brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen
zu können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivität
seiner Jugend unterstützte die Partei, die ihm in Wort und Schrift
nichts mehr einprägte als die Überzeugung von der Dummheit seiner
Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem
gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat die hochmütige Verachtung
der Akademiker hinzu.
* * * * *
Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurückgekehrt, --
beklagte ich mich darüber, als Reinhard gerade bei uns war.
»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« sagte er; »daß Sie nun
auch so nervös, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen
versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht
unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot
geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den
Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun,
als uns über die Verelendungstheorie die Köpfe blutig zu schlagen.«
»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. »Oder nicht viel mehr
die Großinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre
Spürhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet
haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen,
-- einen Jaurès, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachköpfe
oder Verräter vom Leder zu ziehen?!«
»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen
tun --,« unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lächeln.
»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, -- na, sagen wir
parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer
Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist
offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der
Partei, die eine selbständige Meinung haben.«
»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die
Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift
ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in
Druckerschwärze verwandeln würden!!«
»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz
für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in
erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf
allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an
der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und
Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste
Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«
Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und
sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war
es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den
Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?!
Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist,
daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts-
und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des
Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und
die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des
Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge
heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und
darum --« er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- »begreife ich die
ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch
Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, --
was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die
Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren
ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die
sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie
für schädlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der
radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die
Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser
die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der
Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren
Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen
Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an
die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, --
Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips
nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten
berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur
Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der
Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns
verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«
Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit
alledem beweisen?« fragte ich.
»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt
eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom
Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen
Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern.
Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für
uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«
»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich
aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß
die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band
zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung
und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des
Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --«
»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der
dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur
in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht
zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in
unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer
Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und
nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte
Krönung des Gebäudes.«
Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«
»Zum Donnerwetter, nein! -- Ich bin Sozialdemokrat!« -- Reinhards Augen
glänzten -- »Und ihr seid Rabulisten.«
Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmütig-freundlichen
Ausdruck an.
»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem leichten Anflug von
Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich
rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, -- in bewußtem
Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des
Kaisers Bart raufen, -- so wird es befreiend wirken und seines Erfolges
bei unseren Genossen sicher sein.«
Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.
»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen,« schrieb
er, »und der Gedanke, das 'Archiv' selbst zu erwerben, ließ mich nicht
los. Trotzdem bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persönlichen
Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen überdies den dringenden
Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt fallen zu lassen. Sie wissen
selbst, daß das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv,
opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz
unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten Sie meinetwegen den
Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, -- verübeln Sie es
meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in
diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich weiß: Frau Alix zieht in
diesem Augenblick zürnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch
fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug
für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der
Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...«
Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß Romberg solch bourgeoise
Anschauungen hat!« rief ich aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall
schwimmen könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.
»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem werde ich handeln wie
ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. »So höre doch erst zu, ehe du
schimpfst!« meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den
jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen haben?« Ich
nickte. »Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, während du
weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine
guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der Partei wirken; aber
auf der einen Seite fürchtet er als Akademiker das Mißtrauen der
Genossen, auf der an deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück,
die ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein Herz aus; dabei
erfuhr ich, daß er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm
von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafür.«
»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.
»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, sie ihm
bewilligen ...«
Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte;
winzig erschienen ihm gegenüber die noch vorhandenen Hindernisse.
Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder
Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blaßblauen Äuglein und schlaffen,
feuchten Händen. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese
erste instinktmäßige Empfindung.
»Ich möchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,« sagte er im Verlauf
unseres schwerfällig sich hinschleppenden Gesprächs.
»Die Freien Volksbühnen erfüllen, wie mir scheint, Ihren Wunsch. Sie
haben Tausende von Mitgliedern aus Arbeiterkreisen und leisten
Vorzügliches,« antwortete ich.
»So meinte ich es nicht, nein --,« und die Stimme unseres Gastes, die
noch den Timbre der Knabenstimme hatte, obwohl er längst über die
Entwicklungsjahre hinaus war, wurde lebhafter; »ich dachte, es müßte
möglich sein, das Künstlertum im Proletariat zu erwecken, eine neue
Kunst -- die Kunst der Zukunft -- entstehen zu lassen. Ich würde das als
meine Aufgabe ansehen.«
Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, er hatte sogar einen
originellen Zug.
»Ich glaube nicht recht daran,« sagte ich dann langsam. »Daß die Talente
sich durchsetzen, gehört zu den Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf
ums Dasein erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch zur
Blüte gelangen, verkümmern schließlich im Dilettantismus. Vielleicht
würden die von Ihnen erhofften Talente statt freier Künstler Hörige des
Proletariats, wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften,
Hörige des Kapitalismus geworden sind..«
Mein Junge kam herein und erfüllte das Zimmer im Augenblick mit seiner
strahlenden Frische. Wie eine Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit
blassen saftlosen Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat mir
leid, und ich wurde darum weicher. Er erzählte von seinen Eltern. Sie
hatten große Hoffnungen auf ihn gesetzt, und daß er sie immer wieder
enttäuschte, machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, -- jetzt würde er um
seine Überzeugung, -- um seine Zukunft mit ihnen kämpfen!
Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er meine instinktive Abneigung
immer wieder hervorrief, so überwand das Mitleid mit dieser armen
Greisenseele eines Jünglings sie eben so oft. Seine Besuche waren oft
recht unbequem. Wie die meisten Menschen, für die die Arbeit nur eine
Nebenbeschäftigung ist, hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fühlte
nicht, daß er störte, und wenn man es ihm andeutete, so war er gekränkt.
Nur wenn er mit Ottochen spielen konnte, merkte er nicht, daß ich ihn
hatte los werden wollen. Er liebte die kleinen Kinder und ließ sich von
meinem fünfjährigen Wildfang mit einer Gutmütigkeit tyrannisieren, die
rührend war. Oft hörte ich durch die Türe die hellen Kommandotöne meines
Jungen.
Mein Bub'! Daß ich nur heimlich, wie aus dem Hinterhalt, sein Geplauder
belauschen durfte! Daß ich mir die Stunden für ihn stehlen mußte! Ich
war abermals einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. Nicht
der Säugling bedarf der Mutter am meisten. All die vielen, mechanischen
Dienste, die der kleine Körper fordert, versteht eine geschulte
Pflegerin besser als sie. Erst der erwachende Geist braucht die Augen
der Mutter, die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die
allein weiß, welche seiner vielen Triebe beschnitten, welche gestützt,
welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt werden können. Und Millionen
Frauen dürfen es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung
widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefängnisse zu bauen für die
Verbrecher und Fürsorgeerziehungsanstalten für die verwahrloste Jugend,
der sie die Mütter genommen hat.
Sollten wir wirklich darauf warten müssen, bis sich in hundert und
aberhundert Jahren der Prozeß der Sozialisierung der Gesellschaft
abgespielt hat? War unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung
nicht heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische
Organisation in Verbindung mit der allgemeinen Arbeitspflicht, die
Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß zu ermöglichen
und den Kindern nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater
zurückzugeben? In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen die Hüter
der bestehenden Ordnung erfüllte, konnte ich nicht anders, als sie für
Heuchler oder für Dummköpfe zu erklären. Die Frauen galt es, wider sie
zu empören! Mutterliebe ist das stärkste Gefühl in der Welt, stärker als
die Leidenschaft der Geschlechter, stärker als der Hunger. Einmal von
den Fesseln befreit, in die die Tradition sie zwängte, muß sie zum Motor
werden, der die Gesellschaft aus den Angeln hebt.
Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an die Frauen. Ich peitschte
ihre Empfindung auf; ich erklärte sie für die Schuldigen, wenn ihre
Kinder hungerten an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine
ihre Jugend zerfraß, wenn sie im Zuchthaus endeten. Der Zolltarif mit
seiner Verteuerung aller Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die
Reichstagsdebatten beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der
Schließung der Grenzen war, -- kurz, die ganze agrarische Reichspolitik,
in die die Regierung eingeschwenkt war, boten mir die Handhabe, um an
die nächsten Interessen der Frauen anzuknüpfen, an jene Frage, die je
nach der Bedeutung, die sie für die Glieder des Volkes hat, ein
Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie sättige ich meine Kinder?
Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos zurückgekehrt.
»Sie dürfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,« sagte der Arzt wie
schon einmal vor Jahren.
Ich lachte ihm ins Gesicht, ließ mir den Hals ein paarmal einpinseln und
fuhr nach Schlesien. Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei
Reden zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.
Jetzt erklärte der Arzt, daß ich sobald als möglich fort müsse: »In
gute reine Luft, am besten ins Gebirge.« Ich schüttelte den Kopf. Wie
konnte ich an eine Sommerreise denken?!
»Die Gesundheit geht allem anderen voraus,« sagte mein Mann, »heute noch
kannst du packen und morgen in den Alpen sein.«
Die Frage, ob solch eine Reise möglich wäre, schien ihn keinen
Augenblick zu beunruhigen.
»Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen --,« wandte ich
ein.
»Natürlich: Ottochen nimmst du mit,« antwortete Heinrich ohne Besinnen,
»auch diesem Stadtpflänzchen wird das Landleben gut tun.«
* * * * *
Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. Meine Mutter kam mit
Ilse nach Berlin zurück. Ich erschrak, als ich sie sah. Jetzt erst war
sie wirklich alt geworden, unauslöschlich hatten sich die Falten der
Verbitterung um ihre Mundwinkel eingegraben. Zwischen ihre fest
aufeinandergepreßten Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn Ilse
neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, mit den Augen, die
sehnsüchtig die Sonne suchten nach all dem monatelangen Leid, dann
fühlte ich die ganze Qual dieses Zusammenlebens.
Sie kamen häufig allein zu mir, und ich mußte immer wieder zwischen
ihnen vermitteln. Endlich faßte ich den Mut, der Mutter ehrlich meine
Meinung zu sagen:
»Warum läßt du sie nicht frei? -- Viele in ihrem Alter stehen allein in
der Welt. Wozu quälst du dich selbst und sie?«
Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. »Da sieht man, wohin eure
religionslose Moral euch führt!« rief sie. »Nicht genug, daß du im Lande
umherziehst und die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir
mein Bruder erzählt, du respektierst nicht einmal mehr die
selbstverständlichsten Gebote der Mutter- und der Kindespflicht.«
»Nein,« antwortete ich erregt. »Eine Pflicht, die kein Gebot des Herzens
ist, eine Pflicht, die sich wie ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen
will, auch wenn die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und
nimmer an. -- Was Onkel Walter erzählt, sollte dir übrigens nichts Neues
sein: du weißt, daß ich Sozialdemokratin bin. Daß meine Agitation ihm
jetzt, wo sie sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen
richtet, besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur
selbstverständlich.«
»Und ich hatte gehofft, daß die Mutter in dir dich allmählich von diesen
Abwegen zurückführen würde --«
»Die Mutter in mir treibt mich vorwärts!« unterbrach ich sie.
»Lehrt sie dich auch jede Familienrücksicht über Bord werfen? Nicht
daran denken, wie du alle kompromittierst, die unseren Namen tragen? Wie
mein Bruder sich sogar gezwungen sieht, ein Mandat für den nächsten
Reichstag nicht mehr anzunehmen?!« Ihr Zorn fing an, mich zu entwaffnen.
»Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht wieder aufrühren,«
sagte ich ruhig. »Die Verwandten haben sich längst in aller Form von
mir losgesagt, und wenn es für mich Familienrücksicht gibt, so ist es
allein die auf mein Kind.«
»Gerade an diesem Kind wirst du für all das Unglück, das du über uns
gebracht hast, büßen müssen!« rief die Mutter mit funkelnden Augen.
Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. »Was meinst du
damit?!« frug ich.
»Solltest du für Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe hoffen?« entgegnete
sie. »Hat sie dich seit deiner Heirat jemals eingeladen?!«
»Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. Sie hat mir erst
kürzlich über meine 'Frauenfrage' Worte wärmster Anerkennung
geschrieben. Und daß sie mich nicht bei sich sehen kann, begreife ich
vollkommen. Ich würde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hängt,«
antwortete ich ausweichend.
»Nun so laß dir von mir gesagt sein, daß die Berichte über deine
agitatorische Tätigkeit sie aufs äußerste empörten. Jenny Kleve kam eben
aus Augsburg zurück --«
Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! Allerdings eine
gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen!« spottete
ich. »Bist du es nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr
und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nähere Beziehungen
herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte dich damals, dir kein
Kuckucksei ins Nest zu legen!«
»Ich habe nur meine Pflicht getan,« erklärte die Mutter.
* * * * *
Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte sich mir in Hirn und
Herz. Mit einer Sicherheit, die nie auch nur den geringsten Zweifel
aufkommen ließ, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich wußte: ihrem
geliebten ältesten Bruder, meinem Vater, hatte sie versprochen, für mich
sorgen zu wollen; er hatte mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt
ihres Testamentes vorgelesen, und hinzugefügt: »Daß ich Deine und Deines
Jungen Zukunft gesichert weiß, wird mir das Sterben erleichtern. Habe
ich doch selbst gar nicht für Euch sorgen können!« Über manche schwere
Stunde hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag kommen, was
will, mein Kind wird einmal nicht darben! Sollte sie ihr Wort brechen
können?! Ein kalter Schauer erschütterte meinen Körper. Ich wußte, wie
es tat, an die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu müssen.
Wie viele junge Menschen hatte ich aus der Flut des Lebens auftauchen
sehen, von einem starken Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren
hatte das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!
Mein Sohn sollte sich frei entwickeln können. Ich mußte mich selbst
überzeugen, ob die Warnung meiner Mutter berechtigt war.
Mein Mann war böse, als ich davon sprach. »Du wirst dich doch nicht mit
den Kleves auf eine Stufe stellen?!« rief er aus. »Unser Junge hat es
nicht nötig, daß seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug sein,
sich selbst durchzukämpfen.«
Ich war so erregt, daß all die verschwiegenen Qualen hervorstürzten wie
ein entfesselter Wildbach: »Du freilich wirst nichts davon merken, wenn
er sich grämt, gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie
mich die Sorgen niederdrücken. Du schiltst, wenn ich nach deiner Ansicht
nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel achte, der in die Küche kommt,
aber du fragst nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins
mehr hast und wir leben wollen!«
Und ich erzählte ihm, wie ich im vorigen Jahr den Verleger um Vorschuß
hatte bitten müssen, wie ich mein bißchen Schmuck heimlich aufs
Versatzamt getragen hatte. Er wurde ganz blaß, und sein Gesicht nahm
jenen harten, kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer fürchtete.
Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, während das gezwungene
Zusammensein uns stets aufs neue reizte.
»Die Ehe ist doch eine gräßliche Einrichtung,« sagte Heinrich
schließlich und reichte mir in versöhnlicher Stimmung die Hand.
Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark muß die Liebe sein, um
sie auszuhalten!«
»Die besten Freunde müssen einander unerträglich werden, wenn sie Tag
und Nacht in denselben Käfig gesperrt sind,« ergänzte er.
»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen in Freiheit
gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; -- ich erwartete jeden
Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie
gefragt hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen nach
Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung nehmen, -- natürlich, --
und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar
noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: »Mach, daß du
wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.«
Die Antwort kam, -- eine kühle, glatte Ablehnung. »Die Welt ist groß,«
schrieb sie, »Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu
verleben, wo die Situation für dich, -- ganz abgesehen von der meinen,
auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst --, eine wenig
gemütliche wäre. Die Bauern würden Dir fremd, wenn nicht feindlich
gegenüberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in
Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine ständigen
Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« -- hier hörte ich die Stimme
der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten --
»haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... Ich
bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und äußere Ruhe. Im
übrigen wird meine Liebe zu Dir durch die räumliche Entfernung eher
erhalten, als beeinträchtigt werden ...«
Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen könnte?
»Gehen Sie ins Gebirge,« hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen
würde, -- mit dem Kleinen, -- irgend wohin nicht allzuweit von Grainau,
wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen könnte! Ich war
überzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!
* * * * *
In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein
Giebelzimmerchen und die große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling
versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn
des Hauses, dem Hansei, und seine weiße Stadthaut bräunte sich, und
seine Muskeln wurden straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb
alle möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder
eine Woche längeren Aufenthalt möglich machte. Von fernher glänzte und
lockte die Zugspitze bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im
Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie
scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrünstig küßte und
ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit.
Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, wie keins in der
Welt. Wo ich mein Jugendglück fand und -- begrub. Ich verstand, daß es
Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.
Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem
weißen Berge näher kam, und erzählte dem aufhorchenden Kleinen von ihm
als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem
Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. »Sei nich
traurig, Mamachen,« tröstete mich mein Kind. »Ein großer Held wird
kommen und die Prinzessin befreien!«
Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts gingen, plauderte er
lustig von den Kühen und den Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein
grübelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen
färbten sich dunkler.
»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« begann er
unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«
Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.
Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen Kopf dicht an den
seinen und flüsterte aufgeregt: »Ich muß dir ein großes Geheimnis sagen,
-- dir ganz allein. Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute
totschlagen!«
Ich streichelte seinen Lockenkopf. »Das ist nicht leicht, mein Kind,«
sagte ich ernst.
»Oh, ich weiß! Aber was man will, das kann man auch!« rief er mit einem
hellen Jauchzen in der Stimme. Ich zog ihn zärtlich an mich. Hatte ich
es nötig, um ihn zu bangen? Brauchte ich zu fürchten, daß seine Zukunft
von der Gunst der harten Frau dort drüben abhängig werden könnte? Ich
vergaß allmählich, weshalb ich hierher gekommen war. Ich sah nicht mehr
erwartungsvoll die weiße Straße hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit der
Tante gefahren war.
Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. Die Sonne und die
freie Bergluft berührten sie wieder. Zuweilen kam ich mir selbst wie
verzaubert vor: als sei all mein Träumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir
herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt dieses Kindes.
An den Wiesenwegen standen überall Kruzifixe, Wahrzeichen jener
Verneinung des Lebens, die uns gelehrt hat, Armut und Unglück nicht als
unsre ärgsten Feinde, sondern als gottgewollt anzusehen.
»Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,« sagte mein Sohn.
Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mußte zum Parteitag nach München.
Aber ich konnte nicht fort, ohne drüben gewesen zu sein, wo auf dem
Hügel die kleine weiße Kirche steht und der grüne Badersee im Walde
träumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. Wir fuhren nach Garmisch
und wanderten über die Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei,
dorthin, wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hügel an Hügel
von alten Baumriesen bekrönt und blühenden Büschen. Glänzend wie ein
Silberstreifen schlängelt sich der Weg durch die Gründe, -- braune und
rote Dächer tauchen auf, -- schon plätschert der Bergbach, der ganz,
ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom
Schnee sich nährt und vom Eis: Das war Grainau --. »Und nun, Bubi, paß
auf: nun kommen die blauen und goldgelben Häuser mit den lustigen
Heiligenbildern daran und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.«
»Wo denn, Mamachen?!«
Ich sah mit großen Augen um mich. Wo waren sie nur? Die Erinnerung malte
mir wohl ihr Bild, aber die Zeit hatte ihre Farben verlöscht, und
überall standen neue Häuser mit kalkweißen Wänden, -- ohne den heiligen
Florian in den Nischen, -- blumenlos. Wie verschüchterte Bauernkinder
vor den Städtern verkrochen sich die alten scheu in den Winkeln. Ich
beschleunigte meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, und
zwischen den Buchenstämmen leuchtete schon der See. Dort wollt' ich
stille Andacht halten! -- Mein Fuß stockte: ein großes Hotel erhob sich
an seinem Ufer. In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus
Bronze versenkt; auf den Kähnen drängten sich die Menschen um sie und
starrten hinunter. Aber den Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still
und sah zum Himmel empor in großer, großer Einsamkeit. Und hinter
dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als schämten sie sich der
Welt unter ihnen.
Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Jugend hatte ich gesucht, -- war ich
nicht statt dessen plötzlich uralt geworden? Ich mochte nichts mehr
sehen, auch das Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.
Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu
Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte Haus. Hier hatte sich
nichts verändert. Und all die Bilder von Glück und Leid, die dieser
Rahmen einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen damals
und heut wären mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben
mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und
reckte den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald
war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht.
Dankbar sah ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel
blieb mein.
Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper nur mühsam am Stock
vorwärts bewegte, trat aus der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem
schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. Dicht vor mir
blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny
Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf
die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine
Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich
nicht vorzulassen, dachte ich; -- Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust
du dich umsonst!
* * * * *
In München erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin
zurückreisen sollte.
Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! All der Staub der Stadt, der
meine Lunge erfüllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast
erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, -- mein
Geliebter, -- waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter,
-- nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück
Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer
Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an Heinrich, »die die
Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter,
zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln
wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens ihrer
Persönlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen.
Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die
Allernächsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzählt
zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört jenem Mann!.. Ich
sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe
mir nur ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den Grund ihres
Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur auf der Oberfläche gefahren,
und in der Tiefe warteten Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber
wenn ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, in die
unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste zu tun, -- dann
sinkt meine Sehnsucht in sich zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in
Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Gärtner
den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« --
»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! Aber glauben kann ich
Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr
folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns
niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich
nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns
beiden die Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«
Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich es mir eingestanden,
und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten
Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um
meiner Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung mir
widerstrebte.
* * * * *
Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der
Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Süd
zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und
doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben
Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges
Land zu suchen. Und jetzt?
Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte
man sich mißtrauisch, begrüßte sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die
berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen
könne.
Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der
fünfundzwanzig Genossinnen trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die
mir entgegenströmte. Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die Hand.
»Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« flüsterte sie erregt.
Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze
Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche
Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, -- ein
imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von
Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«
»Aber Krach gibt's auch,« antwortete Frau Wiemer. »Ihnen müßten die
Ohren geklungen haben, so giftig ist die Bartels auf Sie.«
»Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!« meinte ich verwundert.
»Aber die düsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag auf Anstellung
einer Parteisekretärin eingebracht. Man meint, Sie müßten
dahinterstecken --«
Darum also die bösen Gesichter!
»Und dann: daß Sie als Einzige von uns morgen im Kindlkeller sprechen!«
Darum also die gekränkten Mienen!
Die arme Düsseldorferin wußte offenbar nicht, in was für ein Wespennest
sie mit ihrem Antrag gestochen hatte, und konnte die Erregung, die er
hervorrief, nicht begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und goß nur Öl ins
Feuer. Alles fiel über uns her. Martha Bartels sah in dem Antrag ein
Mißtrauensvotum gegen ihre Tätigkeit als Zentralvertrauensperson und
spielte die persönlich Gekränkte, Luise Zehringer gab der offenbar
allgemeinen Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige Weise eine
fette Pfründe schaffen wollte, drastischen Ausdruck, indem sie mit einem
wütenden Blick auf mich erklärte:
»Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hören lassen, sonst aber
praktisch gar nicht arbeiten, können wir für solche Stelle nicht
brauchen. Die haben unser Vertrauen nicht.«
Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, wie ich es von
ihr noch nie gehört hatte. Aller Klang und alle Weichheit waren aus
ihrer Stimme verschwunden. Ob das das unausbleibliche Schicksal aller
Agitatorinnen war?!
Die Bartels sekundierte ihr: »Uns können nur Frauen nützen, die Fleisch
von unserem Fleische sind ... Keine akademisch gebildeten Damen, die nur
mal, um sich zu zeigen, ab und zu in einer großen Versammlung einen
Vortrag halten --.« Ich stand dicht vor ihr und sah ihr gerade ins
Gesicht. »Solche Paradepferde können wir nicht brauchen,« schrie sie.
Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schüttelte verwundert den Kopf:
»Es scheint, die ganze Konferenz richtet sich gegen Sie. Was haben Sie
nur getan?!« fragte er.
»Ist's nicht Verbrechen genug, daß ich überhaupt da bin?!« antwortete
ich bitter.
Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des Arbeiterinnenschutzes
besprochen wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, abermals die
Forderungen einer umfassenden Mutterschaftsversicherung zu verteidigen.
Ein paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen jedoch, ihr
Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu lassen, waren durch die
Anwesenheit so anerkannter Parteiautoritäten, wie Wanda Orbin und Martha
Bartels, viel zu verschüchtert, als daß sie ihnen hätten opponieren
können. Kaum hatte ich geendet, als Wanda Orbin sich zum Worte meldete.
Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die höchsten Prinzipien
des Sozialismus zu verteidigen, und mit einer Stimme, als hätte sie eine
Riesenvolksversammlung vor sich: »Der Gedanke, welcher der
Mutterschaftsversicherung zugrunde liegt,« sagte sie, »ist der Gedanke
der menschlichen Solidarität in seiner weitesten Form. Die
Verwirklichung dieses Prinzips aber steht in so schreiendem Gegensatz zu
dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, daß wir sie auf
ihrem Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur Verwirklichung
gelangen, wenn das Recht des lebenden Menschen über den toten Besitz zur
Geltung gebracht sein wird, -- in einer sozialistischen
Gesellschaft ...« Ihre Stimme überschlug sich, Schweißtropfen standen
auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.
»Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der bürgerlichen Frauenbewegung
gegolten, aus Opportunitätsgründen möglichst wenig zu fordern, um
überhaupt etwas zu erreichen,« antwortete ich in ruhigem Gesprächston.
»Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur als Abschlagszahlung,
was davon stückweise errungen wird. Haben wir etwa jemals aufgehört, für
den Achtstundentag zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn nicht
gewähren wird? Mit noch größerem Recht können wir von ihm die
Mutterschaftsversicherung fordern, denn ein gut Teil ihrer Ziele muß er
im eigensten Interesse verwirklichen. Er braucht gesunde Mütter,
arbeitsstarke Männer, kriegstüchtige Rekruten.«
Wanda Orbin erhob sich noch einmal. »Die Forderung der
Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht so radikal sozialistisch,
wie Frau Brandt meint ...,« rief sie. Ringsum klatschte man wieder.
Weder sie noch ihre Zuhörerinnen hatten bemerkt, daß sie, um mir zu
widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst widersprochen
hatte.
Als ich ins Hotel zurückkam, müde und verärgert, trat mir überraschend
mein Mann entgegen. Ich errötete dunkel. Er küßte mir nur die Hand.
»Ich wußte, daß du Kämpfe haben wirst,« sagte er, »und daß ein Freund
dir fehlen könnte.« Mit tiefer Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.
Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen war, herrschte auf dem
Parteitag.
»Wir brauchen die Akademiker nicht!« war die Parole, unter der er stand.
»Wenigstens die nicht, die sich erlauben, eine andere Meinung zu haben
als wir.«
Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte
nichts weniger, als daß die Mitglieder der Partei verpflichtet werden
sollten, Kritiken über schriftliche oder mündliche Äußerungen von
Parteigenossen nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen und
Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu veröffentlichen.
War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien
der Partei, daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden
konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit der
Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzuknütteln?
»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der Adresse geirrt,« sagte
Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengröße auf, sodaß er
turmhoch und turmsicher über der brandenden Woge der Menge stand. »Das
ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die Kirchenorgane mit dem
Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu
bekämpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu
verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich wieder und
überwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der
Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn müssen
wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, was eine Schwäche
verraten würde, die nur dem Tode, das heißt der Versteinerung einer
Bewegung vorangehen kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe.
Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige Menschen mundtot zu
machen, so wäre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekäme,
sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe
wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um
sie nur mit neuen zu vertauschen!«
Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall
klatschten. Reihenweise saßen die Genossen an den langen Tafeln mit
verschlossenen oder gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein
Schauer über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, -- wird sie
die Freiheit sein?
»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wäre,« sagte
einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die
Frage ausgesprochen hatte.
Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die
praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik
drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel
von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen
Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glänzten, je
drastischer seine Darstellung der inneren und äußeren politischen Lage
wurde, je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf daran knüpfte,
da jubelte alles ihm einmütig zu; jener zündende Funke der Begeisterung
sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung
für alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug
beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der
Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.
Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen
über den »Bruderzwist« in der Partei, um Hoffnungen für ihre Sache
daraus zu schöpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem
gemeinsamen Feind gegenüber.
* * * * *
Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate
hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren,
ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am
Lützow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer
trat, -- die Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, -- löste sie sich
langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen
hatte. Ihre Hände nur leuchteten weiß und überschlank aus dem schwarzen
Ärmel des Kleides. Sie war sehr verändert.
Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem
schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die
Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von
Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.
»Es ist nicht leicht --,« sagte sie.
»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte ich eine Kranke vor
mir.
»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, als sie ein Kind
war? Vor ihr auf den Knieen, -- nur damit sie sich nicht bücken sollte?«
begann sie langsam, traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode,
-- und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß sie wieder in ihr Unglück
rennt --« Sie ließ sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee
sie beherrschte.
Eines Abends schickte Ilse nach mir.
»Um Gottes willen -- rasch --,« rief sie mir schon vor der Haustür
entgegen, »ich fürchte mich so!« Oben fand ich die Mutter im Bett
zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans -- Hans
-- tu mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja mein Versprechen --« Und
dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. »Hier meine Hand
darauf --« flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger griffen
in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das niemand sah als sie.
Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung und verlangte die
Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer
und äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach Montreux zu
gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, die Schwester zu mir zu nehmen,
und sie selbst überwachte noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere
Wohnung neben uns.
* * * * *
Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller
Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben
scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll zu tun. In den Laden gehen
und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag
des Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, nachspüren, und sie
mit eignen Händen zu erfüllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung
hat.
Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit
Loki im roten Feuerkleid und den Walküren in Schwanengewändern. Stets
fehlte noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um die Silberflügel
für die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber für Freyrs
Wagen zu finden. Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, als
ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen lastete. Endlich war alles
fertig. Ich lag erschöpft auf dem Sofa.
Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! Mit einer letzten
Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den
Fieberthermometer unter den Arm: 39½ -- Ich rief nach Berta und schickte
zum Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.
Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett -- Heinrich
-- den Arzt -- die Pflegerin in der weißen Haube und -- die Mutter! Wie
hatte man sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, -- eiskalt
packte mich die Angst, -- sollte ich sterben müssen?! Ich durfte doch
gar nicht! Ich mußte den Weihnachtsbaum putzen für mein Kind!
Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über die Wangen.
Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und über meine Decke ließ
Ottochen alle Götter und alle Walküren reiten.
»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler
geworden, im Stuhl neben mir lehnte, »wie kam es nur, daß du so
plötzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts von
meiner Erkrankung geschrieben hat, -- und Ilse auch.«
Ein stilles Lächeln glitt über ihre Züge.
»Nein, niemand schrieb mir, -- aber ich sah, daß der Tod neben dir
stand. Ihr mögt noch so sehr zerren wie an einer Kette, das Band
zwischen Mutter und Kind ist stärker als Ihr.«
Am nächsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten schwarzen Mantel an,
den ich seit Jahren an ihr kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut saß
ein kleiner grünschillernder Käfer, -- ich weiß noch alles ganz genau.
An der Tür zögerte sie und sah mich an, -- mit einem langen, langen
Blick. Ich wollte mich aufrichten und sie noch einmal umarmen. Aber ich
war viel zu schwach dazu.
Acht Tage später war sie tot.
Dreizehntes Kapitel
»Genosse Weber aus Frankfurt a. O. -- meine Frau.« Ich war gerade zur
Türe eingetreten, als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, einen kleinen
lebhaften Menschen mit blanken, braunen Augen und kahlem Schädel.
Verwundert sah ich von einem zum anderen: sie waren beide heiß und rot
vor Erregung.
»Helfen Sie mir, Genossin Brandt,« sagte der Fremde und trommelte mit
den Fingern auf der Tischplatte. Komisch, was für einen breiten, nach
außen gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin im Märchen, dachte
ich zerstreut, während meine Augen gewohnheitsmäßig an seinen Händen
hängen blieben.
»Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises an,« erklärte
Heinrich. Nun erst horchte ich auf.
»Und er zögert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn und Aber vor. Und
will Bedenkzeit. Als ob es jetzt noch was zu bedenken gäbe! Jeder von
uns muß ins Geschirr, -- so oder so,« rief unser Gast, und seine Worte
überstürzten sich vor Eifer. »Machen Sie kurzen Prozeß, -- schlagen Sie
ein!«
»Schade, daß Sie mich nicht brauchen können, -- ich täte es
besinnungslos,« antwortete ich und legte meine Hand in die seine, die
er noch vergeblich meinem Mann entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.
»Ein Weib -- ein Wort,« lachte er. »Sie sollen sehen, wie wir Sie
brauchen können, -- zuerst müssen Sie uns den Kandidaten und dann den
Wahlkreis erobern helfen!«
Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.
»In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort haben...« sagte er.
Als Weber gegangen war, schalt er mich: »Du bist unüberlegt wie ein
Kind! Glaubst du, daß das Archiv nicht sehr geschädigt wird,
wenn ich für die Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der
sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag komme?!«
Ich machte eine wegwerfende Bewegung: »Ach, -- das Archiv und immer das
Archiv! Lindner wird sich über kurz oder lang entscheiden müssen, und
wenn du erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so
wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als wenn du Abgeordneter
bist...«
Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll an, aber er
blieb am Schreibtisch sitzen mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen
Lippen, während seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.
»Heinz --,« fuhr ich mit weicherer Stimme fort, »Heinz, das bist nicht
du, den ich unschlüssig vor mir sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf
einen großen Kampf, und du könntest abseits bleiben, wenn man dich zu
den Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Kühnheit willen, der all
die tausend jämmerlichen Rücksichten des Alltagsmenschen nicht kennt --«
»Ich sage dir, wie schon einmal, daß ich an euch zu denken habe, an dich
und das Kind,« unterbrach er mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton
dabei.
»Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde nichts ist als ein
Philister, so viel Macht über dich?!« antwortete ich heftig. »Soll auch
für uns die Familie der Götze sein, dessen Unersättlichkeit wir das
Beste opfern: unsere Freiheit, unsere Überzeugung, unser Menschentum?!
Sie wäre wert, daß wir sie zerstörten, wie unsere Gegner es von uns
behaupten, wenn dem so wäre!«
Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Augen glänzten
wieder. »Du bist mein tapferer Kamerad,« sagte er, -- nichts weiter. Und
ich stellte keine Frage mehr an ihn.
Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier
der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die
sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden
einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die
schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, -- sie
hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den bürgerlichen
Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung
von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller
Lebensmittel Front zu machen --, so wollte sie wenigstens nichts
versäumen, um ihre Folgen abzuschwächen, oder, -- das war die Hoffnung
der Optimisten in ihrer Mitte, -- die Entscheidung so lange
hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter sie zu fällen
haben würden. Sie wußten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als
Agitationsmittel vor die Wählermassen treten könnten, so würde eine
verstärkte Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre
politischen Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr,
als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon hatten sie versucht, durch
eine Umänderung der Geschäftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen,
-- umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und
fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen Anträgen. Die Empörung stieg
bis zur Siedehitze. Und jetzt, -- darüber war kein Zweifel, -- hatten
die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen
ein Mittel gefunden, das den Einfluß der Opposition endgültig lahmlegen
sollte.
In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch öder,
noch farbloser erscheinen ließ, warteten wir auf unsere Tribünenkarten.
Abgeordnete eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in Soutanen,
schwere Mappen unter den Armen, mit müden, überwachten Gesichtern, oder
sie gingen flüsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die
Köpfe zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre Stimme im
Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum
und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt
näherte sich uns: Ignaz Auer.
»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte er, indem er uns
kräftig die Hände schüttelte; »heute platzt hier irgend eine Bombe. Und
da müssen Sie dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, der
den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem weichen Teppich und seiner
braunen Täfelung behaglich gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches
hastiges Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung erhalten
hätte. Wir setzten uns.
»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten
Sie davon?« wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich
mit der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott seine Lippen
kräuselte.
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