unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit, der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte, meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur -- diesem unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten. VII Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart, einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete. Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag, komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende, dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch stärker -- es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer auf und erloschen sofort wieder. [H] Die Ueberschwemmungszeit der Flüsse im Kaukasus ist der Juli. Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den Tataren, der neben mir ritt. Ei, weißt du das nicht? antwortete er. Nein. Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den Feuerbrand werfen. Warum denn? Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu, herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er in die Schlucht schleppen. [I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentümlichen Mundart, die die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklären sind. [J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut. Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt? fragte ich. Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind solch ein Volk! So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich. Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg herunter. [K] Jok ist das tatarische »Nein«. [L] Naïbs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung anvertraut hat. Wohnt er weit von hier? Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein. Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort? O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen. Und hast du Schamyl gesehen? Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert, tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung. [M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache. Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht und dunkel. Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei, schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander. Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit. Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme. Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge, die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren, erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf. VIII Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe, die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren, hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten, über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte, klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer. Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten schwärmten am Waldesrand entlang. Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt, daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt; man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an. Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie, daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten. [N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen Zeichen machen und führen kann. Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General. Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und ruft: »Urrah!« Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei stürmt ihm nach. Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die Kugeln kommen dichter geflogen. -Quel charmant coup d'[oe]il!- sagt der General, indem er seinen dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt. -Charmant!- antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. -C'est un vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays-, sagt er. -Et surtout en bonne compagnie-, fügt der General mit anmutigem Lächeln hinzu. Der Major verneigte sich. In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten Lächeln etwas auf französisch. Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der Befehlshaber der Artillerie. Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig und raucht eine Cigarette an. Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick. Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke, die sie selbst aufwirbelt. Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war, den Eindruck, weil es überflüssig erschien -- diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit einem Beile die Luft zu spalten. IX Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam. Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut, zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.) Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore. Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern; ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß, daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als sei ich hier völlig zu Hause. Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte. Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam; ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten. Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich, daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen. Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das Leben aus. Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den andern geflohen sei. Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite. Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand. Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin ein alter Mann. Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen? Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet hatte. Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich. Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder. Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf. Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen, wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen waren. Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns gesammelt hatten. Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ... Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig. Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu. Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme. Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte, errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran. Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem Lächeln. X Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus. Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum andern hinüberrannten. Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig; einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »*Er*[O] feuert von da, *er* hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, *Kanonen* müßten wir haben ...« u. s. w. [O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen. Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker. Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen. Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte. Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut. Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln; immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen. Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig, wir werfen sie zurück. Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen. Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger, einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten, und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.) Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir. Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen, dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte, warum man etwas scheinen sollte. Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »-La garde meurt, mais ne se rend pas-« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort, gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt hätte, er es -- davon bin ich überzeugt -- nicht ausgesprochen hätte: erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen, jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen Rittertum gleich zu thun streben? ... Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich. Alles verschwand im Walde. Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen, auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war, die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck. Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von diesem traurigen Schauspiel ab. Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht gescheit und hat es büßen müssen. Fürchtest du dich denn? fragte ich. Etwa nicht? XI Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu ermuntern, aufzurichten und zu trösten. Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz. Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete Wirkung nicht. Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich aufrichtiges Mitleid aus. Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet hätte. Gott hat es offenbar so gewollt. Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges Lächeln. Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt. Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän. Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran. Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her. Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht. Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem Stöhnen zurück. Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz gleich, ich sterbe. Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir: »Er geht hinüber.« XII Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft. Der Holzschlag Erzählung eines Junkers I Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war, auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt. Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft. Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen, zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander. Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!« erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der Befehlshaber gekommen war. Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den Zugfeuerwerker Maksimow erkannte. Wer? Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, -- ich habe ihn gesehen --, jetzt fehlt er. Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide Soldaten uns einholten. Wo war er? fragte ich Antonow. Er hat im Park geschlafen! Wie, hat er denn einen Rausch? Ei, Gott bewahre. Warum ist er denn aber eingeschlafen? Das weiß ich nicht. Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere, ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern und Kesseln auf dem Rücken. Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie, die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald. Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an, schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen. Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten, und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran, legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an. Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden, holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte, in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und dann auf die Erde warf. Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer. Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob, wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran, faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug, aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen. Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden. II In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie, der Artillerie u. s. w. Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel Gemeinschaftliches haben, sind: 1. die Gehorsamen, 2. die Befehlerischen und 3. die Tollkühnen. Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die eifrig Gehorsame. Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b) Höflichbefehlerische. Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die ausschweifenden Tollkühnen. Der Typus, der am häufigsten vorkommt -- der liebenswürdigste, sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes verbundene Typus -- ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit; das hervorstechende Merkmal der Eifrigen -- die Beschränktheit der Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit. Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt. (Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten Klasse. Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen und Kühnheit sind -- und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen, und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung. Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt, daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht. Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das Tuch, das *sieben Rubel* kostete, war in der Nacht verloren gegangen! Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war, soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte, der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän -d'armes- und dem Leiter der Artel, den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet, ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, -- so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer »er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu einem Schurken gemacht. Er -- die giftige, gemeine Seele! -- hat seinem Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm Welentschuk zwei Monate später brachte. III Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines Zuges. An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den Nanking-überzogenen Pelzrock. Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich, wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin, seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich, kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer von den Höflichbefehlerischen. Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte. »Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging -- man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte. Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten zu nennen pflegten, war ein *Spaßmacher*. Im furchtbarsten Frost, im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord, oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten. Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung. Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand. Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte. Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß, die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow, derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten, trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen, ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit. Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen, obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand. Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches überrascht. IV Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden! sagte Welentschuk immer wieder. Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen -- ich rauche zu Hause auch immer Cigarren, die schmecken süßer. Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen. Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn eigentlich gewesen, Welentschuk, he? Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ sie aber bald wieder sinken. Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen. Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben, daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin. Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art! schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone. Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's! Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur Stelle, wie sich's gehört -- ganz in der Ordnung -- da plötzlich beim ? 1 , 2 3 ? , 4 , - - 5 . 6 7 8 9 10 , 11 . 12 : 13 , ; 14 , 15 , 16 , 17 18 ; , , 19 . 20 , 21 ; 22 : , ' , 23 , , 24 , , 25 . , 26 , , 27 - - . 28 , 29 . [ ] , 30 , , 31 . 32 33 . 34 35 [ ] . 36 37 , , ? 38 , . 39 40 , ? . 41 42 . 43 44 45 . 46 47 ? 48 49 , . , , 50 . 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