Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mädchens, dessen Sehnsucht nach
dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit
zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem
Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit vollendeter
Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch
darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch
Wohlwollen auf der einen und Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht
überbrücken läßt.[805] Selbst der Versuch, den gutmütige, aber
unverständige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mädchen zur Familie
heranziehen, es womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit
ihnen am selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz für
den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere
geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in
unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt.
Zieht nun aber solch ein Mädchen den Küchenwinkel dem Platz am
Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht
darin den Beweis dafür, daß die Dienstboten sich gar nicht aus der
Einöde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen
jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbürdung
und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel
bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit,
Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt
deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher Werkeltage und die
Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. Aber noch ein Resultat rufen
diese Zustände zusammen hervor, das für den Charakter der Herren wie der
Diener gleich schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die
antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte
ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenüber.
Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfügen über kein anderes
Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter
hintergehen und belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller mit
ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes Ausbleiben nach
einer anderen Ausrede suchen; heimlich verläßt sie abends das Haus, will
sie sich amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, durch die
äußeren Verhältnisse großgezogenen Untugenden sind wieder die Ursache
jenes tiefgewurzelten Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie
wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und
Lüge. Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der
Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen
Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave
Mirbeaus Kammerjungfer Célestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn
sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn!
Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in
der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an
Korruption, an rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich
schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle
Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer
Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und
leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen
einem vorübergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der
Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen
verfolgt, das die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns
verschließt und das ohne Aufhören über unsere Hände, in unsere Taschen,
unsere Koffer die Schmach spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die
Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritäten,
alles Lächelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen
unübersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrücktem Haß und
quälendem Neid auftürmt."
Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in der
Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn niedergedrückter, von der
frischen Luft der neuen Zeit künstlich abgeschlossener Volksschichten
dazu, um es erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts dieser
krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer
großen Mehrzahl nach aus sozial und ökonomisch tief stehenden Schichten
der Bevölkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt
wurden. Der Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in ihr
atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie auf dem Lande
meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen sich daher ohne Murren in
harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen
Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmädchen[807], und in einem Jahr,
1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren
Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.[809] In Amerika
sind die meisten Dienstmädchen arme Ausländerinnen, deren Ansprüche weit
geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England
bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,--eine
Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu
schämen haben, denn überall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als
Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, daß die sozialen Schichten, aus
denen die Dienstmädchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner
Dienstmädchen z.B. stammen ab von[810]
Handwerkern 27 Proz.
Arbeitern24"
Kleinen Landwirten17"
Kleinen Beamten12"
Anderen Gewerbetreibenden7"
Ungenau 13"
Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder
angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, daß es gerade unter den
Dienstmädchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von
früh an im Dienst fremder Leute herumgestoßen werden.[811] Die meisten
von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den österreichischen
Dienstmädchen waren nach der letzten Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre
alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmädchen
gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18
Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt
zu haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von früh an
vor der Berührung mit ihr sorgfältig abgeschlossen. Nicht nur, daß sie
ihre besten Jahre der härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht
werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und
Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen
zusammenzuschließen.[814] Aus all diesen Gründen sind sie so rückständig
und fangen erst langsam an, das Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden.
Nicht auf den äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht
es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen
lassen müssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausübung der
schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall kühle
Gleichgültigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit
unserer Freude, sie sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns
pflegen, wenn wir krank sind,--daß auch ihr Leben Schmerz und Freude
kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, das fällt den
guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie
über Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie
beklagen sich bitter über die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer
Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein
armes Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die dürftigsten
Verhältnisse und nun plötzlich den bürgerlichen Haushalt und die
bürgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie
viele Hausfrauen zeigen ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht;
keine Bitte, kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen
um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es nicht, wie
zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das
Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen
gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den
Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den
großen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmädchen das Opfer der
Begierden der früh verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau
begegnet, die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen mit
der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die
Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fällen die
Verführer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen,
wie die Fabrikanten und Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die
Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in
die humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit
den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rücken der Gattin mit den
Dienstmädchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden
Blätter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder
frivol, wie die stärker auftragenden französischen Journale.
Die größten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmädchen in den Hotels
und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu
den persönlichen Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden
müssen, die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas Selbstverständliches
zählt, übersteigt häufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen
Vergewaltigung.[815] Nun wäre es freilich übertrieben, die große Zahl
unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,--in Berlin haben 33 %
aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu Müttern,--allein auf die
Verführung ihrer Herren und deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache
davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit
der Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in
den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen
mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anständigen
Raum dafür, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so
empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und
verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als
das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht
mehr zu fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben sie nicht etwa
dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die
Töchter ihrer Gnädigen? Die bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum
Fall; es gehört große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben,
die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der
Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem
Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten
Dienstmädchen kehren aus den Städten mit einem Kinde aufs Land
zurück.[816] Sehr viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme.
So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von 100
Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren[817], eine amerikanische
Berechnung zählt sogar 47 auf 100.[818]
Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die weiblichen
Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit
Recht, daß vor seinem Bedienten der Größte klein wird; das heißt mit
anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille,
keiner wird so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen
Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch
wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte
unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und
Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben oft die
ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken
soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man müßte ein gereifter,
moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein
hervorzugehen, nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt
und geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote ist
kein normales Wesen mehr", sagt Célestine[819], "... er gehört nicht
mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in
deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und
die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der
Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie
zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese
anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache,
daß er den tödlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet
hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe
seiner Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven Bürgerfrauen die
Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu
thun; als ob sie selbst nicht häufig genug durch ihren Luxus und ihre
Sucht, die reiche Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu
übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. Wie kommen sie
dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr Bescheidenheit und
Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich
selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler,
sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmädchen: sie härmen sich mehr
an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig
innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie
verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit größerem Interesse
unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach
mit größter, gradezu mütterlicher Sorgfalt.[820] Statt daß ihre
Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr
über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten
Diener, den ich veranlaßte, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er
hatte schon viele Seiten gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus
Angst, nach seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.
Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht schützen. Wenn der
Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos öffnen kann, so wird die
Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch
mit niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine Bedientennatur
genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke gegenüber Höherstehenden
wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der
Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche
Zeichen dafür, daß das beschämende Bewußtsein des eigenen physischen und
seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den
entehrenden Ketten zu rütteln beginnen.
Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends,
das die bürgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter
nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen
an die Mütter sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen
Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft
hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind
immer häufiger leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen
rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer
Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergnügungssucht und
Eitelkeit stärker als das Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem
Kinde zu geben, was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein
Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der
Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernährung fremder Kinder
mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden!
Dieselbe Gesellschaft, die verächtlich auf ein gefallenes Mädchen
herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt,
züchtet künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet
das einfachste Ehrgefühl, zerstört die Familien, denen sie die Mütter
entreißt, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig
gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten
Sprößlingen. Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der
Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach,
bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder
bis ihre Gebärfähigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau
je nach der Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine
Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem
eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womöglich zu
versaufen und zu verprassen.[821] Die kräftige Nahrung, die oft kostbare
Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewährt wird,--nicht aus
Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus Rücksicht auf den
Säugling,--bietet keinen Ersatz für das unendliche Elend, die um sich
fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe
dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen
nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die
Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt wurde,
wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich
gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem sie früher
ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an ihren gesunden Brüsten groß
zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das
das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige
Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene
Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brüste beim
strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der
Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben.
Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der
jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch über sie
unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen
gesunden Gefühls und kräftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, daß
diese Not ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen
Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein läßt,
ihre Zöglinge für den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten,
waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6
Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden,
sie hatten die persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und
Not erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die
Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen.
Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend
der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not
zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen!
Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte
Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf zurückgeführt, daß die Frauen
nicht vor der Ehe Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die
nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben,
wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang einführen möchten.
Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600
Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen,
warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafür
übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel an Freiheit und
unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das
Unterthänigkeitsverhältnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende
Behandlung besonders von seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein
eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine
Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der Küche unter Aufsicht der
Herrschaft.[822]
Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie jenseits. Es fragt
sich nur, ob die bürgerliche Familie mit ihrer gegenwärtig bestehenden
Privathaushaltung im stände ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine
verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der
Dienstmädchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem
schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der
Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des
persönlichen Dienstverhältnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition.
Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen Zehntausend, wo infolge
eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem
Lohn, gutem Unterkommen und anständiger Kost gewährt zu werden pflegt
und nebenbei auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und
Diener, die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte
patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die Lage der
häuslichen Bediensteten sich am günstigsten gestaltet. Je kleiner der
Haushalt und je beschränkter die Mittel, desto unerträglicher wird sie.
Da nun aber die große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter
Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden Mißverhältnisses
zwischen Einnahmen und Ansprüchen, sich pekuniär keinesfalls in
aufsteigender Linie bewegt, so ist für eine Hebung der Lage der
Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das
Mädchen für Alles zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr
Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine
wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben,
die sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie heute
geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen Bedürfnisse den
Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschränken, sich etwa mit einem
Zimmer weniger zu begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen einzuräumen,
Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten
aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewähren zu
können? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung
volles Verständnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen
abgesehen, außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch
die sittlichen Mißstände und die Divergenz der Interessen können sich
mit der zunehmenden Aufklärung der Dienstboten und dem Widerstand der
Herrschaften dagegen nur verschärfen. Denn mit der Abnahme der
Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, daß damit die
Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage
steht, und der vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl
der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft unterstützt, gegen
die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwärtig
meist noch unklare Gefühl davon zurückzuführen.
Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat
sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten
nur rascher vorwärts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit
angebahnt. Nicht nur, daß die Produktion für den Haushalt schon längst
nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der
häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer dem Hause
wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der
Aufwartefrauen läßt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen
und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder
erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen
und die Flickerinnen, die ins Haus kommen.
Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese
Arbeiten außer das Haus verlegte. In den Großstädten wird es besonders
mehr und mehr üblich, die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu
lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszählung 73766
Wäschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar
entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber
werden 66662 gezählt.[823] Die sanitären Verhältnisse sind überall
höchst bedenkliche: In den Großbetrieben, meist Dampfwäschereien,
herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35° R. erreicht und in der die
meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten müssen, die
Atmosphäre wird aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den
Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die Luft verpesten. Trotz
aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine höchst
mangelhafte, weil die Rücksicht auf die Wäsche, die durch den
eindringenden Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die
Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese großen
Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitsstätten, denn
alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme
Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines
Mädchens die Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte schmutzige
Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren,
nachzuzählen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr
anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem
engen Raum fest, wo kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder
zwischen der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft
kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die Familie bereitet
wird, in großen Kesseln die Wäsche; der daraus aufsteigende Dunst
erfüllt das ganze Zimmer. Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche
im Wohnraum zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten der
Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die Gefahren für die
Arbeiterinnen wie für die übrigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter
ist der Plättplatz dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell
die Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung,
inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die
ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen
entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung darin. Zum Schluß wird die
sauber zusammengelegte Wäsche zum Nachzählen abermals im Zimmer
ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten
fertige Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder
liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche reicher Leute in
die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Häuser
der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" löst sich
eben, in der Nähe betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das
Idyll der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen mit einer
Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an
den kleinen Wäschereien festhalten, weil die Dampfwäschereien angeblich
die Wäsche mehr verderben, sie wären schneller, als es jetzt schon
geschieht, dem verdienten Untergang geweiht.
Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an Außenstehende hat die
rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshäuser die bisherige Form des
Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu
erschüttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben
allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und
die Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %
zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine alte
Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine
Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und
Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des privaten Haushalts führt.
Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Häuslichkeit
betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Küche und Keller oder
bei der Bedienung der Gäste beschäftigt, galten für häusliche
Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale
Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe
von Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im
Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die männliche Tugend zu
erblicken, entschloß man sich, die Zustände einmal in der Nähe zu
betrachten. Durch die Königliche Arbeitskommission geschah es in
England, durch die Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine
Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr
kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten
erfaßt,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil,
4093,--und, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am
niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. Kellnerinnen
aus Cafés, Café-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden
befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich,
trauriger Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.
Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war ausgezogen,
bereit, den Bannstrahl über Scharen von Sünderinnen zu schleudern, und
fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung
schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen.
Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie gestellt, und
sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür geboten werden. Als ein
junges, schmächtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die
angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die nötigen
Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird
Wassermädchen, d.h. sie hat den Gästen nur das Wasser zu bringen und
steht gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die
unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr
abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewöhnlich
lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen muß und
sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis
achtzehnstündige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft
noch schulpflichtige Mädchen ganze Nächte durch aushilfsweise
beschäftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu
sein, sie befinden sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von
jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hübsch und
verfügt sie über eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine
Staffel empor zu rücken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch
private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer
handhaben, als die für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30
Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein
Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten wird, wenn die
Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden,
so wird sie in den weitaus meisten Fällen ohne schriftliche
Vertragsschließung angetreten und von einer Kündigungsfrist ist, unter
Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede,
weil die Kellnerin es sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu
werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich,
vielleicht gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von
einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der
sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt,
um recht viel an ihr zu verdienen.[830]
Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto früher.
In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmädchen und ehe sie
Gäste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der
Gastzimmer, der Gläser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so
hat sie das für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil aus
eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit
dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Füßen;
immer lächelnd, immer zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten
Behandlung gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte
heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast durchweg
konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr früh bis zwei Uhr
nachts thätig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche
Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger
Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen
Kellnerinnen haben eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von
12 und weniger Stunden 5,0 Proz.
12 bis 14 Stunden 19,3 Proz.
14 bis 16 Stunden 51,8 Proz.
16 bis 18 Stunden 23,4 Proz.
mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832]
Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis
sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gäste steigert
sich diese Arbeitszeit willkürlich. Während des Karnevals in München
kommt es vor, daß Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause
während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hintereinander Dienst
thaten.[833] Von regelmäßigen Pausen ist überhaupt nur selten die Rede;
sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die
Wirtsstube leer, so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des
Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es geschäftig
aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshäusern
wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschäftigt sind, das
Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden
machen könnte. Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten
Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie
Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der
Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für die
glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In München wird
vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche
gewährt[834], aber auch nur unter der Bedingung, daß ein Ersatz von der
Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der
Kommission für Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die
Angestellten regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwölfmal,
in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch öfter im Jahr. In
der Hälfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber
immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshäusern
giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der
Hälfte giebt es nicht einmal freie Stunden!
Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften,
die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens
zugestehen[836], und sich dann, ähnlich wie die Hausfrauen den
Dienstboten gegenüber, darauf berufen, daß ihre Angestellten einen
leichten Dienst hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie
Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu
ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird
nun aber auch in der größten Anzahl der Fälle in Räumen zugebracht, die
allen hygienischen Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube
vermischt sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen der
Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten
Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermüdung
und Erhitzung rufen aber auch ein ständiges Durstgefühl hervor, das in
Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit
folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch
nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit
Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehört es
zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie
mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe Zeche erzielt. Zum
Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun
beim Trinken besteht, ist sie überhaupt immer gezwungen; mehr als von
ihrer Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um
die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich häufig genug
genötigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur
in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende
Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und
dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf
ihre äußere Erscheinung erstrecken sich schließlich noch die
Dienstvorschriften: in großen Lokalen ist eine bestimmte Toilette,
selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mädchen veranlaßt werden,
sich täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen,
Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostüme häufig
geliefert; Mädchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen
mögen, was so und so viele mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen
schon getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer
dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, Unfreundlichkeit gegen
einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender
Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar
keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen
zu erregen, so muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn
eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt es bei
den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes
Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gästen durch den
Wechsel einen Gefallen zu thun, kündigen die Wirte den Kellnerinnen,
lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, daß über
die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur
drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller über ein Jahr in
ihrer Stellung waren.[841]
Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die
vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines großstädtischen Lokals
war, muß schließlich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein
armseliges Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, hübschen
Mädchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895
giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30
Jahre alt sind. Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die
alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann
sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler
werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wäscherin, Geschirrputzerin
oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich
empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Straße, als die
verachtetste aller Frauen.[843]
Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich Tausende zu; immer
wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die
Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glänzend, um diesen Zudrang zu
rechtfertigen? Die Kommission für Arbeiterstatistik stellte fest, daß
von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch
Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % bekommen demnach
gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die
eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk.
und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die
Lohnverhältnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die
Hälfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Großstädten, wo die
Animierkneipen eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, daß
sie überhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur
8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Süddeutschland steigt dagegen der
Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch
hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In München, wo allein gegen
3000 Kellnerinnen gezählt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz
abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen
Restaurants fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, daß er
bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch
immer häufiger vor, daß von den weiblichen Angestellten dasselbe
verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies
System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen
beschäftigt, zum erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin
verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den großen Bädern, wie in
Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders üblich sein, jedenfalls ist
dort der feste Lohn so gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist
das Trinkgeld.
In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung
zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demütigendes an sich. Es
bildete jedoch den Ansporn für die profitgierigen Wirte, die
Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich
auf den Gast abzuwälzen. Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere
Fälle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu
tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner
halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung besonders
die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre Würde preisgeben muß.
Es ist gewissermaßen der äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems:
jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der
sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin setzt ebenso
ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit
groschenweise zusammenbetteln muß. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber
nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der
trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und
Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen
bestehende Arbeit, und verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem
Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine
vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund
der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und
wäre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, förmlich zur
unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie
weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird.
Außerordentlich schwer läßt sich die Höhe der Trinkgelder bestimmen; die
Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu
niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es
vorkommen, daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 bis 7
Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger dürften in nicht so
bevorzugten Plätzen weit häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen
hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es
nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn.
Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen
werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk.
jährlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren großen
Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin
für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 Pf. angerechnet
werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist
dabei stets vom Wirt willkürlich zusammengestellt, ohne daß die
Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst für die
Lieferung der Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk.
vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst muß demnach schon ein ganz guter
sein, ehe sie für sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld
besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten
Prozenten der verkauften Getränke,--ein System, das die armen Mädchen
dazu zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu
verlocken.
Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die
Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm abhängig. Wer
begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen
der Männer in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der
Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen
prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf
sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede
käufliche Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr
geführt werden, ist das geringste der Uebel; man belästigt sie aber mit
zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann
nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf
die Duldung seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequälten
aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine
Beschwerde des Gastes beim Wirt über die "Unfreundlichkeit" der
Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies
ebenso für die anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier
allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu
gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen bestehen,
die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht,
bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier,
und es giebt beinahe überall in dieser Art Wirtschaften sogenannte
Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten
dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die
Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein
völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser
Art verlieren wird. Thatsächlich wurde konstatiert, daß die meisten
Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen
sind[850], aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr
Unglücklichen als Schuldigen,--verführte Dienstmädchen, verlassene
Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen könnten, statt
hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn
eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach
flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen
solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie die Vermittlungsgebühr
nicht gleich bezahlen, so hält allein die Notwendigkeit, diese Schuld
nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr
vielen Fällen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten
giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer
Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber Kupplerdienste
leisten.[851]
Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für Kost und Wohnung
selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Süddeutschland, ihr
beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafür, das die oft einzige
Entschädigung für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In
unheizbaren, schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in
einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, daß
eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder daß die Bettwäsche nicht
einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das
ganze Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854]
Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, eine eigene
Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der
weiß, welch eine Mühe es überhaupt einzelnen Frauen kostet, ein
Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein
das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt
und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder
ähnlichem Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung
ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in
aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den
Gästen auf den Tellern übrig gelassen, an Zwirnsfäden aufgereiht und
aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig,
sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal
bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn gerade wenig
zu thun ist, oft muß sie sich bis spät abends mit Kaffee, Bier oder
sonstigen Getränken aufrecht erhalten.
Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch
schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein begründet auf dem
groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gäste.
Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner
eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die Erkrankungsgefahr und
die Krankheitsdauer der Kellnerinnen größer sind, als für den
Durchschnitt sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten
Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner
gefunden, daß die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wütet
und sie in frühem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt
in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist ihr
Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie außerdem noch
ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, geschwollenen Füßen, Bleichsucht,
Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die
unzureichende Ernährung, als Ergänzung der starke Genuß von
alkoholischen Getränken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles:
nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die
Kellnerinnen weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in
badischen Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der syphilitisch
kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Münchener
Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptsächlich dem
Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht,
daß 80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten
zurückzuführen[859], und die Hamburger Kassenärzte gehen so weit, zu
behaupten, daß von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860]
Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen
Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert werden. Das ist
die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die
Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele
ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe
gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den
Kellnerinnen der süddeutschen Kaffee- und Bierhäuser und denen der
norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre
Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede
Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer ökonomischen
Abhängigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner
Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust und
Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem häßlichen Ausdruck
"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt,
Liebesverhältnisse, die zwei junge warmblütige Menschenkinder ohne die
standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu
verurteilen, so steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten
Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die
Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die
Entwöhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu
leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre
Arbeitskraft, es ist ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt.
Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne,
bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot
Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und
junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last
ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die
Fiebersonne der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit
ihrem Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein Genuß, kein
Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß
wächst die Muße der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus
ihrem Leid ihre Freude.
Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine Schmach; wir glauben
darüber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei,
als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber
thatsächlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht höher als
Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen
Ehrentitel. Ein Fabrikmädel--eine Nähmamsell--eine Kellnerin,--welch
eine Flut von cynischer Verachtung drückt sich in diesen Worten aus! Die
schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit.
Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das
ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist seine Ergänzung.
Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege
verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre
Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben,
das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und
sie rächen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre
Gegengabe für Hunger und Schmerz.
In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit
lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder
tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und
Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben
wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoße der Erde entriß, hat
die bürgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher
ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die
Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen Händen
immer weiter und weiter für den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der
Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter
und Denker preisen: Großmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die
Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden
Menschheit schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der Koloß
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein.
Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die große Befreierin sucht,
ist sie für die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden;
und während das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte
ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber
eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der
Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist
das Todesurteil gesprochen.
7. Die Arbeiterinnenbewegung.
Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben wir den
Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den
Mann, weil es galt, in seine Berufssphären einzudringen. Die
proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf
durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit
ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt
und Fabrik erobert, als die bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im
Hörsaal und auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche Gegnerschaft
gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft
mit dem Mann.
Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender
Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die Lage des
Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei
verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels,
durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einfluß zu
gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von
Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer
Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen
wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher
Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die Organisation. Sie muß
daher gesetzlich gewährleistet und gesichert sein, wenn an ein
erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann.
Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes
den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der
Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der
deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl
deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten
ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen
Fragen außerordentlich schwankende sind. Für die gesamte weibliche
Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht,
der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während nämlich
die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe
die selbstverständliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte,
scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Männer, die sich der
Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der
Männer verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig falschen,
irreführenden Auffassung der bürgerlichen Frauenbewegung von der
Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre
Rechte Eingang bei ihnen, und so gründeten sie zunächst
gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschließlich weiblichen
Mitgliedern.
In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang
der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein
schnelles Ende nahmen. Erst dem großen Organisationstalent einer
ehemaligen Setzerin, Miß Emma Smith, später Mrs. Paterson, gelang es,
System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's
Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der
Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und
zwar in Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in
Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt,
oder die Männer die Frauen ausschließen.[861] Unter dem Einfluß
bürgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die
Gründung von Frauengewerkschaften der größte Nachdruck gelegt: die
Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und
Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten
eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei
von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im
selben Jahr versuchten Pariser Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das
nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.[864]
In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend gewirkt hatte, fing
man erst viel später an, Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd
gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder
eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer
Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von
der bürgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfähig. 1882 kam
Gräfin Guillaume-Schack nach Berlin, um für die Ideen der englischen
Föderation zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der
Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte,
eine der englischen ähnliche große Bewegung zu Gunsten der Abschaffung
der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor,
es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die
Erziehung verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten und
ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die
Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig ihre sittliche Hebung
sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand
der Wohlthäter zurück und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen
wolle, zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu
verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:
"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 Frauen
und Mädchen zu einem selbständigen Arbeiterinnenverein zusammen[865],
der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung
bei weitem übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der
Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die
Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm
sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher Auffassungsweise zeigte
sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschließlich weiblicher
Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenüber dem
Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin
Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen von der
jämmerlichen Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der
Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen
Feministen befangen war.
Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von
der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen Näherinnen, die
das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben würde, gab den
Anstoß zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge
Verein und zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete und
geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein
der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack
unterstützte sie durch die von ihr gegründete Zeitschrift "Die
Staatsbürgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen
rücksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und
Lebensverhältnisse durch diese Vereine förderten dann noch ein Material
zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln
mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich
zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der
Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur bestätigen und
ergänzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die
Verschärfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das
erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen
durch ihr Eintreten für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von
dem letzten Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in
dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem kräftigen Leben
führen sollte, wurde die "Staatsbürgerin" polizeilich verboten,
sämtliche Vereine, auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre
Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für Deutschland" sahen
die Behörden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft.
Aber eine aus den Bedürfnissen der Massen entspringende Bewegung mußte
selbst der zähesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen
die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die
gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidaritätsgefühl
der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestärkt hervor.
Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster Unterdrückung, die
Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre
selbstbewußten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, daß
es einer gefürchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß,
wenn man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, führten in der
Haltung der Männer nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in
Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands
gegründet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren
Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen
Vorständen der Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft
ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung gestellt wurden, die
in den meisten Fällen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung
entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten
der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie
sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage
der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,
denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen
Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren Zuhörerinnen klar zu
machen, daß sie ihre Lage nur dann verbessern können, wenn sie sich mit
den Genossen ihrer Arbeit zusammenschließen und der Profitgier und der
Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte
gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch massenhafte
Verbreitung von Flugblättern und Broschüren noch unterstützt wird, ist
bisher noch kein großer. Aus folgender Zusammenstellung geht das
langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der
Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten weibliche
Mitglieder:
1892:4355
1893:5384
1894:5251
1895:6697
1896: 15295
1897: 14644
1898: 13009
1899: 19280
.
,
1
2
3
,
4
.
5
,
6
7
.
[
]
,
,
8
,
9
,
,
10
,
11
.
,
12
13
.
14
15
,
16
,
17
.
18
,
19
;
20
:
,
,
21
,
,
,
22
23
,
.
24
,
25
:
.
26
27
.
28
,
29
,
,
30
,
,
31
,
32
;
,
33
,
;
,
34
35
.
36
,
,
37
.
38
.
,
39
,
,
40
[
]
,
41
:
"
,
.
!
42
,
,
?
43
,
,
44
,
,
45
.
.
.
.
,
,
46
,
,
47
:
.
48
,
49
50
;
51
,
,
,
52
,
,
53
.
.
.
.
54
,
,
55
,
56
,
57
.
"
58
59
,
60
.
,
61
62
,
,
63
.
64
65
,
,
66
.
,
67
,
,
68
,
69
.
70
,
[
]
,
,
71
,
.
[
]
72
%
.
[
]
73
,
74
,
.
75
,
-
-
76
,
,
,
77
,
78
.
,
,
79
,
.
80
.
.
[
]
81
82
.
83
"
84
"
85
"
86
"
87
"
88
89
,
90
,
,
91
,
92
.
[
]
93
.
94
%
95
[
]
;
96
,
.
,
97
,
.
[
]
98
,
,
99
.
,
100
101
,
,
102
,
,
103
.
[
]
104
,
.
105
106
;
,
107
.
108
,
109
.
,
110
,
,
111
,
,
-
-
112
,
,
113
,
,
114
,
.
115
116
,
,
117
,
118
119
.
120
;
121
,
,
122
;
,
123
.
124
:
125
.
126
,
,
127
.
128
!
129
,
130
:
!
131
,
132
,
,
133
.
134
,
135
.
136
,
137
.
,
138
,
,
139
,
.
140
141
142
.
,
143
,
144
,
145
,
,
146
.
[
]
,
147
,
-
-
%
148
,
-
-
149
.
150
151
,
,
152
,
.
,
153
,
154
,
;
155
156
,
,
157
;
,
158
,
.
159
,
,
160
?
161
;
,
,
162
,
,
163
,
164
,
.
165
166
.
[
]
.
167
,
168
[
]
,
169
.
[
]
170
171
,
172
:
.
173
,
;
174
:
,
175
,
,
176
,
177
,
.
178
?
!
,
179
,
,
180
,
181
,
,
,
.
,
182
,
183
,
,
184
.
"
185
"
,
[
]
,
"
.
.
.
186
,
,
,
187
.
.
.
.
188
;
189
,
,
190
.
.
.
.
,
191
,
192
,
,
193
,
194
.
"
195
,
,
196
;
197
,
198
,
.
199
,
200
,
,
201
?
,
,
202
:
203
,
;
204
,
,
;
205
,
,
206
,
;
207
,
.
[
]
208
,
209
.
,
210
,
,
;
211
,
,
212
,
.
213
,
,
.
214
,
215
,
.
216
217
,
,
218
,
-
-
219
,
,
220
,
221
222
.
223
224
,
225
226
:
.
227
,
228
;
229
,
230
,
,
231
,
232
.
233
,
234
,
,
235
.
236
,
,
237
!
238
,
239
,
,
240
,
,
,
241
,
,
242
,
243
,
244
.
245
;
"
"
,
246
,
247
.
248
,
,
249
.
,
,
250
,
251
.
[
]
,
252
,
,
,
-
-
253
,
254
,
-
-
,
255
,
.
256
:
,
257
;
,
258
,
,
259
,
.
260
,
,
261
262
;
,
263
.
264
,
265
266
267
.
268
269
!
270
?
!
271
?
272
,
273
.
274
,
,
275
,
276
,
,
277
,
,
278
,
279
,
,
280
,
.
281
282
,
283
,
,
284
,
:
!
285
286
,
287
,
,
288
,
,
289
.
290
291
'
292
,
,
293
,
.
294
:
)
295
.
)
296
.
)
.
)
297
.
)
298
.
)
.
)
299
,
,
300
.
[
]
301
302
.
303
,
304
,
.
305
306
,
307
308
,
309
.
310
311
,
,
312
313
,
314
,
315
,
316
,
317
.
318
,
.
319
,
320
,
321
,
322
,
323
.
324
;
325
,
,
326
.
,
327
,
,
328
,
,
329
,
330
,
,
331
,
332
,
333
?
,
334
,
,
335
,
,
.
336
337
338
.
339
,
340
341
,
,
342
,
,
343
,
344
.
345
346
,
,
347
,
348
,
349
.
,
350
,
351
352
.
353
.
354
,
,
355
.
,
356
,
.
357
358
,
359
.
360
,
361
.
362
.
,
363
.
364
.
[
]
365
:
,
,
366
,
.
367
,
368
369
,
.
370
371
,
,
372
,
373
.
[
]
374
,
375
.
376
,
377
,
378
-
,
379
.
,
380
,
,
381
,
,
382
.
383
,
384
,
;
385
.
386
,
387
.
388
.
389
,
390
.
,
391
392
,
393
.
394
395
.
,
396
-
397
.
,
398
,
399
.
[
]
"
"
400
,
,
,
401
"
"
.
402
,
,
403
,
404
,
,
405
,
.
406
407
408
409
,
,
410
.
411
,
.
.
%
,
412
,
.
.
%
413
.
414
,
415
,
416
.
417
418
419
,
,
420
,
421
,
,
422
.
423
,
424
425
,
,
426
.
427
,
,
428
.
429
430
,
-
-
.
.
,
431
,
-
-
,
,
432
.
433
,
-
,
434
,
,
,
435
.
436
;
,
437
,
,
438
,
439
.
440
441
,
,
442
,
.
443
,
444
,
445
,
.
446
,
.
.
447
,
448
,
.
.
,
.
449
.
450
,
451
.
-
452
[
]
,
453
454
.
[
]
455
,
,
456
.
,
457
,
,
458
.
459
,
460
,
.
461
[
]
;
462
,
,
463
.
,
464
465
,
466
,
,
467
"
"
468
[
]
;
,
469
,
470
.
,
471
,
,
472
.
[
]
473
474
,
,
.
475
476
,
.
477
,
;
,
478
479
.
480
.
;
481
,
,
482
,
483
.
484
,
485
;
-
486
,
487
.
[
]
488
489
490
,
.
491
,
.
492
,
.
493
,
.
494
,
.
[
]
495
496
497
.
498
.
499
,
-
500
501
.
[
]
;
502
.
503
,
504
,
,
505
.
506
,
,
507
,
508
.
509
.
'
510
.
,
511
,
,
512
.
513
514
[
]
,
,
515
.
,
%
516
517
,
%
,
518
,
%
-
,
%
.
519
,
520
.
[
]
521
522
!
523
524
,
525
526
[
]
,
,
527
,
,
528
.
529
,
,
530
!
,
531
,
532
:
533
534
.
,
,
535
.
,
,
536
,
537
,
538
.
539
,
.
540
,
,
541
,
,
542
.
543
,
544
,
;
545
.
546
,
547
,
,
548
,
,
549
;
,
550
.
.
[
]
551
552
:
,
553
,
,
554
,
555
.
[
]
556
;
,
557
,
558
,
.
559
,
,
560
,
561
,
.
,
562
;
563
,
.
"
564
,
565
:
,
566
"
,
[
]
;
567
,
,
568
.
[
]
,
569
570
,
571
.
[
]
572
573
,
.
,
574
575
,
,
576
.
,
577
.
[
]
578
,
.
.
%
,
579
.
580
;
?
,
581
,
582
.
,
583
;
584
,
,
585
.
[
]
586
587
;
588
,
.
589
,
590
?
,
591
%
,
592
.
%
593
.
,
,
594
.
,
.
595
.
596
:
597
;
,
598
,
,
599
,
-
-
.
.
,
%
,
600
%
,
-
-
-
601
.
%
[
]
602
.
,
603
,
604
.
[
]
.
605
,
,
606
,
,
607
,
608
.
609
,
610
,
,
611
.
[
]
,
,
612
,
.
,
,
613
.
614
.
615
616
617
[
]
,
.
618
,
619
620
.
621
,
622
.
,
623
,
,
624
.
625
,
:
626
,
,
627
,
,
628
,
629
.
630
,
631
632
,
633
,
.
634
635
.
636
.
,
637
,
638
,
639
,
.
640
;
641
,
,
642
.
643
,
644
.
;
.
645
.
646
,
%
,
.
[
]
647
,
.
648
,
,
649
,
,
.
650
;
651
,
,
652
.
653
,
.
654
,
655
.
656
.
.
657
.
[
]
658
,
.
659
660
,
-
-
,
661
,
662
.
663
664
665
.
.
666
,
,
667
.
668
,
669
,
:
670
,
671
.
672
,
;
673
,
674
.
675
;
676
,
.
677
"
"
678
,
"
"
.
679
,
.
680
"
"
681
.
,
682
,
,
,
683
,
,
684
685
,
686
,
687
.
,
688
689
.
,
690
691
[
]
,
,
,
692
,
-
-
,
693
,
-
-
,
694
,
.
695
696
,
697
.
698
,
,
699
,
,
700
,
.
701
,
,
702
703
.
[
]
704
705
,
706
,
,
,
707
.
[
]
,
708
.
709
,
,
710
,
.
,
711
,
712
.
[
]
713
.
[
]
714
,
,
,
715
.
,
,
716
,
,
717
,
,
718
.
719
,
,
720
.
721
:
722
,
,
723
,
724
!
,
725
.
[
]
726
;
,
727
,
,
728
.
729
730
:
,
731
,
732
.
733
734
?
-
-
735
,
736
,
737
738
;
.
739
,
740
[
]
;
741
742
.
743
:
,
,
,
744
-
[
]
;
,
745
,
746
.
:
747
748
;
749
750
[
]
;
751
,
752
-
,
,
753
%
754
[
]
,
,
755
,
.
[
]
756
757
,
.
758
,
759
.
760
,
,
761
.
762
-
763
764
.
.
765
,
,
766
,
,
767
768
,
769
"
"
.
,
770
,
771
,
772
,
,
773
,
,
.
774
,
,
,
775
,
-
-
776
.
777
,
,
.
778
779
,
.
,
780
,
-
-
,
781
.
:
,
782
,
783
.
,
784
,
785
.
,
,
786
,
.
787
,
,
788
.
789
790
;
791
,
792
.
793
,
,
794
;
"
"
795
.
-
-
-
-
,
-
-
796
!
797
-
-
.
798
,
,
-
-
799
.
,
.
800
801
:
,
802
,
,
:
803
.
,
,
804
,
,
,
.
805
:
806
.
807
808
,
809
;
810
.
811
,
812
;
,
,
813
,
814
.
815
,
816
.
817
,
,
818
:
,
,
,
819
,
820
.
821
.
.
822
823
,
824
;
825
826
,
.
827
,
,
828
,
829
.
830
831
832
833
834
.
.
835
836
837
838
.
839
,
,
.
840
,
841
842
.
843
,
844
.
845
846
.
847
848
849
,
:
850
,
851
:
,
,
852
853
,
,
854
855
,
,
856
857
.
.
858
,
859
.
860
861
862
.
863
,
864
,
,
,
865
,
866
,
867
.
868
,
869
.
870
871
,
872
,
873
.
874
,
875
876
877
,
878
879
.
880
881
,
-
,
882
,
883
.
884
,
,
.
,
,
885
,
'
886
887
888
,
,
889
,
,
890
.
[
]
891
892
:
893
,
,
894
[
]
,
895
.
896
[
]
,
.
897
,
898
.
[
]
899
,
,
900
,
901
,
902
,
.
903
904
.
905
-
,
906
.
907
,
,
,
,
908
909
,
910
,
911
,
912
.
913
,
,
914
.
:
915
,
916
,
,
917
.
:
918
"
,
!
"
919
[
]
,
920
921
.
"
922
"
.
923
,
924
;
925
926
,
927
.
928
-
,
,
929
,
930
,
931
.
932
933
.
934
,
,
935
,
,
936
.
937
,
938
,
939
,
;
-
940
"
941
"
,
942
.
-
943
944
,
945
.
946
947
,
948
,
.
949
950
,
951
952
.
[
]
953
,
954
,
"
"
,
955
,
,
956
.
"
"
957
.
958
959
.
960
,
,
961
,
962
.
963
964
,
965
,
,
966
,
967
,
968
,
969
.
970
971
,
972
.
973
,
,
974
,
,
975
.
976
977
.
,
,
978
,
979
,
,
980
;
,
981
,
982
,
,
983
984
985
.
,
986
,
987
.
988
.
,
989
990
:
991
992
:
993
:
994
:
995
:
996
:
997
:
998
:
999
:
1000