voll von ihnen. Selbst auf den Gemüsebeeten trampelten schwere Stiefel,
aber als ich ein Wort des Bedauerns äußerte, sagte des Schiffers Frau
mit glänzenden Augen: »Wenn's auch mit Erbsen nischt is dies Jahr,
wenn's man mit die Stimmen für den Sozi wat sein wird!«
* * * * *
Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in Frankfurt an. Im Hauptquartier
der Partei herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich Radfahrer,
um zum morgigen Dienst ihre Marschorder in Empfang zu nehmen, blutjunge
Leute unter ihnen, die sich mit um so größerem Enthusiasmus in den
Dienst der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht wählen
durften; dort stellten sich Frauen zur Verfügung, um die Säumigen an
die Urnen zu holen, und in später Nachtstunde kamen andere hungrig, heiß
und verstaubt von der letzten Verteilung der Wahlflugblätter zurück. Als
die Stadt schlief, huschten die Unermüdlichen noch durch die Straßen,
und am Morgen leuchtete in weißen und roten Lettern ein »Wählt Brandt!«
an den Zäunen und auf dem Trottoir.
Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmählich die
Bürger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem
Zwölfuhrglockenschlag wurde es auf den Straßen lebendig, und durch die
Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik
und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der
sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer
Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Säumigen in den
Wohnungen, auf den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche
Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen
Wolken überzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen
in Scharen: die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von
Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der Zettel in ihrer Hand, das
war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen
Tage die Gestalter ihres Geschicks.
Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter spärlichen Gasflammen, vor
rauchenden Petroleumlampen die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es
keiner erklärenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend
geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drückte sich
in ihnen aus.
Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im Hause, wo die Partei ihr
Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben
war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch
mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen weißen Blättern der
kommenden Dinge. Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und
schweigsam vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle Schweißtropfen,
seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach
füllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie
ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der
zweite, der dritte, der vierte -- die Wahlbezirke der Stadt.
»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den Zettel auf den
Tisch.
»Der Westen Frankfurts --,« sagte Weber, »immerhin: zum erstenmal
Stimmen für den Sozi! -- Das Zentrum, -- na, besser hätt's sein dürfen!
-- Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf
Kommando wählten! -- Aber hier --,« sein Gesicht strahlte -- »das reißt
die ganze Stadt heraus!«
»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze zum offenen
Fenster hinaus.
»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.
Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Plätze an den langen
Tischen besetzt.
»Warum dauert das nur so lang --,« seufzte ich.
»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht hier sein --,« sagte
Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.
»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte sich durch die Reihen.
Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin erobert! -- Ganz Sachsen
unser --!«
Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße weiterpflanzte, aber
rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. »Und wir?!« --
Jetzt aber tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten zum
Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Räder
blitzten auf --, die Treppen stürmte es empor: atemlos, blaurot, mit
zitternden Knien standen sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie
waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die hellen Freudentränen
tropften ihnen über die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebärde
breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten
wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshöfen, in
Dörfern hatten die Landleute für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem
Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen
harten Fingern.
Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die
entferntesten Bezirke, -- Buckow, Fürstenwalde. »Entschieden ist noch
nichts,« murmelte Weber angstvoll.
Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!«
schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tür über die
Köpfe hinweg auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland --
München, Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt -- alles unser!«
Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht
steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft draußen schien
erfüllt von ihr.
Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.
»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« -- rief ein junger
Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen freie Bahn in den Saal. Die
Gesichter ringsum erhellten sich.
Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen säumiger
Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig gehüteten Korb einen großen
Strauß roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. -- »Ist's
nicht zu früh?!« -- Ein Brausen lag in der Luft, -- war's nicht das
pochende Blut in meinen Schläfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor
dem Haus?
»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« flüsterte ein baumlanger
Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war heiß, -- glühend heiß im
Saal, und doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.
Da -- »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« Weber war weiß im
Gesicht, -- sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir
hielten den Atem an, -- dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges
Wort hervor: »Gesiegt!«
Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht
kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich
krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie,
das jauchzte, das schluchzte --, alte Männer fielen einander um den
Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nächsten. Und
draußen zerriß ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen
nach ihrem Gewählten.
Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses Hoch,
Parteigenossen --,« und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die
Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, »-- Euch vielmehr,
die ihr den Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, die die
Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein
dreifaches Hoch!« Und wieder brauste es, als schlügen orkangepeitschte
Wellen an Felsenriffe.
Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurück. Er trug
die alte Fahne, von grauen Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm
er langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote
Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, wo das Licht es traf, wie
entfachte Flammen über die stumme Menge.
»Genossin Brandt! -- -- Alix Brandt!« -- Riefen sie mich?! -- Man schob
mich zum Fenster, -- man hob mich empor, -- ich sah keine Menschen, ich
sah nur ein wogendes Meer, -- ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte
die Arme weit aus --
Vierzehntes Kapitel
Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen.
Es sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. Hervorragende
Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt.
Eine junge Künstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den
Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen
der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der
schönen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die
wir festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber der
Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir
von jeher besessen hatten, nur noch gestärkt. Jetzt war wirklich die
Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden
begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig praktische Politik zu
treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten
Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der
Mitläufer, die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos
nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen,
sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.
Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem Bureau: »Der Lindner läuft
umher wie die Jungfrau von Orleans: 'und mich, die all dies Herrliche
vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glück'. Sollten die
Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte mir passen!«
Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; --
während mein Mann ihn überflog, veränderten sich seine Züge: »Hier hast
du den Wisch,« rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.
»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten
zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag
zurück --,« las ich.
Das ist doch nicht möglich, -- das kann doch nicht sein, fuhr es mir
durch den Kopf; wie kann er sein Wort brechen, jetzt, in diesem
Augenblick, wo er weiß, das damit alles steht und fällt!
Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. »Nichts zu machen,« knirschte
er, als er nach Hause kam, »mein Anstand, oder sagen wir lieber meine
Dummheit, die mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen,
ermöglichen diesen erbärmlichen Rückzug.«
Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese Frage nur eine
Antwort: »Erst recht!«
Ich fühlte mich im ersten Augenblick wie gelähmt und war geneigt, im
Rücktritt Lindners etwas zu sehen, das einem Wink des Schicksals oder
einem Gottesurteil gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei
zerstreuten den Nebel, der meinen Blick vorübergehend verdunkeln wollte.
Überall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern stattgefunden. Hunderte von
Rednern hatten das »Unser die Welt!« in die überfüllten Säle
hinausgeschmettert und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann aber
war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle Schweigen war
eingetreten, das jedem großen Ereignis zu folgen pflegt. Man konnte sich
nicht vorstellen, daß nun der Alltag wieder da ist, -- genau so wie
vorher; es mußte irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren entsprach, das
wir erlebt hatten! Doch es geschah nichts. Nur der Sommer war gekommen
mit seiner Blumenpracht, -- wie immer. Ein unbestimmtes Gefühl der
Enttäuschung erkältete die eben noch glühenden Herzen. Die durch den
Kampf aufgepeitschten Nerven erschlafften plötzlich; eine nörgelnde
Empfindung der Unzufriedenheit entstand; kaum einer war, der sich ihr
entziehen konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den Sieg gerungen
hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.
Einige der führenden Geister in der Partei waren sich bewußt, daß die
nervöse ungeduldige Frage der Massen nach dem Preise des siegreichen
Kampfes Antwort heischte. Aber sie empfanden nicht, daß die Antworten,
die sie gaben, angesichts der Größe der Erwartungen wie eine Verhöhnung
wirken mußten. Kautsky, der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr
als der Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich nur mit den
Wahrscheinlichkeiten der künftigen Haltung unserer Gegner beschäftigte,
und im übrigen die Gemüter durch den Hinweis auf »die alte, bewährte
Taktik der Partei« zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, der
Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen praktischen
Resultaten zu gelangen, acht Tage nach dem Siege auf die Frage: was
folgt aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als
die: ein sozialdemokratischer Vizepräsident im Reichstag! Was in ruhigen
Zeiten vielleicht zu einer Erörterung innerhalb der Fraktion geführt
hätte, das wurde jetzt das Signal zum Aufruhr.
Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu Markte getragen, darum
haben drei Millionen Deutsche einundachtzig Sozialdemokraten in den
Reichstag geschickt, damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten wird,
vor dem Kaiser zu katzbuckeln, -- dem Kaiser, dessen Faust wir von Essen
und Breslau her noch auf unserer Wange brennen fühlen?! So tönte es von
allen Seiten.
Vergebens, daß Vollmar von München aus versuchte, der kühlen Vernunft zu
ihrem Rechte zu verhelfen, indem er die tatsächlichen Vorteile der
Vertretung der Partei im Präsidium hervorhob und die Haltlosigkeit der
prinzipiellen Gegnerschaft zu dem »Hofgang« dadurch illustrierte, daß
die Parteigenossen in den Einzelstaaten es mit ihrer republikanischen
Gesinnung vereinigen müssen, dem jeweiligen Landesherrn Treue zu
schwören, der Eid aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller
Besuch im Kaiserschloß, -- bis nach Norddeutschland drang seine Stimme
nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewußte Verhöhnung ihrer Hoffnungen
und ihres Glaubens in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte.
Und auch ich konnte mich dem niederdrückenden Eindruck nicht entziehen.
Die Empörung über Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen Wut auf die
Revisionisten, die sie ihrerseits mit einem Ungeschick, das sich nur
aus ihrer Temperamentlosigkeit erklären ließ, schüren halfen.
»Wir müssen die liberalen Parteien ersetzen --,« erklärte der eine; die
aufgeregten Massen lasen daraus: wir müssen unsere sozialdemokratischen
Grundsätze in die Tasche stecken.
»Ein proletarischer Klassenkämpfer sein, das heißt nicht auf die
bürgerliche Gesellschaft unterschiedslos drauflos prügeln --,« sagte ein
anderer; die Arbeiter ergänzten: wir sollen mit ihr liebäugeln.
Sie hatten unrecht -- zweifellos --, wie jeder unrecht hat, den die
Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen vorwärts reißt, sondern blind
und taub macht für alles, was rechts und links geschieht. Aber weit
größer war das Unrecht derer, die imstande gewesen waren, an dem
Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde Flammen die Begeisterung der
Kämpfer entfacht hatten, ihr armseliges Süppchen zu kochen und es den
Andächtigen, deren Glauben noch glühender brannte als das Feuer, als
sättigende Speise darzureichen.
Ein mächtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der noch immer
wundergläubig gewesen war, wie sie; einer, den, wie sie, der Sieg
trunken gemacht hatte: August Bebel. In einer Erklärung, die dem
Pronunziamento des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle
gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und drohte überdies
mit der Entscheidung des nächsten Parteitages. Nun erst, nachdem der
Führer gesprochen, entbrannte der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was
Bebel nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort aus der
Partei, wer uns den Sieg verekelt.
Ich fürchtete das Schlimmste. Meine persönlichen Besorgnisse
verschwanden wie Tautropfen im Meer. Jetzt galt es, den Bedrohten einen
Mittelpunkt schaffen, der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung
werden könnte. Aus tiefster Überzeugung wiederholte ich Heinrichs: »Erst
recht!«
* * * * *
Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt zu unserem Ziel. Heinrich
wandte sich an einen der größten Verleger, der seine Bereitwilligkeit
aussprach, das Archiv zu übernehmen, wenn der alte Herausgeber ihm
erhalten bliebe. Er bot ein Redaktionshonorar dafür, das uns zeitlebens
der Sorgen enthoben hätte. Wir besannen uns keinen Augenblick, seine
Vorschläge zurückzuweisen.
»Nun bliebe noch Romberg,« sagte ich zögernd; ich wußte, seit jener
ersten Anfrage war eine leise Entfremdung zwischen den beiden Männern
eingetreten.
»Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmögende Vormund,« brauste
Heinrich auf.
Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. Wenige Tage später war er
in Berlin. Ich setzte ihm die Lage auseinander.
»Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse für die Zeitschrift,« sagte
ich, »die heute eine der angesehendsten ihrer Art ist. Es lag Ihnen
daran, sie in die Hand zu bekommen; -- Sie sprachen seinerzeit davon,
als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn ich nun aber statt meines
persönlichen Interesses, das sich nicht verändert hat, meine
Freundschaft entscheiden ließe?!« rief er aus. »Mir scheint, ich müßte
Sie vor einem Unglück bewahren!«
»Das lassen Sie meine Sorge sein,« antwortete ich herb. Er schwieg
verletzt, und als gleich darauf mein Mann eintrat, stellte er sich auf
einen ausschließlich geschäftlichen Standpunkt und verhandelte nur mit
ihm.
Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: Mit zwei anderen
Herren übernahm Romberg das Archiv.
Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht wiedergewonnen und lud
ihn ein, den Abschluß fröhlich mit uns zu feiern. Aber er war schon
abgereist.
»Dann geben wir uns allein ein Fest,« meinte mein Mann; »wir haben
Ursache genug dazu als selbständige Inhaber der Neuen Gesellschaft!«
Doch es schien, als sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit
unsere Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.
* * * * *
Der Hader in der Partei nahm immer bösartigere Dimensionen an. Was Bebel
an Erklärungen und Artikeln veröffentlichte, das klang so maßlos, daß
die Vizepräsidentenfrage und die Mitarbeit der Parteigenossen an
bürgerlichen Blättern unmöglich die einzige Ursache seines Vorgehens
sein konnte. Er mußte irgendwo Parteiverrat wittern, wenn er alle
politische Klugheit so völlig zu vergessen vermochte und den Gegnern die
bittere Pille der Wahlniederlage durch den Kampf in den eigenen Reihen
versüßte.
»Die Zeit des Vertuschens und Komödienspiels ist vorbei --,« rief er;
»jetzt heißt es Farbe bekennen, jetzt gibt's kein Ausweichen mehr --,«
was hieß das anders, als daß Elemente in der Partei vorhanden waren, die
nicht hinein gehörten, die entfernt werden mußten?
»Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!« mahnte er; was
bedeutete das anders, als daß sich Verräter in ihrer Mitte befanden?
Aber während Bebels Zorn vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklärt
erschien, sekundierten ihm die Zionswächter des Radikalismus mit der
Kälte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte im Proletariat,
auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, der Pöbel. Er warf sich
keifend auf alles, was nicht mit ihm lärmte.
Wir, die wir dem Revisionismus eine selbständige Zeitschrift schaffen
wollten, standen, das zeigte sich bald, mit auf der ersten Seite der
Liste der Konskribierten. Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes
erschienen war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen
gebrandmarkt; von Mund zu Mund ging der Klatsch, daß wir einen reichen
Gönner gefunden hätten, der es wie einen Sprengstoff in die Partei
werfen wollte, und in einer der wild erregten Versammlungen, die dem
Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verächtliche Wort, das
wohlgefällig weitergetragen wurde: »Geschäftssozialisten.«
Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten wir eine gesicherte
Existenz von uns gewiesen, -- und nun dies Wort!!
Ich brütete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf die Straße, denn ich
fühlte mich wie beschmutzt.
Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter
dem Namen Revisionisten zusammengefaßt wurden. Das zahnlose alte Weib,
der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den dürren
Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als Mandatsjäger wurde der
eine verdächtigt, als lügnerischer Verleumder Bebels der andere. Und
wessen wir bisher fälschlich beschuldigt worden waren, -- eine
geschlossene Gruppe zu sein, -- das machte die Verfolgung aus uns. Den
Kopf umnebelt von den giftigen Dünsten, die rings um uns aufstiegen,
erschien uns der Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre;
kaum einer war, der noch wußte, daß es der Gegensatz der Anschauungen
war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er
an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, -- die Richtung, die
seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze
Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern mußte, wenn sie zur
allgemeinen Anerkennung kam.
Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im
Augenblick als die Sünder erschienen, so entlud sich der unsere auf
einen Mann, der seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen
sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung zu
wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte,
der kein Buchstabengläubiger des Marxismus war. Seine glänzende
journalistische Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die
fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte
sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst
seine Gesinnungsfreunde fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er
gestern noch liebte.
»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in unserem Kreise, während
tatsächlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner
Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.
»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so haben wir sie
gerettet,« erklärten unsere Freunde.
Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine
überschäumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die
niemand sonst übernahm. Er hörte um so weniger auf die warnenden
Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestärkte.
Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, in der sie sich befand,
sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenführen, -- keine Aufgabe
wäre mir im Augenblick größer erschienen.
* * * * *
Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag
stattfand.
»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« sagte Heinrich; »aber was auch
kommen mag, mich soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«
Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst es, Heinz! Noch niemals
liebte ich dich so wie heut!« Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an
seine Schulter, während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.
»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer nur Helden sehen,«
meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe,
wie in allen glücklichen Stunden unseres Lebens; -- der Ehe, die alle
Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so daß die Liebe, die nur
von Sehnsucht lebt, sterben muß.
Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.
»So bleib doch, Liebste,« flüsterte Heinrich traumbefangen. Aber schon
war ich im Nebenzimmer am Bett meines Kindes. Seine Wangen glühten,
verständnislos irrten seine Augen an mir vorbei. Und wieder löste sich
ein Schmerzensruf von seinen trockenen Lippen. Ich wickelte den
zuckenden Körper in nasse Tücher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt
erst erwachte mein Mann und erschien an der Türe.
»Papachen,« sagte der Kleine und verzog den Mund mühsam zu einem
Lächeln.
»Was ist denn nur?!« rief Heinrich mit gerunzelter Stirn und
ungeduldiger Stimme; »komm doch ins Bett, -- du erkältest dich ja!«
Ich lief ins Schlafzimmer zurück, um mir einen Mantel zu holen.
»Du siehst doch, -- Ottochen ist krank,« flüsterte ich ihm im
Vorübergehen zu.
»Krank!« wiederholte er laut und trat näher. »Nicht wahr, mein Junge,
dir fehlt nichts, -- du träumtest nur schlecht, -- du siehst ja rund und
rosig aus, wie's liebe Leben!«
Mit einem ängstlich fragenden Blick sah der Kleine von einem zum
anderen.
»Gewiß, Papa, gewiß,« sagte er dann mit stockender Stimme, »jetzt ist
schon alles wieder gut.« Aber seine tränenumflorten Augen, die flehend
zu mir aufsahen, sein heißes Händchen, das krampfhaft meine Finger
umschloß, strafte seine Worte Lügen. Ich drängte Heinrich hinaus. Wo
nur die Berta blieb? Warum der Arzt nicht kam? -- Im Wohnzimmer schlug
die Uhr sieben.
»Es ist die höchste Zeit, daß du dich anziehst, Alix,« rief Heinrich.
Wir hatten uns mit unseren Freunden für den Achtuhrzug verabredet. Ich
wechselte rasch die Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und
ging ins Schlafzimmer.
»Selbstverständlich bleibe ich hier,« sagte ich, die Stimme dämpfend.
»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen eines Schnupfens,
den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem
Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!«
Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das Antlitz schoß: »So
sprich doch wenigstens leise --«
Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was auf dem Spiele steht,
-- du kommst mit,« schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen
Arm.
»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, -- ich bleibe hier,«
zischte ich, außer mir vor Empörung.
»Mama, -- Mama!« rief eine süße weinende Stimme. Der Kleine stand auf
der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf
den bloßen Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn
ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter uns zu. Nach kurzer Zeit
hörte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, -- nur
eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, war ich
nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wälzte sich mein Kind auf
seinem Lager.
Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: »Verzeih. Wie
geht es?« Mußte ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden
entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese
Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie
würde ich ihm das verzeihen können!
»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich kurz, dem Ergebnis
der ärztlichen Untersuchung entsprechend.
Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg das Fieber; der
kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden
schwächer; an ihre Stelle trat ein Wimmern -- jammervoll,
ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand
auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für Augenblicke
ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick
den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglückt, er
schliefe. Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich hoch
auf, starrte mich verständnislos an und schrie: »Mama, -- Mama, -- warum
bist du so weit, -- so weit weg, -- ich sehe dich gar nicht mehr --« und
in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte
sich mir zusammen, -- und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend
zuzulächeln, während ich den kleinen Körper wieder in nasse Tücher
hüllte. Er wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger.
Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er
hatte mich angeklagt, -- und ich sprach mich schuldig: War ich nicht
Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?! War nicht
auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, -- hatte nicht mit seinem
Herzen gefühlt, -- mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen
wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich
in die Kniee; ich faltete die Hände auf seinen Kissen; -- ich betete.
Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Märchen waren, nicht zu dem
Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, ob
es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch
glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht
gen Himmel, -- es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer
dar ...
Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem
Lächeln um die blassen Lippen. Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich
erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.
Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: »Wie geht es? Rege dich
über Zeitungen nicht auf.« Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen;
gab es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich nach dieser
Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der Parteitag, -- ich hatte nichts
gelesen. »Otto besser. Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete
ich.
Während Berta mich bei dem Kranken vertrat, las ich die Berichte. Ich
erschrak, als ich sah, daß Heinrich entgegen seiner Absicht, durch den
Artikel eines sächsischen Parteiblattes herausgefordert, in der
Diskussion über die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse
als Erster gesprochen hatte. Die ganze Erregung über unser
Auseinandergehen, die wachsende Sorge um das kranke Kind mußte ihn
beherrscht, seine Stimmung beeinträchtigt haben. Und ich fühlte zwischen
jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die quälende Angst.
Über jenen Mann hatte er gesprochen, der sich herausnahm im Kampf gegen
uns den Ton anzugeben, der uns um einiger Artikel in einer bürgerlichen
Zeitschrift willen wie Verräter verfolgte; und er hatte ihn
gekennzeichnet, als das, was er war: ein doppelter Renegat, in der
Jugend Sozialdemokrat, gleich darauf der Verfasser einer der giftigsten
Schmähschriften gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder
Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter. Keiner,
so schien mir, würde sich dem Eindruck der Rede meines Mannes entzogen
haben, wenn nicht in jedem Ton die Aufregung gezittert hätte, deren
Ursache niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn Bebel
unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und jeder Zuruf mußte
meinen Mann, dessen ganze Seele wund war, doppelt schmerzhaft treffen.
Und dann waren sie alle über ihn und uns hergefallen, und am tollsten
hatten uns, die freien Schriftsteller -- »frei« wie der Lohnarbeiter,
der seinem Verdienst nachgehen muß --, die Genossen geschmäht, die in
sicheren Parteipfründen saßen. Ein Gefühl von Ekel stieg mir bis zum
Hals. Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? »Durch eine bestimmte
Personengruppierung kann eine Sache rettungslos verloren gehen.« War
diese Gesellschaft wütender Proleten wirklich noch der würdige Träger
der menschheitbefreienden Gedanken des Sozialismus?
In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt, hieß es: »... Die
Lage der Dinge ist unbeschreiblich. Die eingeschlossene Luft in diesem
engen halbdunkeln Saal scheint gefüllt mit Sprengstoff. Das gezwungene
dicht Nebeneinandersitzen erhöht die Reizbarkeit ... Bebel ist selbst
für Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar. Er hat sich stundenlang
in sein Hotel zurückgezogen und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn
er wieder erscheint. Warum? Niemand weiß es. Er soll sich während der
Wahlkämpfe überanstrengt haben, sagen die einen; die Erbschaft, die ein
bayerischer Offizier ihm hinterließ, und das, was an Prozessen mit den
Verwandten dieses Offiziers darum und daran hängt, soll ihn aufregen,
meinen die anderen. Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine
Haltung an; und sein Benehmen mir gegenüber läßt wenig Gutes hoffen.
Übrigens scheint er auf uns beide ganz besonders wütend zu sein. Als
Wanda Orbin die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern als todeswürdiges
Verbrechen kennzeichnete und dabei von den sündigen 'Genossen' sprach,
rief er wiederholt mit starker Betonung dazwischen: 'Und Genossinnen!'
Damit bist Du in erster Linie gemeint ... Man spricht von einer
Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten hinausgedrängt
werden sollen ...«
Seltsam, wie kühl, fast gleichgültig ich dieser Möglichkeit gegenüber
blieb.
Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte von Riesen, die
das Zimmer füllten, und am Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht
mit ihnen hätte ringen müssen, um sie vom Bett meines Lieblings
fernzuhalten. Ich fühlte mich zu Tode erschöpft.
»Wir sind noch nicht über den Berg,« sagte der Arzt mit einem ernsten
Gesicht, »aber Sie sollten sich trotzdem schonen --.«
»Ich bin die Mutter,« unterbrach ich ihn.
»Gerade darum,« antwortete er.
Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange seine Augen sich
trübten, wenn ich den Platz an seinem Bett verließ!
Während er ein paar Bleisoldaten auf den weißen Berg seiner Kissen
klettern ließ, überflog ich zerstreut den neuen Parteitagsbericht. Erst
Bebels Rede fing an, mich zu fesseln. Er zählte die Sünden jener
Wochenschrift auf, für die wir fünf Angeklagten geschrieben hatten: Vor
genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber ihn als »rote Primadonna«
verulkt. Ich staunte: sollte Bebel, der große Bebel, von so kleinlicher
Empfindlichkeit sein, daß er dergleichen Nebensächlichkeiten als
unauslöschliche Kränkungen empfand?! Und im vorigen Jahre während des
Zollkampfes hatte derselbe Redakteur sich gegen die Obstruktionspolitik
der Sozialdemokraten ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht?
Sollte er selbst mit seiner Überzeugung hinter dem Berge halten, wenn er
allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit gewährte?
Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, -- vielleicht war ich es jetzt,
die fieberte, -- der Kopf fing an, mir zu brennen. Ich las noch einmal.
Aber ich irrte mich nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch
unterstrichen durch den »stürmischen Beifall«, mit dem es begrüßt worden
war: »Es gibt unter uns Marodeure, die ein solches Blatt
unterstützen --«, »Elemente, die moralisch tief gesunken sind --«,
»ihnen gebührt nichts anderes, als ein kräftiges Pfui!«
Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle --, traten die Augen nicht
schon aus ihren Höhlen? Und der Boden unter mir, auf dem ich stand,
schwankte er nicht? -- -- Meine Familie, meine Freunde, meine Existenz,
-- alles hatte ich der Partei geopfert, -- und jetzt kam dieser Mann und
beschimpfte mich, weil ich ein paar literarische Kritiken in ein Blatt
geschrieben hatte, das ihm nicht paßte?! Er, dieser Ritter der Frauen,
hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen Welt für ehrlos zu
erklären?! Ich sprang vom Stuhl, -- vergaß mein krankes Kind, -- und
lief ins Nebenzimmer. Dort in der alten Truhe lag sie noch, -- meines
Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann wäre --! Meine Hand krampfte sich um
ihren Griff, mein Finger suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte!
Vor ihre Mündung würde er den Räuber meiner Ehre fordern!
»Mama!« rief es von nebenan. Ich strich mit der Hand über meine heiße
Stirn und warf mit einem spöttischen Achselzucken über die romantische
Anwandlung, die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die Truhe
zurück. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein Mann, der auf die
kleinste Kränkung, die mir angetan wird, mit hellem Zorn reagiert, hat
mich in diesem Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die
getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem Protest einmütig
zusammenstehen.
Aber schon, daß die Diskussion ohne Unterbrechung ihren Fortgang
genommen hatte, machte mich stutzig. Freilich, der eine der
Angegriffenen, der eben einen Wahlkreis erobert hatte wie wir,
verteidigte sich in aufflammender Empörung.
»Auch dem Parteiführer, der die Ehre eines Menschen beschmutzt, gebührt
ein Pfui,« rief er aus. Aber mitten in seiner Rede war er imstande
gewesen, mit sentimentaler Rührung von der Verehrung zu erzählen, die er
für den Beleidiger empfunden hatte! Ich schämte mich, auch nur mir
selbst solch ein Gefühl zuzugeben. Und als Bebel nachher ein paar
väterliche Worte der Anerkennung für ihn aussprach, bedankte er sich
dafür!
Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton und sprach von der ganz
besonderen Verehrung, die er für den Veteranen der Partei stets
empfunden habe. Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer
auf, hatte aber schon vorher reumütig abgebeten. Ich schüttelte mich.
Wer sich so behandeln ließ, war wert, daß er so behandelt wurde. Mein
Mann, dachte ich triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!
Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern. Unwillkürlich
suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen, nach den wilderregten Szenen,
die sein Zorn hervorrufen mußte; -- und da stand es ja schon:
»stürmische Unterbrechungen« -- »große Unruhe« -- »Skandal«. Aber das
bezog sich gar nicht auf eine Zurückweisung der Beleidigungen Bebels.
Meine Hände, die das Blatt hielten, begannen zu zittern.
Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe Entschuldigung?!
»Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift nicht mehr
mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei es fordert ...« Und dann:
»Ich erwarte von Bebel, daß er das schwere und bittere Unrecht, das er
begangen hat, einsieht und durch eine Erklärung gut zu machen sucht.«
War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte die Hände und drückte die
Nägel ins Fleisch, ich preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.
Nur nicht weinen, nur jetzt nicht weinen, -- wiederholte ich immer
wieder. Die große Uhr über dem Schreibtisch tickte laut und vernehmlich,
-- meines Vaters Uhr, die ich vor fremden Händen gerade noch gerettet
hatte.
»Er hat dich nicht verteidigt, -- nicht verteidigt --,« sagte sie
unaufhörlich; oder war es des Vaters Stimme? -- »Nicht verteidigt --«
Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und forderte ihn auf,
Bebel zu einer Rücknahme seiner Beleidigung zu veranlassen. Mein Wunsch
wurde abgelehnt. Ich verlangte ein Schiedsgericht, das über meine Ehre
entscheiden sollte. »Wegen der Meinungsäußerung eines Genossen über den
anderen kann ein solches nicht angerufen werden,« lautete die Antwort.
Jetzt also war ich vogelfrei; ausgestoßen aus meiner alten Welt, als
Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!
Ich wurde merkwürdig ruhig. Ich spielte lächelnd mit meinem Sohn, der
sich langsam erholte. Es gab Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar
war, das mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, als
Worte es je vermocht hätten: dein Kind allein ist deine Welt.
Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die Berichte zu
lesen.
Inzwischen war die Abstimmung über die Erklärung des Parteivorstandes
zur Frage der Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Preßunternehmungen
vor sich gegangen. Mit überwältigender Mehrheit war sie zur Annahme
gelangt. Ich lachte unwillkürlich laut auf. So orthodox war bisher nicht
einmal die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie benutzte jede
Tribüne, wenn es galt, auch nur eine Seele zu gewinnen.
»Nicht darauf kommt es an, -wo- Parteigenossen schreiben, sondern -was-
sie schreiben. Je mehr sie mit ihrer Überzeugung und ihrer Person in die
Reihen der uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist es
für unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich zu ihrem
Gottesdienst in ihrer Kapelle verschließt, sondern eine Bewegung, die
der ganzen Menschheit dienen und die Welt erobern will ...«
Das wäre eine unserer sozialistischen Grundsätze würdige Erklärung
gewesen. Niemand beantragte sie. Nur vierundzwanzig -- unter ihnen mein
Mann, Göhre, Vollmar -- hatten den Vorstandsbeschluß abgelehnt.
Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der Partei, die
Vizepräsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.
Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete ich eine wütende
Philippika. Aber das, was er sagte, übertraf jede Erwartung. War das
derselbe Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen war?
»Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei uneiniger als jetzt --;«
das erklärte er, nachdem wir eben einmütig den größten politischen Sieg
erfochten hatten! »So geht's nicht weiter, -- jetzt müssen wir endlich
reinen Tisch machen,« und: »Wer nicht pariert, der fliegt hinaus!« War
das noch die Sprache des Führers einer demokratischen Partei, oder nicht
vielmehr die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten als von
den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebäugeln, und verlangte, daß man
sie öffentlich denunzieren müsse, damit die Genossen sich vor ihnen
hüten könnten. Er erklärte auf der einen Seite, um einen
Gewerkschaftsantrag zu Falle zu bringen, daß es für die Fraktion viel zu
schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, und versicherte auf
der anderen, daß, wenn die Partei heute zur Herrschaft im Staate käme,
sie schon morgen wissen würde, was sie zu tun habe. Der heimliche Haß
gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats
unzerreißbar mit sich verband, ohne zu fühlen, daß er dem ersten
Grundsatz des Sozialismus dadurch ins Gesicht schlug, durchglühte seine
Rede.
»Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr ihnen Vertrauen schenkt!«
»Stürmischer Beifall« stand daneben. Und doch waren es Akademiker
gewesen, die dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die
Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schließlich warnte er noch vor
»dem anderen Teil der Revisionisten, den Proletariern in gehobenen
Lebensstellungen«. Und niemand lachte ihm ins Gesicht, -- und niemand
wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, Redakteure,
Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier in gehobenen
Lebensstellungen, -- und ihn selbst, der ein wohlhabender Mann geworden
war. Fielen denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder war ich
nur vorher blind gewesen?
Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei seit Jahren
angesichts der praktischen Forderungen des Tages ein Vorurteil nach dem
anderen habe fallen lassen, wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik
geworden sei, was kurz vorher als hochverräterische Forderung
gebrandmarkt worden war. Dann aber wandte er sich persönlich gegen
Bebel, -- der erste und der einzige, der es mit der Autorität seines
Namens zu tun vermochte.
»Ein ungezügeltes Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen,
sondern auch auf denen der Partei,« rief er aus. »... In welchem Ton hat
Bebel sich an die ganze Partei gewandt? 'Ich werde nicht dulden ...',
'Ich werde den Kopf waschen ...', 'Ich werde Abrechnung halten'. Ich,
ich, ich -- so hat der Lordprotektor Cromwell zum langen Parlament
gesprochen ...«
Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner Ehre war diese
Anklage gewesen. Nur eins verstand ich nicht: er betonte die innere
Einheit der Partei mit derselben Schärfe, wie Bebel sie geleugnet hatte.
Wie konnte er nur?! Wären all die Wutausbrüche dieses Parteitages
möglich gewesen, wenn eine innere Einheit bestanden hätte? Sie waren
doch nichts anderes als Symptome der Zerrissenheit. Aber die
Revisionisten schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht
nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben Männer,
die ständig und, wie mir schien, mit Recht diese und jene
Programmforderungen der Sozialdemokratie kritisierten und einer
Umänderung für bedürftig hielten, erklärten plötzlich, daß prinzipielle
Gegensätze nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur Schwäche? --
Schwäche, die in ihren Folgen viel gefährlicher ist als sie? Und ich
befand mich plötzlich in Übereinstimmung mit einem der schroffsten
Radikalen in der Partei: »Das ist ja der Jammer des deutschen
Revisionismus, daß er nie mit einem bestimmten Programm hervorkommt,«
sagte Kautsky, nachdem er versucht hatte, den auch seiner Ansicht nach
vorhandenen Gegensatz als den zwischen der Zusammenbruchs- und der
Evolutionstheorie zu kennzeichnen; »die einen erwarten die Befreiung von
der sozialen Revolution, die anderen von der allmählichen Entwicklung.«
Mein Mann schrieb mir noch einmal: »Für die Partei wird diese traurige
Tagung mit ihren zahllosen Hintergründen von Gemeinheit, Klatsch und
Verhetzung schließlich noch zum guten Ende führen. Der Resolution des
Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre schärfsten Spitzen, auf
denen wir gespießt werden sollten, genommen worden, und ihre einmütige
Annahme scheint danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder
herstellen wird.«
Ich antwortete umgehend: »Ich verstehe Dich und die anderen nicht.
Selbst wenn die Resolution ihrem Wortlaut nach annehmbar wäre, so ist
sie es ihrem Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden,
sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung nicht zugegen zu
sein. Ich würde, -- und wenn ich die einzige bliebe, -- laut und
deutlich Nein sagen.«
Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, wurde mir die
Haltung der Revisionisten vollends unverständlich. Wie viele unter ihnen
hatten dem Eintritt des Sozialdemokraten Millerand in das französische
Ministerium zugestimmt, hatten eine allmähliche Eroberung der
Regierungsgewalt überall für möglich, ja für wahrscheinlich erklärt,
und jetzt beugten sie sich einer Resolution, in der es hieß: Die
Sozialdemokratie kann einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der
bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten laut
und leise die lediglich negierende Haltung der Partei gegenüber der
Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten sie sich selbst zum
»energischen Kampf« gegen sie. Aber daß dreihundert ja sagten, traf mich
immer noch nicht so tief, als daß Heinrich unter ihnen war.
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Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden zu beschäftigen, kostete fast
noch mehr Zeit als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte der kleine
Tyrann immer wieder nach Mama, wenn Berta mich ablösen wollte. Aber
meine Gedanken waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht
worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem Blick und müden Händen, in
den Trümmern meines Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug
war. Und ich fand eine unerschütterte Grundmauer: meine politische
Überzeugung. Vor der Partei konnte ein Bebel mich diskreditieren, konnte
mir die Arbeit in ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmöglich machen.
Aber erschöpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?
Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so kalt, so leer in mir.
Ich sah mich suchend um, -- war die Wärme und die Farbe aus meinem Leben
gewichen? Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! Hatte
der eine rohe Griff meines Gatten so viel vernichten können? Oder war es
nur ein letzter Herbststurm gewesen, der die schon lange heimlich
welken endgültig von den Stielen riß?
Eines Abends, ganz plötzlich, öffnete sich die Türe, und Heinrich stand
vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, die Augen tief in den Höhlen, dunkel
umschattet, die ganze Gestalt gebeugt.
»Heinz!« schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.
»Wenn du mich nur noch liebst -- du,« flüsterte er und bedeckte mein
Antlitz mit Küssen. »Ich fürchtete mich vor der Heimkehr, weil ich
dachte, ich könnte auch dich verloren haben, -- aber nun ist alles gut,
-- nun mögen sie mich steinigen. Ich fühle nichts, nichts als Seligkeit,
weil deine Liebe mich unverwundbar macht!«
Mir stürzten die Tränen aus den Augen, -- Tränen der Reue, des
Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an meine Liebe geglaubt haben. War es
nicht Liebe, die wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?
Ich erfuhr allmählich, was geschehen war. Artikel, Erklärungen, Briefe
legte er mir vor, voll wütender Angriffe auf ihn, den »Urheber des
Dresdener Parteitages«, den »geistigen Vater eines nie dagewesenen
Parteiskandals«, voll niedriger persönlicher Verleumdungen. Selbst in
unserem Leben wühlten fremde Hände, und unter ihrem Griff wurde auch das
Reinste schmutzig.
Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhängenden Wolken und langen
Schatten in den Zimmern. Ich kauerte in der Ecke des Sofas, unfähig,
mich zu rühren, wie zerprügelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos,
-- hie und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, als ob er sich
vergewissern müsse, daß er noch lebe.
»Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor Geier: 'Das ist
politischer Selbstmord'. Als ich dann Bebel antworten wollte, wie es
nach seinem Angriff allein richtig gewesen wäre,« -- so hatte mich
Heinrich doch verteidigen wollen! -- »da haben sie mich alle bearbeitet,
haben im Namen des Parteiinteresses an mich appelliert, und ich war so
töricht, durch all die widerwärtigen Szenen so erschöpft, daß ich mich
wirklich unterwarf. Was nützte es?! Nichts! Der Skandal nahm seinen
Fortgang. Und auf der Strecke bleibe schließlich ich allein!«
Einige Tage später kam Geier zu uns. Die erste Nummer der Neuen
Gesellschaft war eben in hunderttausend Exemplaren verbreitet worden.
»Ich muß mit Ihnen reden, Genossin Brandt,« sagte er nach einer raschen
Begrüßung. »Sie haben sich, fern von Dresden, hoffentlich so viel kühle
Überlegung bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr Mann.«
Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung nach geschehen
müsse. Zunächst habe sich Heinrich dem Schiedsspruch eines
Parteigerichts zu unterwerfen.
»Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel --,« warf ich bitter
ein.
»Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn und müssen zusehen, wie
andere den ganzen Gewinn Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!« rief Geier
heftig, um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. »Ohne eine
Rüge wegen seiner Dresdener Rede wird es natürlich nicht abgehen,« fuhr
er fort, »im übrigen aber, dafür lege ich jetzt schon meine Hand ins
Feuer, werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und Heinrich
wird nachher eine gesichertere Stellung haben als zuvor.«
»Du weißt, daß ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts in meinem
Wahlkreis bereits selbst veranlaßt habe,« unterbrach ihn mein Mann,
»wozu also das Gerede?! Komm lieber gleich zur Sache!«
»Wie du willst,« antwortete Geier ruhig und wandte sich wieder mir zu.
»Er hat Sie, wie es scheint, von meiner anderen Forderung noch nicht
unterrichtet: das Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.«
Ich fuhr auf: »In diesem Augenblick sollen wir unsere einzige Waffe von
uns werfen?!«
»Eine nette Waffe!« höhnte Geier. »Solange das Dresdener Spektakelstück
noch in aller Munde ist, werden vielleicht ein paar Dutzend Leute euer
Blatt kaufen. Aber über kurz oder lang bleibt euch von der Waffe nichts
mehr als eine zerbrochene Klinge.«
»Wir haben schon ein kleines Vermögen in die Sache hineingesteckt --,«
murmelte ich mit gepreßter Stimme.
»Kann mir's denken,« meinte Geier und kräuselte spöttisch die Lippen;
»vorsichtige Geschäftsleute seid Ihr offenbar nicht. Aber so rettet
wenigstens, was zu retten ist!«
Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gerötet. Jetzt blieb er dicht
vor Geier stehen.
»Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem revisionistischen
Blatt zu befreien,« zischte er ihn an.
Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom Stuhl und hieb mit der
Faust auf den Tisch: »Ich komme nach Berlin gereist, um euch einen
Freundschaftsdienst zu erweisen, und du begegnest mir so --. Stürze
dich denn meinetwegen kopfüber in dein Verderben --« Und hinaus war er.
Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. Inzwischen fanden
überall Parteiversammlungen statt, die sich mit den Dresdener
Ereignissen und ihren Folgen beschäftigten. In den Angriffen auf die
Revisionisten, ganz besonders auf meinen Mann, übertrafen sie noch den
Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift gewarnt, mit der wir uns
»auf Kosten der Partei« bereichern wollten. Es gab keinen Ausweg mehr,
als sie zunächst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um sie gegen
die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.
»Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni um Ihre Fahnen
geschart,« schrieb mir Romberg, »weil sie, von den bürgerlichen Parteien
im Stiche gelassen, bei der Sozialdemokratie den Schutz der
Geistesfreiheit, den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten.
Dresden hat diesen Wahn zerstört, hat gezeigt, daß der Dogmatismus, die
Verfolgungssucht Andersdenkender, kurz die ganze Seelenverfassung der
Inquisitoren, nirgends in so krasser Form zu finden ist, als bei den
privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder vogelfrei. Und
Sie?!«
* * * * *
In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte Nummer erschienen war und
wir wieder schlaflos den huschenden Wolken draußen und der wachsenden
Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir: »Was meinst du, wenn ich
ginge?«
Zuerst verstand ich ihn nicht, -- dann aber packte ich mit aller Kraft
seine beiden Hände und sah ihm mit stummem Entsetzen in das blasse
Gesicht.
»Ich warnte dich schon einmal, -- vor Jahren,« fuhr er leise und langsam
fort. »Ich bringe Allen Unglück, -- dir, -- der Partei. Mir scheint, ich
habe hier nichts mehr zu tun.«
Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, ich schmiegte mich an
ihn, als ob ihm aus meiner Lebenswärme Lebensmut zuströmen könnte. Aber
er blieb ernst und fest und wußte immer neue Gründe nicht nur für die
Berechtigung, sondern für die Notwendigkeit seiner Absicht vorzubringen.
Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub an die Türe und sprang
herein, ohne unsere Aufforderung abzuwarten. Es war das erstemal nach
seiner Krankheit, daß er so früh schon aufstehen durfte. Er kletterte
eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb überrascht, halb
erschrocken. Mit jenem rätselvollen Scharfblick des Kindes schien er das
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