vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen
wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe
ich es verdient.
Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein
Zimmer.
Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer
Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,
erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie
sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten
bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier
sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle
Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran
zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht,
der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm
mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt
hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,
furchtbar ungern auf die Bastion.
Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin
getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem
weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz
hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die
Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion
fliegt sie!« hörte.
Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem
Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden
unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon
die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen
hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.
Legt euch! rief eine Stimme.
Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff
die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die
feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde
erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte
er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm
niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre
in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung
Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete
seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle
entfernt von ihm sich drehenden Bombe.
Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck --
ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt
von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste
vorüberblitzte.
»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und
wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann
wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich
chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet
sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen,
wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir
ist sie näher ... mich tötet sie!«
Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und
noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen;
ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm
durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie
in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren
beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,
fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen
Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes
-- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt
sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit
die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die
geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem
Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts,
stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und
fiel auf die Seite.
»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke,
und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände
waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.
Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte
er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein
Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,
und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem
Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da
neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen
vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand
würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber
sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und
ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust
war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er
hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.
»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte
er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten,
die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte
zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen
stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu
hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm,
als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer
schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten
immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine
abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte
er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust
getroffen und auf der Stelle getötet worden.
XIII
Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen;
während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag,
dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken
zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu
bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch
dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht
besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei
meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen:
eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben,
ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!«
dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf
bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine
Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber
besinnungslos auf den Rücken.
Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut,
das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene
Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es »dort«
sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist
sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der
Soldaten und die Schüsse höre.«
Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem
Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew
erkannte.
Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu
öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen
und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten
-- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall
des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im
Jenseits sei.
Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste
Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig
auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in
die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm
berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber,
daß er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als möglich die
Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf
mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach
dem Verbandort führen.
»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas
zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben
und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer
herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.
Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem
dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort
gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.
Und er wandte sich zurück.
Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer
Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das
nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz
gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!
Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde
wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht
hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.
»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,«
dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers,
entschlossen zur Kompagnie zurück.
Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war?
fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.
Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich,
tot oder verwundet.
Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und
weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?
Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!
Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten
Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist,
mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.
Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen!
sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen
Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille
mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.
Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der
Bewegung aufs heftigste schmerzte.
Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt
er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail
Iwanytsch!
Michail Iwanytsch antwortete nicht.
»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten
allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem
schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte
Michajlow.
Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort
im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend,
da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls
sein würde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte,
trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.
»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht,
die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die
Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde
selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine
*Schuldigkeit*,« sprach Michajlow zu sich selbst.
Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen,
sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der
andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes
Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.
Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte
er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und
den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon
erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast
außerhalb Schußweite. Ich sage: *fast*, nicht außerhalb Schußweite,
weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.
»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben
lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn
verband.
XIV
Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden
noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und
Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten,
blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf
dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von
Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen,
krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen
im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der
blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen,
stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden
Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher
gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich
die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie
an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude,
Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.
XV
Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf
dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten
und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den
niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten
Alleen.
Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon
und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.
Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen
Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,
den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der
Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste
des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in
Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen
einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,
den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der
Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,
wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor
bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es
gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu
Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich
Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,
dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und
jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen
zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu
bekommen.
Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken
Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.
Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin
zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal
ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*
Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem
Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein
tapfrer ...
Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem
Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig
davongekommen bin*.
Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit
verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.
Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.
Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.
-Est ce que pavillon est baissé déjà?- fragte Fürst Galzin und sah
dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte
Person zu wenden.
-Non, pas encore-, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er
französisch verstehe und spreche.
Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,
und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän
schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu
sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten
sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern,
außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den
einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht
entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals
nieder und rauchte eine Cigarette an.
Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe
den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit
französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:
-S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les
embuscades auraient été reprises-, und er habe ihm geantwortet:
-Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti-, so
vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.
In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen
war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,
obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch
ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron
Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,
die in seiner Nähe waren, gefragt: -De quel régiment êtes-vous?- Sie
antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über
die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der
nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn
in der dritten Person aus: »-Il vient regarder nos travaux ce sacré
...-« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein
Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten
und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die
er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in
lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der
Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner
Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch
mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch
einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht
gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht
oder erwähnt.
XVI
Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße
Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,
liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,
verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.
Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus
dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses
Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt
die eine Schar zur andern.
Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.
Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger
Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um
verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.
Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.
-Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui
porte l'aigle impérial.-
Eh wu de la gard?
-Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne.-
Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe
Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.
-A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme.-
Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von
seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.
-Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,
vous m'obligerez.-
Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem
Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt
ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie
Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.
Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit
umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände
auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,
an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine
Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak
auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.
Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.
-Oui, bon tabac, tabac turc-, sagt der Franzose, -et chez vous autres,
tabac -- russe? bon?-
Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln
sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im
rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf
einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.
-Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes-, sagt ein Zuave mitten aus
dem Franzosenhaufen.
-De quoi de ce qu'ils rient donc?- sagt ein anderer, ein dunkelbrauner
Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.
Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des
Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.
-Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!- schreit der
französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher
Unzufriedenheit auseinander.
Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger
Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf.
Es ist die Rede von einem gewissen -comte Sazonoff, que j'ai beaucoup
connu, M.-, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe
fehlt; -c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons-.
-Il y a un Sazonoff, que j'ai connu-, sagt der Kavallerist, -mais il
n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à
peu près-.
-C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.
Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --
Capitaine Latour-, sagt er mit einer Verbeugung.
-N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça
chauffait cette nuit, n'est-ce pas?- sagt der Kavallerist, der die
Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.
-Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels
gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme
eux.-
-Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus- --
sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu
sein.
Aber genug.
Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten,
jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den
nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten
werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall
gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer
Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname
betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal
übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht,
hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt
bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange
einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt.
Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt
mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der
Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, --
der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe
schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft
spornstreichs fort nach der Festung.
Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt,
das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne
sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den
Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen,
sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,
die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und
fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem
Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die
Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten
und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude
und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und
von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem
wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.
[Illustration: Gedankenwechsel]
So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber
ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht
aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu
jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden
schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu
werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf,
um den Wein nicht zu zerstören.
Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden
sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr
Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.
Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- -bravoure de
gentilhomme- -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch
Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den
Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit
seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung
und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die
Helden der Erzählung sein.
Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele
liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer
schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.
*Sewastopol* im August 1855
I
Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler
Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)
und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein
Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends
sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem
russischen Wagen und einem Korb).
Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und
einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die
Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel
bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der
Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen
konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,
als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren
bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --
den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte
aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders
im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.
Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen
gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln
gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen
Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.
Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend;
der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,
besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen,
schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai
durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn
noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig
gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem
Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in
Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand
genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine
Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich
deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine
Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten
aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch
ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in
ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am
stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem
fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier
trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich
an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die
Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen
kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten
Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken,
Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das
Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den
Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte
und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund
eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden
Kranken und Verwundeten.
Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu
seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes
Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.
Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in
einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im
Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen
Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd
und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in
der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach
der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war
und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag
neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände,
mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe
gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein
dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine
Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er
baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu
schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.
Dolshnikow! schrie er.
Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die
Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann
Soldaten zusammen schrien.
Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?
Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er
erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.
Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben
schwerfälligen Baß.
Wo steht jetzt das Regiment?
Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer
Wohlgeboren.
Wohin?
Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!
Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze
aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am
meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so,
daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...
Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem
Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß
er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge
erzählte.
Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er
gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen
so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die
anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war
von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er
spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,
besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große
Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor
allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie,
die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an
sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß
einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen
war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von
Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder
nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel
seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste
unter den Menschen, die er sich gleichstellte.
Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt!
... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf
dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten
und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des
Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm
zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew!
Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,
indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.
[D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich,
halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.
Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk
rollte im Trabe weiter.
Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte
der Offizier.
II
Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen
war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von
Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben
und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege
zusammendrängte, aufgehalten.
Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines
zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.
Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot
kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei
ihnen stehen geblieben war.
Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete
der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf
seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der
Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen;
es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es
heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja
abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?
In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere,
ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen,
weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort
fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!
Weshalb denn, meine Herren?
Hörst du denn nicht, wie *er* jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen
unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat -- das
läßt sich gar nicht sagen.
Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und
setzte sich die Mütze zurecht.
Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit
der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne
sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein
Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die
Mütze.
Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging,
den Sack auf dem Rücken, weiter.
Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der
Melone stocherte.
Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern
der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.
III
Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die
erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war
ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei
nachfolgenden Offizieren stritt.
Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig
Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein
Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen
lassen.
Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb
hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden
Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied
absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum
Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen könnte.
Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend
der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen
reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt
hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das
eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.
Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie
hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle
Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.
Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...
Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu
ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:
Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man
thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte
sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann
werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel
gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen.
Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk,
und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht
gesehen.
Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.
Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.
Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum
jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei
Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein
Unglück, wir kommen schon noch zurecht.
Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und
Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er
sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an
und begann sich eine Cigarette zu drehen.
Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem
zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden
waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe:
ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus
buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich
in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz
unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt
Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm
fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere
mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer
Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon
daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine
Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der
Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht
etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl
aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf
ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten
-- ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging,
sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein
Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des
auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen
schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an
der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges
bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die
jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben
erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die
Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in
diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols
kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er
irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech.
Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa
einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und
setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte
er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf
den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.
IV
Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere,
schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute
etwas, und wir sind nicht dabei.
Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des
Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige,
jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht
ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.
Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.
Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur,
sagte er.
Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das
abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete,
verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That
sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und
besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so
erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei
jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß
ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«
Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem
Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit
unserm eigenen Pferde fahren?
Der Kamerad wollte nicht fahren.
Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee
eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das
Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß
die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide
gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.
Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?
Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk
neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und
zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.
Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.
Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es
ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht
stark.
Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach
seinem Bruder erkundigen wollte.
Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und
gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der
redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien
stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.
Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow
weiter.
Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in
die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können
sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige
Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine
Cigarettentasche hervorholen wollte.
Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.
Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie
erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die
Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu
Koselzow gewandt.
Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.
Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen,
nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer
Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen
haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser
Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen
müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.
Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.
Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie
hier bekommen.
Und haben Sie eine Bescheinigung?
Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir
ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns
hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns
hier geben?
Ganz bestimmt.
Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone,
der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe
gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr
recht glaubte.
V
Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin,
ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe
ins Zimmer trat.
Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten
ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar,
mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.
Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß
ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa
Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.
Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und
roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend,
mitten im Zimmer stehen.
Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim
Aufstehen angestoßen hatte.
Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn
zu.
Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.
Ah--ah--ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte
den Bruder.
Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre
beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?
Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete.
Gehen wir auf die Außentreppe, -- um uns auszusprechen.
Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson!
sagte er zu einem Kameraden.
Du wolltest ja doch essen?
Ich will nichts.
Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag',
wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er
sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.
Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der
ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten
wäre, wie dies alle erwartet haben.
Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann
man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn
Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren
vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was
ist da weiter ...
Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.
Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und
errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist
alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man
sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs
Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen
zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.
Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine
Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß
wir nicht zusammen sein werden.
Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen?
fragte plötzlich der Jüngere.
Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist
weiter nichts. Du wirst selber sehen.
Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol
nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.
Gott weiß.
Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich
gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden,
darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin
und nicht weiß, wie ich mich melden soll.
Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich,
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