Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!
(McNaughtan.) Hör' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin
dein Vater!
(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe!
Es wäre besser, Sie gingen.
(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich töten!
Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)
(Gloria gebt zur Balustrade; kühl und nicht verlegen um ein
Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!
(Valentine antwortet von unten:) Bitte!
(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan
braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurück und schenkt ein Glas
Wasser ein.)
(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! laß mich in Ruhe!
Ich brauche ihn nicht. Ich fühle mich vollkommen wohl! Ich brauche
seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft
sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er
setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?
(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt
grimmig, als wenn er damit einverstanden wäre, und geht ins Hotel.
Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann
macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine,
der die Stufen heraufgelaufen kommt.)
(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist
McNaughtan?
(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drückt plötzliche Freude,
Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, daß er mit
Gloria allein ist. Sie fährt gleichgültig fort:) Ich glaubte, er
fühle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte
nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den
Sonnenschlrm holen.)
(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven
nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergäße:) Wie kommt dieser
Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?
(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit höflicher,
aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem
Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu
machen, Doktor, daß Komplimente eine sehr öde Unterhaltung abgeben.
Bitte, lassen Sie uns auf eine vernünftige und gesunde Weise Freunde
sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht,
mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen
wollen, so wäre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht
fortzusetzen.
(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine
einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche
Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich
persönlich zu heiraten?
(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um über Ihre
persönlichen Vorzüge irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich
mit unendlicher Gleichgültigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem
Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe
nicht für solche, die irgendein Weib annehmen könnte, das sich selbst
achtet.
(Dr. Valentine schlägt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um,
als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annähme und von ihren
Grundsätzen entzückt und beruhigt wäre:) Oh, da haben wir denn schon
einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die
heutigen Eheeinrichtungen sind höchst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut
ab und wirft ihn fröhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich für mein
Teil möchte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen
neben sie, daß sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und
führt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich,
daß ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um
verdächtigt zu werden, daß sie Heiratsabsichten haben? Als ob es
keine andern Interessen gäbe--keine andern Unterhaltungsmöglichkeiten--
als wenn die Frauen zu nichts Besserem fähig wären!
(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und
vernünftig zu sprechen, Herr Doktor!
(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen über den Erfolg
seiner Jägerlist:) Selbstverständlich! Zwei intelligente Menschen wie
wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen
gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden
zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklärten, hellen
Geist?
(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu
begegnen.
(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in
England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsüchtige
Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.
(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfüllt:) Oh, in Madeira sind
alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale
Geschöpfe! Ich hasse Schwäche; und ich hasse Sentimentalität!
(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern können!
(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?
(Dr. Valentine.) Ja. Stärke ist ansteckend.
(Gloria.) Schwäche ist es--das weiß ich.
(Dr. Valentine mit Überzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, daß Sie
mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermütig
und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte
mich über die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre
Stirn bewölkt sich ein wenig. Er fährt rasch fort:) Das war natürlich
albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklären
Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zögert und sucht nach
einem genügend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt,
meine Muskeln spannten sich, mein Geist klärte sich, mein Mut wuchs.
--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, daß ich durchaus
kein sentimentaler Mensch bin.
(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurück an den Strand.
(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, düster:) Wie? Sie haben das auch?
(Gloria.) Was?
(Dr. Valentine.) Angst.
(Gloria.) Angst?...
(Dr. Valentine.) Ja, daß irgend etwas geschehen könnte. Es kam
plötzlich über mich, gerade ehe Sie vorschlugen, daß wir weglaufen
sollten zu den andern.
(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte
dasselbe Gefühl.
(Dr. Valentine.) Wie merkwürdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir
fliehen?
(Gloria.) Fliehen?... O nein, das wäre kindisch! (Sie setzt sich
wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster
Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fügt sie hinzu:) Ich wüßte
aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklärung für solche
gelegentlichen Einbildungen.
(Dr. Valentine.) Ja, die möchte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist
ein merkwürdig hilfloses Gefühl--nicht wahr?
(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...
(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns
jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehören und zu tun, was wir für
richtig und vernünftig halten--plötzlich ihre große Hand erhöbe und
uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern
Willen, auf ihre eigene Weise für ihre eigenen Zwecke dienstbar zu
machen?
(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?
(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Übergang zu einem Ton
äußerster Sorglosigkeit:) Das weiß ich nicht--ich frage nicht danach!
(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fräulein Clandon--Fräulein Clandon--wie
konnten Sie nur!
(Gloria.) Was hab' ich getan?
(Dr. Valentine.) Diese Verzückung in meine Seele schleudern!--Ich
bemühe mich aufrichtig, vernünftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie
immer Sie mich wünschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit
Sie meine Phantasie erfüllt haben?!
(Gloria mit empörter verachtungsvoller Härte:) Ich hoffe, daß Sie
nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu
sprechen!
(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwäche in Abrede zu
stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so
was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie können nicht leugnen,
daß es so etwas wie eine chemische Tätigkeit, eine chemische
Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die
unwiderstehlichste aller Naturkräfte... Nun, Sie ziehen mich
unwiderstehlich an--chemisch.
(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!
(Dr. Valentine.) Natürlich ist das Unsinn, dummes Mädel! (Gloria
weicht mit empörter Überraschung zurück.) Ja, ein dummes Mädel sind
Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein
eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er
erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--für immer!
(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)
(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer
Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie
wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im
geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.)
Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler
aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde
mich so ungeheuerlich mißverstehen wie Sie! Ich habe viele
Fehler--sehr große Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist
es das, was Sie einen Philister nennen.
(Sie preßt ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und
herausfordernd an, während sie gefaßter ist denn je.)
(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurück, um Gloria mit
mehr Nachdruck gegenüber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein
Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung
sagt es mir.
(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß
Ihr Verstand und Ihr Gefühl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar
sind--ich hoffe es wenigstens.
(Dr. Valentine.) Ich muß diesen aber glauben. Es sei denn, Sie
wollten, daß ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und
meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle über Ihre Person die
ungeheuerlichsten Lügen erzählen.
(Gloria, deren Fassung anfängt nachzulassen:) Lügen?...
(Dr. Valentine hartnäckig:) Ja, Lügen. (Er setzt sich wieder neben
sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, daß Sie das schönste Weib der
Erde sind? Erwarten Sie das von mir?
(Gloria.) Das ist lächerlich und etwas persönlich noch dazu.
(Dr. Valentine.) Natürlich ist es lächerlich!--Aber es ist das, was mir
meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen
Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch,
daß ich meinen Augen nicht traue. (Sie schämt sich darüber, daß ihr
das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, daß ich hier sitzen und
wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine
Schwäche nichts von mir wissen wollen?
(Gloria beginnt einzusehen, daß sie, um standhaft zu bleiben, kurz und
bündig sprechen muß:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?
(Dr. Valentine läßt absichtlich eine Gefühlsbewegung in seiner Stimme
zittern:) Natürlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel!
--Und doch sagt mir mein Herz, daß ich heulen würde--mein närrisches
Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es
zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der
Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz
leicht, vernünftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir
hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht
die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein
Zahnarzt--ein Fünf-Schilling-Zahnarzt!
(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.
(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht
ertragen! Eine Illusion muß mir bleiben--die Illusion über Sie! Ich
liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu
berühren, nicht länger widerstehen könnte. Sie erhebt sich zornig und
ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt
zurück.) Oh, was bin ich für ein Narr--was für ein Idiot! Sie
verstehen mich nicht... Ich könnte ebensogut zu den Steinen am Strand
sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.)
(Gloria beruhigter infolge seines Rückzuges und etwas reuig:) Es tut
mir leid. Ich möchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was
soll ich sagen?
(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurück, und an die Stelle seines
Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:)
Sie können nichts sagen, Fräulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich
allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt.
Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern möchten. (Sie ist
im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebärden:
) Oh, ich weiß--Sie dürfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mögen
oder nicht; aber--
(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsätzen:) Ich darf nicht?...
Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen
nicht sagen dürfen?
(Dr. Valentine weicht ängstlich zurück; bittend:) Nicht! Ich könnte
es nicht ertragen!
(Gloria nicht länger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu
fürchten. Ich halte Sie für sentimental und für ein wenig
überspannt--aber ich habe Sie gern.
(Dr. Valentine fällt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles
vorüber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)
(Gloria nähert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?
(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genügt! Jetzt, wo ich ernstlich
darüber nachdenke, weiß ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder
nicht.
(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir
leid.
(Dr. Valentine. Im Schmerz zurückgehaltener Leidenschaft:) Oh,
bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreißt mir das Herz!
Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wühlen mich in meinen tiefsten
Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den
Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--
(Gloria bricht plötzlich nieder:) Oh, hören Sie auf mir zu sagen, was
Sie fühlen: ich kann es nicht ertragen!
(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme
klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der
Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hände; sie blickt ihn
entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich,
küßt sie mit ungestümer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen,
Gloria--es ist alles vorüber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann
nur nach Luft ringen.) Aber was für ein Ungeheuer waren Sie, und was
für ein Hasenfuß bin ich gewesen!
(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!
(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!
(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er küßt ihr
rasch die Hände und läuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden
Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur
nachstarren.)
(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich
ängstlich um:) Ist er fort?
(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan!
--Der ist schon längst fort, Frau Clandon. (Er läuft in gehobener
Stimmung die Stiegen hinunter.)
(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!
(Frau Clandon stürzt ängstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein
Kind?
(Gloria mit tief bekümmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich
nicht ordentlich erzogen, Mutter?
(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein môglichstes getan!
(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!
(Frau Clandon.) Was ist mit dir?
(Gloria mit dem größten Nachdruck:) Ich schäme mich--schäme
mich--schäme mich--(Da sie unerträglich errötet, bedeckt sie ihr
Gesicht mit den Händen und wendet sich von ihrer Mutter ab.)
(Vorhang)
DRITTER AKT
(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im
Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fußboden reichende
zweiflügelige Fenstertür führt in den Garten. In der Mitte des
Zimmers steht ein massiver, von Stühlen umgebener Tisch, der mit einer
kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel-
und Eisenbahnführer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die
Fenstertür käme und zu diesem Mitteltisch ginge, würde den Kamin zu
seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner
Rechten, in der Nähe die Tür, die weiter hinten ist. Er würde, wenn
dies seiner Geschmacksrichtung entspräche, die pflaumen- und
bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel
und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern
können. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf
Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersätzen aus
poliertem schwarzem Holz. Zunächst der Vase, in der nächsten Nähe des
Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tür aus
Holzmosaï[*or i?]k verschließt und dessen durch gewölbte Glasscheiben
abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weißem
Steingutgeschirr schützen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit
zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenüber auf der andern Seite
des Fensters.--An den Wänden hängen Bilder, gemalte Ozeandampfer und
Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Türe, aber auf der andern
Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich
stehen zwei bequeme dazu passende Stühle. Über dem Fenster ist
eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune
Ripsvorhänge mit mattgrünen Zierborten hängen. Kurzum, ein Zimmer,
das danach eingerichtet ist, den Gefühlen des Bewohners von seiner
eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der täglichen Ausgabe
eines ganzen Pfundes für die Benützung auszusöhnen.)
(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria
lehnt am Fenster und starrt in gequälter Träumerei ins Weite. Die Uhr
auf dem Kaminsims schlägt Fünf mit schwachem Klirren, da die Glocke
gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist,
nicht aufkommen kann.)
(Frau Clandon.) Fünf! Ich glaube, wir brauchen nicht länger auf die
Kinder zu warten; sie trinken gewiß außer Haus Tee.
(Gloria müde:) Soll ich klingeln?
(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.
(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)
(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei
Dank!
(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den
Stuhl ihrer Mutter:) Was für Korrekturen?
(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten
Jahrhunderts".
(Gloria mit einem bittern Lächeln:) Es fehlt noch ein Kapitel.
(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstöbern:) Glaubst du?...
doch nicht.
(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es für
dich schreiben--sobald ich erst den Schluß weiß. (Sie geht an das
Fenster zurück.)
(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rätsel?
(Gloria.) O nein! das alte Rätsel.
(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter
einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--
(Gloria zurückkommend:) Ja?
(Frau Clandon>) Du weißt, daß ich niemals Fragen stelle.
(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiß, ich weiß! (Sie wirft
plötzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe
leidenschaftlich.)
(Frau Clandon sanft Lächelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst
ganz sentimental!
(Gloria zurückfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt
sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob
sie sich losrisse.)
(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der
Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)
(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnädige Frau?
(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom
Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)
(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht
in einen Stuhl.)
(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das
habe ich mir gedacht, gnädige Frau. Sonderbar, wie die Nerven
nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und
setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und
das gnädige Fräulein sind eben zurückgekommen, gnädige Frau. Sie
waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schönen
Nachmittag wie heute, sehr kräftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom
Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt
nicht zum Tee, gnädige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu
besuchen. (Er nimmt zwei Stühle und setzt sie rechts und links vom
Teetisch hin.)
(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...
(Der Kellner verfällt unbewußt einen Augenblick in die Tonart eines
Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt,
gnädiges Fräulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die
Apotheke gelaufen, sich etwas für seine wunden Handflächen geben zu
lassen. Aber er muß gleich hier sein, gnädiges Fräulein!
(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und läuft zur Tür.)
(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau
Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)
(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefällig, gnädige Frau?
(Frau Clandon.) Nein, danke.
(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnädige Frau.
(Als er sich zurückziehen will, kommen Philip und Dolly in
fröhlichster Laune bereingestürmt; er hält ihnen die Tür auf, geht
dann hinaus und schließt sie.)
(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt
ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr.
Valentine wird gleich da sein.
(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewöhnt.--Wo ist Gloria?
(Frau Clandon ängstlich, während sie ihm Tee eingießt:) Phil, mit
Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen
einander mit unterdrücktem Lachen an.) Was ist es?
(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--
(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!
(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die
alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reißt
ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frühling--
(Dolly)--kann eines Jünglings Phantasie--
(Philip)--leicht Liebesblüten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon,
die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt übrigens auch im Herbst
vor. Diesmal ist der Jüngling--
(Dolly.) Doktor Valentine.
(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Maße gehuldigt, daß
er sie--
(Dolly)--geküßt hat--
(Philip.)--auf der Terrasse--
(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!
(Frau Clandon ungläubig:) Phil--Dolly--spaßt ihr? (Sie schütteln den
Kopf.) Hat sie es geduldet?
(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden
geschmettert zu sehen--
(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--
(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.
(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie fällt Philip, der
im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugießen, in den Arm:) Nein,
du hast die zweite Tasse abgeschworen!
(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr dürft nicht hier sein,
wenn Doktor Valentine kommt. Ich muß darüber sehr ernst mit ihm
sprechen.
(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was für eine
Verletzung der "Grundsätze des zwanzigsten Jahrhunderts"!
(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage
soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange
es dauert.
(Philip.) Sch! er kommt!
(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspätet zu haben,
Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich
trinke niemals Tee. Fräulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon
erzählt, was mir passiert ist.
(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzählt.
(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama
sehr genau erzählt.
(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er
bietet Dolly seinen Arm, die sich einhängt. Sie sehen Dr. Valentine
mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht
ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine
Erklärung bittend an.)
(Frau Clandon erhebt sich und verläßt den Teetisch:) Wollen Sie
gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich möchte etwas mit Ihnen
besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf
die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme
Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich
bedächtig in gemessener Entfernung.) Ich muß zunächst ein wenig
Nachsicht für mich erbitten. Ich bin im Begriff, über einen
Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts
verstehe. Ich meine--Liebe.
(Dr. Valentine.) Liebe!
(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt
dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.
(Dr. Valentine überwältigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es
würde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wären.
(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt,
jetzt nach damit anzufangen.
(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--?
(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltäglich gewesen.
Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich
eigentlich tat. Wie Sie sich selbst überzeugt haben, war die Folge
davon eine bittere Enttäuschung für uns beide, für meinen Mann und für
mich. So kommt es, daß ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals
verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige
Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr
Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe,
hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen.
(Dr. Valentine, der sehr verdrießlich dreinschaut, blinzelt skeptisch
nach ihr hin und sagt nichts. Sie errötet ein wenig und fügt mit
unterdrücktem Ärger hinzu:) Sie glauben mir nicht.
(Dr. Valentine bestürzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber,
warum denn nicht... warum nicht?
(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, daß ein der
Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften
kennt, die bei weitem die selbstsüchtigen Verblendungen und
Sentimentalitäten eines Liebesromanes übersteigen. Ihre
Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr.
Valentine weiß wohl, daß Frau Clandon ihn deswegen geringschätzt, und
antwortet negativ mit melancholischem Kopfschütteln.) Ich dachte mir's.
--Nun, dafür bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten
Herzensangelegenheiten besprechen muß, in denen Sie ein Fachmann zu
sein scheinen.
(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?
(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.
(Dr. Valentine.) Gloria?
(Frau Clandon.) Ja, Gloria.
(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria.
(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiß
schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.
(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.
(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mütter,
die mit mir gesprochen haben.
(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie
sind ein alter Praktikus! (Er öffnet die Lippen, um zu widersprechen.
Sie unterbricht ihn mit einiger Entrüstung:) Oh, glauben Sie doch
nicht, daß ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu
wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--daß ein Mann, der
bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit
kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!
(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--
(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr
Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schützen, und Sie haben
das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.
(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon!
(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie
es ernst?
(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst!
(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn für Humor bricht bei ihm durch,
und er fügt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst
gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!
(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr
Doktor, Sie sind einer von den Männern, die mit den Gefühlen der
Frauen spielen.
(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der
Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe.
(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit förmlicher Höflichkeit:) Sie
wünschen, daß ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.
(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, daß für Gloria
die beste Möglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser
kennen zu lernen.
(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau
Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?
(Frau Clandon.) Ich habe großes Vertrauen zu der gesunden Schule, die
Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.
(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht!
(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut übermütig beiseite, mit
der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fürchten hat.)
(Frau Clandon empört über seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?
(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch
etwas lehren, Frau Clandon?
(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.
(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschützkunst--Artillerie,
Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?
(Frau Clandon.) Hat die Geschützkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?
(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erläuterung nämlich.--Während dieses
ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf
zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von
kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten
Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet
jemand ein besseres Geschoß und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort
baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone
undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres
Geschoß und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun,
der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.
(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...
(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter
gehört, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange
in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen.
Brauche ich ihn zu erklären?
(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.
(Dr. Valentine.) Natürlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem
Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine
altmodische Erziehung, um gegen die Ränke des Mannes gerüstet zu sein.
Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie
herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloß sich nun, ihre Tochter
wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der
altmodische Mann nicht aufkommen könnte. Sie gab ihrer Tochter
deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue
Ausrüstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei
nicht gerecht, unweiblich und weiß Gott was alles. Aber das half ihm
nichts, und so mußte er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie
wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam
schwören--und so weiter.
(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.
(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natürlich,
es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe,
was der Kanonengießer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau,
bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau
so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war
noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die
frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, daß
man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gründlich
modern.
(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.
(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mädchensorte, gegen
die diese Methode nutzlos ist.
(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?
(Dr. Valentine.) Das gründlich altmodische Mädchen. Wenn Sie Gloria
in der ehemals üblichen Weise erzogen hätten, so würde ich achtzehn
Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag
in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die
Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hände geliefert, und Sie waren
es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.
(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.
(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!
(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu.
(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen,
bevor ich gehe?
(Frau Clandon.) Ich fürchte, sie wird erst zurückkommen, wenn Sie
gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um
Ihnen auszuweichen.
(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er
verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tür.)
(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das für ein gutes Zeichen?
(Dr. Valentine dreht sich in der Nähe der Tür um:) Weil ich eine
Todesangst vor ihr habe; und es scheint, daß sie eine Todesangst vor
mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Türschwelle plötzlich
Gloria gegenüber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft
ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau
Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen außer Fassung.)
(Gloria bleich und sich nur mühsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr,
was Dolly mir gesagt hat?
(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?
(Gloria.) Daß du mit diesem Herrn über meine Angelegenheiten
gesprochen hast?
(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!
(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--können Sie einen Augenblick
schweigen? (Er blickt sie kläglich an, dann geht er mit einem
verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurück und wirft seinen Hut
darauf.)
(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du
für ein Recht dazu?
(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein
Recht gehabt hätte, Gloria.
(Dr. Valentine bestätigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das
geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrüstung an.)
Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschämt auf die Ottomane.)
(Gloria.) Ich glaube nicht, daß irgend jemand das Recht hat, über
Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet
sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)
(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben
sollte--
(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort!
Ich weiß jetzt, daß ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein
könnte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht
selbst zu beschützen weiß, die kann niemand beschützen. Niemand ist
auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich
weiß, daß ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die
Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hält inne, um einen Seufzer
zu unterdrücken.)
(Dr. Valentine stöhnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!...
(Frau Clandon mit gedämpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr
Doktor.
(Gloria fährt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner
Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen
Geschöpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge
auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muß mein Schicksal
erfüllen. Erspare mir wenigstens die Demütigung deiner
Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an
das entferntere Ende des Tisches.)
(Dr. Valentine aufspringend:) Hören Sie mal--
(Frau Clandon.) Herr Dokt--
(Dr. Valentine unbekümmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe
nahezu dreißig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:)
Fräulein Clandon--
(Gloria bitter:) Oh--nicht Fräulein Clandon--Sie wissen ja, daß man es
sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.
(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher
vorwerfen und mich der Mißachtung beschuldigen. Es ist eine
herzzerreißende Lüge, daß ich Sie nicht achte. Es ist wahr, daß ich
Ihren früheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch?
Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht
geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine männliche
Spezialität. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewühlt hatten!
--als mein großer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer
machten!--ah, da, da, da!
(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.
(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt
sich rasch und wendet ihm den Rücken zu.) Und diesen Augenblick werden
Sie mir niemals nehmen können. So--nun ist mir einerlei, was
geschieht! (Er geht auf und ab und stößt einen frohen Ausruf aus, mit
dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiß sehr gut, daß ich
Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe
Gloria--und damit basta!
(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr
gefährlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig
über diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts
von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite.
Frau Clandon spricht nun mit nachdrücklichem Hohn:) Frage diesen Mann,
den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor
dir getan haben. (Gloria sieht plötzlich mit einem Aufflammen
eifersüchtigen Ärgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt
hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben
Redensarten geködert hat; wieviel Übung er als Duellant im Zweikampf
der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.
(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nützen mein
Vertrauen aus!
(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!
(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fäusten auf ihn los:)
Ist das wahr?!
(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht böse--
(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das
alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon
empfunden?... für eine andere Frau?
(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.
(Gloria erbebt ihre geballten Hände.)
(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hält ihre erhobenen
Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergißt dich!
(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam
auf:)
(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fähigkeit zur Liebe und
zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fähigkeiten: er muß sie oft
weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.
(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten.
Gloria, nimm dich in acht!
(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!
(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:)
Glaubst du, daß ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr.
Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!
(Dr. Valentine.) Jawohl.
(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, daß ich Sie
hasse--leidenschaftlich hasse!
(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist überraschend, wie klein doch der
Unterschied zwischen Haß und Liebe ist. (Gloria wendet sich entrüstet
von ihm ab. Er fährt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen,
die ihre Männer lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.
(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wäre es nicht
besser, Sie gingen?
(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist
mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amüsieren. (Sie
setzt sich mit geringschätziger Gleichgültigkeit an den Tisch, in die
Nähe des Fensters.)
(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernünftige Art,
es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie können einem bloßen
Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich böse sein.
(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor;
aber ich will nicht annehmen, daß Ihre beklagenswert leichtsinnige
Veranlagung einzig schamlos und nichtswürdig ist--
(Gloria für sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswürdig!
(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und
Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die übliche
Weise zu beenden.
(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das größte Kompliment gemacht hätte:)
Sie sind zu liebenswürdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!
(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnädige Frau.
(Frau Clandon.) O gewiß! ich lasse bitten.
(Der Kellner.) Er läßt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen
dürfte, gnädige Frau.
(Frau Clandon.) Warum nicht hier?
(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnädige Frau: ich glaube,
Herr McComas fühlt, er hätte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in
Abwesenheit der jüngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen könnte,
gnädige Frau.
(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, daß die Kinder nicht hier sind.
(Der Kellner.) Sie behalten die Tür im Auge, gnädige Frau, und passen
scharf auf aus irgendeinem Grunde.
(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.
(Der Kellner hält ihr die Tür auf:) Ich danke, gnädige Frau. (Sie
geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurück und begegnet dem Auge Dr.
Valentines, der wünscht, daß er sich entferne.) Sofort, Herr
Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen
Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.)
(Dr. Valentine zu Gloria:) Hören Sie! Früher oder später werden Sie
mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.
(Gloria erbebt sich, um ihre Erklärung an ihn intensiver zu machen:)
Niemals! so lange Gras wächst und Wasser fließt--nie--nie--nie!
(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts unglücklich
machen--ich werde nie wieder unglücklich sein, nie, nie, nie, so lange
Gras wächst und Wasser fließt!! Der Gedanke an Sie wird mich immer
mit jauchzender Freude erfüllen. (Ein höhnisches Wort ist auf ihren
Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner
gesagt... Das ist das erstemal!
(Gloria.) Wenn Sie es der nächsten Frau sagen, wird es nicht zum
ersten Male sein!
(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.)
(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie können Sie es wagen?
(Philip und Dolly stürzen, wie gewôhnlich um die Wette laufend, ins
Zimmer. Sie prallen zurück, als sie sehen, was vorgeht. Dr.
Valentine springt auf.)
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