Memoiren einer Sozialistin
Kampfjahre
Roman
von
Lily Braun
Albert Langen, München
1911
Erstes Kapitel
Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht
ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf
und Brust, und das melancholisch eintönige Anschlagen der Wellen an die
Fenster preßte mir das Herz zusammen, als ob das Unglück selbst es in
seinen harten Händen hielte.
»Ich bin seefest,« hatte ich der warnenden Stewardeß zugerufen, als ich
die schwankende Treppe hinaufgestiegen war. Zwei-, dreimal atmete ich
auf, tief und schwer, wie nach überstandener Anstrengung, ehe ich mich
in den Korbstuhl fallen ließ. Am Himmel jagte, vom Wind gepeitscht, ein
schwarzes Wolkenheer. Dunkel und drohend rollten die Wellen dem Schiff
entgegen. Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern
erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden am Horizont die
Küste von Holland und mit ihr die letzten freundlichen Lichter.
Ich war allein -- ganz allein. Ich sammelte meine Gedanken, die das
Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt hatte wie der Sturm die
Schaumperlen auf dem Wasser. War das Gebäude meines neuen Lebens, das
ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Händen stolz und selbstsicher
errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus gewesen, das ein Stoß mit der
Hand umzuwerfen vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines
Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit: meiner Mutter
Brief knisterte noch darin. Ich konnte ihn auswendig. Schon auf der
Fahrt von Grainau nach Berlin hatte ich ihn gewiß zehnmal gelesen.
»Es ist mir, Gott sei Dank, möglich gewesen, Deinen Brief ohne Wissen
Deines Vaters in die Hand zu bekommen,« hieß es darin, »und ich schreibe
Dir in größter Hast, Gott anflehend, daß es meinen Worten gelingen
möchte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden. Was ich immer schon
fürchtete, als ich mit anhören mußte, wie Dein verstorbener Mann und Du
unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren 'Ethischen
Blättern' las, wie Ihr immer wieder für die Umsturzpartei eintratet, das
ist jetzt geschehen. Der Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist
aufgegangen: kühl und geschäftsmäßig, als handle es sich um den Plan
eines Spaziergangs, teilst Du uns mit, daß Du Deine Redaktionsstellungen
aufgegeben hast, um Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme
zu werfen. Deine große Verirrung, Dein Unglaube haben Dich, wie es
scheint, für alles, was Pflicht, Gehorsam, Liebe und Rücksicht heißt,
blind und taub gemacht, sonst müßtest Du wissen, daß Du mit einem
solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten Deinen Eltern, Deiner
Familie gegenüber die Krone aufsetzest. Dieser Partei, die alles
besudelt und mit Füßen tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum,
Familie, Ehe, Monarchie und Militär, sollen wir unser Kind überlassen?
Es wäre in dem Augenblick für uns gestorben! Aber freilich, das ist Dir
einerlei, Du wirfst leichten Herzens alles über Bord, was Deinem
Eigensinn, Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den Weg tritt.
Wenn Du aber damit Deinen armen Vater mordest -- von mir will ich gar
nicht reden, eine Mutter scheint dazu da zu sein, daß die Kinder sie mit
Füßen treten --, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit froh
werden können?! Du weißt, daß es ihm in letzter Zeit gar nicht gut geht.
Vor ein paar Tagen fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gestürzt, Bruder
Walter aber, der dabei war, ist überzeugt, daß es ein leichter
Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune, deren Ruhe du kennst,
machte keinerlei Bewegung, er glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem
leidet er an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln
denn je. Jede Aufregung kann einen neuen Anfall hervorrufen, der ihn
tötet. Ich wollte nur, ich könnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas
mit Dir erleben müßte ...!«
Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine Austrittserklärungen
aus den Redaktionen der »Ethischen Blätter« und der »Frauenfrage« schon
versandt worden. Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung
davon in der Presse und die nötigen Kommentare dazu: »Frau von
Glyzcinski hat den längst erwarteten Schritt getan, und die
Sozialdemokratie kann sich ob dieser ebenso interessanten wie pikanten
Aquisition ins Fäustchen lachen« ... so und ähnlich lauteten sie.
Am nächsten Morgen in aller Frühe war meine Schwester blaß und
verängstigt zu mir gelaufen:
»Wir sind mit dem Arzt im Komplott,« hatte sie mit stockender Stimme
gesagt, während die Tränen ihr unaufhaltsam über die Wangen liefen, »er
verbietet Papa, auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die
Zeitungen nicht. Und die Post wird dem Briefboten an der Hintertreppe
abgenommen ... Ach, Alix, -- du weißt nicht, wie gräßlich es zu Hause
ist .. Ich muß Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und Mama
nicht zu sehr quält .. Am liebsten liefe ich selber davon ...«
Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.
Meines Vaters Anblick hatte mich erschüttert.
»Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?!« hatte er bitter
lachend gesagt. »Ihr könnt's ja wohl gar nicht erwarten, daß eine ganze
draus wird. Herr Gott, -- wie hübsch könntet ihr dann eurem Vergnügen
leben!«
Mama begleitete mich nach Hause: »Habe den Mut, ihm deinen Entschluß ins
Gesicht zu sagen! -- So einen Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter
und Schwester abwälzen, -- das ist freilich eine Heldentat, die dir
ähnlich steht!«
Abends war Frau Vanselow noch gekommen, -- tief bekümmert. »Ich verstehe
Ihren Entschluß, -- wenn ich so jung wäre wie Sie, ich täte dasselbe --,
aber das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern. Unsere
'Frauenfrage' ist nichts ohne Sie. Und darum bitte ich Sie recht
herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin verlieren soll, so doch
wenigstens nicht die Mitarbeiterin. Mehr als je können Sie jetzt für
die Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken.« Und dann hatte sie mir
die Einladung zum Internationalen Frauenkongreß nach London vorgelesen,
die auf unser beider Namen lautete. »Wie viel könnten gerade Sie, meine
liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten -- England, das
klassische Land der Frauenemanzipation ...!«
In der Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf. Meine Überzeugungen,
meine Zukunftsträume, meine Hoffnungen standen alle bis an die Zähne
gewappnet auf wider mich.
Sehr langsam, sehr müde schlich ich am Tage darauf zu den Eltern. Noch
nie war mir der Flur, in dem auch heute, an einem strahlenden
Frühsommertage, das kleine Lämpchen brannte, so eng, so dunkel
vorgekommen und die Zimmer mit ihren schweren Vorhängen so kalt.
Rasch, wie ein Schulmädchen, das den eingelernten Vers herunterhaspelt,
um nur nicht stecken zu bleiben, erzählte ich von der Einladung nach
England.
»Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich mit Frau Vanselow
hinüberreisen. Ich kann dabei viel gewinnen. Die englische
Frauenbewegung ist uns weit voraus, die ganze soziale Hilfstätigkeit ist
glänzend organisiert, -- ich werde mir für meine eigene Arbeit ein
Muster nehmen können. In schlechte Gesellschaft komme ich auch nicht,«
hatte ich mit erzwungenem Lächeln hinzugefügt, »denn Gräfinnen und
Herzoginnen sind unsere Gastgeber ...«
Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die sich bei meiner Ankunft
verschüchtert in eine Ecke geflüchtet hatte, sprang auf und wirbelte
lustig im Zimmer umher, der Vater schien förmlich elektrisiert von all
den Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch, das
Konversationslexikon und schickte die Minna zum nächsten Buchhändler, um
den neuesten Bädecker von London zu holen.
Immer wieder griff er verstohlen nach meinen Händen und streichelte sie
so sanft, so leise, daß ich den Kampf der Nacht vergaß und nichts fühlte
als seine Liebe.
Die Reisevorbereitungen, der Abschied, -- der Vater hatte sich's nicht
nehmen lassen, mich frühmorgens zur Bahn zu bringen und mir, wie ein
feuriger Liebhaber, einen Strauß blühender Rosen in die Hand zu drücken,
-- die Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow und Frau
Schwabach, die unaufhörlich von ihrer Vereinsarbeit sprachen, hatten
mich bis zu diesem Augenblick nicht zu Atem kommen lassen.
Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschwören, was
vergangen war, und in schmerzhafter Sehnsucht an den zu denken, den ich
nicht erwecken konnte? Ich sah die Nacht um mich her und die große
Einsamkeit -- war Georg nicht erst jetzt für mich gestorben? Mich
fröstelte; feucht und kalt klebten mir die Kleider am Leibe.
»Ich will schlafen gehen,« murmelte ich ... und die Augen fielen mir
zu .....
* * * * *
Im Morgengrauen lag die Küste Englands vor mir, unfreundlich und
nüchtern. Mit jener unwirschen Rücksichtslosigkeit aller
Unausgeschlafenen hasteten und stießen sich die Schiffspassagiere. Ich
ließ mich schieben, -- es war ja alles so schrecklich gleichgültig.
»Frau von Glyzcinski?!« -- Überrascht sah ich auf. »Mister Stratford?«
-- Der rotblonde Hüne, der mich eben begrüßt hatte, nickte erfreut. Wie
einen Gruß von Georg, so empfand ich seinen Händedruck; er war sein
bester Freund gewesen, seine Schriften, seine Briefe hatten ihn mir wie
ein Echo Georgs erscheinen lassen. Und mit leisem Lächeln mußte ich der
Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden hatte, daß er
zwischen uns den Heiratsvermittler habe spielen wollen, ehe er daran zu
denken wagte, ich könne ihn -- den armen Gelähmten -- jedem anderen
vorziehen.
Stratford war überzeugter Sozialist, wie Georg, nur daß er noch mit
aller Energie an dem Standpunkt der Ethischen Gesellschaft festhielt:
sich offiziell keiner Partei anzuschließen. Wir gerieten während der
Eisenbahnfahrt nach London in eine eifrige Debatte.
»Grade Menschen wie wir können für die Verbreitung der Ideen des
Sozialismus außerhalb der politischen Organisation weit mehr und
nachhaltiger wirken, als wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder wären,«
sagte er. »Wir verzetteln und verzehren unsere Kräfte nicht im Kleinkram
des Parteilebens, wir finden Gehör, wo wir sonst von vornherein auf
Mißtrauen stoßen würden.«
»Und Sie als Ethiker können es verteidigen, daß wir mit geschlossenem
Visier kämpfen und unsere Überzeugungen durch Hintertüren in die Häuser
tragen?« rief ich. »Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling und ein
Betrüger!«
Er lenkte ein: »Sie mögen in Deutschland, wo der ganze Sozialismus sich
in der Partei konzentriert, zu dieser Empfindung ein Recht haben, bei
uns gibt es nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur
annähernd ähnlich wäre. Wir sind viel zu individualistisch, um uns
herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie werden daher unseren
Sozialismus und seine Ausbreitung nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine
beurteilen müssen, sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in
allen Gesellschaftsschichten zu finden sind.«
Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verhältnisse fiel mir
plötzlich schwer aufs Gewissen. Ich ließ meinen Begleiter erzählen, der
sich, wie es schien, gern reden hörte, und warf nur hie und da eine
Frage dazwischen, um seinen Redefluß auf die von mir gewünschten Bahnen
zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder reihte sich vor mir auf: von
der Ethischen Gesellschaft an, deren Sprecher er war, bis zu den
politischen Kämpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition
gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt. Ich war ganz benommen,
als wir uns London näherten.
Einzelne Häuser tauchten auf, grau, nüchtern, mit trüben Fensterscheiben
und dünnen schwarzen Schornsteinen; sie schoben sich rechts und links
zusammen, enger und enger, sie verdrängten schließlich das letzte
Streifchen grünen Rasens; schmal, feuchtglänzend wie Riesenwürmer,
wanden sich unten die Straßen zwischen den Mauern. Ein schmutzig-grauer
Nebel umhüllte alles, nicht wie ein Schleier, der phantastische
Vorstellungen von dahinter verborgener Schönheit zu wecken vermag, --
wie ein nasses Tuch vielmehr, das die Häßlichkeit der Formen betont und
jede Farbe verwischt, die sie mildern könnte. In der Bahnhofshalle
brannten die Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde Öllämpchen im
Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die Stadt: leichte Wagen
und schwerfällige Omnibusse, Reiter und Radler schoben und drängten sich
hin und her, kein Fußbreit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den
Bürgersteigen daneben hasteten die Fußgänger; gleichgültig, nur auf das
eigene Vorwärtskommen bedacht, ohne einen Blick nach rechts und links.
Selbst die Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da war
keiner, der Zeit hatte --, unsichtbar schienen in der Menge die
Fronvögte der grausamen Herrin Arbeit ihre Geißeln zu schwingen.
Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur für das
kommende Leben?!
»Westminster! -- das Parlament,« hörte ich meinen Begleiter sagen. Ich
blickte auf. An einem Palast mit gotischen Türmen und Fenstern fuhr der
Wagen langsam vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter hohen
Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden Strom. Schüchterne
Sonnenstrahlen brachen durch den Nebel, leuchteten durch das feine
gotische Maßwerk, blitzten auf den Turmknäufen, sprangen hinüber zu der
altehrwürdigen Kirche und ließen ihre bunten Fenster aufglühen, als
stünde sie im Feuer.
Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem Parlament, einfach und
still wie eine Dorfstraße, nahm uns auf. Wir waren am Ziel.
Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes Haus den Besuchern
des Frauenkongresses zur Verfügung gestellt. Sie empfingen mich so
herzlich, als wären wir alte Freunde. Man versammelte sich grade zum
Frühstück. Warum waren die Leute nur alle so feierlich? Selbst Stratford
legte das Gesicht in würdevolle Falten, -- fünf himmelblau gekleidete
Dienstmädchen traten ein, -- ein Harmonium ertönte, -- helle Stimmen
sangen einen Choral. Dann las der Hausherr mit dem Tonfall katholischer
Priester einen Bibelabschnitt, -- ein Gebet folgte. Alles kniete nieder,
den Kopf in den Händen vergraben, -- auch Stratford, Georgs Freund, der
Atheist. Ich fühlte, wie ich rot wurde vor innerem Zorn; ich allein
blieb stehen.
»Wie können Sie nur?!« frug ich ihn empört, als er sich verabschiedete.
»Es ist ja nur eine Form!«
»Durch all unsere Rücksicht auf die Form helfen wir die Sache erhalten!«
* * * * *
Am Abend wurde der Kongreß durch einen feierlichen Empfang der
ausländischen Delegierten eröffnet. Eine Schar weißgekleideter Mädchen,
mit breiten Schärpen in den Landesfarben über der Brust, bildete Spalier
auf der Treppe von Queenshall; in ein Meer von Licht war der Riesenraum
getaucht, und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten rings
umher. In großer Toilette erschienen die Delegiertinnen, bei jeder
Eintretenden ging ihr Name flüsternd von Mund zu Mund. Und wie sie
bekannt waren, so kannten sie sich untereinander und begrüßten sich wie
alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen Trauerkleid,
über das der Witwenschleier schwer herunterfiel. Es war ein leerer Raum
um mich, als ob meine dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich
stieße. Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes »Wer ist das?«
schlug an mein Ohr.
Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen, und jede von ihnen
begrüßte im Namen ihres Heimatlandes die wogende Menschenmasse unter
uns. Da waren sie alle, die alten Vorkämpferinnen, die Frauen Amerikas
und Australiens, die ihrem Geschlecht die Hörsäle der Universitäten und
die Pforten zum Parlament eröffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt
der weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge häuslichen Lebens
formt, schmale, scharf geschnittene Züge, wie sie die Welt ihren Bürgern
meißelt; statt des treuen, warmen Blicks, der über Kinderstube und
Küchengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden, ernsten,
leidenschaftdurchfunkelten Augen jener, denen des Lebens dunkle Abgründe
sich offenbaren. Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer
Besiegten: die dunkeläugige Türkin im schimmernden Märchengewande der
Scheherezade, die Abgesandte Indiens, den schlanken braunen Leib in
weiche Schleier gehüllt. Stolz erzählten die einen von ihren Triumphen,
klagend die anderen von ihren Leiden, -- Triumphen auf dem Gebiete des
wissenschaftlichen, des sozialen, des politischen Lebens, -- Leiden,
hervorgerufen durch sexuelle, soziale und rechtliche Unterdrückung, als
ob Befreiung und Not ihres Geschlechtes damit erschöpft wären. Immer
heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im Traum vor den Türen dieses
glänzenden Saales Scharen blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit,
wie Werkstätten und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in ihr
elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen wurde, und die weiße
brillantengeschmückte Hand der Präsidentin sich mit einer leise
bevormundenden Bewegung auf meine Schultern legte, während sie von
Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten für ihre
politische Gleichstellung sprach, da wußte ich, was ich zu sagen hatte.
»Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben und unsere Kleider nähen,
haben mich nicht delegiert, aber ich fühle mich als ihre Abgesandte und
nur als die ihre.«
Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, -- galt er nicht mehr meinem
gebrochenen Englisch und meiner Trauerkleidung als meinen Worten? Mit
einem Blick voll Geringschätzung streifte ich die elegante
Zuhörerschaft. Ich werde euch schon verstummen machen --, dachte ich.
»Ihre Vorsitzende rühmte mich als die erste deutsche Frau, die
in öffentlicher Versammlung das Stimmrecht für ihr Geschlecht
gefordert habe. Ich muß dieses Lob ablehnen. Seit Jahren tragen
deutsche Arbeiterinnen von Ort zu Ort die Fahne der politischen
Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei, der
Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die Frauen der ganzen Welt zu
Dank verpflichtet sind: August Bebel.«
Ich hielt unwillkürlich inne, ich erwartete einen Tumult, statt dessen
erhoben sich alle Hände zu einmütigem Applaus, und selbst die Damen des
Präsidiums, unter denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden,
lächelten mir freundlich zu.
Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige ältere Frau entgegen.
In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten Hand erkannte ich die
Arbeiterin. »Ich bin Sozialdemokratin,« sagte sie, »und möchte Sie als
Genossin begrüßen.« Auf dem Heimweg begleitete sie mich, und ich gab
meiner Verwunderung und meiner Freude Ausdruck über das Erlebte. Sie
lachte geringschätzig. »Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein
Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so gilt das als
ganz besonders interessant. Passen Sie auf: man wird sich um Sie reißen.
Für unsere Sache aber hat das gar keine Bedeutung.« Sie nannte mir ihren
Namen -- Amie Hicks -- und ihre Wohnung, fern im äußersten Norden
Londons. »Besuchen Sie mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise
führen.«
Im Trubel der nächsten Zeit war daran nicht zu denken. Der Kongreß und
seine Veranstaltungen nahmen mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft;
nicht nur, um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege zu gehen, mit
denen die Sitzungen regelmäßig eingeleitet und geschlossen wurden,
sondern auch, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen.
In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft stieg mir das Blut
oft siedendheiß in die Schläfen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir
als Witwe eines Universitätsprofessors freilich bewilligt worden, aber
schon vom nächsten Monat ab hatte ich nichts Sicheres zu erwarten als
meine kleine Pension von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den
pekuniären Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen aufgab.
Nun hieß es: arbeiten, zusammenschreiben, was ich zum Leben nötig hatte.
Ich wußte nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem Pfennig
gerechnet. Wie gut, daß mein Trauerkleid mir wenigstens ersparte, den
Luxus der anderen mitzumachen.
Mit Einladungen wurden wir überschüttet: vom Lord-Major an, der uns mit
dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich würdevollen Stellung empfing,
wetteiferte alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus aufs
Land führten uns Extrazüge, -- jenes Land voll rührender, weicher
Schönheit, mit seinen grünen, sanft geschwungenen Hügeln, seinen dunklen
Buchengruppen und stillen, rosenumsponnenen Häusern. Fast unmerklich für
Auge und Sinn geht die freie Natur in den Blumengarten, in den
Schloßpark über, nicht wie bei uns, wo die ihr mit allen Mitteln mühsam
aufgezwungene Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger Reichtum
neben dürrer Armut. Und in die Häuser Londons waren wir geladen, die,
wie Menschen von alter Kultur, nach außen die gleichförmige, oft
langweilig wirkende Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem
sich die Pforten öffnen, den ganzen inneren Reichtum individuellen
Lebens zeigen. Berlin und die Berliner fielen mir dabei ein, wo Fassaden
und Kleider, um Originalität vorzutäuschen, einander an Buntheit zu
übertreffen suchen, während im Inneren Tapeziergeschmack und Konvention
uneingeschränkt herrschen.
In Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten aller Art wurden wir
eingeführt, und wie in der Frauenbewegung, so imponierte mir hier die
Einheitlichkeit ihrer Organisation, deren gewaltige Räderwerke so
selbstverständlich ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei
deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische Kunst ihrer
Schöpfer oder die fremdartig-neue Schönheit ihres Baus mehr bewundern
sollen.
Der Kongreß selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse. Die Reden,
die gehalten, die Berichte, die gegeben wurden, waren den Eingeweihten
ihrem Inhalt nach aus Büchern und Broschüren bekannt. Der Austausch von
Meinungen, der das wichtigste gewesen wäre, wurde an zweite Stelle
gerückt, er hätte die Ordnung und den Glanz der Heerschau am Ende trüben
können. So wäre als Gewinn allein die Anknüpfung persönlicher
Beziehungen übrig geblieben, aber auch er war bei näherem Zusehen für
mich nur gering: diese Frauen hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A
und O, das Frauenstimmrecht, war für mich in dem Augenblick erledigt
gewesen, als ich die Selbstverständlichkeit seiner Forderung erkannt
hatte.
Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde ich zur Präsidentin
für Frauenstimmrecht in Deutschland gewählt. Meine ablehnende Haltung
wurde unter allgemeinem Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips
betrachtet.
»Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die Lösung dieser einen Frage
konzentriert,« sagte ich in dem Versuch, mich verständlich zu machen,
»ich bewundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das
Frauenstimmrecht ist heute für mich nicht mehr das Ziel, für das ich
mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine Etappe ...«
Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel sogar das scharfe
Wort: »... unbrauchbar für praktische Arbeit.«
Gleich nach der Schlußsitzung des Kongresses wechselte ich mein Domizil.
Freunde von Stratford -- ein liberaler Parlamentarier und seine schöne
elegante Frau -- hatten mich in ihr Haus am Hydepark eingeladen. Alles
trug dort den Anstrich ausgesuchtester Vornehmheit: vom Zeremoniell der
Lebensweise, dem deutschen Hauslehrer und der französischen Gouvernante
bis zu dem würdevollen, glattrasierten Bedienten und dem niedlichen
Kammermädchen. Hausherr und Hausfrau verstießen mit keiner Miene und
keiner Bewegung gegen die Regeln der guten Gesellschaft, und doch wurde
ich den Eindruck nicht los, der uns gegenüber guten Kopien großer
Meisterwerke oft befällt: wir erstaunen über die Technik und vermissen
um so schmerzhafter den Geist. Daß Stratford sich hier heimisch fühlte,
mit allen Fibern die parfümierte Luft dieser von tausend Nichtigkeiten
überladenen Salons einatmete, machte ihn mir noch fremder. Und als ich
ihn in der Ethischen Gesellschaft reden hörte inmitten einer Korona von
lauter typischen Vertretern der Geldaristokratie, denen seine
Sittenpredigten dieselbe angenehme Emotion boten wie die Moral der
biblischen Geschichten den Frommen in der Kirche, da mußte ich mir seine
Briefe, seine Schriften ins Gedächtnis rufen, um noch Georgs Freund in
ihm zu erkennen.
Er ging den Weg, den ich nach dem Wunsche meiner Familie gehen sollte,
-- wie würde ich jemals imstande dazu sein?!
»Sie sind sehr ungerecht,« sagte er eines Tages, als ich ihm in meiner
heftigen Art, die der Unruhe meines eigenen Innern entsprang, über seine
Tätigkeit als »Modeprediger« Vorwürfe machte. »Sie kennen mich nur von
der einen Seite.« Noch am selben Abend sollte ich die andere kennen
lernen.
An der Ecke von zwei engen Straßen, beim Scheine einer trübe flackernden
Laterne sprach er über die Ethik des Sozialismus. Zuerst blieben nur ein
paar neugierige Bummler stehen, aber je stärker seine Stimme von den
Mauern widerhallte, desto mehr Menschen sammelten sich um ihn. Müde,
zerlumpte Gestalten krochen wie Nachtgespenster aus den Kellern hervor,
Hoftüren öffneten sich, und umwogt von einer Wolke ekler Gerüche
erschienen Frauen mit zerwühlten Zügen, halbwüchsige Mädchen, deren
freches Grinsen allmählich zuckendem Schluchzen wich. Mit wüstem
Geschrei stießen sich trunkene Burschen aus der nächsten Kneipe heraus,
und nach und nach entzündeten sich Lichter des Verstehens in ihren eben
noch blöd glotzenden Augen. Die Straße wurde schwarz vor Menschen.
Stratford sprach mit steigender Begeisterung. Um seinen roten Bart
tanzten die Lichter der Laternen, seine Augen strahlten vom eigenen
Feuer. Ich hörte kaum, was er sagte, ich sah nur die Wirkung seiner
Worte. Aus den vertiertesten Gesichtern brach ein Schein von
Menschentum hervor, ein froher Zug von Hoffnung verwischte tiefe
Kummerfalten.
Wir gingen schweigsam durch die Nacht nach Hause. Vor der Türe reichte
ich ihm die Hand.
»Ich würde Sie nach dem, was ich eben erlebte, um Verzeihung bitten,
meiner Vorwürfe wegen, wenn ich nicht grade dadurch wüßte, daß Sie
doppelt schuldig sind. Ein Mann wie Sie gehört der Sache des
Sozialismus, und keiner anderen ...«
»Vielleicht haben Sie recht,« antwortete er leise, »wären nur nicht der
Fesseln so viele, die uns an das andere Leben schmiedeten -- --«
»Wir werden sie beide zerbrechen müssen --«
* * * * *
Im Hause meiner Gastfreunde drehte sich das Interesse fast
ausschließlich um Fragen der Politik. Was für andere Frauen der
Gesellschaft der Flirt, die Kunst, die Toilette, das Theater war:
Reizmittel für ihr Nervensystem, -- das war die Politik für Mrs. Dew.
Fast täglich war ich mit ihr im Parlament; sei es, daß wir den
Kommissionsberatungen des neuen Fabrikgesetzes beiwohnten -- das
Publikum hatte ohne weiteres Zutritt -- oder in den Wandelgängen und auf
der Themseterrasse zwischen Tee und Eis mit den Abgeordneten
debattierten. Seltsam: man nahm uns ernst; vergebens erwartete ich auf
den Zügen der Männer jenes gönnerhaft mitleidige Lächeln, mit dem meine
Landsleute die politisierende Frau zu betrachten pflegten. Eine gewisse
Zurückhaltung mir gegenüber entsprang weniger der Tatsache, daß ich ein
Weib, als daß ich eine Deutsche war, die offenbar nur im Bilde der
»guten Hausfrau« im Bewußtsein der Engländer lebte.
Schon war es gewitterschwül in den feierlich-hohen Hallen des
Parlaments, bei jeder Gelegenheit drohte ein Wetterstrahl die Regierung
zu stürzen, und die von Elektrizität geladene Luft drang bis hinter die
engen Gitterstäbe der Damengalerie. Unruhiger als sonst raschelten die
seidenen Kleider, unterdrückte Erregung durchzitterte die
Flüstergespräche. Man achtete kaum der Redner im Saal, man erwartete nur
die Katastrophe. Da plötzlich klang eine Stimme von unten empor, rollend
wie ferner Donner, -- dann wieder tief und schwer wie der Ton riesiger
alter Kirchenglocken, -- die Damen verstummten, -- drängten sich enger
an das Gitter, -- und aus ihrer bequemen Stellung auf den weichen
Polstersitzen reckten sich die Abgeordneten auf. Ich hörte nur die
Stimme, den Redner sah ich nicht, aber ich empfand ihn als einen, der
zum Herrschen bestimmt war. »Wer ist das?« -- »John Burns!« -- John
Burns -- der Verräter?! So war er in der deutschen sozialistischen
Presse von dem Augenblick an bezeichnet worden, wo er sich grollend von
der englischen Partei losgesagt hatte. Noch am selben Abend stellte Mr.
Dew ihn mir vor. Ich war zuerst enttäuscht: Alles überragend hatte ich
den Träger dieser Stimme mir gedacht, nun trug er auf dem untersetzten
kräftigen Körper nur den Kopf eines Riesen: Dunkle Haare erhoben sich
widerspenstig über der breiten, scharf durchfurchten Stirn; hinter
buschigen Brauen glänzte ein Augenpaar, das in seiner mächtigen Färbung
und fieberhaften Lebendigkeit der Herkunft aus diesem helläugigen Volke
Hohn sprach.
Er schüttelte mir kräftig die Hand. Die seinige war breit und schwer,
sie zeugte von dem Hammer, den sie geführt hatte; -- wie war es möglich
gewesen, daß ihr die rote Fahne entglitt, die sie einst an der Spitze
des Heers der Arbeitslosen durch das entsetzte London getragen hatte?
War dieser Mann nicht der geborene Schöpfer und Führer einer großen,
einigen sozialistischen Partei Englands? Ich unterdrückte keine der
Fragen, die sich mir aufdrängten.
»Ich weiß, daß die Sozialdemokraten, besonders die deutschen, mich für
einen Verräter halten,« sagte er, »aber sie verstehen die Situation
nicht. In Deutschland würde ich nicht anders handeln als Bebel und
Liebknecht, aber hier ...« mit einer raschen Bewegung schob er die
Teetasse beiseite und zeichnete auf die weiße Marmorplatte des Tischs
einen Punkt mit einem großen Kreis rings herum. »Sehen Sie,« fuhr er
fort, »dieser Punkt ist der Sozialismus, um den Kreis herum steht die
deutsche Regierung, Ihr Militär, Ihre Polizei, und diese treiben
naturgemäß alle freidenkenden Elemente dem Mittelpunkt zu, mit dem sie
sich, infolge des äußeren Drucks, fest vereinigen. Bei uns besteht der
Mittelpunkt, aber der Kreis fehlt, und so strömen die Strahlen dieser
sozialistischen Sonne ungehindert nach allen Richtungen aus.« Ich
lächelte ein wenig ungläubig. »Ich werde Ihnen beweisen, was ich sage,«
fügte er rasch hinzu. »Sie kommen morgen mit mir --,« er ließ mir gar
keine Zeit zu Einwendungen, sondern bestimmte Ort und Stunde für unsere
Zusammenkunft.
Von da an trafen wir uns oft, im Parlament wie im Londoner
Grafschaftsrat. Ich sah erstaunt, mit welchem Respekt Mitglieder aller
Parteien diesem Manne begegneten, der noch vor wenigen Jahren im
unterirdischen London Gasleitungen gelegt hatte; aber noch mehr
erstaunte ich über den freudigen Stolz, mit dem er mir städtische
Einrichtungen als »Strahlen der sozialistischen Sonne« erklärte, in
denen ich nichts anderes sehen konnte als bürgerlich-soziale Reformen.
»Der deutsche Marxismus hat Sie blind und taub gemacht,« sagte er eines
Tages ungeduldig, als ich mich für die Kommunalisierung der
Verkehrsmittel durchaus nicht begeistern konnte. »Lassen Sie sich von
den Fabiern in die Schule nehmen.«
»Den Fabiern?!«
»Eine Gesellschaft von 'Salonsozialisten', würde man bei Ihnen in
Deutschland sagen. Tüchtige Leute darunter ...«
Mit einem ihrer Begründer und Leiter, Sydney Webb, machte er mich im
Teezimmer des Grafschaftsrats bekannt. Ich wußte von seiner Frau, die
als junges Ding ihr reiches Elternhaus verlassen hatte, um der Sache der
Arbeiter zu dienen, und nun, gemeinsam mit ihrem Mann, durch Wort und
Schrift für Genossenschaften und Gewerkschaften tätig war. Ich wußte
auch, daß sie der Frauenbewegung fern, ja ihren Forderungen sogar
vielfach feindlich gegenüberstand. Gelesen hatte ich keines ihrer
Bücher, nur mit einer gewissen Scheu ging ich darum zu ihr. Eine blühend
schöne Frau fand ich, mit dem ganzen Reiz starken geistigen Lebens in
den Zügen und einer Güte und Anmut des Wesens, der meine Steifheit
nicht lange standhielt. Durch sie erfuhr ich von der Macht und Größe der
englischen Gewerkschaftsbewegung und fand den Weg in die Häuser jener
Arbeiter, die sich durch die Kraft ihrer Organisation aus physischer und
geistiger Versklavung befreit hatten. Wie ein Stück verwirklichter
Zukunftsstaat kam es mir vor, wenn ich sie draußen, vor Londons Toren,
in ihren Gärten traf oder vor dem Kamin ihres Wohnzimmers oder am gut
besetzten Tisch. Wahrhaftig: hier hatten die Strahlen der
sozialistischen Sonne aus ödem Land neues Leben hervorgerufen.
In den Versammlungen der Fabier, die ich von da an regelmäßig besuchte,
wurden theoretische und praktische Fragen des Sozialismus von allen
Seiten beleuchtet und erörtert. Jene Scheu, zu sagen, was man denkt, die
die Menschen überall schwach und klein macht, wo religiöser, sittlicher
oder politischer Fanatismus die Wahrheit an sich zu besitzen vorgibt,
schien hier verschwunden, und mir war, als fiele Licht auf den Weg, den
ich zu gehen hatte.
»Es ist nicht wahr, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur ein Werk
der Arbeiterklasse selbst sein kann, -- es ist nicht wahr, daß der
Klassenkampf das Grundelement der sozialistischen Bewegung ist, -- es
ist nicht wahr, daß die Entwicklung des Sozialismus mit der Sicherheit
eines Naturgesetzes notwendig zur Expropriation der Expropriateure
führen wird ...« Eine überschlanke Gestalt stand auf der Rednertribüne,
mit schmalem, gelblich blassem Gesicht, in das weiche blonde Haare wirr
hineinfielen. »Es waren und sind die revoltierenden Söhne der
Bourgeoisie selbst -- Lassalle, Marx, Liebknecht, Morris, Hyndman, Bax
-- alle, wie ich, Bourgeois mit Mischung von Kavaliersblut, die die rote
Fahne entfalteten. Der Hunger der Armen treibt zur Revolte, der Geist
allein zur Revolution ...« Wie Hochverrat an den grundlegenden Dogmen
des Sozialismus klang mir, was dieser Mann hart und scharf in den Saal
hinausschleuderte. Aber ein Ton blieb mir hartnäckig im Ohr und weckte
etwas in mir, das stark und stolz war. In selbstentsagender Askese hatte
ich mich, ein schlichter Soldat, als mein Lebensglück zusammenbrach, in
den Dienst der Partei stellen wollen. Kraft und Jugend kehrten mir
wieder: sollte ich nicht fähig sein und berufen, dem Sozialismus den
Urwald erobern zu helfen, den alle Giftpflanzen des Vorurteils und des
Stumpfsinns noch üppig durchwucherten?
Ich suchte des Redners Bekanntschaft. Es war Bernard Shaw, der
Theaterkritiker der Saturday Review, der Entdecker Ibsens und Richard
Wagners nicht nur für England, sondern für den Sozialismus, der bissige
Spötter, von dessen Witzen die englische Gesellschaft nie recht wußte,
ob sie über sie lachen, oder sich vor ihnen fürchten sollte. Mich
verlangte nach einer Erklärung dessen, was er in lapidaren Sätzen eben
vor mich hingestellt hatte.
»Sie waren draußen in Letshfield?« frug er mich statt aller Antwort.
»Und haben die Bewohner in ihren Heimen gesehen? ... Natürlich auch
bewundert?!« Ich nickte. »Und nicht bemerkt, wie drastisch solch eine
Miniatur-Zufriedenheitsexistenz lehrt, daß der Arbeiter in seiner Masse
nichts mehr verlangt, als ein Bourgeois zu werden!«
»Ist es nicht auch das wünschenswerteste Ziel, ihn zunächst wenigstens
satt zu machen?« warf ich ein.
»Sicherlich, denn Armut ist ein Laster --, wenn nur die satt gewordenen
nicht am raschesten derer vergessen würden, die noch immer hungern. Im
Grunde sind die Arbeiter das konservativste Element im Staat, und wir
Freigelassenen der Bourgeoisie sind dazu da, sie aufzurütteln.«
Der Kreis der Fabier war von nun an derjenige, der mich am meisten
anzog, aber die politischen Ereignisse auf der einen, und jenes Gefühl
der Unfreiheit auf der anderen Seite, das mit der Annahme auch der
weitherzigen Gastfreundschaft untrennbar verbunden ist, rissen mich
wieder nach anderen Richtungen fort. Die Abstimmung über eine an sich
unbedeutende Militärfrage führte zu einer Niederlage der Regierung und
damit zum Rücktritt des Ministeriums. Eine Erregung, die sich vom
Parlament aus mit Windeseile auf alle Straßen fortpflanzte, die
Gesichter der überall in Gruppen Zusammenstehenden höher färbte und alle
Augen blitzen ließ, bemächtigte sich der Londoner. Sie steigerte sich
zur Fieberhitze an jenem Abend in Albert-Hall, wo sich die
Menschenmassen vom Parterre dieses Riesenzirkus bis hoch unter die
Kuppel zusammendrängten und die gestürzten Minister Rosebery und
Harcourt in die vom Atem Tausender und der zitternden Glut des Julitages
lebendigen Luft gegen die neue Regierung leidenschaftliche Anklagen
erhoben. Selbst die Nachmittagstees des londoner Westens gestalteten
sich zu Agitationsversammlungen. Die Leidenschaft des Hasardspielers
schien alle ergriffen zu haben, und gespannt, als gelte es dem Einsatz
der ganzen Existenz, hingen die Blicke an der rollenden Roulettekugel
des Wahlkampfes.
Eines Morgens atmete ich wie erlöst aus einem Banne auf, als ich nicht
mehr in dem eleganten Zimmer von Princes Gardens erwachte, wo dichte
gelbseidene Vorhänge mir stets die Sonne vorgetäuscht hatten und das
blitzende Messinggestell meines Betts mich oft selbst unter der
Daunendecke frösteln machte. Hinter weißen Mullgardinen sah ich jetzt
grüne Zweige schaukeln, und in einem Bett aus warm getönten hellem Holz
hatte ich traumlos geschlafen. Es waren Deutsche von Geburt, Engländer
aus freier Wahl, die mich für die letzte Zeit meines londoner
Aufenthaltes zu sich in ihr Künstlerheim geladen hatten. Jedes
Möbelstück, jeder Teppich und jede Vase standen in den schönen lichten
Räumen des Hauses in feiner Harmonie zueinander, nur die Gemälde an den
Wänden schienen sie mißtönig zu zerstören, und in dem großen Atelier
schrieen sie förmlich. Bilder des Elends waren es, des Hungers und der
Verzweiflung, Bilder des Krieges, auf denen von Wunden grauenvoll
Zerrissene die Hände krampfhaft gespreizt oder wütend geballt gen Himmel
streckten. Der Hausherr malte sie und nichts als sie, -- ein milder,
gütiger Mann mit grauem Patriarchenbart und den Augen eines Jünglings.
Wo immer das Leid der Kreatur zum Ausdruck kam, war sein Herz und sein
Interesse, von der Friedensbewegung an bis zur Tierschutzbewegung. Er
gehörte zu den Menschen, die überall im einzelnen helfen und wirken
wollen, wie der ungelernte Gärtner, der da und dort einem armen
Pflänzlein durch künstliche Nahrung oder durch den stützenden Stab
aufhelfen will, aber bei all seinem aufreibenden Eifer nicht steht, daß
der ganze Boden schlecht ist. Sein weißblondes zartes Frauchen lächelte
oft ganz heimlich, wie eine kleine Mutter zu den Spielen ihres Kindes,
die sie mit der Weisheit der Erwachsenen nicht stören will.
Ihr Haus übte eine magnetische Anziehungskraft auf Alles aus, was
abseits der großen Heerstraße ging. Shaw traf ich hier wieder als
häufigen Gast; Peter Krapotkin gehörte zu den Intimen des Hauses, -- der
große Revolutionär, der doch ein Kind war: gut und vertrauensselig und
voll phantastischer Träume wie ein solches. William Stead, dessen
rücksichtsloser Kampf gegen die sittliche Fäulnis der londoner
Gesellschaft ihm einen europäischen Ruf verschafft hatte, begegnete mir
hier zum erstenmal und zog mich in den Bannkreis seiner starken
Persönlichkeit. Seine Augen, deren opalisierende Lichter wie durch
geheimnisvoll darüber gebreitete Schleier schienen, übten eine
faszinierende Wirkung aus, und wenn er von seinem Verkehr mit den
Geistern Abgeschiedener erzählte, wenn er von den Kräften der Seele
sprach, die unerweckt auch in mir schlummern müßten, so bedurfte ich der
ganzen Nüchternheit meines Verstandes, der ganzen Stärke meiner
fanatisch materialistischen Weltanschauung, um mich seinem Einfluß zu
entziehen.
»Ich will mich nicht mit Problemen beschäftigen, die mich von dem
Problem ablenken könnten, dessen Lösung meine einzige Aufgabe ist: dem
des Elends in der Welt ...« antwortete ich ihm eines Tages, als er mich
mit Annie Besant bekannt machen wollte, die sich eben vom Sozialismus
abgewandt hatte und zur begeisterten Verkünderin theosophischer Ideen
geworden war. »Mögen andere heute, wo die Zeit drängt, es vor sich
selbst verantworten, wenn sie ihren Träumen nachhängen...«
»Sie werden nie mehr träumen?!« Mit einem Blick und einem Lächeln
begleitete Stead seine Frage, die mir das Blut in die Wangen trieben. Er
nahm meine beiden Hände zwischen die seinen -- Hände, die in ihrer Kraft
und ihrer Weiche zum Schützen wie zum Streicheln gleich geschaffen
waren --, und seine Augen bohrten sich in meine Züge.
»Ich liebe Ihre Tapferkeit und Ihre Klugheit, aber was mich Ihre
Freundschaft suchen ließ, das ist Ihr unbewußtes Ich, das sind Ihre
Träume, die Sie vergessen, wenn Sie wachen, von denen mir aber noch Ihre
Augen erzählen, -- das ist die tiefe Sehnsucht, die Ihr Wesen über sich
selbst hinauszieht.«
Ich fuhr an jenem Tage mit ihm hinaus nach Wimbledon, wo sich zwischen
hohen Hecken und alten Bäumen sein kleines, stilles Haus versteckte. Und
im verwilderten Garten unter dem schattenden Laubdach duftender Linden
lag ich in der Hängematte und ließ mir von ihm die Kissen unter den Kopf
schieben.
»Sie sind müde?«
»Sehr!«
»Ihr Leben ist Seelen-Selbstmord.«
Seine Hand glitt sanft über meine Stirn. Viele bunte Schmetterlinge
gaukelten über ein Meer gelber Blumen, und zwei Libellen tanzten über
dem kleinen stillen Teich zärtlich miteinander. Vom Herzen aus zuckte
ein schneidendes Weh mir durch den Körper, die Augen füllten sich mit
Tränen. Was war es nur, das mich überwältigte?!
»Wie Ihre Jugend um ihr Leben weint!« sagte leise der Mann neben mir.
Meine Jugend?! Kaum wußte ich noch, ob ich alt war oder jung. Ich stand
wohl schon lange jenseits jeden Alters!
Schweigsam fuhren wir beide nach London zurück. Ich fühlte die Hand
meines Begleiters auf der meinen -- streichelnd, schützend. Nachts
schluchzte ich verzweifelt in die Kissen, und morgens, als ich mich zur
gewohnten Arbeit am Fenster niedersetzte, schweiften meine Gedanken weit
hinaus über die Baumwipfel -- in den glühenden Sommertag -- in das
Leben. Ich ging umher, mir selbst fremd geworden, mit anderen Augen. Ich
entdeckte im Spiegel mein Gesicht wie das einer Fremden. Mechanisch
löste ich die Witwenhaube aus den Haaren. »Georg -- Georg --« schrie es
in mir, »nie bin ich deine Frau gewesen -- wie kann ich deine Witwe
sein?!«
Die Menschen um mich kamen mir verändert vor: ich fühlte Männerblicke,
die das Weib in mir suchten und nicht die Gesinnungsgenossin, und
Händedrücke, die andere Empfindungen verrieten als die bloßer
Freundschaft. Und wenn ich auf den grünen Wiesen im Hydepark blonde
rosige Kinder sah, kam ich mir vor wie eine Ausgestoßene. Drangen aber
gar durch die Nacht aus den Gärten rings umher sehnsüchtig-süße Lieder
an mein Ohr, so war mir, als hätte ich jetzt schon Georgs Vermächtnis
die Treue gebrochen.
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Eines Nachmittags -- mein Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu -- trat
eine einfache, starkknochige Frau, die weißen Haare straff aus der Stirn
gezogen, an unseren Teetisch und streckte mir eine harte,
unbehandschuhte Hand entgegen: »Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Ich
sprang auf, fast hätte ich sie in die Arme gezogen: »Amie Hicks?! Sie
haben mir Londons Elend zeigen wollen! Wollen Sie es noch tun, -- gleich
jetzt?« Sie lachte verwundert über meinen plötzlichen Eifer, aber ich
ließ sie nicht los und wir verabredeten zunächst einen gemeinsamen
Besuch im Bureau des Zentralkomitees für Frauenarbeit.
Was ich dort kennen lernte, erregte mein höchstes Interesse: Man
hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Lage der erwerbstätigen
Frauen zu untersuchen und die Resultate zu veröffentlichen,
gewerkschaftliche Organisationen zu schaffen und zu unterstützen, die
Arbeiterinnenschutz-Gesetzgebung zu studieren und ihre Weiterentwicklung
durch mündliche und schriftliche Propaganda zu fördern. »Wir sind
gewissermaßen ein Arsenal und liefern der Arbeiterbewegung die Waffen,«
sagte mir eine der Leiterinnen; »und wir schaffen zugleich die
Möglichkeit, daß die Frau der begüterten Kreise die Lage der Arbeiterin
kennen lernt, und die Arbeiterin andererseits sich der Kenntnisse der
bürgerlichen Frau bedienen kann,« fügte eine andere hinzu. Der Plan,
etwas Ähnliches in Berlin zu gründen, reifte in mir: der
Arbeiterbewegung Waffen liefern, war mindestens so nützlich, als selbst
die Waffen tragen. Es war praktisch im Grunde dasselbe, was die Fabier
theoretisch leisteten, es würde wertvolle Kräfte in den Dienst des
Sozialismus zwingen, -- ihrer selbst fast unbewußt. Es ermöglichte mir,
außerhalb der Partei für die Partei zu wirken. Mit krampfhafter
Anstrengung zuerst und dann mit wachsender Anteilnahme vertiefte ich
mich in das Studium meiner Aufgabe. Ich flüchtete aus den blühenden
Gärten in die engen Straßen zwischen die geschwärzten Mauern, wo kein
Baum und kein Vogel den Sommer verrät und seine Glut, die draußen vor
den Toren die Knospen wach küßt, nichts hervorruft, als ekle Dünste und
giftige Miasmen. Je mehr ich ihm entfloh, desto grauer und stiller wurde
es auch wieder in mir. Eilig, wie die andern, ohne rechts oder links zu
sehen, lief ich durch die Stadt, über klebrige Höfe, steile Treppen
hinauf in die Bureaus der Fabrikinspektionen und der Gewerkschaften, zu
Besuchen, Sitzungen und Versammlungen. Zahlen, nichts als Zahlen hörte
ich -- neben den Lohntabellen, die Arbeitsstunden und die Wochen der
Arbeitslosigkeit --, sie verfolgten mich bis in meine Träume,
verschwammen ineinander und schoben sich vor meinen Augen dichter und
dichter zusammen, bis sie nichts waren als ein einziges schwarzes
Trauergewand, das Himmel und Erde verhüllte.
»Nun bleibt mir nur noch übrig, die Illustration zu Ihren Tabellen zu
sehen,« sagte ich eines Abends zu Amie Hicks, die die Arbeiterinnen der
Zündholzfabrikation -- ihre Kolleginnen -- organisiert hatte. Sie wandte
sich an eine junge Soldatin der Heilsarmee, die bescheiden im
Hintergrund stand. »Wollen Sie unsere deutsche Freundin heute nacht nach
Whitechapel mitnehmen?«
Das Mädchen sah mich zweifelnd an: »Wenn die Dame sich nicht fürchtet
-- und sich entschließt, unsere Kleidung anzuziehen.« Ich war natürlich
zu allem bereit. Ehe wir uns am späten Nachmittag auf den Weg machten,
steckte ich mir die Taschen voll kleiner Kupfermünzen. »Das hat keinen
Zweck,« lächelte meine Begleiterin, »es sind ihrer viel zu viele!«
Unterwegs erzählte sie mir von ihrer Arbeit: einem unaufhörlichen Kampf
mit Laster und Not, einer stündlichen Aufopferung der eigenen Person,
und ihr schmales Gesichtchen strahlte dabei wie das ihrer
Altersgenossinnen, wenn sie von Karnevalstriumphen zu berichten haben.
»Was führte Sie zu Ihrem Beruf?« frug ich. »Jesus rief mich!« antwortete
sie einfach.
Es fing an zu dämmern. Die Straßen schrumpften zusammen, während die
Menschenmassen unheimlich anschwollen. In ihrer Kleidung schienen die
Farben mehr und mehr zu erlöschen, und die Unterschiede zwischen Alter
und Jugend verwischte ein gleichmäßiger Ausdruck, zwischen Leid,
Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend. Kinder keuchten mit Säcken beladen
über die Gassen -- »Heimarbeiter«, bemerkte meine Begleiterin
lakonisch --, an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen, und
wühlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen im Straßenkehricht.
Ein kleiner Bub mit krummen Beinen wollte sich eben heimlich mit dem
gefundenen Rest einer Banane aus dem Kreis der Gefährten davon
schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein Gesichtchen. Aber
schon fielen die anderen wutheulend über ihn her und rissen ihm die
fadenscheinigen Lumpen von dem armen rhachitischen Körper. Er weinte
nicht, er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene Banane
vom Pflaster abzukratzen, aus seinen verschwollenen Augen traf mich
dabei ein Blick voll grenzenloser Verzweiflung.
Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse ein. »Nehmen Sie sich
in acht,« warnte meine Begleiterin, als wir in eines der offenen Häuser
traten, »die Treppen haben keine Geländer.« Ich tastete mich hinter ihr
vorwärts, während ein pestilenzialischer Geruch mir den Atem benahm. Wir
stießen eine Türe auf, die weder Griff noch Schlüssel hatte. Ein
schwerer grauer Dunst von Staub und Schweiß schlug uns entgegen,
gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der Bewohner dahinter,
während das Rattern und Quietschen schlecht geölter Nähmaschinen jeden
anderen Ton verschlang. Dicht aneinandergedrängt saßen Männer und Frauen
um den Tisch, auf dem ein kleines Lämpchen vergebens versuchte,
spärliches Licht zu verbreiten; an dem einzigen Fenster standen die
Maschinen, von zwei Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln
Köpfe hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid eine der Frauen
streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne mich prüfend an.
»Russische Juden,« sagte meine Begleiterin und wandte sich dem
finstersten Winkel des Zimmers zu. Eine durchsichtig weiße Hand streckte
sich ihr entgegen. »Er ist schwindsüchtig,« flüsterte sie. Zögernd trat
ich näher. In einem armseligen Bett, mit Haufen bunter Stoffreste statt
mit Kissen gefüllt, lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von
schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten sich seine
fieberglänzenden Augen auf das junge Mädchen, aber die Milch, die sie
aus ihrem Körbchen nahm, enttäuschte ihn; erst als sie ein kleines Buch
in seine schlanken Finger legte, lächelte er sie dankbar an. »Ich habe
auch wieder ein Gedicht geschrieben --,« sagte er und zog einen Fetzen
Zeitungspapier aus den Lumpen hervor, am Rande dicht bekritzelt.
»Nicht einmal Knöpfe kann er mehr annähen,« tönte eine rohe Stimme neben
uns. »Wenn es doch bald zu Ende wäre, -- gestern spuckte er Blut auf ein
fertiges Hemd --«
Ich mußte mich einen Augenblick schwindelnd an den Pfosten des Torweges
lehnen, als wir hinunterkamen. Es war inzwischen ganz dunkel geworden.
Unter der nächsten Türe stand ein Mädchen mit entblößter Brust und
sprühenden Augen. »Marianne!« -- Vorwurfsvoll tönte die Stimme meiner
Begleiterin. Ein rauhes Lachen antwortete ihr. »Ich will leben!« stieß
das Mädchen zwischen den Zähnen hervor. -- »Leben!« -- wiederholte sie
noch einmal mit einem langgezogenen Nachtigallenton. Wir gingen an ihr
vorbei in die niedrige Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar
Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in der Ecke stand ein
altes Weib mit den gedunsenen Zügen der Trinkerin, auf dem
feuchtglänzenden Lehmboden kroch eine Schar kleiner Kinder. Meine
Begleiterin hatte gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden
Füßchen zu verbinden, da sprang unter wüstem Gekreisch die Türe auf: --
das Mädchen von draußen stolperte, von ein paar braunen Fäusten
gestoßen, ins Zimmer, zwei Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich
aufs Bett, -- ich floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.
In den Straßen brütete gewitterschwangere Julinacht. Junge und alte
Weiber, von Elend, Laster und Krankheit gräßlich gezeichnet, Männer,
deren Kleidung einen Fuselgeruch ausströmte, Kinder, die eine Kindheit
nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. »Gibt es in der Welt noch
einmal solche Hölle,« stöhnte ich und wischte mir die Schweißtropfen von
der Stirn. »O, -- in Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es
ebenso --,« sagte meine Begleiterin ruhig.
An der nächsten Straßenecke ballten sich die Menschen zu einem schwarzen
Knäuel. Qualvolle Schmerzensrufe drangen daraus hervor. Wir liefen
vorwärts, -- alles machte uns Platz, -- die Uniform der Heilsarmee war
wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten. Auf dem
Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen. »Er hat sie
hinausgeprügelt,« schrie ein Mädchen, das neben ihr kniete und ballte
wütend die Fäuste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei ihr. Es war
keine Zeit mehr zu verlieren. In die Menschen um uns her kam ein
seltsames Leben, sie liefen in die nächsten Häuser, atemlos, -- sie
kehrten zurück, -- auch der Elendeste mit vollen Händen. Tücher, Kissen,
Decken breiteten sich um die Kreißende aus; ein weißhaariges Mütterchen
mit gekrümmtem Rücken schleppte stöhnend Eimer voll Wasser herbei, ein
alter Mann humpelte hastig auf seiner Krücke näher und legte mit
zitternden Händen seine zerschlissene Jacke über die Jammernde. Ein
Sekunde lang war es ganz still, -- das Leben schien den Atem anzuhalten,
da -- ein gellender Schrei, der die Nacht zerriß, -- das Kind war
geboren, das unselige Kind der Straße. Zurückgelehnt in dem Schoß der
Nächsten lag das Weib. Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen
Wangen, die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den Höhlen, suchend
griffen die Finger in die leere Luft, dann noch ein Zucken, ein rauhes
Röcheln, -- es war vorüber. Und um die tote Mutter knieten ringsum im
Schmutz der Straße die Genossen ihres Jammers ...
* * * * *
Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr über mich.
Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn ich die Macht der
Gewerkschaften preisen hörte -- »die Sattgewordenen vergaßen zuerst der
Hungernden« --, und ein verächtliches Lächeln für die Größe und
Einheitlichkeit sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen
bankerott erklären müßte. Hier galt es nicht mehr, Einzelne vor dem
Ertrinken zu retten, und Wunden zu verbinden, hier galt nur eins: die
alte Welt, die ihre eigenen Kinder mordete, zu zerstören, um der neuen
Platz zu schaffen.
Zweites Kapitel
»Sie wollen wirklich alle Bücher verkaufen?!«
Der junge Student, der vor mir stand, blickte mich vorwurfsvoll an. Er
war gekommen, mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek meines
verstorbenen Mannes behilflich zu sein.
»Mit wenigen Ausnahmen, -- ja!« antwortete ich mit erzwungener Ruhe.
»Sie sehen selbst: in der neuen Wohnung fehlt es an Platz für sie, --
und außerdem werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit Überlegung
einseitig!« Dabei wies ich lächelnd auf die dickleibigen
Fabrikinspektorenberichte, die vor mir lagen. Er begab sich stumm,
gesenkten Kopfes an die Arbeit. Wie herzlos, daß ich Georgs geliebte
Bücher verkaufte, dachte er jetzt gewiß. Durfte ich ihm sagen, daß ich
sie verkaufen mußte? Daß ich gestern mit dem letzten, was ich besaß,
Georgs Grabdenkmal bezahlt hatte, -- einen schönen hohen Marmorblock,
auf dem in großen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun auch
der meine war: »Wir leben durch die Menschen, laßt uns für die Menschen
leben.«
Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrüstet über meine Verschwendung
geschrieben: »Ein schlichter Stein mit Georgs Namen wäre ausreichend
gewesen.« Ich lächelte unwillkürlich. Arm sind doch nur die Menschen,
die niemals verschwenden können! Ich war ja sonst so schrecklich
vernünftig. Treppauf, treppab war ich seit meiner Rückkehr aus England
gelaufen, um eine Wohnung zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In
einem Hof der Kleiststraße, drei Treppen hoch, hatte ich sie endlich
gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf eine Mauer, die eine riesige
gemalte Schweizer Landschaft schmückte. Zu allerhand öder
journalistischer Tagesarbeit hatte ich mich verpflichtet, um in der
übrigbleibenden Zeit meiner Aufgabe leben zu können. In vier Wochen zog
ich um, bis dahin mußte auch sie festere Gestalt gewinnen.
Ich hatte mich zunächst schriftlich an eine Anzahl hervorragender
Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei denen ich ein Interesse für
die Sache voraussetzen konnte, und ihnen meinen Plan eines
Zentralausschusses für Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr höflich,
sehr zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. »Ihr Plan hat meine volle
Sympathie,« schrieb mir eben Theodor Barth. »Ich habe nur Bedenken, ob
er sich in seinem vollen Umfang in absehbarer Zeit durchführen läßt.
Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich vortreffliche
Reformbestrebungen gerade daran, daß das Ziel von vorn herein zu weit
gesteckt ist. Meines Erachtens sollte man zunächst einmal an eine
Sammlung und Sichtung von Material, die Bedingungen der Frauenarbeit
betreffend, herangehen, wie das sub 1 Ihres Programms ja auch in
Aussicht genommen ist. Unternehmer und Arbeiter müßten allerdings
zusammenwirken und Vorurteile -- speziell auch gegen die
Sozialdemokratie -- dürften keine Rolle spielen ... Leider ist meine
Arbeitskraft schon anderweitig so stark in Anspruch genommen, daß ich
wohl mitraten, aber nicht mittaten kann ...«
Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten hatte. Warnungen
vor der Gefahr sozialpolitischer Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser
auf die Mühlen der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach
der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten sich oft. »Auf
alle Fälle ist der Zeitpunkt schlecht gewählt,« hieß es in einem
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