(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich
um und will geben.)
(Gloria geärgert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil.
(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und
sieht, mit dem Rücken gegen die andern, hinaus.)
(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...
(Dolly.) Aha!
(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?
(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so
hören Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht
wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue
Beleidigung.)
(Dolly.) Alles.
(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde
abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie
verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von
meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal
geruhen, auch nur das kleinste Interesse für mich zu haben. (Gloria
ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist
das klar?
(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.
(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts
daraus--nicht einmal Ihre Seele wäre Ihr Eigentum geblieben, wenn
Gloria Sie geheiratet hätte. Sie können jetzt ein neues Kapitel Ihres
Lebens beginnen.
(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefähr, nicht wahr?
(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen
Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art
richten das größte Unglück an.
(Dolly.) O wirklich? Hm hm!
(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner
gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)
(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein,
deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im
Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit
deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich
setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl.
McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)
(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch?
(McComas düster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem
Vater. Fräulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur
Ottomane und setzt sich.)
(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich
rechts neben ihn.)
(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.
(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an.
(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich
rittlings, über den Rücken gelehnt, in die Nähe der Ottomane.) Frau
Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht über seine zwei jüngeren
Kinder, die nicht majorenn sind, für sich.
(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly
um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)
(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama!
(McComas.) Es tut mir leid, Sie darüber eines Besseren belehren zu
müssen, Fräulein Dorothea.
(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz
überwältigt an seine Brust:) O Finch!
(McComas nervös wegrückend:) Nein! nein--nein! nein!
(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut
unserer Trennungsurkunde fällt mir die Aufsicht über die Kinder zu.
(McComas.) Sie enthält auch die Verpflichtung, daß Sie sich ihm weder
nähern noch ihn in irgendeiner Weise belästigen dürfen.
(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?
(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jüngeren Kinder dem Gesetze nach eine
Belästigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat
entscheiden müßte. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur
belästigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, daß er planmäßig
hergelockt wurde und daß Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter
die Hand im Spiel gehabt hat.
(Dr. Valentine.) Was?... wie??...
(McComas.) Er behauptet, daß Sie ihn betäubt haben, Herr Doktor.
(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.)
(McComas.) Aber zu welchem Zweck?
(Dolly.) Um fünf Schillinge extra zu verdienen!
(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muß Sie wirklich bitten,
Fräulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch
ungehörige Unterbrechungen zu stören. (Heftig:) Ich bestehe darauf,
daß ernste Angelegenheiten ernst und würdig besprochen werden!
(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die
selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von
neuem, sich an Gloria wendend:) Fräulein Clandon: ich habe ferner die
Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Ihr Vater auch die Überzeugung gewonnen
hat, daß Dr. Valentine Sie zu heiraten wünscht.
(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wünsche ich auch.
(McComas beleidigt:) Dann dürfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor,
wenn der Vater der jungen Dame Sie für einen Mitgiftjäger hält.
(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, daß eine Frau von
meinen Einkünften leben kann? Einen Schilling pro Woche?
(McComas empört:) Ich habe nichts mehr hinzuzufügen, Herr Doktor. Ich
werde zu Herrn McNaughtan zurückkehren und ihm sagen, daß diese
Familie kein Ort für einen Vater ist. (Er gebt zur Tür.)
(Frau Clandon mit ruhiger Würde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der
Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie können es. Setzen Sie sich.
(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Würde und seiner Freundschaft
unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau
Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, daß all dies eine Komödie ist und
daß Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir
jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat.
Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche
Ihnen, daß die Kinder sich ruhig verhalten werden.
(McComas fügt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen möchte, ist dies. Nach
der alten Übereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr
Mann furchtbar benachteiligt.
(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?
(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewöhnt, die
öffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt über Sie
sagen könnte, keinerlei Rücksicht zu nehmen.
(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich
vor und küßt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie
äußerst verwirrt.)
(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen großen
Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er mußte
Rücksicht auf sein Geschäft sowohl wie auf die Vorurteile seiner
altmodischen Familie nehmen.
(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwähnen.
(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.
(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.
(McComas.) War es aber ausschließlich seine Schuld?
(Frau Clandon.) War es die meine?
(McComas rasch:) Nein, selbstverständlich nicht.
(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich,
Herr McComas.
(McComas.) Mein liebes Fräulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber
ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe
eingeht--dafür kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufällige
Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglück
der häuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist,
warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist
als gar keine Frau--woran sie natürlich unschuldig sein kann--ist es
da gar so erstaunlich, daß er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er
ihr Vorwürfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich
zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?
(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht, ich habe einfach
mich und die Kinder von ihm befreit.
(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau
Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie
gedrückt, als Sie damit drohten, die Sache zu veröffentlichen, indem
Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie
an, er hätte diese Macht über Sie gehabt und dazu benützt, Ihre Kinder
von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, daß Sie bis auf Ihren
Namen vergessen wären... was würden Sie dabei fühlen?... Was würden
Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefühlen etwas Nachsicht
zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?
(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefühle bei ihm entdeckt. Ich habe sein
heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles übrige
seiner gewöhnlichen Menschlichkeit.
(McComas gedankenvoll:) Frauen können sehr hart sein, Frau Clandon.
(Dr. Valentine.) Das ist wahr!
(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fügt sich.)
(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine
letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt
Männer, die sehr viel Gefühl, ja Güte haben, die aber unfähig sind,
sie auszudrücken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloß
äußere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten
zu erweisen und auf reizende liebenswürdige Art unaufrichtige
Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze
Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist
und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein können, ohne
herausgefunden zu haben, daß er Sie haßt wie Gift, dann würden Ihnen
die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf
freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit süßer Stimme; man gibt
seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stücke reißt. Aber
denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute,
die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berührung
schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen
durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu
verletzen und zu quälen, selbst dann noch, wenn sie sie versöhnen
wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern...
McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat
keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein,
irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht
danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben,
nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und
Blut?
(Dolly ganz gerührt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!
(Philip mit Überzeugung:) Finch, das nenne ich
Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!
(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum
Essen!
(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch
gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir über Fergus
zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.
(McComas zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich habe bis jetzt davon
abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger
als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan
gesagt hat.
(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Stärke der Mutter an die
Schwäche der Tochter!
(McComas.) Nicht an Ihre Schwäche, Fräulein Clandon--ich wende mich
vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.
(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mißtrauen. (Mit einem
zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich könnte, ich würde mir das
Herz aus dem Leibe reißen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die
Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie.
Aber Frau Clandon, unfäbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu
ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefühle zu
verletzen, nur kann.)
(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein
Möglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster
Unzufriedenheit fortzugehen.)
(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was
verlangen Sie?... Was sollen wir tun?
(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das
Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit
McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht
dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht
wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan
einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und
Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute
abend--was meinen Sie dazu?
(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell
bekommen?
(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf
meinem Rückwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem
hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor
Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berühmt gemacht hat. Er
bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen
Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir
sein Erscheinen für den Fall zuzusagen, daß es mir gelänge, eine
Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit
seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese
Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft
benützen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will
versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie
zu! Einverstanden?
(Frau Clandon nach einem Augenblick der Überlegung, bedeutungsvoll:)
Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe,
mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wünsche nicht,
Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht
glaube, daß eine Zusammenkunft irgendwie nützen könnte. (Sie erhebt
sich:) Aber da Sie die Kinder überzeugt haben, daß er nicht ganz
hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.
(McComas nimmt ihre Hand und schüttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau
Clandon.--Paßt Ihnen neun Uhr?
(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.
(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn
Dr. Valentine verschworen zu haben, dann würde es, glaube ich, besser
sein, er wäre zugegen.
(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte
meine Anwesenheit für äußerst wichtig.
(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die
größten Hoffnungen auf eine glückliche Lösung. Inzwischen leben Sie
wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tür für ihn
offen hält.)
(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Könnten wir
nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?
(Der Kellner an der Tür:) Um sieben, gnädige Frau? Gewiß, gnädige
Frau. Es wird sogar eine Erleichterung für uns sein heut abend, wo so
viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu
arrangieren und sonst noch allerlei, gnädige Frau.
(Dolly.) Illumination!
(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?
(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnädiges Fräulein.
(Dolly und Philip stürzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!
(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest
zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft
solche Abende, gnädige Frau; Lampions im Garten, sehr hübsch, sehr
lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fünf
Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in
Herrenbegleitung zahlen die Hälfte.
(Philip erfaßt seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau,
William!
(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten
weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)
(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:)
Ich muß wirklich nachsehen und sie zurückrufen. (Sie folgt ihnen und
spricht im Abgeben weiter.)
(Gloria starrt Dr. Valentine kühl an und sieht dann bedächtig auf ihre
Taschenuhr.)
(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben.
Ich gehe.
(Gloria mit berablassender Förmlichkeit:) Ich muß mich bei Ihnen
entschuldigen. Ich bin mir bewußt, etwas scharf... vielleicht grob
gegen Sie gewesen zu sein.
(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.
(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, daß es sehr schwer fällt,
jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen würdeloser Charakter
weder Respekt noch Achtung fordert.
(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann würdevoll auftreten, wenn
er verliebt ist?
(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil
abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind
Beleidigungen.
(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafür,
ich muß sie begehen.
(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wären, würden Sie nicht töricht
sein. Liebe verleiht Würde, Ernst, ja sogar Schönheit.
(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, daß ich davon schön werden
würde? (Sie wendet ihm mit kältester Verachtung den Rücken.) Ah, Sie
sehen, daß Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne
keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er
geboren wurde, entwickeln und erhöhen.
(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren,
wenn ich bitten darf?
(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.
(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des
Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.
(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im
Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt ärgerlich den
Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu.
(Er läuft lustig hinaus und läßt sie in der Mitte des Zimmers zurück.
Sie starrt ihm nach.)
(Vorhang)
VIERTER AKT
(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind
angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht
weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der
Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten
spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.)
(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer.
McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und
mutlos auf die Ottomane.)
(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich
die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich
werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den
Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.)
(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen
Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn.
(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten?
(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen
also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie
nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.
[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es
ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den
normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England
gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem
Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der
Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben
wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name
Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie
der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)]
(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich
verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier
fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte
ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese
Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut
hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für
einen Kellner.
(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,
und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]
(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man
im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden,
daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie
Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen
B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber
ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst
schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger
Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.)
(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?
(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;
ich werde mein Möglichstes tun.
(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe
Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge.
(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der
Schuldige wäre.
(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.
(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein
werden!
(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie
sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn
Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können
wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.
(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--
[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]
(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt
frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,
sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß
aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er
geben wolle.)
(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin
genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein
Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben
wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und
vergräbt den Kopf in die Hände.)
(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn
Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es
kommt jemand.
(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel
daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.)
(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür
entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört
zu werden.)
(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm.
Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in
den Garten.)
(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.)
(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?
(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um
uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt
neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?
(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,
Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit
melancholischem Humor.
(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.)
(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute
nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter
hinreißen lassen.
(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst
sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft
gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich
neben seinen Stuhl auf den Boden.)
(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind?
(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter
meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die
Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer
Sturz--nicht wahr?
(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck
bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß
du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich
fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was
recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst
du das glauben?
(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!
Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und
edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und
ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!
(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es
weiß"... du meinst deine Mutter!...
(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu
ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen
Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über
uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit
einverstanden?
(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.
(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von
ihm zurück:) Sie mögen sie nicht?
(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet
gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit
wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie
mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles
Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr
wieder die Hand.)
(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das
ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden,
feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit
meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.
(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.
Ich danke dir.
(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.)
(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,
einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare
William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern
hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine
Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was?
(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen
dafür Dank schuldig zu sein.
(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein
Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er
beschimpft mich dafür.
(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu
empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von
dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.
(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn
gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein
Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich
arbeiten hören.
(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?
(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den
Maskenball gegangen.
(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf
diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer
Zusammenkunft einzuhalten.
(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon
vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge
anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und
habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch
diese Glastür ins Hotel getreten war.
(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um
mich anzustarren?
(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm
den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser
verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf
die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)
(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und
McComas herein.)
(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle
habe warten lassen!
(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und
eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der
Glastür.)
(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine
Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und
die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf!
(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung,
daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an
das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit
zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen
einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer
seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken
großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und
von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die
durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch
verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des
früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig
grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein
Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so
erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,
seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht
seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er
hervorruft, bis zum Furchterregenden.)
(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich
die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich,
Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun
verbeugt sich.) Herr Clandon?
(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem
wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan!
(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er
sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?
(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht
imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich
bin der, der ihn betäubt hat.
(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?
(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen
Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus
diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.
Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat.
Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er
sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme
anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?
(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.
(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:)
*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor
dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner
Schwindelanfall.
(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich
Ihnen sage, daß er mein Vater ist.
(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater
ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von
dir denken!
(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise:
) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns
während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund
gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.)
(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu
gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr
verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...
Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch
schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er
erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe.
(Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl
am Tisch entlang.)
(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.)
Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute
zugetragen hat?
(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils.
(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.
(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe
heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr
viel zu tun!
(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen!
(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.
(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich
nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen
werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen
trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von
Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.)
(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns
weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee.
(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er
stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges
Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon,
furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige
Frau?
(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten
eine Rotweinbowle trinken.
(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige
Frau!
(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.
Geben Sie etwas Gurke hinein.
(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:)
Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke.
(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen
schottischen Whisky mit Soda.
(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für
Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem
Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)
(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.
(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen
schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.
(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.
(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er
tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze
Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei
Minuten durchlebt.)
(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen.
(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!
(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann!
(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen
dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,
daß Sie McNaughtan heißen!
(McNaughtan.) So heiße ich auch.
/*
(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich--
(Gloria) ) (sprechen) ( Meine--
(McComas)) (gleichzeitig:) ( Frau--
(Dr. Valentine))( Sie--
*/
(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen
Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen
Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den
Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem
Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.
McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die
Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der
entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um
McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von
ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des
Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen,
fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser
Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also
schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.
(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie
auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--
(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon
hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende
Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie
unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!
(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte
kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß
Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen.
(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen
Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei?
(Ersetzt sich wieder.)
(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn
diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle
hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen
müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist.
(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen
Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen
müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen
drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine
ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon
und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft
sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.)
(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst
damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.
(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei
Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind
es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht
drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner
Ansicht--was?
(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre--
(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was
ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.
(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität--
(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu
haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären,
dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache
abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan:
) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit
liegt Ihnen am meisten am Herzen?
(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen
Egoismus beiseite lassen--
(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau
Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau
Clandon?
(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an
meine eigenen Gefüllte kehre.
(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr?
(Gloria.) Gewiß nicht.
(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht.
(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch.
(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der
Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen
wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch
diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er
nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun,
zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben,
wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun
bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr
McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird
beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das
vorauszuschicken.
(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.
(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache!
(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch
wird zugeben, daß das selbstlos ist.
(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?
(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--
(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von
Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit
Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun.
--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen
müssen.
(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,
Herr Justizrat.
(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die
gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?
(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen
haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)
(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu
ändern?
(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden
sollten.
(Dr. Valentine.) Unsinn!
(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen
Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn
Sie ganz fertig sind!
(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung
einzuwenden?
(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig
wie die Ihre!
(Gloria warnend:) Vater!
(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine
Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die
beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr
Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht,
daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,
beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.
(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider
aussuche? Das ist wirklich kindisch!
(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!...
(Frau Clandon steht entrüstet auf.)
/*
(McComas) )(McNaughtan, Sie
) (alle erbeben sich (haben versprochen--
(Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie
) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend!
(Gloria))(Bitte, wollen wir uns
(nicht vernünftig
(benehmen?
*/
(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter
ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen,
daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein
Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch
kommt, wird es totenstill.)
(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch
stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich
ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein
Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky
mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der
Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.)
Die Weinbowle.
(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.)
(Frau Clandon demütig zu Bohun:) Ich fürchte, wir haben Sie
unterbrochen, Herr Justizrat.
(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten
Sie einen Augenblick.
(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter
Bohuns Stuhl.)
(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten.
Der Herr Justizrat wünscht es.
(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fühlt:) Aber, gnädige
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