erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem
bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, daß die Liebe eine
zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie
in den Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.
Ich war frei -- wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich
wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, -- gerade, als ob die Welt mir
auf einmal ihre Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte
Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, -- aus zärtlichster Liebe, nicht
etwa aus Mißtrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg
machen können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die
Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm
gehabt hätte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straßen
herumlaufen zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige
Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber
selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, wo ich gewesen war, was
ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern
wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner
Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, daß ich -- log.
Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein trat, als ich ihn auch
schon, dunkel errötend, zurückweisen wollte. Aber je mehr ich mich
mühte, desto klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge sehn:
»Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« Nicht, weil ich ihn
hintergehen, sondern weil ich ihn nicht ärgern, nicht erregen wollte.
Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil sie
des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit auslöscht
wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das
Rückgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre
Physiognomie, -- sind farblos, zermürbt.
Ein brennendes Verlangen nach Menschen überkam mich. Wie war ich doch
mein Leben lang an den bunten Schwarm um mich gewöhnt gewesen! In den
letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflüchtigt. Den alten
Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin geworden war; neue
hatte ich unter den Genossen nicht gefunden, und von den Künstlern, von
den Gelehrten, die unsere Räume einmal betraten, kamen nur wenige
wieder. Romberg war im Grunde unser einziger Verkehr gewesen. Und der
wohnte nicht in Berlin.
Woher kam das alles? War ich weniger anziehend als die Frauen, die »ein
Haus ausmachten«? Waren sie geistreicher als ich? Ich schürzte spöttisch
die Lippen. Stießen sich die Sittenstrengen noch immer an der Geschichte
meiner Eheschließung? Sie machten sich doch sonst nichts daraus, mit
Frauen zu verkehren, die »eine Vergangenheit« hatten, die Gegenwart
geblieben war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei meinem
Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war ein Menschenschwärmer
gewesen, leicht geneigt, zu bewundern und zu verehren und sich den
anderen gegenüber gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, auch
die leiseste Enttäuschung ihn getroffen, und je häufiger sie sich
wiederholte, desto scheuer zog er sich zurück, desto mißtrauischer wurde
er. Und für jenen leichten Verkehr, der wie mit Libellenflügeln nur die
Oberfläche des Lebensstromes streift, war er zu schwerblütig. Er hatte
nie getanzt; -- seltsam, daß mir das erst heute einfiel. Er hatte nie
gelernt, eine Gesellschaftsmaske zu tragen. Darum fühlten sich immer nur
die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. Die anderen
stieß er ab.
Draußen lachte der Frühlingstag. Zwischen blühenden Bäumen und Beeten
von Hyazinthen spielte die Musik fröhliche Weisen, die Passer sprang
dazu in entfesselter Wildheit über Stock und Stein. Ich ging mit meinem
Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge hin und her. Ich freute
mich, als wäre ich zwanzig Jahr, über die bewundernden Blicke, die uns
folgten. Täglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, Sonnenschein
trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte und geriet durch sie in einen
Kreis fröhlicher Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder
unterzutauchen in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen zu können aus
Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu fühlen! Man brachte mir täglich
Blumen, -- jene großen glühenden Rosen von Meran, deren Duft nicht an
Gärten erinnert, sondern an berauschende Essenzen des Morgenlandes. Ich
ließ mir gefallen, daß man mir huldigte; ich spielte mit heißen
Gedanken, wie ein Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends,
während bunte Lichterkränze sich an den alten Bäumen vor dem Kurhaus von
Ast zu Ast schwangen und die Geigen der Zigeunerkapelle in die laue
Nacht hinein seufzten und lockten, ließ ich mich in den Kursaal führen,
um den Tanzenden zuzuschauen. Süße Walzermelodien umschmeichelten meine
Sinne. Der Rausch des Tanzes ergriff mich. Willenlos überließ ich mich
ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich zu mir und erschrak.
Leichtsinn und Genuß, die Zaubergeister, drohten mich in ihre Gewalt zu
bekommen. Das durfte nicht sein!
»Meran fängt an, schwül zu werden,« schrieb ich am nächsten Morgen an
meinen Mann; »so sehr die weiche Luft meiner Gesundheit nützte, so sehr
schädigt sie meine Arbeitskraft. Und ich wünsche jetzt nichts mehr, als
mich Hals über Kopf in meine Arbeit zu stürzen. Darum möchte ich fort.
Der Arzt verordnet mir Höhenluft; ich selbst fühle, daß ich etwas
Starkes, Herbes atmen müßte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein
stilles Plätzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..«
Statt aller Antwort kam er selbst. »Ich habe gewartet, bis du mich rufen
würdest --, es ist mir schwer genug geworden,« flüsterte er zärtlich,
»nun aber wirst du mich nicht mehr los.« Dunkel errötend barg ich den
Kopf an seiner Brust.
* * * * *
An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf,
Pezzié genannt. Zwischen seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein
einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Mauern und großen Altanen
stattlich hervor. Über ein Vierteljahr wohnten wir dort in tiefster
Stille und Zurückgezogenheit. Im Lärchenwald hinter dem Hause spielte
mein Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, angesichts des
weiten blühenden Tals und des gewaltigen schneebedeckten Felsenmassives
der Tofana, fing ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen
Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich mir mit meinem Buch gestellt
hatte, so war sie mir wie ein unübersteigbarer Berg erschienen. Jetzt,
da ich sie aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all die Zeit
hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle meines Bewußtseins weiter
an ihr gearbeitet.
Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal in den Boden des
Geistes gestreut, sich aus eigener Macht weiter entwickeln? Die vielen
Zahlen, die ich in meinen Büchern vor mir hatte -- Ergebnisse der Volks-
und Berufszählungen europäischer und außereuropäischer Länder, Lohn- und
Arbeitsstatistiken --, wurden merkwürdig lebendig, als zuckten in ihnen
die Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das Bild, das ich zu
malen hatte: den Zug der Frauen, wie er durch glutheiße Wüsten und rauhe
Steppen dahinschleicht, jede einzelne in ihm gebeugt unter den Lasten,
die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, der Sichel und der
Spindel, dem einen Kinde auf dem Rücken, dem anderen unter dem qualvoll
klopfenden Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die Reihen
der kämpfenden Arbeiterschaft geführt hatte, das wurde mir jetzt zur
bewußten Erkenntnis: die Berufsarbeit der Frau, die ihre Entstehung der
Umwandlung der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken hat, ist
immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil dieser Produktionsweise
geworden. Aber indem sie sich ausdehnt, untergräbt sie zu gleicher Zeit
die alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit,
auf denen der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft beruht, und
gefährdet die Existenz des Menschengeschlechtes, deren Bedingung gesunde
Mütter sind. Es bleibt der Menschheit schließlich nur die Wahl: entweder
sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzugeben.
Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck zu bringen, sodaß niemand
ihr aus dem Wege zu gehen vermöchte, -- das war mein Wunsch.
Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller schlagen läßt, das über
jede Müdigkeit hinwegtäuscht, das die Gedanken des Tages in den Traum
der Nacht verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde
Egoismus des Schaffenden, der ihn für seine Umgebung blind und taub
macht, nur damit das Werk wachsen kann. Dankbar überließ ich der Berta,
dem meraner Kindermädchen, die sich mit solcher Klugheit in jede Lage zu
schicken schien, die Sorge um unseren kleinen Haushalt. Daß sie für uns
kochte und wusch und nähte und eifersüchtig jede andere Hilfe abwehrte,
war mir nur ein Beweis für ihre Tüchtigkeit; und daß der Kleine mit
solcher Liebe an ihr hing, machte sie mir vollends unentbehrlich.
Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach ich von nichts
anderem als von meiner Arbeit, von all den Ideen, all den Plänen, die
sie in mir auslöste. Und er hörte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller
Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir durch seine
Fachkenntnisse.
Daß auch er ein selbständiges Leben hatte, daß auch in ihm vieles bohrte
und gärte, das nach Ausdruck verlangte, daß er um so einsamer wurde, je
mehr ich mich in die Arbeit verlor, -- von alledem wußte ich nichts.
Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken empor: was das
Grunewaldhaus uns übrig gelassen hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen
aus dem Archiv blieben unzulänglich, mein Buch, auf dessen Erfolg ich
rechnete, war noch lange nicht vollendet; wie würden wir auskommen?! Mit
aller Anstrengung vertrieb ich die bösen Gedanken, ich arbeitete noch
ununterbrochener, um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen
nachzuhängen.
* * * * *
Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den er mir stumm
herüberreichte: Ob er während der nächsten Monate für ein uns
nahestehendes Blatt die Pariser Korrespondenz übernehmen könne? Ihr
bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen längeren Urlaub
angetreten.
Es überlief mich heiß und kalt. Wie der Name Rom auf die Deutschen des
Mittelalters, so wirkt der Name Paris auf die Menschen des zwanzigsten
Jahrhunderts. Aus ihren dunklen Wäldern, ihren finsteren Burgen und
engen Städten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem lachenden Himmel
Italiens; und aus dem Ernst unseres strengen Alltagslebens verlangt
alles, was jung ist in uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von
Paris. Aber ich bemühte mich, ruhig zu scheinen und meiner stürmisch
aufwogenden Freude Herr zu werden.
»Was sagst du dazu?« fragte mein Mann. »Wir würden uns rasch
entschließen müssen. Mit dem internationalen Sozialistenkongreß, der in
zehn Tagen zusammentritt, müßte meine Tätigkeit anfangen.«
»Und dein Archiv?!« warf ich ein. »Du kannst es doch nicht monatelang
von Frankreich aus redigieren!«
»Ach, -- das Archiv..!« meinte er mit einem halb wegwerfenden, halb
ärgerlichen Ton, der mich erstaunt aufsehen ließ. Das Archiv war seine
Schöpfung, sein liebstes Geisteskind.
»Das Archiv könnte ich von überall her leiten! In Paris aber scheint mir
jetzt der rechte Ort, um den Sozialismus in seiner neusten Phase zu
studieren, in Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die
Intellektuellen, -- unter ihnen ein Zola, ein France, ein Steinlen, --
mit Jaurès Arm in Arm gehen!.. Wenn du also nichts dagegen hast, so
nehme ich den Antrag an.«
* * * * *
Paris! Die untergehende Septembersonne umgab die schwarz hingestreckte
Stadt mit rotglühender Glorie. Mir war, als klänge im Räderrollen
unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, als könne die fauchende
Riesenschlange es nicht erwarten, sich in die lodernde Glut zu stürzen.
Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir durch die Straßen. Es war
die vollkommenste Überraschung, die mich mehr und mehr verstummen ließ.
Ich hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das übereinstimmt mit
dem Begriff »Paris«, den wir uns draußen gebildet haben. Und nun sah ich
Häuserzeilen in gleichmäßig feiner zurückhaltender Architektur, hohe
Fenster mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, über die der Efeu kroch,
und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen Höfen geheimnisvoll
herüberrauschten.
Ich sah, wie sich die vielen Alleen plötzlich in weite, weite Gärten
verloren, unter deren Büschen graue Statuen träumten, und unter runden
Lorbeerbäumen stille Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen
Fischen darin. An altertümlichen Kirchen kamen wir vorbei mit runden und
viereckigen dicken Türmen, oder dem mystischen Maßwerk keuscher Gotik
über alten Portalen.
Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus
der heidnischen Pracht ihrer Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres
Inneren. Eine wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die
Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. Und als wir uns
wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick über die zu unseren Füßen
sich dehnende Straße und die majestätische Größe der Place de la
Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin
zur Kuppel des Invalidendoms. Er hütete, was sterblich war an dem
korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein
Lebender, noch heute die Stadt Paris erfüllt.
Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle große Blätter schwarze
Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der
Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den
Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Gärten der Tuilerien verloren
wir uns. Zarte Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf
feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen im Knopfloch,
fütterten die Vögel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse
fast wie Andacht war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben Blätter;
eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und Farben dämpfte, spielte
zärtlich um den grauen Königspalast des Louvre und streichelte sanft die
Gesichter der Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es schon
Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brücke, und die
schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten
Buchhändler, die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern
aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich lautlos vorüber;
seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie müde Opale.
»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, als wir von
unserem ersten Ausgang zurückgekehrt waren, »eine vornehme Frau, deren
schöne Züge die Wehmut des Alterns umflort ...«
Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt:
rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wüstes
Geschrei --, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den
Bäumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten,
breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende Federhüte und
spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die
Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.
Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen ein Wunder auf: ein
schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren
Mauern Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. Wir
folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen
Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus
Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfäden gewoben, trug
auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In
tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Fluß
spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern
vereinigt hatten. Die Brücken spannten sich über ihn wie lauter
glückverheißende Regenbogen. Und wer sie überschritt, den empfing
jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, -- als gäbe es nirgends
Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: von den Terrassen
herunter, -- aus den weit geöffneten Türen bunter Häuser lockte die
Freude in sehnsüchtigen Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort
tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich
aufwärts schwang, züngelten die Schleier über ihrem Haupte, wenn sie
sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben
trippelte auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren
geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren
Gewändern leuchteten Blumen der Hölle und Vögel des Paradieses. Und
unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten
Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre braune Haut, während ihre
kleinen Füße, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und
ihre Arme sich ausstreckten -- eine einzige Gebärde verlangender
Lust ...
* * * * *
Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongreß nach Paris
gekommen war. »Ein Riesenvarieté, -- nichts weiter,« brummte er, »im
Grunde widerwärtig.« Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der
Tänzerinnen erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich
verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe Sucht nach
Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen;
Menschlein kletterten selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll
wich die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen aus Gips
und Leinwand waren die Paläste, Glas die Juwelen im Portal.
»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte ich. »Schon glaubt
ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit
mir geboren zu sein scheint --«
»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich wußte, wie falsch ich
verstanden werden könnte.
»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende Lebenswonne, --
die dabei eines Gottes würdig wäre. Immer ist Freude so etwas
Armseliges, -- Mutloses.«
»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. Übrigens hätte ich
Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde nicht so exotische Phantasien
zugetraut,« spottete Geier. »Aber immerhin, -- ich, als alter Pariser,
kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.«
Wir verließen die Ausstellung, überquerten den Platz bis zur Rue Royal.
»Maxim« stand in großen Buchstaben über der Tür des Restaurants, in das
wir eintraten. Auf den hohen Stühlen vor dem Schenktisch der Bar saßen
elegante Männer mit müden, gelangweilten Gesichtern. Aus dem Saal
dahinter klang gedämpfte Musik. Die Frauen unter seinen Spiegelwänden an
den kleinen, blumengeschmückten Tischen flüsterten nur hie und da
miteinander. Sie waren alle schön und jung. Hellblond und üppig die eine
im weißen Seidenkleid, Perlen in den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um
den runden Hals und einen matten Perlenglanz in den großen hellen Augen.
Statuenhaft die andere neben ihr, die prachtvolle Gestalt eng in roten
Samt gehüllt, die schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die
nachtschwarzen Haare in glatten Scheiteln um die Schläfen. Und
rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue Adern klopften,
brünette, mit dem bräunlich warmen Ton der Südländerin, reihten sich
ihnen an, eine schneeweiße dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wäre die
Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes Paris
zurückgekehrt. Zuweilen standen sie auf und schritten langsam auf und
nieder; ihre Kleider raschelten, als ob schillernde Salamander durch
dichtes Blattwerk schlüpften, das aufreizende gleichmäßige Klipp-klapp
der hohen Absätze ihrer Seidenschuhe tönte dazwischen, in ihren Juwelen
brachen sich hundertfarbig die Lichter, Wolken betäubenden Duftes zogen
hinter ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus fremden Urwäldern.
Die Musik ging in Walzermelodien über. Und durch die offenen Türen kamen
allmählich die Herren aus der Bar, -- alte und junge Greise. Nüchtern,
lustlos, wie der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. Sie
erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den Gläsern vor ihnen perlte.
Ihre Blicke wurden zu lüsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie
erschienen wie rohe Barbaren gefangenen Königinnen gegenüber. Und jetzt
begannen die Geigen zu jauchzen, rascher und rascher füllten sich die
Gläser und leerten sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem
Tanz; -- dort senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor einer jungen
Schönen und trank aus ihrem weißseidenen Schuh.
»Nun?!« fragend wandte sich Geier mir zu. Ich zuckte die Achseln:
»Nennen Sie das bacchantische Lust?! Wenn Männer sich erst betrinken
müssen, um für Frauenschönheit zu entflammen, und Frauen nur durch den
Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne umnebelt, den Ekel vor diesen
Männern zu überwinden vermögen?!«
Wir gingen. Über die Boulevards schob und drängte sich die Menge:
Fremde, mit gespannten Zügen, überall ungeheuerliche Enthüllungen der
Sünde erwartend, kleine bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften
Funkeln in den Augen, Kinder, blaß und übernächtig, immer noch Blumen
verkaufend, den alten wissenden Blick halb neidisch auf die geschminkten
Kokotten gerichtet, die wie Götzenbilder sich durch die dunkeln Massen
bewegten.
War Paris nicht doch ihresgleichen?
* * * * *
Als wir am nächsten Morgen den Sitzungssaal des Internationalen
Kongresses betraten, blieb ich schon an der Tür erschrocken stehen: das
tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstück zu
Fall gebracht werden. Vandervelde, der belgische Volksführer, stand auf
der Rednertribüne, aber weder seine Autorität, noch der sonore Klang
seiner schönen Stimme, noch die beschwörenden Gesten seiner
aristokratischen Hände wurden Herr über die entfesselte Leidenschaft der
Menge. Drohende Fäuste reckten sich zu ihm empor: »À bas les
ministériels!« tönte es im Takt von der einen Seite, wo sich um Jules
Guesde, den französischen Liebknecht, die Anhänger scharten. Wer es
nicht vorher wußte, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: nur um eine
Kardinalfrage des Sozialismus konnte ein so wüster Kampf entbrennen. Die
Vertreter des alten revolutionären Gedankens behaupteten standhaft ihre
Intransigenz: »Die Befreiung der Arbeiter kann -nur- ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein, jedes Paktieren mit der bürgerlichen
Gesellschaft ist ein Verrat an der Sache des Proletariats.« Von diesen
lapidaren, jedem Arbeitergehirn leicht einzuprägenden Sätzen aus,
verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des Sozialisten Millerand
in das Ministerium und forderten vom Kongreß eine offizielle Anerkennung
ihres Standpunktes. Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution
der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der Italiener Ferri; die
schönheitstrunkenen Romanen jubelten schon seiner bloßen Erscheinung zu,
und als er mit all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, wie
ein geschickter Taschenspieler mit glänzenden Kristallkugeln, und den
Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung der Deutschen bis zum
Ministerialismus der Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte
ihm brausender Beifall. Die graziösen Französinnen auf den
Zuschauertribünen, denen der Kongreß dieselben Nervenreize bot wie eine
Première, schlugen begeistert die weißbehandschuhten Händchen
aneinander, und des Redners dunkler Blick grüßte dankend die
seidenrauschenden Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben zum
Kampf gerufen hatte.
Dann kam Jaurès, der das moderne republikanische Frankreich in der
Dreyfusaffäre gegen Klerikalismus und Militarismus verteidigt hatte, --
eine untersetzte Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen.
Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser Versammlung, die
ihre Redner ästethisch zu werten scheint. Aber schon der erste Laut
seiner Stimme zog die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer;
selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und wenn sie anschwoll,
schlug sie donnernd gegen die Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich
war nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hörte nur den Klang,
jenen musikalischen Tonfall der Sprache, der die Wesensart des ganzen
Volkes enthüllt, eines Volkes, das durch logische Schlüsse
wissenschaftlicher Deduktionen niemals überzeugt zu werden vermag, wenn
nicht der Künstler in ihm durch die Schönheit der Form, durch das Pathos
des Ausdrucks gepackt wird, eines Volkes, von dem ich plötzlich begriff,
daß es die Bastille stürmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser
krönen konnte.
Ich war noch wie benommen, als wir abends den Saal verließen. An der Tür
begrüßten uns unsere Landsleute. »Eine unglaubliche Gesellschaft!«
schimpfte der eine. »Für nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und
Papier gibt's auf den Tischen.« -- »Und keine Möglichkeit, die Anträge
rechtzeitig drucken zu lassen,« fügte ein zweiter hinzu, -- »man weiß
nich mal, wo man essen jehn soll,« brummte ein dritter.
Jetzt fühlte ich mich wieder in Deutschland.
Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über die deutsche
Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall
Millerand ist zwar die Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« --
räsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, für die der
Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium keine
taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. »'Die Eroberung der
Regierungsgewalt kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd
einer der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, den wir
unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch regierten
Staaten kann und wird sie nicht anders als allmählich vor sich gehen.«
Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen für die
Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten
ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, denn
die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen mißfiel mir, die die
persönliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die
individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer
innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als wir mit unseren
näheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcafé zusammensaßen, und
stieß auf heftigen Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,«
hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, -- gewiß,« antwortete ich,
»ob aber entsprechend einflußreich?! In England, wo die Partei so
zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise,
gehören Sozialisten allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich
stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger
sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem
Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, als seine Vorgänger während
Jahrzehnten --«
»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen
die Lex Heinze die Führung und rettete Wissenschaft und Kunst vor
unerhörter Knebelung,« unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; »es
geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren
Annahme durch uns Sie so verurteilen, ist ein Zeichen des
Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen
abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«
»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale und Revisionisten
stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persönlicher Überzeugung war
überflüssig,« antwortete ich.
»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen
wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander läuft?!«
»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegensätze mit den
morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen überbrücken zu wollen.«
Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier,
der eben hinzugetreten war.
»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und strich gleichmütig
die Asche von seiner Zigarre; »aber davon versteht ihr Weiber nichts.
Für das Geschäft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt
die Finger davon. Übrigens: -- Ich habe eine Nachricht in der Tasche,
die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet,
Bernstein, wird Deutschland in persona beglücken dürfen.«
Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestürmt, fuhr Geier
mit einem spöttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: »Die
deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Bülows,
des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret
gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr
lieben Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.
Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine
möblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten.
Ich fühlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich auch
innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hörte
ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das
matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge waren. Er
litt, -- und ich wußte nicht warum; ich, die ich ihm am nächsten stand,
hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren
nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein
wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die Schmerzen und die Kämpfe
des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.
»Heinz,« flüsterte ich zaghaft und griff nach seiner Hand, »warum
sprichst du nicht mit mir? -- Irgend etwas lastet auf dir --.«
Er lächelte mich an. »Gutes Kind, -- beunruhige dich doch nicht! Du hast
mit dir selbst genug zu tun und mit deiner Arbeit.«
»Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht
helfen dürfen?! -- Hängt es am Ende damit zusammen, daß du dem Archiv
innerlich untreu geworden bist?« drängte ich.
»Woher weißt du das?« fuhr er auf.
»Ich habe doch Augen im Kopf, -- ich sehe, wie oft du die Korrekturen
ungeduldig zur Seite wirfst --«
»Du hast recht,« antwortete er, »ich hätte dich nur gern mit meinen
Angelegenheiten verschont, so lange sie mir selbst so unklar sind. Als
ich das Archiv ins Leben rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes
Ackerland. Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben schneiden --«
»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn lebhaft, »wir beide gehören zu denen,
die Wege anlegen, aber nicht die Steine dafür karren können.«
»Wege anlegen --,« wiederholte er, »ganz richtig! Und dafür ist in der
Partei jetzt die Zeit gekommen. Gräßlich, angesichts dieser Aufgabe die
Hände gebunden zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem geistigen
Mittelpunkt, einem unabhängigen Organ, das an Stelle bloßer Verneinung
die Ideen praktischer Politik in die Köpfe der Massen hämmert, das die
geistigen Kräfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache zieht.
Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, -- auch hier müßte das
Eisen geschmiedet werden, solange es warm ist.«
»Und wieso sind dir dafür die Hände gebunden?!« rief ich aus, von den
Gedanken, die er aussprach, gepackt. »Der Plan muß ausgeführt werden!«
»Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz dummes Katzel!« sagte er.
»Oder wächst dir ein Kornfeld auf der flachen Hand?! Kein bürgerlicher
Verleger würde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst recht
nicht ...«
Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der
Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob
wir nicht diesem Beispiel folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus.
»Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern würden, ohne
pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich sehe nur eine Möglichkeit, um
zum Ziel zu gelangen --,« er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.
»Die wäre?«
»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte man die Zeitung ins Leben
rufen --«
»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, daß er nur einen
Moment hatte zögern können. Er sah mich forschend an.
»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? -- Mit dem
Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben.
Wir können bei dem neuen Unternehmen alles verlieren --«
»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« antwortete ich ernst.
»Aber mir scheint, gegenüber der Größe der Aufgabe fallen persönliche
Bedenken nicht ins Gewicht.«
Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der
Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in
Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten
Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien
der seine mit jedem Mißlingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die
bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zögernden Antworten mich
deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die
unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur noch leise geglimmt hatte,
glühte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit
seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein
eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches
Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich,
daß eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der
Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.
»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die
Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen
den Geschlechtern,« hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich
in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift
verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie -- das
einsame alte Mädchen -- wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe
ist Hingabe an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das sie
empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der
Doktorin beider Rechte schlägt. Darum wird die erotische Treue um so
seltener sein, je stärker das Weib sich geistig und seelisch
individualisiert.
* * * * *
Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich mich in meine Arbeit;
nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem ich das
Honorar dafür nicht mehr würde entbehren können, sondern mehr noch, weil
das Buch vollendet sein mußte, ehe die neue Aufgabe -- die Zeitschrift
meines Mannes -- an mich herantrat.
Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich mir ohne
Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die
Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm
begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu
sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches Lächeln, keine
herunterhängenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann
sie im Grunde wertet.
Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto höher türmten sich
die Probleme der Frauenfrage um mich auf, -- die sozialen, die
ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als
kröche ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um das andere
vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen
rüstete und mein Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang und bat
und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal bei mir, -- Mamachen, bitte,
bitte, erzähl' mir nur eine einzigste schöne Geschichte --,« dann
erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein
eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie gläubig hatte ich
früher den alten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie
von jenen Amerikanerinnen erzählten, die ihre Pflichten als Mütter,
Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie
zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener
Advokatin, die neben ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen
großen Haushalt allein geleitet haben sollte.
»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. Und doch war ich
selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in
guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.
Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, bei mir zu
bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. Ich konnte ihr
nicht dankbar genug sein.
Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der
Fabrik, während die Straße ihrer Kinder Hüterin ist und sie gezwungen
sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für sich
und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar die wirtschaftliche
Selbständigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens
und des Kinderglücks nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der
Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen
Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit des Weibes vom Mann.
Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine
Untersuchung über die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie
angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: überall war es die bittere
Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf und dem
Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl ließ. Und alles deutete darauf
hin, daß ihre Zahl ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im
Augenblick so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. Es galt
auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter zurückzugeben, und auf der
anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich
baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, -- fest
überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein
würden, ihm näher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung würde die
notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht
herbeiführen.
»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte Heinrich eines Tages,
als ich in meine Grübeleien versunken nach Hause kam. »Wir sind zur
Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, -- France und Jaurès
werden dort sein --«
»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« antwortete ich
mißmutig.
»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der
Regel zu entschuldigen,« meinte er. »Eine genossenschaftliche Gründung
der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: irgend
etwas, halb Unbewußtes, packte mich.
In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse lag ein altes
kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen
Anstrich, mit den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an den Fenstern
sah es lustig aus wie ein altes Männlein, das goldene Hochzeit feiert.
Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.
»Daß wir es erreicht haben, -- endlich!« sagte glückstrahlend einer der
Leiter. »Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter
dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um
den zahllosen arbeitenden Familienmüttern ein gutes und billiges
Mittagsmahl zu verschaffen.«
Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; er sah mich
verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben
gegeben hatte.
Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, hinter ihm die
elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen über die
große schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,«
stellte Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gespräch.
»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo
einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte er; »je mehr die Bourgeoisie an
Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns
Intellektuelle. Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden
halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«
»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar
an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind --,«
antwortete ich.
Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, das sprichwörtlich
reich an hungernden Dichtern und arm an Männern ist?!«
Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, überflog
es wieder und wieder und reichte es Jaurès: »Ich bin kein Redner und
soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« Dabei
stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte Gesicht des berühmten
Mannes.
Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, daß die vielen
Menschen um uns herum mit den selbstverständlich guten Manieren, dem
freimütigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des
Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich sah es erst
allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig vernähten Flicken auf den
Kleidern. Und doch aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt
würden.
France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem so warmen Ton in der
Stimme, daß er alle gefangen nahm. Und dann wußten sie auch von ihm:
»Unser großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, und ein
paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die
Veilchensträußchen, die sie im Gürtel trugen.
Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, war mein neuer Plan
fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« nannte ich ihn. In den
Arbeitervierteln der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit einer
Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert.
In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften müßte der Anfang damit
gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der
Mutterlosen sollten sich anschließen; die genossenschaftliche
Wirtschaft, der Einkauf im Großen müßte, so berechnete ich, die Kosten
für die anzustellenden Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen
würden sich allmählich bereit finden, solche, für die physische und
moralische Gesundheit der Bevölkerung überaus wichtige Häuser selbst zu
bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der
Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der
wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden.
Und was für die Arbeiterin galt, das galt ebenso für die geistig tätige
Frau. Ich war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem
Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis
zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem
der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mußte
ich damit hervortreten.
Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß ich an der Hand der
neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschüre über die für die
Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter
Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren möchte,
ob nicht etwa von anderer Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche
Details gab ich ihr nicht.
Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit längerer Zeit mit der
Bearbeitung der Frage beschäftigt sei. »Ich habe mich nunmehr
entschlossen,« fuhr sie fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als
selbständige Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen
leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die grundsätzliche
Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und
des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im
wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die
Veröffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung
derselben Frage beabsichtigt wird...«
Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt
haben würde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen
Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, -- mir
würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.
Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch
nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.
* * * * *
Schwer und grau hing der Winterhimmel über Paris. Zuweilen tanzten weiße
Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte;
aber die schmutzige Straße verschlang sie. Die Obst- und Gemüseauslagen,
die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden
angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mädchen
mit den schönfrisierten Köpfchen, die vor kurzem noch lachend und
kokettierend mit spitzen Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt
waren, liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen
Gesichtern.
Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen könnte! Aber nach wie
vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und saß mit eisigen
Füßen in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris war, in dem ich
lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich
die schmutzige Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht und
frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen
Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinübergingen, wo die Bogenlampen
festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben
Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde Gewänder prahlend ihre
Schönheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen,
aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie seltene
Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, -- nur zum Schmuck einer Nacht
gezüchtet, -- dann fühlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens
einen stechenden Schmerz.
Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt arme junge Mädels; sie
warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und
langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von den Rädern
mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu
erhaschen.
Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, -- auch bei
Millerand, -- und waren mit einer Liebenswürdigkeit empfangen worden,
als wären wir längst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar
förmlichen Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen.
Während mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer
Gastgeber empfand, fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner
Jugend zurückversetzt und verstand sie.
Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des
Benehmens, jene Liebenswürdigkeit der Form, die zugleich eine
unübersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persönlich Menschliche
verbirgt.
Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris
um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwüstlicher Schönheit,
und ihre Küche war berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann
befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast du dich denn
nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.
»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich nicht fürchten
müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, --«
»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, »du
weißt, daß du mich immer entzückst, wenn du du selber bist.«
»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, daß ich die Rolle
des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, -- und wäre es die
interessanteste, -- unerträglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu
erfahren, daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und
ihrer Toilette steigt und fällt, aber da ich auf dem Gebiet nicht
konkurrieren kann --«
Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« war alles, was er
sagte, während die Röte der Beschämung mir noch auf den Wangen brannte.
Ein andermal folgte ich der Einladung einer der führenden
Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon
lange die Energie, mit der sie die Frauen -- französische Frauen! --
zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite
der Zola und Jaurès an dem Kampf für Dreyfus teilgenommen hatte. Ich
erwartete unwillkürlich eine typische Feministin: harte Züge, eckige
Bewegungen, männliche Kleidung. Schon die Räume, die ich betrat,
überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfüm eines
eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorüber, -- sie hätten ebenso
beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam die
Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wäre, ich hätte mich
nicht gewundert. Ihre Schönheit hatte trotz aller statuenhaften Kühle,
-- oder vielleicht gerade deshalb, -- etwas Sieghaftes.
»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker müssen wir unser
Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf des Gesprächs. Ich stimmte ihr
lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den
Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug
glaubten zeigen zu müssen.
»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die Pflege der Schönheit
kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trägerinnen der
Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben
keins von beiden.«
»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft ein und führte
mich, um ihre eigene Tätigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in
den Setzersaal, wo lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den
großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die hübschen
Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören können. Ihre Augen
folgten mit schwärmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres
weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen
Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich hörte später, sie
sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben,
wenn ihre Sinne glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man mir
mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte dieser Typus, der mir
in Deutschland nicht würde begegnen können. Ich versuchte, ihr näher zu
treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, --
aber unnahbar.
* * * * *
Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast
fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulösen und vor mir zu stehen
wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, mit dem ich auch
innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Höhe, von der
aus ich nun weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer enger um
die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genährt
von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte
gefunden zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen meines
Inneren.
»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« sagten sie.
»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du dich selbst hingibst,«
frohlockte die Hoffnung.
Ich glaubte ihr.
Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich während der letzten
acht Tage, daß ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden
Morgen mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren
Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde
mir zum Führer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich
in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, die ein
Soldat war«. Ich lächelte: war es doch meiner frühsten Kindheit Traum
gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher,
Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir;
sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, -- unbeirrt; aus dem
Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch
größer.
»Die Jungfrau von Orleans, -- ist das ein Märchen?« fragte der Kleine,
als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, und sah mit nassen Augen zu
der Reiterin empor.
»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.
»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« Auf seine glatte
Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.
»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich leise, wie zu mir
selbst.
Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein
breiter Strom bläulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um
den roten Porphyr, der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der Gang
ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dämmer zurückzutreten. Mit
leiser Stimme erzählte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem
Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution
vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb -- in Ketten.
»Auch weil -- weil --« das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren
Sinn er nicht verstanden hatte; »weil er zu groß war für die anderen,«
ergänzte ich.
Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste
Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grüne Spitzchen
lugten neugierig an Büschen und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die
Kinder mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die Gärten.
Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die
Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Größten aller Zeiten gesehen
und fühlte meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der Kunst
kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind,
die sie betrachten. Nur der Künstler hat recht, dem sie immer Objekt
bleibt, der im Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche
findet.
Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den Kleinen mit mir.
»Zur Göttin der Griechen wollen wir,« sagte ich ihm, »die Odysseus und
Achilles anbeteten.«
Die Leute drehten sich um, lächelnd, spottend, entrüstet, als sie mich
mit dem Kind an der Hand durch die Säle gehen sahen, bis dahin, von wo
der Venus von Milo weiße Gestalt uns entgegenleuchtete.
»Warum beten die Menschen nicht?« flüsterte mein Sohn, der die Mütze vom
Köpfchen gezogen hatte.
In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein ihrer Macht
und Schöne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg über die
Menge, gleichgültig, ob sie ihr Opfer zündete oder die Linien ihres
Körpers mit dem Zirkel maß. Sie herrschte, sie begeisterte und belebte,
nicht weil sie vom Sockel stieg in den Dienst der Massen, sondern weil
sie vollendet war in sich.
Droben in den Sälen hingen die Bilder aller derer, die die Menschen,
denen sie dienten, gekreuzigt hatten: die Heiligen, die Madonnen, die
Christuskinder. Sollte der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der
Griechen und nicht der Himmel der Christen sein?
Ich strich mit der Hand über die Stirn. Es war etwas wach geworden in
mir, das schlafen mußte.
Ein weiches Händchen nestelte sich in das meine: »Warum hat die Göttin
keine Arme, Mamachen?«
»Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, die ihrem Tempel
entliefen.«
Elftes Kapitel
Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären
wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren
kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner
bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau,
die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß,
darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast
zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten
Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.
»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich
abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen
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