»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! --
Übrigens,« fügte er lauter hinzu, »ich kenne den Wahlkreis: Äcker,
nichts als Äcker, und Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, -- kurz,
ein böser Winkel.«
»Aussichtslos?« fragte Heinrich.
»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben wir beide seine
Eroberung nicht.« Ich biß mir ärgerlich die Lippen, -- ich hatte
erwartet, daß er zureden würde.
Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war eröffnet.
Wir stiegen zur Tribüne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte
Erwartung lag auf allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die
Hauptführer im Kampf. Allmählich füllte sich unten der Saal. Das
gelbgraue Licht, das von den farblosen Wänden und der tiefen Glasdecke
ausstrahlte, ließ alle Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.
»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben mir. Daß man so oft für
vornehm hält, was nur kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher
Gebäude sollten den psychologischen Einfluß der Farben auf die Menschen
studieren. Vielleicht würden dann manche Parlamentsverhandlungen und
Gerichtsbeschlüsse anders ausfallen.
Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einförmiger
Langsamkeit über die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzöllen
berichtete. Niemand hörte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der
Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen
zur Tür, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas
sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren
Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in
erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf an die hohe Lehne. Der
Berichterstatter schloß. Graf Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr
in die Beratung des Zolltarifs ein ...«
In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der greise Führer der
Rechten, mit jugendlicher Elastizität die Stufen zur Estrade empor. Ein
weißes Papier zitterte in seinen Händen. Die Stimme, mit der er scharf
und hell seine Worte in den Saal hinausstieß, vibrierte:
»In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag vorliegen, der dahin geht,
in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage die Enbloc-Annahme des Zolltarifs
auszusprechen ...«
Ein Hohngelächter übertönte jedes weitere Wort. Die Linke sprang auf und
umdrängte die Estrade.
»Eine Guillotinierung!« klang es aus dem schwarzen Menschenknäuel.
»Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrängt ...,« rief Kardorff. Er
ballte die Faust um das weiße Papier, reckte die überschlanke Gestalt
hoch auf und maß mit einem hochmütigen Blick die Gegner unter ihm.
Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine lange, atemlose Pause.
Endlich traten die Diener ein. Man riß ihnen die bedruckten Blätter aus
der Hand. Dicht unter der Rednertribüne, auf der Kardorff noch immer
aushielt -- gerade, starr, scheinbar gleichgültig --, warf einer der
Sozialdemokraten in fanatischem Zorn das zusammengeballte Blatt zu
Boden. Um den heftig gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.
»Zur Geschäftsordnung!« rief Singers tiefe Stimme immer wieder dem
Präsidenten zu.
Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen Beifall der Linken und
die empörten Zwischenrufe der Rechten und des Zentrums klangen nur
abgerissene Sätze zu den Tribünen empor.
»... Dieser Antrag ist der Ausfluß des persönlichen Interesses, welches
die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage haben ... Sie fördern den
Umsturz, Sie propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen des
Volkes mit Füßen treten... Neunhundert Positionen, von denen jede
einzelne die wirtschaftliche Existenz Tausender bedroht, wollen Sie in
einer Abstimmung zur Entscheidung bringen ... Sie fürchten sich, die
Beute könnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppenträger der
Agrarier und die Regierung ist ...«
»Ihr Zuhälter!« kreischte eine Stimme dazwischen.
Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort saß fest;
flüsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribünen.
Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im Saal: »Mehr denn je
wird das Recht der Minorität, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur
heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu
ersparen, das es der Not ausliefert, während es Ihre Taschen füllt ...«
Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag
die Hand Theodor Barths in der seinen.
»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.«
Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen
hörte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, groß,
schwer, breitschultrig. Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade
führten, stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den Redner
gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, sich spreizten und
wieder zusammenzogen, als prüften sie ihre Kraft.
Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann
Kardorff zu sprechen: »Wir sind der Überzeugung, daß der vorliegende
Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir
für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«
»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelächter
antwortete.
Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu überschreien.
Gleichgültig sah er über die Menge hinweg und wartete, bis der Präsident
die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die
Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mühe, überzeugen
zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souveräne Verachtung des
Gegners.
»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der
Minorität durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres
konstitutionellen Lebens...«
Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten Haufen, der sich
allmählich immer näher zur Rednertribüne emporschob, erhoben sich
geballte Fäuste. »Räuber!« -- »Taschendieb!« -- »Volksverräter! --«, wie
Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der
Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der
Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser
geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft das Pult.
Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil
kämpft, -- in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die
neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem
dunklen Glanz tragischer Größe.
Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden über die
Zulässigkeit des Antrags.
»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« meinte einer
unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, »dann
ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg für die Rechte, -- der
Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«
»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer frohlockend hinzu; »das
wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!«
In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns Weber. Fragend sah er
von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.
»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer sagt, wir würden die
Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, -- das gab den Ausschlag.
Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir
wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«
Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte von seinem eigenen
Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war,
sich schließlich seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.
»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen soll,« meinte
er, »dieselbe Zähigkeit, die wir haben müssen, soll die Partei vom
Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die
seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, in täglicher
Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht des ganzen
bourgeoisen Klüngels, -- und doch sind wir ein gut Stück weitergekommen.
Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem
ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der
schönste Tag meines Lebens wär's, wenn ich sie einmal flattern sehen
könnte!« Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen
feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.
* * * * *
Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die
politisch Gleichgültigen wurden aufgerüttelt und verfolgten ihn mit
gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit
die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, aber mit trotziger Ausdauer
hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer
wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Haß zerriß in
zügelloser Leidenschaft alle Bande äußerer Gesittung. Konservative
Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen
Versammlungen gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch den Antrag
Kardorff protestierten, als »skrophulöses Gesindel«, und ihre Presse
forderte von der Regierung: »der Bestie den Zaum anzulegen«. Die
»Bestie« blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der
Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als
ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug
der nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den
Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehörten. Bewunderung für
die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem
politischen Schlummer, und der Groll führte andere hierher; sie fühlten
ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag --
die Bassermann, die Richter -- schmählich verraten. Zu früh vernarbte
Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die
Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden wären, wenn die Roten im
Reichstag sie nicht so wütend verteidigt hätten; und die Rede des
Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die
sich bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren
Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, die sich über die von
mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst
mehr,« hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der
Siegesallee erklärt, und die großen Eroberungen neuer künstlerischer
Möglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und
Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein
bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl manchem die Wangen, der den
Streich ruhig empfangen hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den
Zolltarif,« sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt die
Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende
nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner
zu bedienen wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und
im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung der
Geister führen würde.
Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages rüsteten sich schon für
die kommenden Wahlen. Was der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für
unmöglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten
sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der
Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das
Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen
Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste auszubeuten
und zu knechten --;« wie auf Windesflügeln durcheilten diese seine
Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das
Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer
lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer,
die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders
knechtet uns als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch der
Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«
Während die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische
Tätigkeit noch unmöglich machten, stand mein Mann schon mitten im
Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen
Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der
Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung einer
Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt
der Frau aus beleuchtete. Für den kommenden Wahlkampf sollte sie die
Arbeiterinnen aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein
ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber
Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.
»Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Prozeß,« sagte Heinrich eines
Abends, als er eben von Frankfurt zurückkehrte. »Gehen wir aus dem
Wahlkampf in der Stärke hervor, wie wir es hoffen dürfen, so treten die
Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit an uns heran,
und meine Zeitschrift hat einen Wirkungskreis ohnegleichen ...«
Lindner kam. Mit Wünschen und Hoffnungen und ohne Entschlossenheit, wie
immer.
»Sie haben mich lange genug genarrt,« fuhr ihn Heinrich an; »im
Vertrauen auf Sie habe ich gewartet und immer wieder gewartet. Nun aber
verlange ich ein Ja oder Nein.«
Lindners schmale Gestalt sank förmlich in sich selbst zusammen. Halb
verlegen, halb gekränkt versprach er eine rasche Entscheidung.
»Wie kannst du nur!« rief ich, als die Türe sich hinter ihm schloß. »Nun
wird er ganz gewiß zurücktreten!«
»Und wenn schon!« lachte Heinrich fröhlich, »glaubst du, die Zeitschrift
hinge von ihm allein ab?«
Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift
gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah,
wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysterische: sie gab ihm Kraft,
Tatendurst, Selbstbewußtsein.
»Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,« sagte er, nachdem er
seinen Namen unter das Schriftstück gesetzt hatte, »und morgen kann die
Arbeit losgehen!«
Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden Bewegung auf den
Arm: »Arbeiten müssen wir tüchtig, alle drei, aber über den geeigneten
Zeitpunkt des Erscheinens wollen wir noch andere hören. Und eine
notarielle Beglaubigung?« -- Er lachte -- »Ich denke, solche Scherze
schenken wir uns. Unser Wort genügt, auch wenn wir es nicht schriftlich
gegeben hätten.«
An einem der nächsten Abende folgten die Führer der Revisionisten
unserer Einladung. Wie zu einem Feste hatte ich unser Zimmer geschmückt
und unsere Tafel bereitet. Und festlich war mir zumute, -- wie den
Soldaten nach der Kriegserklärung. Die frankfurter Fahne fiel mir ein,
die eingerollt im Winkel stand, -- eine im Sturme immer voran flatternde
sollte unsere Zeitschrift werden!
Unsere Gäste gratulierten uns, -- aber sie hatten doch viel Bedenken, ob
unser Plan durchführbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der
Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, -- aber an der Stärke der Wirkung
zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, -- aber ohne den
Enthusiasmus für die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der
Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres
Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. --
Es war eine nützliche und verständige Besprechung, die wir hatten, aber
wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir
leid.
Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte sich jetzt: der
Revisionismus besaß den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer
der Jugend war ihm jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die
Zukunft erobern will, der muß es erhalten, muß es mit seiner Liebe,
seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit es weithin leuchtet und wärmt,
und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.
* * * * *
An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten
Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grämlich, jenseits
aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verließ
ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf
ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung in der
Hand -- unser Erkennungszeichen. Er lachte mich fröhlich an.
»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was war noch nich da in
Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen --«
Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren zwischen Weiden und
Erlen die Straße hinauf. Überrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar
nicht gewußt, daß es schon Frühling geworden war!
»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.
»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als
wäre sie sein eigenstes Werk. »Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf
und davon. Aber wenn wir -- meine Kollegen und ich -- Sonnabends von der
Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns
entgegen, nich so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir können
im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemüse rumpusseln und
an unseren Obstbäumen, -- dann vergessen wir gern die Plackerei der
ganzen Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte nach rechts
und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« redete er sie an.
»Jawoll --« »Natierlich,« riefen sie.
»Sind das alles Maurer? fragte ich.
»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter mang, sogar
Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne
Frau reden jehört.«
Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten war, ließ er den
kräftigen Braunen halten.
»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach links, wo sich das
Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie
Spielzeug, zwischen knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen
mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von durchsichtigem
Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke über der Ebene. Aus den dunkeln
Ackerfurchen stieg lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene
Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land
dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den märkischen Junkern, den
Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit
Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der
Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.
»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter Agrarier, -- unsere
ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die sind schlau gewesen, von Anfang an.
Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht
erreichen konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf gefaßt sein
mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte,
die unsere Kinder in der Schule lernen müssen: 'Hier habe ich in Frieden
eine Provinz erobert,' soll König Friedrich gesagt haben, als er mal
hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir
gewesen wären, die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«
»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« meinte ich.
Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König mag das freilich
ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein!« spottete er.
Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. Einstöckige
Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken Fenstern, umgaben in weitem
Bogen den Dorfteich, seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum
Schloß, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche,
unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.
»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park gingen? Sie glauben
nich, wie schön der ist!« Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast
schwärmerischen Ausdruck.
An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflächen
dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grüns
überzogen. Zu Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel
standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus der Erde hervor und
Krokusblüten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler
Pfad wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur Seite wich, um
dem Wunder fremdartig märchenhafter Bäume Platz zu machen; grau
schimmerten ihre Stämme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig
über das dunkle Moos des Bodens.
»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom Libanon;« und
blickte bewundernd auf den Traum des Südens. Über uns in den Kronen der
Bäume brauste der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich
schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die
dürren Äste.
Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, -- mit
scheuer Zärtlichkeit strichen seine rissigen Hände über die ersten
kleinen Knöspchen an den Sträuchern.
»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben!« staunte ich.
Er schüttelte sich: »Landarbeeter?! Nee! Das is nischt for unsereens!«
Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.
»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte Merten, »Strohdächer,
-- Fenster, wie Mauselöcher, Türen, daß sich ein ordentlicher Mann
bücken muß, -- wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als
Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die Erde zogen, wenn die
herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders,
sage ich Ihnen, janz anders --« dabei strahlte er förmlich -- »sehen Sie
dort, das Weiße, das ist unser Gewerkschaftshaus!«
Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut
wie unzugänglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur
Verfügung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet.
Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie
hatten ein Dach über dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.
»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins -- zwei --
drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs!« erzählte Merten.
»Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man
so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie nach Jusow zur Kirche
fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen
wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!«
Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich
hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon
die Frauen mit heißen Gesichtern.
Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von den Dächern fegte und
alles Morsche zu Boden riß. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich
schilderte die politische Lage Deutschlands und zählte die Sünden der
Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum
Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt
von indirekten Steuern, Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel
gezogen werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend
mit jedem Pfennig rechnen muß. An der Hand der Untersuchungen
bürgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der
Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der
Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen heran, um zu
zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernährung eine
unzureichende ist: »Schwächerer Wille, schneller versagende
Aufmerksamkeit, raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die
das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig im Munde führt, in
der Tat aber die Leistungsfähigkeit der Arbeiter untergräbt, und unsere
Stellung auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche Krise, unter
der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge
von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine
'gepanzerte Faust' kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fünf
Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, Urteil zu sprechen über die, die
sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf der
einen Schale der Wage, des Volkes Glück und Freiheit auf der anderen.
Wir, die 'Vaterlandslosen', wir, die 'Elenden', wir, die 'Rotte von
Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen', machen unser Urteil
davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...«
Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, mit den Händen gefaltet
im Schoß, die Männer, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da
sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein
Herz nicht auf den Lippen und wußte nichts von der Reaktion
empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Städters besteht.
Aber nachher, als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein Fragen und
Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen bewies, wie jedes Wort
vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im
engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein
jeder umschloß das große Leid der Welt.
Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, so eng. »Und hier
is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Häuser stehen könnten!«
Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen Raum hauste ein uraltes
Paar mit vier kleinen Enkelkindern. Das einzige Bett nahm fast die
Hälfte der Stube ein.
»Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut jearbeetet,« sagte der
Mann, eine zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem kleinen braunen
Gesicht wie eine Wurzelknolle, »nu essen wir's Jnadenbrot --,« dabei
kicherte er halb verlegen, halb höhnisch. »Det Schloß aber, det hat woll
an die fufzich leere Zimmer ...«
Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. Einer, der jüngste
der Schar, begann mit heller Stimme zu singen. Allmählich fielen die
anderen ein. Die Türen der Häuser, an denen wir vorüberkamen, öffneten
sich. Einige der Bewohner traten neugierig bis zur Schwelle. Andere
lockte das Lied und die feuchtwarme Märznacht, -- sie folgten uns. Und
so ging es im Takt auf die Straße hinaus und immer, immer länger wurde
der Zug singender Menschen.
»Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind, -- das Proletariat -- das Proletariat --«
klang es schmetternd hin über das schlafende Bruch.
Allmählich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern nähertrat, gewann
ich es lieb, und die weite Ebene enthüllte mir all ihre verborgene
Schönheit, und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie fühlten
noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, darum begegnete mir
nirgends Neid oder Mißtrauen. Fingen sie doch kaum an, das
Allerhandgreiflichste zu empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Hütte
zum Herrschaftsschloß. Und gerade an diesem Punkt ihres Wesens sah ich,
wo ich eingreifen mußte.
»Wer andere Zustände schaffen soll, muß doch erst den Druck der eigenen
empfinden lernen,« sagte ich zu Romberg, der mir meine agitatorische
Tätigkeit durchaus verleiden wollte.
»Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in einer Dorfkneipe
Unzufriedenheit predigend,« antwortete er ärgerlich.
»So überzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, daß ich es kann,«
meinte ich. Auf meiner nächsten Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein
Leiterwagen, der uns in strömendem Regen über aufgeweichte Landwege nach
einem kleinen Dörfchen fuhr, Lehmannshöfel mit Namen.
»Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem Wetter?« fragte ich den
alten Genossen, der uns an der Bahn empfangen hatte.
»Jut, -- sehr jut,« entgegnete er. »Was unser oller Pfarrer is, der hat
vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. Sie sollten man bloß nich in die
Versammlung jehn, hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am
wenichsten, wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus det Mittagbrot
kochen und mit die Kinder beten sollte. Nu können Se sich denken, daß se
justament in die Versammlung jehn. Proppenvoll war's schonst heut
morjen.«
Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, Fußgänger mit
aufgeweichten Sohlen, denen das Wasser von der Mütze tropfte. Wir luden
auf, so viel der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen hatten sie
Flugblätter ausgetragen. Voll guten Humors erzählten sie ihre Abenteuer.
Auf manchem Hof hatten sie über Zäune klettern müssen, weil das Tor vor
ihnen verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche
bis in die Gesindestuben der Rittergüter vorgedrungen, der andere hatte
mit demütigem Gesicht, als wär's ein Traktätchen, den Kirchgängern die
Zettel in die Hand gedrückt; im Vorübersausen hatte der Radler sie
geschickt durch offene Türen und Fenster geworfen.
In der Wirtsstube von Lehmannshöfel glühte der eiserne Ofen. Nasse
Mäntel und Stiefel trockneten daran. Tabaksqualm zog in schweren
Schwaden an der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen
umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen rechts und links zwei
Blumensträuße in flachen weißen Papiermanschetten.
»Von den Tagelöhnerinnen aufs Jut --,« erklärte dunkel errötend ein
junges Mädchen, das als letzten Rest der alten Tracht die strohblonden
Flechten unter dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in der
Kirche saßen die Leute vor mir: rechts die Männer, links die Frauen, --
lauter Gesichter, in die kein anderer Gedanke als der an die nächste Not
des Daseins seine Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung
hier gewesen. Ob ich den Ton finden würde, der zu ihnen drang? Ich
erzählte von ihrem eigenen Dasein, wie es in ewigem Gleichmaß
dahinfließt, nach der alten eintönigen Melodie: Leben, um zu arbeiten,
arbeiten, um wieder leben zu können. Wie Freude für sie nur ein kurzer
Rausch ist mit bösem Erwachen -- ein Alkoholrausch, ein Liebesrausch --
und die Sorgen allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und
Schönheit ist; wie das größte und schönste, was die Menschheit in
Jahrhunderten gedacht und empfunden, in Tausenden von Büchern und
Statuen und Bildern aufbewahrt wurde für ihre Nachkommen. »Aber eine
Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen Zauberstab besitzt,
dem öffnet sich die Pforte ...«
Ein junger Mann, der ein bißchen stumpfsinnig vor mir gesessen hatte,
sah plötzlich auf -- mit ein paar Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht
flammte.
»Das Kind der armen Tagelöhnerin hat vielleicht die Seele eines
Dichters, -- mit vierzehn Jahren schon muß es Kartoffeln buddeln und
Rüben ziehen, und die Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Füßen
seine Seele tot ...«
An der Tür drüben sah ich ein altes Mütterchen, das den weißen Kopf
schluchzend in den knochigen Händen vergrub.
»Für diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslänglicher
Zwangsarbeit bestraft wird ... Tränen darüber sind genug vergossen
worden. Vor lauter Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der
Kanzel herab haben sie gepredigt, daß die Ergebung in das Geschick eine
Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein Laster. Denn an all dem Elend in
der Welt sind wir schuld, -- wir mit unserer Demut, unserer
Unterwürfigkeit, unserer Trägheit ... Jeder Blick in das bleiche
Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um Nahrung sollte der
Frau nicht Tränen fruchtlosen Leids erpressen, sondern sie anspornen,
ihrem Kind die Zukunft erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und
furchtsam ist, wächst ein Geschlecht von Knechten mit knechtischer
Gesinnung empor, und der Wert einer Mutter wird in Zukunft nicht blos
daran gemessen werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und
genährt hat, sondern ob sie sie zu Kämpfern erzog und ihnen mit dem
Vorbild tatkräftiger Begeisterung voranging.«
An Beispielen des täglichen Lebens suchte ich ihnen klar zu machen, wie
jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, an dem großen Befreiungsfeldzug
des Sozialismus teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele führen würde ohne
die Arbeit des einzelnen. Mir war, als hörte ich die Atemzüge der
Menschen vor mir und ihre Seufzer. O, daß ich sie doch ins Herz
getroffen hätte!
Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier über den Feldern. Wir
fuhren stumm zurück. Frostgeschüttelt lehnte ich mich in die Kissen, als
wir endlich den Zug nach Berlin bestiegen hatten.
»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg los, der bis dahin kein
Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte,
sein Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, ihn
mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.
»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.
»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was
sie besitzen, was ihnen das Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit,
ihren Stumpfsinn, -- ohne ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«
»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« entgegnete ich
heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der
Klassengenossen über sich selbst und sein kleines Schicksal
hinauszuheben, -- das wäre nichts?! Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort
von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die
Disharmonien des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grausamkeit der
Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lösung.«
»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«
»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«
Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat,
streifte er mich.
»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein Attribut der
Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz klopfte mir, als fürchtete ich
die Antwort.
»Ich weiß selbst nicht recht --,« meinte er zögernd. »Aber daran soll
unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.«
»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er nach einer Pause
wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon näherte. Ich sah
auf. »Ich möchte, daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein
Kulturmensch werden!«
Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich
ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung zur »Kultur« anzuvertrauen. Am
Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen
Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir waren beide so erfüllt
von unseren Erlebnissen, daß wir im Eifer des Erzählens Romberg fast
vergaßen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.
»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare Begriffe --,« sagte
er am nächsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.
»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur
einer Frau gestattet war,« entgegnete ich ärgerlich. »Es ist noch nicht
lange her, daß Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen
habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit
feierten.«
Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen
Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil über den Klassenkampf des
Proletariats mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten an
der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere Werte ringen --«
»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln,
die sie an die Erde schmieden und ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach
ich ihn erregt.
»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- die alte Parole, unter der
schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete er mit spöttischem
Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal des Christentums, -- die
selbstentsagende Nächstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie
unsäglich arm eine Zeit sein muß, die selbst einer so gewaltigen
Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen
können.«
Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so
energischer zu unterdrücken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel
erschienen waren, zu denen es hätte führen können.
Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der
Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprödigkeit des
Materials siegreich überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten
Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender
von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen
und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem
Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in
phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhörter
Farbenpracht --
»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,«
sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte
weißer Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe mit
lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten
andere Bilder: rissige Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte
Gesichter --, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.
Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.
»Wie wohltuend, wie ruhig!« meinte jemand. »Eine schöne alte Frau mit
sehr weißen stillen Händen müßte ihren Lebensabend hier verträumen.«
Aber die Armenstube von Platkow sah ich vor mir.
Vor ein großes Bild traten wir dann: auf weichem, blumendurchwirktem
Rasenteppich, der sich im stillen Wald verlor und zärtlich eine Quelle
umgab, die diesen Frieden mit keinem Plätscherlaut stören mochte, kniete
ein Jüngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu der Jungfrau
erhoben. Aus der Säulenhalle des Tempels tretend, krönte sie ihn; lange,
schmale, durchsichtig bleiche Finger hielten den Kranz. Mädchen, so
schlank und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das alles
leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, in sattem Grün, --
weitab allen grauen Tönen der Wirklichkeit. Fast nahm die fremde
Wunderwelt mich schon gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park
vor mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshänden zärtlich
die kleinen Knospen streichelte. Ich war sehr einsilbig.
Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks Pelleas und
Melisande unter der Direktion eines jungen Revolutionärs der Bühne zur
Aufführung kam. Böcklins Landschaften schienen lebendig geworden:
Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schloßtürme und der weiße
Marmorbrunnen verschmolzen mit den schwebenden Gestalten, dem
Sonnenglanz und dem Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.
Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. Mit schmerzhafter
Klarheit empfand ich die gähnende Kluft zwischen all der ästhetischen
Kultur, die um uns her zu blühen begann, und dem Leben, dem Denken und
Wünschen der Millionen, die erst anfingen, um die Befriedigung
ursprünglichster Triebe zu kämpfen. Rombergs Gedanken begegneten den
meinen.
»Fühlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen stehen, deren ganzes
Bedürfen in etwas mehr Zeit, etwas mehr Brot gipfelt?« sagte er. »Sie
müssen Ihre Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung
Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr Sprachrohr werden
zu können.«
Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.
»Wie eng Sie denken!« lachte ich. »Nicht abstumpfen, steigern muß ich
meine Empfänglichkeit, damit ich immer weiß, wie groß das Entbehren ist
und wie ungeheuer der Gewinn unseres Kampfes.«
»Machen Sie sich denn gar nicht klar, daß, wenn die Masse erreichen
sollte, was Sie heute haben, Sie und Ihresgleichen ihr wieder um
tausend Jahre voran sind?!« sagte Romberg. »So wird die Kluft bleiben,
-- immer bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimäre.«
»Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; wie der Baum
aus diesem Boden wächst, darüber entscheidet seine eigene Kraft,«
antwortete ich.
Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander entfernen mußte.
Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr
einschläfern ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln wollte,
so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hörbarer, als da die
Völker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde
unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um
dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche
Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx
ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen über die
Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange über
den Mangel hinwegtäuschen konnten, als sie unerschüttert waren.
Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all
unsere Kräfte auf ein Ziel, -- die Niederwerfung des Gegners, -- hätte
konzentrieren müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den
Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, wenn nicht jenes
Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mißtrauen zur Folge haben
mußte. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem
anderen als ein Verstoß gegen die Partei.
Ein halbes Dutzend Parteigenossen, -- ich gehörte zu ihnen, -- hatten
seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die
eine Tribüne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen.
Die literarischen und künstlerischen Kritiken, die ich darin
veröffentlicht hatte, -- Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein
längeres als ein Augenblicksinteresse beimaß, -- hatten oft weniger dem
Bedürfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu
verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, und um
so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdächtig war. In ähnlicher
Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir 'gesündigt' hatten.
Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der
Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortführer nicht, uns in
breitester Öffentlichkeit als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu
verdächtigen.
Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am
Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, daß wir
jede Tribüne benützen müssen, von der aus wir gehört werden können,
hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflußt,
angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere
Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise,
und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen
der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklärung den Mitbetroffenen
vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen
hatte. Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung des
Zwists zu vermeiden, indem man die öffentliche Antwort, wie ich sie
beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte.
Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne
Auseinandersetzung einzugehen, -- die ganze Presse hatte sich schon der
Sache bemächtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns
aus --, er veröffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf
an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hämischer
oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte
natürlich die lapidaren Sätze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt
vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren
die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren.
Darüber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort
gewesen wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteiführer
an die Hand gab, mißliebige Blätter auf den Index zu setzen, einen
weiteren Schritt zum Papismus, wir empörten uns, daß gerade diejenigen,
die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die
dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit zur Partei unmöglich
zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff
auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir Überläufer aus der
Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritäten, -- die der Familie,
der Bildung, der Religion, des Staats --, den Weg zur Sozialdemokratie
gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue Autorität, -- die
des Parteivorstands, -- anzuerkennen. Und mein Mann, der seine
Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortführer
gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit
der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem
Münchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der
ganzen Linie, -- mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu
Feinden werden.
Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: daß
die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflußt werden könnten.
* * * * *
Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt
a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute:
mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, --
sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer
Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich -- es klang wie der dumme
Witz eines Possenreißers -- in einer bürgerliche Zeitschrift über Halbes
Theaterstücke und Laura Marholms Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber
schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt
der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube reihte, von dem
ersten jungen Grün überhaucht, mit bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und
Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen
Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, den
Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frühlingsglaubens
Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine
törichten kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zänkereien
der Priester mit der Religion der Massen zu tun?
Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bändern in den
Zöpfchen und frisch gewaschenen weißen Kleidern, die sich um sie
bauschten, so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie führten mich
hinunter in die Stadt über den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen
artigen Rasenfleckchen und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an
Häusern vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen
Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie
erschreckender Lärm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien
über das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das
Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fünfen, mit
weißen und braunen und gelben Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im
Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, so zogen
sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung gesellten sich andere
hinzu, und wo die Gärten größer und die Häuser kleiner wurden, kamen
Landleute mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern über die
Feldwege. Alles grüßte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit
hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten
Weiden umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde
gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen daraus hervor. Von der
anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über
Weißdornhecken rosig blühende Bäume; darüber klang der langgezogene
Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige
Zwitschern buntgefiederter Meisen.
Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins
war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir
zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die wir betraten,
warteten schon die Sänger. Ich stieg die Stufen hinauf. »... Ein Sohn
des Volkes will ich sein und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen
weit geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; ihre
Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein und berührten all die
braunen und blonden Scheitel der andächtig lauschenden Menge.
Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die
kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher
Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis
auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte sich
schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare -- ein schwarzes und
ein blaues -- hingen an mir wie eine große verwunderte Frage.
Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein geweihter Priester,
zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe,
die ich predigte, -- jener Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, es
war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, -- jene Seligkeit,
in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bücken
gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter
lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die
dem steigenden Licht im Lenz die Neugeborenen weihten, -- das ist die
Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne
abtötet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am
feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich aufzunehmen, der
ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich
gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und genießt.
Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur
vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.
»Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um Jahr in der Forderung
des Achtstundentages zu diesem Frühlingsfest vereinigen, so tun sie es,
weil sie wissen, daß sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die
Voraussetzung für Wissen und Genuß ...«
Halb enttäuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen der Kinder
noch immer zu mir empor. Mit demselben Ausdruck bettelte mein eigen Kind
um eine Geschichte, wenn wir im Walde gingen, wo die Bäume und die
Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese Kleinen hier sollten nicht
vergebens warten: von den Bettelkindern erzählt' ich ihnen, die
auszogen, ihre verlorenen Königskronen wiederzufinden ...
Draußen im Garten kamen sie dann alle und dankten mir. Die Kinder hatten
die Fäustchen voll Wiesenblumen und legten sie mir in den Schoß. Die
Alten luden mich an ihren Tisch. Sie wußten nicht, daß ich ihnen zu
danken hatte. Ich war wieder stark und froh, ich hatte in ihnen die Erde
berührt, die kraftspendende.
* * * * *
Der Tag der Entscheidung rückte näher. Immer leidenschaftlicher wurden
die Angriffe unserer Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblättern. Mit
dem alten Märchen vom gewaltsamen Teilen suchten sie den Bauern, der an
seiner Scholle hängt, den kleinen Handwerker, der sich an den kläglichen
Rest seiner Selbständigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu fesseln.
Mit der Autorität des Kaisers stützten sie ihre Angriffe auf die
sozialistischen Agitatoren.
»Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,« -- dieses
kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. Weite Kreise des
Volkes, denen der Thron noch so heilig war wie der Altar, scharte er
unter ihre Fahnen, aber größere noch, empört über die Stellungnahme des
Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, trieb er zu uns herüber. Hochauf
loderte der Zorn in unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte
an bitterer Enttäuschung und stillem Groll, das brach flammend hervor.
Zu Regimentern, die wider den Gegner aufmarschierten, wurden die
vielstelligen Zahlen, die Milliarden, die Armee und Flotte, China und
Afrika verschlungen hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde
gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie drüben mit blutigen
Farben das Bild der Revolution und rissen dadurch den Gleichgültigen aus
dem verschlafenen Winkel seines Daseins, so beschworen sie hüben alle
Gespenster der Not und des Hungers herauf und schreckten mit ihnen die
Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. Der ehrliche Kampf mit offenem Visier
auf freiem Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtückischen Listen und
nächtlichen Überfällen. Und durch die feindlichen Lager hin und her auf
leisen Sohlen schlich die Verleumdung; wen das Schwert nicht
niederstreckte, den vergiftete sie.
Ich hatte dem Gegner gegenüber gerecht bleiben, mich als einzelne
behaupten wollen, gegenüber der Suggestion der Masse. Aber je länger ich
im Kampfe stand, desto schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen.
War ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Füße von selbst im
Takt der anderen marschieren, der die gleichen Waffen trägt, und, vom
Rausch des Krieges überwältigt, einen persönlichen Feind in jedem Glied
des gegnerischen Heerbannes sieht?
* * * * *
Der Gegenkandidat meines Mannes war ein alter Reaktionär, den der Bund
der Landwirte auf seinen Schild erhoben hatte. Der Zolltarif galt ihm
als ein »gigantisches Werk«; die Arbeitslosenversicherung, die in diesem
Jahre wirtschaftlicher Depression für uns eine immer dringendere
Forderung geworden war, erklärte er für »unmoralisch«; dem gesetzlichen
Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem Wege zu unseren Zielen lag, müsse,
so sagte er, ein »Stopp« entgegengerufen werden, und wider den
Großkapitalismus, dessen Entwicklung eine Voraussetzung des Sozialismus
war, galt es, den Mittelstand mobil zu machen. Als der typische
Konservative war er der willkommenste Gegner, weil sich hier, klar
voneinander geschieden, zwei Weltanschauungen gegenüberstanden. Zwischen
ihnen schwankten, als das Zünglein an der Wage, die Liberalen des
Kreises hin und her. Sie wollten nicht glauben, daß wir ein gut Stück
Weges zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller liberalen
Grundsätze gleichkam, wenn sie den Konservativen Gefolgschaft leisten
wollten.
Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir uns zu Hause, so
schrieben wir zusammen Flugblätter und Artikel, wobei er mit der ruhigen
Sachlichkeit seiner Beweisführung die Gegner zu entwaffnen und ich mit
dem Feuer, das mich durchglühte, Anhänger zu werben versuchte. Hie und
da trafen wir uns in Versammlungen, dann hörte ich, daß er sprach, wie
er schrieb: er wandte sich an den Verstand, er suchte zu überzeugen, wo
ich an das Gefühl appellierte. Er hatte die Sprache des Dozenten, nicht
die des Agitators. Wen er dem Sozialismus gewann, der wurde zum
Bekenner. Was ich entzündete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk
sein.
In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. Schon blühten
Pfingstrosen in den Gärten, und von Flieder und Hollunder dufteten die
Lauben. Über den staubigen Chausseen brütete die Sommersonne. Die
Menschen in den engen Sälen atmeten rasch und schwer wie im Fieber. In
den Dörfern gab's Schlägereien. War einer als Genosse bekannt, so spieen
die Bauern vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen aus dem
Wege. Die Kinder aber in der Schule ließ der Lehrer mit besonderer
Vorliebe patriotische Lieder singen. Säle, die uns zur Verfügung
gestanden hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein Herr der
Situation, stand der Gendarm vor der Türe, wenn wir den Eingang
erzwingen wollten. Kamen wir auf freiem Felde zusammen, der Sonne und
dem Regen trotzend, so löste er die Versammlung auf, hatten wir irgendwo
einen Raum für sie gefunden, so erklärte er ihn für feuergefährlich, kam
ich als Rednerin in irgend ein abgelegenes Nest, so hieß es:
»Frauenspersonen dürfen nicht sprechen.« Aber die Genossen waren immer
wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in ein kleines Dorf,
das weltverlassen zwischen zwei blauen Seen in der Niederung liegt. Nur
arme Schiffer wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als der
Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte seine ganze arme Kate
ausgeräumt, um die Versammlung zu ermöglichen. Das Hausgerät stand auf
dem Hof, die Sonne enthüllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. Die
leeren Stuben faßten trotzdem die Menge nicht, das Gärtchen stand noch
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