Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung von Realkursen für
Mädchen entschloß, aus denen einige Jahre später unter der Leitung von
Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und
energischen Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die
Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. Die
Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von
Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schüler
auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmählich
entstanden in einer Reihe deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster
der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der
absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von
großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe das Gymnasium
schließlich selbst übernahm, es schien gewissermaßen die öffentliche
Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte
München und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mädchengymnasien
selbständig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem
staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der damalige preußische
Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen
von einem Flämmchen, das er ersticken müsse, ehe es zur verheerenden
Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland
schon 30 Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China im
Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung der Regierung und
der Volksvertretung gegenüber der Forderung der Zulassung der Frauen zu
den Universitäten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung
dafür keine Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im deutschen
Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionärer Akt
betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche
Sittsamkeit", wurden mit großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber
verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein[295],--gefährliche
Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb
dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur
Tagesordnung erledigt.[296]
Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen vorbereitet.
Die Universitäten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen,
zunächst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen
Weibe"--wesentlich Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche
Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die
Erfahrungen, die man machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl
die Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing,
steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar ließen, im
Unterschied zu anderen Ländern, Professoren aller Fakultäten, auch der
theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen
Wert besaß ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und
nicht geprüft wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die
Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf Antrag des
Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugeständnisse zu machen,
indem ihnen die Studienzeit auf ausländischen Universitäten,--auf die
sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
abschließen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprüfung voll
angerechnet werden soll. Das ist für Deutschland ein großer Fortschritt,
auch wenn man in Betracht zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren
weibliche Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten bekleiden,
Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Türkei gar um fünf Jahre
voraus ist, und in Rußland schon seit nahezu 18 Jahren die
Staatsprüfungen den Frauen offen stehen.
Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen
Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewährten ihnen
volles akademisches Bürgerrecht.
Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf folgende
Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten
580 höhere Mädchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 höheren
Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preußischen
Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17
staatlich. Sie können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter
privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung
finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in
Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. Charakteristisch ist, daß in
Preußen allein 112 Staatsseminare für Männer und--10 für Frauen gezählt
werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf Grund ihrer Studien am
Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Göttingen
eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitäten
können sie mit gleichen Rechten wie die Männer studieren und nur das
medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die
staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
anders als die Mehrzahl der Universitäten.
Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung
weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast
ausschließlich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen
verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach
dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen für Frauen entstanden.
Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf einen
außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schließen läßt, wird
noch um vieles trüber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das
Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst übergehen.
Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im
Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezügliche
erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des
Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich
fünf Jahre später, unter Führung des Staatssekretärs von Stephan
wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum
Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung
überwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um
Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war
ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken,
und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der Börsenkrach von
1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mädchen dazu, sich
nach einem Beruf, der sie ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte
bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
Lehrerinnen, man gründete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen
Stipendienfonds, um arme Mädchen im Ausland studieren zu lassen, man
sprach zum erstenmal davon, daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-,
Armen- und Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei
Verwendung finden müßten, ohne natürlich den geringsten positiven Erfolg
zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen"
Mädchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein
angenehmes und besonders einträgliches sei".[299] Thatsächlich wandten
sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt waren und die
sie nun ernähren, oder--der häufigste Fall--ihre finanzielle Lage
verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das
Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte
er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon
lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
weniger Vorurteil und Sentimentalität, als Konkurrenzfurcht.--Die
Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein für
das höhere Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen Erziehers
womöglich nur auf die Elementarfächer beschränken, während die Frauen,
gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen,
und den ganzen Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem
sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und
wie die schönen Worte alle heißen, die dem Deutschen besonders geläufig
sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein für höhere
Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung solcher
Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem
Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in
der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den Frauen überlassen werden
sollte. Erst nach fast zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische
Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher Lehrkräfte und die
Anstellung von Oberlehrerinnen für die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war
großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken,
die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange 1890 zu einem Verein
zusammengeschlossen hatten, der heute über elftausend Mitglieder zählt.
Trotz seiner numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis steht, ist die
Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der
noch dadurch beeinträchtigt wurde, daß die Wünsche der Männer von der
Regierung insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als
oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.
Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition
für sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen
Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie konnte zwar, dank der
Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden,
aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede öffentliche
Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr
ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot
gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl
wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und
die Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten wünschten.
Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die
Regierung sowohl als die Majorität des Reichstags sprach sich gegen sie
aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser
Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die
Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine demokratischen Ideen
so sehr eingebüßt, daß er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und
mehr der Sozialdemokratie überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die
Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in Amerika, England,
Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit entschieden war, daß sie
sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lösung zu
Gunsten der Frauen wie ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam
es aber auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose
von ihren Vätern, Männern und Brüdern abhängige Frauen sich entweder
ganz von ihr zurückzogen, oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren
Wünschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
gewesen ist.
Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes
gegründete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so bürgerlich ängstlich
er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an
der großen Organisation--er umfaßt heute 131 Vereine--einen Rückhalt
hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger
herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafür ist die Haltung der
Aerzte gegenüber den Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren
Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne
weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie
die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu
unterstützen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die
Verhandlungen und Beschlüsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden
1898, wo im Anschluß an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material
beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen
Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,--im selben Jahr, als der große
englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner
Präsidentin erwählte! Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten
Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, während
ein Jahr früher der belgische Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das
Gegenteil erklärt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule
für Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche
Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte
sich der Kongreß deutscher Zahnärzte, eine Berufskollegin als
Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner ärztliche Standesverein
denunzierte den Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt
hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen.
Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die Streichung der Aerztinnen
aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten,
nicht auszusterben, erließen die Kliniker in Halle einen fulminanten
Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung
von Frauen an klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten
im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen
Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht für spruchreif
erklärte--nachdem seit über zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika,
Australien, England, Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien
und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten.
Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung,
vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland
thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Fräulein Dr.
Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer großen Praxis. Die
Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren
Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung
1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, daß ihre
Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine
Anzahl Aerztinnen in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch
die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete und
geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitälern
Amerikas und Englands, aber sicher eine günstige Entwicklung haben wird.
Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die
Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein.
Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der
Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie
im Lichte der ausländischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden
hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt,
den bisher Männer zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen
machen den Versuch mit der Beschäftigung von Armen- und
Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der
höheren Mädchenschule berufen; auch in städtischen Arbeitsvermittlungen
sind zuweilen Frauen thätig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-,
Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in
untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverständige und
Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thätig. Weit
wichtiger ist die nach langer hartnäckiger Agitation endlich erfolgte
Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern,
Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in
Preußen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas später entschloß
man sich zu ernster Erörterung, begründete aber die ablehnende Haltung
mit den--Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders
in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich überhaupt angezweifelt
wurde. Als schließlich auch die Liberalen der Sache Verständnis
entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekämpft, als gelte
es, die Grundlagen des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten
der Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten könnten zu
sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im sächsischen Landtag
erklärte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre
Anstellung für verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen
Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont,
daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall
selbständig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen
werden dürfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung
getroffen.
Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung
der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition
geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher für die
einzelnen mehr eine Opferthat religiöser Gesinnung, als ein aus Gründen
des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den
modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes,
als, in noch höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiöser
Engherzigkeit befreite Thätigkeit.[302] Aber das Odium christlicher
Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest
an, daß er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei
eine Aufgabe alles persönlichen Behagens fordert, der nur wenige
gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz für viele. Erst
eine völlige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz
verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und würde viele brach
liegende Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der
Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine
Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.
Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in
Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lösen
geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl
in rapider Zunahme begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre
Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer häufigere
ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte
in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der
Rechtsanwälte und der großen Industriellen. Zumeist aber erklärt sich
ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der
Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren
männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker ausgespielt werden.
Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben,
fällt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht.
So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfspräparatoren, in
einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker
thätig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu
nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in großen
Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als Kunststicker,
Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Gärtner, Obst- und
Gemüsezüchter finden Frauen eine lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind
weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine
Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur
Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen eröffnet,
indem sie in immer größerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist
weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog.
Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber
eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befähigung der Frauen.
Vorteilhafter für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus.
Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als
Leiterinnen politischer Blätter thätig zu sein, ihre Mitarbeit
beschränkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der
Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften,
aber ihrem Einfluß ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber der
Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von
wesentlicher Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen
Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch ihre
Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis vor nicht allzu
langer Zeit selbst die Führerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an
Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der
oft geradezu verblüffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts
an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben
Arbeiten über die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des
weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer
Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch
verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schoßkind gerade
der deutschen Frauen, endgültig gebrochen haben. Auch das Prinzip
ängstlicher Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berührung mit
dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich
im Anschluß an den internationalen Frauenbund bildete,--die
Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen
Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von
belebendem Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts treibt.
2. Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung.
Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in
Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen
gegenwärtigen Stand, in den verschiedenen Ländern eine auffallende
Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne
Vorläufer gefunden hat, setzt er um die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts überall ein und wird in der zweiten Hälfte aus einer Art
Guerillakrieg zu einem überlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die
von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, außer
dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domäne des
männlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind überall, hier etwas
langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher
keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte.
Diese gleichmäßigen Erscheinungen müssen demnach auf gleiche Ursachen
zurückzuführen sein.
Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklären,
pflegt darin zu bestehen, daß in der Mehrzahl der Kulturländer das
weibliche Geschlecht das männliche an Zahl überragt, und die Ehe, die in
den bürgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet,
von vornherein für viele unerreichbar ist. Diese Begründung erweist sich
insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende
Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je größer der Frauenüberschuß
des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307]
Länder Zählungsjahr Weibliche
auf
1000 männliche
Deutschland 1890 1040
Oesterreich 1890 1044
Schweiz1888 1057
Niederlande 1889 1024
Belgien1890 1005
Dänemark 1890 1051
Schweden 1890 1065
Norwegen 1891 1092
Großbritannien und Irland1891 1060
Frankreich1891 1007
In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster
Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in bürgerliche
Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Männer 953 Frauen.
Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, daß die
Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Männer 1005 Frauen gezählt
werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren
energischsten Ausdruck gefunden hat, während die westlichen Staaten, wo
1000 Männern nur 698 Frauen gegenüberstehen, von ihr nur leise berührt
werden.
Dem Argument des Frauenüberschusses haben manche Gegner der
Frauenbewegung die Thatsache gegenübergestellt, daß die gezählte
Bevölkerung der Erde einen Männerüberschuß aufweist. Soweit sie sich
überhaupt statistisch feststellen läßt, ist die Verteilung der
Geschlechter folgende:[308]
Erdteile MännlicheWeiblicheWeibliche
auf
1000 männliche
Europa1708185611749141191024
Amerika41643389 40540386973
Asien 177648044170269179958
Australien 2197799 1871821852
Afrika 6994064 6771360968
Zusammen 399301857394366865988
Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser
Berechnung--Millionen können statistisch gar nicht erreicht
werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf große
allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhältnis der
Geschlechter in den einzelnen Ländern sich stellt. Ist es schon für die
überzähligen Frauen Europas ein schlechter Trost, daß es in Australien
oder Asien überzählige Männer giebt, so ist auch z.B. den Frauen von
Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Männer kommen, wenig geholfen,
wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhältnis besteht, oder denen der
niederländischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf
1000 die Männer überragen, wenn man sie auf die überzähligen Asiaten
verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher
ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die bürgerliche
Frauenfrage schwer ins Gewicht fällt: das ist die Frage, aus welchen
sozialen Schichten der Bevölkerung sich der Männer- oder Frauenüberschuß
zusammensetzt. Es ist klar, daß bei den heutigen, aus den Gegensätzen
zwischen Arm und Reich herrührenden Unterschieden in Bildung und
Lebensgewohnheiten die etwa überzähligen Töchter der Bourgeoisie nicht
auf die vielleicht gleichfalls überzähligen Söhne des Proletariats als
künftige Ehegatten rechnen können. Die Statistik läßt uns hierbei
freilich im Stich, denn die Volkszählungen fragen nicht nach der
sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an
Anhaltspunkten, um die Behauptung, daß der Frauenüberschuß in der
Bourgeoisie im Verhältnis ein größerer ist, als der der Frauenwelt im
allgemeinen, nicht als völlig aus der Luft gegriffen erscheinen zu
lassen.
Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien der unteren
Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der
oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau
vorgenommen wurden, bestätigten es. So stellte Bertillon für 20
Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit
und der Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen
zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung durchschnittlich
108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der
reichen 53 und der sehr reichen 34 jährliche Geburten kamen[309]; es hat
sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rückgangs
der französischen Bevölkerung besonders bemerkenswert,--daß ihr Zuwachs
in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und
der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu
verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen über
das Geschlecht der Kinder keinen Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen
für einen zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen
Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die fruchtbarsten
Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche
Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so läßt sich doch
vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie
unterstützt, der Schluß daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren
Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen,
daß also der Frauenüberschuß in den bürgerlichen Kreisen ein größerer
ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden
z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen Ueberschuß an
Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das männliche Geschlecht
überwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in
Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Männer.[312] Für die
Verheiratbarkeit der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch
ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der Männerüberschuß
lediglich auf die starke Industriebevölkerung und die vielen Soldaten
zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis weist Nordamerika auf,
dessen Männerüberschuß--953 Frauen auf 1000 Männer--auf den ersten Blick
zu der Annahme verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen als
wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitären, wie
viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch außer acht
gelassen, daß die große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken
ist und daß diese Einwanderer zum größten Teil Handwerker, Landleute,
Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist,
daß, trotz des allgemeinen Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein
Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine
beschränkte bleibt.
Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf der ganzen
Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden
könnte, die bürgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelöst sein
würde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete
Jungfernfrage auch in solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an
Männern konstatiert wurde.
Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine Gegenüberstellung
der Geschlechter allein nicht genügt, um die Verheiratbarkeit
festzustellen, sondern die Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu
notwendig ist. Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen
Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu müssen, 20
Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich
folgendes[314]:
Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen:
Deutschland 1034
Oesterreich 1047
Schweiz 1080
Niederlande 1029
Belgien987
Dänemark 1102
Schweden 1096
England und Wales 1093
Schottland 1104
Irland1062
Frankreich 1003
Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen.
Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten Ländern erst mit dem
25. Jahre beginnt und später schließt, als das der Frauen[315], so müßte
man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge
der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach
den Nationalitäten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Männer im
Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen
Leider müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Länder
beschränken, weil die Bevölkerung nicht durchweg, wie es wünschenswert
wäre, nach fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist
dieses[316]:
Männer Frauen Auf 1000 Männer
Länder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen
Deutschland 622956472720251167
Oesterreich 314718836383961154
Frankreich542092257431771069
Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhältnissen ist
es klar, daß bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die
-Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene
bleiben muß, weil es stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren
giebt-.
Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die
Heirat eine Versorgung finden können, sondern vielmehr darum, welcher
Prozentsatz von ihnen thatsächlich heiratet.
Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen:
Länder Zählungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent
FrauenFrauen
15 u.
darüber
Deutschland1895 16531748 8398607 50,80
Oesterreich18919353260 4022202 43,00
Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95
England 18919848981 4916449 41,71
Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76
Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden Zählung circa die Hälfte
heiratsfähiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese
Thatsache hat die bürgerliche Frauenbewegung vielfach als
Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden
erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den
Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz abgesehen
davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von
ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch
eigenes Vermögen, Pension oder dergleichen sich erhält, kann ein
beträchtlicher Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten,
um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch auf
die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr häufig zu einer zweiten
Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen
viel näher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge
faßt, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit
überschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen
ergeben hat, daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten
haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so können
wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das
Ergebnis ist dies:
Länder Unter 100 weibl. Personen
von 40 und mehr Jahren
sind ledig
Deutschland 10,7
Oesterreich 15,6
Frankreich12,7
Großbritannien und Irland14,0
Belgien17,6
Niederlande 13,5
Schweiz18,3
Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, daß es
bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl Mädchen giebt, die nicht
heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir müssen
vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die
Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen
berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher heiraten als die
Männer, eine längere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten
Male heiraten, so ist es natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt,
zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen
sind folgende:
Länder FrauenAuf 100 Frauen über
15 Jahren sind Witwen
Deutschland220857913,36
Oesterreich100113610,70
England 112431011,40
Frankreich 206077816,67
Vereinigte Staaten 222651011,30
Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der
gerade für die bürgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die späten
Heiraten. Nach einer preußischen Statistik[317] heiraten Mädchen in
bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem
gegenüber auch behauptet werden kann, daß die Berufsthätigkeit die
Heirat hinausschiebt, so muß andererseits doch auch betont werden, daß
die späten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit
nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne
weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen,
weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren.
Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem Resultat gekommen,
daß eine große Zahl von Frauen nicht heiraten können, weil es an Männern
fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen
Männer keine große, ist. Für die künftige Entwicklung der Frauenfrage,
der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber von größter Bedeutung, ob
eine Aussicht vorhanden ist, daß zwei ihrer Ursachen,--der
Frauenüberschuß und die Heiratsunlust der Männer,--verschwinden oder in
ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht zunächst die
Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.
Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der Geburt, 106
Knaben auf 100 Mädchen, hat viele[318] zu der Annahme verführt, als
bestände ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben
gesehen, daß schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der
Geschlechter dem widerspricht. Für den vorhandenen Frauenüberschuß ist
jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhältnissen der
Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich für das letzte
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaßen gestaltet[320]:
Setzt man die männliche Sterbe-
Männer Frauen ziffer = 100, so ergeben sich
für die weibliche Sterbeziffer:
Italien 26,2 25,698
Frankreich 23,6 21,692
Schweiz 21,3 19,591
Belgien 21,9 19,890
Niederlande20,8 19,292
Deutschland25,0 22,590
Oesterreich29,8 26,890
Ungarn 33,7 32,296
England und Wales20,6 17,889
Schottland 19,6 18,795
Irland 18,4 18,5 100,6
Schweden17,8 16,791
Norwegen18,3 16,591
Dänemark19,7 18,393
Finland 22,2 20,492
Massachusetts 20,7 19,092
Connecticut20,5 18,791
Rhode Island 20,4 19,093
Japan21,7 21,197
Die größere Sterblichkeit der männlichen Säuglinge vor den weiblichen,
die längere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene
Mädchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100
gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108
Männer,--scheint für die stärkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von
einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, daß die Männer sowohl als
Soldaten wie als Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren
ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer
Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u.
dergl.,--zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter
den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, die die
Intensität des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend
auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit
der Männer nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen
Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern beider
Geschlechter möglich.
Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen
sie sich folgendermaßen dar[321]:
Auf 100 Einwohner heirateten
1841/50 1881/90
Schweden 7,27 6,26
Norwegen 7,78 6,52
Dänemark 7,87 7,33
Finland8,15 7,32
England8,05 7,47
Niederlande 7,41 7,08
Belgien6,79 7,07
Deutsches Reich 8,05 7,77
Westösterreich 7,71 7,50
Galizien 9,54 8,50
Frankreich7,94 7,38
Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die
Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die
Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen
geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur
Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein
durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu
wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses
Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das
Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter
hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen
durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die
Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch
in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht
feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach
sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die
Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen
nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf
diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die
Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch
hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der
allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo
eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf
Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein,
während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme
befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied
zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die
Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die
Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste
Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer,
weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das
Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen
würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren
Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im
Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann,
scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die
Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu
erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen
verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des
Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der
moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier,
Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein
Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und
es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die
Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein
Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung
bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das
eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter
seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen
wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen;
setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als
eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen
und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt
heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den
bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und
Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der
bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung
immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in
größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die
Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich
zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit
abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen
wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an
dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer.
In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung
der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten
Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig
gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie
sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen
Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr
niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann
Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die
Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu
erhöhen.
Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den
Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie,
sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein
preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75
bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30.
Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der
Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr
und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die
Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr
Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste
Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein
preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000
Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich
pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag
von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur
die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und
20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der
Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder,
entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In
demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und
Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der
kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage
befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb
zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die
abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen
in die Erwerbsarbeit.
So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der
Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme
der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft
weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der
einzige.
Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte,
sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine
Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin,
wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht
gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen,
der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je
mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als
Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die
Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren
im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine
unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche
Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre
hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und
körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der
Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das
sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen
Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese
Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht
ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer
unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens.
Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit
Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit
auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden
sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine
ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer
geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß
die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard
von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr
der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der
sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer
sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen
Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb
zu arbeiten.
Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die
Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der
Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden
notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in
alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres
Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum,
festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses
Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von
der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so
ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der
erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung:
Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100
|periode | |Bevölkerung |Männern resp.
|| | |Frauen sind
|| | |erwerbsthätig
||-----------------+----------------+------+------
||Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen
-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------
Vereinigte || | | | ||
Staaten | 1880|25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74
Vereinigte || | | | ||
Staaten | 1890|32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81
England u. || | | | ||
Wales| 1881|12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53
England u. || | | | ||
Wales| 1891|14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87
Frankreich | 1881|18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84
Frankreich | 1891|18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03
Deutschland| 1882|22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02
Deutschland| 1895|25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94
Oesterreich| 1880|10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40
Oesterreich| 1890|11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16
Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von
1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:
Länder|Männer|Frauen
|---------------------+---------------------
|absolute|Zunahme |absolute|Zunahme
|Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten
------------------+--------+------------+--------+------------
Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64| 1267414| 47,88
England und Wales | 1099598| 12,38| 612312| 15,22
Frankreich | 640413| 6,10| 157480| 3,11
Deutschland | 2116426| 15,78| 1036833| 18,71
Oesterreich | 956600| 14,02| 1556386| 33,19
Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir
feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der
männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu
folgendem Resultat:
Länder|Zählungs-|Die erwerbstätige|Von 100
|periode |Bevölkerung|Erwerbstätigen
|| |waren
||--------------------------+--------------
||im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen
------------------+---------+---------+--------+-------+------+-------
Vereinigte Staaten| 1880| 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22
""| 1890| 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90
England u. Wales | 1881| 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41
" " " | 1891| 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91
Frankreich | 1881| 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41
" | 1891| 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80
Deutschland | 1882| 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76
"| 1895| 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75
Oesterreich | 1880| 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67
"| 1890| 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53
Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit
im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um
2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der
Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat
Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um
9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für
Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07
Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für
Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der
österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen
werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen
zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von
1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890
bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung,
enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu
gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der
Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13
Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis,
das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen
dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß
zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche
Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die
weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die
männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.
Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der
nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen
eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und
dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den
größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die
Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es
sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den
betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des
männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so
zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um
13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die
weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen
um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der
Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es
in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies
Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in
welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt
sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen
Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der
Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich
gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da
nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden
stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur
Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die
etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt
nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit
in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine
gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.
Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus
dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen,
der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den
liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große
Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von
erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie
hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der
sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher
so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen
Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß
Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte
aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für
Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen,
Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese
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