bezahlt werden. Der Steinmetz schwankte lange Zeit zwischen einer
Forderung von zwei Pfund und zehn Schillingen und einer solchen
von fünf Pfund, bis ihm ein Arbeitskollege, der ihn mit Whiskygrog
traktiert hatte, Mut machte, die höhere Summe zu verlangen. Trefusis
bezahlte das Geld sofort und gab sich dann daran, herauszufinden,
was wohl ein ähnlicher Entwurf von der Hand eines hervorragenden
Akademikers gekostet hätte. Da er zufällig einen Gentleman in
dieser Stellung kannte, fragte er ihn und erhielt den Bescheid, daß
er wahrscheinlich fünfhundert bis tausend Pfund gekostet hätte.
Trefusis verhehlte nicht seine Ansicht, daß ihm die Forderung des
Steinmetzgehilfen vernünftiger zu sein schiene, worauf ihn sein
künstlerischer Freund etwas unwillig daran erinnerte, wie viele Jahre
ein Akademiebildhauer darauf verwende, bis er seine Kunstfertigkeit
so weit ausgebildet hätte. Trefusis entgegnete, die Lehrzeit eines
Steinmetzen sei gradeso lang, doppelt so mühsam und nicht halb so
angenehm. Der Künstler hatte sich bisher eingeredet, er sympathisiere
mit Trefusis' sozialistischen Ansichten, aber jetzt begann er sie
sowohl häßlich als auch gefährlich zu finden. Er fragte, ob denn
nichts für das Talent bezahlt würde, und Trefusis entgegnete heftig,
das Talent koste seinem Besitzer nichts, es sei die Erbschaft eines
ganzen Geschlechts, die zufällig einem einzelnen Menschen zugefallen
sei. Wenn nun dieser Mensch sein Monopol dazu benutze, um andern das
Geld abzunehmen, so verdiene er nichts Besseres, als aufgehängt zu
werden. Der Künstler verlor schließlich die Geduld und meinte, wenn
Trefusis auch kein Gefühl dafür habe, daß die Vorrechte der Kunst
göttlichen Ursprungs seien, vielleicht könne er aber doch begreifen,
daß ein Maler kein solcher Narr sei, ein Grabdenkmal für fünf Pfund
zu entwerfen, wenn er für ein gemaltes Porträt tausend Pfund erhalte.
Trefusis erwiderte, schon diese Tatsache, daß jemand tausend Pfund
für ein Porträt bezahle, bewiese, daß er das Geld nicht erarbeitet
habe, und daß er daher ein Dieb oder ein Bettler sein müßte. Ein
gewöhnlicher Arbeiter, der sechs Pence von seinem Wochenlohn opfere,
um seinem Schatz eine billige Photographie zu schenken, oder einen
Schilling für ein Paar Öldruckbilder oder Delfter Figuren, die er auf
den Kamin stellen wollte, ein solcher Arbeiter lege sich, um in den
Besitz eines Kunstgegenstandes zu kommen, eine größere Entbehrung
auf als der Großgrundbesitzer oder Aktionär, der viel zu reich sei,
um den Verlust der tausend Pfund zu spüren, die er für ein Bild wie
Hogarths Jack Sheppard ausgebe, also für ein Bild, das nur Studenten
der Kriminalphysiognomie interessiere. Jetzt entstand ein lebhafter
Streit. Trefusis wies auf die Torheit der Künstler hin, daß sie sich
einbildeten, sie seien eine priesterliche Kaste, während sie doch
nur die Parasiten und begünstigten Sklaven der besitzenden Klasse
seien. Sein Freund, der im Augenblick sein Feind war, spottete dagegen
bitter über die Gleichmacher, die alles auf einen niedrigeren Stand
bringen wollten, anstatt auf einen höheren. Schließlich waren sie des
Zankens müde. Sie schämten sich ihrer scharfen Worte und speisten
freundschaftlich miteinander zu Abend.
Das Grabmal wurde durch einen kleinen Trupp Arbeiter, die Trefusis als
Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es
trug folgende Inschrift:
=~Hier liegt~=
=~Henrietta Jansenius~=
=~Geboren am 26. Juli 1856~=
=~Vermählt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875~=
=~Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.~=
Mr. Jansenius sah das für eine Beschimpfung des Andenkens seiner
Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen
als die Janseniussche, noch viel größere Grabmäler hatten, so führte
er es als Beweis für die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere
Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es würde
seinem Schöpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein.
Als der Steinmetz wieder an seine gewöhnliche Arbeit gehen wollte,
teilte man ihm mit, er hätte die Handwerksgebräuche übertreten, und
seine früheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied
er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat
an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte
ihm, der Auftrag mit dem Grabstein hätte ihn ruiniert. Trefusis wurde
wütend und schrieb einen polemischen Brief an die >Times<, der aber
nicht gedruckt wurde, einen spöttischen an die Gewerkschaft, der nichts
erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer
Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts übrig, als den Mann an
Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgut zu
beschäftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz
dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurückgelegt, um sich als
Unternehmer selbständig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich
zu werden, denn er wußte durch Erfahrung ganz genau, wie viel man
von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben
brauchte. Dann begann er sich für die Tugenden der Sparsamkeit, der
Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleißes zu interessieren, und er
verließ die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhänger er
als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.
Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschluß, noch ein
Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefaßt,
weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr würdig zu
sein. Und als sie die Wahrheit über ihn von seinen eigenen Lippen
hörte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser
Demütigung zurückzukehren, unerträglich. Sie verließ Alton unter
dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit
wollte natürlich nicht begreifen, daß sie selbst die Ursache dieser
Kränkung war. So sagte sie denn Miß Wilson adieu, und die Biene an der
Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehört.
Die Nachricht von Henriettas Tod erschütterte sie um so mehr, weil
sie gegen ihren Willen glücklich war, daß die einzige Person, die
außer Smilasch von ihrer närrischen Liebe zu ihm wußte, nun für immer
schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen
Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darüber fast religiös und machte
ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre
ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht
ihren Entschluß, über das häßliche Benehmen Trefusis' nicht zu reden,
das jetzt den vorwiegenden Gesprächsstoff in der Familie bildete.
Agatha lauschte schweigend den geschwätzigen Auseinandersetzungen
über seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgültigkeit
bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem
Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehässigen Widerstand gegen die
Wünsche der Jansenius', seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden
Aufschrift, seine Verbindung mit gewöhnlichen Arbeitern und niedrigen
Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft
zur Ermordung der Königlichen Familie und zu Dynamitattentaten auf
die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer
Schmähschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen
eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige
Hilfe könnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte,
und schließlich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in
Old Bailey in aufrührerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine
Gefängnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die
Genialität seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte
einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter großen
Kosten für Trefusis, daß das Urteil für ungültig erklärt wurde. Agatha
wurde zuletzt müde, immer nur von seinen Missetaten zu hören. Sie hielt
ihn zwar für herzlos, selbstsüchtig und verführt, aber sie wußte, daß
er kein lärmender, roher, eingebildeter und unwissender Zänker war,
wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fühlte
sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen,
die es wagten, ihn zu verteidigen.
Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr
Mißgeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehörigen Zeit in die
Gesellschaft eingeführt und fand alles sehr langweilig. Manchmal
wurde bei ihr dieses Gefühl so stark, daß sie sich fragte, ob
sie wohl je wieder glücklich sein würde. Auf der Schule hatte es
Kameradschaftlichkeit gegeben, Spaß, Regeln und Vorschriften, die
den Willen stärkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzückende
Aufregung brachten, wenn man sie übertrat. Da war man frei von
Förmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Geländer
hinabfliegen und einer ganzen Schar Mädchen den Soldat im Kamin
vorführen. In der Gesellschaft gab es lächerliche Gespräche, die eine
halbe Minute dauerten, oberflächliche Bekanntschaften, die sich auf
solchen halben Minuten gründeten, ein allgemeines wechselseitiges
Mißtrauen, dicht gedrängte Menschenmengen, ungenügende Ventilation,
schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben,
ungesundes Essen, vergiftende Liköre, ein eifersüchtiger Wettbewerb in
nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und
Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den
Unterschied zwischen Alton und London erträglich, aber sie hatten ihre
Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Aufführungen
der geistlosen Opern und Musikstücke waren bedauerlich selten.
Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Männer weg, sobald
sie zärtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs
ohne seinen Geist. Die jüngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten
sie für ungeschliffen. Sie unterhielten sich über Agathas schlechte
Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, daß sie sie nicht
mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise,
die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste
machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmädchen für
>Jungens< bei. Sie genoß jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft
älterer oder vernünftigerer Männer, die nicht so unduldsam gegen
Mädchen waren.
Jedenfalls hatte sie sich noch nie so wenig glücklich gefühlt wie in
diesem Jahr. Sie brachte wiederholt ihre Mutter in Aufregung, indem sie
Pläne faßte, Krankenpflegerin, Sängerin oder Schauspielerin zu werden.
Jeder dieser Pläne führte zu flüchtigen, planlosen Studien. Um die
Befähigung zu einer Krankenpflegerin zu bekommen, las sie ein Handbuch
der Physiologie, und Mrs. Wylie hielt das für einen so unpassenden
Gegenstand für eine junge Dame, daß sie weinend zu Mrs. Jansenius ging
und sie bat, ihr ungezogenes Kind doch zurechtzuweisen. Mrs. Jansenius,
besser unterrichtet, war der Ansicht, je mehr eine Frau wüßte, desto
vernünftiger würde sie jedenfalls handeln, und Agatha würde die
Physiologie schon bald aus eigenem Antrieb fallen lassen. Das erwies
sich als richtig. Agatha hatte ihr Buch, in dem sie viel überschlug,
schnell beendigt und ging nun zum Studium der Pathologie über nach
einem Band klinischer Vorlesungen. Sie fand darin genau ihre eigenen
Empfindungen beschrieben, und zwar als Symptome der schrecklichsten
Krankheiten. Sie legte es voller Schrecken weg und nahm einen Roman
zur Hand. Dieser war frei von den Fehlern ihrer früheren Lektüre, denn
keines von den Gefühlen, die in dem Roman vorkamen, glich auch nur im
mindesten denen, die sie schon gehabt hatte.
Nach einer kurzen Frist ließ sie sich von einem beliebten Gesanglehrer
untersuchen, ob ihre Stimme stark genug sei für die Bühne. Er empfahl
ihr, bei ihm sechs Jahre lang zu lernen, und versicherte ihr, daß
sie am Ende dieser Zeit -- wenn sie seinen Anweisungen folgte -- die
größte Sängerin der Welt sein würde. Hiergegen hatte sie in Gedanken
die entscheidende Einwendung, daß sie in sechs Jahren eine alte Frau
sei. So beschloß sie, es selbst zu versuchen, vielleicht würde sie
allein schnellere Fortschritte machen. Für den Fall, daß aus ihrer
Sängerinnenlaufbahn nichts würde, beschloß sie, zum Schauspiel zu
gehen, und nahm Unterricht in der Aussprache und in Leibesübungen.
Diese Übungen hatten einen so günstigen Einfluß auf ihre körperliche
und geistige Gesundheit, daß ihr bisheriges Streben ihr noch gar nicht
weit genug ging. Sie versuchte nacheinander alle Künste, wurde aber
jedesmal durch ihre Willensschwäche entmutigt, wenn sie versuchte,
ausdauernd zu sein. Sie wußte als allgemeine Regel, daß schwächliche
und lächerliche Versuche der Anfang von allem Tüchtigen sind, aber sie
fand nie eine Regel für ihren eigenen Fall und glaubte noch immer,
sie sei eine Ausnahme, grade wie sie es in ihrer Liebe zu Smilasch
geglaubt hatte. Sie lag noch ganz in den Selbsttäuschungen der Jugend.
Inzwischen beängstigten ihre Fortschritte gar sehr ihre Mutter.
Diese kannte solche Anfälle von heiterer Stimmung, auf die dann das
quälende Gefühl des Mißerfolgs und der Nutzlosigkeit folgten, nur als
>Wildheit< und >schlechte Laune< und bekämpfte sie mit Handarbeit als
beruhigendem Mittel und Fleischtee als anregendem Mittel. Mrs. Wylie
hatte es auswendig gelernt, daß die ganzen Pflichten einer Dame darin
beständen, anmutig, gütig, hilfreich, bescheiden und selbstlos zu
sein und ruhig abzuwarten, was ihr diese Tugenden bescherten. Aber
dann hatte sie durch Erfahrung gelernt, daß das Geschäft einer Dame
in der Gesellschaft nur das sei, sich zu verheiraten, und daß alle
diese Tugenden und Vollkommenheiten nur den Wert hätten, passende
junge Männer anzuziehen. Da diese Wahrheit unanständig ist, überläßt
man es gewöhnlich den jungen Damen ein oder zwei Jahre lang, es
selbst herauszufinden. Es wird ihnen selten bei ihrem Eintritt in die
Gesellschaft ausdrücklich mitgeteilt. Daher weisen sie oft in ihrer
ersten Saison großartige Partien zurück und müssen sich nachher zu
sehr reduzierten Preisen anbieten, je nachdem wie ihre Reize anfangen
schal zu werden. Dieses Schicksal fürchtete auch Mrs. Wylie, die durch
Mrs. Jansenius gewarnt war, für Agatha. Von Zeit zu Zeit wurde ihr
ein junger, wohlhabender Gentleman vorgestellt, aber sie vertrieb ihn
jedesmal in barscher Weise, sobald er eine Anspielung auf ihre Gefühle
machte. Die angstvolle Mutter tröstete sich damit, wenn ihre Tochter
auch die wünschenswerten und die nichtwünschenswerten Partien in
gleich grausamer Weise zurückstieß, so knüpfte sie doch wenigstens
keine unschicklichen Verbindungen an und war außerdem noch sehr jung.
Auch würde sie wohl weniger spröde sein, wenn sie etwas älter und, wie
Mrs. Jansenius es nannte, vernünftiger wurde.
Aber eine Saison folgte auf die andere, und es blieb fraglich, wen man
mehr beglückwünschen sollte, Agatha, weil sie nach der Schulzeit das
Leben begonnen, oder Henrietta, weil sie es beendet hatte.
Elftes Kapitel.
Brandon Beeches im Themsetal war der Wohnsitz von Sir Charles Brandon,
dem siebten Baronet dieses Namens. Er hatte seinen Vater verloren,
bevor er mündig geworden war, und heiratete kurz nachher, so daß er
mit fünfundzwanzig Jahren Vater von drei Kindern war. Er sah trotz
seiner Jugend etwas verlebt aus, aber er war schlank und ansprechend
und hatte eine gewinnende Art, die Unglücksfälle der andern von einer
freundlichen und beruhigenden Seite zu nehmen. Er war ein guter
Erzähler, liebte Musik und konnte etwas spielen und singen. Er liebte
das Zeichnen und skizzierte in Wasserfarben, er las jede Zeitschrift
von London bis Paris, die Kunstkritiken brachte, er hatte ein paar
Reisen gemacht, er fischte etwas, schoß etwas und botanisierte etwas,
er lief rastlos hinter den Frauen her und verschwendete seine Energie
auf all den tausend Wegen, die ihm sein Reichtum und seine Fähigkeiten
offen machten. Auf keinem Gebiete besaß er genauere Kenntnisse, aber
er hatte sich doch vieles so weit angesehen, daß er an die Stelle
vollständiger Unkenntnis gemäßigte Unwissenheit setzen konnte. Er hatte
nie den Genuß gekannt, etwas Großes zu vollbringen, und quälte sich
mit einer unbefriedigten Sehnsucht, die ihn melancholisch machte und
ihn überzeugte, er sei ein geborener Künstler. Seine Frau fand ihn
selbstsüchtig verdrießlich und wankelmütig und sagte, er hielte sich
jedesmal für gefährlich krank, wenn er sich nur etwas erkältet habe.
Lady Brandon, die übrigens glaubte, er verstände alle die Dinge,
über die er redete, weil sie sie selbst auch nicht verstand, war
eine seiner Enttäuschungen. Ihrem Äußern nach glich sie keinem der
Schönheitsideale, die die Maler ihrer Zeit darstellten, aber sie hatte
Reize, für die wenige Männer unempfindlich sind. Sie war groß, weich
und stark, mit vollen, wohlgeformten Armen, Schultern und Hüften.
Mit ihrem kleinen Kopf, den zarten Ohren, den hübschen Lippen, den
schelmischen Augen stellte sie, da sie eine sehr große Person war,
eine Fülle von halb weiblicher, halb kindlicher Lieblichkeit dar,
die selbst ernsten Männern das Verlangen einflößte, sie in ihre Arme
zu nehmen und zu küssen. Dieses Verlangen hatte den oberflächlichen
geistigen Geschmack Sir Charles' auf den ersten Anblick besiegt. Seine
Einbildung versah sie mit jenem Verständnis für die höheren Künste,
das er von einer Frau verlangte, und er heiratete sie in ihrer ersten
Ballsaison, um dann zu entdecken, daß das Liebesbedürfnis in ihrem
Wesen so gering und so matt war, daß sie alle seine Versuche, zärtlich
gegen sie zu sein, ins Lächerliche zog und ihn um alle Liebesgenüsse
brachte, nach denen er sich mit dem ganzen vorher empfundenen Entzücken
gesehnt hatte. Auf geistigem Gebiete enttäuschte sie seine Hoffnungen
aber noch viel mehr. Nach ihrer Meinung war seine Lieblingskunst, das
Malen, für Amateure nur ein Zeitvertreib und für Berufskünstler ein
Nebenzweig beim Einrichten eines Hauses. Wenn er diesen Gegenstand
mit seinen Freunden erörterte, dann pflegte sie ihre Ansicht mit
einem Eigendünkel zu äußern, der um so unangenehmer war, weil sie oft
die gröbsten Schnitzer machte, während er selbst seine Schlüsse mit
der höchsten Feinheit und Ernsthaftigkeit durchführte. Bei solchen
Gelegenheiten machte sie sich aus seinem Widerwillen durchaus nichts,
sie frohlockte sogar darüber. Sie war zu der Überzeugung gekommen, die
Ehe sei noch eine größere Torheit und die Männer seien noch größere
Narren, als sie geglaubt hatte. Aber diese Überzeugung verstärkte eher
ihr Pflichtgefühl, als daß es sie enttäuscht hätte, und da sie genügend
Geld, genügend Dienerschaft, genügend Gäste und genügend Reitübungen
hatte, die sie übermäßig liebte, so verfloß ihre Zeit aufs angenehmste.
Behaglichkeit erschien ihr als der natürliche Zustand des Lebens, jede
Störung setzte sie in Erstaunen. Die Freunde ihres Mannes, die mit
Mißtrauen in die Zukunft sahen und mit Bitterkeit an manche vergangene
Stunde zurückdachten, waren ihr nur Beispiele dafür, daß vieles Lesen
und ein Leben ohne Bewegung die Menschen mißmutig und stumpf mache.
An einem schönen Maimorgen, als sie auf einem mächtigen, braunen
Pferd die Einfahrt nach Brandon Breeches hinuntergaloppierte, öffnete
sich an dem Ende das Tor, und ein junger Mann kam auf einem Zweirad
herausgefahren. Er war von schmächtiger Gestalt mit schönen, dunkeln
Augen und feinen Nasenflügeln. Als er Lady Brandon erkannte, schwenkte
er seine Mütze, und als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem
leblosen Stahlroß ab, so daß das braune Pferd scheute.
»Ruhig, du dummes Tier!« rief sie und schlug es mit dem Ende ihrer
Peitsche. »Zwar, es ist kein Wunder, wenn es erschrickt. Wie geht es
Ihnen? Wie hübsch ist es, daß man jetzt auf einem Pferd reiten kann,
das auf Rädern läuft.«
»Aber ich bin nicht reich genug, um ein wirkliches Pferd zu halten,«
sagte er und trat näher, um den Braunen zu streicheln, nachdem er sein
Rad gegen einen Baum gelehnt hatte. »Übrigens fürchte ich mich vor
Pferden, ich bin nicht an sie gewöhnt. Ich verstehe auch nicht, sie zu
füttern. Mein Rad braucht kein Futter. Es beißt und tritt nicht. Es
geht nie lahm, es wird nicht krank, stirbt nicht, braucht keinen Diener
und --«
»Das ist alles Unsinn,« sagte Lady Brandon heftig. »Es stolpert und
gibt Ihnen die schrecklichsten Stöße, es geht lahm, weil seine Pedale
oder sonst etwas sich lösen, und trägt sich ab, und es macht zweimal so
viele Mühe, wenn man es sauber halten und den Schmutz entfernen will,
als ein Pferd. Und so ist es bei allem. Ich glaube, der lächerlichste
Anblick auf der Welt ist ein Mann auf einem Zweirad. Er strampelt nach
Leibeskräften mit den Füßen und glaubt, sein Roß trüge ihn, während er
doch, wie es jeder sehen kann, sein Roß trägt. Sie brauchen mir nicht
vorzureden, es sei ebenso leicht, eine große, leblose eiserne Maschine
mitzuschleppen, wie auf gewöhnliche Art zu gehen. Das ist heller
Unsinn.«
»Trotzdem kann ich es in einem Tag hundert Meilen weiter bringen, als
mich selbst allein. Das sind die Wunder der Mechanik. Doch ich weiß,
neben Ihnen und diesem prächtigen Tier schneiden wir zwei nur eine
armselige Figur -- kein Mensch wirft einen Blick auf mich, während Sie
mit vollem Recht allgemeine Aufmerksamkeit erregen.«
Sie warf ihm einen Blick zu, daß ihn ein Schwindelgefühl überkam und
sein Herz schneller pochte. Das war so eine alte Gewohnheit von ihr.
Sie bewahrte sie aus Liebe zum Spaß und hatte keine Ahnung, welchen
Eindruck sie auf entzündlichere Herzen als ihr eigenes machte. Er
setzte hastig hinzu:
»Ist Sir Charles zu Hause?«
»Ach ja, das ist die lächerlichste Sache, von der ich je in meinem
Leben gehört habe,« rief sie aus. »Ein Mann, der unten auf dem
Riverside Road ganz allein in einem Häuschen wohnt, das so klein ist
wie eine Spielzeugsparbüchse -- Sie kennen ja die Dinger, die ich meine
-- er nennt es Sallusts Haus, behauptet, es bestände ein Wegerecht
über unsern neuen Rasenplatz. Als ob irgend jemand da noch ein Recht
haben könnte, nachdem wir all das Geld ausgegeben haben, um es von
drei Seiten zu umzäunen, nachdem wir die Mauer an der Straße entlang
errichtet, nachdem wir planiert, gepflanzt, entwässert und Gott weiß
was sonst getan haben. Und jetzt sagt der Mann, all das gewöhnliche
Volk und die Strolche aus der Umgegend hatten ein Recht, quer darüber
zu gehen, weil sie zu faul sind, den kleinen Umweg über die Straße zu
nehmen. Nun ist Sir Charles hingegangen, um mit dem Mann über die Sache
zu sprechen. Natürlich tat er nicht, was ich wollte.«
»Und was war das?«
»Dem Mann schreiben, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten
bekümmern, und ihm mitteilen, die erste Person, die man bei dem Versuch
ertappte, in unser Eigentum einzubrechen, würde der Polizei übergeben.«
»Dann werde ich also niemand daheim finden. Verzeihen Sie, daß ich das
so nenne, aber es ist der einzige Platz, der so etwas wie ein Heim für
mich ist.«
»Ja, es ist so gemütlich, seit wir das Billardzimmer gebaut und all
die häßlichen Vorhänge beseitigt haben. Ich habe so lange wie möglich
versucht --«
Sie wurde durch einen alten Arbeiter unterbrochen, der so schnell, wie
ihm seine Gicht erlaubte, herangehumpelt kam und ohne weitere Umstände,
nur daß er seine Kappe abnahm, zu sprechen begann.
»Sie sind auf den neuen Rasen gekommen, Mylady, eine Masse Menschen!
Und ein Geistlicher ist dabei und eine Fahne! Sir Charles weiß nicht,
was er sagen soll. So was ist noch nicht da gewesen.«
Lady Brandon wurde blaß und zog an ihrem Zügel, als ob sie ihr Pferd
aus einer Gefahr zurückziehen wollte. Ihr Besucher fragte ganz verwirrt
den alten Mann, was er damit sagen wollte.
»Es kommt ein Aufzug über den neuen Rasen,« antwortete dieser, »und
der Herr kann sie nicht aufhalten. Sie haben die Mauer niedergerissen,
drei Meter breit liegt sie an dem Riverside Road. Und ein Geistlicher
ist dabei und eine Fahne. Und der Mann aus Sallusts Haus ist dabei und
feuert sie an.«
»Die Mauer niedergerissen!« rief Lady Brandon aus und wurde vor
Entrüstung abwechselnd rot und wieder blaß. »Welch eine schändliche
Geschichte! Wo ist die Polizei? Chester, wollen Sie mitkommen und
sehen, was sie machen? Sir Charles ist zu nichts zu gebrauchen. Glauben
Sie, daß eine Gefahr dabei ist?«
»Es sind zwei Polizisten da,« sagte der alte Mann. »Und den Mann aus
Sallusts Haus wagen sie nicht anzuhalten. Sie sehen ruhig zu. Und ein
Geistlicher ist dabei. Ich sah, wie er mit eigener Hand ein Stück von
der Mauer wegriß.«
»Den Spaß will ich mir doch ansehen,« sagte Chester.
Lady Brandon überlegte. Aber ihr Ärger und ihre Neugierde überwanden
ihre Furcht. Sie überholte das Zweirad, und sie kamen beide durch
das Tor und über die Landstraße zu dem Schauplatz, den der alte Mann
beschrieben hatte. Ein Haufen von Steinen und Mörtel lag auf der Straße
rechts und links von einer Bresche in einer neuerbauten Mauer, und
Lady Brandon konnte von ihrem hohen Sitz auf dem Pferderücken einen
Trupp von ungefähr dreißig Mann sehen, der quer über den Rasenplatz
auf sie zukam. Sie marschierten schweigend und in guter Ordnung zu
dreien nebeneinander. Mit Ausnahme von ein paar lustigen Kerlen machten
sie alle Gesichter, als ob sie Andächtige wären, die eine religiöse
Handlung vornähmen. Der ernste Eindruck der Prozession wurde durch
die Anwesenheit eines Geistlichen in ihren Reihen verstärkt. Sonst
waren es Leute der mittleren Klassen und ein paar Arbeiter. Sie trugen
ein Banner mit der Inschrift: »Der Boden Englands dem ganzen Volke.«
Es waren auch vier Frauen dabei, auf die Lady Brandon mit äußerstem
Unwillen und Verachtung blickte. Kein Mann aus der Nachbarschaft hatte
es gewagt, sich anzuschließen. Sie standen flüsternd auf der Landstraße
und versuchten dann und wann über die Witze zweier Landstreicher zu
lachen, die stehengeblieben waren, um sich den Spaß anzusehen, und die
sich gar nichts aus Sir Charles machten.
Sir Charles stand etwas vom Wege ab auf dem Rasen und stritt sich
ärgerlich mit einem Mann seiner eigenen Klasse, der die Hände in den
Taschen seines gelbbraunen Anzugs mit dem Rücken nach der Bresche zu
stand und mit stolzer Zufriedenheit die Prozession betrachtete. Lady
Brandon vermutete sofort, daß dies der Mann aus Sallusts Hause sei. Die
Ergebenheit der Menge -- die meisten machten ihr Platz und faßten an
ihre Mützen -- gab ihr Mut. Sie schlug mit ihrer Peitsche heftig auf
ihr Pferd ein und ritt, daß die Hufe trappelten und die Rasenstücke
umherflogen, mitten auf ihren gelbbraunen Feind los, der schnell zur
Seite springen mußte, um sich zu retten. Ein stürmisches Gelächter
erscholl auf der Landstraße, und der Mann wandte sich scharf nach ihr
um. Aber plötzlich lächelte er freundlich, steckte seine Hände wieder
in die Taschen, nachdem er mit dem Hut gegrüßt hatte, und sagte:
»Wie geht es Ihnen, Miß Carpenter? Ich dachte, Sie wären eine
Kavallerieattacke.«
»Ich bin nicht Miß Carpenter, ich bin Lady Brandon, und Sie sollten
sich etwas schämen, Mr. Smilasch, daß Sie diese abscheulichen Menschen
hergebracht haben.«
In seinen Augen lag ein beredtes Bedauern, daß sie nicht mehr
Miß Carpenter sei. »Ich bin nicht Smilasch,« entgegnete er, »ich bin
Sidney Trefusis. Ich hatte grade das Vergnügen, zum ersten Male mit
Sir Charles zusammenzutreffen, und wir werden die besten Freunde sein,
wenn ich ihn nur erst überzeugt habe, daß es schwerlich recht ist, sich
eines Weges zu bemächtigen, der den Leuten gehört, und sie zu zwingen,
einen Umweg von anderthalb Meilen um sein Besitztum zu machen, statt
hier durchzugehen.«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr,« bemerkte Sir Charles, »daß
ich beabsichtige, noch einen kürzeren Weg anzulegen, und ich werde
allen Arbeitern von guter Aufführung erlauben, zweimal täglich diesen
Weg zu überschreiten. So können sie zu ihrer Arbeit gehen und abends
zurückkehren, und ich will den Weg auf meine Kosten im Stande erhalten.«
»Danke sehr,« sagte Trefusis trocken. »Aber weshalb sollen wir Ihnen
die Mühe machen, wenn wir selbst einen Weg haben, den wir fünfzigmal
am Tag betreten können, falls wir dazu Lust verspüren, und auf dem uns
kein Mann den Zugang verlegt, bis ihm einmal zufällig unsere Aufführung
gefällt? Übrigens würde Ihr nächster Erbe sicherlich sofort den Weg
schließen, wenn er das Besitztum anträte.«
»Wenn man ihnen einen Weg anbietet, werden sie erst recht
unverschämt,« sagte Lady Brandon zu ihrem Gatten. »Warum hast du ihnen
überhaupt etwas versprochen? Sie würden es nicht für eine Beschwerde
halten, wenn sie anderthalb oder auch zwanzig Meilen gehen müßten,
um ein Wirtshaus zu erreichen, aber um zu ihrer Arbeit zu kommen, da
halten sie einen Weg von einem Meter schon für etwas Schreckliches.
Vielleicht hätten Sie es auch gern, wenn wir ihnen unseren Wagen
liehen, um darin zu fahren.«
»Ich zweifle nicht, daß sie es gerne hätten,« sagte Trefusis und sah
sie freundlich an.
»Bitte, laß mich das in Ordnung bringen, Jane. Das ist kein Platz für
dich. Begleite Erskine nach Hause, er muß sich hier --«
»Warum sorgt die Polizei nicht dafür, daß sie fortgehen?« fragte Lady
Brandon, die zu erregt war, um auf ihren Mann zu hören.
»Bitte, Jane, sei still. Was können drei Mann gegen dreißig oder
vierzig ausrichten?«
»Sie sollten jemand als Exempel für die andern herausgreifen.«
»Sie haben sich in der artigsten Weise erboten, mich festzunehmen, wenn
Sir Charles den Haftantrag stellt,« sagte Trefusis.
»Nun also!« sagte Lady Jane und wandte sich zu ihrem Gatten. »Warum
läßt du ihn -- oder sonst irgend jemand -- denn nicht verhaften?«
»Du verstehst davon nichts,« sagte Sir Charles mit dem quälenden
Gefühl, sie mache ihn öffentlich lächerlich.
»Wenn du es nicht tun willst, will ich es tun,« fuhr sie fort. »Diese
Frechheit, auf unsern Grund und Boden einzubrechen und unsere neue
Mauer einzureißen! Das wäre ja noch schöner, wenn die Leute mit fremdem
Eigentum tun könnten, was sie wollten. Ich will die ganze Gesellschaft
verhaften lassen.«
»Würden Sie mich ins Gefängnis werfen lassen?« fragte Trefusis in
melancholischem Tone.
»Ich habe nicht grade Sie gemeint,« sagte sie, sanfter werdend. »Aber
ich werde den Geistlichen verhaften lassen, der müßte doch mehr
Einsicht haben. Er ist der Anstifter der ganzen Geschichte.«
»Er wird entzückt sein, Lady Brandon. Er schmachtet nach dem
Märtyrertum. Aber wollen Sie ihn wirklich in Haft geben?«
»Natürlich,« sagte sie heftig und bekräftigte ihre Versicherung, indem
sie im Sattel auffuhr, so daß das Pferd unruhig wurde.
»Auf wessen Rechnung?« fragte er und tätschelte das Pferd, indem er zu
ihr aufblickte.
»Das ist mir gleich, auf wessen Rechnung,« erwiderte sie und fühlte,
daß er sie mit Bewunderung und nicht mit Mißvergnügen ansah. »Sie
sollen ihn einfach mitnehmen, weiter nichts.«
Menschen zu Pferde sind so sehr Zentauren, daß jede Freiheit, die man
sich mit den Pferden erlaubt, als gegen die Menschen gerichtet gelten
können. Sir Charles sah, daß Trefusis den Braunen tätschelte, und er
fühlte sich so sehr beschimpft, als ob Lady Brandon selbst getätschelt
worden wäre. Dazu ärgerte er sich über sie, weil sie ihm solche
Vertraulichkeit gestattete. Er atmete auf, als jetzt die Prozession
näher kam. Sie hielt inne, und die Führer gingen zu Trefusis, der mit
ernster Stimme sagte:
»Gentlemen, ich gratuliere Ihnen zu der Festigkeit, mit der Sie heute
die Rechte des Volkes vertraten, da es sich darum handelte, die
Benutzung eines der wenigen Stückchen Land zu verteidigen, die man uns
noch nicht geraubt hat.«
»Gentlemen,« rief ein erregtes Mitglied der Prozession, »ein
dreimaliges Hurra auf die Zurücknahme des englischen Landes durch das
englische Volk! Hip, hip, hurra!«
Die Hurras wurden mit großer Begeisterung gegeben, und Sir Charles'
Wangen färbten sich bei jeder Wiederholung dunkler. Er blickte
ärgerlich auf den Geistlichen, aber der war jetzt ganz durch die Reize
der Lady Brandon gefesselt, die ihre Verachtung über den Anblick der
Menge durch ein Schmollen zum Ausdruck brachte, das ihren schönen
Lippen entzückend stand.
Dann trat ein Arbeiter im mittleren Alter von der Landstraße auf den
Rasen. Er hatte seinen Hut in der Hand, verbeugte sich ehrfurchtsvoll
und sagte: »Sehen Sie her, Sir Charles. Achten Sie nicht auf die Kerle.
Kein Mann aus der Nachbarschaft ist dabei, keiner, der bei Ihnen
oder auf Ihrem Land beschäftigt ist. Wir empfehlen uns Ihnen und der
gnädigen Frau, und wir vertrauen Ihnen, daß Sie schon das tun, was für
uns recht ist. Wir wollen keine Eindringlinge von Lunnon, die uns mit
Ew. Gnaden in Unfrieden bringen, und --«
»Du erbärmlicher Hund,« schrie Trefusis wütend, »welches Recht hast
du, seinen ungeborenen Kindern die Freiheit deiner ungeborenen Kinder
fortzugeben?«
»Wir haben keine ungeborenen Kinder,« sagte Lady Brandon unwillig, »das
zeigt wieder, wie wenig Sie davon wissen.«
»Auch bei mir sind keine,« sagte der Mann und war stolz, weil die
gnädige Frau ihm half. »Und wer sind Sie, daß Sie mich einen Hund
nennen?«
»Wer ich bin? Ich bin ein reicher Mann -- einer von euren Herren, und
ich habe das Vorrecht, euch zu nennen, was ich will. Sie sind ein
kriechender, halbverhungerter Sklave. Nun gehen Sie und suchen Sie
beim Gesetz gegen mich Recht. Ich kann mir die Gesetze kaufen, um Sie
zu ruinieren, und es würde mich weniger Geld kosten, als in Schottland
Wild zu schießen oder hier Raubzeug. Wie gefällt Ihnen dieser Zustand?
He?«
Der Mann war niedergedrückt. »Sir Charles wird mir beistehen,« sagte er
nach einer Pause mit gezwungenem Vertrauen und einem ängstlichen Blick
auf den Baronet.
»Wenn er das tut, nachdem er die Antwort gehört hat, die Sie mir gaben,
weil ich für Ihre Sache eintrat, dann ist er ein größerer Narr, als ich
es glaube.«
»Ruhig, ruhig,« sagte der Geistliche. »Man kann manche Entschuldigung
für den armen Kerl finden.«
»Ich bin so ruhig, wie Sie wollen, gegen jeden, der im Herzen ein
freier Mann ist,« sagte Trefusis. »Aber Sklaven muß man hetzen, und
dieser Kerl ist ein Sklave bis ins Mark.«
»Trotzdem muß man nachsichtig sein. Er versteht nicht --«
»Er versteht eine ganze Menge mehr als Sie,« sagte Lady Brandon, ihn
unterbrechend. »Und das ist um so beschämender für Sie, weil Sie es
am besten wissen sollten. Ich nehme an, daß Sie irgendwie Erziehung
genossen haben. Sie werden kaum mit sich zufrieden sein, wenn Ihr
Bischof hiervon hört. Ja,« fügte sie hinzu und wandte sich an Trefusis
mit einer kindlichen Miene, als ob sie eigentlich weinen wollte, aber
gegen ihren Willen zum Lachen gezwungen wurde, »Sie können lachen,
soviel es Ihnen gefällt -- machen Sie sich nicht die Mühe und stellen
sich, als ob Sie nur gehustet hätten -- aber wir werden an seinen
Bischof schreiben, und er soll seine Strafe haben.«
»Um Gottes willen, Jane, schweige doch,« sagte Sir Charles, indem er
das Pferd beim Zaum nahm und es von Trefusis entfernte.
»Ich will aber nicht. Wenn es dir so gefällt, hier ruhig zuzusehen, wie
sie die Mauer in den Taschen davontragen, ich tu es nicht und will es
nicht. Warum kannst du die Polizei nicht veranlassen, etwas zu tun?«
»Sie können nichts tun,« sagte Sir Charles und war fast außer sich vor
Scham. »Ich kann auch nichts tun, bis ich mit meinem Anwalt gesprochen
habe. Wie kannst du das ertragen, hier zu stehen und dich mit diesen
Burschen herumzuzanken. Es ist so würdelos!«
»Du hast gut von Würde reden, aber ich verstehe nicht die Würde,
es zu dulden, daß andere Leute ohne Erlaubnis auf unserem Grund
herumtrampeln. Mr. Smilasch, wollen Sie die Leute veranlassen,
fortzugehen, und ihnen sagen, sie würden alle angezeigt und ins
Gefängnis gebracht?«
»Sie gehen zu der Straßenkreuzung, um eine öffentliche Versammlung zu
veranstalten und natürlich Reden zu halten. Ich sollte Ihnen sagen,
daß sie es aufs tiefste bedauern, wenn sie mit ihrer Kundgebung Sie
persönlich belästigt haben, Lady Brandon.«
»Das sollten sie auch,« antwortete sie. »Sie sehen nicht sehr betrübt
aus. Sie bekommen natürlich langsam Angst über das, was Sie angerichtet
haben, und sie wären offenbar froh, wenn Sie durch eine Entschuldigung
den Folgen Ihrer Handlungsweise entgingen. Aber das sollen Sie nicht.
Ich bin nicht so dumm, wie Sie glauben.«
»Sie glauben das nicht, Sie haben das Gegenteil bewiesen.«
»Jane,« fragte Sir Charles verdrießlich, »kennst du diesen Herrn?«
»Natürlich kenne ich ihn,« sagte Lady Brandon mit Nachdruck.
Trefusis verneigte sich, als ob er soeben in aller Form dem Baron
vorgestellt worden sei, worauf dieser die Begrüßung steif erwiderte,
da er nicht imstande war, einen älteren, bestimmteren und hier auch
gewandteren Mann zu ignorieren.
»Es scheint das eine unnachbarliche Handlung zu sein, Sir Charles,«
sagte Trefusis ganz behaglich. »Aber es handelt sich um eine
öffentliche Angelegenheit, die nicht auf unsere privaten Beziehungen
überzugreifen braucht. Wenigstens hoffe ich das.«
Sir Charles verbeugte sich von neuem und noch kühler als zuvor.
»Ich bin wie Sie ein Kapitalist und Grundbesitzer --«
»Wozu Sie, wenn Sie ernsthaft reden, kein Recht haben,« fiel hier
Chester ein, der bisher schweigend an Sir Charles' Seite gestanden
hatte.
»Gewiß habe ich kein Recht, das zu sein,« sagte Trefusis und sah ihn
mit Interesse an. »Aber ich kann es nun einmal nicht ändern. Habe ich
das Vergnügen, mit Mr. Chichester Erskine zu sprechen, dem Schöpfer der
Tragödie >Die patriotischen Märtyrer<, die mit begeisterter Hingabe dem
Genius der Freiheit und einigen berühmten Kämpfern für seine Grundsätze
gewidmet ist, und die mit kraftvollen Worten den letzten russischen
Zaren und Napoleon den Dritten der Tyrannei anklagt?«
»Ja, mein Herr,« sagte Erskine errötend, denn er fühlte, daß diese
Beschreibung seines Dramas ihn in den Augen der Anwesenden, die es
nicht gelesen hatten, lächerlich machen mußte.
»Dann,« sagte Trefusis und streckte die Hand aus -- Erskine dachte
zuerst, er wollte die seine schütteln -- »geben Sie mir eine halbe
Krone für die Kosten unseres heutigen Unternehmens, das die Rechte des
Volkes sichern soll, den Boden zu betreten, auf dem wir jetzt stehen.«
»Sie sollen das nicht tun, Chester,« schrie Lady Brandon. »So was hab
ich in meinem Leben noch nicht gehört. Bezahlen -Sie- uns die Mauer und
den Zaun, die Ihre Leute zerstört haben, Mr. Smilasch, das würde zu
dem Zwecke besser sein.«
»Wenn ich tausend Männer finden könnte, die so tüchtig sind wie
Sie, Lady Brandon, ich würde die nächste große Revolution vor dem
Ende dieses halben Jahres durchführen.« Er sah sie einen Augenblick
forschend an, als ob er sich an etwas erinnern wollte, und fügte dann
unerwartet hinzu: »Wie geht es Ihren Freundinnen? Da war eine Miß --
Miß -- ich fürchte, ich habe alle Namen außer Ihrem eigenen vergessen.«
»Gertrude Lindsay ist hier bei uns zu Besuch. Erinnern Sie sich ihrer?«
»Ich glaube -- nicht, ich fürchte -- nein. Warten Sie. War es nicht
eine stolze, junge Dame?«
»Ja,« sagte Lady Brandon eifrig und vergaß Mauer und Zaun. »Aber wer
glauben Sie, daß am Donnerstag kommt? Ich traf sie zufällig, als ich
das letztemal in der Stadt war. Sie hat sich aber auch gar nicht
verändert. Sie können sie nicht vergessen haben, darum stellen Sie sich
nicht so verwirrt.«
»Sie haben mir noch nicht gesagt, wer es ist, und ich werde mich
ihrer kaum noch erinnern. Sie dürfen nicht von mir erwarten, daß ich
jedermann sofort wiedererkenne, wie ich Sie erkannte.«
»Welch ein Unsinn. Sie werden Agatha sofort erkennen.«
»Agatha Wylie!« sagte er mit plötzlichem Ernst.
»Ja, sie kommt Donnerstag. Freuen Sie sich?«
»Ich fürchte, ich werde keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.«
»Oh, natürlich müssen Sie sie sehen. Es wird so lustig für uns alle
sein, daß wir wieder wie früher zusammentreffen. Warum können Sie nicht
am Donnerstag zum Luncheon kommen?«
»Ich werde entzückt sein, wenn Sie mir nach meiner heutigen Aufführung
wirklich erlauben, zu kommen.«
»Das werden die Anwälte erledigen. Jetzt, da Sie wissen, wer wir sind,
werden Sie natürlich aufhören, unsere Mauern einzureißen.«
»Natürlich,« sagte Trefusis lächelnd und zog ein Taschenbuch hervor,
um die Einladung zu notieren. »Ich muß schnell machen, daß ich zur
Wegekreuzung komme. Man hat mich wahrscheinlich inzwischen zum
Vorsitzenden gewählt und wartet darauf, daß ich die Versammlung
eröffne. Adieu. Sie haben mir diese Gegend, deren ich schon ganz müde
geworden war, in unerwarteter Weise interessant gemacht.«
Sie wechselten Blicke, wie sie es früher auf der Schule getan hatten.
Dann nickte er Sir Charles zu, winkte Erskine familiär mit der Hand und
folgte der Prozession, die jetzt außer Sicht war.
Sir Charles, der schon längst hatte sprechen wollen, aber wiederholt
durch die schnellen Worte seiner Frau und die unbedenklichen Antworten
Trefusis' daran gehindert wurde, wandte sich jetzt ärgerlich an sie und
sagte:
»Was soll das heißen, daß du diesen Burschen in mein Haus einlädst?«
»Wirklich, -dein- Haus! Ich lade ein, wen ich will. Du scheinst dich
wieder einmal aufzuregen.«
Sir Charles sah sich um. Erskine war diskret fortgegangen und drehte
auf der Straße eine Schraube an seinem Rad fester. Die wenigen
Personen, die zurückgeblieben waren, standen außer Hörweite.
»Wer und was zum Teufel ist er, und wie kommt es, daß du ihn kennst?«
fragte er. Er fluchte sonst nie in Gegenwart einer Dame. Nur bei seiner
Frau machte er eine Ausnahme, und auch nur dann, wenn sie allein waren.
»Er ist ein Gentleman, und das kann man von dir nicht sagen,«
entgegnete sie und sandte mit einem Peitschenhieb, der beinahe die
Schulter ihres Mannes traf, den Braunen in wilden Sätzen durch die
Mauerbresche.
»Kommen Sie mit,« sagte sie zu Erskine. »Wir sind zu spät zum Luncheon
da.«
»Sollen wir nicht lieber auf Sir Charles warten?« fragte er unüberlegt.
»Lassen Sie mich in Ruhe mit Sir Charles, er ist schlecht gelaunt,«
sagte sie, ohne leiser zu sprechen. »Kommen Sie mit.« Und sie ritt im
Galopp davon. Erskine folgte ihr mit dem Gedanken, daß er sich für
seinen Besuch eine sehr unglückliche Zeit ausgesucht habe.
Zwölftes Kapitel.
Am folgenden Donnerstag trafen sich Gertrude, Agatha und Jane zum
erstenmal wieder, seit sie die Schule zu Alton verlassen hatten. Agatha
war am meisten zurückhaltend von den dreien und hatte sich äußerlich
am wenigsten verändert. Sie glaubte, sie sei sehr verschieden von der
Agatha aus Alton, aber sie hatte nur ihre Ansicht über sich verändert,
ihr Wesen war dasselbe geblieben. Sie hatte bei ihren Freundinnen
eine ähnliche Veränderung erwartet und zweifelte sehr daran, daß ihr
Zusammentreffen ein fröhliches sein werde.
Sie fürchtete das mehr wegen Gertrude als wegen Jane, denn Lady Brandon
war, wie sie schon bei der kurzen Unterhaltung in London gefunden
hatte, im Benehmen, Denken und Sprechen dieselbe geblieben, die sie
als Miß Carpenter gewesen war. Aber Jane flößte selbst Agatha jetzt
mehr Respekt ein als früher, denn sie hatte sich aus einem übergroßen
Mädchen in eine schöne Frau verwandelt und machte in ihrer ersten
Saison eine brillante Partie, während viele ihrer hübschen, stolzen
und klugen Altersgenossinnen, die sie auf der Schule beneidet hatte,
noch unverheiratet waren und zu Hause ein ungemütliches Heim hatten,
weil ihre Eltern die Last ihres Unterhalts los werden und durch ihre
Verheiratung ihren Geldbeutel oder ihre Stellung verbessern wollten.
Dies war auch bei Gertrude der Fall. Wie Agatha hatte sie alle
Heiratsanträge abgewiesen. Sie war stolz auf ihre Familie und ihre
Vornehmheit und wollte so wenig wie möglich mit Leuten zu tun haben,
die ihr darin nachstanden. Zuerst schlug sie die Bekanntschaft mit
verschiedenen sehr reichen und vornehm lebenden Familien ab, weil sie
ihre Vorfahren nicht kannten oder sich ihrer schämten. Nachdem sie sich
aus diesem Kreise ausgeschlossen hatte, wurde sie bei Hofe vorgestellt
und nahm von da ab nur noch Einladungen von solchen Leuten an, die nach
ihrer Meinung das Recht zu der gleichen Ehre hatten. Und sie nahm es
in diesem Punkte viel genauer als Lord Chamberlain, der, wie sie sagte,
seinen Rang geschändet hatte, indem er tatsächlich der reine Kommunist
geworden sei. Sie war gut erzogen, hatte feine Sitten und Manieren und
kannte die Vorschriften der Etikette so genau, daß sie damit jeden
Neuling in Verlegenheit setzte. Sie war zart gebaut, hatte feine Zähne
und ein Gesicht von fast griechischem Schnitt, wäre nicht die leicht
aufgestülpte Nase und das etwas zu stark ausgeprägte Kinn gewesen.
Ihr Vater war ein pensionierter Admiral. Er hatte genügend Einfluß,
um seinem Sohne, der nach der Verbindung mit einer reichen Erbin
strebte, durch die konservative Regierung eine Sinekure zu verschaffen.
Aber Gertrude blieb ledig, und der Admiral, der früher über seine
Mittel hinaus für ihre Erziehung gesorgt hatte und noch jetzt in
derselben Weise ihren Aufwand bestritt, beklagte sich so bitter über
ihre Mißerfolge und über die Last, die sie ihm machte, daß ihr das
häusliche Leben fast unerträglich wurde. Sie kam schließlich so weit,
daß sie jeden Gentleman aus guter Familie, wie unpassend auch sonst
sein Alter und sein Charakter war, genommen hätte, nur damit er sie
aus der demütigenden Abhängigkeit befreite. Sie war bereit, auf alles,
wonach sich ihre Natur bei einem Manne sehnte, auf Jugend, Schönheit
und Tüchtigkeit zu verzichten, wenn sie nicht anders von ihren Eltern
loskommen konnte. Nur in einem stand ihr Entschluß fest: sie wollte
lieber als alte Jungfer sterben, als einen Emporkömmling heiraten.
Ihre Pläne scheiterten an der Geldfrage. Der Admiral war arm. Er hatte
kaum sechstausend Pfund Einnahmen im Jahr, und obgleich er mit der
äußersten Genauigkeit wirtschaftete, um einen möglichst großen Aufwand
damit zu treiben, konnte er doch seiner Tochter keine Mitgift geben.
Nun hatten die vornehmen jungen Leute aus ihrem Kreise alle mehr
blaues Blut und weniger Reichtum, als sie brauchten. Sie bewunderten
Gertrude, machten ihr Komplimente, tanzten mit ihr, aber keiner konnte
es sich gestatten, sie zu heiraten. Einige von ihnen sagten ihr das
auch gradezu. Sie heirateten die reichen Töchter von Teehändlern,
Eisengießern oder erfolgreichen Börsenmaklern und versuchten dann
zwischen ihr und ihren niedrig geborenen Schwägern eine Verbindung
anzuknüpfen.
So war also Gertrude, als sie Lady Brandon traf, heimlich in keiner
beneidenswerten Lage, und sie nahm gerne die Einladung nach Brandon
Beeches an, schon um dem täglichen Gespötte des Admirals über die
Heiratsliste in der >Times< zu entgehen. Sie konnte das um so eher tun,
weil Sir Charles kein neugebackener Adliger war, und Jane gegenüber
hatte sie ja schon auf der Schule -- die ihr jetzt als die glücklichste
Zeit ihres Lebens erschien -- anerkannt, daß ihre Familie und ihr
Bekanntenkreis neben ihrem eigenen der vornehmste in Alton war. Agatha,
deren Großvater sich als Besitzer von Gaswerken seinen Reichtum
erworben hatte, hatte sie niemals ihre Freundschaft angeboten. Agatha
hatte sich diese teils durch moralische, teils durch physische Gewalt
einfach erzwungen. Aber die Gaswerke wurden doch niemals vergessen,
und als Lady Brandon als eine köstliche Neuigkeit erwähnte, sie habe
ihre alte Schulfreundin wieder gefunden und sie eingeladen, auch
herüber zu kommen, da war Gertrude durchaus nicht angenehm berührt.
Andererseits war sie, als sie zusammentrafen, die einzige, deren
Augen feucht wurden, denn sie war die am wenigsten Glückliche von den
dreien, und ihr Stolz war, ohne daß sie es wußte, etwas gebrochen. Sie
glaubte, Agatha habe ihre Mädchenhaftigkeit verloren, sie sei aber
dafür mutiger, energischer und gewandter geworden. In Wirklichkeit
mußte Agatha ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre
Schüchternheit zu verbergen. Sie entdeckte auch Gertrudes Bewegung,
denn diese versuchte im letzten Augenblick nicht mehr, sie zu
verbergen. Sie hätte sie sogar frei in Worten ausgedrückt, wenn ihre
gesellschaftliche Erziehung sie nicht nur gelehrt hätte, ihre Gefühle
zu verhehlen, sondern auch, ihnen Worte zu geben.
»Denkt ihr noch an Miß Wilson?« fragte Jane, als die drei von der
Eisenbahnstation nach Brandon Beeches fuhren. »Denkt ihr noch an
Mrs. Miller und ihren Kater? Denkt ihr noch an das Sündenbuch? Wißt ihr
noch, wie ich in den Kanal fiel?«
Diese Erinnerungen gaben ihnen Gesprächsstoff, bis sie das Haus
erreichten und auf Agathas Zimmer gingen. Jetzt hatte Jane etwas im
Haushalt zu besorgen und mußte sie verlassen. Sie tat das ungern, denn
sie war eifersüchtig auf Gertrude und wollte nicht, daß sie ihr bei
der Gewinnung von Agathas Zuneigung zuvorkommen sollte. Sie versuchte
sogar, ihre Nebenbuhlerin mit sich zu nehmen. Aber es war vergebens,
Gertrude wollte sich nicht rühren.
»Was ist das ein schönes Haus und ein prächtiger Platz hier!« sagte
Agatha, als Jane gegangen war. »Und was für ein reizender Mensch Sir
Charles ist! Wir haben immer über Jane gelacht, aber jetzt kann sie
noch über die glücklichste von uns lachen. Ich habe immer gesagt, sie
würde stets blindlings ins Glück hineintappen. Ist es wirklich wahr,
daß sie sich in ihrer ersten Saison verheiratet hat?«
»Ja. Und Sir Charles ist ein Mann von hoher Bildung. Ich kann das nicht
verstehen. Ihr Umfang geht über alles, und ihre Manieren sind schlecht.«
»Ja!« sagte Agatha mit einem pfiffigen Gesicht. »Jane hatte immer
etwas an sich, was die Männer anzog. Und sie ist mehr schelmisch als
närrisch. Aber sie ist gewiß ein großer Esel.«
Gertrude warf ihr einen ernsten Blick zu, um anzudeuten, daß sie jetzt
aus der Gewohnheit heraus sei, auf eine solche Sprache zu hören. Agatha
wurde dadurch gereizt und fuhr fort:
»Hier sind wir beide und halten uns für doppelt so ansehnlich und
umgänglich, als sie ist, aber wir sind alte Jungfern.« Gertrude fuhr
zurück, und Agatha setzte schnell hinzu: »Und dabei bist du doch zum
Beispiel so außerordentlich hübsch! Sie hat uns übrigens ausdrücklich
eingeladen, um uns zu verheiraten.«
»Sie würde doch nicht etwa wagen --«
»Unsinn, liebe Gertrude. Sie glaubt, wir seien ein paar Narren, die
ihre eigenen Angelegenheiten verpfuscht haben, und da sie selbst es so
gut gemacht hat, hält sie es für eine Kleinigkeit, uns zu helfen. Hat
sie dir etwa nicht gesagt, bevor ich ankam, es sei Zeit für mich, daß
ich mich verheiratete?«
»Nun ja. Aber --«
»Genau dasselbe hat sie mir über dich gesagt, als sie mich einlud.«
»Ich würde sofort dieses Haus verlassen,« sagte Gertrude, »wenn ich
dächte, sie wollte sich in meine Angelegenheiten hineinmischen. Was
geht das sie an, ob ich verheiratet bin oder nicht?«
»Wo hast du denn all diese Jahre gelebt, wenn du nicht weißt, daß eine
Frau, sobald sie eine gute Partie gemacht, nichts Eiligeres zu tun hat,
als nun auch ihre ledigen Freundinnen unter die Haube zu bringen. Jane
meint es gar nicht böse. Sie tut es aus lauter Herzensgüte.«
»Ich brauche Janes Herzensgüte nicht.«
»Ich auch nicht. Aber es schadet doch nichts, und sie soll sich
ruhig damit amüsieren, ihre männlichen Bekannten zu meiner Auswahl
vorzuführen. Still! Da kommt sie.«
Gertrude schwieg. Sie konnte sich nicht mit Lady Brandon zanken, ohne
das Haus zu verlassen, und wenn sie das Haus verließ, dann mußte sie zu
ihren Eltern zurückkehren. Aber im stillen beschloß sie, Erskine bei
seinen Aufmerksamkeiten zu entmutigen, denn sie vermutete, daß er gar
nicht in sie verliebt war, wie er behauptete, sondern sie einfach auf
eine Empfehlung von Jane hin heiraten wollte.
Chichester Erskine hatte mit Sir Charles zusammen in Palästina Skizzen
gemalt und war mit ihm durch manche europäische Gemäldegalerie
gewandert. Er war ein junger Mann von adliger Abkunft und hatte von
seiner Mutter eine Rente von fünfhundert Pfund geerbt, während das
Hauptvermögen der Familie an seinen älteren Bruder gefallen war. Da er
keinen Beruf hatte und Bücher und Gemälde liebte, hatte er sich den
schönen Künsten gewidmet, was die billigste Art war, um sich selbst
eine hohe Meinung von der Feinheit und den Fähigkeiten seiner eigenen
Natur beizubringen. Er hatte ein Drama veröffentlicht mit dem Titel:
>Die patriotischen Märtyrer< mit einem radierten Titelblatt von Sir
Charles. Eine Auflage war schnell durch die Dedikationsexemplare an
die Freunde des Künstlers und Dichters und an die Zeitschriften und
Zeitungen abgesetzt worden. Sir Charles hatte dann einen hervorragenden
Tragöden, den er kannte, gebeten, das Werk auf die Bühne zu bringen
und einen von den patriotischen Märtyrern zu spielen. Aber der Tragöde
wandte ein, die Rollen der andern patriotischen Märtyrer seien ja grade
so bedeutend wie seine eigene. Erskine weigerte sich entrüstet, diese
Teile zu kürzen oder fallen zu lassen, und so wurde aus der Aufführung
nichts.
Seitdem trug sich Erskine mit dem Gedanken, ein zweites Drama zu
schreiben, ohne sich um die Forderungen der Bühne zu kümmern. Aber er
hatte es noch nicht begonnen, denn seine Stimmung kam ihm stets zu
ungelegener Zeit, meist spät in der Nacht, wenn er getrunken hatte
und nur Lust empfand, Sonette zu schreiben. Die Morgenluft und das
Radfahren waren verhängnisvoll für die Art von Poesie, die ihm als
die einzige wertvolle erschien. Indessen war trotz des Radfahrens das
Drama, das den Titel >Hypatia< trug, auf dem besten Wege, wirklich
geschrieben zu werden, denn der Dichter hatte Gertrude Lindsay kennen
gelernt und sich in sie verliebt. Ihre fast griechischen Gesichtszüge
und etwas Kenntnis von der Differentialrechnung, die sie in Alton
erworben hatte, verhalfen ihm zu dem Glauben, sie sei ein passendes
Modell für seine Heldin.
Als die Damen herunterkamen, fanden sie ihren Wirt und Erskine in der
Gemäldegalerie, die in der Umgegend berühmt war, weil sie Sir Charles
eine große Summe gekostet hatte. Es gab neue Radierungen zu bewundern,
und der Baronet bat sie, das, was er den Ton des Bildes nannte, zu
beachten -- Agatha würde es den Grad der Schmiererei genannt haben. Sir
Charles ließ seine Augen oft von seinem Kunstwerk abschweifen. Zweimal
sah er auf seine Uhr und sagte endlich:
»Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten pünktlich mit dem Essen sein.«
»O ja. Es ist schon gut,« sagte Lady Brandon. Sie hatte Befehl gegeben,
das Essen vor der Ankunft eines weiteren Gastes nicht zu servieren.
»Zeige Agatha das Bild des Mannes in --«
»Mr. Trefusis,« meldete ein Mädchen.
Mr. Trefusis trat herein, noch immer in gelbbraunem Anzug. Der Rock war
nicht zugeknöpft. Er ging in ungezwungener Gleichgültigkeit und schien
bei keiner Gelegenheit irgendwelche Rücksicht auf gesellschaftliche
Formen für nötig zu halten.
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