Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen.
Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner
Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt
wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den
kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz.
des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals,
und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der
Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite
umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den
Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit
nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder
das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen
Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete
Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa
aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen
ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen
darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen
erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu
denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und
wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs
die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt
der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch,
ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch
festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne
gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler,
Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres
berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen
einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich
auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen,
daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme
begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen
zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den
Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern.
Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet
sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für
eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die
Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in
Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug
auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der
Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten.
Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der
bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit
machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr
geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich
nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen
entnommen habe, folgendermaßen dar.
Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte
|land| reich | | u. Wales |Staaten
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
1. Beamte und| \ || | |\
Bureauangestellte | } || | | }
im Staatsdienst | } |865| 445| 8546| }
2. Beamte und| } 1852|| | | } 4875
Bureauangestellte | } || | | }
im Gemeinde- | } || | | }
und Kommunaldienst | / |357| 387| 5165|/
3. Polizeibeamte, | || | |
Gendarmerie | || | |
und Wachtdienst | --| 10| --|--| 279
4. Post-, Telegraphen-| || | |
und Telephonbeamte |2499| 2703|5211| 4356|8474
5. Eisenbahnbeamte | 382|605|3767| 849|1438
6. Geistliche| --| --| --| 4194[335]|1143
7. Kirchen- und | || | |
Anstaltsbeamte | 430| 2715| --|--| --
8. Aerzte, Chirurgen |\|| | |
und Zahnärzte| } | 37| 870| 446|4894
9. Krankenpflegerinnen| }72837|| | |
und Hebammen |/ [330] | 14623|13475[333]|53057| 41396
10. Tierärzte | --| --| --| 2|2
11. Advokaten | --|6[332]| --|--| 208
12. Bureaubeamte | || | |
bei Advokaten| --|| | |
und Notaren |[331] |102| 389|--| --
13. Professoren | ||\|\ |
an Universitäten| || } | }|
und Lyceen| --| --| }68448| }144393| 695
14. Lehrer | 66181| 21417|/|/ | 245371
15. Privatgelehrte |\|\ |\|42|\
16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725
und Redakteure | } 410| } | } 391| }660|/
17. Journalisten |/| } 332|/|/ | 888
18. Stenographen und| | } | | |
Maschinenschreiber | 436|/ | --| 127| 21270
19. Bibliotheks-,| || | |
Museums- | || | |
und Privatbeamte| 865|572| --| 240| --
20. Architekten | --| 20| --|19| 22
21. Ingenieure| --| --| --|--| 124
22. Maler und Bildhauer| 839|337| \ 3818| 3032| 10815
23. Musiker|\|\ | / | \ 19111|\ 34519
24. Musiklehrer | } | } |4888| /|/
25. Schauspieler | } 8976| }2586| | |
und Sänger|/|/ |5301| 3696|3949
26. Theaterbeamte| 195| 1074| --|--| --
27. Chemiker | 92| 42| \ 657|27| 39
28. Apotheker | 60|134| / | 160| 734
29. Photographen | 208|\ | --| 2496|2201
30. Zeichner, | | } | | |
Musterzeichner, | | } 156| | |
Graveure, | | } | | |
Modelleure| 114|/ | --|--| 346
31. Agenten| 195|\ 1809| 91| 765|4875
32. Handelsreisende |\|/ | --| 165| 611
33. Buchhalter| } |\ | \94003|50| 27772
34. Handelskommis| }11987| }8138| / [334] |17859| 64219
35. Bankbeamte|/|/ |1135| 249| 217
36. Verwalter,| || | |
Wirtschaftsbeamte | || | |
und Rechnungsführer| || | |
in landschaftlichen| || | |
Betrieben | 17170| 1001| 16766|--|--[336]
37. Technisch gebildete| || | |
Beamte in | || | |
industriellen| || | |
Betrieben |5099| 2094| --| 748|--[337]
38. Andere freie Berufe| --|177| --|--| 479
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
Summa: | 190827 | 61382| 220042 |269454 | 484580
Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher
Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen
thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen
Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten
und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres
Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen
Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin,
die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für
Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte
Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für
den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung
entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in
immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über
die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In
England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als
Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren
verwendet.
Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger
Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen
Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung
für die betreffenden Länder als Resultat:
Länder Von 100 Erwerbstätigen
in bürgerlichen Berufen sind
Männer Frauen
Deutschland88,34 11,46
Oesterreich87,77 12,23
Frankreich 78,02 21,98
England 77,67 22,33
Vereinigte Staaten 81,25 18,75
Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der Frauen am
bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen
am meisten erschwert wird, und die höchste da vorhanden ist, wo nicht
nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein
starker Frauenüberschuß konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein
Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen
Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer.
Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich,
sobald wir das Wachstum der bürgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung
unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber:
Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen:
Länder |1880 resp.|1890 resp. | Absolute |Prozentuale
|1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der
|-------------+--------------+--------------+-------------
|Männer|Frauen|Männer |Frauen| Männer|Frauen|Männer|Frauen
-----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------
Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61
Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22
Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79
England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47
Verein. ||| || |||
Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19
Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen Frauenarbeit in
England und Amerika, wo eine große Ausbreitungsmöglichkeit für sie
besteht, eine weit raschere ist, als die der Männer.
Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier
wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt für
Amerika vor:[338]
Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren
Berufe 1870 1880 1890
Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen
Künstler und Kunstlehrer89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08
Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54
Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84
Buchhalter und Kommis96,533,47 92,907,10 83,07 16,93
Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in
rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt
sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern
zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen.
Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und
Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer
der Beweis dafür erbringen:
OesterreichDeutschland
Zunahme derZunahme der
Männer Frauen Männer Frauen
Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84
Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21
Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der
bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß
jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen
gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die
arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben.
Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich
bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193
offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben
hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die
jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als
6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80
Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im
Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen
zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen
aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für
die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie
zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche
Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die
sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer
Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340]
Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium
und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer
forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden
sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu
gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit
und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der
bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an
dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:
Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen
Länder Berufen kommen verheiratete Frauen
Deutschland 15,02
Oesterreich 36,22
Vereinigte Staaten 8,92
Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der
Männer gegen die Zulassung der Frauen zu bürgerlichen Berufen ausdrückt,
ist daher nicht unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die Frauenarbeit die
glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, daß ihre Bewertung, auch
bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Männer. In den
Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars.
Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000
Dollars jährlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem
Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Höchstgehalt von 1200
Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und
Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschluß:[341]
Durchschnittlicher Verdienst der
Männer Frauen
New York74,95 $ 51,33 $
Massachusetts128,55 $ 48,38 $
Rhode Island 101,83 $ 50,06 $
Connecticut85,58 $ 41,88 $
Delaware36,60 $ 34,08 $
Maryland48,00 $ 40,40 $
South-Carolina25,46 $ 22,32 $
Florida 35,50 $ 34,00 $
Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der Lehrer in Amerika Frauen
sind, fällt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, daß die
Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern
geringerer Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken.
Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden
Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund
jährlich,--fast die Hälfte dessen, was ihren männlichen Kollegen
zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen
sind in keiner günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur
eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200
Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der Volksschullehrerinnen,
die von der Girls Day School Company angestellt werden und
durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jährlichen Gehalt beziehen! Die
Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch
nur in Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.[343]
Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschließlich
bürgerlichen Kreisen entstammen, werden für ihre aufopfernde Thätigkeit
in ungenügender Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung
erhalten sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat angestellten
Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer
glänzenden Stellung, da der größte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im
Jahr bezieht, ihre männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen
ein Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren Stellungen
eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben
Stellungen im günstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches läßt sich von
den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund
im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der
Männer.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in
Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die
weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein
Anfangsgehalt von 1000 Frs., die männlichen bei gleicher Leistung 1500
Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der
Männer alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich
beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über das Doppelte,
nämlich 4000 Frs.[346]
Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und Oesterreich. Giebt
es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300
bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders
schlecht gestellten Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine
Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer
bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jähriger angestrengter
Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht
sie nach 20jährigem Dienst ein Höchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei
Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt
von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der
Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren Mädchenschulen stehen,
zeigt folgende Tabelle über ihre niedrigsten und höchsten Einnahmen an
den genannten Orten:[348]
LehrerinnenLehrer
Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk.
Breslau 1300-2300 " 1800-4550 "
Danzig 1200-2000 " 1800-4850 "
Hannover1000-2000 " 2250-5150 "
Kassel 1200-1950 " 2600-5150 "
Köln 1200-2200 " 1800-6075 "
Dabei ist berechnet worden, daß eine großstädtische Lehrerin bei
bescheidensten Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben muß.
Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo
sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein müssen[349] und überdies durch
Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die
Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewähren, die, unter
Verzicht auf persönliches Lebensglück, ihre besten Jahre der
Heranbildung der Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug:
sie beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;--es liegt grimmiger Hohn darin,
diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist
auch für die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten
Jahren kaum existieren kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder--der
häufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte aufzureiben,
so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht
aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre
Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab läuft, um
sich noch ein paar Mark zu verdienen.
Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren Lage, als
die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag
als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Männer in
gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehälter zwischen 20 und
30 Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den
Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, daß
eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die Handelsangestellten
ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner
Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich
ihre Ausgaben für Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wäsche,
Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz
abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von
28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Für Oesterreich werden
die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaßen berechnet: 60
Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10
Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf
noch höhere Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung drängen sich
die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; so mußte z.B. eine der
unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352]
Die männlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40
Gulden zu beziehen und stehen nach längerem Dienst unverhältnismäßig
günstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt
von 360 bis 600 Gulden jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme
von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhältnisse bei den
Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden
monatlich, das alle fünf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den
Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hälfte der
Angestellten beziehen gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während
die Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine höhere Vorbildung und
keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal,
wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei
Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen
unverändert geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger
Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: nach
dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach den gemachten Erfahrungen
erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354]
Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie
nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen dadurch befinden, daß sie
erst nach zweijähriger Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die
sie in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, zugelassen werden, aus,
indem sie die jungen Lehrerinnen großenteils--umsonst arbeiten lassen.
Es kommt vor, daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden Unterricht im
Gabelfrühstück besteht; in den Klosterschulen werden die Volontärinnen
am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock
belohnt. Nur wenige Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35
Gulden während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach
zweijähriger Arbeit unter den elendesten Verhältnissen gelungen, eine
Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16
bis 1,33 Gulden täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis
15 Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um
Industrielehrerinnen, so können sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen
von 450 bis 600 Gulden rechnen, müssen aber auch darauf gefaßt sein,
jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind für sehr bescheidene
Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in bürgerlichen Berufen
thätigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für
Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat
sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358]
Es zeigt sich also auch hier, daß die Einnahmen zu den Ausgaben in
schreiendem Mißverhältnis stehen.
Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden
Frau, das auf alle Länder gleichmäßig paßt, behandelt die Lage der
Bühnenkünstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der
Männer gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, weil
Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Männern
keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bühnen, auch die
historischen Kostüme selbst zu beschaffen haben, die ihren männlichen
Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen für
Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden
hinab, auf denen noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben
an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe,
die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Großstädten
die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage
verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen
großen Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.[359]
Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende Zahl der
weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß ihre starke Mitarbeit
an Familienblättern zweiten und dritten Ranges zum größten Teil auf ihre
geringen Ansprüche zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado
schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen,
die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. Im allgemeinen können
100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360]
Dasselbe gilt für die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend
schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie
die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich mit
Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen würde,
anzubieten.
Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe läßt sich
nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere
Ansprüche erklären; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder
Fabrikant, der Arbeiterinnen beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis.
Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als
selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem
durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig widerspricht. Die
Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für einen Zuschuß zum
Lebensunterhalt, nicht für seine vollständigen Kosten, und der
sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen.
Menschenfreunde dem armen Mädchen helfen wollen, entspringt demselben
Boden, aus dem der rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und
Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu
treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der
Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau
für die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte
Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, für die
bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine
große Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollständig auf ihre
Erträgnisse angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur
ein Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente beziehen, die
nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der
Lage, die Männer, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not
leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das
skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidaritätsgefühl. Ihre
jahrhundertelange Vereinzelung als Töchter, Gattinnen und Mütter--jede
in einer engen Welt für sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch
gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das
sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. Solange aber
Beamtentöchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen
wünschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken,
solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im
Erwerbsleben nicht zu Ende geführt werden können.
3. Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten.
Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der
Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden
Thatsache der minderwertigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des
weiblichen Geschlechts.
Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten betrifft, so fallen selbst
gelehrte Männer, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den
Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das
Moment der körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. Beginnt
doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in frühester Jugend:
dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen langen Röcken, die die
Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, still bei den Puppen zu sitzen,
während der Knabe in kurzen Höschen zum Laufen und Springen angehalten
wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb
stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird dafür bestenfalls
ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie über
geisttötenden Handarbeiten, oder quält sich und andere am Klavier,
während ihr Bruder Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen
unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung
des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der größeren Selbständigkeit
und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage
tritt, und auch darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz
der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken begriffen ist.
Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, besonders in Deutschland und
Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berührt, wie von
der günstigen Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und
England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft
eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften
die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das
lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von
den Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur
Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, würde dadurch etwas anderes
bewiesen werden, als daß gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer,
den Männern überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind die
Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, und noch immer ist
der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist.
Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Gründe für
ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als
sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die
Verschiedenartigkeit des weiblichen vom männlichen Gehirn und die
weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die
verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit
hindurch, hauptsächlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr
Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, daß die
Geisteskräfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben
die Männer ein absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, daß es
im Vergleich zum Körpergewicht kleiner ist als das des Weibes, daß die
Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.[361]
Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem
einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier gehörten. Als eine Ironie
der Natur kann es wohl auch angesehen werden, daß Bischof, der aus dem
absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige
Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es
nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das
Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl
nichts weiter gefunden wurde, als daß es bei den Mädchen schneller
zunimmt, früher zu wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen
auch früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. Weiter wurde die
Größe des Stirnlappens für ausschlaggebend erachtet. Experimente mit
Tieren und der Umstand, daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen,
sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. Bei den
Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, daß ein
wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf
nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, daß durch die
Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann
und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa
bestehen, haben für die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil
nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre größte
Menge Mitgliedern geistig und körperlich unterdrückter Klassen angehört
hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen
Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit
denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den
Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten könnte.
Weit begründeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes
als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von
der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwürdige Thatsache eines
periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen
hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem Vernarben einer
inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklärt sie für ein von Natur
schwaches und krankes Tier. Kulturvölker des Altertums und Naturvölker
der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als
Unreine und haben abergläubische Furcht vor ihnen.[362] All diese
Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine den Männern
vollständig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie
daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen
während der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme
der Kräfte und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten,
so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen für
natürliche zu erklären.[363] Hierüber dürfte das endgültige Urteil den
Frauen allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß die
Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation auf ihre Körper-
oder Geisteskräfte überhaupt gar nichts spüren, manche sich sogar
während der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber
sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die kränklichen
Männer, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. Günstige
Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja für alle ohne
Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--können daher Frauen
trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn
sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum Erwerb zu
verschließen als es Grund wäre, die Männer von der Arbeit
zurückzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben.
Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, daß die Vorbereitung
zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist
gebückter Stellung zu sitzen, der körperlichen Konstitution des Weibes
besonders schädlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschränkung zu.
Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Töchter bürgerlicher
Eltern während der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über
nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das
stundenlange nächtliche Tanzen in überhitzten Sälen der Gesundheit
zuträglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen
und akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso
traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum
zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesündere Formen der
Ausbildung für alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbürdung
Hand in Hand gehende körperliche Vernachlässigung endgültig über Bord zu
werfen, denn die im ersten Augenblick rührend erscheinende Sorge für die
künftigen Mütter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit
entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die künftigen Väter
verbindet. Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die
bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an
den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen männlichen Opfern unserer
wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorübergingen, endlich die Augen
öffnen wird. Damit hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen
erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen Lebensstrom gehört, der
die stagnierenden Gewässer der gegenwärtigen Zustände von innen heraus
aufwühlt und fortschwemmt.
Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen
Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis
zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen
verlacht und kommt gewöhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige
Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein
anderer vereinbar. Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste
und begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu widerlegen, drückt
sich schon darin aus, daß die Vertreter der Frauenemanzipation ihm
entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und
oberflächlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit
der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich allein davon
abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts der gegenwärtigen
Verhältnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir
gesehen haben, es hauptsächlich alleinstehende Frauen sind, die in
bürgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel
gesetzt hat, alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer
wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht
werden, ob, wie weit und auf welche Weise das überhaupt geschehen kann.
Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu seinem
Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach
Hause, und muß meist auch einen großen Teil des Nachmittags seinem
Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort
und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der
Berufsarbeit noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische Geister
sich davor bewahren können, zu bloßen Arbeitsmaschinen einzutrocknen.
Bringen wir in Gedanken zunächst die verheiratete kinderlose Frau in
dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine
selbständige Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf
ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich natürlich zu derselben
unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr männlicher Kollege,
ist es unseres Erachtens dann möglich, wenn eine zuverlässige
Wirtschafterin ihr die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit
ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße sich jeder
Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig untergraben. In ähnlicher
Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage
entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre
dauernde Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, darin
vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fähigkeit
dafür geraubt hat. Besser wäre es für sie, wenn sie, wie es in England
und Amerika auch häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten
Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit
vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es käme dabei
wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in
Frage[365], und es ist sicher, daß es für all die Frauen, die sich, sobald
die Kinder das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit
beraubt sehen und die nur zu häufig in öden Vergnügungen aller Art oder
in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel
des Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden sie ein Feld
für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau
würde durch Berufsarbeit über viele Klippen und heimliche nagende
Schmerzen leicht hinweggeführt werden.
Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere verheiratete
Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten.
Gemäß den heutigen Verhältnissen, besonders in Europa, kämen
für sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen
vier Wände erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin
und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die Praxis
beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau verstehen, mit ihrer Zeit
hauszuhalten, muß entweder von vornherein in günstiger Lage sein, um
sich gute Dienstboten halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß
es ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen,
das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsführung fremden, und--was
die Hauptsache ist--meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. Vor
allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch
an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte,
bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der
Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese
divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte
glücklich zu lösen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der
Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe
unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins
ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren
Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu beschränken suchen,
denn für die nervösen, degenerierten Damen unserer Zeit ist
Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten
Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die
Mutter stark in Anspruch. Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen
unserer Zeit die bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause für die
junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den Ruin der Kinder und der
häuslichen Wirtschaft nachziehen muß, braucht nach alledem nicht noch
bewiesen werden. Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen
erzählt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis haben,
daneben den Haushalt persönlich führen und ein Dutzend Kinder
ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Märchen, und nur die
leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der
bürgerlichen Frauenbewegung können naiv genug sein, sie zu verbreiten.
Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation überhaupt? Ganz
und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und
Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden
Zuständen anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der
Frauenbewegung angstvoll zuschauen, müßten sich dazu bereit finden,
statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der
Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der
Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatürliches
brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den
wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam
nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht
werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die
ungeheure Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch
die Masse der Einzelwirtschaften,--den kümmerlichen Rest der großen
Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudämmen. Das
könnte in großen Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter
der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, sich alle modernen
Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen.
Das wäre nicht nur eine große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem
Dilettantismus in der Küche,--in nichts anderem besteht die mit so viel
Aufwand an Sentimentalität festgehaltene Thätigkeit der
Durchschnittsfrau und ihrer Köchin,--ein Ende bereitet, statt daß man
ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des
Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre ferner mit keinen großen
Schwierigkeiten verbunden, für bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn-
und Spielplätze, im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und
auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf gründlich vorgebildete
Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die
Kleinsten, die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen
werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der
traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit
Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern auch beizeiten
lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen Mittelpunkt der Welt zu
betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den
Vororten großer Städte, womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner
Familienhäuser, treffen ließen,--es handelt sich ja, wie wir wissen,
zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthätiger
Frauen,--hätten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer
Verfügung, und die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und
freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute nur zu
häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, unter dem Druck der
häuslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlässigung ihrer geistigen
Bedürfnisse, und dem oft herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der
nach Leben und Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu
erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, stumpfe Frauen
werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und
Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin sein können.
Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte Schlagwort von der
Auflösung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch
einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu
betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob
nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der
wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört,
ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß
gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift:
oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und
Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für Jahre in Institute,
Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mütterliche Einfluß
wegfällt; und hat sie nicht noch andere, recht schädliche Einrichtungen
hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der
Männer, und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, zwischen
Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst
nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu
folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein
wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu
verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre
Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es,
ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen,
daß die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung
der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es an uns
liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib
und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu helfen.
Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten
Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung,
wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Ansätze
dazu finden sich in den Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach
entstehenden Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, die den
Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der Errichtung von
Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, Kinderhorte, Gärten, Säle für
gesellige Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in der Idee
bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schließlich in der
ganzen Gesetzgebung für Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch
für bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich übrigens sowohl
in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und
mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die
Regelung und Beschränkung der Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte,
Lehrer und ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung haben.
Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die bürgerliche
Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe
abzuschließen brauchen, sie wird sich auch leichter ermöglichen lassen,
weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz für viele frei wird.
Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische
Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher gehört, einzugehen, das
Argument der Gegner, das die körperlichen Funktionen des Weibes als
Hinderung seiner Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt:
neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte Arbeitsbedingungen sind
notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel
vollständig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und körperlichem
und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei
gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen
unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche Sehnsucht
ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Maße besitzen, weil
keine Konvention ihr Herz verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe,
wie sie ihnen heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen,
widerspricht ihrem geistigen und persönlichen Freiheitsbedürfnis und sie
lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkümmern, als daß sie sich zu ihr
entschließen. Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie
einer Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die
besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens müßte sich daher
auch deshalb den neuen Bedürfnissen anpassen.
Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche
Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in dem Hinweis auf
die Menge der männlichen Bewerber drückt sich ein brutaler
Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollständig
überwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in
welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es,
wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit
gefürchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht,
zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens läßt er sich
in zwei Worte fassen: Anmut und Güte. Daß diese Eigenschaften, statt
sich zu höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des Kampfes
ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen verkümmern und
häufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die
drückende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen,
gewähren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
äußere Erscheinung zu pflegen, ihr Schönheitsbedürfnis zu kultivieren,
und die häufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den
Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen
andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich
allein nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte unterdrückt. Dazu
kommt, daß gerade die bürgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die
Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen,
zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der
die Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte.
Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und
Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich
vernachlässigen, männliche Allüren annehmen, ihr Weibsein äußerlich und
innerlich unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und der
Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung für
sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswüchse der Frauenbewegung hervor:
so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr
verschärfen helfen, statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung,
die sie wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so die
von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der Frauen mit ihren
großen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhüten und ihren die Brust
zurückdrängenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber,
die abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob
unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und
Streben nicht auf das männliche Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo
findet sich bei unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über
Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch
zuströmen, noch männliche Kraft und Schönheit? Besitzen sie, die in der
Mehrzahl unter der Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch
jene gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhängigkeit? Sind
nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jünger der Wissenschaft, die
Studenten, in einem viel jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen
Genossen?
So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit unter unseren
heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen Schaden leidet, aber man soll
nicht vergessen, hinzuzufügen, daß die Männlichkeit nicht weniger
geschädigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche
Reformen vorgebeugt werden kann.
Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem
Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe bleibt zu erörtern;
ihre angebliche untergeordnete geistige Befähigung.
Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
sichere Schlüsse über die Begabung der beiden Geschlechter ziehen
ließen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroßer, weil
sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der
Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat
eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt
gezeigt, daß die Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und
Begriffe aus der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben überlegen
sind, während die Knaben von äußeren entfernteren Dingen genauer
unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen
Untersuchung stellte es sich heraus, daß Mädchen lieber lernen als
Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts
Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber läßt sich für
unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, daß Mädchen von klein auf
an häusliche Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt
werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln dürfen, also
äußere Dinge kennen lernen, ja daß schon das verschiedenartige Spielzeug
nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenküchen,
mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von
Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an
geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den
Knaben konstatiert wurde, läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre
frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. Vielleicht daß auch die häufig
beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen
in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine
Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist geltend
machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache gewiß darin hat,
daß sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen können, während
das Dasein der Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie
vor dem größten Lehrmeister, der persönlichen Lebenserfahrung, ängstlich
behütet. Auch auf den Umstand, daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und
Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die
Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß gewesen. Und die
andere vielfach auftauchende Klage, daß sie für ihren Dienst wenig
persönliches Interesse haben, wird ebenso wie die häufige Nachlässigkeit
ihrer Vorbildung dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch fast
alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem
sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales
Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu überwinden hoffen. Selbst
die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fähigkeit zu raschen
Entschlüssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu
sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem Maße als dem Mann
mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritäten in ihr
groß gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen
Selbständigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen
anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht
Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil
sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial
ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, daß das rechte Wissen in der
auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen
Nachbeten anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an
Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht
vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine Frau ein Bacon oder
Galilei werden könnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene
Weiblichkeit in ihr groß gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der
bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht?
Mehren sich nicht heute, wo man anfängt, von diesem Ideal sich
abzuwenden, die Zeichen für eine ganz enorme Energie des Weibes und
einen Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen
Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkämpferinnen der
Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende
Zahl mutiger und durchaus selbständiger Schriftstellerinnen beider
Hemisphären.
Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für eine so
minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem Grunde berechtigt
glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt
es an vollgültigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil über die
Befähigung der Frauen stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt
sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in leichtsinnigster
Weise urteilen. So berief sich ein berühmter Mediziner und enragierter
Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Gründen befragte, auf
folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung über
Gehirnanatomie befand sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß
der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, daß das
weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum Stillstand kommt, und
auch früher abzunehmen beginnt, als das männliche, kam die Dame zu ihm
und sagte, daß sie das nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50
Jahr und fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals würde ein
Student," meinte der Professor, "solch eine thörichte, auf rein
subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist
ausschliesslich Frauenart." So gründen viele Universitätslehrer ihre
absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen
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