-ma créature-.[748]
Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt
sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der
eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die
Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines
persönlichen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die
Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung ländlicher
Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an
Beschäftigung für die seßhaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung
schließlich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die
Wanderungen ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie z.B. in
Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen,
oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich Belgier, in
Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und
russische Polen eingeführt. In größerem Umfange organisierte Wanderungen
finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre
Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und
führen sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit
der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei
der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn nach der
Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren
noch ganz besonders berüchtigt deshalb, weil fast ausschließlich Kinder
dazu angeworben, und, infolge ihrer völligen Wehrlosigkeit dem
Gangmeister gegenüber, auf das äußerste ausgenutzt und in ihren
Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das
System heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb aufgehört
haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengängerei den
größten Umfang angenommen.
Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rübenzuckerkultur in Sachsen
zu verdanken, die während bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher
Arbeitskräfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter
auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich
aus den östlichen Provinzen Preußens und bestehen großenteils aus jungen
Mädchen. Für das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezählt, die sich von
Brandenburg, Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die
Wanderschaft begaben.[749] Auf sächsischen Gütern kommen auf 150 Männer
337 Mädchen.[750] Der normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die
Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es
kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Außerdem wird
Wohnung, zum Teil auch Beköstigung,--natürlich bei niedrigeren
Lohnsätzen,--gewährt. Charakteristisch ist, daß der Unterschied zwischen
der Bewertung der Männer- und der Frauenarbeit sich bis auf die
Reisevergütung ausdehnt, die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als
für Männer.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengängerin ist bei einer
Beschäftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf
424 Mk. geschätzt worden.[754] Das würde jedoch einem Tagesverdienst von
1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet
wird,--nur von den tüchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mädchen
erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine
Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit und wahrhaft
trostloser Unterernährung fast alle Mädchen im stande, Ersparnisse zu
machen, die die Höhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Möglich ist das nur,
wenn die Wochenausgaben für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht
übersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine
starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die
Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur Qualität und
Quantität der dafür gegebenen Nahrung in keinem Verhältnis; auf einem
Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers für die
Ernährung der Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem
anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem
anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewiß das Ideal der Volksernährung
repräsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in
ihre Heimat zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,
wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen hausindustrieller
Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, die nur 200 Mk. verdient haben,
also bei größter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten,
wären natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu existieren,
wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in der Regel dafür
entschädigen müssen, ein Unterkommen fänden. Bringen sie, wie es häufig
geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit
nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten
Sachsengängerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß
auch während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, um sich
nach der übermäßigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen,
die, wenn sie überhaupt zu finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft.
Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den immer wieder
behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen
können. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der
landwirtschaftlichen Thätigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber
damit erklärt und entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen
unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, und der
Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen würde.
Diese Auffassung rief auch jenes Märchen von den drallen Landmägden und
den blühenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die
Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe
sitzt. Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,
hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders
wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu erschüttern.
Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist
die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen
Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders
während der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für
das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn
alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus,
erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger repräsentieren auch nach
dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit
von früh fünf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen
zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schließt aber
natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht
um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung erfährt. Eine zwölf- bis
vierzehnstündige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz
Erträgliches erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich
bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten
wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen Augen, so wird sie
schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die
Arbeit der Mägde im Kuhstall, und nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt
schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und
dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Ställe
sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken
anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den Händen sind keine
Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im
Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen würde, wird nur
selten für notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren
können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und sieht, wie sich
die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie
stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfängt,
während der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das
Ausmisten der Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt,
verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der
gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den
Mägden obliegt, ist eine noch weit widerwärtigere Arbeit; ich habe
Mädchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen
mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz
wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer
Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse. Wie bei
den vorhergehenden muß auch in diesem Fall von den wenigen
Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen
Ställen die Milchwirtschaft im großen mit Hilfe von Maschinen und
motorischen oder Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im
Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die
stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel auf- und
niederbewegt, die all die vielen Gefäße täglich scheuert und putzt, die
keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf
ihr zu schwer und zu schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den
Beinen. Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,
weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zuläßt.
Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder
gar der Zuckerrüben gegenüber: im glühenden Sonnenbrand oder im kalten
Herbstwind steht die Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem
Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der
Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den Schlamm; oder sie kniet
und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, auf durchfeuchteter Erde. Zur
Erntezeit fällt ihr das schwere Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber
auch vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne daß
ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre
Arbeit noch leichter, als in den Gebirgsländern. Von den abgelegensten
Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden
Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich krümmt
unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Für die
ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergünstigung, wenn
sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wäldern meilenweit nach Hause
tragen können.
Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die Arbeit; die
russische Landarbeiterin muß es sich selbst gefallen lassen, den Pflug
durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne über Italien wahre
Fieberhitze ausströmt, arbeitet die Tagelöhnerin Schulter an Schulter
mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme
steckend.
Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelöhnerin, deren
Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau
des armen Bauern oder die selbständige Besitzerin eines kleinen
Landguts. Die französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren Gemüsegarten
allein bearbeitete, fährt oft schon früh um drei Uhr in die Stadt, um
ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die
selbständige sowohl wie die abhängige,--verheiratet, hat sie Kinder, so
ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für sie aufs
neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist sie Tagelöhnerin
mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren
unumgänglich nötig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem
Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie
giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln
oder jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder führen den
Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit krummem Rücken und
zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt
begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung für die
"naturgemäßen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten
die meisten schon in früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die
Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge Mädchen; auf
sächsischen Gütern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren
alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedürften, werden sie
den Einflüssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten
Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden
die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den
Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des
frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frühlingszeit auf
einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die Sachsengänger wie das liebe Vieh
in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit
werden!
Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse treffen die
vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man
sich's gerne vorstellen möchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch
und Hühnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert
nicht für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon aus der
Summe, die die Sachsengänger für ihre Beköstigung anlegen, läßt sich auf
die Art derselben schließen; thatsächlich besteht sie in schwarzem
Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die
besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlklöße.[759] Die
Güte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie häufig vom
Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden müssen![760] Die
kontraktlich gebundenen Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen
Besitzer sparen, so viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die
Ausdehnung der großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr
wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher,
aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefüllte Flasche im Mund,
während Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengeführt
werden, genügt allein, um diese Zustände zu illustrieren.
Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur
den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie
wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am
schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die
Hofgängerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie übrig
läßt, das ist gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter
den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher
Genußsucht, als grimmigen Hungers.
Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, daß die
deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in
leeren Ställen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es
vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der
Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten;
Musterhäuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch
die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen
großen Gütern Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,
ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum Vorwand
genommen, dergleichen Einrichtungen für überflüssig zu erklären, während
doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen
Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles
fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach
hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben
könnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den
Stumpfsinn des Sklaven für bewußte Befriedigung zu halten!
Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefährlich
für die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem
Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat
eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine
Kammer. Diese beiden Räume werden außer von der meist kinderreichen
Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge
Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, verdorbene, eben der
Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Häufig sind drei und vier
Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen
zusammen und sind von früh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs
ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller übrigen
Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft
alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] häufig genug teilen Hühner,
Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen.
Wer solch eine Höhle betritt, prallt zurück vor dem unbeschreiblichen
Gestank, der ihr entströmt, vor dem Bild des Elends und der
Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet
vielfach auch hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß neue
Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen verschmäht werden. Neben dem
tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche
Wohnungsverhältnisse gewaltsam zurückgehalten werden, ist es die Not,
die sie an sie fesselt: ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen
wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in
strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen ihr Zimmer
öffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie
gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb
gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreußen leer stehen[767], weil ihre
Schönheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen
geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich
handelt; die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die
ostpreußischen Instleute[768], die Tagelöhner wohnen sogar vielfach noch
schlechter. In Südwestdeutschland wurden z.B. ländliche Haushaltungen
mit nur einem Wohnraum gezählt[769]:
mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297
mit 6 bis 10 Personen bewohnt4757
mit 11 und mehr Personen bewohnt 53
Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort
oder einer in nächster Nähe des Brunnens, Fenster, die häufig aus
Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung
norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch
schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer
einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen
Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und
im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde,
deren Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken aus mit Sand
und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die Reicheren unter den
Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, die anderen haben statt dessen
nur Löcher in den Wänden. In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit
Schweinen, Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der
Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun
aber nicht, daß Deutschland allein solche Vorzüge aufzuweisen hat. Im
reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung
die Thür, die bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, die
Betten zu drei und vier übereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist
vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und feuchten Wänden auf, die
nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie
die kleinen Besitzer wohnen häufig mit dem Vieh zusammen.[775]
Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im
allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre
Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein
Bett teilen müssen und ist nicht verschließbar. In ärmeren Wirtschaften
ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in
unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen
Mägde und Knechte in oder dicht neben den Ställen. Um in ihre Kammer zu
gelangen, müssen die Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren
und umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf
dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in
den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie
auch wohl einfach auf die Heuboden.
Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf der Hand.
Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs
gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden Hütekinder werden früh in die
dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte
von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den
gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur,
daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte
ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das
jus primae noctis zu betrügen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die
"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nämlich erwies,
daß sie zur Mutterschaft fähig ist[777], auch die wüsteste
Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten Mädchen, die
Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, die Mägde kommen zuerst durch
Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts
als ein Spaß. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt
noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon
hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als
Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich
gemeinen Soldatenlieder würden allein schon ausreichen, das Gesagte zu
beweisen. Und doch wäre die ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so
verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mägden allein
abspielte, weil die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie
oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption,
als die der äußeren Verhältnisse. Die Gründung des Hausstandes hängt von
den zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim
besten Willen nur sein können, haben wir aus den Löhnen gesehen. Handelt
es sich um festangestellte Tagelöhner, besonders Instleute, oder das
ländliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder
Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine
Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß die
weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. Weit
bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die Mädchen begleitet,
ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelüste ihrer Herren werden. In der
Enquete der evangelischen Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande
werden die Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt[781], und
das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und Gäste,
besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell
beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen
in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich
leicht ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein Landmädchen als
Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, daß die Korruption der
Landbevölkerung kaum eine geringere ist, als die der städtischen.
Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, daß
die Lage beider eine gleich schlechte, ja daß die der Landarbeiterin
vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer städtischen
Leidensgenossin, denn sie genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat
in Deutschland wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation
selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt
an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt,
wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches Dasein vorstellt, ihre
Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem
freudig den Rücken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, daß es überhaupt
noch Mädchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die
Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist zweifellos viel Wahres
daran, es ist aber eine berechtigte Vergnügungssucht, denn ein unklares
Bedürfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr
aber als dies ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden
Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur Landflucht
den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter
durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des ländlichen
Proletariats in sich. Auch die ostelbische ländliche Arbeitsverfassung,
die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung
zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute
opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen
Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewußtsein läßt eine
rapide zunehmende Zahl ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer
eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von der
einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei
entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer
Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, sparsamer und bescheidener
gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand für Unterbringung und
Ernährung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche
Verantwortung fortfällt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, daß die
Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb
des ländlichen Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder
Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem
Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je
mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto
leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu
schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die
Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel,
sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer
elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einführung
der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind,
werden trotz ihrer momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen
Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren Verdienst um ein
Bedeutendes[787],--die Lage der ländlichen Arbeiter schließlich
wesentlich umwandeln und verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei
vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in
Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mägden eine der
unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von
innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine
durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr
Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in
einer Lage befinden, die geeignet ist, die körperliche und sittliche
Gesundheit des Volks bedenklich zu gefährden, und daß es Märchen, und
nichts als Märchen sind, die man geflissentlich über sie verbreitete,
und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betäuben.
Der häusliche und der persönliche Dienst.
Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung
zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den häuslichen
Dienstboten, einschließlich der außer dem Hause der Arbeitgeber
wohnenden, den Wäscherinnen und Plätterinnen, den Kellnerinnen und den
sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr
gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn des Wortes
sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen
nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel
produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der
Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das
Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern
ließe, ein sehr unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen
wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben sich
entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten.
Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende
Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den häuslichen Dienstboten ging
man so gut wie achtlos vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den
Schleier zu heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten,
wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der
Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren lebhafter
sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten daran, diese
Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu befreien. Auch das
Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich, welches das Recht des 20.
Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen.
Der Kultus der Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer
chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar
gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt
und so dicht vor Augen geführt wurde, daß selbst die Kurzsichtigsten es
sehen mußten, wagte man es schüchtern und vorsichtig, eine kleine
Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um
das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen
Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln
versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der Oeffentlichkeit in
die eigenen Familienverhältnisse Zutritt gewähren. Selbst freisinnige
Geister, die den Zuständen der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken
wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden
reaktionär, sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "-My house is my
castle-" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen
Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer
Erkenntnis.
Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein
sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie
täglich vor Augen sehen, hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis
jetzt die aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu unterdrücken
gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeußerungen über die
Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen
Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage
erscheint dem weitaus größten Teil derer, die sie in den Mund nehmen,
nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der
Dienstboten abzuhelfen ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und
wie sie behandelt werden muß, daß der große Strom der Entwicklung, der
in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern
des bürgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen
Grundpfeilern erschüttert,--und der häusliche Dienst ist solch ein
Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu dämmern, wo die
Dienstboten selbst anfangen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun
entdeckt man gleichsam in der uns täglich umgebenden eine neue
unbekannte Welt und fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein
menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner
bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.
Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die
einzelnen Länder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es
besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren
z.B. in Deutschland die Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der
Durchschnittssatz dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise
sind es die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, die den
höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der
Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was thatsächlich damit
ausgedrückt wird, ist die Anforderung, die man an Köchin und
Kindermädchen stellt: während die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem
Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem
gewöhnlichen Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule
entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die
nächste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mädchen für Alles" ein,
das Kinder-, Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt
sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmädchen, das die
Zimmer zu reinigen, das Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu
helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins oder
Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmädchen und
Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten höher entlohnt zu werden.
Einen höheren Lohn erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die
Plätterei und Näherei verstehen muß, und die Jungfer, der die
persönliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie
zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75
Mk. im Monat. Die Köchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie
gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der
Mehrzahl deutscher, bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18
und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in großen
Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von
Küche und Vorratsraum in Händen hat und die Amme, die an Stelle der
Mutter den Säugling ernährt.
Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten Löhne in
Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmädchen umfaßt, kommt
zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach:
21 Mädchenoder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk.
152" " 33,9 "" " "150-200 "
179" " 39,9 "" " "200-250 "
56" " 12,5 "" " "250-300 "
41" " 9,0 "" " "300 u. mehr "
Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 %
von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches Einkommen. Die Köchinnen
erreichen die höchsten Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter
150 und selten unter 200 Mk. herabsinken.
In England, für das eine offizielle Untersuchung über Dienstbotenlöhne
vorliegt[789], sind die Verhältnisse ganz ähnliche, obwohl die Löhne
eine größere Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn
englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in Schottland steigt er auf
17,12 £, in London auf 18,2 £, während er in dem armen Irland auf 12 bis
14 £ fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule
entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis
6 £ begnügen müssen.[790] Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:[791]
Mädchen für Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 £
Küchenmädchen"" "" 5-21 "
Einfache Hausmädchen "" "" 7-24 "
Stubenmädchen"" "" 14-24 "
Köchinnen "" "" 11-28 "
Kinderwärterinnen "" "" 6-30 "
Kammerjungfern "" "" 19-30 "
Wirtschafterinnen "" "" 34-52 "
Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es
notwendig, auch die Durchschnittslöhne festzustellen, die aus der
Untersuchung der Lohnverhältnisse von 5338 weiblichen Dienstboten
gewonnen wurden. Sie betrugen für
Mädchen für Alles16 £
Kinderwärterinnen16 "
Hausmädchen16 "
Stubenmädchen 20 "
Köchinnen 20 "
Kammerjungfern24 "
Wirtschafterinnen34 "
Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter
der Köchin. Noch drastischer tritt dieses Verhältnis in Frankreich, der
Hochburg kulinarischer Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen
zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während
Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40
zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die Löhne der Ammen,
die häufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Löhne, im
Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten
gezahlt. Nach einer Enquete beträgt der durchschnittliche Lohn der
Dienstmädchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 %
ebensoviel oder weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von
durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mädchen für
alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $
wöchentlich,--und die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am
besten stehen.[792]
Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die Quantität, sondern die
Qualität der geleisteten Arbeit am höchsten bezahlt wird, und zwar ist
die Ursache davon nicht die, daß die Nachfrage nach der qualitativen
Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke ist,--könnte man es
zahlenmäßig nachweisen, so würden zweifellos die Mädchen für Alles als
die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhältnis zum
Angebot gelernter Arbeiterinnen überall hoch erscheint, und von den
zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Gründen sind die Löhne
der männlichen Dienstboten unverhältnismäßig höher als die der
weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein deutscher Diener,
unter 38 £ kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch
verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat
durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 £.
Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das häufig im Geldwert
bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden.
In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele
Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine
oft respektable Höhe. So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der
Familie eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim Aus- und
Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk.
einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem
Maße das Odium des Entehrenden an, weil es thatsächlich nur als
Belohnung für außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des Lohns
durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders steht es, soweit
die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie
werden in den weitaus meisten Fällen mit einem sehr geringen Lohn
angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Für ihre
harte Arbeit müssen sie auch noch in der beschämenden Haltung der
Bittenden vor die Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter
am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres
guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen
entgegennehmen, an das noch dazu häufig genug beleidigende Anforderungen
geknüpft werden.
In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Höhe des
Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip läßt
sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint
fast als müßte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein,
weil sie nicht selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird
stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung des Dienstmädchens
ganz andere Ansprüche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin,
und daß gerade bei der häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur
in reichen Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in
Deutschland,--wo man sich auf das weiße Häubchen als Abzeichen der
Dienstbarkeit beschränkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art
Uniform ist, den Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist
müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch
schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen aber haben sie von ihrem
Lohn alte Eltern und Geschwister zu unterstützen. Wie oft sind mir
Mädchen begegnet, die über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten.
Noch häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernähren,
wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben müssen--meist den
größten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die
Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und
peinigen, sie halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre die
Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine Ersparnisse
machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange
der müde Rücken es aushält, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein
verbrauchtes Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für
niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drücken
kann: die Dienstvermittlungsgebühren.
Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den Händen privater
Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preußen gab es hier allein
5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft
waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Händen das Los der
Dienstmädchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste
Ausbeutung liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen die
Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in
Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt,
oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die großstädtischen
Dienstmädchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen
dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien
allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus
eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mädchen zu tragen
haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr häufig nehmen die
Vermittlerinnen sie während der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und
Wohnung; sie üben dadurch, daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der
Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es
überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange bei sich festzuhalten.
Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets
ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen,
durch Schmeicheleien und wohl auch durch häusliche Feste,--wobei die
Mädchen natürlich die Zeche bezahlen müssen,--an sich zu fesseln, so ist
das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in
das Wartezimmer einer großstädtischen Vermieterin enthüllt
für den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des
Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, vor ihnen die
feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden Blicken und Fragen, die eines
Untersuchungsrichters würdig wären,--ein Sklavenmarkt mit all seinen
Schrecken! Jedes deutsche und österreichische Mädchen hat überdies noch
ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren
ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, die alles vermuten
und erraten lassen. Wagt es das Dienstmädchen seinerseits nach den
Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es für frech
und unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat,
zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhör
nimmt.
Und was wartet seiner?
Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, außer dem Lohn,
Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein
üblich; die vollständige Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in
der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch
zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie
Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen
Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo
mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie
ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen
können.[794] Daß es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender
Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in
Süddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten
in den Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig sind sie
nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter sehr empfindlich ist, aber
noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glühenden
Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Nötigste zu fassen vermag,
hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür
führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung,
Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben
nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsräume noch als gute zu
bezeichnen im Vergleich mit denen, die der größten Mehrzahl der
weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die
Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. Man versteht
darunter Räume, die auf halber Höhe über dem Badezimmer, dem Kloset, dem
Flur oder einem Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur
mittelst einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen sind.
Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener Mensch nicht
aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß neben dem Bett kaum Platz
genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natürlich
stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der
Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das einzige
Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft führt der Kamin der
Küche direkt daran entlang, so daß eine unerträgliche Hitze sich der
schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche
Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer und Kloset unter
dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphäre erfüllt.
Einen solchen Wohnraum für Dienstmädchen habe ich in einem der
vornehmsten Häuser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen
kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu niedrig
war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklärte stolz, daß er
geräumig genug sei, um zwei Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie
einen Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und ein
Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des
Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten
Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmädchen, das während der
Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner
zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug.
Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu
denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder
Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich
zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen
Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar sind es nicht
weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn
24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so
entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmädchen nur 93 diesen
Anforderungen; etwa die Hälfte sind in Bezug auf die sanitären
Bedingungen ihrer Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in
preußischen Zuchthäusern.[795]
In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende
Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen
gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden
Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hängeböden, außer
von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem
Luftraum untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem
Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind nicht etwa
nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge
der allgemeinen ökonomischen Verhältnisse. Mit den gesteigerten
Lebensansprüchen haben die Einnahmen des weitaus größten Teils der
Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie
reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr
aus. Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des Fremden
nicht hindringen kann, und die großstädtischen Wohnungen sind der
Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, der Salon sind geräumig und
glänzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel,
der Raum für das Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in welchem
Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins das Ansehen, der
Kredit, ja die Existenz der Familien abhängt, wer dabei die furchtbare
Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu überwinden nur Auserwählten
gelingt, der wird sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère der
Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten
beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen
Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hängeböden tritt nämlich
nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein
schwer zu öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer
erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht Raum genug
bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände
unterzubringen. In den seltensten Fällen, in Privathäusern, bei reichen
oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es
sich abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, sich
selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. Wohnräume für Dienstboten,
wo ihre Freunde sie besuchen können, gehören auf dem Kontinent zu den
größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Häusern zu finden sind.
Die Küche ist fast immer ihr Wohn-, Eß- und Empfangszimmer.
Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die
verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art der
Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Länder, die über
eine Schar dienstbarer Geister verfügen, ist es üblich, daß für sie
extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an
gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des
"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die Herstellung
der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht
gerade schlecht zu sein; um so erträglicher ist die Ernährung, als sie
mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer
eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begünstigten
die Masse der Mädchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mäßig
begüterten Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein
völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger
zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die
Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten
des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause muß
sie in der Küche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel
des Tisches, der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden.
Sehr häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre
Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach Gefallen satt
essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In
Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders
geformte tiefe Teller, ähnlich den Näpfen, in denen man den Haushunden
das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin
zusammengeworfen. Man hält es vielfach für selbstverständlich, daß das
schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste Maß an Kost,
durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein muß: eine Tasse dünnen
Kaffees mit einer dünn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter
Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem
Kaffee--darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. Trotzdem wird das
Los des Dienstmädchens gegenüber dem der Fabrikarbeiterin als ein
glänzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost
betrifft häufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost
durch einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England und
Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, das in
Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15
bis 25 frs. erreicht. In großen englischen Haushaltungen wird manchmal
für die ganze Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die
für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen pflegt. Für das
Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese
Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbständigung der
Dienstboten, sie entspringen aber zunächst der Bequemlichkeit der
Herrschaften, die sich dadurch einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen
und der gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.
Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das
Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt,
das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es für etwas anderes aus,
als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernährung veranlaßt,
indem sie von ihrem ersten Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas
zum Abend sich aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der
Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei
einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mädchen, das unsere Wohnung
und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von
unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der
einen Seite, soweit es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht,
durchaus aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht
willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als Ersatz für
alkoholische Getränke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den
notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehören und man dadurch,--eine
Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem
Genuß entgegenwirkt.
Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen
aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist,
darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im
allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des
Sklaventums, daß der Herr die Person des Sklaven, seine ganze
Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das
Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen,
wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote
verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu
folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem
Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart
auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte zurück, ohne zu
bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten in einem ganz ähnlichen
Rechtsverhältnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags
darin erblickt, daß der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für
eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung stellt, so
haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24
Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begüterten oder minder begüterten
Familien ändert sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die
sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom Willen
anderer und der der freien Verfügung über die eigene Person kennzeichnen
läßt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad
der Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den
Kindermädchen und den Mädchen für Alles. Die Mutter erfreut sich der
ungestörten Nachtruhe, das Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die
ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind
beschäftigt, denn während es schläft, wird die Kinderwäsche gewaschen,
gebügelt, geflickt; während es wacht, wird es genährt, angekleidet,
unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der
gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach
aufgewogen, daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem Schützling
in frischer Luft aufhalten muß, aber der Zwang, die Kinder tragen zu
müssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er
besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder
in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind dadurch
allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und Unterleibsleiden
ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist die körperliche Anstrengung
zwar geringer, die der Nerven aber um so größer. Ununterbrochen Kinder
zu hüten, gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint,
die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermädchens für ein wahres
Faulenzerleben zu erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter
aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich
haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit und Schlechtigkeit
der Kindermädchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie
meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer,
dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen
für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die
an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: Kochen und einkaufen, waschen
und plätten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nähen und flicken, die
Familie bedienen, den Gästen aufwarten,--das alles und noch mehr ist
ihre Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefüllt; oft
muß sie bis ein, zwei Uhr und länger thätig sein, weil Gesellschaft im
Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die
schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück zur
gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in der Nacht hat sie wohl auch
die gnädige Frau oder das gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater
heimzuholen. Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges Mädchen
bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am
wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber
dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder Mißmut fühlen läßt; auch die
gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen Pflichten eines
Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der Köchin ist vielfach weniger
ausgefüllt als die des Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen
zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthausköchinnen
ergeben hat, die während vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich
zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert,
sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen
verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das Einatmen der
Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, die oft chronisch werden,
das beständige Hantieren am glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die
Klagen über launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut"
geht, sind nur allzu bekannt!
Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist
ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des Kindermädchens. In
der Zeit der geselligen Hochflut, die für viele Damen der großen Welt,
deren Leben sich zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur
durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine
ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für ein junges
Mädchen heißt, ihre oft viel ältere Herrin Tag für Tag in glänzender
Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, während es, das
junge, hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein in seiner
Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht allnächtlich auf die Heimkehr
der "Gnädigen" warten muß,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird
denn auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben Maße messen,
wie die eigenen!
Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmädchen in den
Hotels, in Pensionen. Um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird
so wenig als möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein Mädchen
die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die Instandhaltung von 20 bis 25
Zimmern zu übernehmen hat.[798] Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis
sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und
nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine
Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu den
Ausnahmen gehören.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner
Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle unsere Angaben. Von 547
Mädchen arbeitet die Hälfte,--51,5%,--länger als 16 Stunden täglich. Die
andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12
Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mädchen
für Alles, die am längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der
Arbeitstag über 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen
Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der
Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer
Berechnung,--ob nämlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage
diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild
hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10
Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig
sein.[801]
Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in Deutschland,
Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei
Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, daß 69% der Dienstmädchen
innerhalb eines halben Monats nur fünf bis sechs Stunden für sich
haben.[802] Denn der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch
außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach beendeter Arbeit
fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurück sein muß. Nur
selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewährt, in der es
seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in
Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Häuser, wo die
Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden
kann, ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In den
begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, daß jeder halbe
Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den
Dienstboten freigegeben wird, häufig bekommen sie sogar vierzehn Tage
Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der
Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen
Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des
freien Abends in der Woche nach und nach eingebürgert.[803] Auf dem
Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmädchen als eine
unerhörte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht
und Ordnung" angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich braucht,
wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, daß es ein Bedürfnis
nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben
könnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am
wenigsten denen, die selbst im Winter fast täglich in Gesellschaften
gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen
aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn sie
sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie nötigt, ihre Kleidung von
Lohnarbeiterinnen ändern und herstellen zu lassen.
Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und ungenügenden
Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind
in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren
Dienstmädchen nicht scharf genug rügen können. So wurde von jeher
darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die Herrschaften dadurch
übervorteilen, daß sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, daß
sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese
alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den
Dienstboten und den Verkäufern als ein selbstverständliches Recht
angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom
Händler einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In
Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt
also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst vielen Ausgaben zu
veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist
demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so
doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und
Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel
eines eigenen Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich
gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die Dienstmädchen sich nicht
heimisch fühlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts
der Hängeböden von ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit
seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der
wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die Straße,
in den Grünkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen
jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit,
Faulheit und Liederlichkeit".
Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, die keine Gefährtin im
-
-
.
[
]
1
2
.
3
,
,
4
,
.
5
,
6
.
7
,
8
,
9
,
10
,
,
11
.
,
.
.
12
,
,
13
,
,
14
,
,
15
.
16
.
,
17
,
18
.
19
,
20
,
21
.
22
,
23
,
,
24
,
25
.
26
,
27
.
28
.
29
30
31
,
32
.
33
.
34
35
.
,
36
,
,
,
37
.
[
]
38
.
[
]
.
,
39
.
.
[
]
40
,
.
.
[
]
41
,
,
-
-
42
,
-
-
.
,
43
-
44
,
45
.
[
]
46
.
,
47
.
.
[
]
48
,
.
,
,
-
-
49
,
-
-
,
50
.
.
51
.
52
,
53
,
.
.
,
54
,
,
.
55
.
[
]
,
56
,
57
.
58
;
59
.
.
60
,
.
,
61
.
,
.
.
,
62
.
[
]
,
-
-
,
63
!
-
-
64
,
,
65
,
66
.
,
.
,
67
.
,
68
,
,
69
,
70
,
.
,
71
,
72
,
73
,
.
74
,
,
75
,
,
76
,
,
.
77
78
,
79
80
.
81
,
82
,
-
83
,
,
84
.
85
86
,
,
87
,
88
.
,
,
89
,
90
,
,
.
91
.
92
.
93
94
.
95
;
96
,
,
,
,
97
.
98
,
99
,
100
,
.
[
]
101
,
,
102
,
.
-
103
104
,
,
,
105
"
"
.
106
,
107
.
108
,
109
.
110
,
,
-
-
111
,
-
-
112
.
113
,
114
,
115
.
116
,
,
,
117
,
118
,
119
!
120
,
,
121
,
122
-
.
,
123
,
;
124
,
125
,
,
126
.
,
127
,
.
128
129
,
130
131
.
,
132
,
,
133
-
134
,
,
135
-
.
136
,
137
.
,
138
.
139
.
.
,
140
:
141
142
;
,
143
,
;
144
,
.
145
,
146
,
147
.
148
,
.
149
,
,
150
,
151
.
-
.
152
,
153
154
.
155
156
,
;
157
,
158
.
159
,
160
161
.
162
163
,
,
,
164
,
165
166
.
.
.
,
167
,
,
168
.
,
-
-
169
,
-
-
,
,
170
,
171
,
.
172
,
173
,
:
174
,
.
175
;
176
,
177
.
178
,
179
,
180
"
"
,
"
"
.
181
.
182
;
183
%
184
.
[
]
,
,
185
,
186
!
,
187
,
188
.
189
,
190
,
191
,
-
-
192
!
193
194
-
195
.
,
196
'
,
,
197
,
.
198
,
.
199
,
,
200
;
201
,
.
202
.
[
]
203
,
204
!
[
]
205
;
206
,
,
.
207
208
.
[
]
,
209
,
,
210
211
,
,
.
212
213
.
214
,
:
215
,
.
216
,
217
:
218
,
.
219
220
,
.
221
222
!
,
223
224
.
[
]
225
.
[
]
226
,
;
227
,
228
,
229
.
,
230
231
,
,
232
,
233
,
234
,
,
235
,
236
.
,
237
!
238
239
240
.
241
;
242
,
,
243
.
244
,
245
,
,
,
,
,
246
.
[
]
247
;
248
249
,
250
.
[
]
"
251
;
"
[
]
,
252
,
,
.
253
,
254
,
,
255
,
.
256
,
,
257
.
258
,
259
,
,
260
:
261
,
262
,
263
;
,
264
,
.
265
[
]
,
266
?
!
267
,
268
;
,
269
[
]
,
270
.
.
.
271
[
]
:
272
273
274
275
276
277
,
,
,
278
,
,
279
,
-
-
280
.
[
]
281
:
282
283
,
.
[
]
284
,
,
,
285
286
.
287
/
,
288
.
289
,
.
290
,
.
[
]
291
,
.
292
293
,
,
,
294
.
[
]
295
,
296
[
]
,
,
297
.
[
]
298
299
300
.
301
,
,
302
.
303
:
304
305
.
306
,
307
.
308
,
309
,
,
310
.
311
312
.
313
314
,
315
.
[
]
316
"
"
,
317
-
.
,
318
319
,
-
-
,
,
320
,
-
-
,
321
"
"
,
,
322
[
]
,
323
.
,
324
,
,
325
.
[
]
326
.
,
327
,
328
.
[
]
,
329
.
[
]
330
,
331
.
332
,
333
,
;
334
,
,
335
.
336
,
337
,
.
338
,
,
339
,
-
340
.
,
341
,
,
342
.
343
,
,
344
,
.
345
346
"
"
[
]
,
347
,
,
348
349
.
[
]
,
;
350
,
351
.
,
352
,
,
353
,
.
354
355
,
356
,
357
,
358
,
,
359
360
,
361
,
.
,
362
,
363
.
'
,
364
,
,
365
,
.
,
366
,
367
,
,
368
.
369
,
370
.
,
371
,
372
,
373
.
,
374
375
,
;
376
377
.
[
]
378
379
.
380
381
.
382
,
,
383
[
]
,
384
,
-
385
.
[
]
,
386
"
"
[
]
387
,
388
,
,
389
.
390
,
391
,
392
.
,
393
,
,
394
,
395
.
396
,
,
397
398
,
-
-
.
.
399
[
]
,
-
-
400
.
401
402
,
.
.
,
403
.
404
405
,
406
,
,
,
407
,
,
408
,
,
409
,
,
410
.
411
412
413
.
414
415
,
416
,
:
417
,
418
,
,
419
.
420
.
421
,
422
,
423
.
424
.
425
,
426
,
.
427
,
428
.
429
430
,
431
.
,
,
432
,
,
,
433
,
,
,
434
,
435
,
436
.
437
,
.
438
,
.
439
440
,
441
.
442
,
443
,
,
444
.
445
.
446
,
447
,
448
.
449
,
450
,
,
451
,
.
"
-
452
-
"
,
453
,
454
.
455
456
457
,
,
458
,
459
460
.
461
,
,
462
,
463
,
,
464
,
465
.
466
,
,
467
,
468
,
469
,
-
-
470
,
-
-
,
471
,
.
472
473
,
,
474
,
475
,
.
476
477
,
478
,
,
479
,
.
480
.
.
.
,
481
.
.
482
,
,
,
483
.
484
?
!
485
,
,
486
:
,
487
,
488
;
489
,
,
.
490
"
"
,
491
-
,
;
492
.
.
,
493
,
,
494
,
.
495
,
496
,
.
497
,
498
,
,
499
.
500
,
501
.
.
,
,
502
,
.
;
503
,
504
.
.
505
,
506
,
507
.
508
509
,
,
510
,
,
511
.
[
]
:
512
513
,
.
-
.
514
"
"
,
"
"
"
"
-
"
515
"
"
,
"
"
"
"
-
"
516
"
"
,
"
"
"
"
-
"
517
"
"
,
"
"
"
"
.
"
518
519
,
,
%
520
.
.
521
,
522
.
.
523
524
,
525
[
]
,
,
526
,
.
527
,
,
528
,
,
,
,
529
.
530
,
531
.
[
]
:
[
]
532
533
-
534
"
"
"
"
-
"
535
"
"
"
"
-
"
536
"
"
"
"
-
"
537
"
"
"
"
-
"
538
"
"
"
"
-
"
539
"
"
"
"
-
"
540
"
"
"
"
-
"
541
542
,
543
,
,
544
545
.
546
547
548
"
549
"
550
"
551
"
552
"
553
"
554
555
,
,
556
.
,
557
,
558
,
.
,
559
.
,
560
.
,
561
.
.
,
562
,
563
.
564
,
.
%
,
%
565
,
566
,
.
567
,
,
-
-
,
568
,
-
-
,
,
569
.
[
]
570
571
,
,
572
,
573
,
574
,
-
-
575
,
576
,
-
-
577
,
578
.
579
580
.
.
,
581
.
582
.
,
583
.
584
585
586
-
.
587
,
588
,
589
.
,
590
,
-
591
,
.
592
.
593
,
594
595
.
,
596
.
597
598
.
599
600
,
,
601
,
,
602
,
,
603
,
604
.
605
606
,
607
.
608
,
609
,
610
.
611
,
612
,
,
613
.
614
,
615
,
-
-
616
,
-
-
,
617
,
,
.
618
,
619
.
620
.
621
,
.
622
,
623
.
-
-
624
!
625
;
626
,
,
627
!
628
,
,
-
-
,
,
629
,
,
630
.
,
631
,
,
632
:
.
633
634
635
.
636
,
/
637
,
,
638
,
.
639
640
,
641
.
.
,
,
642
%
,
.
643
,
644
,
.
645
.
646
.
[
]
,
647
,
.
648
649
;
,
650
,
651
,
.
652
,
,
653
,
,
,
654
,
-
-
655
,
-
-
,
656
.
657
658
,
,
659
.
,
660
"
"
,
661
,
-
-
662
!
663
,
,
,
664
,
665
.
666
,
,
667
,
,
668
,
,
,
669
.
670
671
?
672
673
,
,
674
.
675
;
,
,
676
,
677
.
678
.
679
,
,
680
,
,
681
682
.
[
]
683
,
.
684
685
.
686
,
,
687
688
.
,
,
689
,
.
690
;
,
691
,
692
.
693
,
694
.
695
.
696
,
,
,
697
698
.
699
,
700
,
,
701
,
.
,
-
-
702
,
-
-
,
703
704
,
.
705
,
706
,
707
.
708
,
.
709
710
,
,
711
,
712
;
,
,
,
713
,
!
714
,
715
,
.
716
:
717
,
718
,
719
,
.
720
721
:
,
,
-
722
,
,
,
723
,
724
,
725
%
,
.
726
,
727
728
;
729
730
.
[
]
731
732
,
,
733
734
.
735
;
,
736
,
737
.
738
,
739
,
740
.
741
742
,
743
744
.
,
745
,
746
:
,
747
;
,
748
.
,
749
,
750
,
,
751
,
752
,
,
753
754
.
,
755
.
756
,
757
,
758
,
,
759
,
760
.
,
,
761
,
,
762
,
,
,
,
763
.
,
764
,
765
,
.
766
-
,
-
.
767
768
,
769
,
,
770
.
,
771
,
,
772
773
.
774
"
"
775
,
776
;
,
777
778
.
779
,
780
-
,
781
.
,
,
782
,
,
,
783
,
784
.
785
,
,
786
,
,
.
787
,
788
:
789
,
.
790
791
,
,
792
:
793
.
,
794
,
795
:
796
,
797
,
798
-
-
.
799
800
801
.
,
802
;
,
803
-
.
,
804
.
,
805
.
.
806
,
807
-
/
.
.
808
.
.
809
810
,
811
,
812
.
813
,
814
,
815
,
,
816
;
,
817
818
,
819
.
820
,
,
821
,
,
,
822
.
,
823
,
,
824
,
825
.
826
,
827
,
-
-
828
,
,
-
-
829
.
830
831
,
832
,
,
,
,
833
,
834
.
835
,
,
836
,
,
837
.
,
838
,
839
;
840
,
.
"
841
,
"
,
"
842
,
843
,
844
.
845
,
846
,
847
848
.
"
[
]
849
;
,
850
851
852
,
,
.
.
.
853
:
854
.
855
,
856
,
857
,
,
,
858
,
;
,
,
,
859
,
.
860
861
,
862
,
,
863
,
-
-
864
,
-
-
865
.
866
867
.
,
868
,
.
869
,
,
,
870
,
871
,
.
872
,
873
,
874
,
,
875
,
.
,
876
877
.
,
,
878
,
:
,
879
,
,
,
880
,
,
-
-
881
.
;
882
,
,
883
,
884
885
.
886
887
.
,
888
,
889
,
.
890
,
;
891
892
.
893
;
894
,
895
,
896
.
[
]
,
897
:
898
,
899
,
,
900
.
901
,
"
"
902
,
!
903
904
,
905
.
906
,
,
907
,
908
,
909
.
910
,
911
,
,
912
,
,
,
913
914
"
"
,
-
-
.
915
,
916
!
917
918
919
,
.
,
920
.
,
921
,
922
.
[
]
923
,
,
924
.
925
926
.
[
]
927
.
928
,
-
-
,
%
,
-
-
.
929
%
930
.
,
931
,
;
%
932
.
[
]
933
934
,
935
,
-
-
936
,
,
-
-
937
.
%
938
,
%
%
939
.
[
]
940
941
,
942
943
.
,
%
944
945
.
[
]
946
,
947
.
948
,
949
950
.
,
951
952
,
.
953
,
954
,
955
,
956
,
,
957
.
958
959
.
[
]
960
961
,
"
962
"
.
,
963
,
964
,
965
,
966
,
967
,
,
.
968
,
,
969
,
,
970
.
971
972
,
973
,
974
,
975
.
976
,
977
,
,
,
978
.
979
,
,
980
981
.
982
(
)
.
983
.
984
,
985
,
.
986
,
,
987
,
988
.
989
,
990
,
,
991
,
,
992
.
,
993
,
994
,
,
995
,
[
]
,
996
"
,
,
997
"
.
998
999
,
1000