Tagen war ich in einem engen
Kellerloch, wo eine Witwe mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen
Möbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante Damenblusen,
für die sie ganze fünf Mark wöchentlich einnimmt.« Reinhard erhob sich,
rote Flecken brannten auf seinen Backenknochen, und während er
weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin und her. »In einem
anderen Keller, wo die Dielen faulen und die Fenster tief unter der Erde
liegen, arbeiten zwei Schwestern, -- junge, bleichsüchtige Dinger, --
für die, die oben in Luft und Sonne lachend vorübergehen. Ist die Ehre,
die ihr bewahrt habt, das elende Leben wert, -- hätte ich ihnen am
liebsten zugerufen. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Löchern, sah
ich ein Ehepaar mit fünf Kindern und einem Schlafmädchen; den Mann
zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs, die Frau näht
Knopflöcher für ganze vier Mark in der Woche,« -- klipp -- klapp --
klipp -- klapp, -- rascher und rascher schlug Reinhards Krücke den Takt
zu der grausen Melodie --; »eine arme Mutter fand ich in einem
sonnenlosen Winkel im Norden, sie nähte Hemden, halbfertig lagen sie auf
dem Bett, wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. Und,
denken Sie nur«, -- er blieb stehen und lachte grell auf, »-- einen
schneeweißen Mantel, bestimmt für nackte Schultern schöner Frauen, sah
ich einmal in den Händen einer Syphilitischen --«
»Um Gottes willen -- hören Sie auf!« Auch ich erhob mich. »Warum
schreien Sie diese Tatsachen nicht auf öffentlichem Markte aus? Warum
kleben Sie Ihre Berichte nicht an alle Straßenecken? -- Kein
Reichskanzler würde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform zu
verteidigen.«
»Wir sind dabei, es zu tun,« antwortete er, und seine Sprechweise nahm
wieder den Ton der alten sachlichen Ruhe an. »Eine Broschüre, an der ich
arbeite, wird allen maßgebenden Persönlichkeiten zugeschickt und unserem
diesjährigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben außerdem,
wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative gestellt,
Betriebswerkstätten einzurichten, oder einer allgemeinen
Arbeitseinstellung gewärtig zu sein. Kommt es dazu, so wird die
Öffentlichkeit sich mit uns beschäftigen müssen. Übrigens: --,« er
dachte einen Augenblick nach, »wie wär's, wenn Sie die Tätigkeit Ihres
Zentralausschusses auf eigene Faust beginnen und mich bei meinen
Recherchen zuweilen begleiten würden?«
Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der nächsten Zeit brachte ich
fast täglich ein paar Stunden mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die
ich noch nie gesehen hatte, lange, nüchterne Straßenzeilen, die Häuser
regelmäßig aufgereiht, gleichmäßig grau getüncht; die Öde des Anblickes
nur noch erhöht durch die äußere Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten
durch enge Höfe in dunkle Hinterhäuser, die das Licht der Straße nicht
mehr fürchteten und ohne Scham die Blößen ihrer Not enthüllten. Nach
Osten, nach Süden führte uns der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt
schon preisgegebenen Boden hohe Mietskasernen an zerwühlten, werdenden
Straßen standen. Hier, zwischen den feuchten Wänden, hauste das Elend
und starrte uns an mit den glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die
grausamer in die Seele schneiden als die wildesten Schreie der
Verzweiflung.
Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter Laternen kamen und das
Licht der Friedrichstadt uns blendend empfing, haftete mein Auge
staunend an den glänzenden Spiegelscheiben der Läden und der
Restaurants. Prahlend breiteten sich hinter den einen all die
Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Körper schmücken, das
Leben bereichern; lachend, scherzend, mit vollen Taschen und glänzenden
Augen saßen hinter den anderen die reizenden Frauen, deren einziger
Daseinszweck ihre Schönheit zu sein schien, und die Männer, die ihnen
huldigen. Wie war es nur möglich, daß die von draußen, aus den grauen
Häuserzeilen und den werdenden Straßen, nicht dicht gedrängt, auf leisen
Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um all die Pracht zu
zertrümmern, das Lachen erstarren zu machen?!
Und in meinem Herzen nistete der Haß sich ein für alle die, die nicht
mehr hassen konnten.
* * * * *
Am frühen Morgen des 18. August war es. Eine arme Frau hatte ich
besucht, die ich auf einem unserer Wege gefunden hatte. Sie war
sterbenskrank, -- ach, und wie gern wollte sie sterben, wenn nur die
Kinder nicht gewesen wären, die sie fester als alle Arzeneien der Welt
ans Leben ketteten. Die durchsichtigen Finger durften sich nicht zum
Schlafen friedlich ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weiße
Leinwand fest, um zierliche Namenszüge, stolze Freiherrn- und
Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung hatte ich ihr gebracht,
-- Hoffnung, daß sie bald ruhig werde sterben dürfen. Nun ging ich nach
Hause, den Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Königsstraße
geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich mit sich riß: geputzte
Frauen mit jenem aus Neugierde, Aufregung und Nervenspannung gemischten
Ausdruck in den Zügen, der gewöhnliche Menschen bei allen großen
Ereignissen, -- seien es Feuersbrünste oder Hochzeitsfeiern, --
charakterisiert, Männer im Sonntagsstaat, irgend eine Medaille oder ein
Kreuz auf der Brust, das in diesen Tagen der Freibrief für alles war:
Betrunkenheit -- man nannte sie Begeisterung --, Roheit gegen
Nichtdekorierte, -- man nannte sie Vaterlandsliebe. Ich sah um mich:
Fahnen flatterten von den Häusern, Straßenverkäufer boten mit krähender
Stimme Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel,
Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals war
heute.
Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte Liebesbriefe, hatte
der Vater gestern die Generalsuniform aus ihren Seidenpapierhüllen
herausgeholt, hatte die Stickerei, die Knöpfe und die vielen Orden
selbst mit einem Lederläppchen abgestaubt und war gewiß heute früh, voll
Erregung, zum Schloß gefahren.
Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten
vorgedrungen. Ein Vorwärts gab's nicht mehr, ein Zurück noch weniger. Es
galt, auszuhalten. Die Galawagen der deutschen Fürsten rollten vorüber
in ihrer altertümlich schwerfälligen Pracht, dröhnenden Schrittes rückte
die Garde auf den Schloßplatz, hinter ihr mit wehenden Fahnen Ulanen,
Dragoner und im blitzenden Küraß die Gardedukorps.
Von hinten hauchte mir ein heißer Atem in den Nacken, der nach
klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt der dicken, kleinen Frau
neben mir stieg ein süßlicher Schweißgeruch. Mich ekelte vor der
Erregung der Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst
elektrisierende Musik an meinem Ohre vorüber; wie ein schlechtes
Ausstattungsstück empfand ich das bunte Schauspiel vor mir.
Unwillkürlich fiel mir das Modell des Nationaldenkmals ein: wie gut
paßte es hierher mit seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten,
seinen Fahnen, Kanonen, Gewehren und Säbeln und dem theatralisch
daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers vierschrötiges
Schlachtroß führt. Von seinem künftigen Standort, dem Winkel vor dem
Schloß, den man noch dazu dem Wasser hatte abringen müssen, tönten
Hammerschläge, Kanonendonner fiel ein, die Luft erschütternd, von tiefen
Glockenklängen untermischt.
Glocken und Kanonen, -- die führenden Instrumente im Orchester der
bürgerlichen Gesellschaft, mit denen sie das Weinen und Klagen der
Millionen zu übertönen glaubt! Ich aber hörte es, und ich wußte: der Tag
wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen und die Kanonen vor ihm
verstummen werden.
* * * * *
Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer. Wie lange war es her,
daß ich nichts als flüchtige Blicke hineingeworfen hatte, die nur der
Ordnung meiner Haare, meiner Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder:
schärfer waren meine Züge geworden und schmaler mein Gesicht, meine
Gestalt aber war noch immer die eines jungen Mädchens. Ich lächelte:
'Frau' von Glyzcinski -- und ein Mädchen, ein altes Mädchen sogar von
dreißig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, -- heute nicht. Ich
fühlte wieder, wie ich rot wurde. Daß das Weib in mir sich nicht töten
ließ! Wo doch so vieles schon gestorben war!
Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufwärterin hatte ich früh schon nach
Hause geschickt, sie war so alt und so häßlich. Dem Besuch, den ich
erwartete, wollte ich selber öffnen.
»Gnädige Frau?!« -- Eine überraschte, fragende Stimme. Ich unterschied
im Dämmerlicht der Treppe und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit
dem weiten Mantel über den Schultern, dem breiten Schlapphut auf dem
Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen Kleid mußte ihm nur wie ein
Schatten erscheinen. Ich ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes
Sonnenlicht durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal über die
Schwelle trat. Ich wendete mich um, -- meine Hand blieb vergessen in der
Heinrich Brandts. »Wir sind uns -- keine Fremden --,« stotterte ich
verlegen. »Nein, -- nein --,« antwortete er und sah mich noch immer an.
Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen aus. Ich zuckte
zusammen, setzte mich hastig, und steif und förmlich lud ich auch ihn
zum Sitzen ein.
»Nein,« wiederholte er, und seine Augen ließen mich noch immer nicht
los, während sein Gesicht heller zu werden schien, »-- Sie sind mir
keine Fremde. Kennen Sie das?« Er zog das graue Heft der Wiener »Zeit«
aus seiner Rocktasche. »Im Grunde ein ganz dummer, kleiner Artikel, den
Sie da geschrieben haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch
steckt dahinter!«
Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten mir die Wangen, seine
Stimme erfüllte die Luft um mich mit einem einzigen Wohllaut.
»Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe auch gar nicht
abgewartet, bis Sie endlich die Gnade hatten, mich herzubefehlen«, -- er
lächelte ein wenig malitiös, »Sie haben, wie ich höre, Freund Reinhard
den Vortritt gelassen, -- ich habe indessen, ohne zu fragen, den Schritt
getan, von dessen Erfolg Ihre ganze Sache abhängt.« Ich sah fast
erschrocken auf. »Oder sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben,
daß Geld, viel Geld dazu gehört?« Ich nickte lächelnd. »Ich schrieb an
einen unserer ernsthaftesten und reichsten Sozialreformer und schickte
ihm Ihr Programm. Ich zweifle nicht, daß er die Sache in angemessener
Weise finanzieren wird.«
Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer innerer Erregung
ungeschickt und hölzern heraus.
»Lassen Sie doch diese Formalitäten!« sagte er. »Wenn jemand Dank
verdient, so sind Sie es, die den Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls
nichts als sein untergeordnetes Werkzeug.«
Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erzählte von allem, was mir
seit den letzten Wochen das Herz bewegte, und Leidenschaft und Haß und
Liebe brachen durch die Dämme, die Einsamkeit und Zurückhaltung um sie
aufgeschichtet hatten.
»Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel strebt,« flüsterte er
wie zu sich selbst.
Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die Hände fest
ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War das ein Traum gewesen,
oder hatte er wirklich hier vor mir gestanden?! In diesem selben Zimmer,
wo ich Georg, meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!
Am nächsten Tag gegen Abend kam er wieder.
»Ich bin zudringlich, nicht wahr?« lachte er mir entgegen. »Aber Sie
kommen mir vor, wie ein verflogenes Vögelchen, das sich an Scheiben und
Wänden den Kopf stößt und einer Hand bedarf, die es fängt und ins Freie
läßt.«
»Sie mögen recht haben. Ich bilde mir wohl nur ein, daß ich in Freiheit
flöge, und die anderen Leute waren bisher kurzsichtig genug, mich darin
zu bestärken, wohl gar zu bewundern --«
Es dämmerte. »Entschuldigen Sie einen Augenblick,« sagte ich und ging
hinaus, um die Lampe zu holen. Als ich wiederkam, fand ich ihn über das
Manuskript eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte.
Ärgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich reißen. »Verzeihen
Sie --«, fest drückte er die Hand darauf, -- »das gehört zu meinem
Vogelfang. Wie kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?!« Ich erschrak
vor dem finsteren Gesicht, das er mir plötzlich zuwandte. »'Londoner
Gefälligkeit'! Haben Sie nichts Besseres zu tun?!« Sein Blick blieb an
der Lampe haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn
glättete sich, forschend sahen die großen grauen Augen mir ins Gesicht.
»Sie müssen sich selbst bedienen? -- Sie öffnen mir immer selbst?! --«
Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.
»Wie Sie sehen: ja!« Meine Stimme, die zuerst ein wenig verschleiert
klang, wurde klar und fest. »Ich kann mir ein Dienstmädchen nicht
halten, und ich muß solche Artikel schreiben, weil ich von meiner
Pension nicht leben kann.«
»Verzeihen Sie, -- aber wie konnte ich ahnen --« Er sah mir tief in die
Augen.
Wir waren von da an täglich zusammen, sei es, daß er mich zu einem
Spaziergang abholte, sei es, daß wir uns in der Stadt trafen. Mit tiefer
Beglückung empfand ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab. Wenn
ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in heller Aufregung über die
Sozialdemokraten schimpfte, -- »lauter Hochverräter, die man hängen
sollte«, -- so hörte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte mich
nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester Mantel, den die
Freundschaft um mich geschlungen hatte.
Die Freundschaft! -- Ich glaubte an sie, -- ich wollte an sie glauben,
auch wenn die heißen Wellen meines Herzens mich zu überfluten drohten.
»Sie müssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner Frau und meinen
Buben. Sie ist anders wie Sie, -- ganz anders, aber klug und gut, -- Sie
werden einander verstehen,« hatte er mir einmal gesagt. Es kam aber noch
immer nicht dazu, und ich drängte nicht danach.
Eines Nachmittags saßen wir zusammen auf dem schmalen Balkon des Kaffee
Klose. In weichem, silbernen Sonnenlicht fluteten unter uns auf der
Leipziger Straße die Menschen auf und nieder. Ein früher Herbstnebel,
zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen Häuserreihen,
und es schien, als dämpfte er selbst das Rasseln der Wagen.
»Sehen Sie nur, was ich heute bekam,« damit hielt ich ihm einen Brief
entgegen. »Die Wiener Fabier fordern mich zu einem Vortrag auf« -- Er
nickte erfreut, ich sah ihn von der Seite an. »Ich habe keine
Beziehungen in Wien,« fuhr ich nachdenklich fort, »-- sollten Sie auch
hier meine Vorsehung gewesen sein?!«
»Und wenn dem so wäre?!«
Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob sie sehr zerbrechlich
wäre, nahm er sie in die seine, -- eine zarte Hand mit dichtem Geäder
und nervösen Fingern.
»Glauben Sie,« fragte er langsam, nach einem Schweigen, das die Nähe
zweier Menschen zueinander verrät, »glauben Sie, daß ein Tag kommen
könnte, an dem unsere Freundschaft uns zwingt, einander 'du' zu sagen?«
Ein Zittern durchlief meinen Körper. Ich antwortete nicht. Stumm standen
wir auf, stumm fuhren wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen wir
uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen, die Finger erstarrten mir
zu Eis.
»Alix --,« wie ein Hauch kam mein Name über seine Lippen.
»Du --,« mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es dunkelte mir vor den
Augen. Einen Herzschlag lang fühlte ich seinen Mund auf dem meinen, --
dann schlug die Türe, -- ich war allein.
Und die Wände schienen um mich zu kreisen, und der Glanz der Abendsonne
wurde zu glühenden Flammen. Wie Gesang lag es in der Luft von lauter
Harfen, -- meines Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht. In allen
Weisen der Welt, im Ton süßer Wiegenlieder und stolzer Siegeshymnen sang
und jauchzte es: ich liebe.
* * * * *
Wir verkehrten wie früher miteinander. Nur die Augen wagten es hier und
da, eine andere Sprache zu sprechen als der Mund. Ich war mitten im
Packen; schon starrten die lieben Räume mich fremd und öde an, als sein
Weib kam, mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie vor mir
stand: sie war hochschwanger.
Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und nötigte sie hinein, ihr
vorsichtig die Kissen in den Rücken legend. Seine Frau! Sein Kind!! --
Der Gedanke bohrte sich mir ins Gehirn, daß es mir den Kopf zu sprengen
drohte. Nie, -- nie hatte er mir von Liebe gesprochen, dachte ich,
während ich gleichgültig freundliche Phrasen mit ihr wechselte, nur
immer von Freundschaft. Und dieser Frau vor mir mit den großen, breiten
Händen und den stechenden dunklen Augen hatte ich nichts genommen --
nichts, was ich nicht nehmen durfte. Denn daß ich ihn liebte, was
schadete das ihr?! Und war nicht mein eigenes, großes, wundervolles
Gefühl und seine Freundschaft Glückes genug für mich, die ich gelernt
hatte, auf alles Glück zu verzichten?
»Wir ziehen im Winter auch in die Stadt,« sagte sie ruhig, »sonst
bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu sehen --.« War das eine
Anspielung? Ihr Gesicht blieb unbewegt. Ȇbrigens sah ich eben im Hause,
wo Sie mieteten, eine Wohnung, die gut für uns passen würde. Das wäre
für alle Teile das beste --, und ich hätte doch auch etwas von Ihnen.
Könnte auch von Ihnen lernen, was mir leider noch an Verständnis für die
Interessen meines Mannes fehlt.« Ich begriff sie nicht; war das echt,
was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter und Mißtrauen? Feuchtkalt
lag ihre Hand beim Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen
Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange. Ich mußte mich ans
Fenster in die Sonne stellen, um wieder warm zu werden, nachdem sie mich
verlassen hatte.
* * * * *
»Gute Botschaft bringe ich!« Am frühen Morgen, ich saß noch beim
Frühstück, trat Heinrich Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend. »Die
Sache ist entschieden.« Ich griff hastig nach dem Brief, den er brachte
und las. »Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dahin entschieden,
das mir vorgelegte Projekt eines Zentralausschusses für Frauenarbeit
insoweit zu unterstützen, als ich zunächst eine Summe von achttausend
Mark jährlich dafür aussetze, die, wenn der Umfang der Arbeiten es
später notwendig macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe,
Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdrücklich erklärten, nur
die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers zu spielen, nicht zu nahe zu
treten, wenn ich Sie bitte, Frau von Glyzcinski mitzuteilen, daß die
Voraussetzung meiner Unterstützung, von der ich unter keinen Umständen
abweiche, die ist, daß die Leitung der Sache nicht in den Händen von
Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung entspringt keinerlei
persönlicher Animosität, sondern nur der Erkenntnis, der sich
gegenwärtig kaum jemand verschließen kann, daß die Sozialdemokratie zu
ruhiger Reformarbeit unfähig ist und die maßgebenden Kreise einer von
ihr ausgehenden Bewegung mit Recht ablehnend gegenüberstehen würden.«
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