Fremde, Dunkle erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz ergriffen hatte. Er legte ihm das Händchen auf den Kopf; »so hat Mama auch gemacht, wie ich krank war,« erzählte er wichtig, und dann küßte und streichelte er »den lieben, guten Papa«, bis sich doch noch ein Lächeln um dessen festgeschlossene Lippen stahl. »Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?!« fragte ich leise, als der Kleine wieder davongelaufen war. »Soll dein Sohn einmal von dir glauben müssen, daß du dich feige davonstahlst?!« Er drückte mir die Hand, fest und lang. Ich wußte: wenn die Gespenster der Nacht auch nicht auf immer gebannt waren, so würden sie doch keine Macht mehr gewinnen über ihn. * * * * * Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich wochenlang hin. Es war eine seelische Folter für meinen Mann, und wenn er nach Hause kam, gab ich mir alle Mühe, ihn nicht merken zu lassen, wie ich selber litt. Draußen entwickelte sich wieder in der alten Weise der politische Kampf: Radikale und Revisionisten arbeiteten scheinbar einmütig zusammen. Es galt diesmal den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu keiner der zahllosen Versammlungen forderte man mich auf. Ich war die Gezeichnete. Und nirgends schien eine Lücke entstanden, weil ich fehlte. Ich war wie die Welle, die im Meere aufsteigt und zurücksinkt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden zusammen, -- zufällig nur, denn die Revisionisten schienen sich nach Dresden noch mehr aus dem Wege zu gehen, als vorher. Einmal kamen wir in eine ernstere Unterhaltung, und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme der Dresdener Resolution. »Mir ist es sogar fraglich,« sagte ich, »ob ihre Ablehnung nicht von einem gemeinsamen Austritt aus der Partei hätte begleitet werden müssen.« Aber ich stieß auf allgemeinen Widerspruch. »Damit hätten die Radikalen erreicht, was sie wollten,« rief der eine. »Wegen einiger Gegensätze in taktischen Fragen werden wir doch die Partei nicht im Stiche lassen,« sagte der andere. »Es wäre nichts als Fahnenflucht,« erklärte einer der Gewerkschafter. »Und wir würden zurückbleiben, als Offiziere ohne Armee,« meinte mein Mann. Ich ließ mich nicht überzeugen. »Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen Materialismus aus der Geschichte nicht allzu viel gelernt,« entgegnete ich. »Noch immer ist die Entwicklung die gewesen, daß eine große Bewegung aus sich heraus neue Bewegungen zeugt, deren Träger zunächst nichts sind als ein paar Vorläufer, als Offiziere ohne Armee. Und was nun gar die Gegensätze betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringfügigkeit.« »Nein,« antwortete einer der anderen, »aber ich glaube, und habe nach unserer bisherigen Entwicklung ein Recht dazu, daß unsere Ideen sich im Proletariat von unten herauf durchsetzen. Wir schließen Lohntarif-Verträge mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb eines Vertuschens der Klassengegensätze; wir arbeiten in den Gemeinden, in den Landtagen, und keiner wagt uns deshalb wegen des Paktierens mit der bürgerlichen Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen Macht zu werden, und kein Radikalinski hat uns noch vorgehalten, daß das gegen die Zusammenbruchstheorie verstößt und wir damit bis zum großen Kladderadatsch warten müßten.« Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte gegenüber meinen unklaren Theorien doch wohl recht haben. * * * * * Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht von Frankfurt-Lebus dem Parteitag des Kreises die Resultate seiner Untersuchungen vor, und die Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig das Vertrauensvotum. »Und du freust dich gar nicht?!« sagte mein Mann, als er nachts aus Platkow zurückkam, wo die Versammlung stattgefunden hatte. »Gewiß freue ich mich, -- aber im Grunde ist doch das alles selbstverständlich und macht das Geschehene nicht ungeschehen,« antwortete ich und dachte an die Zeitschrift, mit der wir unsere Aufgabe, wie mir schien, geopfert hatten, an die ungesühnte Kränkung, die noch immer wie eine schwärende Wunde an mir fraß, an das verstümmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst in so leuchtenden reinen Farben vor mir gestanden hatte, an die große Flamme meiner Liebesleidenschaft, die über dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte. Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu Vorträgen aufgefordert. Seltsam genug: es gab noch Genossen, die mir vertrauten, obwohl der erste unter ihnen mich für ehrlos erklärt hatte! In diesen Kreisen schien das Verständnis für eine Empfindung zu fehlen, die eine Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein mochte, und offenbar zu jenen »Eierschalen der Vergangenheit« gehörte, über die in der Partei so oft gespottet wurde. Aber wenn auch die anderen alle darüber hinwegsehen konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. Meine Zurückhaltung wurde falsch gedeutet. Meine Bemerkung über den Austritt aus der Partei mochte irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, daß ich die Stellung meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums eine schwierige geblieben war, noch mehr erschwerte. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm nach wie vor ein treuer Kamerad zu bleiben. »Sie können wieder über mich verfügen,« schrieb ich nach Frankfurt und stürzte mich in die Arbeit, von der ich hoffte, daß sie sich als Morphium für die Schmerzen meiner Seele erweisen würde. Und so lange ich am Schreibtisch über den Zeitungen und Broschüren saß, hielt sie, was ich von ihr erwartet hatte. * * * * * Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer dafür zu sorgen, daß wir nicht im Bruderzwist aufgehen konnten. Der Riesenstreik der Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit Wochen mit einer Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag kämpften und dem lockenden Gold der Unternehmer ebenso standhielten wie den Verfolgungen der Polizei, ließ uns fühlen, daß wir gegen den Feind so einig waren wie immer. Und die russische Revolution, die wie ein vom Sturm gepeitschter Brand von einem Ende des Riesenreichs zum anderen übersprang, entzündete in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern der Menschheitserlösung nun wirklich im Osten auf. Daß Preußen-Deutschland sich zum Schleppenträger des Zarismus erniedrigte, daß russische Polizisten im Verein mit den unseren die russischen Gäste der Hauptstadt verfolgen konnten, daß ein Minister die Reichstagstribüne benutzte, um die russischen Studenten der Berliner Universität samt und sonders als Anarchisten zu verdächtigen und ihre weiblichen Kollegen der Unsittlichkeit zu zeihen, daß der Reichskanzler von ihnen als von »Schnorrern und Verschwörern« sprach, -- das löste einen Schrei der Entrüstung aus. Die Partei stand wieder auf dem Posten als die einzige, die leidenschaftlichen Protest erhob. Und wenn die politischen Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit in den Genossen aufs neue zu festigen, so sorgten unsere Gegner dafür. Sie schufen den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um uns damit zu fesseln, verband uns nur. Ich sah das alles. Ich schöpfte Hoffnung daraus nicht nur für den Kampf nach außen, sondern auch für die innere Entwicklung, die um so kräftiger zu sein pflegt, je unbeachteter sie ist. Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf die Rednertribüne trat und all die vielen Augen sich auf mich richteten, da versagte meine Kraft. Das Blut brannte mir in den Wangen; -- sahen die Menschen mir den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! Und ich fühlte feindselige Blicke, spöttisches Lächeln, ich sprach wie gegen ein Tor von Erz. Meine Zuhörer blieben kalt. »Was fehlte dir nur?« fragte Heinrich mich kopfschüttelnd. Ich gab eine ausweichende Antwort. Noch ein paarmal machte ich ähnliche Versuche. Von nervöser Aufregung geschüttelt, die mir sonst fremd gewesen war, trat ich schon vor die Versammlung. Und dann sprach ich, daß ich mich selbst nicht wieder erkannte. * * * * * »Laß mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,« bat ich eines Tages, mit den Tränen kämpfend, meinen Mann, der in mich drang, ihm die Ursache meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. »Das alles war ein wenig viel für mich ...« Er stimmte mir ohne Besinnen zu. »Wenn es nichts weiter ist, als daß du Ruhe brauchst!« sagte er aufatmend und entwarf mir die schönsten Reisepläne. »Ich würde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, wenn ich sicher wäre, daß meine Alix wieder gesund und froh würde.« Und in alter Zärtlichkeit zog er mich an sich. Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach Italien, noch an die See. »Ich möchte nach Grainau --,« bat ich zaghaft, denn ich wußte, es regte sich immer eine leise Eifersucht in ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin trieb, wo so viele Erinnerungen geweckt wurden. »Ilse weiß von Tante Klotilde, daß sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, -- die Bahn ist also frei, und ein Zimmer find' ich schon irgendwo für mich und den Kleinen.« »Der Bub soll mit?« fragte er mißbilligend. »Dann hast du ja keine Stunde Ruhe!« »-- Ich hätte keine, wenn er nicht bei mir wäre,« antwortete ich. Eine Woche später fuhren wir den Bergen entgegen. Ich biß mir die Lippen wund, um die Tränen zu unterdrücken, als ich im blauen Dunst der Ferne die ersten weißen Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange leben können ohne sie! Es war früh im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade an, die Betten zu lüften und die Fenster weit aufzureißen. Vier Wochen noch, dann kamen erst die Fremden. Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer begegnete uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen standen voll bunter Frühlingsblumen, voll goldgrüner Spitzen die Bäume, und aus dem Walde kam der erste süße Maiblumenduft. Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor zum Eibsee führt, stand ein neues blitzblankes Haus mit einer großen himmelblauen Madonna in der Mauernische. Der Hof vom Bärenbauern sah daneben ganz alt und griesgrämig aus. »Bä-cke-rei,« buchstabierte mein Junge, der auf seine Lesekünste sehr stolz war; »hurra! -- da gibt's immerzu weiße Brötchen,« rief er und machte einen Luftsprung -- Semmeln waren sein Leibgericht, »-- dahin ziehen wir!« Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem großen schwarzen Hund dahinter um die Wette. In der Tür erschien der Meister, dicht hinter seinem breiten Rücken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat grüßend, den gewichtigen Schlüsselbund über der weißen Schürze, die blonde Hausfrau. Eben erst hatten sie das Haus gebaut, erzählte sie lebhaft, als wir die blankgescheuerte Treppe hinaufstiegen, und schon hätten sie die Kundschaft der ganzen Gegend. An der »feinen« Wohnung im ersten Stock gingen wir vorüber, trotz der neuen städtischen Möbel, die sie uns anpries. »Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte Bauernkram,« meinte sie entschuldigend und stieß die Türe auf. Ein blauer Schrank mit roten Herzen darauf, eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt und einem kreuztragenden Christus darüber, eine breite gewichtige Truhe voll bunter Heiligenbilder lachten uns an, wie die Wiesen draußen, so farbenfroh. Einem Vogelnest ähnlich hing ein kleiner Balkon vor der Glastür, und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit seinem faltigen Felsengesicht. »Da bleiben wir,« sagte ich, und mein Junge lief durchs Haus in den Garten, und den Hügel hinauf zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese, als müsse er von allem ringsum Besitz ergreifen. Wie gut es war, wieder schlafen zu können und die müden Augen in lauter Grün und Blau gesund zu baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich keiner. Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, rückte mit einem flüchtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen an seinem verblichenen grünen Hut. Morgens, während mein Junge sich unten am See aus Moos und Steinen einen kunstvollen Hafen baute, saß ich auf der alten Bank, dem Rosenhaus gegenüber, das sich mit seinen geschlossenen Läden und blumenlosen Altanen still und verzaubert im grünen Wasser spiegelte. Alle Rosenbüsche vor der Terrasse waren fort. »Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben lassen,« erzählte meine Hausfrau. »Sie wird wohl nimmer wiederkommen,« fügte sie hinzu. »Warum nicht?!« fragte ich erstaunt. »Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen. Auch so arg brummig und bös. Der alte Doktor von Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.« Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wußte ich, aber nicht, daß es so schlimm um sie stand. »Das Fräulein von Kleve ist allweil um sie, Tag und Nacht,« berichtete die kleine blonde Frau weiter, die froh war, wenn sie schwatzen konnte, »aber die Theres', die alte Köchin, hat mir kurz vor der Abreis' noch erzählt, daß die Frau Baronin Herzweh hat nach einer anderen,« -- dabei traf mich ein neugierig-forschender Blick -- »einer, die sich grad so schreibt, wie Sie --« Ich antwortete nicht ... Mit meiner Ruhe war es wieder vorbei. Alles wurde lebendig, was unter diesen Buchen, an diesem See, angesichts dieser Berge an Haß und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an Trennungsweh und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt, geseufzt und gelächelt hatte. Ich war nie mehr allein, und es war nie mehr still um mich. Wo ich ging und stand, -- meine ganze Vergangenheit umringte mich, und wenn ich schlafen wollte, flüsterte es mir ins Ohr: anklagend, höhnend, drohend. Eines Vormittags, -- ich saß wieder am alten Platz, mit dem Buch im Schoß und sah zu dem toten Haus hinüber, -- kam der Bub vom Bärenbauern mir nachgelaufen: »A Depeschen wär da für Sie --« Ich riß sie ihm aus der Hand, sie bestätigte nur, was ich erwartet hatte: »Baronin Artern heute morgen verschieden. Ihr sofortiges Kommen erwünscht.« Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. Mich erfüllte nur ein Gefühl: daß ich ihr viel zu verdanken hatte und sie im Kummer um mich gestorben war. In voller Sommerpracht blühte der Garten um das schöne Haus. Weinend empfing mich die Theres'. »Warum sind's bloß nit a Wochen früher gekommen --,« sagte sie immer wieder. Ich vertraute meinen Sohn ihrem Schutz. »Du herzig's Buberl,« schluchzte sie, »wenn die Frau Baronin nur dich gekannt hätt'!« Ich fing an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, daß der Tod dieser Frau meines Sohnes ganze Zukunft sichern sollte. Einen Augenblick lang fröstelte mich. Aber nein: wie konnt' ich nur zweifeln, -- auch die alte Theres' sah in ihrer Liebe zu mir nur Gespenster. Meinem Vater hatte die Tote ihr Wort verpfändet. Ich wandte mich zur Treppe. »Gnä' Frau wollen doch nicht --,« rief die Theres' und griff nach meinem Arm. »Selbstverständlich,« antwortete ich und nahm den Strauß frischer Maiglöckchen vom Grainauer Wald aus ihrer Hülle. »Sie sind alle oben, -- die Herren Leutnants und das Fräulein,« flüsterte sie ängstlich. Ich warf den Kopf zurück und richtete mich gerade auf. »Hier bin ich zu Hause gewesen, nicht sie,« sagte ich laut und schritt die Stufen empor. Hinter der Türe des Eßzimmers hörte ich Stimmengewirr. »Sie wird nicht kommen --,« sagte einer. Ich trat ein. Wie vor einer Geistererscheinung sprangen sie von den Stühlen, meine Vettern und Basen, die sich hier häuslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gruß an ihnen vorüber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren kostbaren Teppichen und seidenen Möbeln, die mir alle so lebendig schienen, so vollgesogen von Vergangenheit. Im Musiksaal, vor der letzten Türe zögerte ich. Mir klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten aus diesem Flügel hervorgezaubert hatte. Ich war ein Kind gewesen damals; die Töne waren an mir vorbeigerauscht; jetzt erst verstand ich sie: wieviel Leidenschaft, wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der Frau bewegt, die nun auf immer verstummt war. Sie lag aufgebahrt, vom betäubenden Duft unzähliger Blumen umgeben, auf ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. Ich konnte nicht in die Kniee sinken und nicht den Blick losreißen von ihr: das war sie doch gar nicht, -- das war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren Mund diesen grausamen Zug gesehen und auf ihrer Stirn diese vielen finsteren Falten. Die ich gekannt hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich hielt den Strauß Maiglöckchen noch in der Hand, als ich das Haus verließ. Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augsburger Familien mit den berühmten Namen und unberühmten Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor der dunkeln Pforte des Erbbegräbnisses der Artern weinten von allen, die es umgaben, nur zwei: die alte Theres' und ich. Und von denen, die mir einst nahe gestanden hatten, grüßte mich nur einer: mein alter Lehrer, der Pfarrer. Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erzählte mir von seinem letzten Zusammensein mit der Verstorbenen. Vor kaum zwei Monaten war es gewesen; sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen. »Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken ließ,« sagte er. »Meinen Sie?!« fragte ich zweifelnd und dachte an das fremde Gesicht, das ich auf dem Totenbett gesehen hatte. »Ich bin dessen sicher,« antwortete er; »sie wird es Ihnen auch noch beweisen,« fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann kam ihr Bankier, um mir über den Zeitpunkt der Testamentseröffnung Mitteilung zu machen. »Frau Baronin hat mich ausdrücklich beauftragt, Sie, als ihre Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen,« erklärte er. Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen Besitz zu ergreifen, und Dankbarkeit löschte alle Erinnerung an die grausamen Züge der Toten aus. Sie hatte mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm sie die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir! Es kränkte mich, daß die Theres' mich so mitleidig ansah. »Ich weiß, was ich weiß --,« sagte sie, »die da oben --« und sie ballte die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves mit dem Testamentsvollstrecker verhandelten, »-- waren immer bei ihr, -- ich hab' oft genug gehört, wie sie von Alix Brandt erzählten --.« Acht Tage später versammelten sich die Erben zur Testamentseröffnung im Gerichtsgebäude. Ein nüchterner Raum mit kahlen Wänden. Kastanienbäume vor den Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den Pulten der grauköpfige Richter, der krumme Schreiber. Auf den steifen Stühlen wir alle in schwarzen Kleidern. Zwei Schriftstücke aus verschiedenen Zeiten wurden verlesen. Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers. Das zweite, -- sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode auf dem Krankenbett geschrieben, -- enthielt nur ein paar Zeilen: »Hiermit enterbe ich meine Nichte, Frau Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und Schrift der Umsturzpartei dient.« Es wurde ganz still im Zimmer. Die Köpfe all derer, die neben mir saßen, senkten sich; mich aber überkam ein Gefühl des Triumphes. Mit fester Hand setzte ich als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verließ das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die scheu zur Seite wichen, erhobenen Hauptes. Jetzt war meiner Überzeugung auch das letzte zum Opfer gefallen. Die Schmach von Dresden war ausgewischt. Das Schicksal selbst zwang mich auf meine eigenen Füße. Nun war ich stark genug, allein zu gehen. Fünfzehntes Kapitel Draußen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. Ein Geruch von Pech und Staub erfüllte die gewitterschwere Luft. In dem dunkelsten Winkel einer jener öden Straßen Berlins, die keine anderen Farben haben als die grellbunten der Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glänzender Schaufenster fehlt, hatte der Sommer sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet: Ein enger Hof war zum Blumenteppich geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. Und öffnete sich die Doppeltür des hohen Gebäudes dahinter, so schlug Sommerblumenduft dem Eintretenden entgegen. War er von der nüchternen Straße in einen Palast geraten? Zwischen blühenden Büschen standen weiße Bänke, auf den Tischchen davor rote Rosen in Gläsern von geschliffenem Kristall. Eine Flucht fürstlicher Räume schloß sich daran, mit weichen Teppichen auf dem Estrich und Gobelins an den Wänden und tiefen Sesseln vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen in den langen Galerien daneben; ein Rascheln und Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flüstern von Frauenlippen war darin. In den großen Sälen saßen dicht gedrängt von früh bis spät lauter Frauen und lauschten mit sehnsüchtigen Augen und heißen Wangen den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom Wünschen und Hoffen ihres Geschlechts erzählten. Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Während acht Tagen wurde in vier Sektionen zugleich verhandelt. Kunst und Wissenschaft, Erziehung und Unterricht, Recht und Sitte -- nicht ein Gebiet, das das Leben des Weibes berührt, blieb unerörtert. Die Großen sprachen und die Kleinen, die Vorsichtigen und die Draufgänger, die Weiten und die Engen. Es war eine Revue der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden für alle Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu lernen. Nur die Sozialdemokratie Deutschlands hatte sich selbst ausgeschlossen, obwohl die Leitung des Kongresses ihr alle Referate über die Arbeiterinnenfrage hatte überlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit geboten worden wäre, das Elend der Massen zu schildern, das sonst in diese Säle keinen Eingang fand, und die Lehren des Sozialismus zu verkünden, die die Hunderte und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern seiner Gegner gesehen hatten. Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschluß gefügt: die christliche Idee der notwendigen Einheit von Glaubensdienst und Selbstaufopferung, die ich durch ein Leben der Selbstbehauptung glaubte überwunden zu haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz ergriffen, wo ich mich der Sozialdemokratie anschloß. Die »Sache« war die mystische Macht gewesen, die über mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei Hunderttausenden meiner Genossen, -- als wolle Gott, der von uns verlassene, sich an uns rächen, -- an seine Stelle getreten. Nun aber war der Bann gebrochen. Daß ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten Musikpalast Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer Befreiung. Ich sprach überall, wo die Interessen der Arbeiterinnen zur Debatte standen. Und allmählich strömten die Frauen mir nach, wenn ich von einem Saal zum anderen ging, und manche Diskussion, manche persönliche Unterhaltung bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der Freude an der Sensation gelten mochten, daß der Samen des Sozialismus auf guten Boden gefallen war. Gewiß, solche Wirkungen lassen sich nicht messen, sie kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie rufen in Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat jene Kräfte hervor, die von innen heraus an der allmählichen Umwandlung der Geistesrichtung der Menschen tätig sind. Während ich hin und herging und diese und jene hörte, sah ich wie groß die Wandlung schon war, die die Frauenbewegung im Laufe des letzten Jahrzehnts durchgemacht hatte. Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich in ihrem Kreise der Sozialdemokratie Erwähnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in ihren wesentlichen Gegenwartsforderungen mit denen der Partei überein. Damals war es innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung eine vereinzelte Tat gewesen, als ich das Frauenstimmrecht in öffentlicher Versammlung forderte, heute wurde in den Mauern Berlins der Bund für Frauenstimmrecht gegründet So ging es doch vorwärts, auch da, wo meine Parteigenossen nichts als Stillstand sahen, nichts anderes bemerken wollten, weil sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen Reaktion nötig zu haben, um sich selbst in um so hellerem Licht zu sehen, statt auch aus leisen Tönen den Siegesmarsch des Sozialismus herauszuhören. Mein Mann hatte ein wenig spöttisch den Mund verzogen, -- zu einem wirklichen Lächeln kam es bei ihm kaum mehr, -- als ich an dem Kongreß teilnahm. »Du bist ein Trotzkopf,« hatte er gesagt; »du übersiehst in dem Eifer, mit dem du dich dem Beschluß der Genossinnen entgegenstemmst, die Folgen, die solch eine Handlungsweise für dich haben kann. Man wird dich vollends boykottieren.« Ich zuckte die Achseln. »Solltest du wirklich schon so weit über den Dingen stehen?!« fragte er zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er sollte nicht sehen, daß ich schwächer war, als ich mich zeigte. Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach Hause kam, meinte er unmutig: »Vor acht Jahren gefielst du mir besser als jetzt, wo du dich freust, weil dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals sittlich entrüstet waren --« Ich unterbrach ihn heftig: »Wie kannst du mich so mißverstehen! -- Gewiß, ich bin nicht von Stein, ich freue mich, wenn ich höre, wie die Ideen meiner 'Frauenfrage' Verbreitung gefunden haben, ich freue mich, daß die Mutterschaftsversicherung, daß selbst die Haushaltungs-Genossenschaft aus dem Stadium des Bewitzelns in das ernster Erörterung getreten ist, und ich leugne auch gar nicht, daß Anerkennung mir wohl tut, als tröpfle mir jemand ein schmerzstillendes Mittel in eine unheilbare Wunde, -- aber das Alles ist doch nicht die Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die Entwicklung im Sinne des Sozialismus ist das einzig Feste, was mir noch nach all dem Zusammenbruch geblieben ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was ihn zu stützen, zu kräftigen vermag, so macht mich das stärker.« »Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!« warf Heinrich ein. Ich unterdrückte einen Seufzer. Seine morose Stimmung war imstande, jede Spur erwachter Freudigkeit wieder zu zerstören, wie der Fluß, wenn er im Frühjahr aus seinen Ufern tritt, mit öder weiter Wasserfläche die blühenden Wiesen bedeckt. Ich fühlte, wie auch meine Arbeitskraft darunter litt, wie Gedanke und Gefühl erstarrten, sobald sie in die eisige Atmosphäre seiner Deprimiertheit gerieten. Leise, unmerklich zunächst und doch von Tag zu Tag mehr, löste ich mich von ihm. Das Problem der Ehe wuchs, eine üppige Schlingpflanze, und drohte zu überwuchern, was noch an Liebe zu blühen verlangte. * * * * * Für die Frauenbewegung war der Kongreß neuer Wind in die Segel gewesen. Alle Fragen, die sie umfaßte, standen wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Das Für und Wider wurde leidenschaftlich erörtert, und in der konservativen kirchlichen Presse erhoben sich lauter als früher die Stimmen derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung der Ehe und der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weiblichen Geschlechts gegenübertraten. In einer Versammlung, die von einem der bürgerlichen Frauenvereine einberufen worden war, sollte diesen Angriffen begegnet werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil es mich belustigte, daß lauter ehelose alte Mädchen sich für berufen hielten, über diese Probleme zu urteilen, als in der Absicht selbst zu sprechen. Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung als die Begründerin eines neuen, schöneren, festeren Ehe- und Familienlebens: »Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und sittlich gereiften Menschen ist der glücklichste, dauerndste,« sagte sie. »Der Mann wird in der Frau nicht mehr nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen, sondern eine Kameradin, die seine Interessen teilt und fördert. Das Familienleben wird sich dadurch erneuern, denn der Mann braucht nicht mehr außerhalb seines Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch nachzugehen...« Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, und die Art, wie sie die Wogen der Frauenbewegung durch das Öl unbeweisbarer Prophezeiungen zu besänftigen suchte. Ich meldete mich zum Wort. »All Ihre schönen Argumente,« rief ich aus, »beruhen auf einem Trugschluß: der Instinkt der Sinne ist doch nicht identisch mit dem geistigen Verständnis! Nichts gibt die Gewähr dafür, daß zwei geistig reiche Individualitäten, die einander in heißer Liebe begehren, nun auch mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und Geisteslebens zusammenstimmen, Regungen, die um so differenzierter sind, je höher entwickelt der Einzelne ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz geistiger Übereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen anderen Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefühle und das Liebesbegehren ist vielgestaltiger, differenzierter geworden und nicht mehr so leicht und so unbedingt zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen Sie sich nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, sammeln Sie vielmehr Ihre Kräfte durch die klare Erkenntnis neuer Probleme. Mit dem durch die Angst um die Gefährdung alten geliebten Besitztums geschärften Spürsinn des Feindes haben die Gegner bald empfunden, was ihnen droht: Je mehr sich das Weib zur selbständigen Persönlichkeit entwickelt, mit eigenen Ansichten, Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die alte Form der Ehe bedroht. Ihr Glück beruhte nicht auf Gleichheit, sondern auf Unterordnung, nicht auf Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung. Für den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer von den Kämpfen der Zeit unberührten, nur der Sorge des Hauses lebenden Gattin, der Hafen der Ruhe. Heute findet er daheim neben der ihm geistig ebenbürtigen Frau dieselbe Nervosität, dasselbe geistig angespannte Leben wie draußen. Für die Frau war er das einzige Symbol alles äußeren Lebens, allein von ihm empfing sie gläubig die Botschaften der Welt, die Ansichten und Urteile über sie. Jetzt kennt sie das Leben aus eigener Anschauung, sie denkt selbständig, sie übersteht ihn vielfach; sie findet in ihm so wenig den Schöpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr die Quelle der Ruhe und des Behagens findet. Was früher einte: das Zusammenleben, kann heute schärfer trennen, als jede äußere Trennung es vermag ... Es kommt aber auch gar nicht darauf an, daß wir mit heißem Bemühen die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung zerschellen, wie manche andere Lebensform, wenn nur der Kern erhalten bleibt: die Liebe.« Man hatte mir mit steigender Erregung zugehört. Ich sah, wie eine Frau nach der anderen sich mit hochrotem Gesicht zum Worte meldete. Sie überfielen mich förmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste zu tun hätten, griffen sie mich an. »Ihre Verteidigung nützt Ihnen nichts,« antwortete ich nochmals. »Die ersten Träger einer Entwicklung sind nur in seltenen Fällen zugleich die Propheten ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine 93 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, glaubte er, die Zyklopenmauer der katholischen Kirche, die hier und da abzubröckeln begann, fester aufzubauen. Als Montesquieu seinen 'Esprit des lois' und Rousseau seinen 'Emile' schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete des Staats und der Gesellschaft aufzuhellen. Keiner von ihnen wußte, daß sie die Brandfackel in das ganze Gebäude warfen. Auch Sie propagieren Reformen und werden zu Trägern der Revolution...« Als ich geendet hatte, kämpfte lautes Zischen mit vereinzeltem Beifall; als ich aber den Saal verließ, leuchteten mir aus jungen Gesichtern dankerfüllte Blicke entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben gewesen, das ich in Worte gefaßt hatte. An der Türe traf ich meinen Mann, der mir, ohne daß ich es wußte, gefolgt war. Ich errötete unwillkürlich. »War das ein Bekenntnis?« fragte er. Ich nickte. »Wollen wir nicht auch unsere Liebe retten?« fuhr er leise fort und zog meinen Arm durch den seinen. Mir wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes Schuldbewußtsein bemächtigte sich meiner: Waren es nicht im Grunde lächerliche Kleinigkeiten, die uns voneinander entfernten, war es nicht frevelhaft, aus selbstischen Motiven den großen Schatz der Liebe aufs Spiel zu setzen? Ein böser Zauber hatte ihn in die Tiefe versenkt, war er es nicht wert, daß ich ihn durch meine Hingabe erlöste? Ich wußte, was meinen Mann bedrückte, aber ich hatte es bisher nicht sehen wollen. Je mehr er litt, desto schweigsamer wurde er; nur an den gefurchten Zügen, an den finsteren Blicken, und hie und da an einem hingeworfenen Wort erkannte ich, daß er sich in selbstquälerischen Vorwürfen verzehrte. Die Schatten des Dresdener Kongresses fielen noch breit über den Weg der Partei, -- er fühlte sich mitschuldig daran. Und er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch er der Partei wieder hätte helfen können, die Schatten zu bannen: die Neue Gesellschaft. »Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn,« sagte er zuweilen. Aber war nicht der Verkauf des Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich hatte ihn darin bestärkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch litt! Und in diesem Augenblick hatte ich ihn im Stiche lassen wollen! Hatte mich bitter gekränkt gefühlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte, weil er es an Liebesbeweisen fehlen ließ! Ich wußte auch, was ihm helfen würde. Oft genug sprach er davon: die Neue Gesellschaft wollte er wieder erscheinen lassen. Aber wenn er mich dabei fragend ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte mir jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte Frage an mich, so äußerte ich rücksichtslos meinen Widerspruch. »Nicht drei Monate würden wir mit dem bißchen, was wir aus dem Zusammenbruch gerettet haben, die Zeitschrift halten können,« sagte ich, »und ich habe schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges dem vollständigen Ruin entgegenzugehen.« * * * * * Wenn Graf Bülow im Reichstag über den Dresdener »Jungbrunnen« höhnte, wenn jedes ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gelächter der bürgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer 81 Abgeordneten lahmgelegt blieb seit Dresden, so waren das nicht vereinzelte Erscheinungen, sondern Symptome der allgemeinen Stimmung der Partei gegenüber. Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen? Immer deutlicher rückte alles ab von uns, was uns nahegestanden hatte. Noch kam ich zuweilen in Künstler- und Literatenkreise, aber ich fühlte sogar ein persönliches Sichzurückziehen. Das Interesse wandte sich augenscheinlich ganz anderen Gebieten zu. Die l'art pour l'art-Stimmung breitete sich aus. Mit dem Verschwinden der Arme-Leute-Bilder und Dramen verschwand die oppositionelle Gesinnung. Dichter und Maler, die noch vor kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken und fliegende Krawatten den Bohemien markiert hatten, exzellierten jetzt in tadellos weltmännischen Allüren und beurteilten den lieben Nächsten nach seinem Schneider. Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die Parole der künstlerisch-literarischen Jugend gewesen war, so wurde jetzt die Vornehmheit Trumpf. Nicht jene echte der Bewegung und Gesinnung, die der Gefahr des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die müde der Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen Finger genügend lang, dessen Gestalt genügend schmal und dessen Charakter genügend biegsam ist. »Und von diesem dürren Boden glaubst du ernten zu können?!« fragte ich meinen Mann. »Nein,« entgegnete er, »aber ich bin optimistisch genug, um auch ihn für bearbeitungsfähig zu halten.« Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die Ereignisse in der Sozialdemokratie die feindliche Haltung gegen die Revisionisten gar zu deutlich hervortreten ließen, kam es vor, daß er selber sagte: »Es ist doch vielleicht noch zu früh!« Jeder geringfügige Anlaß genügte, um in der Partei den heftigsten Streit hervorzurufen. So war einem der in die Dresdener Skandale verwickelten Revisionisten die Kandidatur eines sächsischen Wahlkreises angeboten worden. Alle höheren Parteiinstanzen erklärten sich dagegen; die Vernichtung der bisher geltenden Autonomie der Wahlkreise war die Folge, und nun entspann sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der Presse, die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand. »Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fügen,« hieß es kategorisch auf Seite der Radikalen. »Die Sozialdemokratie hat jede Art von Machtentfaltung, die die Minderheit in ihrer Existenz bedroht, zu bekämpfen, also zu allererst die in den eigenen Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn die Rechte der Minderheit schutzlos sind,« lautete die Antwort auf Seite der Revisionisten. In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in bezug auf die Zollfragen theoretisch von den Ansichten der Partei abweichende Meinungen. Er wurde einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, und sein Ausschluß aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube, nicht Geistesglaube war für die Dogmatiker Voraussetzung der Parteizugehörigkeit. Ich hörte überall dieselbe Dissonanz heraus, die in mir tönte: Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, -- Individualismus gegen Sozialismus, -- dieselbe Dissonanz, die dem Dresdener Konzert zugrundegelegen und keine Auflösung gefunden hatte. Ob mein Mann und mit ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte waren, wenn sie behaupteten, daß die Einheit in der praktischen Tagespolitik über diese inneren Gegensätze hinweghelfen würde? Wenn ich meine Zweifel äußerte, so war es Reinhard vor allem, der sie auf Grund seiner Erfahrungen zu entkräften suchte. »Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,« sagte er; »da besteht diese Einheit tatsächlich und ist die Grundlage unseres wachsenden Einflusses geworden.« Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den Politikern der radikalsten einer gewesen war, und ich konnte mich der Empfindung des Bedauerns nicht erwehren: damals durchglühten die Ideale des Sozialismus seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, sondern auch sein Denken den Horizont des Auges nicht mehr zu überschreiten. Arbeiterrechte und Freiheiten rang er mit eiserner Energie dem Unternehmertum ab und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwärts konsequent nur auf den nächsten Schritt. Darin lag vielleicht seine Kraft. Aber die Stimmung praktischer Nüchternheit, die ihn beherrschte, war nicht die Atmosphäre, in der die umfassenden Ideen der Menschheitsbefreiung sich entfalten. Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die Forderungen des Tages das Heilmittel für die inneren Schäden der Partei zu finden glaubte, beschäftigte sich viel mit den Gewerkschaften. »Das sind die Kerntruppen,« meinte er, »ihre Wünsche und Bedürfnisse müssen wir kennen, wenn wir einmal mit unserer Zeitschrift wirken wollen.« Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit herrschte hier. Mit tiefgründiger Kenntnis wurden sozialpolitische Fragen behandelt, besonders die des Heimarbeiterschutzes, die damals im Mittelpunkt des Interesses standen. Es war bezeichnend für den Geist der Gewerkschaftsbewegung gewesen, daß fast zu gleicher Zeit, wo die Einladung zum Frauenkongreß von den Sozialdemokratinnen abgelehnt worden war, die Generalkommission der Gewerkschaften den Heimarbeiterschutz-Kongreß einberufen und die Interessenten aus bürgerlichen Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte. Aber wenn die bewußte Beschränkung der Bewegung auf der einen Seite einen erstaunlichen Grad von Wissen, von Energie, von Zielsicherheit zeitigte, so entwickelte sich auf der anderen Seite eine gewisse Engigkeit, ein Organisationsegoismus, der vom Standesdünkel alter Zeiten nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte selbst für die Gewerkschaften; ich verfocht in Versammlungen die Forderungen zum Heimarbeiterschutz, die wir im Kongreß aufgestellt hatten, ich wußte, wie notwendig das alles war, aber ich hätte darin nicht aufzugehen vermocht, und es schien mir nicht unbedenklich, daß so viele tüchtige Kräfte, von der politischen Bewegung angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tönte nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedämpft hierher, wo sich Kräfte und Gedanken im engen Kreis der Organisationsarbeit, der Sozialreform bewegten? Lagen hier nicht die Keime einer gefährlichen Entwicklung von Egoismus gegen Sozialismus? Allmählich war's, als öffneten sich mir immer neue Tore mit weiten Ausblicken auf unbekannte Gebiete der Arbeiterbewegung. Eine Schulvorlage, die von der preußischen Regierung schon lange in Aussicht gestellt war und auf Einführung konfessioneller Schulen hinauslief, rief in der Presse und in Versammlungen eine lebhafte Kontroverse über Erziehungsfragen hervor. Der bloße selbstverständliche Protest dagegen, die bloße Forderung der Trennung von Schule und Kirche genügte nicht mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten beteiligte, der hatte sich auch mit den Details der Frage beschäftigt, und ein Verlangen nach weiterer Aufklärung wurde laut. In einer kleinen Versammlung vor den Toren Berlins hörte ich einen alten Arbeiter von Pestalozzi sprechen. Er hatte ihn nicht nur gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte die Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der »Paukschule« der Gegenwart treten würde, mit demselben Enthusiasmus, wie ein anderer sich über den Zukunftsstaat verbreitet haben würde. Auf solche und ähnliche Erfahrungen hin wagte ich es, die »pädagogische Provinz«, Goethes Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines Vortrags zu machen. Ein Riesenauditorium, das nur aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allem, was ich sagte, und in der Diskussion zeigte sich nicht nur, daß ich verstanden worden war, sondern auch wie viele ihren Goethe gelesen hatten. Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den nicht politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte mit wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur fordernde. Wo religiöse, wo philosophische Fragen angeschnitten wurden, war das Interesse am stärksten. Jener brutale philosophische Materialismus, der alles leugnete, was sich nicht mit Händen greifen ließ, und für die Masse der Sozialdemokraten um so mehr an die Stelle kirchlich-dogmatischen Glaubens getreten war, als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung mit dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen Materialismus, zusammengeworfen hatten, beherrschte nicht mehr so uneingeschränkt wie früher die Gemüter. Der Unglaube, der geblieben war und neben alles Unabweisbare sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfüllt von Sehnsucht und Heimweh. Junge und alte Männer begegneten mir, die in ihrer freien Zeit verschlangen, was ihnen an philosophischen Schriften erreichbar war: neben Kant und Schopenhauer das seichteste Gewäsch sogenannter Popularphilosophie, neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, mit der sie immer wieder versuchten, die geistige Vernachlässigung ihrer Jugendjahre zu überwinden, die Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen fehlten, nachzuholen, lag eine größere Tragik als in der leiblichen Not. »Wir sind alle gute Sozialdemokraten,« sagte mir einmal ein älterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter zum einflußreichen Gewerkschaftsbeamten gebracht hatte, »und der Sozialismus ist das, was uns zusammengeschweißt hat, uns im Kampf gegen die Feinde unüberwindbar macht; aber nun will doch jeder auch etwas für sich sein.« Das war der Wunsch nach Persönlichkeit, der sich regte, die Reaktion gegen die geistige Nivellierung, die die Stärke und die Schwäche des Sozialismus war. Und alles Wünschen und Suchen ging in die Irre. Niemand antwortete darauf, niemand sprang hinzu, um Taumelnde zu halten, Blinde zu führen. Eintönig, wie die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang ihnen aus dem Munde ihrer Führer immer dieselbe Formel entgegen: »Die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch den Klassenkampf bringt allen Erlösung.« Sie fühlten mehr, als daß es ihnen deutlich zum Bewußtsein kam: Über die Befreiung von Not und Elend hinaus muß es ein persönliches Ziel geben, für das die Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der Ausgangspunkt ist. Würden sie im Suchen danach nicht auf Abwege geraten, sich nicht entfernen vom Wege, der notwendig zuerst zu jener ersten Etappe führen mußte? * * * * * In Rußland warf die Revolution ihre Brandfackel in Städte und Dörfer. Die Blüte der Jugend, die geistige Elite des Landes trugen die Fahne voraus, und die schwerfällige Masse des Riesenvolkes geriet in eine ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern in ihren einsamen Steppen grüßten das Licht, das sie flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen, Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer Zitadellen, Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke Sibiriens verschleppt, aber Tausende füllten die Lücken wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen hatte. Die Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben galt ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit war. Das große Reich, der Hort der europäischen Reaktion, schien in seinen Grundvesten erschüttert. Vor Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen streckte der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie der Himmel über der Grenze sich rötete. Und vielen, auf deren Seelen der häßliche Parteizank lastete, die sich ernüchtert fühlten durch den langen staubigen Weg, den sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde der Glanz zu einem Hoffnungsschimmer. Von der Weltenwende der russischen Revolution, von dem Zusammenbruch des Zarismus sprachen prophetisch die Redner in unseren politischen Versammlungen. »Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen Revolution --,« damit wurden die Nörgler und Zweifler niedergeschlagen. »Sehen Sie nicht, daß die Zeit gekommen ist, die Marx voraussah, wo die Evolution in die Revolution umschlägt --?« Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen. Meine Empfindung, meine Phantasie war auf ihrer Seite, meine Hoffnung entzündete sich daran. * * * * * Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend erwartungsvoll im dunkeln Zimmer saß, hatte der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben, wo die Mutter den Baum putzte, durch das Schlüsselloch drang, mir die ganze Seele erhellt und alle Angst vor der Finsternis um mich vertrieben. So war mir jetzt zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch kannte ich seine Quelle nicht; nur daß er da war, bannte die Furcht. Heinrich hatte recht: es gab für uns nur eine Aufgabe: die Neue Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen, durch sie zusammenzufassen, was in der Arbeiterbewegung nach allen Richtungen auseinanderzufließen drohte: den geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der Gewerkschaften und Genossenschaften, die Schwungkraft der kämpfenden Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer neuen tieferen Einheit Richtung geben sollte, so sollte sie im Kreise der intellektuellen Jugend dem Sozialismus Anhänger werben. Wir bedurften dieser Jugend, das lehrte uns Rußland, das predigten uns die stummen Lippen all der Suchenden, die der geistigen Führer entbehrten. »Die Wissenschaft und die Arbeiter«, -- ein Kind dieses Bundes war der Sozialismus gewesen, ihn zu zerstören und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat. Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte, geschah: Heinrichs verdüsterte Züge erleuchteten sich wie von innen heraus. Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft zurück, und im Überschwang der Freude glaubte ich das Mittel wieder gefunden, das auch die klaffenden Wunden unserer Ehe schließen würde. In gemeinsamer Arbeit, mit demselben großen Ziel vor Augen würden wir enger, unauflöslicher zusammenwachsen. Ein Umstand half uns, mit etwas größerer Zuversicht an die Arbeit zu gehen. Meine Schwester, eine der sechs Erben der verstorbenen Tante, hatte, empört über die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die Annullierung des letzten Testaments, das meine Enterbung aussprach, durchzusetzen. Und als die Verwandten einmütig erklärt hatten, den letzten Willen der Toten respektieren zu müssen, tat sie allein, was sie von den anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung meines Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu meinen Gunsten. Es war zunächst nur wenig, was ich bekam, -- der größte Teil des Vermögens lag in Grundstücken fest, -- aber für uns, die wir von Anfang an mit einer so geringen Summe rechnen mußten, daß kaum ein anderer daraufhin den Mut gehabt hätte, eine Zeitschrift zu gründen, war es eine willkommene Hilfe. Nur ganz flüchtig dachte ich daran, die paar tausend Mark für meinen Jungen festlegen zu wollen, -- ich errötete dabei über mich selbst. Drüben, im Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich könnte mit dem lumpigen Gelde knausern! * * * * * Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden Mitarbeiter im eigenen Lager, die unsere Ideen teilten, wir fanden aber auch Künstler und Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren und mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, einmal zum Volk zu sprechen. Und zuerst leuchteten uns überall die aus den schwarzen Schornsteinen glutrot aufsteigenden Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen. Daß innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen uns gehetzt, vor einem Abonnement unserer Zeitschrift gewarnt wurde, daß uns die Genossen wieder als »Geschäftssozialisten« öffentlich an den Pranger stellten, -- dafür hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, wir wollten wühlen, kritisieren; sie würden sich bald eines Besseren belehren lassen, denn wir dachten nur daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen Sturmwolken auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter erfrischte Luft, zu neuem Segen durchtränkte Erde. Der Strom der russischen Revolution, der drüben alles mit sich riß, schien zuerst an Deutschland vorüberzubrausen, als wäre die Grenze ein Felsengebirge. Allmählich aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren, und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wälle auf. In den Einzelstaaten kam es zu Wahlrechtsverschlechterungen, und die Angriffe auf das allgemeine Reichstagswahlrecht wurden lauter. Unter dem Deckmantel der scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preußische Landtag darauf aus, mit den Seelen der Kinder die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch das Proletariat lernte von den russischen Freiheitskämpfern. Zum erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter die Straße zu gewaltigen Massendemonstrationen. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz durchzogen Tausende und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, die Stadt. Und wenn sie auch der Hartnäckigkeit der Regierung nichts abzutrotzen vermochten, sie fühlten sich nicht geschlagen, denn die Siege jenseits der Grenzen stärkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln Massen, dicht gedrängt, mit einem Schweigen, das mehr als drohende Rufe von finsterer Entschlossenheit zeugte, war die wiener Partei vor dem Parlament aufmarschiert, während in ganz Österreich die Arbeit ruhte, und eroberte im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor wenigen Wochen noch von der Regierung abgelehnt worden war. Und angesichts der blutgetränkten Straßen Petersburgs, der rauchenden Trümmer baltischer Schlösser versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung. Jetzt galt es auch in Preußen, gegen die Hochburg der Reaktion Sturm zu laufen: gegen den Landtag. Wir schürten in unserer Zeitschrift mit allen Mitteln den Brand. »Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, das in den Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,« schrieb mir Romberg damals, »bleibt Ihre Schornsteinzeitung mir unsympathisch, -- jetzt vollends, wo ich mit aufrichtiger Trauer sehe, daß Sie jene Vornehmheit preisgeben, deren Aufrechterhaltung durch alle Fährnisse proletarischer Versuchung mir bisher so bewundernswert erschien. Den ganzen giftigen Zorn der Renegaten schütten Sie über Ihre eigenen Klassengenossen, die Junker, aus.« »Über Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,« antwortete ich, »er führt uns, fürchte ich, weit voneinander. Aber mir die Preisgabe der Vornehmheit vorzuwerfen, dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich Aristokratin war und blieb, weiß ich zu scheiden zwischen dem Adligen und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, die Mirabeau und Lafayette, die Struve und Krapotkin, -- das waren Aristokraten, das heißt freie Herren, keine Fürstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. Ich bin stolz, zu ihnen zu gehören und werde, wie sie, bis zum letzten Atemzug gegen die Junker, das heißt die Dienstmannen, kämpfen.« Im Abgeordnetenhause erklärte Graf Roon: »Wenn jemals die Regierung daran denken sollte, uns in Preußen die geheime Wahl zuzumuten, so würden wir zur schärfsten Opposition übergehen.« »Auf das nachdrücklichste lege ich dagegen Verwahrung ein, daß das allgemeine geheime Wahlrecht als Wahlrecht der Zukunft hingestellt wird,« sekundierte ihm Herr von Manteuffel. Hüben und drüben schlossen sich die Reihen der Kämpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen? In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf dem Fuße folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter Arbeitseinstellungen hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei erörtert. Es trennte die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament riß mich rückhaltlos auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten. Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander. »Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen nachmittag um vier in den Massenstreik einzutreten?« höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine Paraden, die vorher einexerziert werden.« »Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein wie für die Kriege,« entgegnete einer unserer Mitarbeiter; »wir müssen den Gedanken in die Köpfe hämmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.« »Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend politisch organisiert, und von zwölf Millionen Arbeitern nur anderthalb Millionen gewerkschaftlich!« rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen zuerst die Köpfe -haben-, ehe wir daran denken können, eine Idee in sie hineinzuhämmern.« Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preußischen Landtag beschränkten sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das , , 1 . ; » 2 , , « , 3 » , « , 4 . 5 6 » ? ! « , 7 . » 8 , ? ! « 9 10 , . : 11 , 12 . 13 14 * * * * * 15 16 - . 17 , , 18 , , . 19 20 : 21 . 22 . . 23 . 24 . , . 25 , , 26 . 27 28 , - - 29 , 30 , . 31 , 32 . 33 34 » , « , » 35 36 . « . 37 38 » , , « . 39 40 » 41 , « . 42 43 » , « . 44 45 » , , « 46 . . 47 48 » 49 , « . » 50 , 51 , 52 , . 53 , . « 54 55 » , « , » , 56 , 57 . 58 - , 59 ; , 60 , 61 . 62 , , 63 , 64 65 . « 66 67 . 68 . 69 70 * * * * * 71 72 - 73 , 74 75 . 76 77 » ? ! « , 78 , . 79 80 » , - - 81 , « 82 , 83 , , , , 84 , 85 , , 86 , 87 , . 88 89 . 90 : , , 91 ! 92 , 93 , 94 » « , 95 . 96 , . . 97 . 98 . , 99 , 100 , . , 101 . 102 103 » , « 104 , , 105 . 106 , , 107 . 108 109 * * * * * 110 111 , 112 . 113 , 114 115 116 , , 117 . , 118 , 119 , 120 . - 121 , 122 123 , , 124 125 126 , 127 » « , - - 128 . , 129 . 130 , 131 , 132 . 133 , , , 134 , . 135 136 . 137 , , 138 , . 139 140 141 , 142 . ; - - 143 , ? ! 144 , , 145 . . 146 147 » ? « . 148 . 149 150 . 151 , , 152 . , 153 . 154 155 * * * * * 156 157 » , « , 158 , , , 159 . » 160 . . . « 161 162 . » , 163 ! « 164 . » , 165 , . « 166 . 167 168 , , . 169 170 » - - , « , , 171 , 172 , . » 173 , , - - 174 , ' . « 175 176 » ? « . » 177 ! « 178 179 » - - , , « . 180 181 . 182 , , 183 . 184 ! 185 186 . , 187 . , 188 . ' ! , 189 . 190 , , 191 . 192 193 , , , 194 195 . 196 . 197 198 » - - , « , 199 ; » ! - - ' , « 200 - - , » - - 201 ! « 202 203 , 204 . , 205 , 206 , , 207 , . 208 , , 209 , 210 . » « 211 , , 212 . 213 214 » , « 215 . 216 , 217 , 218 , , 219 . 220 , 221 . 222 223 » , « , 224 , , 225 . 226 227 , 228 ! 229 . , , 230 231 . , 232 , , 233 , 234 . 235 . 236 237 » , « 238 . » , « 239 . 240 241 » ? ! « . 242 243 » , . 244 . , ' . « 245 246 . , , 247 . 248 249 » , , « 250 , , , 251 » ' , , ' 252 , , « - - 253 - - - » , 254 , - - « 255 256 . . . . 257 , , , 258 , , 259 , 260 . , 261 . , - - , 262 , : , 263 , . 264 265 , - - , 266 , - - 267 : 268 269 » - - « , 270 , : » 271 . . « 272 273 . 274 : 275 . 276 277 . 278 ' . 279 280 » ' - - , « 281 . . » ' , « 282 , » ' ! « 283 , , 284 . 285 286 . : ' 287 , - - ' 288 . . 289 . 290 291 » ' - - , « ' 292 . 293 294 » , « 295 . 296 297 » , - - , « 298 . 299 300 . » 301 , , « . 302 . 303 304 » - - , « . . 305 , 306 , . 307 , 308 , , 309 . , 310 . , 311 . ; 312 ; : 313 , 314 , . 315 316 , , 317 . . 318 : 319 , - - ! 320 . 321 , , . 322 , 323 . 324 325 . 326 . 327 , 328 , : ' . , 329 , : , 330 . 331 332 , 333 . 334 ; , . 335 336 » , , « . 337 338 » ? ! « , 339 . 340 341 » , « ; » 342 , « . 343 344 , 345 . » , 346 , , , « . 347 348 , 349 350 . , , , 351 ! 352 353 , ' . 354 355 » , - - , « , » - - « 356 , 357 , » - - , - - ' , 358 - - . « 359 360 361 . . 362 , . 363 , . 364 . 365 . . 366 , - - 367 , - - : » 368 , , , 369 . « 370 371 . , , 372 ; . 373 374 , , , 375 . 376 377 . 378 . 379 . , . 380 381 382 383 384 385 386 387 . 388 . 389 , 390 , 391 , , 392 : 393 , . 394 , 395 . 396 ? 397 , 398 . , 399 400 . ; 401 , 402 . 403 404 , , 405 . 406 407 . 408 . , 409 , - - , 410 , . , 411 , . 412 , 413 , , . 414 , 415 416 417 , , 418 , , 419 , , 420 . 421 422 : 423 , 424 425 , , 426 . » « 427 , . , 428 , - - , 429 , , - - . 430 . 431 , . 432 433 , 434 . , 435 , , 436 , 437 , 438 . , 439 , - 440 , 441 , , 442 443 . 444 , , 445 . 446 447 , 448 , 449 . 450 451 , 452 , 453 , , 454 , 455 , , 456 , 457 , 458 . , - - 459 , - - 460 . 461 462 » , « ; » , 463 , 464 , . 465 . « 466 467 . 468 469 » ? ! « 470 . . , 471 , . 472 473 , 474 : » , 475 , , 476 - - « 477 478 : » ! - - 479 , , , , 480 ' ' , 481 , , 482 - 483 , , 484 , 485 , - - 486 . 487 , 488 . , 489 , , . « 490 491 » ! « . 492 . , 493 , , 494 , 495 . , 496 , , 497 . 498 499 , , 500 . , , 501 , . 502 503 * * * * * 504 505 . 506 , , 507 . 508 , 509 , : 510 ! 511 . , 512 , 513 . . , 514 , 515 , , 516 . 517 518 519 , , - : 520 521 » , 522 , , « . » 523 , , 524 , . 525 , 526 , 527 . . . « 528 529 , , , 530 531 . . 532 533 » , « , » 534 : 535 ! , 536 , , 537 - 538 , , , 539 . , 540 541 ? 542 , 543 . . . , , 544 , 545 . 546 547 , : 548 , 549 , , 550 . , 551 , , . 552 , 553 , , 554 . 555 , 556 . 557 , , 558 . 559 , , ; 560 , 561 . : 562 , , 563 . . . , 564 ; , 565 , : . « 566 567 . , 568 . 569 . , 570 , 571 . 572 573 » , « . » 574 575 . 576 , , 577 , , 578 . ' ' 579 ' ' , 580 . , 581 . 582 . . . « 583 584 , ; 585 , 586 ; 587 , . 588 589 , , , 590 . . 591 592 » ? « . . » 593 ? « 594 . : ! 595 : 596 , , 597 , 598 ? , 599 , ? 600 601 , , 602 . , ; 603 , , 604 , 605 . 606 , - - . 607 , 608 , : . 609 610 » , « . 611 ? 612 , , ! 613 ! 614 , , 615 ! 616 617 , . : 618 . 619 , , 620 . , 621 . 622 623 » , 624 , , « , 625 » , 626 . « 627 628 * * * * * 629 630 » « , 631 632 633 , 634 , 635 . , ? 636 , . 637 - , 638 . 639 . ' ' - 640 . - - 641 . , 642 , 643 , 644 645 . 646 - , 647 . , 648 , 649 , , , 650 651 . 652 653 » ? ! « 654 . 655 656 » , « , » , 657 . « 658 659 . 660 661 , , : 662 663 » ! « 664 665 , 666 . 667 668 . ; 669 , 670 671 , . 672 673 » , « 674 . 675 676 » , 677 , , 678 . , 679 , « 680 . 681 682 683 684 . , 685 . , 686 687 . 688 689 , : 690 , - - 691 , - - , 692 . 693 , 694 , 695 ? 696 697 , , 698 . 699 700 » , « ; » 701 702 . « 703 704 , 705 , 706 : 707 , , 708 . 709 710 711 . 712 . , , 713 , 714 . 715 716 , 717 , 718 . 719 720 » , « , » 721 , 722 . « 723 724 . . 725 , 726 , 727 . 728 , , 729 730 , 731 - 732 . 733 734 735 , , 736 , 737 , , 738 . ; 739 , 740 , , 741 , , 742 , , 743 , . 744 , 745 , 746 ? 747 ? 748 749 ' , 750 . 751 , 752 , 753 754 . , 755 756 . , 757 , 758 . 759 . 760 , 761 , » « 762 , , 763 . 764 , » « , 765 , . 766 , , 767 , , 768 , , 769 . , 770 , 771 , . , 772 , 773 . , 774 , , 775 - 776 , 777 , , 778 , 779 . , 780 , 781 . 782 783 , 784 , : 785 786 , , , 787 , . , 788 , 789 , , 790 , , . 791 792 » , « 793 , 794 , » , 795 , 796 ; . « 797 798 , , 799 , 800 . 801 802 . 803 , , , . 804 , , 805 : 806 807 » 808 . « 809 810 , : 811 , 812 , 813 . , 814 , 815 ? 816 817 * * * * * 818 819 . 820 , 821 , 822 . 823 , , . , 824 , 825 , 826 , 827 . , ; 828 , . 829 , , 830 . , 831 . , 832 . , 833 , , 834 , 835 . 836 837 , 838 839 . 840 841 » - - , « 842 . 843 844 » , , , 845 - - ? « 846 847 . , 848 , 849 . 850 851 * * * * * 852 853 , 854 , , , 855 , , 856 . 857 : . 858 ; , . 859 860 : : 861 , , 862 863 : , 864 , 865 . 866 , 867 . , 868 , 869 , . » 870 « , - - , 871 . 872 873 , , 874 . , 875 : 876 . , 877 , 878 . 879 , , 880 . 881 882 , 883 . , , 884 , , , 885 , , 886 . , 887 , , 888 , 889 . 890 , , - - 891 , - - , 892 , 893 , , 894 . , 895 , - - 896 . , , , 897 ! 898 899 * * * * * 900 901 . 902 , , 903 , 904 , . 905 906 . 907 908 , 909 , 910 » « , - - 911 . , , 912 ; , 913 , . 914 , , 915 , . 916 917 , , 918 , 919 . , 920 . 921 , 922 . 923 , 924 . 925 . 926 927 . , , 928 , , 929 . 930 , , 931 : 932 , , , 933 , 934 , , 935 , 936 . 937 , 938 . 939 940 , 941 : . 942 . 943 944 » , 945 , « , 946 » , - - , 947 , , 948 949 . 950 , , 951 . « 952 953 » , « , » 954 , , . 955 , . 956 , 957 . , , 958 , - - , 959 , , . 960 , , , 961 , , . « 962 963 : » 964 , , 965 . « 966 967 » , 968 969 , « . 970 . ? 971 972 , 973 : ? 974 975 . . 976 , 977 . 978 , ; 979 , . 980 . 981 982 » , , 983 ? « . » 984 , . « 985 986 » , « 987 ; » 988 , . « 989 990 » 991 , 992 ! « . » , 993 - - , , 994 . « 995 996 997 , 998 . 999 , 1000