Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig.
Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die
Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.
Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er
sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein
Stück Holz.
Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein
...
So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch
zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie -- sie
schläft, denken die Leute -- und sie liegt euch tot da; sie bekam auch
immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.
Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton
angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er
sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«
Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir
schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es
im Kaukasus aussieht.
Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du
sie »angeführt« hast.
Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir
leben -- begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines
Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. -- Wir leben gut, lieber
Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und
abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt
es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins
bekommt jeder ein Gläschen Modera -- Modera Divirje, der ohne Flasche
zweiundvierzig Kopeken kostet.
Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die
anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!
Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu
fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.
Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine
kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als
bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt
hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich
Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze
noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem
leichten Lächeln fort:
Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder,
sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag'
ich, lieber Freund, giebt's nicht *einen* Tscherkessen, sondern viele.
Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt
Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben
ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz
wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten
gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.
Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache
plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches
Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen
konnte: »Das sind die Tawlinzen!«
Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren -- fuhr Tschikin fort und
rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, -- das sind
wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten
sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man
sie zu Pferde nicht einholen kann. -- Wie, sagt er, wie ist das bei
den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte
er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen.
Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die
Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen,
nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. -- Aber sag' uns, Kleiner,
wie schlagen sie sich, sagt er. -- Ei so, sag' ich: Sie packen dich,
schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm
und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die
Seele aus dem Leibe ...
Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit
leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.
Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch -- bei
Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek,
daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten
sie mich tüchtig aus, guter Freund! -- Was faselst du, Kleiner? Hat
man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht
schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel
-- und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch
liegen. -- Da hast du's! -- schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.
V
Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel
hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue
Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend
weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand
begrenzt.
Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich
weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein
schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern,
und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten.
Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte
man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen
und Geschützen.
»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute
Kapitän Chlopow sagt.
Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der
Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei
berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen,
mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen
Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel
oder Granate auf sie zu schleudern.
Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und
streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen
Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen
Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man
nicht, bitte ...
Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch
ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und
die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der
Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz
deutlich, Euer Wohl'boren!
Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes
Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die
ein wenig hinter uns standen.
Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.
Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen
gewiß den Ort -- wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter
hinzu. -- Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen
hinüberschickte, die würden euch spucken ...
Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.
Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte
Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man
ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die
anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß
man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.
Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man
unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden
zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu
schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.
Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit
seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.
Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das
zweite Geschütz zu richten.
Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate
mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an
die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des
Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.
Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch,
noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene
von dem Geschütz zurück.
Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem
andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.
Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit
der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und
daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt
schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!
Zweites Geschütz, kommandierte ich.
Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite,
um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf,
das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein,
und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der
metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden
Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.
Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar,
die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der
krepierten Granate klang zu uns herüber.
Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben
sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der
Artilleristen und der Infanteristen hören.
Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau
getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum,
und so war's auch -- nach rechts ist sie gegangen.
VI
Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren
davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie
hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit
dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen
Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten
hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren,
die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte
früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem
hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt
genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen
und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu
beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und
die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den
Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung,
daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen
wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus
pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn
auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen:
weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage
schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.
Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge -- langweilig!
Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch
langweiliger.
Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber
nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?
Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.
Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte
er.
Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn
Ihnen hier so wenig gefällt?
Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es
so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition
vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen
jeder Art.
Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...
Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser
Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich,
und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer
unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in
den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach
Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes
vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit
Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen -- alles das hat etwas
Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges.
Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise
gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß
der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w.
...
Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz
anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren?
Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht,
stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.
Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten
Grade, unterbrach er mich.
Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem
Sinne.
Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen
Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
Nun, erstens, weil *er* mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich
Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher
begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen
Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe
ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen,
Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit
jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil
ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine
Gefahren ertragen -- kurz, ich bin nicht tapfer ...
Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen
setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte,
sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das
immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal
im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was
mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß
meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie
Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten
Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen
vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn
sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel
gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn
mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und
bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist,
fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man
selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ...
Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
Das ist *er*, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte
Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des
fernen Waldes.
Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne
und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß
des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick
vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die
zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel,
die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem
großen Schnauzbart -- all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die
schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der
freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet
sein könnte.
Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig,
während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich
sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die
andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die
Kugel vorüberkommt«, -- und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich
Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die
Kugel ein.
Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in
diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte
ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.
Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur
mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir
hervorgerufen hatte.
Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.
So werde ich es niederschreiben.
Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik,
wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.
Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und
spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.
Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere
künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach
diesem gutherzigen Ausruf.
VII
Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt,
wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten
Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese
vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am
Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein
Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die
feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.
Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden
rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten
ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer
Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.
Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und
häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines
Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die
Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!«
-- und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer
und an die abgehauenen Äste anschlug.
Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von
Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des
Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren
heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze,
auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft
fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der
Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in
dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen,
glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen
deutlich sichtbar.
Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher.
Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken
der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen
ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder,
und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu
unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge
zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel
gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu
beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust
und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ...
die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die
Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette.
Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen.
Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im
Kaukasus immer zu sein pflegt.
Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln
unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow
machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln
nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm
nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere
nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und
klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit
allgemeines Gelächter hervor.
Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder
Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei
den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von
dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der
immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich
jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht
mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln
hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher
Stimme: »Soll *er* uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein
Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde
er schon stumm werden.«
In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte
Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.
Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer
an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.
In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen
summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen
Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand
von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich
indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden
Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines
Körpers und »oh--oh oh oh--oi!« -- das herzzerreißende Stöhnen eines
Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die
ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem
Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war
nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das
rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine
Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er
sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.
Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich
nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.
Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein
Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal
dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber
an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die
Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das
Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die
Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an
der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.
VIII
Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das
seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus
vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet
wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine
Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen
zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem
Verwundeten, faßte ihn, ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu
achten, unter der Achsel und hob ihn auf. -- »Was steht ihr da, greift
an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann,
Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der
Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu
schlagen begann.
Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am
Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.
Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit:
»Ach, das ist mein Tod! Ah -- ach Kameraden!«
Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu
ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den
Kameraden sprach -- wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.
Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv
beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn
so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu
den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk
wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.
Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden
Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen
Sekunden vollständig verändert. Es war, als ob er abgemagert und um
einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit
sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und
stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten,
und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des
Todes.
Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen
verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein
Geldtscheres[P] abnehmen.
[P] Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Gürtels, den
die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen.
Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines
nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den
Stiefel abzog und den Tscheres losband.
Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem
Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so
gut sein, sie aufzubewahren.
Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.
Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie
haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft,
und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen.
Geben Sie sie zurück.
Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.
Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er
begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen
und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet
waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese
Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.
IX
Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der
seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen
in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der
Verwundete fortgeführt wurde.
Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas
vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken
mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte
tölpelhaft und sah mich an.
Wo hast du hinwollen? fragte ich.
Ins Lager.
Warum das?
Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte
seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.
[Illustration: Gedankenwechsel]
Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten,
wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren
eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im
ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der
eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man
etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man
ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man
früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche,
bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die
sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns
mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den
Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der
Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der
Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht
kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten
und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der
vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den
Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren
und dem Holz über den Schultern -- alles zog mit Lärmen und Gesang an
uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie
sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen
hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen
Gefühle noch bis morgen warten.
X
Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren,
während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den
Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre
zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh
Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die
Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und
netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde
enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die
Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte,
die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an
dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße
ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste,
unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer
Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze
einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich
meiner Phantasie auf.
Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie
sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß
sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem
entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich
gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten
Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow
und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche
Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein
Flämmchen schimmerte.
Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in
tiefem Baß.
Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem
Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und
stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein
Bajonett mit einem Licht.
Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen
Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß
ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten
Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über
Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die
belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr
sonderbar vorgekommen? sagte er.
Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.
Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie
sprechen darf.
Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst
mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und
ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick
überlegen.
Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.
Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den
Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,
wie ich es erwartete, als ich herging.
Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst
untauglich fühlen?
Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so
zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den
Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,
Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus
zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von
uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,
habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich
besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier
fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den
Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,
daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und
ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem
Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante
in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach
zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme?
Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden
sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun
einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um
ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all
meine Zukunft zerstöre.
XI
In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des
Bataillonskommandeurs herein:
Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?
Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere
in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines
Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.
Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen
Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese
kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie.
Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und
diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem
langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit
an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung.
Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn,
obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er
verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde,
besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche
Weise den Stolzen zu spielen.
Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.
Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.
Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich -- einen Junker --
bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen,
als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die
Trommel:
Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß
er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem
noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann
mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte
ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn
häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg
stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er
sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen,
russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als
die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen
Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt -- ein gutmütiger
und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen
lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks,
der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht
vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit,
daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. -- »Ich strafe
selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und
als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch
seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache
gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten,
sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß
er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte
doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue
sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die
Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe
oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die
Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in
der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die
Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der
Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines
Lebens geworden sind -- ein Mensch, für den alles, was nicht der
Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber,
was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere:
die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele,
und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger
Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und
Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im
Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und
Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das
Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die
Erde.
Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes
Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und
sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das
Bedürfnis hatte, das zu thun.
Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...
Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen,
und dann geht's nach Haus.
Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?
Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm?
fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. -- Gestern bekam ich einen
Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den
Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so
sonderbare Fragen.
Was für Fragen denn? fragte Bolchow.
Er lachte.
Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht
geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns
hinschweifen.
Ei was, sagte Bolchow lächelnd.
In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob
seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. -- Als ich
im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant
aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur,
wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die
Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir
und fragte mich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht
alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität,
dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den
Annen-, wofür den Wladimirorden, -- und ich erzählte ihnen alles
Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj
Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht
man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der
Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat -- das will
viel heißen in Rußland ... Hm?
Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram
Iljitsch? sagte Bolchow.
Hi--hi--hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das
gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und
getrunken.
Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach
Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.
Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken
haben, furchtbar!
Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon
loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde
den Ruf schon wahr machen. Ich würde zeigen, wie man trinkt ... Was,
Bolchow? fügte er hinzu.
Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow,
denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist
erst sechs ...
Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.
Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er
lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!
Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an
ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte
in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin
und sah wieder nach der Uhr.
Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem
schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt,
russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da
gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr,
Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's
gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute
fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der
achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major
gewandt.
Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne
dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt
war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.
Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes
Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu
dem Bataillonsadjutanten.
Gewiß, sehr.
Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch,
fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich
sogar manchen Luxus gestatten.
Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's
auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd
halten ...
Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß
das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen
Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken
Hand ein.
Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte
Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.
Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?
In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer
plattgedrückten Nase durch die Öffnung der Hütte, und eine scharfe
Stimme sagte mit deutscher Betonung:
Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.
Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.
Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen
und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.
Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.
Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie
mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den
Mund.
»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.
XII
Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps,
nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück,
während er das Glas leerte.
Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja
herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den
dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den
Major erst seine Befehle geben.
Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?
Zu Befehl, Herr Major.
Sind die gedeckten Posten ausgesandt?
Zu Befehl, Herr Major.
So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als
möglich zu sein.
Zu Befehl, Herr Major.
Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.
Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.
Sie kochen sie schon.
Schön, Sie können gehen.
Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr
der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns.
Rechnen wir.
Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?
Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also
fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei
Abas ... richtig?
Richtig, das ist sogar viel.
Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur
Remonte 30 Rubel -- das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und
30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und
Zucker, für Tabak 20 Rubel. -- Sehen Sie nun? ... Habe ich recht,
Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant.
Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei
Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug
Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat
ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß
man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts
übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.
Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft
nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit
besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.
Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie
wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den
Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren
Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so
lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr
auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem
Burschen umgeht?
Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichte von dem Fähnrich und
seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten,
und lachte sich halb tot dabei.
Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum
Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte,
daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. -- Thut nichts, Bruderherz, ich
war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden
bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen -- wir haben
ja viele gesehen -- Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich
hier eingesessen -- ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles.
Siehst du ...
Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.
He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.
Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier!
Geben Sie mir Ihre Hand!
Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff
seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.
Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er
fort. -- Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie
noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz
Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten? Ich
war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15
Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?
Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die
Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.
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