Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage
wurde angenommen. Graf Bülows Politik der Ablenkung des Volksinteresses
bewährte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu
unseren Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert auf die
internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach
der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging:
»Deutschland muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu
können!«
Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite
Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionäre die
patriotische Stimmung ausgespielt.
* * * * *
Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwärts gerichtet,
besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfüllt, waren jeder tieferen
Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht
gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Wühlens gegen uns war in
kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der
Zeitschrift überstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht
länger die Augen davor verschließen, daß unsere Mittel auf einen
winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.
»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann haben Sie sich
durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter
Geschäftsmann war.
»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir kein Vierteljahr mehr
gesichert sind!«
»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,«
erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen wir dadurch die Sache.«
Die Furcht flüsterte mir zu: »Gib auf, solang es noch Zeit ist.«
»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme meines Herzens.
* * * * *
Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurück. Sie war in einem
Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.
»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder vor mich hin, »und
jetzt komme ich zu dir und will arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah
ich sie an. »Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses
Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.
»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse
ist,« fuhr sie zu plaudern fort. »Er holte nach, was du zu tun
versäumtest; gab mir Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin
überzeugte Sozialdemokratin.«
»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du mit deinem Grauen vor
dem Pöbel?!«
Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, daß man sich
entwickelt? -- Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?!
-- Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude
zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen,
wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann
meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen,
wenn er mich brauchen kann.«
Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner
Schwester, als Heinrich sie begrüßte. Er fand sich rascher in die
veränderte Situation.
»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte er lebhaft.
»Ja, -- ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie zögernd.
»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« wandte er sich an
mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das
wichtige, noch so sehr vernachlässigte Gebiet der künstlerischen
Volkserziehung zu dem ihren zu machen?«
Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt
vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie
nichts so gerne hörte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte
als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände
entgegen:
»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu beweisen, daß du zu
uns gehörst. In der Partei ist viel Raum für Kräfte wie die deinen.«
Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, daß
irgendein Gedanke ihn beschäftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und
nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn wir Ilse
aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu
beteiligen?«
Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.
»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.
»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« entgegnete er
stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel setzen, ist dir
selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil ihres Vermögens opfern
soll, kommt dir unmöglich vor. Und doch könnte das ihr geben, was ihr
fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr
ist als Laune und Spielerei.«
Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun und lassen, ist unsere
Sache, aber die Verantwortung für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen.
Niemals ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«
Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts
fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, -- wo wir in zwei,
drei Jahren über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar
keinen Glauben an die eigene Sache?«
»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß --,« meine Hände preßten sich
flehend ineinander, »-- aber lieber will ich mir die Finger blutig
schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die
Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an Ilse wende.«
Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich finde deinen
Standpunkt kleinlich, -- deiner und deiner Schwester unwürdig. Sie wird
sich freuen, mit einem Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten
zu können.«
Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens noch versuchen,
ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich
schwieg, sichtlich verletzt.
Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, waren umsonst.
Immer näher rückte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung
stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.
Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise
zurückkehren sah, -- so müde, so gebrochen, da hielt es mich nicht
länger: »Geh zu Ilse,« sagte ich.
* * * * *
War es der Leichtsinn der Jugend, war es die Überzeugungskraft der
Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des Überlegens dem Vorschlag
Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam es nur, daß in dem
Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit
mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume
meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung
meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.
Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als
Unterlassungssünde empfanden ließ. Selbst in den Augenblicken, wo die
Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich
arbeiten mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Daß die
Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen
sollte, -- daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heißen Nächten nach
gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem
Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und Korrekturen
gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich für den Geliebten zu
schmücken, keine Zeit mehr für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und
Finden, Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind stahl ich mir
morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und
Fühlens floß mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter
schaffen zu können.
Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon lange der Berta. Zuweilen
wunderte ich mich wohl, daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig
war. Aber jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns
nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf
die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein
besorgte?
Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nähtisch liegen.
»Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt,« sagte sie.
Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket für
»Fräulein Berta«, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe
besorgen lassen, fügte sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ
mich in ein Gespräch mit ihr ein.
»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« schwatzte sie, »es kostete nur
sechzig Mark. Und Fräulein Berta kann sich wohl mal was selber gönnen,
nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«
Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war doch, wie sie oft
genug erzählt hatte, in behäbiger Lage. Nun verfolgte ich erst
aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle
Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im
ersten Gefühl der Empörung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige
bringen. Aber dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige
gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen eine Freiheit
gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet hatte, der sie geistig und
moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit
Geschenken überhäuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken
mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie zurücktreten mußte, bei
mir und durch mich verdorben worden.
Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mußte
ich mich um die täglichen Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem
die Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel
zu ängstlich, um ihn sich selbst zu überlassen. Wie müde fühlte ich
mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens
erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten können?!
Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die
volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte
gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen über den
Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen
persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen angenommen. Zur
Empörung der radikalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den
Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine
wenigstens äußere Verständigung zwischen beiden Richtungen herbeiführte
und auch die Preßfehde zu schlichten schien, ließ sich Groll und
Mißtrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen
Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, die ihre
Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem
Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig.
Kaum war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit den Berlinern
in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz
eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der
Mitarbeiterschaft über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter
verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für die Teilnehmer
und -- unter Ausschluß der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein
Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der
Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die
Brüderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaßregeln von
den Vorgängen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein
allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff
zurückwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der
Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht:
sie erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung
ein und begründete ihre Handlungsweise vor der Öffentlichkeit. Mit
gezückten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der
Partei gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der
Demokratie, sondern die der Despotie.
»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenüber der
Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen,« schrieben wir
in der Neuen Gesellschaft, »wie können wir die Selbstherrlichkeit des
Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem
Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu
schlagen vermag? Wie können wir an den endlichen Sieg unserer Sache
glauben und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die
Ansichten einzelner, -- hier des Parteivorstands, ganz besonders die
Bebels, -- zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der
Ketzerei beschuldigt wird, -- ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ...
Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...«
Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer
weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser
plötzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war
es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu säubern und auszumauern, ehe
der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der
bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert
und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken
und Fühlen.
»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten salbungsvoll unsere
Parteiblätter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und
Unterwürfigkeit für der Tugenden größte erklären, -- konnte, durfte das
die Ethik des Sozialismus bleiben?
Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit,
Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.
Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde mir eine große
Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, sodaß die Nägel mich in der
Handfläche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit
meinem Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein Schwindel. Dann
lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die
großen ernsten Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends
mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei ihm war, und er mir mit all
dem überzeugten Pathos des Kindes vorlas, -- Märchen und Gedichte, die
feierlichsten am liebsten, -- dann brauste es mir vor den Ohren, sodaß
ich kaum seine Stimme noch hörte. Was war das nur?
Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein
Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. Er hatte mir versprechen
müssen, dem Vater nichts zu sagen.
»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge
machen!« -- Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens
seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.
Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhörlich an die
Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber
mußte ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen
hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur
so lange fragen können, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter«
Hoffnung?! Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, hatte,
wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr
seinesgleichen zu gebären. Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da
ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. Und
ich mußte doch arbeiten!
Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der
Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das
»parteischädigende Treiben der Neuen Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die
rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der
erschien schon verdächtig.
Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und kalt. Etwas wie
Schuldbewußtsein machte mich ihr gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns
durchsetzen, -- um jeden Preis! -- Und ich biß die Zähne zusammen und
trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.
Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen sich vollkommen
ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hüten,« sagte sie mit scharfer
Betonung.
Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging heim, als schleppte ich
eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel
hätte verkriechen können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. Wen
einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.
Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich fürchtete mich vor
dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mörder. Ich malte mir in
dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der
Türe stand.
Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen
war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun
regungslos auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen
auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als hätte es schon
in meinen Armen gelegen.
Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Großmutter
Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Köpfchen
mit weißen Rosen bekränzt, -- ihr jüngstes Kind, das gestorben war, ehe
seine Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich stellte es auf
den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran
erinnern, daß mein Kind zum Opfer gefallen war.
Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.
Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen unter der grünumschirmten
Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem
Tische lag.
»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine Augen glänzten vor
Entzücken.
»Nun geht in grauer Frühe
Der scharfe Märzenwind,
Und meiner Qual und Mühe
Ein neuer Tag beginnt ...«
las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.
»Kein Dräuen soll mir beugen
Den Hochgemuten Sinn;
Ausduldend will ich zeugen,
Von welchem Stamm ich bin..«
Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm
ich bin,« wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide
Hände und küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.
Sechzehntes Kapitel
»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionäre von den
Soldaten zusammengeschossen,« -- »fünfzehntausend Gefallene bedecken
Straßen und Barrikaden --,« so meldete der Telegraph aus Moskau; »die
Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die
Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« -- so klangen die
Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer über die Grenze. Und schwer
und dumpf grüßten die Glocken das Jahr 1906.
Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen
Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die üppigen
Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am
Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.
* * * * *
Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir führten, der
Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preußen noch immer, dem er
galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts im
Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklärte die Regierung: das
Reichstagswahlrecht ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den
Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu:
»das Gefühl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses
angeblich ideale Wahlrecht besitzen.« Noch! -- Wir hatten achtzig
Abgeordnete im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion sie mit einer
Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht,
wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, um
»Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.
* * * * *
Die Einführung des Zolltarifs stand vor der Türe. Mit neuen Steuern und
Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das
Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras
beisammensaßen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß
zu füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und
malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber
das Volk hörte gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es
im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt
gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld
überlassen.
»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen lieber, als eine große
Menge unsicherer Mitläufer,« hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte
ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer
Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- das war der Trunk gewesen, an
dem sich deutsche Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von
der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die
Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen
die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen
hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.
In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttäuschung
gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.
An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen der Demonstration gegen
das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen
Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal lag abseits
zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die
Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war
nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer
hatten das Holz naß gemacht, so daß es nur knisterte. Wir protestierten
gemeinsam gegen die preußische und gegen die russische Reaktion, aber
mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat,
sondern ein resigniertes Gefühl der Ohnmacht.
* * * * *
Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr
die der Massen, daß sie sie nicht hören wollten?
Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saßen gebückt
am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen.
Zuweilen war mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben
gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Dürftigkeit der
nächsten Nähe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, daß ich
jeden Hauch, der durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein
verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.
Meine Schwester hatte sich verlobt.
»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit glühenden Wangen
und heißen Augen zugeflüstert. Das Leben war ihr viel schuldig
geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr
gegenüber freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. Sie führte
uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender
Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben
konnte. Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen Alb übernahm
er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger
Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken
über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein
Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich danach nur noch dichter und
dunkler zusammenzog.
* * * * *
Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern der verschiedensten
Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine
große Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehörte, an die Zeitungen
aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England.
Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei
höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte
diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen
Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der
beiden Länder wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der
englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch
bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief
meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir
würden ihr Folge leisten.
England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das
Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus
seinem Labyrinth wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine Hoffnung
sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, -- und wenn's nur ein
flüchtiges Aufatmen wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung
beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.
»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, -- in unserem Namen,«
fragte ich zögernd. »Ich möchte fort, -- hinaus, ein einziges Mal nur!«
--
Er sah verwundert von der Arbeit auf. »Wenn dir soviel daran liegt,
bedarf es gar nicht der tragischen Gebärde!« antwortete er ruhig.
Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte sträflicher
Vergnügungssucht. Ich mußte mich und ihn beruhigen, der nicht anders
denken mochte: »Ich werde Berichte schreiben, -- neue Beziehungen
anknüpfen. Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit die
Korrespondenz für ein englisches Blatt.«
Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wäre doch eine Sicherheit,
wenn die Neue Gesellschaft zusammenbräche.
Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. »Ich lese Ihren Namen
unter denen der Journalisten, die nach England fahren,« begann er
erregt.
»Gewiß,« entgegnete ich, »und was haben Sie dagegen? Keine der berühmten
bindenden Parteitagsresolutionen hindert mich daran!«
»Aber Ihr Gefühl müßte es tun,« brach er los; wollen Sie sich denn
gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! Kein Genosse wird es begreifen,
daß Sie mit einer Reihe unserer ärgsten Gegner gemeinsame Sache machen!«
»Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!« rief ich aus. »Haben
wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongreß mit Gegnern zusammen
gearbeitet, tun wir es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es
verdacht werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, deren Zweck
durchaus im Interesse der Partei liegt? Wir Mitreisenden sollen uns doch
nicht untereinander verbrüdern; uns wird nichts als die Gelegenheit
geboten, es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England zu tun.«
»Das mag alles so sein, wie Sie sagen,« antwortete er, »trotzdem dürfen
Sie -- gerade Sie, deren Stellung doch schon schwierig genug ist --
nicht als einzelne der Empfindung der Massen entgegenhandeln.«
Ich warf den Kopf zurück. Jetzt erst wußte ich, daß diese Reise nicht
nur meine persönliche Angelegenheit war. »Ich verstehe Ihre gute
Absicht,« sagte ich, »aber wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch
bestärken könnte, so sind es die Gründe, durch die Sie mich davon
abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verächtlich gewesen wie
Lakaiengesinnung, gleichgültig ob sie vor dem einzelnen oder vor der
Masse zum Ausdruck kommt --«.
»Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!« unterbrach er mich
heftig.
»Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte mich der Empfindung
der Masse beugen, nicht weil sie die rechte, sondern weil sie die
herrschende ist?! Wir kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere
Einsicht nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch im Volk nur
einen noch beschränkteren, noch despotischeren Herrscher, als unsere
Fürsten es sind.«
»Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,« lenkte er ein; »es handelt sich
doch in diesem Fall nur um eine kleine Konzession, für die Sie größere
Werte eintauschen werden.«
Ich lachte spöttisch auf: »Meinen Sie?! Man wird mir nicht mehr
vertrauen und mich nicht weniger verleumden, wenn ich auf die Reise
verzichte. Aber man wird wissen, daß ich kein Zeug zum Demagogen habe,
wenn ich auf meinen Entschluß beharre, -- auch jetzt, wo mir die Folgen
klar sind.«
Reinhard verabschiedete sich kühl und fremd. Er war einer der Besten
und Selbständigsten unter den Genossen. »Ich fürchte, wir haben ihn
verloren,« sagte mein Mann. Ich unterdrückte einen schweren Seufzer.
* * * * *
Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, der uns nach Bremerhaven
führte, freute ich mich der Gegenwart Theodor Barths; -- ein freier
Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, mit denen sich über
alle trennenden Schranken der Politik verkehren läßt. Auf dem Schiff
fanden sich die übrigen Reisegefährten ein: neunundvierzig Journalisten,
unter denen ich die einzige Frau war. Ich empfand, wie meine Anwesenheit
sie beunruhigte. Sollten sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin
behandeln? Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen
Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres Dampfers unverfälschten
Ausdruck zu geben. Offenbar störte es sie nur, daß ich ihnen durch mein
Benehmen keinen besseren Anlaß dazu bot.
Ich kümmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zügen atmete ich die
frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, die wir uns von der Küste
entfernten, fiel mehr und mehr von mir ab, was lastend und quälend mein
Herz bedrückte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander
hockten, all die Männer, Frauen und Kinder, die das Vaterland
ausgestoßen hatte. In dem Antlitz der meisten blitzte etwas wie
Zukunsfshoffnung auf. Fast dünkte es mich beneidenswert: das alte Leben
hinter sich zu lassen und nur mit dem leichten Bündel unter dem Arm
einem neuen entgegen zu gehen.
In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater für die deutschen Gäste
den ersten Empfang bereitet. Ich ging nicht hin; unsere heimische
Bühnenkunst hat uns den Geschmack für ein Komödiantentum verdorben, das
vielleicht vor fünfzig Jahren auch bei uns noch das herrschende war. Ich
erwartete statt dessen Stratfords Besuch.
»Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander gingen?« fragte er nach der
ersten Begrüßung.
Ich nickte lächelnd: »Ein Mann, wie Sie, gehört der Sache des
Sozialismus, sagte ich Ihnen.«
»Wären nur nicht der Fesseln so viele, antwortete ich, und Sie riefen
mir zu: 'wir werden sie beide zerbrechen müssen' -- nun haben wir sie
zerbrochen!«
Überrascht sah ich ihn an.
»Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei für das Parlament,«
fügte er mit einem Aufleuchten in den hellen Augen hinzu.
Ich drückte ihm die Hand.
Er schien einen Ausdruck größerer Freude erwartet zu haben. »Haben Sie
das Kettenbrechen bereut?!« fragte er zweifelnd.
»Nein, lieber Freund,« antwortete ich mit starker Betonung, »nein! Ich
erinnerte mich nur der wunden Hände, die es kostet.«
Am nächsten Morgen sprach ich John Burns auf der Themseterrasse des
Parlaments. Mir schien, als sei es gestern gewesen, daß er mir auf den
Marmortisch die Situation der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet
hatte.
»Habe ich nicht recht behalten?« fragte er im Laufe des Gesprächs.
»Nicht ganz,« entgegnete ich; »der Druck von außen preßt uns zwar
zusammen, aber er hindert nicht nur die Wirkung über seinen Ring hinaus,
er trägt auch dazu bei, daß wir unsere Kräfte im gegenseitigen
Kleinkrieg verzetteln.«
»Sie übertreiben,« meinte er leichthin. »Jeder Kampf ist Leben und weckt
Leben! Sie sind wie der Akteur auf der Bühne, der das Ganze nicht
übersehen kann, während wir, die Zuschauer, von fern mit unserem
Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der deutsche Revisionismus
siegt nicht nur, -- er hat schon gesiegt.«
Ich lächelte ein wenig von oben herab zu seinen apodiktischen Sätzen und
lenkte die Unterhaltung auf sein eigenes Wirken.
»Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich keine Arbeit schreckt,
wenn es gilt, meiner Überzeugung auch nur einen Fuß breit Boden zu
gewinnen,« sagte er, »ich scheue nichts, wenn der Preis dafür mehr Macht
ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert und dazwischen
moralische Bomben wirft, ist in meinen Augen Anarchist.«
Einer der deutschen Englandfahrer näherte sich in respektvoller Haltung.
Unser langes Gespräch setzte ihn offenbar in Erstaunen. Er wartete
darauf, vorgestellt zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John
Burns von heute war ja Minister!
Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engländer empfingen, entzog ich
mich von da an nur selten. Ich hatte meine leise Freude an den
verblüfften Gesichtern meiner Reisegefährten, die allmählich einsahen,
daß im Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die politische
Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede herbeiführt, und
ich merkte erst jetzt, wo ich einmal wieder als Gleiche von Gleichen
behandelt wurde, wieviel ich entbehrt hatte.
Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon als ich aus dem Hotel
trat, war mir aufgefallen, daß die photographischen Kameras der
englischen Reporter sich plötzlich auf mich richteten.
Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen und reichte mir mit einem
sarkastischen: »Da haben Sie wieder einmal ein unverfälschtes Zeugnis
der deutschen Sozialdemokratie,« ein englisches Morgenblatt.
Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: »Der 'Vorwärts' beschuldigt Frau
Alix Brandt, die einzige Vertreterin der sozialdemokratischen Presse bei
der Englandreise deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kündigt
ihr an, daß sie ihres unbotmäßigen Verhaltens wegen zur Rechenschaft
gezogen werden würde.«
Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und schleuderte es zu Boden.
»Das glaube ich nicht,« stieß ich zornig hervor.
Shaw lachte: »Und doch ist nichts gewisser, weil nichts folgerichtiger
ist! Die deutsche Partei ist von nichts freier als von -- Freiheit. Sie
ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und die
bürgerlichste Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei der Tat, sondern
eine Kanzel, von der herab Männer mit alten Ideen eindrucksvolle
Moralpredigten halten. Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfügung,
widersteht sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer Vorteile,
die ein öffentliches Amt mit sich bringt, und bezeichnet denjenigen, der
sich von den Freuden tugendhafter Entrüstung zu den Arbeiten praktischer
Verwaltung wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung in
öffentlichem Interesse teilnimmt, als einen Abtrünnigen und Verräter.
Freiheit vom Dogmenglauben ist eines der Grundprinzipien des echten
Sozialismus, -- die Deutschen sind dogmatischer als die Kirchenväter.
Der Wille zur Macht ist ein anderes, -- die Deutschen machen den Willen
zur Phrase daraus. Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im
Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals, -- die Deutschen stellen das auf
den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter die Herrschaft der Masse.«
Ich hatte seinen raschen Redefluß, den der Zorn diktierte, nicht
unterbrochen. Ich hörte den gleichen Ton heraus wie bei den Worten von
Burns, und in mir begann eine Saite, die schon lange leise tönte,
lebhaft mitzuschwingen.
Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von Keir Hardie.
»... Ich bin ganz außerstande, zu begreifen, welches der Grund sein
konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise zu verurteilen,« hieß es
darin. »Es ist für uns Sozialisten in England eine selbstverständliche
Gewohnheit, gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, wenn es
im Interesse der Förderung einer großen und guten Sache gelegen ist.
Unsere Erfahrung hat uns bewiesen, daß der Sozialismus dadurch nur
gestärkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, daß unsere
deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt folgen müßten, aber im
vorliegenden Fall bleibt ihre Haltung Ihnen gegenüber mir vollständig
unverständlich ...«
Ich stand nun plötzlich im Mittelpunkt des Interesses und wurde von
Interviewern belagert, die von der ganzen Sache keine andere Auffassung
hatten, als daß die große deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem
Gelächter der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen stets die gleiche
Antwort: »Die Sozialdemokratie, der ich stolz bin anzugehören, hat mit
den Quertreibereien einzelner von preußischem Polizeigeist durchseuchter
Genossen nichts zu tun.« Als aber mein Mann mir die Zeitungen schickte,
-- nicht nur den 'Vorwärts', sondern eine ganze Anzahl anderer
Parteiblätter, -- da schämte ich mich und ging den Interviewern so weit
als möglich aus dem Wege, um nicht reden zu müssen. Und doch war es
weniger die beleidigende Form der Angriffe, die mich verletzte, als die
Gehässigkeit, die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mußte sie sein, um
alle Klugheit, alle Rücksicht auf das Ansehen der Partei beiseite zu
schieben? Oder gab es etwas Lächerlicheres, als meine Reise, --
gleichgültig, ob man sie verurteilte oder nicht, -- zu einem
Parteiskandal aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte
solche Symptome zeitigen. Ich kämpfte noch mit mir, ob es nicht meiner
unwürdig wäre, mich gegen Ausbrüche der Pöbelgesinnung zu verteidigen,
als ich die Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte
zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, -- es blieb mir nichts zu
sagen übrig. Seltsam nur, daß die Ritterlichkeit, mit der er für mich
eintrat, eine alte Wunde aufs neue bluten machte, statt sie zu
schließen.
Der Schatten, der sich mir über Englands schöne Sommertage breitete,
wich nicht mehr.
* * * * *
Ich hatte immer gegen Massen-Museumsführungen, gegen Gesellschaftsreisen
und dergleichen eine ausgesprochene Abneigung gehabt. Wem Kunst und
Natur mehr sein soll als ein Gesprächsthema, der muß ihnen Auge in Auge
still und allein gegenüberstehen. Und wer vor den Heiligtümern der
Menschheit seine Andacht verrichten will, der kann es nur in Gegenwart
derer, die seine Nächsten sind.
Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, -- es war wie ein Sakrileg.
Wir kamen in sein Geburtshaus und in die blumenumrankte, strohgedeckte
Hütte seiner Liebsten, -- aber Shakespeares Geist floh vor uns.
Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universität, die sich den Typus
der mittelalterlichen Klosterstadt noch erhalten hat. Wer ihre
Säulenhallen um alte Gärten allein betreten könnte, dem müßten die Bäume
in den Weisen derer rauschen und flüstern, die hier dichteten: eines
Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an einen alten Pfeiler lehnen
und in die dämmernden Bogengänge blicken dürfte, dem würde aus dunkel
geschnitzten Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, und Cromwell,
und Newton.
Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen und hörten Reden
und Tellergeklapper.
* * * * *
Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder verlassen hatte, sprach
ich meinen Freund Stead, der als Reisemarschall der Gäste unaufhörlich
in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.
»Ihnen geht es gut,« sagte er, als wir einander in seinem Heim gegenüber
saßen.
»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit einem bitteren Gefühl im Herzen.
»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen huldigen?« fragte er
dagegen.
»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.
»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln:
leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. War ich schon so alt, daß er mir
solch einen Glücksbegriff zumutete, der mir nur mit äußerster
Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?
»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife darunter die stärkste
Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fähigkeiten zum äußersten Maß
ihrer Leistungskraft ...« Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn
um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.
Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir
vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen
der Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines
Mannes spürte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um
irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber
so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons von einem Bureau
zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine
neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives.
Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands meiner Reise
wegen über mich hergefallen, -- die vereinzelten Stimmen der
Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, -- das mochte die
höflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich entschließen,
mit leeren Händen zurückzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch
Folge leisten.
In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer
uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele
statt, an denen sich alljährlich in den verschiedenen Gegenden Englands
die ganze Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des
Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen
Geschichte, von der seine Mauern noch erzählen. Auf der weiten, von
mächtigen Bäumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem
Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen und hängenden
Weiden lautlos vorüberzieht, und dem Hintergrund einer sanft
verschwimmenden Hügellandschaft zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt
vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß und zu Pferde
in den Rüstungen und Gewändern aller Zeiten. Nun kommt die
Schlußapotheose, dachte ich, mit der Büste des Königs und einem »Rule
Britannia« aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.
Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Fürsten und Könige
langsam und leise hinter Bäumen und Büschen verschwanden. Nur einer
blieb zurück, allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange
Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der
größer ist als alle: William Shakespeare.
* * * * *
Der Wille zur Macht, -- die höchstmögliche Entwicklung der
Persönlichkeit als Ziel des einzelnen, -- der Übermensch als Ziel der
Menschheit --: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich
plötzlich die Klänge, die mir diesmal in England entgegengetönt hatten.
Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die
Ketten vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen zur freien
Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner
Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes
Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den
ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: »Das Leben sagt: Folge mir
nicht nach; sondern dir! sondern dir!« -- Galt nicht derselbe Ruf heute
der Menschheit?
* * * * *
Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Straße eine
Kapitänin der Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.
»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; »aber der Nacht
in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewiß.«
Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, die, von den Gefährten
ihres Jammers umringt, im Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte
meiner einstigen Führerin erschüttert die Hand entgegen.
»Sie würden mir heute, nach all den Reformen des Grafschaftsrats, nichts
Ähnliches zeigen können,« sagte ich.
»Man hat aufgeräumt, -- gewiß,« antwortete sie ruhig, »und an Stelle
mancher elenden Häuser neue gebaut, aber das Elend ist immer dasselbe.
Die einen sterben, andere wandern zu ...«
»Entsetzlich!« rief ich aus. »Wie können Sie das nur ertragen?!
Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit hoffnungslos?!«
Sie lächelte freundlich: »Ich habe viele Seelen gewonnen, denen für
allen Erdenjammer der Himmel offen steht.«
Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen als in diesem
Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer richtete er sich auf zwischen den
Menschen und ihrer Erlösung. Ich verabschiedete mich rasch. Den vollen
Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, durchtönte eine schrille
Dissonanz. Ich war der schaffende Künstler nicht, der die einheitliche
Lösung hätte finden können. Als ich aber dann heimwärts fuhr,
beherrschte mich nicht mehr jene niederdrückende Empfindung, mit leeren
Händen zu kommen.
* * * * *
Mein Mann empfing mich mit wehmütiger Zärtlichkeit, sodaß ich ihm
angstvoll forschend ins Auge sah. »Es ist nichts, Kind, nichts!« wehrte
er in nervöser Erregung ab. »Ich bin nur abgespannt, -- nur müde.« Aber
allmählich erfuhr ich doch, was geschehen war: eine Gruppe von
Parteigenossen seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung
seines Mandats, weil -- ich mich an der Englandreise beteiligt hatte,
und ein außerordentlicher Kreistag sollte darüber entscheiden.
Glühende Sommerhitze brütete über der Mark; an den Bäumen in den Straßen
hingen die Blätter schon gelb und tot; kein Lüftchen rührte sich, und
doch umgaben dichte Staubwolken den Wagen, der uns von Gusow nach
Platkow führte. In dem kleinen Saal herrschte unerträgliche Schwüle. Er
war schon gefüllt, als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit
harten Zügen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefährten rührten
kaum an die Mütze bei unserem Eintritt. Einen Augenblick lang
umklammerte ich den Arm meines Mannes, -- außer ihm hatte ich hier
keinen Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war die Sprache des
»Vorwärts«, den sie führte. »Das hat Berlin diktiert!« rief Heinrich.
Die Falten auf der Stirn unserer Richter vertieften sich.
Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, wie häufig schon
hervorragende Parteigenossen sich mit politischen Gegnern zu gemeinsamer
Arbeit vereinigt hätten, wie es auch an Beispielen für das harmlosere
Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe. Und als einer
wütend dazwischen schrie: »Die Monarchentoaste!« erklärte er, daß die
Teilnahme an dieser Form internationaler Höflichkeit um so weniger als
eine Verleugnung der republikanischen Gesinnung angesehen werden könne,
nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden der Landtagsabgeordneten
unterwerfen müßten. Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hände zu
schüchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber verharrte weiter in
finsterem Schweigen. Die nach ihm sprachen, hatten ihre Reden alle auf
einen Ton gestimmt: daß die Partei durch uns geschädigt worden sei.
»Für uns jibt's nur ein rechts und links,« rief der Maurer Merten; »die
Akademiker, die nich Fleisch sind von unserem Fleisch, die zieht's eben
immer wieder zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen« -- dabei
hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch -- »sowas dürfen wir uns
nich länger gefallen lassen, am wenigsten von unserem Abgeordneten. Was
wäre verloren, wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren
wäre?! Es wäre ooch noch so! Nu aber, wo sie hinfuhr, sehen wir, daß sie
kein proletarisches Bewußtsein hat; daß sie den Klassenkampf in
Harmonieduselei verwandeln möchte und statt gegen die Gegner neben uns
zu stehen mit ihnen bei Schampagner un Braten techtelmechtelt ...«
»Bravo, Bravo« -- klang es von allen Seiten, während mein Mann wütend
vom Stuhl sprang und ein »Unverschämt!« zwischen den Zähnen hervorstieß.
Mich packte ein jäher Schreck, als habe sich plötzlich vor mir die Erde
gespalten: standen wir allein auf der einen Seite und jenseits die
selbsterwählten Gefährten?!
»Die Genossin Brandt hat das Wort,« hörte ich wie von weit her sagen.
Ich sammelte mich rasch. Aller Augen sah ich auf mich gerichtet.
»Mein Vorredner,« begann ich, »hat einen konsequenten Standpunkt
vertreten, er hätte nur hinzufügen müssen, warum bei uns zum Verbrechen
gestempelt wird, was anderen kein Härchen krümmte: wir sind des
Revisionismus verdächtig. Das Schauspiel, das Sie hier aufführen, wäre
noch kläglicher, als es so wie so schon ist, wenn nicht im Hintergrund
tiefere Differenzen schliefen. Sie stehen auf dem Boden des
Klassenkampfes, -- wir auch; Sie hassen die kapitalistische
Wirtschaftsordnung, -- wir auch. Aber ihrer selbst unbewußt, führen Sie
den Klassenkampf im Sinne des Krieges; Sie wollen den Gegner
niederzwingen, Sie wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit
Jahrtausenden die Lastträger der Menschheit sind, würden es schon als
gerecht empfinden, wenn nur die Rollen der Unterdrücker und
Unterdrückten vertauscht würden. Sie sehen in jedem Vertreter der
herrschenden Gesellschaft einen Feind, weil Sie ihm als die Abhängigen,
Unfreien gegenüberstehen, weil Sie ihm schon das bloße Sattsein neiden
müssen. Wir können Ihren von der Bitterkeit des eigenen Herzens
genährten Haß nicht mitfühlen, denn nicht persönliches Leiden machte uns
zu Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht die veränderte
Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern die uneingeschränkte
Herrschaft der Menschheit über die Natur. Die Erde wollen wir erobern,
um gleiche Entwicklungsbedingungen für alle zu schaffen, nicht
Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...«
Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing es an zu dämmern. Ich
unterschied nur noch die Zunächstsitzenden. Sonst war alles eine
schwarze Masse, aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schädel, ein
weißer Bart, der glühende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.
»Die Diktatur des Proletariats!« klang es mit tiefer Stimme drohend aus
dem dunkelsten Winkel.
Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich fühlte, die Luft war
geladen mit Sprengstoff gegen mich.
Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher und leise fuhr
ich fort: »Ich habe Schulter an Schulter mit Ihnen gekämpft, -- was
bedeutet das gegenüber der Tatsache, daß ich mit politischen Gegnern auf
demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben zusammen diesen Wahlkreis
erobert, und in jener Nacht, da die alte rote Fahne als Zeichen des
Sieges über uns flatterte, hat uns ein starkes Gefühl, wie ich glaubte,
auf immer verbunden, -- aber was bedeutet das gegenüber dem Verbrechen
der Kaisertoaste! Der Zweck der Reise war nichts anderes, als was im
Interesse des Sozialismus gelegen ist, -- was bedeutet das gegenüber der
Sünde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen zu haben! Dafür
ist's nicht genug, daß unsere Presse mich beschimpfte, wie kein
bürgerliches Blatt jemals zuvor, -- nein, es muß auch noch ein Exempel
statuiert werden: der Genosse Brandt muß fallen! ... Nicht um
unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn Sie den
vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse der Partei erwarte
ich von Ihnen seine Ablehnung. Leisten Sie ihm Folge, so enthüllen Sie
eine schwärende Wunde, und das in einem Augenblick, wo die bürgerliche
Welt gierig darauf wartet, uns bei einer Schwäche ertappen zu
können ...«
Keine Hand rührte sich. Die Petroleumlampe, die von einem roten
Papierschirm umgeben, von der Decke herabhing, flammte auf und warf ein
unsicher flackerndes Licht über heiße Gesichter.
Mein Mann sprach noch einmal, -- kalt, zornig. »Ich verlange nicht nur,
daß Sie den Antrag ablehnen, sondern daß Sie ihn zurückziehen,« sagte
er.
Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich schwindeln. Während der
Pause, die die Genossen zur internen Beratung anberaumt hatten,
verließen wir den Saal. Draußen empfing uns die stille, mondhelle Nacht.
Das Armenhaus gegenüber warf einen breiten, schwarzen Schatten auf den
Sand.
»Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung seines Mandats zu
veranlassen, ist zurückgezogen,« erklärte der Vorsitzende, als wir
wieder eintraten.
Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten uns mit
einem förmlichen Gruß. Auf unserem Wege nach der Station geleitete uns
niemand.
Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit wieder vertieft, als
ich erfuhr, daß die Berliner Parteileitung mich aus der offiziellen
Rednerliste der Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und
verlangte, gehört zu werden.
Man lud mich vor. Rings um den Saal saßen die Männer, in der Mitte an
einer langen Tafel die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie waren
meine Ankläger gewesen. Martha Bartels war der Staatsanwalt. Sie zählte
alle meine Sünden auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier
Jahren hatte absagen müssen, bis zur Englandfahrt. Aber auch meine
Verteidigung war eine Anklage: ich verschwieg nichts. Mitten in meiner
Rede erhob sich Wanda Orbin ungestüm von ihrem Platz; ich sah, wie ein
Zittern ihren Körper durchlief, wie der Zorn ihre Züge verzerrte. Im
nächsten Augenblick stand sie vor mir und erhob die Faust, -- einer der
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