»Jeden Dienstag und Freitag um zwei Uhr fahre ich mit Mama auf dem
Twerskoi Boulevard spazieren. Gehen Sie denn nicht aus?«
»Ich werde sicher um Erlaubnis bitten, und wenn man mich nicht läßt,
laufe ich ohne Mütze fort. Den Weg weiß ich.«
Sonja lachte.
»Wissen Sie was?« sagte sie plötzlich, mit dem Fuß einen kleinen Apfel
aus dem Wege schleudernd, »ich sage zu einigen Jungen, die zu uns
kommen: ›du‹; wollen wir uns auch duzen? Willst du?« fügte sie hinzu
und sah mir, das Köpfchen schüttelnd, gerade in die Augen.
In diesem Augenblick traten wir in den Saal, und es begann der zweite,
lebhafte Teil des Großvatertanzes.
»Kom ... men Sie,« sagte ich, als die Musik und der Lärm meine Stimme
übertönten.
»Komm, und nicht: kommen Sie,« verbesserte sie mich lächelnd.
Das »ie«, das sie möglichst derb auszusprechen suchte, erschien mir als
der harmonischste Ton, den die menschliche Stimme hervorbringen kann.
Ich war hingerissen.
Der »Großvater« war zu Ende; ich hatte nicht einen Satz mit »du«
zustande gebracht, obgleich ich mir unaufhörlich den Kopf zerbrach und
Wendungen ausgrübelte, in denen das Fürwort mehrmals vorkam. Es fehlte
mir an Mut. »Willst du? Komm!« klang es in meinen Ohren und rief einen
rauschähnlichen Zustand bei mir hervor: ich sah nichts als Sonja. Ich
beobachtete, wie Frau Walachin sie musterte, ob sie vom Tanzen nicht
zu sehr erhitzt sei und fahren könnte; wie sie sich kätzchengleich an
ihre Mutter schmiegte; sah, wie ihre Locken zusammengenommen und hinter
die Ohren gelegt wurden, so daß ein Teil der Stirn und die Schläfe frei
wurde, die ich noch nicht gesehen hatte. Diese neuen Stellen schienen
mir noch schöner als die bereits bekannten. Ich weiß noch, wie sie in
ein großes wollenes Tuch so dicht eingewickelt wurde, daß, wenn sie
nicht mit ihren Rosenfingern ein kleines Loch für den Mund freigemacht
hätte, sie sicher erstickt wäre. Obgleich man hinter dem Tuch nur die
Augen und die Nasenspitze sah, waren diese so lieb, daß ich mich von
dem Anblick nicht trennen konnte. Als sie hinter ihrer Mutter die
Treppe hinunterstieg, wandte sie sich schnell noch einmal um, nickte
mit dem Kopf und dann sah ich sie nicht mehr.
Wolodja, Iwins, der junge Fürst, ich, wir alle waren in Sonja verliebt,
standen auf der Treppe und warfen ihr Blicke nach. Wem sie eigentlich
besonders zunickte, weiß ich nicht; damals war ich aber fest überzeugt,
daß ich es sei.
Beim Abschied von Iwins sprach ich sehr frei, ungezwungen und sogar
etwas kalt mit Serjoscha und drückte ihm die Hand.
Diese Veränderung in meinem Benehmen überraschte ihn wahrscheinlich
unangenehm, denn er sah mich fragend und nicht gerade freundlich an.
Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf mich mit dem heutigen Abend sein
Ende erreicht hatte, tat ihm das sicher leid, obgleich er sich bemühte,
ganz gleichgültig zu erscheinen.
Zum erstenmal im Leben war ich treulos in der Liebe, und zum
erstenmal empfand ich die Süßigkeit dieses Gefühls. Es war mir eine
wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit gegen
ein frisches Liebesempfinden voll Heimlichkeit und Ungewißheit
einzutauschen. Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue
beginnen, doppelt lieben.
Als ich in den Saal zurückkehrte, sah ich niemanden; ich blickte alle
Gäste an und suchte Sonja, obgleich ich wußte, daß sie fort sei, und
ich sie unmöglich wiedersehen könnte.
26. Im Bett.
Karl Iwanowitsch war noch nicht da; wir legten uns schlafen.
Wie hatte ich, trotz seiner Gleichgültigkeit, Serjoscha Iwin so
sehr lieben können? überlegte ich. Nein, er hatte meine Liebe nie
verstanden, war sie nicht wert und wußte sie nicht zu schätzen. Sonja
dagegen? Wie war die reizend! »Willst du; du mußt anfangen.« Ich sprang
auf allen vieren hoch, stellte mir ihr reizendes Gesicht vor, bedeckte
den Kopf mit der Bettdecke, stopfte sie auf allen Seiten zu, und als
nirgends eine Öffnung mehr war, legte ich mich wieder hin und versank,
im angenehmen Gefühl der Wärme, in süße Träume und Erinnerungen.
Den Blick auf das Futter der Steppdecke gerichtet, sah ich Sonja so
deutlich vor mir, wie eine Stunde vorher; ich sprach in Gedanken mit
ihr, und diese Unterhaltung, die gar keinen Sinn hatte, verschaffte mir
unbeschreiblichen Genuß, weil das: »du, dir, mit dir, dein« fortwährend
darin vorkamen.
Diese Träume waren so klar und angenehm, daß ich vor süßer Erregung
nicht einschlafen konnte; ich wollte jemandem mein Glück mitteilen.
»Lieb--ling!« sagte ich fast laut, mich schnell auf die andere Seite
drehend.
»Wolodja, schläfst du?«
»Nein,« erwiderte dieser schläfrig. »Was ist?«
»Ich bin verliebt, Wolodja, total verliebt in Sonja Walachin.«
»Na u--und?« meinte er gedehnt.
»Ach, Wolodja, du kannst dir nicht vorstellen wie mir ist; eben lag ich
unter der Decke, und da hab ich sie so deutlich, so klar gesehen und
mit ihr gesprochen -- einfach erstaunlich. Willst du glauben, so sehr
ich mich schäme, aber ich möchte, Gott weiß warum, schrecklich gern
weinen.«
Wolodja bewegte sich.
»Ich möchte nur eins,« fuhr ich fort, »nämlich: sie immer sehen ...
weiter nichts. Bist du auch verliebt? Sag doch die Wahrheit, Wolodja.«
Sonderbar. Ich wünschte, daß alle in Sonja verliebt wären und alle es
erzählten.
»Was geht dich das an,« meinte Wolodja, sich mit dem Gesicht zu mir
wendend, »kann schon sein.«
»Du willst gar nicht schlafen, hast nur so getan!« rief ich
triumphierend. An seinen Augen sah ich, daß er nicht an Schlaf dachte
und schlug die Bettdecke zurück. »Laß uns von ihr plaudern. Nicht wahr,
sie ist so reizend ... so reizend, daß, wenn sie zu mir sagt: ›Nikolas,
spring aus dem Fenster, oder stürz dich ins Feuer, ich möchte es‹ --
weiß Gott,« sagte ich, mich zur Beteurung meiner Worte bekreuzend,
»ich täte es sofort. Ach, dieser Liebling! Ei--jai--jai, wie reizend!«
schloß ich, sie mir deutlich vorstellend, und warf mich, um das Bild
so recht zu genießen, mit einem Ruck herum in die Kissen. »Ich möchte
schrecklich gern weinen, Wolodja.«
»Du Schafskopf,« sagte er lächelnd und meinte dann nach kurzem
Schweigen: »ich bin ganz anders wie du; ich denke, wenn ich könnte,
möchte ich erst neben ihr sitzen ...«
»Aha! Also du bist auch verliebt,« unterbrach ich ihn.
»Dann,« fuhr Wolodja lächelnd fort und machte dabei so verschmitzte
Augen (wie Papa, wenn er mit Damen sprach), »dann möchte ich sie an der
Hand fassen, dann ihre Fingerchen, Äuglein, das Näschen, die Lippen,
Füßchen, alles möchte ich küssen ... möchte sie auffressen!« schloß er,
mit den Füßen ausschlagend und mit den Zähnen knirschend.
»Dummheit! Gemeinheit!« schrie ich ärgerlich und wandte mich ab.
»Du verstehst nichts,« sagte Wolodja verächtlich.
»Nein, ich verstehe schon, aber du hast keine Ahnung und redest
Dummheiten,« erwiderte ich unter Tränen.
»Ist doch gar kein Grund zum Weinen! Bist ein richtiges Weib!«
27. Ein Brief.
Am 16. April, fast sechs Monate nach dem soeben beschriebenen Tage, kam
der Vater während des Unterrichts zu uns nach oben und teilte uns mit,
daß wir heute nacht mit ihm aufs Land, nach Hause fahren sollten. Mir
wurde bei dieser Nachricht beklommen ums Herz; meine Gedanken wandten
sich sofort der Mutter zu. Der Grund dieser unerwarteten Abreise war
folgender Brief:
Petrowskoie, 12. April.
»Soeben, erst um zehn Uhr abends, erhielt ich Deinen lieben Brief
vom 2. April, und meiner alten Gewohnheit gemäß beantworte ich ihn
sogleich. Fedor hatte ihn gestern aus der Stadt mitgebracht, da es aber
schon spät war, übergab er ihn Mimi erst heute morgen. Die behielt ihn
unter dem Vorwande, ich sei nicht wohl, den ganzen Tag. Allerdings
hatte ich heute etwas Fieber und, um Dir die Wahrheit zu sagen, bin ich
schon drei Tage nicht wohl und bettlägerig.
Erschrick bitte nicht, Liebling; ich fühle mich ziemlich gut, und wenn
Iwan Wassilitsch erlaubt, gedenke ich morgen aufzustehen.
Freitag voriger Woche fuhr ich mit den Kindern spazieren; wo der
Weg auf die Chaussee mündet, bei der kleinen Brücke, die mir stets
Schrecken einflößt, blieben die Pferde im Schmutz stecken. Es war gutes
Wetter und ich gedachte, während man den Wagen herausgezogen hätte,
bis zur Chaussee zu Fuß zu gehen. Bei der Kapelle fühlte ich mich
sehr müde und setzte mich hin, um etwas auszuruhen; da es aber fast
eine halbe Stunde dauerte bis Leute kamen, die den Wagen herausziehen
konnten, wurde mir kalt, namentlich an den Füßen, weil meine Stiefel
dünne Sohlen hatten und durchnäßt waren. Nach dem Mittagessen stellte
sich Schüttelfrost und Hitze ein; ich ging, aber, wie gewohnt, meiner
Beschäftigung nach und spielte nach dem Tee mit Ljubotschka vierhändig.
(Du wirst sie nicht wiedererkennen, solche Fortschritte hat sie
gemacht.) Denke Dir mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß ich nicht
Takt halten konnte. Ein paarmal fing ich an zu zählen, aber es drehte
sich alles in meinem Kopf, und ich hatte sonderbares Ohrensausen. Ich
zählte: eins, zwei, drei, dann plötzlich acht, fünfzehn -- ich fühlte,
daß ich verkehrt zählte und konnte es doch nicht besser machen. Endlich
kam Mimi mir zu Hilfe und brachte mich fast mit Gewalt zu Bett. Das
ist, Liebling, mein ausführlicher Bericht, wie ich krank geworden, und
daß ich selbst an allem schuld bin.
Den nächsten Tag hatte ich ziemlich starkes Fieber, und unser guter
alter Iwan Wassilitsch kam, der bis jetzt bei mir weilt und mich bald
zu entlassen verspricht. Ein prächtiger Alter, dieser Iwan Wassilitsch.
Als ich Fieber hatte und phantasierte, hat er die ganze Nacht, ohne ein
Auge zu schließen, an meinem Bett gesessen; jetzt, wo er weiß, daß ich
schreibe, sitzt er mit den Mädchen im Diwanzimmer, und ich kann vom
Schlafzimmer aus hören, wie er ihnen deutsche Märchen erzählt und sie
vor Lachen vergehen wollen.
~La belle Flamande~, wie Du sie immer nennst, ist schon vierzehn Tage
bei mir, da ihre Mutter irgendwo zum Besuch ist. Sie zeigt mir durch
ihre Fürsorge aufrichtige Anhänglichkeit und vertraut mir all ihre
Herzensgeheimnisse an. Bei ihrem hübschen Gesicht, ihrem guten Herzen
und ihrer Jugend könnte ein in jeder Beziehung reizendes Mädchen aus
ihr werden, wenn sie in gute Hände käme; in der Gesellschaft aber,
in der sie lebt, geht sie, nach ihren Erzählungen zu urteilen, ganz
zugrunde. Mir kam der Gedanke, wenn ich nicht soviel eigene Kinder
hätte, täte ich ein gutes Werk, sie zu mir zu nehmen.
Ljubotschka wollte dir selbst schreiben, hat aber schon den dritten
Bogen zerrissen und sagt: ›ich weiß, wie gern Papa spottet; wenn ich
einen Fehler mache, zeigt er ihn allen.‹ Katja ist immer noch lieb,
Mimi gut und langweilig.
Jetzt von etwas Ernstem. Du schreibst mir, Deine Geschäfte gingen in
diesem Winter nicht gut; Du wärest genötigt, von dem Chabarower Geld
zu nehmen. Es kommt mir sonderbar vor, daß Du dazu meine Zustimmung
erbittest; was mir gehört, gehört doch auch Dir!
Du bist so gut, lieber Freund, daß Du aus Furcht, mich zu betrüben, die
wirkliche Lage Deiner Geschäfte verheimlichst; ich errate aber, daß Du
sicher sehr viel verloren hast und bin, das schwöre ich Dir, darüber
nicht bekümmert. Wenn sich also die Sache noch gutmachen läßt, denke
nicht weiter daran und quäle Dich nicht unnütz. Ich bin es gewohnt, für
die Kinder nicht auf Dein Einkommen zu rechnen, ja, entschuldige, nicht
einmal auf Dein Vermögen. Dein Gewinn freut mich ebensowenig, wie mich
Dein Verlust betrübt; mich bekümmert nur Dein unseliger Hang zum Spiel,
der mir einen Teil Deiner Anhänglichkeit raubt und mich nötigt, Dir so
bittere Wahrheiten zu sagen wie jetzt. Gott weiß, wie weh mir das tut!
Ich bitte ihn unaufhörlich um das eine, daß er uns behüte ... nicht
vor Armut (was ist Armut?), sondern vor dem schrecklichen Zustande,
wo die Interessen der Kinder, die ich vertreten muß, mit den unsrigen
kollidieren. Bis jetzt hat der Herr mein Gebet erhört -- Du hast den
Schritt nicht getan, nach welchem wir entweder das Vermögen opfern
müssen, das schon nicht mehr uns, sondern unseren Kindern gehört,
oder ... es ist schrecklich, daran zu denken, aber dieses schreckliche
Unglück bedroht uns stets. Ein schweres Kreuz, das Gott der Herr uns
beiden auferlegt hat.
Du schreibst mir noch von den Kindern und kommst auf unseren alten
Streit zurück; Du bittest mich, darein zu willigen, daß wir sie einer
staatlichen Erziehungsanstalt übergeben. Du kennst meine Abneigung
gegen eine öffentliche Erziehung; glaub mir, daß ist keine Kaprice,
sondern meine Überzeugung, daß diese Erziehung schädlich und für junge
Leute gefährlich ist. Ich bestreite nicht all die Vorteile, die für
die Beamtenlaufbahn durch Verbindungen und Konnexionen entspringen;
bestreite auch nicht, daß nur Kinder sogenannter besserer Familien
diese Schule besuchen und daß man zu Hause den Kindern nicht solche
Lehrer geben kann wie sie dort haben. Du wirst mir aber darin recht
geben, daß es außer der Beamtenlaufbahn, Konnexionen und glänzenden
Kenntnissen noch gute Grundsätze und feines, zartes Empfinden gibt,
auf die man am meisten zu achten hat. Ich weiß, daß in den staatlichen
Lehranstalten wohl auf die Sittlichkeit geachtet wird, aber es scheint
mir unmöglich, auf alle Kinder gleichmäßig zu wirken; man muß die
Richtung, die Neigungen, die vorangegangene Erziehung jedes Kindes
kennen, um ihm gute Gefühle einzuflößen, damit es an das Gute glaubt
und es liebt. Wie ist das bei gemeinsamer Erziehung möglich? Bei einem
Kinde wirkt die Rute, beim anderen Zureden und Ermahnungen. Nur Mutter
oder Vater, die schon deswegen, weil sie an den Kindern ihre eigenen
Neigungen wahrnehmen und sie daher von kleinauf mit den Augen der Liebe
beobachten, können ein Kind soweit begreifen, wie für die Erziehung
nötig ist. Allen die gleichen moralischen Grundgedanken beibringen ist
dasselbe, wie Ananas, Levkojen, Gurken und Jasmin in denselben Topf
pflanzen. Wie gut man die Gewächse auch pflegt -- die Hälfte oder die
Mehrzahl geht sicher ein. Deswegen lachen die Kinder in öffentlichen
Lehranstalten über alle Verhaltungsmaßregeln.
Da ein großer Teil der Kinder in staatlichen Erziehungsanstalten keine
Sympathie für die trockenen Tugendregeln, die ihnen beigebracht werden,
hat und haben kann, lachen sie innerlich und untereinander darüber und
meiden das Schlechte nur aus Furcht vor Strafe. Glaub mir aber, ein
Kind wird niemals über die Ermahnungen des Vaters lachen, oder über die
Tränen der Mutter, die es betrübt hat. Gewohnt mit seinen Mitschülern
über alles Gute und Edle zu spotten, vergißt es bald die feinen
Gefühle, die ihm zu Hause beigebracht sind. Empfindsamkeit, die beste
Fähigkeit der Seele, nämlich die, zu lieben und zu weinen, weicht dem
Geist, der unter den Kameraden herrscht und der Forschheit. Religiöses
Gefühl, Liebe zu Verwandten, Eltern, Mitleid mit dem Kummer und den
Leiden anderer -- all die besten Regungen, von denen ein unverdorbenes,
kindliches Gemüt so voll ist und ohne die es kein wahres Glück gibt,
erregen nur Spott und Verachtung. Dann aber, wenn kein einziges edles,
zartes Gefühl, kein einziger fester, moralischer Grundbegriff mehr
übriggeblieben ist, fühlt der Knabe das Verlangen, sich hinreißen zu
lassen, und nun erscheint das Laster in tausend verschiedenen Formen.
Er trachtet nach dem äußersten -- in Tugend oder Laster: das hängt von
der Richtung ab, die die Umgebung ihm zeigt -- nichts hemmt ihn, und
er begeht so schreckliche, schmutzige Handlungen, daß er entweder, um
sein Gefühl und die Stimme des Gewissens zu betäuben, sich dem Laster
ganz in die Arme wirft, oder, wenn er noch die Kraft besitzt, am Rande
des Verderbens haltzumachen und die Gewissensbisse zu ertragen, hat
er für immer genug zu tun, um wenigstens etwas von seiner Reinheit,
Unschuld und Seelenruhe, die fast dahin sind, zu retten. Gewiß, es
gibt Leute, die diesem Unglück aus dem Wege zu gehen wissen; es gibt
auch solche, die sich schließlich mit ihren Erinnerungen abfinden und
sie gnädigst wie Kinderstreiche betrachten, die keine Bedeutung haben.
Ich möchte aber für meine Kinder das bessere Teil, möchte, daß sie ins
Leben treten, ohne schlechtes Beispiel kennen gelernt zu haben, mit
entwickeltem Verstand, festen, von kleinauf eingeflößten moralischen
Grundsätzen, einem gestärkten Willen und besonders im Zustande der
seelischen Reinheit und Unschuld, durch die sie jetzt so lieb und
glücklich sind.
Ich weiß nicht, lieber Freund, ob Du mit mir übereinstimmst oder nicht;
jedenfalls bitte ich, flehe ich Dich bei meiner Liebe zu Dir an, wenn
Du mich ganz glücklich sehen willst, gib mir das Versprechen, weder bei
meinen Lebzeiten, noch nach meinem Tode, wenn es Gott gefällt uns zu
trennen, unsere Kinder in einer Lehranstalt unterzubringen.
Du schreibst mir, Du müßtest notwendig in Geschäften bald nach
Petersburg reisen; Gott mit Dir, mein Freund; fahr hin und kehr
recht bald zurück. Wir alle grämen uns, wenn Du nicht da bist! Der
Frühling ist herrlich; wir haben die Balkontür schon vor vier Tagen
geöffnet; der Weg zum Gewächshaus war ganz trocken, und die Pfirsiche
standen in voller Blüte; nur hier und da noch Spuren von Schnee; die
Schwalben sind da, und heute hat Ljubotschka mir vom Spaziergang die
ersten Frühlingsblumen mitgebracht. Der Doktor sagt, in drei Tagen
wäre ich ganz gesund und könnte die frische Luft atmen und mich in
der Aprilsonne wärmen. Leb wohl, lieber Freund, beunruhige Dich bitte
nicht, weder über meine Krankheit, noch über Deine Verluste, sondern
bring Deine Angelegenheiten schnell zu Ende und komm mit den Kindern
den ganzen Sommer zu uns. Ich mache herrliche Pläne, wie wir ihn
verbringen wollen; zu ihrer Verwirklichung fehlst nur Du noch.«
Der folgende Teil des Briefes war mit ungleichmäßiger, enger Schrift,
französisch auf einem anderen Stück Papier geschrieben. Ich übersetze
ihn Wort für Wort:
»Glaub nicht, was ich Dir über meine Krankheit geschrieben habe;
niemand ahnt, wie ernst sie ist; nur ich weiß, daß ich nicht mehr vom
Bett aufstehen werde. Komm sofort, verlier keine Minute und bring die
Kinder mit. Vielleicht kann ich Dich noch einmal umarmen und sie
segnen; das ist mein letzter Wunsch. Ich weiß, welch schrecklicher
Schlag diese Nachricht für Dich ist; aber früher oder später, von mir
oder anderen würde er Dir doch zugefügt. Laß uns versuchen, dieses
Unglück mit Festigkeit und Ergebung in den Willen Gottes zu ertragen.
Hoffen wir auf seine Barmherzigkeit.
Glaub nicht, was ich Dir hier schreibe, seien Fieberphantasien einer
Kranken; im Gegenteil: meine Gedanken sind in diesem Augenblick
außerordentlich klar und ich bin ganz ruhig. Gib Dich nicht der
Hoffnung hin, ich hätte mich geirrt, es seien trügerische unklare
Vorgefühle einer ängstlichen Seele. Nein, ich fühle, ich weiß -- weiß
es deshalb, weil es Gott gefallen hat, mir alles zu offenbaren -- daß
ich nicht mehr lange zu leben habe.
Ob meine Liebe zu Dir und den Kindern mit dem Tode endet? Das sind
Zweifel, die mich stets gequält haben; jetzt aber weiß ich bestimmt,
daß das unmöglich ist. Ich fühle in diesem Augenblick meine Liebe zu
Euch zu deutlich, um glauben zu können, daß das Gefühl, ohne das ich
meine Existenz nicht begreife, jemals aufhören könnte. Meine Seele kann
ohne die Liebe zu Euch nicht existieren; ich weiß aber, daß sie schon
deswegen ewig bestehen wird, weil solch ein Gefühl wie meine Liebe
nicht entstehen könnte, wenn sie jemals aufhören müßte. Jetzt bin ich
fest überzeugt, daß, wenn ich nicht mehr bei Euch bin, meine Liebe doch
niemals aufhört und Euch nicht verläßt. Dieser Gedanke ist so tröstlich
für mein Herz, daß ich ruhig und ohne Furcht das Nahen des Todes
erwarte. Ich bin ruhig; Gott weiß, daß ich den Tod stets als Übergang
zu einem besseren Leben betrachtet habe; aber warum drohen Tränen mich
zu ersticken? Warum werden die Kinder der geliebten Mutter beraubt?
Warum wird Dir ein so schrecklicher, unerwarteter Schlag versetzt?
Warum muß ich sterben, obgleich die Liebe mein Leben so unendlich
glücklich gemacht hat? Warum? ... Sein heiliger Wille geschehe!
Ich kann vor Tränen nicht weiterschreiben. Vielleicht sehe ich Dich
nicht mehr; also danke ich Dir, mein teurer Freund, für alles Glück,
daß Du mir in diesem Leben gegeben hast; ich werde dort Gott bitten,
daß Er Dich belohnt. Leb wohl, lieber Freund, denk daran, daß, obgleich
ich nicht mehr bin, meine Liebe zu Dir Dich nie und nirgends verläßt.
Leb wohl, Wolodja; leb wohl, mein Engel; leb wohl mein Benjamin,
Nikolas! Werden die Kinder mich wirklich je vergessen?!« --
In diesem Brief lag ein gewandter und gefühlvoller Brief Mimis
folgenden Inhalts:
»~Les tristes sentiments dont elle vous parle ne sont que trop appuyés
par les paroles du docteur. Hier dans la nuit elle a demandé qu'on
envoie tout de suite cette lettre à la poste. Croyant que dans ce
moment elle était en délire, j'ai attendu jusqu'à ce matin et j'ai osé
la décacheter. A peine l'avais-je expédiée que Natalja Nikolajewna me
demanda ce que j'avais fait de la lettre, et m'ordonna de la brûler, si
elle n'était pas partie. Elle ne cesse d'en parier, même en délire et
prétend que cette lettre doit vous tuer.~
~Ne mettez donc pas de retard à votre voyage, si vous voulez voir cet
ange, avant qu'il vous quitte.~
~Excusez ce griffonage, je n'ai pas dormi trois nuits. Vous savez si je
l'aime!~«[2]
[2] »Die schlimmen Vorgefühle, von denen sie Ihnen schreibt,
werden nur zu sehr durch die Worte des Arztes bestätigt. Gestern
nacht verlangte sie, dieser Brief sollte sofort zur Post geschickt
werden. Im Glauben, sie spräche im Fieber, wartete ich bis heute
morgen und nahm mir die Freiheit, den Brief zu öffnen. Kaum hatte
ich ihn abgesandt, da fragte mich die gnädige Frau, was ich mit dem
Brief angefangen, und befahl mir, ihn zu verbrennen, falls er nicht
abgegangen sei. Sie spricht unaufhörlich von dem Brief, sogar im
Fieber, und behauptet, er müsse Sie töten.
Schieben Sie Ihre Reise nicht auf, wenn Sie diesen Engel noch
einmal sehen wollen, bevor er Sie verläßt.
Entschuldigen Sie diese Schmiererei -- ich habe drei Nächte nicht
geschlafen. Sie wissen, wie lieb ich Sie habe!«
Natalie Sawischna, die vom 11. April die ganze Nacht in Mamas
Schlafzimmer verbracht hatte, erzählte mir, Mama hätte nach Beendigung
des ersten Teiles den Brief neben sich auf den Nachttisch gelegt und
sei eingeschlafen. »Ich selbst,« sagte Natalie Sawischna, »nickte im
Lehnstuhl ein, und der Strickstrumpf fiel mir aus der Hand. Da höre
ich im Schlaf -- es war so um ein Uhr -- daß sie mit jemandem spricht.
Ich öffne die Augen und sehe, daß mein Täubchen im Bett sitzt, hat die
Hände gefaltet und Tränen fließen in Strömen aus ihren Augen. ›Also ist
alles zu Ende,‹ sagt sie und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.
Ich sprang auf und fragte: ›Was ist Ihnen?‹
›Ach, Natalie Sawischna, wenn Sie wüßten, wen ich soeben gesehen habe!‹
Soviel ich auch fragte, sie sagte mir nichts weiter, befahl nur, den
Tisch heranzurücken, schrieb noch etwas, hieß mich den Brief in ihrer
Gegenwart siegeln und sofort befördern. Danach wurde es schlimmer und
schlimmer.«
28. Was uns auf dem Lande erwartete.
Am 15. April stiegen wir an der Treppe von Petrowskoie aus der
Reisekutsche.
Bei der Abfahrt aus Moskau war Papa sehr nachdenklich, und als Wolodja
ihn fragte, ob Mama vielleicht krank sei, blickte er ihn traurig an und
nickte mit dem Kopf. Unterwegs beruhigte sich Papa merklich; als wir
uns aber dem Hause näherten, wurde sein Gesicht immer trauriger, und
beim Aussteigen, als er den keuchend herumlaufenden Foka fragte: »Wo
ist meine Frau?« war seine Stimme unsicher, und in seinen Augen standen
Tränen. Der gute alte Foka schlug, nach einem verstohlenen Blick auf
uns, die Augen nieder, öffnete die Flurtür, wandte sich ab und sagte:
»Schon sechs Tage hat die gnädige Frau das Schlafzimmer nicht
verlassen.«
Milka, die, wie ich später erfuhr, seit dem Tage, an welchem Mama
erkrankte, unaufhörlich heulte, stürzte Papa freudig entgegen, sprang
an ihm in die Höhe, winselte, leckte ihm die Hände; aber er stieß sie
fort und ging ins Gastzimmer; von dort ins Diwanzimmer, dessen Tür
direkt ins Schlafzimmer führte. Je näher er diesem Zimmer kam, desto
deutlicher war seine Unruhe an der ganzen Körperhaltung zu erkennen.
Beim Eintritt ins Diwanzimmer ging er auf den Zehenspitzen, wagte kaum
zu atmen und bekreuzigte sich, bevor er den Griff der geschlossenen Tür
anzurühren wagte. Im selben Augenblick kam aus dem Korridor verweint
und unfrisiert Mimi gelaufen.
»Ach, Peter Alexandrowitsch!« flüsterte sie mit dem Ausdruck echter
Verzweiflung, und fügte dann, bemerkend, daß Papa die Türklinke
niederdrückte, kaum hörbar hinzu: »hier geht es nicht -- durchs
Kinderzimmer ist der Eingang.«
O, wie schwer wirkte das alles auf meine kindliche Phantasie, die
bereits von schrecklichen Vorahnungen erfüllt war.
Wir gingen ins Mädchenzimmer. Auf dem Korridor begegnete uns der
verrückte Akim, der uns stets durch seine Grimassen amüsiert hatte;
aber in diesem Augenblick schien er mir durchaus nicht lächerlich, ja
sein geistlos-gleichgültiges Gesicht berührte mich direkt schmerzlich.
Die beiden Mädchen im Mädchenzimmer saßen bei einer Arbeit; sie erhoben
sich bei unserem Anblick mit so gezwungen-traurigem Ausdruck, daß ich
mich über ihre Verstellung schrecklich ärgerte. Nachdem wir noch Mimis
Zimmer passiert hatten, öffnete Papa die Tür zum Schlafzimmer, und wir
traten ein.
Die beiden Fenster rechts von der Tür waren mit Holzschalen besetzt und
mit Tüchern verhängt. An einem Fenster saß Natalie Sawischna mit der
Brille auf der Nase, strickend. Sie küßte uns nicht wie gewöhnlich,
sondern stand nur auf und sah uns durch die Brille an, wobei ihr die
hellen Tränen aus den Augen flossen. Es gefiel mir gar nicht, daß alle
bei unserem Anblick weinten, während sie vordem ganz ruhig gewesen
waren.
Links von der Tür stand ein Wandschirm, dahinter das Bett, der
Nachttisch, ein Schränkchen mit Arzeneien und ein großer Sessel, auf
welchem der Doktor schlummerte. Neben dem Bett stand ein junges,
blondes, auffallend schönes Mädchen in weißem Morgenrock, die Ärmel
ein wenig aufgestreift, und legte Mama, die ich in diesem Augenblick
nicht sah, Eis auf den Kopf. Das war »~la belle Flamande~«, von der
Mama geschrieben hatte, und die später im Leben unserer Familie eine
so wichtige Rolle spielte. Sobald sie uns sah, nahm sie eine Hand von
Mamas Kopf und zog die Falten ihres Morgenrockes auf der Brust zurecht;
dann flüsterte sie traurig, fast unmerklich lächelnd: »Sie schläft
jetzt.«
Ich war in diesem Augenblick tief betrübt, bemerkte aber unwillkürlich
alle Einzelheiten; ich sah das an Papas Adresse gerichtete
verführerische Lächeln des Mädchens und den flüchtigen Blick, den Papa
dicht vor dem Bett auf ihre schönen, halb entblößten Arme warf.
Im Zimmer war es heiß, fast dunkel, und es roch gleichzeitig nach
Pfefferminz, Eau de Cologne, Kamillen und Hoffmannstropfen. Dieser
Geruch wirkte so auf mich, daß meine Phantasie, wenn ich ihn auch
nicht mehr spüre, sondern nur daran denke, mich unverzüglich in
dieses dunkle, schwüle Zimmer versetzt und mir die geringfügigsten
Einzelheiten dieser schrecklichen Minute in die Erinnerung zurückruft.
Mamas Augen waren offen, aber sie sah nichts. Nie werde ich diesen
schrecklichen Blick vergessen. Er drückte entsetzliche Leiden aus. Man
brachte uns fort.
Als ich später Natalie Sawischna nach Mamas letzten Augenblicken
fragte, erzählte sie mir: »Nachdem man euch weggebracht hatte, wälzte
sie sich noch lange hin und her, als wenn sie gerade hier an dieser
Stelle etwas drückte; dann sank ihr Kopf auf das Kissen, und sie
schlief so sanft und ruhig ein, wie ein himmlischer Engel.
Nur einen Augenblick bin ich hinausgegangen, um zu sehen, warum das
Getränk nicht kommt -- da hat sie, als ich zurückkomme, schon alles
auf dem Bett durcheinander geworfen und winkt den Papa zu sich heran;
der beugt sich über sie, sie hatte aber offenbar nicht mehr die Kraft
zu sagen, was sie wollte; sie öffnet nur die Lippen und beginnt wieder
zu stöhnen: ›Ach Gott, mein Gott! Die Kinder! Die Kinder!‹ Ich wollte
nach euch laufen, aber Iwan Wassilitsch hielt mich zurück und sagte, es
beunruhige sie nur noch mehr; lieber nicht. Dann hob sie nur noch die
Hand und ließ sie sinken; was sie damit sagen wollte, weiß Gott allein.
Ich denke mir, daß sie euch dadurch abwesend segnete, da Gott ihr nicht
beschieden hatte, vor ihrem Ende die Kinder noch einmal zu sehen.
Dann erhob sie sich, mein Täubchen, machte so mit der Hand und sprach
mit einer Stimme, daß ich nicht mehr daran denken kann, plötzlich:
›Mutter Gottes, verlaß sie nicht! ...‹
Dann trat ihr das Weh ans Herz -- man sah den Augen an, daß die Ärmste
sich schrecklich quälte; sie fiel auf die Kissen, biß in das Bettuch
und ihre Tränen flossen ununterbrochen.«
»Und dann?« fragte ich.
Natalie Sawischna konnte nicht weiter sprechen; sie wandte sich ab und
weinte bitterlich.
Mama starb unter schrecklichen Qualen.
Warum litt sie? Warum ...
29. Trauer.
Am nächsten Tage, spät abends, wollte ich sie noch einmal sehen. Das
unwillkürliche Angstgefühl überwindend, öffnete ich leise die Tür und
trat auf Zehenspitzen in den Saal.
Mitten im Zimmer stand der Sarg auf einem Tisch; ringsum
heruntergebrannte Lichter in hohen silbernen Leuchtern; in einer
entfernten Ecke saß der Küster und las halb im Schlaf mit leiser,
gleichmäßiger Stimme den Psalter.
Ich blieb an der Tür stehen und schaute hin; aber meine Augen waren so
verweint und meine Nerven so zerrüttet, daß ich nichts unterscheiden
konnte. Licht, Brokat, Samt, die hohen Leuchter, das spitzenbesetzte
rosa Kissen, das Stirnband, die Haube mit Bändern und noch etwas
Durchsichtiges, Wachsfarbenes -- alles floß ineinander. Ich stieg auf
einen Stuhl, um ihr Gesicht zu sehen; aber an der Stelle, wo es sein
mußte, war wieder das blaßgelbliche, durchsichtige Etwas. Ich konnte
nicht glauben, daß das ihr Gesicht sei; ich blickte unverwandt hin
und unterschied allmählich die bekannten, lieben Züge. Als ich mich
überzeugte, daß sie es war, fuhr ich vor Schreck zusammen. Warum waren
die geschlossenen Augen so eingefallen? Woher diese schreckliche Blässe
und der schwärzliche Fleck unter der durchsichtigen Haut auf einer
Wange? Warum war der ganze Gesichtsausdruck so streng und kalt? warum
die Lippen so blaß und ihre Linie so schön, majestätisch, überirdisch
ruhig, daß mich kalter Schreck bei ihrem Anblick überlief?
Ich schaute hin und fühlte, daß eine rätselhafte, unbezwingliche
Macht meine Blicke an dieses schöne, leblose Antlitz fesselte. Ich
wandte kein Auge von ihr, und meine Phantasie malte mir Bilder voll
Leben und Glück. Ich vergaß, daß der Leichnam, der vor mir lag und
den ich stumpfsinnig wie irgendeinen Gegenstand anstarrte, der nichts
mit meinen Erinnerungen zu tun hatte, -- sie war. Ich stellte mir
die Mutter bald in diesem, bald in jenem Zustande vor -- lebend,
heiter, lächelnd; dann überraschte mich plötzlich ein Zug in dem
blassen Gesicht, auf welches meine Blicke gerichtet waren -- mir
fiel die schreckliche Wirklichkeit ein, ich zuckte zusammen, wandte
aber die Augen nicht ab. Und wieder traten Träume an Stelle der
Wirklichkeit, und das Bewußtsein der Wirklichkeit zerstörte die Träume.
Endlich war die Phantasie ermüdet; sie betrog mich nicht mehr; das
Wirklichkeitsbewußtsein verschwand ebenfalls; ich war nicht mehr bei
mir selbst.
Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand dauerte, weiß nicht, worin er
bestand; ich weiß nur, daß ich eine Zeitlang das Bewußtsein meiner
Existenz verlor und einen unerklärlich hohen und zugleich traurigen
Genuß empfand.
Vielleicht blickte ihre reine Seele auf dem Fluge zur besseren Welt mit
Kummer auf diese hernieder, in der sie uns zurückließ; sie sah meinen
Schmerz, empfand Erbarmen mit ihm und ließ sich auf den allmächtigen
Schwingen der Liebe mit himmlischem Lächeln des Mitleids auf die Erde
nieder, um mich zu trösten und zu segnen.
Die Tür knarrte; ein Küster trat ein, um den anderen abzulösen. Dieses
Geräusch ernüchterte mich, und der erste Gedanke, der mir kam, war,
daß der Küster, da ich nicht weinte und in einer Stellung, die nichts
Rührendes an sich hatte, auf einen Stuhl gestiegen war, mich für einen
gefühllosen Jungen halten müsse, der aus Mutwillen oder Neugierde
hinaufgeklettert war. Infolgedessen bekreuzigte ich mich, verneigte
mich zur Erde und begann aus Gewohnheit zu weinen.
Wenn ich jetzt an meine Eindrücke denke, finde ich, daß nur diese
Minute des Selbstvergessens wirkliche Trauer war. Vor und nach dem
Begräbnis hörte ich nicht auf zu weinen und traurig zu sein; aber
ich schäme mich, an diese Traurigkeit zu denken, weil stets ein
eigennütziges Gefühl dabei war; bald der Wunsch zu zeigen, daß ich
trauriger sei als alle anderen, bald die Sorge um die Wirkung, die ich
auf andere ausübte; dann zwecklose Neugierde, die mich veranlaßte,
Betrachtungen über die Stiefel des Küsters, Mimis Haube und die
Gesichter der Anwesenden anzustellen. Ich verachtete mich, weil ich
nicht ausschließlich das eine Gefühl der Trauer empfand und suchte alle
anderen Gefühle zu verbergen; deswegen war meine Trauer unaufrichtig
und unnatürlich. Außerdem empfand ich eine Art Genuß im Bewußtsein
meines Unglücks, suchte dieses Bewußtsein in mir wachzurufen, und
dieses egoistische Gefühl erstickte am meisten dasjenige wahrer Trauer.
Nachdem ich diese Nacht, wie stets nach starkem Kummer, fest und ruhig
geschlafen, wachte ich mit getrockneten Tränen und beruhigten Nerven
auf. Um zehn Uhr wurden wir zur Totenmesse vor der Beerdigung geholt.
Das Zimmer war voll von Hofgesinde und Bauern, die unter Tränen von
ihrer Herrin Abschied nehmen wollten. Ich ärgerte mich über ihre Tränen
und traurigen Gesichter, ärgerte mich beim Gedanken, daß mein Weh
geradeso ausgedrückt wurde.
Während der Messe weinte ich, wie es sich gehört, bekreuzigte und
verneigte mich bis zur Erde; ich betete aber nicht und war im Herzen
ziemlich gleichgültig. Es verdroß mich, daß der neue Frack, den man
mir angezogen hatte, unter der Achsel kniff; ich achtete darauf, beim
Knien die Hose nicht zu beschmutzen und beobachtete insgeheim alle
Anwesenden. Papa stand am Kopfende des Sarges; er war blaß wie ein
Leinentuch und hielt nur mit merklicher Anstrengung die Tränen zurück.
Seine hohe Gestalt im schwarzen Frack, sein blasses, ausdrucksvolles
Gesicht und seine stets sicheren und ausdrucksvollen Bewegungen, wenn
er sich bekreuzigte, verbeugte, mit der Hand den Boden berührte, ein
Licht aus der Hand des Küsters entgegennahm oder an den Sarg trat
-- waren sehr effektvoll; aber ich weiß nicht wie es kam, mir gefiel
gerade das nicht, daß er in diesem Augenblick so schön und erhaben
sein konnte. Mimi stand gegen die Wand gelehnt und schien sich kaum
auf den Beinen zu halten; ihr Kleid war zerknüllt und voller Daunen,
die Haube auf die Seite gerutscht, die Augen rot und geschwollen, der
Kopf wackelte; sie schluchzte fortwährend herzzerreißend und bedeckte
ihr Gesicht häufig mit Schnupftuch und Händen. Mir kam es vor, als wenn
sie das tat, um ihr Gesicht vor den Zuschauern zu verbergen und einen
Augenblick von dem verstellten Schluchzen auszuruhen. Ich erinnerte
mich, daß sie tags zuvor Papa gesagt hatte, Mamas Tod sei für sie ein
so schwerer Schlag, daß sie ihn wahrscheinlich nicht ertragen würde;
er hätte ihr alles geraubt; der Engel (so nannte sie Mama) hätte sie
vor dem Tode nicht vergessen und den Wunsch geäußert, ihre und Katjas
Zukunft für immer zu sichern. Sie vergoß bittere Tränen bei dieser
Erzählung, und vielleicht war ihr Kummer aufrichtig; aber er war nicht
rein und selbstlos.
Ljubotschka im schwarzen Kleid mit Trauerbesatz senkte ihr verweintes
Köpfchen und blickte bisweilen auf den Sarg; dabei drückte ihr Gesicht
kindliche Furcht aus. Katja stand neben ihrer Mutter und war trotz des
verzogenen Gesichtes rosig wie immer.
Wolodja war bei seiner offenen Natur auch in der Trauer aufrichtig;
bald stand er nachdenklich, regungslos auf einen Gegenstand starrend;
dann wieder verzog sich plötzlich sein Mund, und er bekreuzigte und
verneigte sich schnell. Alle Fremden, die bei der Beerdigung zugegen
waren, kamen mir unerträglich häßlich vor. Die Trostworte, die sie Papa
sagten, -- ihr würde dort besser sein, sie wäre nicht für diese Welt
bestimmt -- erregten eine Art Wut in mir. Welches Recht hatten sie, von
ihr zu sprechen und zu jammern? Einige nannten uns Waisen. Als ob man
ohne sie nicht wüßte, daß Kinder, die keine Mutter haben, so benannt
werden. Es machte ihnen wahrscheinlich Vergnügen, uns zuerst so zu
nennen, wie man es eilig hat, ein Mädchen nach der Hochzeit mit »Frau«
anzureden.
In einer entfernten Saalecke, fast hinter der offenen Büfettür, lag ein
gebücktes, altes Weib auf den Knien. Mit gefalteten Händen, die Augen
gen Himmel gerichtet, betete sie ohne Tränen. Ihre Seele strebte zu
Gott; sie bat ihn, sie mit der zu vereinigen, die sie am meisten auf
der Welt geliebt hatte und hoffte bestimmt, daß das bald der Fall sein
würde.
Die hat sie wahrhaft geliebt, dachte ich und schämte mich.
Die Totenmesse war zu Ende; das Gesicht der Verstorbenen wurde
enthüllt, und alle Anwesenden, mit Ausnahme von uns, traten
nacheinander an den Sarg, um ihn zu küssen.
Als eine der letzten trat eine Bäuerin mit einem hübschen fünfjährigen
Mädchen auf dem Arm heran, das sie, Gott weiß warum, mitgebracht hatte.
In diesem Augenblick ließ ich unversehens mein feuchtes Taschentuch
fallen und wollte es aufheben. Kaum hatte ich mich gebückt, da drang
ein sonderbarer, durchdringender Schrei an mein Ohr, ein Schrei, der
solch fürchterliches Entsetzen ausdrückte, daß, wenn ich hundert Jahre
alt würde, ich ihn nie vergäße, und wenn ich daran denke, mir stets
kalte Schauer durch den Körper rinnen. Ich richtete mich auf -- auf
einem Schemel neben dem Sarg stand jene Bäuerin und konnte das kleine
Mädchen kaum auf den Armen halten; mit den Händen abwehrend und das
schreckensstarre Gesichtchen zurückgeworfen, hatte die Kleine ihre
Augen auf das Antlitz der Toten gerichtet und schrie mit entsetzlicher,
unnatürlicher Stimme. Da stieß ich einen wahrscheinlich noch
schrecklicheren Schrei aus und lief aus dem Zimmer.
Erst in diesem Augenblick begriff ich, woher der beklemmend starke
Geruch kam, der mit Weihrauchduft vermischt, das Zimmer erfüllte. Der
Gedanke, daß das vor einigen Tagen noch so schöne, zarte, von mir über
alles in der Welt geliebte Gesicht Abscheu und Schrecken einflößen
konnte, hatte mir zum erstenmal eine bittere Wahrheit enthüllt und
meine Seele mit Verzweiflung erfüllt.
30. Weitere, die letzten traurigen Erinnerungen.
Mama war nicht mehr; unser Leben aber ging ganz den alten Gang. Wir
gingen zu Bett und standen auf um dieselbe Zeit und in denselben
Zimmern; Morgentee, Abendtee, Mittagessen, Abendessen -- alles zur
gewohnten Zeit; Tische und Stühle standen auf demselben Fleck, nichts
im Hause, nichts an unserer Lebensweise hatte sich geändert; nur sie
war nicht mehr.
Mir schien aber, nach einem solchen Unglück müßte alles neue Form
annehmen; unsere gewöhnliche Lebenseinteilung kam mir wie eine
Beleidigung ihres Andenkens vor und erinnerte zu sehr an ihr Fehlen.
Jetzt liebe ich diese traurigen Erinnerungen; damals fürchtete ich sie
und suchte sie fernzuhalten.
Am Tage vor der Beerdigung wollte ich nach dem Mittagessen schlafen und
ging in Natalie Sawischnas Zimmer; dort wollte ich auf ihrem Bett, auf
dem weichen Daunenkissen unter der warmen Steppdecke ruhen. Als ich
eintrat, lag sie selbst auf dem Bett und schlief. Beim Geräusch meiner
Schritte erhob sie sich, warf die Wolldecke, mit der der Kopf zum
Schutz vor den Fliegen bedeckt war, zurück und setzte sich, die Haube
zurechtrückend und die Augen reibend, auf den Bettrand.
Da ich schon früher ziemlich häufig nach dem Essen in ihr Zimmer
gekommen war, um zu schlafen, erriet sie meine Absicht und sagte, sich
vom Bettrand erhebend: »Sie wollten sicher etwas ruhen, Liebling. Legen
Sie sich nur hin.«
»Was fällt Ihnen ein, Natalie,« sagte ich und faßte sie an der Hand,
»ich denke nicht daran ... bin nur so gekommen; Sie sind selbst müde,
legen Sie sich lieber hin.«
»Nein, Freundchen, ich habe schon ausgeschlafen,« sagte sie -- dabei
wußte ich, daß sie drei Tage und Nächte nicht geschlafen hatte. »Mir
ist auch jetzt nicht nach Schlafen zumute,« schloß sie mit einem tiefen
Seufzer.
Ich hatte den Wunsch, mit Natalie Sawischna über unser Unglück zu
sprechen; ich kannte ihre aufrichtige Liebe; deswegen war das Weinen
mit ihr für mich ein Trost.
»Natalie Sawischna,« sagte ich nach kurzem Schweigen und setzte mich
auf das Bett, »hatten Sie das erwartet?«
Die Alte sah mich verständnislos und neugierig an; wahrscheinlich
begriff sie nicht, weshalb ich sie danach fragte.
»Wer hätte das erwartet,« wiederholte ich.
»Ach, mein Kind,« sagte sie mit einem Blick zärtlichsten Mitgefühls,
»nicht erwartet -- ich kann auch jetzt noch nicht daran denken. Was
mich alte Frau betrifft, wäre es längst an der Zeit, die müden Knochen
zur Ruhe zu bringen, denn was habe ich nicht schon erlebt! Den alten
Herrn, Ihren Großvater, Gott hab ihn selig, den Fürsten Nikolai
Michailowitsch, zwei Brüder, meine Schwester Anuschka -- alle habe ich
begraben, und alle waren jünger als ich, mein Freund. Jetzt aber muß
ich, offenbar meiner Sünden wegen, auch noch sie überleben! Es war Sein
heiliger Wille! Er hat sie zu sich genommen, weil sie würdig war und
weil Er auch im Jenseits Gute braucht.«
Dieser einfache Gedanke tröstete mich; ich rückte näher an Natalie
Sawischna heran. Sie faltete die Hände auf der Brust und blickte
aufwärts; ihre eingefallenen feuchten Augen drückten tiefe, aber ruhige
Trauer aus. Ihre feste Hoffnung war, Gott würde sie nicht allzulange
von der trennen, auf die sie so viele Jahre die ganze Kraft ihrer Liebe
verwandt hatte.
»Ja, mein Liebling, es ist wohl schon lange her, daß ich sie gewiegt,
in Windeln gewickelt habe und daß sie mich ›Nascha‹ nannte. Wie oft
kam sie zu mir gelaufen, schlang ihre Arme um mich und plapperte unter
Küssen: ›Mein Naschachen, meine Süße, was bist du für eine Pute!‹ Ich
machte bisweilen Scherz und sagte: ›Nicht wahr, Liebling; du liebst
mich gar nicht; werde nur erst groß, dann heiratest du und vergißt
deine Nascha.‹ Dann dachte sie wohl nach: ›Nein,‹ meinte sie, ›ich will
lieber nicht heiraten, wenn ich Nascha nicht mitnehmen kann; Nascha
werde ich nie verlassen.‹ Nun hat sie es dennoch getan und hat nicht
auf mich gewartet. Und wie hat sie mich geliebt, die Verstorbene! Wen
hat sie überhaupt nicht geliebt? Ja, Liebling, Ihre Mutter dürfen Sie
nicht vergessen; sie war kein Mensch, sondern ein Engel vom Himmel.
Wenn ihre Seele im Himmelreich angekommen sein wird, wird sie euch auch
dort lieben und sich über euch freuen.«
»Warum sagen Sie: wenn sie angekommen sein wird, Natalie Sawischna? Ich
denke, sie ist jetzt schon da.«
»Nein, Liebling,« meinte Natalie, die Stimme dämpfend und rückte mir
auf dem Bette näher, »jetzt ist ihre Seele hier,« dabei deutete sie auf
die Zimmerdecke. Sie sprach fast im Flüsterton mit solcher Überzeugung,
daß ich unwillkürlich den Blick aufwärts richtete, den Fries ansah und
etwas suchte. »Sehen Sie, mein Liebling, das will ich Ihnen sagen,«
fuhr die Alte fort, »zwei Wochen nach dem Tode bleibt die Seele in
ihrem Hause und fliegt hier überall herum; nur sieht man sie nicht;
nach vierzehn Tagen hat sie die erste Prüfung zu bestehen, dann die
zweite, die dritte und so geht es vierzig Tage. Wenn sie alle bestanden
hat, erst dann läßt sie sich im Himmelreich nieder.«
Sie sagte das alles so einfach und zuverlässig, als wenn sie die
gewöhnlichsten Dinge erzählte, die sie selbst gesehen und die niemand
auch nur im geringsten bezweifeln könnte. Ich hörte ihr mit stockendem
Atem zu, und obgleich ich nicht recht verstand was sie sagte, glaubte
ich ihr vollkommen.
»Ja, mein Kind, jetzt ist sie hier, sieht auf uns und hört vielleicht,
was wir reden,« schloß Natalie Sawischna, senkte den Kopf und schwieg.
Sie mußte weinen; um die Tränen abzutrocknen, stand sie auf, sah
mir gerade ins Gesicht und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung
zitterte: »Um wieviele Stufen hat Gott mich hierdurch sich näher
gebracht. Was bleibt mir jetzt noch übrig? Für wen soll ich leben? Wen
soll ich lieben?«
»Lieben Sie uns denn gar nicht?« rief ich vorwurfsvoll und enthielt
mich kaum der Tränen.
»Gott weiß, wie ich euch liebe, mein Täubchen; aber so wie sie kann und
werde ich niemanden mehr lieben.«
Sie konnte nicht weitersprechen, wandte sich ab und brach in lautes
Schluchzen aus.
Ich dachte nicht mehr an Schlaf; wir saßen uns schweigend gegenüber und
weinten beide.
Foka trat ins Zimmer; da er unseren Zustand bemerkte und wahrscheinlich
nicht stören wollte, blieb er schweigend mit schüchternen Blicken in
der Tür stehen.
»Was willst du, Foka?« fragte Natalie Sawischna, die Tränen trocknend.
»Anderthalb Pfund Rosinen, vier Pfund Zucker und drei Pfund Reis zum
Leichenschmaus.«
»Sofort, sofort, Freund,« sagte Natalie Sawischna, nahm schnell eine
Prise und trippelte zum Vorratskasten. Die letzten Spuren des durch
unsere Unterhaltung hervorgerufenen Kummers verschwanden, als sie ihre
Tätigkeit begann, die ihr wichtig erschien.
»Wozu vier Pfund?« fragte sie brummig, den Zucker hervorholend und auf
der Schnellwage abwiegend, »dreieinhalb Pfund sind genug,« dabei nahm
sie ein paar kleine Gewichtstücke fort.
»Was soll denn das heißen; gestern erst hab' ich acht Pfund Reis
ausgegeben, und nun wird schon wieder welcher verlangt. Mach, was du
willst, Foka Demidytsch, aber Reis gebe ich nicht. Wanka freut sich
wohl, daß im Hause alles drunter und drüber geht und denkt, man merkt
es nicht. Nein, mit dem Herrschaftsgut wird nicht geschleudert. Ist das
wohl erhört: acht Pfund Reis.«
»Was soll ich machen? Er sagt, alles sei draufgegangen.«
»Na, dann nimm! Er soll daran ersticken!«
Mich überraschte damals dieser plötzliche Übergang von der Rührung
in der Unterhaltung mit mir zur Brummigkeit und kleinlichen
Berechnung. Bei späterem Nachdenken verstand ich, daß Natalie trotz
der seelischen Erregung noch genug Geistesgegenwart besaß, um ihre
Arbeit zu verrichten, zu der die Macht der Gewohnheit sie hinzog. Der
Kummer wirkte so stark auf sie, daß sie es nicht für nötig hielt zu
verbergen, daß sie es vermöchte, sich auch noch mit anderen Dingen zu
beschäftigen; sie hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, wie man so
etwas denken könne.
Eitelkeit ist das mit aufrichtiger Trauer am wenigsten zu vereinigende
Gefühl; dabei ist diese Eigenschaft der menschlichen Natur so tief
eingeimpft, daß selbst die stärkste Trauer sie kaum unterdrücken kann.
Eitelkeit in der Trauer äußert sich in dem Wunsch, entweder sehr
betrübt, oder unglücklich, oder besonders fest zu erscheinen; und
dieses niedrige Verlangen, das wir nicht eingestehen, das uns aber
fast nie, selbst beim heftigsten Schmerz nicht verläßt, nimmt unserem
Kummer jede Kraft, Würde und Aufrichtigkeit. Natalie Sawischna war
von dem Unglück so tief betroffen, daß in ihrem Innern kein Wunsch
übriggeblieben war und daß sie nur aus Gewohnheit weiterlebte.
Nachdem sie Foka die verlangten Dinge ausgeliefert und an den Kuchen
erinnert hatte, der für die Popen gebacken werden müsse, entließ sie
ihn, nahm ihren Strumpf vor und setzte sich wieder neben mich.
Die Unterhaltung betraf wieder denselben Gegenstand; wir weinten
abermals und trockneten unsere Tränen.
Die Gespräche mit Natalie Sawischna wiederholten sich jeden Tag; ihr
stilles Weinen und die ruhigen frommen Reden verschafften mir Trost und
Erleichterung.
Aber bald wurden wir getrennt; drei Tage nach dem Begräbnis siedelten
wir mit dem ganzen Hause nach Moskau über, und es war mir nicht
bestimmt, Natalie je wiederzusehen.
Großmutter erfuhr die Schreckenskunde erst bei unserer Ankunft. Ihr
Schmerz war außerordentlich. Wir wurden nicht zu ihr gelassen, da
sie eine ganze Woche lang ohne Bewußtsein lag. Die Ärzte waren um ihr
Leben besorgt, weil sie nicht nur keine Arzenei nahm, sondern mit
niemandem sprach, nicht schlief und nichts genoß. Bisweilen saß sie
in ihrem Zimmer allein auf ihrem Sessel, begann plötzlich zu lachen,
dann ohne Tränen zu schluchzen, bekam Krämpfe und schrie unnatürlich
laut unsinnige oder schreckliche Worte. Es war der erste starke Kummer,
der sie traf, und dieser äußerte sich in Wut und Haß gegen Gott und
Menschen. Sie mußte jemanden haben, dem sie ihr Unglück zum Vorwurf
machte, und nun sprach sie entsetzliche Worte, fluchte Gott, ballte die
Fäuste, drohte jemandem heftig, sprang von ihrem Sessel auf, ging mit
großen schnellen Schritten durchs Zimmer und fiel dann ohnmächtig zu
Boden.
Einmal betrat ich ihr Zimmer. Sie saß wie gewöhnlich auf ihrem Sessel
und war anscheinend ruhig; aber ihr Blick machte mich stutzig. Die
Augen waren weit offen, der Ausdruck aber unbestimmt und stumpf; sie
sah mich gerade an, erkannte mich aber offenbar nicht. Ihre Lippen
begannen langsam zu lächeln, und sie sprach mit rührender, zarter
Stimme: »Komm her, mein Liebling, komm mein Engel ...«
Ich glaubte, sie spräche zu mir und trat näher; aber sie sah mich nicht
an.
»Ach, wenn du wüßtest, mein Herz, wie ich mich gequält habe und wie ich
mich freue, daß du gekommen bist ...« Da wurde mir klar, daß sie sich
einbildete, Mama zu sehen, und ich blieb stehen.
»Dabei hat man mir gesagt, du wärest nicht mehr,« fuhr sie
stirnrunzelnd fort. »Dieser Unsinn! Wie kannst du vor mir sterben!« Sie
lachte schrecklich, hysterisch.
Nur Menschen, die starker Liebe fähig sind, können schweres Leid
durchmachen; dieses Liebesbedürfnis aber bildet bei ihnen ein
Gegengewicht für Kummer und lindert ihre Schmerzen.
Daher kommt es, daß die moralische Natur des Menschen noch
lebenskräftiger ist als die physische, und daß Kummer niemals tötet.
Nach einer Woche war Großmutter imstande zu weinen, und ihr wurde
besser. Ihr erster Gedanke, als sie zu sich kam, waren wir; ihre Liebe
zu uns nahm noch zu. Wir wichen nicht von ihrem Sessel; sie weinte
still vor sich hin, sprach von Mama und streichelte uns zärtlich.
Niemandem, der Großmutters Kummer sah, konnte der Gedanke kommen, daß
sie ihn übertrieb. Der Ausdruck dieses Kummers war stark und rührend.
Trotzdem, ich weiß nicht wie es kam, fühlte ich mich mehr zu Natalie
Sawischna hingezogen, und ich bin bis jetzt überzeugt, daß niemand Mama
so rein und aufrichtig geliebt und beweint hat, wie dieses einfache,
hingebende Wesen.
Mit Mamas Tode endete für mich die glückliche Zeit der Kindheit,
und es begann eine neue Epoche -- die des Knabenalters. Da aber die
Erinnerungen an Natalie Sawischna, die ich nicht wieder sah, die aber
einen so starken und wohltätigen Einfluß auf meine Richtung und mein
Empfinden ausübte, der ersten Epoche angehören, will ich noch einige
Worte über Natalie und ihren Tod sagen.
Nach unserer Abreise litt sie, wie mir später Leute erzählten, die auf
dem Lande blieben, sehr unter der Untätigkeit. Obgleich alle Kisten und
Kasten unter ihrer Obhut standen, und sie unablässig darin kramte, sie
umpackte, wog, verteilte, fehlten ihr doch der Lärm und das Getriebe
des von der Herrschaft bewohnten Landhauses, an welche sie von kleinauf
gewöhnt war. Der Kummer, die veränderte Lebensweise und das Fehlen
der Sorgen entwickelten bei ihr bald eine Alterskrankheit, zu der sie
neigte. Gerade ein Jahr nach Mutters Tode bekam sie die Wassersucht und
legte sich ins Bett.
Ich glaube, das einsame Leben in dem großen, öden Hause von
Petrowskoie, ohne Verwandte und Freunde, wurde Natalie Sawischna
schwer. Und noch schwerer der Tod. Alle Hausangehörigen liebten und
verehrten Natalie, aber sie unterhielt mit niemandem Freundschaft und
war stolz darauf. Sie war der Meinung, daß bei ihrer Stellung als
Wirtschafterin, die das Vertrauen ihrer Herrschaft genoß und so viele
Kasten mit jeglichem Gut unter sich hatte, Freundschaft mit irgend
jemandem zu Parteilichkeit und strafbarer Nachlässigkeit führen müsse;
deswegen, oder vielleicht, weil sie mit der anderen Dienerschaft nichts
gemein hatte, hielt sie sich von allen fern und sagte, es gäbe für sie
weder Vettern noch Basen im Hause, und beim Gut der Herrschaft sähe sie
niemandem durch die Finger.
In heißem Gebet Gott ihre Gefühle anvertrauend, suchte und fand sie
Trost; bisweilen aber, in Augenblicken der Schwäche, der wir alle
unterliegen und in denen der beste Trost für Menschen Tränen und die
Teilnahme eines lebenden Wesens sind, -- nahm sie ihren Mops ins
Bett, der ihr die Hände leckte und seine klugen, gelben Augen auf sie
richtete. Mit dem sprach sie, weinte leise und streichelte ihn. Wenn
der Hund jämmerlich zu heulen begann, suchte sie ihn zu beruhigen und
sagte: »Hör schon auf; ich weiß auch ohne dich, daß ich bald sterbe.«
Einen Monat vor ihrem Tode holte sie aus ihrem Kasten weißen Kattun,
weißen Tüll und rosa Band hervor, nähte sich mit Hilfe ihres Mädchens
ein weißes Gewand und eine Haube und traf bis auf die kleinsten
Einzelheiten alle Anordnungen für ihr Begräbnis. Ferner ordnete sie
die Kisten der Herrschaft und übergab den Inhalt mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit nach einem Verzeichnis der Frau des Hausverwalters.
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