Und welch hohes Lob warst du für Seine Größe, als du ohne Wort dich in Tränen auf den Boden warfst! ... 14. Im Verschlag. Das Gefühl der Rührung, mit dem ich Grischa zuhörte, konnte nicht lange anhalten, weil meine Neugierde befriedigt war, weil bei dem Sitzen auf demselben Fleck meine Füße eingeschlafen waren und weil ich mich an dem Flüstern und Stoßen der anderen im Verschlage beteiligen wollte. Da faßte jemand meine Hand und flüsterte: »Wer ist das?« Es war so dunkel in dem Verschlage, daß wir uns nicht sehen konnten; an der Berührung und der Stimme dicht an meinem Ohr erkannte ich sofort Katja. In demselben Augenblick empfand ich ein süßes Zittern und dachte an die Stelle unter dem Busentuch, die ich heute im Walde geküßt hatte. Ich erwiderte nichts auf ihre Frage, sondern ergriff mit beiden Händen ihren Arm, preßte ihn gegen meine Lippen und küßte ihn heftig. Aber damit begnügte ich mich nicht; ohne ihren Arm loszulassen, knöpfte ich vorsichtig den Ärmel auf und bedeckte den Arm von der Handwurzel bis zum Ellbogen an der Stelle, an der zur Ader gelassen wird, mit leidenschaftlichen Küssen. Als ich die Lippen in dieses Grübchen schmiegte, empfand ich einen unbeschreiblichen Genuß und dachte nur an eins -- nämlich mit den Lippen nicht zu viel Geräusch zu machen, um mich nicht zu verraten. Katja zog ihre Hände nicht zurück, sondern suchte mit der anderen meinen Kopf, streichelte mein Gesicht und das Haar und suchte mich fortzudrängen. Dann zog sie, als ob sie sich schämte, schnell ihren Arm zurück und streifte den Ärmel herunter; ich packte ihn aber wieder und preßte ihn noch stärker, bis mir Tränen aus den Augen rannen. Ich tat ihr leid, sie beugte sich über mich und berührte mein Haar. Jetzt war mir so angenehm wie nie im Leben; ich wünschte nur, dieser selige Zustand möchte nie aufhören. Wie soll ich den Genuß beschreiben, den ich empfand. Es kam hinzu, daß die Haut auf dem Arm, den ich küßte, so zart und weich war, und der Gedanke, daß dieser Arm Katja gehörte, die ich stets geliebt hatte, und von der ich mich morgen, vielleicht auf immer, trennen sollte. Aber was bedeutete dieses süße Weh, das ich empfand und das mir Tränen in die Augen trieb? * * * * * Beim Versuch, mich bequemer hinzusetzen, stieß ich unversehens mit dem Fuß gegen einen zerbrochenen Stuhl im Verschlage. Ich weiß nicht, warum das Wolodja sehr komisch vorkam; ich hörte voll Schreck, wie er Ljubotschka etwas (wahrscheinlich sehr Komisches) zuflüsterte und wie beide sich umsonst bemühten, das Lachen zurückzuhalten; dann brachten bald der eine, bald die andere mit der Nase sonderbare, abgerissene Töne hervor, ähnlich dem Wiehern eines Füllens. Die Töne wurden häufiger und lauter. Grischa erhob den Kopf, sah sich um und schlug betend das Kreuz nach allen Seiten. Das kam nun allen so komisch vor, daß Ljubotschka und Wolodja plötzlich in schallendes Gelächter ausbrachen, in das auch Katja einstimmte. Natürlich blieb ich nicht zurück, und wir brachen lärmend und schreiend aus dem Versteck hervor. 15. Natalie Sawischna. Mitte des vorigen Jahrhunderts lief im Dorfe Chabarowka in einem dunklen Kleidchen vom Kaufmann Satrapesnikow ein barfüßiges, lustiges, dickes, rotbäckiges Mädchen umher -- das war Natascha. Wegen der Verdienste und auf Bitten ihres Vaters, des Klarinettenbläsers Sawwa, nahm mein Großvater sie unter die weiblichen Dienstboten Großmamas auf. Als Stubenmädchen zeichnete Natascha sich durch Bescheidenheit und Pflichteifer aus. Als Mama geboren wurde und eine Wärterin nötig war, fiel dieses Amt Natalie zu. Auch in dieser neuen Tätigkeit erntete sie Lob und Belohnungen wegen ihrer Treue und Anhänglichkeit an die junge Herrin. Aber die zärtlichen blauen Augen, der gepuderte Kopf und die wohlgeformten Beine in Schnallenschuhen, im Verein mit den Liebkosungen und heimlichen Anträgen des Dieners Foka raubten dem jungen unerfahrenen Ding die Herzensruhe und veranlaßten sie zu einem Schritt, der ihre Zukunft für immer verderben konnte: sie bat um Erlaubnis, Foka heiraten zu dürfen. Großvater wurde zornig auf Natalie und verbannte sie ins Dorf Beresowka auf den Viehhof. Nach dreijähriger Verbannung wurde Natalie, da niemand sie bei der Mutter ersetzen konnte, zurückgerufen. Mit schuldiger Miene erschien sie vor Großpapa, erklärte, sie wüßte selbst nicht, wie sie zu einer solchen Dummheit gekommen sei und bat um Verzeihung. Von da ab wurde aus Natascha eine Natalie Sawischna, und außerdem trug sie ein Häubchen. Fokas Blicke beunruhigten ihr Herz nicht mehr -- den ganzen Vorrat von Liebe, den sie besaß, übertrug sie auf ihre Herrschaft, besonders auf Mama. Als Großmutter dann eine Gouvernante engagierte, erhielt sie die Schlüssel zur Vorratskammer und ihr wurden die Wäsche und alle Haushaltungsgegenstände anvertraut. Überall sah sie Verschwendung, Verlust und Mißbrauch des Herrschaftsgutes und suchte mit allen Mitteln dagegenzuwirken. Von dem früheren Verhältnis zu Foka war nicht mehr die Rede; im Gegenteil, als Büfettier war er ihrem Zorn mehr als andere ausgesetzt. Als Mama heiratete, wollte sie Natalie Sawischna für ihre zwanzigjährigen Dienste und ihre Anhänglichkeit danken, rief sie zu sich, drückte ihr in schmeichelhaften Worten ihre Erkenntlichkeit und Liebe aus und händigte ihr einen Stempelbogen ein, laut welchem Natalie Sawischna die Freiheit erhielt. Gleichzeitig teilte sie ihr mit, sie würde, einerlei ob sie in unserem Hause weiterdiente oder nicht, eine jährliche Pension von dreihundert Rubeln erhalten. Natalie Sawischna hörte alles schweigend mit an, dann nahm sie den Freibrief, starrte ihn ärgerlich an, murmelte etwas vor sich hin und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer. Da Mama den Grund dieses Benehmens nicht begriff, ging sie etwas später in Natalies Zimmer. Diese saß mit verweinten Augen auf ihrem Koffer, drehte das Schnupftuch zwischen den Fingern und blickte unverwandt auf die Fetzen des zerrissenen Freibriefes vor ihr auf dem Fußboden. »Was ist mit dir, liebe Natalie?« fragte Mama fassungslos und ergriff ihre Hand. »Nichts, Mütterchen,« erwiderte sie, kaum die Tränen zurückhaltend, »ich bin Ihnen wohl zuwider geworden, daß Sie mich aus dem Hause jagen. Gut, ich gehe schon.« Sie riß ihre Hand los und wollte das Zimmer verlassen. Aber Mama hielt sie zurück, umarmte sie und beide brachen in Tränen aus. Solange ich etwas von mir weiß, erinnere ich mich auch an Natalie Sawischna und ihre Liebe und Zärtlichkeit; aber erst jetzt weiß ich sie zu schätzen -- damals kam mir nie in den Sinn, welch seltenes, wunderbares Geschöpf diese Alte war. Sie sprach nicht nur niemals von sich, sondern dachte auch niemals an sich: ihr ganzes Leben war Liebe und Aufopferung; deswegen legte ich mir auch niemals die Frage vor, ob sie glücklich und zufrieden sei. Ich war an ihre uneigennützige, zärtliche Liebe zu uns so gewöhnt, daß ich nie auf den Gedanken kam, es könne anders sein und ihr innerlich nie dankte. Bisweilen lief man unter dem Vorwande eines Bedürfnisses aus der Schulstunde in ihr Zimmer, ließ sich da nieder und träumte und sprach mit sich selbst, ohne sich durch ihre Anwesenheit geniert zu fühlen. Stets war sie beschäftigt. Sie zählte Wäsche oder kramte in den Kisten und Kasten, die ihr Zimmer füllten oder strickte Strümpfe und erwiderte auf den Unsinn, den ich schwatzte: »Ja, mein Liebling, ja.« Gewöhnlich wenn ich aufstand und fortgehen wollte, öffnete sie den blauen Kasten, auf dessen Deckel innen, wie ich noch weiß, das bunte Bild eines Husaren, ein Bogen mit Pomadenbüchsen und Wolodjas Bleistiftzeichnung geklebt waren. Dann nahm sie eine Räucherkerze aus dem Kasten, zündete sie an, schwenkte sie hin und her und sagte: »Das ist noch Räucherwerk aus Otschakow, mein Liebling. Als dein verstorbener Großvater -- Gott hab ihn selig -- gegen die Türken zog, brachte er das mit. Das ist schon das letzte Stück,« schloß sie mit einem Seufzer. In den Kisten in ihrem Zimmer war einfach alles. Wenn jemand irgend etwas brauchte, hieß es gewöhnlich »frag Natalie«. Und wirklich, nach kurzem Stöbern fand sie den gewünschten Gegenstand und sagte: »Da hab' ich's gerade noch aufbewahrt.« In diesen Kisten waren tausend Dinge, von denen niemand wußte als sie. Nur ein einziges Mal war ich ihr böse. Das kam so. Als ich mir zum Mittagessen Kwas einschänkte, warf ich die Karaffe um und begoß das Tischtuch. »Ruf mal Natalie Sawischna, damit sie sich über ihren Liebling freut,« sagte Mama. Sie kam, sah die Überschwemmung, die ich angerichtet hatte und schüttelte den Kopf. Dann sagte Mama ihr etwas ins Ohr, und sie ging, mir mit dem Finger drohend, hinaus. Als ich nach Tisch in den Saal ging, sprang plötzlich Natalie Sawischna mit dem Tischtuch in der Hand hinter der Tür hervor, packte mich und fuhr mit den Worten: »Mach das Tischtuch nicht schmutzig, mach das Tischtuch nicht schmutzig!« über mein Gesicht. Das brachte mich so in Wut, daß ich laut brüllte. Wie! sagte ich mir unter Tränen, Natalie Sawischna, einfach Natascha, unsere Leibeigene, sagt »du« zu mir und fährt mir mit dem nassen Tischtuch ins Gesicht wie einem Hofjungen! Nein, das ist schrecklich! Als Natalie Sawischna sah, daß ich Speichel ließ, lief sie fort. Ich aber wanderte im Saal auf und ab und brütete, wie ich mich wegen dieser Beleidigung an der frechen Natalie rächen könnte. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück, trat schüchtern an mich heran und begann mich zu trösten. »Nun hören Sie doch auf, Liebling, weinen Sie nicht mehr ... ist gut; verzeihen Sie mir Närrin. Ich habe unrecht. Verzeihen Sie mir ... da ist etwas.« Sie wickelte aus ihrem Tuch eine Schachtel aus rotem Papier mit zwei Brustbonbons und einer Weinbeere und reichte sie mir mit zitternder Hand. Ich hatte nicht die Kraft, der braven Alten ins Gesicht zu sehen; nahm abgewandt das Geschenk entgegen, und die Tränen flossen noch reichlicher, aber nicht mehr aus Ärger, sondern aus Liebe und Scham. 16. Die Trennung. Einen Tag nach den beschriebenen Ereignissen hielten um zwölf Uhr mittags ein Reisewagen und ein offener Wagen vor der Anfahrt. Nikolas war reisemäßig gekleidet, das heißt er hatte die Hosen in die Stiefel gesteckt und seinen alten Rock mit einem Gürtel festgeschnürt. Er stand in dem offenen Wagen und legte Mäntel und Kissen unter den Sitz; als dieser ihm hoch genug schien, setzte er sich auf die Kissen und drückte sie, auf und nieder springend, zusammen. Mit den Worten: »Seien Sie so liebenswürdig, Nikolai Dmitritsch -- kann man bei Ihnen nicht die Schatulle des gnädigen Herrn unterbringen?« kam Papas Diener aus dem Reisewagen hervorgekrochen. »Sie ist nur klein.« »Das hätten Sie auch früher sagen können, Michail Iwanitsch,« erwiderte Nikolas hastig und schleuderte dabei ärgerlich ein Bündel auf den Boden des Wagens. »Mir dreht sich, weiß Gott, schon alles im Kreise;« er lüftete die Mütze und wischte sich dicke Schweißtropfen von der verbrannten Stirn. »Jetzt machen Sie was Sie wollen -- ich kann Ihre Schatullen nicht mehr unterbringen.« Bauern in Röcken, Kaftanen, Hemden, ohne Mützen, Weiber in Baumwollenkleidern und gestreiften Kopftüchern, sowie barfüßige Kinder standen an der Treppe, starrten auf die Wagen und unterhielten sich. Ein vom Alter gebeugter Fuhrmann in Wintermütze und langem dicken Rock hielt die Wagendeichsel in der Hand, bewegte sie tiefsinnig hin und her und achtete auf den Hauseingang; ein anderer junger stattlicher Bursche in weißem Hemd mit roten Achselzwickeln und schwarzem kuchenförmigen Filzhut, den er, sein Blondhaar krauend, von einem Ohr auf das andere schob, legte seinen Rock auf den Bock, warf die Zügel hin, klatschte dann mit der Peitsche ins Gras und schaute den Kutschern zu, die den zweiten Wagen schmierten. Parthenius hielt den Hebebaum, Iwan schmierte, über das Rad gebeugt, sorgfältig die Achse und Nabe, und damit keine Schmiere verloren ging, schmierte er sie von unten her rund um. Die zerzausten, abgetriebenen Postpferde am Gitter wedelten mit den Schwänzen die Fliegen ab, scharrten mit den zottigen, warzenbedeckten Beinen und zupften harte dunkelgrüne Farnkrautblätter ab, die an der Treppe wuchsen. Einige Barsois (Windhunde) lagen schweratmend in der Sonne, andere schlichen um die Wagen herum und leckten das von der Achse triefende Fett auf. Keine Wolke stand am Himmel, dabei bog ein starker Westwind die hohen Linden- und Birkenwipfel und trug fallende gelbe Blätter weithin. Ich saß am Fenster, sah das alles mit an und erwartete mit Ungeduld das Ende all der Vorbereitungen. Endlich war es so weit; ich wurde ins Gastzimmer gerufen. Als hier alle um den runden Tisch versammelt waren, um zum letztenmal ein paar Minuten zusammen zu verbringen, kam mir nicht in den Sinn, welch trauriger Moment uns bevorstand. Die müßigsten Gedanken zogen mir durch den Kopf; ich fragte mich, welcher Kutscher den Reisewagen und welcher die Kalesche führe. Wer neben Papa und wer neben Karl Iwanowitsch säße, und warum man mich in einen Schal und langen Schlafrock wickeln wollte. Ich war doch kein Weichling und würde schon nicht erfrieren. Wenn das alles nur bald ein Ende hätte, wenn man einsteigen und losfahren könnte! Das Fahren mit Postpferden war nämlich einer unserer stolzesten sehnlichsten Wünsche, dessen Erfüllung mich fast davon überzeugte, daß wir erwachsen wären. »Wem soll ich das Verzeichnis der Kinderwäsche geben?« fragte Natalie mit verweinten Augen, indem sie auf Mama zutrat. »Geben Sie es Nikolas,« sagte Mama, »und kommen Sie nachher, um von den Kindern Abschied zu nehmen.« Die Alte wollte etwas erwidern, stockte aber plötzlich, bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch und verließ mit einer abwehrenden Handbewegung das Zimmer. In meinem Herzen rührte sich etwas, als ich diese Bewegung sah, aber meine Ungeduld war stärker als dieses Gefühl des Mitleids, und so hörte ich weiter gleichgültig die Unterhaltung zwischen Papa und Mama an. Sie sprachen von Dingen, die offenbar beide nicht besonders interessierten: was für den Haushalt einzukaufen wäre, was man der Fürstin Sophie und Madame Julie sagen sollte und ob der Weg gut wäre. Über die Trennung fiel kein Wort. Foka erschien, blieb in der Tür stehen und sagte im selben Tonfall, in dem er zu melden pflegte: »Das Essen ist angerichtet« -- »Die Wagen sind vorgefahren.« Ich bemerkte, daß Mama bei dieser Meldung zusammenfuhr als käme sie ihr unerwartet, und blaß wurde. Jetzt mußte Foka alle ins Zimmer führen und dann die Türen schließen, was mich sehr amüsierte und wunderte. Es war, als ob alle sich vor jemandem versteckten. Jetzt ließ Foka sich auf eine Stuhlecke fallen. Aber kaum war das geschehen, da knarrte die Tür, alle setzten sich nun, und, mit dem Schnupftuch in der Hand, trat Natalie Sawischna hastig ins Zimmer und ließ sich auf demselben Stuhl mit Foka dicht an der Tür nieder. Noch jetzt sehe ich den Glatzkopf und das unbewegliche Runzelgesicht Fokas neben der gebeugten braven Alten im Häubchen, unter dem sich graues Haar hervorstahl. Sie drückten sich auf demselben Stuhl herum, und es war beiden ungemütlich. Ich blieb nach wie vor unbekümmert und ungeduldig; die zehn Sekunden, die wir bei geschlossenen Türen saßen, kamen mir wie eine Stunde vor. Endlich erhob sich alles, bekreuzigte sich und fing an, Abschied zu nehmen. Papa umarmte Mama und küßte sie mehrmals auf die Lippen. Das wiederholten beide so oft, daß es mir komisch vorkam, und ich dachte, wann das alles wohl ein Ende nehmen würde. »Genug, mein Liebling,« sagte Papa, »wir trennen uns ja nicht auf immer.« »Es ist aber doch schwer,« erwiderte Mama, wobei ihre Stimme vor Tränen zitterte. Als ich diese Stimme hörte und Mamas Augen voll Tränen sah, vergaß ich alles, und die liebe Mutter tat mir so leid, und die Trennung wurde mir so schwer, daß ich bange den Augenblick erwartete, wo die Reihe des Abschiednehmens an mich kommen würde. Ich fühlte und begriff in dieser Minute, daß Mama, als sie Papa umarmte, sich schon von uns verabschiedet hatte. Dann küßte und segnete sie Wolodja so häufig, daß ich im Glauben, jetzt ebenfalls an die Reihe zu kommen, mich schon mehrmals vordrängte. Aber Mama segnete ihn immer wieder und drückte ihn ans Herz. Endlich umarmte auch ich Mama, schmiegte mich fest an sie und weinte helle Tränen, nur an meinen Kummer denkend. Als wir zum Wagen gingen, drängte das lästige Gesinde zum Abschiednehmen ins Zimmer. Ihr »Bitte das Händchen«, die schallenden Küsse auf die Schulter und der Fettgeruch von den Köpfen ärgerten mich fast bis zur Erbitterung, wie das bei sensitiven Naturen vorkommt. Unter dem Einfluß dieses Gefühls küßte ich Natalie Sawischna, als sie ganz in Tränen von mir Abschied nahm, sehr kühl auf die Haube. Wunderbar, daß ich alle Gesichter des Gesindes noch jetzt so deutlich vor mir sehe, daß ich sie mit den kleinsten Einzelheiten zeichnen könnte; Mamas Gesicht und Stellung dagegen ist mir vollständig entschwunden. Wahrscheinlich rührt das daher, daß ich mir während der ganzen Zeit nicht einmal das Herz faßte, sie anzusehen. Mir schien, daß, wenn ich das täte, ihr und mein Schmerz unerträglich werden würde. Ich stürmte zuerst in den großen Wagen, um niemanden mehr zu sehen, und setzte mich auf den Rücksitz. Obgleich ich wegen des Verdecks des Wagens nichts sehen konnte, sagte mir mein Gefühl, daß Mama noch hier sei. Soll ich sie noch einmal küssen oder nicht? Na, zum letztenmal, sagte ich zu mir selbst und beugte mich aus dem Wagen zur Treppe. Im selben Augenblick trat Mama mit dem gleichen Gedanken an die andere Wagenseite und rief mich beim Namen. Beim Hören ihrer Stimme wandte ich mich um, aber so schnell, daß wir mit den Köpfen zusammenstießen; sie lächelte schmerzlich und küßte mich fest, zum letztenmal. Ich wagte sie erst anzusehen, als wir schon einige Schritte gefahren waren. Der Wind lüftete ihr blaues Tuch, das sie beim Hinaustreten um den Kopf geschlungen hatte. Jetzt senkte sie den Kopf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam hinein. Foka stützte sie. Papa saß neben mir, Wolodja -- gegenüber. In seinen Augen war keine Spur einer Träne, aber er war blaß wie ein Taschentuch und schnitt bisweilen mit dem Munde schreckliche Grimassen. Ich wimmerte und schluchzte vor Tränen und dabei schnürte mir etwas die Kehle zusammen, daß ich zu ersticken fürchtete. Papa sagte kein Wort und sah uns bisweilen teilnahmsvoll an; diese Teilnahme gefiel mir, und der Gedanke, daß meine Tränen Herz verrieten, machte mir Vergnügen und tröstete mich. Ich setzte mich bequemer hin und betrachtete aufmerksam die nächsten Gegenstände vor meinen Augen -- das Hinterteil des Beipferdes auf meiner Seite. Ich sah, wie es mit dem Schweif wedelte, wie ein Bein das andere streifte, wie die Peitsche des Kutschers es berührte und wie es aus dem Trab in Galopp verfiel; sah, wie der Längsriemen und an diesem Längsriemen die Schnallen hin- und herrutschten -- sah so lange hin, bis sich das Geschirr an einigen Stellen mit Schaum bedeckte. Dann schaute ich in die Runde, auf die wogenden reifen Kornfelder, die dunkle Brache, auf der am Horizont ein Bauer mit Pflug und ein Pferd mit Füllen sichtbar wurden, und auf die Werstpfähle; blickte sogar auf den Kutschbock, um zu sehen, welcher Kutscher uns führe, und die Tränen in meinem Gesicht waren noch nicht getrocknet, als meine Gedanken schon weit von der Mutter schweiften, von der ich mich vielleicht für immer getrennt hatte. Dennoch lenkte jede Erinnerung meine Gedanken zu ihr. Als wir zwanzig Werst gefahren waren, fiel mir ein, daß ich vor zwei Tagen im Garten einen kleinen Birkenpilz gefunden hatte. Ich hatte ihn nicht abgebrochen, sondern mit trockenen Blättern bedeckt, da ich warten wollte, bis er gewachsen wäre. Jetzt fuhr ich fort und hatte ihn vergessen. Wer würde ihn pflücken? Vielleicht zertrat ihn der Gärtner, vielleicht fanden ihn Ljubotschka und Katja. Dabei fiel mir ein, wie die beiden, besonders Ljubotschka, beim Abschied von uns geweint hatten. Sie taten mir leid, und Natalie Sawischna ebenfalls, und die Birkenallee, und sogar die böse Mimi -- alle, alle! Und die arme Mama. Tränen traten wieder in meine Augen, aber nicht für lange. 17. Die Kindheit. Glückliche, selige, unwiederbringliche Tage der Kindheit! Wie soll man die Erinnerung an euch nicht hegen und pflegen! Sie erhebt und erquickt meine Seele und bildet für mich die Quelle der besten Genüsse. Man hat sich müde gelaufen und sitzt matt auf seinem hohen Kinderstuhl am Teetisch; es ist schon spät, die Tasse Milch mit Zucker ist längst geleert, Schlaf fällt auf die Augen, aber man rührt sich nicht von der Stelle -- sitzt da und hört und sieht. Wie soll man nicht hören! Mama spricht mit jemandem, ihre Stimme klingt so lieb, so unbeschreiblich freundlich. Der bloße Klang sagt meinem Herzen so unendlich viel! Mit schlafbeschwerten Augen blicke ich unverwandt in ihr Gesicht, und plötzlich kommt es mir vor, als würde sie ganz, ganz klein, ihr Gesicht nicht größer als ein Knopf, aber dabei sehe ich alles ganz deutlich, wie sie mich ansieht und lächelt. Ich habe es gern, daß sie so klein ist. Ich schließe die Augen noch mehr, und nun wird sie so klein, wie Jungen im Augapfel; aber dann bewege ich mich und das Zauberbild verschwindet. Ich mache die Augen kleiner, drehe mich hin und her, bemühe mich, das Bild wieder hervorzuzaubern, aber es ist umsonst. Ich stehe auf, schlage die Beine unter und lege mich bequem in den großen Lehnstuhl. »Du schläfst wieder ein, Nikolas; solltest nach oben gehen,« sagt Mama. »Ich will nicht schlafen,« erwidere ich, und undeutliche aber süße Träume erfüllen die Phantasie. Ein gesunder Kinderschlaf schließt die Augen, und eine Minute später ist man bewußtlos und schläft, bis man aufgeweckt wird. Bisweilen fühlt man im Halbschlaf die Berührung einer zarten Hand; an der Berührung schon erkennt man sie und ergreift sie noch im Schlaf dicht vor dem Gesicht und preßt sie fest, fest gegen die Lippen. Alle sind bereits fortgegangen; im Gastzimmer brennt nur noch ein Licht. Mama hat gesagt, sie würde mich wecken. Dann kommt sie, setzt sich auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlafe, fährt mit ihrer wunderbar zarten Hand über mein Haar und flüstert mit der lieben bekannten Stimme dicht an meinem Ohr: »Steh auf, mein Liebling, es ist Zeit zu Bett zu gehen.« Kein gleichgültiger Blick stört sie, ungescheut gießt sie all ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus. Ich rühre mich nicht, presse aber ihre Hand noch stärker an meine Lippen. »Steh doch auf, mein Engel!« Mit der anderen Hand umfaßt sie meinen Hals, und ihre kleinen Finger bewegen sich und kitzeln mich. Im Zimmer ist es still, halbdunkel; durch das Kitzeln und Erwachen sind meine Nerven erregt; Mama sitzt dicht neben mir, berührt mich, ich spüre ihren Duft und ihre Stimme. Das alles veranlaßt mich, aufzuspringen, meine Arme um ihren Hals zu schlingen, den Kopf gegen ihre Brust zu legen und atemlos zu rufen: »Ach liebe, liebe Mutter, wie habe ich dich lieb!« Sie lächelt auf ihre traurige bezaubernde Art, nimmt meinen Kopf, küßt mich auf die Stirn, die Nase und die Augen und setzt mich auf ihren Schoß. »Also du hast mich sehr lieb?« Sie schweigt einen Augenblick und sagt dann: »Hörst du, hab mich stets lieb und vergiß mich nicht. Wenn deine Mutter nicht mehr da ist, mußt du sie nie vergessen! Hörst du: nie, Nikolas.« Und sie küßt mich noch zärtlicher. »Hör auf, sag das nicht, liebste beste Mutter!« rufe ich, ihre Knie küssend, und dabei stürzen Tränen aus meinen Augen, Tränen der Liebe und des Entzückens. Kommt man dann nach oben und steht in seinem wattierten Schlafrock vor dem Heiligenbild, welch wunderbares Gefühl empfindet man dann bei den Worten: »Lieber Gott, beschütze meine Eltern, Papa, Mama und Großmama, den Lehrer Karl Iwanowitsch, meinen Bruder Wolodja und meine Schwester Ljubotschka.« Wenn ich diese Worte sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter nachstammelten, floß die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein Gefühl zusammen. Ich wußte und fühlte, daß Gott groß, gerecht und gut sei; ich war überzeugt, daß all meine Bitten erfüllt, alle Vergehen bestraft würden, daß ich ihm für alles, alles dankbar sein müsse und daß er mich nie verlassen würde. Kein Zweifel störte damals meine Ruhe. Nach dem Gebet wickelte ich mich, leicht und fröhlich ums Herz, in meine Decke ein. Ein schöner Traum folgte dem anderen; aber was hatten sie zum Gegenstande? Flüchtige Dinge, dabei war ich erfüllt von Hoffnung auf helles Glück und reine Liebe. Dann fiel mir wohl Karl Iwanowitsch mit seinem traurigen Schicksal ein, der einzige Mensch, den ich für unglücklich hielt. Er tat mir so leid und ich empfand so viel Liebe für ihn, daß mir Tränen in die Augen traten und ich wünschte, Gott möge ihn glücklich machen und es mir ermöglichen, ihm meine Liebe zu zeigen -- ich wollte gern alles für ihn opfern. Dann stopfte ich mein liebstes Spielzeug, ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan, in eine Ecke des Federkissens und freute mich, wie gut, warm und behaglich es dort liegen könne. Dann bat ich noch den lieben Gott, allen Glück und Zufriedenheit zu geben und morgen zum Spazierengehen schönes Wetter zu machen, legte mich auf die andere Seite, Gedanken und Träume vermischten sich, und ich schlief leise und sanft mit tränenfeuchtem Gesicht ein. Werden sie je wiederkehren, die Frische, Sorglosigkeit und Glaubensstärke, die ich unbewußt in der Kindheit besaß? Welch schönere Zeit kann es geben, als die, in der die zwei höchsten Tugenden: unschuldige Heiterkeit und ein unendliches Bedürfnis zu lieben, die Haupttriebfedern im Leben waren. Wo sind die gläubigen Gebete geblieben? wo die schönste Gabe: reine Tränen der Rührung? Kam ein tröstender Engel geflogen, trocknete lächelnd diese Tränen und hauchte der reinen Phantasie des Kindes süße Träume ein? Hat das Leben wirklich so schwere Spuren in meinem Herzen hinterlassen, daß dieses Entzücken und diese Tränen auf ewig verschwunden und nur Erinnerungen geblieben sind? 18. Verse. Am 8. September 1836, fast einen Monat nach unserer Ankunft in Moskau war Großmutters Geburtstag. Um zehn Uhr morgens saß ich im Moskauer Hause im Klassenzimmer an einem großen Tisch und schrieb; auf der anderen Tischseite machte der Zeichenlehrer die letzten Verbesserungen an einer Bleistiftzeichnung, die einen Türken im Turban darstellte. Wolodja stand mit ausgerecktem Halse auf den Zehenspitzen hinter ihm und blickte dem Lehrer über die Schulter. Dieser Kopf war Wolodjas erste Zeichnung, die heute an Großmutters Geburtstag mit folgender Inschrift auf dem Ärmel des Türken überreicht werden sollte: »Woldemar Irtenef, 8. Sept. 1836, Moscou.« »Wollen Sie hier nicht noch etwas mehr Schatten hinbringen?« fragte Wolodja, auf den Hals des Türken deutend. »Nein, das ist nicht nötig,« erwiderte der Zeichenlehrer, Bleistifte und Reisfeder in die Schieblade legend, »jetzt ist es gut; rühren Sie es nicht mehr an. Nun aber Sie, Nikolenka,« er erhob sich, den Türken weiter von der Seite betrachtend -- »verraten Sie uns doch endlich Ihr Geheimnis: was schenken Sie der Großmutter? Am besten wäre ebenfalls ein Kopf. Adieu, meine Herren.« Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. In diesem Augenblick war ich auch der Ansicht, daß ein Kopf besser sei als die Arbeit, mit der ich mich quälte. An dem Abend, als man uns mitteilte, wir sollten ein Geschenk zu Großmutters Geburtstag vorbereiten, kam mir der Gedanke, ihr bei dieser Gelegenheit ein Gedicht zu machen, und ich verfaßte sofort zwei gereimte Strophen in der Hoffnung, die übrigen ebensoleicht hinzufügen zu können. Meinen Plan vertraute ich niemandem an; alle Fragen beantwortete ich damit, ich würde sicher ein Geschenk darbringen, aber niemandem sagen, worin es bestände. Dann ging ich sogleich ans Werk. Wider Erwarten stellte sich heraus, daß ich außer den beiden im ersten Feuereifer ersonnenen Strophen, trotz aller Anstrengung nichts Gescheites mehr zustande bringen konnte. Um mir die Mühe zu erleichtern, nahm ich Zuflucht zu einer List. Ich las alle Verse, die mir in die Hände fielen; da die Auswahl aber nicht groß war und ich nirgends Glückwünsche fand, überzeugte mich die Lektüre von Puschkin, Dershawin und anderen noch mehr von meiner Ohnmacht und Talentlosigkeit. Dann kramte ich unter Karl Iwanowitschs Papieren, der, wie ich wußte, oft Gedichte verfaßte. Unter seinen Manuskripten fand ich ein Produkt, das wahrscheinlich seiner Feder entstammte. Hier ist es: An Frl. L. Denke mein: nahe, Denke mein: fern, Denke mein: immerdar, Denke mein: gern. Denke mein bis an das Grab, Wie ich so treu geliebt dich hab! Petrowskoie, 12. Juni 1828.Karl Mauer. Dieses mit großen runden Buchstaben auf dünnes Briefpapier geschriebene Gedicht gefiel mir wegen des rührenden Gefühls, von dem es durchdrungen ist. Ich las es einigemal durch und lernte es auswendig. Vorher, als ich mir die gedruckten Verse zum Muster genommen hatte, sah ich deutlich, daß meinen eigenen etwas mangelte und geriet darüber in Verzweiflung. Jetzt, mit dem Rückhalt dieser Verse, die ich nachzumachen suchte, ging die Sache weit leichter. Am Geburtstage war ein Glückwunsch aus zwölf Strophen fertig; am Tisch im Klassenzimmer schrieb ich ihn auf Velinpapier ab. Schon waren zwei Bogen verdorben ... nicht, weil ich etwas ändern wollte -- die Verse schienen mir ausgezeichnet; aber von der dritten Zeile an kletterten die Versenden immer höher und höher, so daß man schon von weitem sah, wie schief das Gedicht war und daß es nichts taugte. Obgleich die dritte Abschrift ebenso schief war wie die übrigen, beschloß ich, jetzt nichts mehr abzuschreiben. Dagegen machte mir ein ganz anderer Umstand Schwierigkeiten. In meinem Gedicht gratulierte ich zunächst der Großmutter zum Geburtstag, wünschte ihr viele, viele Jahre Gesundheit, dankte ihr dann für ihre Liebe und schloß, meine Gefühle beschreibend: »So will ich dich auch stets erfreun, Du sollst wie meine Mutter sein.« Die Sache war nicht übel, aber der letzte Vers gefiel mir nicht, er beleidigte direkt mein Ohr. »Wie meine Mutter« wiederholte ich für mich, »Du sollst wie meine Mutter sein --« es ging; ich wollte es doch aber lieber ändern. Wie einen anderen Schluß finden? Dein? Weih'n? Ich will dir alle Kräfte weih'n. Ach was, sagte ich mir, es geht schon. Immer noch besser als Karl Iwanowitschs Verse. So schrieb ich die letzte Strophe hin. Dann ging ich ins Schlafzimmer und deklamierte alles laut mit Gesten und sehr ausdrucksvoll. Die ersten Strophen hatten gar kein Versmaß; aber dabei hielt ich mich nicht lange auf. Die letzte Zeile dagegen berührte mich immer stärker und unangenehmer. Ich setzte mich auf mein Bett und überlegte. Warum hatte ich geschrieben: »wie meine Mutter.« Warum sie erwähnen? Sie war doch nicht hier! Ich liebte und verehrte Großmutter, weil sie so respektgebietend war; aber das war doch nicht das! Warum, warum hatte ich die Worte geschrieben? Ich begriff es wohl undeutlich, fühlte aber dabei, daß, der Großmutter sagen, sie solle wie meine Mutter sein -- erstens falsch und zweitens überflüssig sei. Wozu ihr das sagen? Nein, es war nicht hübsch! Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich die letzte Zeile ändern könnte; aber das ging nicht so einfach -- ich mußte dann die letzten vier Zeilen des Gedichts, die alle den gleichen Reim hatten, umdichten -- ein Drittel des ganzen Gedichtes. Vielleicht hätte ich auch das noch fertiggebracht; aber jetzt hörte ich, wie der Schneider mit meinem neuen Frack kam. »Also mag es schon so bleiben,« sagte ich ärgerlich, schob die Verse unter das Kissen und lief, um den Moskauer Anzug anzuprobieren. Er erwies sich als vorzüglich. Der zimtbraune Frack mit blanken Knöpfen lag prall am Körper an, nicht so auf Zuwachs berechnet, wie auf dem Lande für uns gearbeitet wurde; die schwarze, ebenfalls enge Hose umspannte wundervoll die Schenkel und fiel gefällig auf die Stiefel. »Endlich richtige Hosen mit Strippen,« dachte ich, vor Freude außer mir und besah von allen Seiten meine Beine. Obgleich mir der neue Anzug eng und unbequem war, verheimlichte ich das vor allen und sagte im Gegenteil, er säße sehr bequem, und wenn er einen Mangel hätte, wäre es der, daß er etwas weit sei. Dann nahm ich eine Bürste und bearbeitete eine ganze Stunde lang meinen stark pomadisierten Kopf vor dem Spiegel. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, die Borsten auf dem Scheitel glatt zu legen -- sie gehorchten nicht; sobald ich mit bürsten aufhörte, richteten sie sich auf, starrten nach allen Seiten und gaben meinem Gesicht einen lächerlichen Ausdruck. Karl Iwanowitsch kleidete sich im Nebenzimmer an. Durch das Klassenzimmer wurde ihm ein blauer Frack und Wäsche gebracht. An der nach unten führenden Tür hörte man die Stimme von Großmutters Kleinmädchen; ich ging hinaus, um nachzusehen, was sie wünschte. Sie hielt ein steifgestärktes Oberhemd in der Hand und sagte, das sei für Karl Iwanowitsch; sie hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, um es rechtzeitig fertigzubringen. Ich nahm ihr das Hemd ab und fragte, ob Großmutter schon aufgestanden sei. »Gewiß doch! Hat schon längst Kaffee getrunken; der Protopop ist schon da. Wie nett Sie heute aussehen!« schloß sie lächelnd. Diese Bemerkung ging mir durch und durch und machte mich erröten; ich drehte mich auf einem Fuß um, hüpfte und schnalzte mit den Fingern, um ihr zu verstehen zu geben, daß sie noch gar nicht recht wisse, wie nett ich in Wirklichkeit sei. Als ich Karl Iwanowitsch das Oberhemd brachte, hatte er es bereits nicht mehr nötig; er hatte ein anderes angezogen. Er stand gebückt vor dem kleinen Spiegel auf dem Tisch, hielt mit beiden Händen seine Halsbinde und probierte, ob sein rasiertes Kinn sich in der Binde hin und her bewegen könne. Nachdem Karl Iwanowitsch unseren Anzug überall zurechtgezogen und Nikolas um den gleichen Dienst bei sich gebeten hatte, führte er uns zur Großmutter. Ich muß noch jetzt lachen, wenn ich daran denke, wie stark wir drei nach Pomade rochen, als wir die Treppe heruntergingen. Karl Iwanowitsch trug eine selbstverfertigte Schachtel, Wolodja die Zeichnung, ich das Gedicht, das ich vor unserem Aufbruch unter dem Kissen hervorgeholt hatte. Jeder hatte den Spruch auf der Zunge, mit dem er sein Geschenk überreichen wollte. In dem Augenblick, als Karl Iwanowitsch die Tür öffnete, legte der Priester sein Gewand an und das Gebet begann. Großmutter war schon im Saal; auf eine Stuhllehne gestützt stand sie an der Wand und betete inbrünstig. Neben ihr stand Papa. Er wandte sich nach uns um und lächelte, als wir schnell unsere Geschenke auf dem Rücken versteckten und dicht an der Tür stehenblieben, um nicht bemerkt zu werden. Die ganze Überraschung, auf die wir gerechnet hatten, war dahin. Als nach Schluß des Gebets das Kreuz geküßt wurde, war ich unentschlossen, ob ich sogleich das Gedicht überreichen und Großmutter gratulieren sollte oder nachher. Das sofortige Überreichen war mir sehr unangenehm, weil ich bei der Vorbereitung auf diesen Augenblick nicht daran gedacht hatte, daß der Vorgang sich vor einem Publikum abspielen würde, das jetzt aus Papa und dem Protopopen bestand. Namentlich vor Papas Spott hatte ich Angst. Ich hielt mein Gedicht auf dem Rücken und stand so unbeschreiblich schüchtern und verlegen da. Karl Iwanowitsch beglückwünschte Großmutter in den gewähltesten Ausdrücken, nahm die Schachtel aus der linken Hand in die rechte, händigte sie ihr ein und trat ein paar Schritte zurück, um Wolodja Platz zu machen. Großmutter schien von der Schachtel mit Goldrand entzückt und gab mit verbindlichem Lächeln ihrem Dank Ausdruck. Man merkte aber, daß sie die Schachtel nirgend hinzustellen wußte und wahrscheinlich aus diesem Grunde Papa bat, einmal zu sehen, wie erstaunlich kunstfertig sie gearbeitet sei. Nachdem Papa seine Neugierde befriedigt hatte, übergab er die Schachtel dem Geistlichen, dem das Ding anscheinend sehr gefiel. Er wiegte den Kopf hin und her und blickte neugierig bald auf die Schachtel, bald auf den Meister, der solch schönen Gegenstand fertiggebracht hatte. Wolodja überreichte seinen Türken mit dem Signum und erntete von allen Seiten das höchste Lob. Jetzt war die Reihe an mir; mit einem Lächeln, das besagte: »Nun, mein Junge, jetzt kommst du,« wandte sich Großmutter an mich. Wer jemals Schüchternheit empfunden hat, weiß, daß dieses Gefühl mit der Zeit zunimmt, während die Entschlossenheit umgekehrt nachläßt. Das heißt: Je länger die Schüchternheit dauert, um so unbezwinglicher wird sie und um so weniger Entschlossenheit bleibt übrig. Die letzte Spur von Entschlossenheit verließ mich, als Karl Iwanowitsch und Wolodja ihre Gaben darbrachten; und jetzt, als ich fühlte, daß ich unbedingt hervortreten müsse, erreichte sie den Höhepunkt. Ich fühlte, wie mir das Blut vom Herzen unaufhaltsam zu Kopf schoß, wie mein Gesicht die Farbe wechselte und wie dicke Schweißtropfen auf Stirn und Nase traten. Die Ohren brannten, im ganzen Körper fühlte ich Zittern und kalten Schweiß; ich trat von einem Fuß auf den anderen, knüllte die verhängnisvolle Papierrolle in der schweißigen Hand zusammen und rührte mich nicht vom Fleck. »Nun, Herr Poet, deklamieren Sie uns Ihre Verse vor,« sagte plötzlich Papa, der, ich weiß nicht wie, hinter mein Geheimnis gekommen war. Da war nichts zu machen; mit zitternder Hand überreichte ich Großmutter das zerknüllte Papier, anstatt aber dabei meinen Glückwunsch zu sagen, stammelte ich unzusammenhängende Worte. Obgleich damit die Hauptsache getan war, konnte ich den Gedanken nicht fassen, daß sogleich in aller Gegenwart die Worte »wie meine Mutter« gelesen und meine Gemeinheit aller Welt offenbar würde. Wie soll ich meine Qualen schildern, als Großmutter laut mein Gedicht vorzulesen begann, als sie es nicht entziffern konnte, in der Mitte steckenblieb und mit einem Lächeln, das mir spöttisch vorkam, Papa ansah, als sie die Worte nicht so betonte wie ich wollte, und schließlich, wegen ihrer schwachen Augen, Papa das Schriftstück gab und ihn bat, es ihr von Anfang an vorzulesen. Mir war, als täte sie das deswegen, weil sie keine Lust hatte, solch schlechte, schief geschriebene Verse zu lesen, die zeigten, wie schnell ich meine Matter vergessen hatte. Ich erwartete, daß man mir meine Verse um die Ohren schlagen und sagen würde »Nichtsnutziger Bengel, vergiß deine Mutter nicht, da hast du was!« Aber nichts dergleichen geschah; im Gegenteil, als alles vorgelesen war, sagte Großmutter: »~Charmant! merci, mon cher Nicolas!~« und küßte mich auf die Stirn. Schachtel, Zeichnung und Gedicht wurden auf einen kleinen Tisch neben Großmutters Stuhl gelegt, neben die beiden Batisttücher und die Tabatiere mit Mamas Bild, von dem Großmutter sich niemals trennte. »Die Fürstin Barbara Iljinitschna Kornakowa!« meldete einer der riesigen Diener, die hinten auf Großmutters Wagen fuhren. Großmutter betrachtete nachdenklich das Bild auf der Schildpatdose und gab keine Antwort. Sie dachte in diesem Augenblick sicherlich an Mama, ihre Lieblingstochter und überlegte: Warum ist sie heute nicht bei mir? Was mag sie treiben? »Wünschen Durchlaucht zu empfangen?« sagte der Diener. »Bitte.« 19. Die Fürstin Kornakowa. »Ich lasse bitten,« sagte Großmutter, sich tiefer in den Sessel setzend. Karl Iwanowitsch stand auf, strich mit der Hand seine Frackschöße glatt -- beim Hinsetzen und Aufstehen vergaß er das nie -- machte einen Kratzfuß und trat zu Großmutters Sessel. »Sie erlauben mir, hochverehrte Frau Gräfin,« begann er, wie gewöhnlich, gedehnt und mit kläglicher Betonung, »den heutigen Tag bei meinem alten Freunde Schönheit zu verbringen, dessen Gattin, Madame Schönheit, Geburtstag feiert.« Großmutter gab sofort ihre Einwilligung, bemerkte aber dabei, sie hätte ihn an ihrem eigenen Geburtstag lieber bei sich gesehn; indessen hätten die alten Freunde vor den neuen gerechterweise den Vorzug. »Sie können gehen,« sagte Papa ziemlich kurz zu Karl Iwanowitsch, als dieser mit verlegenem Lächeln vor ihn hintrat. Und als er fort war, meinte Papa zu Großmutter: »Ich fürchte, er geht hier zugrunde.« »Wieso?« fragte Großmutter, die eintretende Fürstin nicht bemerkend. Zu meinem größten Kummer konnte Papa nicht mehr erläutern, wie Karl Iwanowitsch zugrunde gehen würde. Die Fürstin war eine etwa fünfundvierzigjährige, kleine, schwächliche, hagere, gallige Dame mit trübgrauen, unangenehmen Augen, deren Ausdruck durchaus zu dem unnatürlich sanft lächelnden Mündchen paßte. Unter dem schwarzen Samthut mit Straußenfedern blickte hellrötliches Haar hervor. Brauen und Wimpern erschienen bei der ungesunden Gesichtsfarbe noch rötlicher. Trotzdem hatte ihr Auftreten infolge der ungezwungenen Bewegungen der winzigen Hände und der Hagerkeit in allen Zügen etwas Vornehmes und Energisches. Die Fürstin sprach sehr viel; sie gehörte zu der Gattung von Leuten, die so reden, als wenn man ihnen widerspräche, obgleich niemand ein Wort äußert; bald erhöhte sie die Stimme, bald ließ sie sie sinken, begann plötzlich mit neuer Lebhaftigkeit zu sprechen und betrachtete dabei die Anwesenden, die an der Unterhaltung nicht teilnahmen, als suchte sie in diesen Blick neue Argumente zu legen. Trotzdem die Fürstin Großmamas Hand küßte und sie unaufhörlich »~ma bonne tante~« nannte, bemerkte ich, daß Großmutter unzufrieden mit ihr war; als die Fürstin erzählte, weshalb Fürst Michael unmöglich zum Gratulieren hätte kommen können, obgleich er es sehr gern getan hätte, schob Großmutter eigentümlich die Augenbrauen zusammen, antwortete russisch auf die französische Rede der Fürstin und sagte ihre Worte ganz besonders in die Länge ziehend: »Ich bin Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit sehr verbunden, meine Liebe; und daß Fürst Michael nicht gekommen ist -- was soll man darüber reden! Ich weiß, daß er stets mit Arbeit überhäuft ist, und was für ein Vergnügen wäre es für ihn, bei einer alten Frau herumzusitzen.« Und ohne der Fürstin Zeit zur Erwiderung zu lassen, fuhr sie fort: »Wie geht es Ihren Kinderchen, meine Liebe?« »Gott sei Dank wachsen sie, lernen, machen dumme Streiche, ~ma tante~; besonders der Älteste, Etienne, wird ein solcher Bengel, daß mit ihm nicht mehr auszukommen ist. Dafür ist er ein kluger Bursche: ~un garçon qui promet~. Können Sie sich vorstellen, ~mon cousin~,« wandte sie sich direkt an Papa, weil Großmutter sich wahrscheinlich für die Kinder der Fürstin nicht im mindesten interessierte und mit ihren eigenen Enkeln glänzen wollte, jetzt langsam meine Verse aus der Schachtel nahm und das Blatt sorgfältig umblätterte. »Können Sie sich vorstellen, ~mon cousin~, was er neulich gemacht hat?« damit beugte sich die Fürstin zu Papa und erzählte ihm fast flüsternd etwas sehr lebhaft. Als die Erzählung beendet war, die ich nicht verstand, meinte sie, Papa direkt ins Gesicht blickend: »Ist das ein Junge, nicht wahr? Obgleich er einfach Prügel verdiente, ist der Einfall doch so klug und komisch, daß ich ihn nur ausgescholten habe, ~mon cousin~.« Dann richtete die Fürstin den Blick auf Großmutter und fuhr fort, stumm zu lächeln. »Schlagen Sie denn Ihre Kinder?« fragte Großmutter, immer noch mit meinem Gedicht in der Hand. »Ach, ~ma bonne tante~,« erwiderte die Fürstin mit einem Blick auf Papa, »ich weiß nicht, wie Sie über diesen Gegenstand denken, aber erlauben Sie mir, hierin eigener Meinung zu sein. Wieviel habe ich nicht über Erziehung nachgedacht, gelesen, mir bei anderen Rat geholt -- schließlich hat die Erfahrung mich doch dahin gebracht, daß, um etwas aus den Kindern zu machen, Furcht notwendig ist. Habe ich nicht recht, ~mon cousin~?« wandte sie sich wieder an Papa. »Was aber, ~je vous demande un peu~, fürchten Kinder mehr als die Rute?« Dabei blickte sie streng und fragend auf uns, und ich muß gestehen, mir wurde in diesem Augenblick recht ungemütlich. »Was Sie auch sagen, ein Junge bis zum zwölften und selbst bis zum vierzehnten Jahr ist immer noch Kind. Anders mit den Mädchen.« Welches Glück, daß ich nicht ihr Sohn bin, dachte ich. »Das ist ja sehr schön, meine Liebe,« sagte Großmutter, meine Verse zusammenfaltend und wieder in die Schachtel legend, als hielte sie nach diesem die Fürstin nicht mehr für würdig, mein Erzeugnis zu hören. »Das ist alles sehr schön, aber sagen Sie mir bitte, wie Sie dann noch feines Empfinden von Ihren Kindern verlangen können und welcher Unterschied dann noch zwischen den Ihrigen und Bauerkindern besteht.« Und, ihr Argument für unwiderleglich haltend, fügte Großmutter hinzu: »Übrigens kann hierüber jeder seine eigene Meinung haben.« Die Fürstin lächelte gnädigst, um auszudrücken, daß sie diese sonderbaren Vorurteile bei einer Person, die viele so hochschätzten, nicht weiter übelnähme. »Ach ja, machen Sie mich doch mit Ihren jungen Leuten bekannt, ~mon cousin~,« sagte sie mit einem Blick auf uns, freundlich lächelnd. Wir standen auf, sahen die Fürstin gerade an und wußten nicht, was wir tun mußten, um zu zeigen, daß unsere Bekanntschaft geschlossen sei. »Küßt der Fürstin die Hand,« sagte Großmutter. »Habt eure alte Tante lieb,« sagte die Fürstin, Wolodja auf das Haar küssend. »Ich bin zwar keine nahe Verwandte, aber ich denke, es geht hier nach den freundschaftlichen Beziehungen und nicht nach dem Verwandtschaftsgrade,« wandte sie sich besonders an Großmama, die aber noch immer unzufrieden war und erwiderte: »Ach, meine Liebe, wer rechnet denn in unserer Zeit noch solche Verwandtschaft!« »Das ist mein junger Weltmann,« deutete Papa auf Wolodja, »und dieser ein Philosoph, ein gelehrter Herr,« fügte er hinzu, während ich mir beim Küssen der kleinen dunklen Hand der Fürstin mit wunderbarer Deutlichkeit eine Rute in der Hand, und unter der Rute auf einer Bank den kleinen Etienne mit lautem Wehgeschrei: »Au, au, au! ich will's gewiß nicht wieder tun!« samt allem Zubehör vorstellte. »Außerdem Poet; ~je vous prie de croire~,« fügte Papa hinzu. »Welcher?« fragte die Fürstin, mich bei der Hand fassend. »Dieser Struwwelpeter da,« sagte Papa mit vergnügtem Lächeln. Brauche ich dem Leser, der sich meines neuen Moskauer Anzuges erinnert, zu sagen, wie diese Bemerkung mich kränkte? Als ich bei dem Spiegel vorbeikam, hatte ich hineingeblickt. Mein Gesicht war rot wie Siegellack; auf der Nase, die noch breiter war als gewöhnlich, und auf der breiten Stirn standen dicke Schweißtropfen; der weiße Kragen lag schief auf dem zimtbraunen Frack; das pomadisierte Haar starrte nach oben; die grauen Augen blickten trübe drein; jeder mußte bemerken, daß ich mich bemühte, nachdenklich auszusehen, in Wirklichkeit aber ein häßlicher, zerstreuter Junge war. Obgleich ich die sonderbarsten Vorstellungen von Schönheit hatte -- sogar Karl Iwanowitsch mit seiner riesigen Nase hielt ich für den schönsten Mann der Welt -- wußte ich sehr gut, daß ich häßlich sei, und darin irrte ich mich nicht. Ich weiß noch sehr gut, wie man, als ich erst sechs Jahre alt war, beim Mittagessen über mein Äußeres sprach und wie Mama sich bemühte, in meinem Gesicht etwas Hübsches zu entdecken; sie meinte, ich hätte kluge Augen, ein angenehmes Lächeln usw., und wie sie schließlich den Einwendungen Papas und dem Augenschein nachgebend, eingestand, daß ich häßlich sei; wie sie nachher, als ich ihr gesegnete Mahlzeit wünschte, meine Wange streichelte und sagte: »Das mußt du dir merken, Nikolenka, daß dich wegen deines Gesichtes niemand lieben wird; deshalb mußt du dich bemühen, ein kluger und guter Junge zu werden.« Dieses Vorfalls erinnere ich mich sehr gut, und die Worte gaben mir nicht nur die Überzeugung, daß ich niemals hübsch werden würde, sondern sie hatten auch Einfluß auf meine Richtung. Es kam vor, daß mich Verzweiflung ergriff; ich bildete mir ein, für einen Menschen mit so breiter Nase, so dicken Lippen und kleinen Augen gäbe es kein Glück auf Erden; ich betete zu Gott, ein Wunder zu tun und mich in einen hübschen Jungen zu verwandeln; -- alles was ich besaß und jemals besitzen würde, hätte ich für ein hübsches Gesicht hingegeben. 20. Fürst Iwan Iwanowitsch. Als die Fürstin die Verse angehört und den Verfasser mit Lob überschüttet hatte, wurde Großmutter weicher, sprach Französisch mit ihr, sagte nicht mehr »Sie, meine Liebe« und bat sie, ihre Kinder zu schicken. Die Fürstin sagte zu und fuhr dann nach kurzem weiteren Verweilen fort. An diesem Tage kamen so viele Gratulanten, daß der Hof den ganzen Vormittag nicht leer von Wagen wurde. »~Bon jour, ma chère cousine~,« sagte einer der Gäste beim Eintritt ins Zimmer, Großmutter die Hand küssend. Es war ein großer siebzigjähriger Herr in Uniform mit großen Epaulettes und einem weißen Orden auf der Brust. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, offen. Die Ungezwungenheit und Schlichtheit seines Benehmens fielen mir auf. Trotzdem auf dem Scheitel nur ein Halbkreis grauer Haare stehengeblieben war, und man an der Vertiefung der vom Schnurrbart nicht bedeckten Oberlippe deutlich das Fehlen der Zähne bemerkte, war sein Gesicht noch von bemerkenswerter Schönheit. Er war direkt auf Großmutter zugegangen, und obgleich ein großer Teil der Anwesenden bei seinem Erscheinen aufstand, begrüßte er die Gesellschaft erst, nachdem er Großmutter seinen Glückwunsch dargebracht hatte. Fürst Iwan Iwanowitsch hatte dank seinem vornehmen Charakter, seiner ruhigen Tapferkeit, vorzüglicher Protektion und hervorragendem Glück schon in jungen Jahren eine jener glänzenden militärischen Karrieren gemacht, wie sie Ende vorigen Jahrhunderts möglich waren. Er blieb im Dienst und sein Ehrgeiz wurde sehr bald in einer Weise befriedigt, daß ihm in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrigblieb. Seit der frühesten Jugend war sein Benehmen derart, als bereite er sich vor, eine glänzende Stellung in der Welt einzunehmen, die ihm später zuteil wurde. Aus diesem Grunde änderte er, obgleich auch in seinem glänzenden, tätigen, nützlichen und etwas prunkenden Leben Enttäuschungen, wie bei allen, nicht ausgeblieben waren, seinen Charakter und seine Denkart nie und erwarb sich infolgedessen die allgemeine Achtung nicht so sehr auf Grund seiner glänzenden Position, als seiner Konsequenz in allen Lebenslagen. Er war geistig durchaus nicht hervorragend, dank seiner Stellung aber, die ihm erlaubte, auf alle Widerwärtigkeiten des Lebens ruhig und sogar ein wenig verächtlich herabzusehen, war sein Gedankenkreis ein ziemlich weiter. Da ihn alle suchten und umschmeichelten, er aber nicht immer alle Wünsche der anderen erfüllen konnte, war er trotz seines guten Herzens etwas kalt und spöttisch im Verkehr. Diese Kälte wurde aber durch die Leutseligkeit und ruhige Höflichkeit eines den allerhöchsten Kreisen angehörigen Mannes gemildert. Seine Bildung und Belesenheit ließen manches zu wünschen übrig; was man aber wissen mußte, hatte er stets bereit und verstand darüber hübsch und fesselnd zu reden. Seine Unterhaltung war einfach; und diese Einfachheit verdeckte gleichzeitig seine Unkenntnis gewisser Dinge und stellte sein angenehmes Wesen und seine Toleranz in helles Licht. Ich glaube nicht, daß er den Lärm der großen Welt liebte, er war aber daran gewöhnt, und deswegen machte es nichts aus, ob er im Auslande oder in Moskau lebte -- er besuchte überall Bälle, wo er sich mit erlesenen Partnern an den Kartentisch setzte, und hatte seine bestimmten Empfangstage. Seine Autorität in gesellschaftlicher Beziehung war derart, daß, wenn er jemanden nicht empfing, das als ein Ereignis galt. Junge, hübsche Damen , 1 ! . . . 2 3 4 . . 5 6 , , 7 , , 8 9 . 10 11 : » ? « 12 13 , ; 14 15 . 16 17 18 , . 19 , 20 , . 21 ; , 22 23 , , 24 . 25 , 26 - - , 27 . 28 29 , 30 , 31 . , , 32 ; 33 , . 34 , . 35 ; , 36 . 37 38 , . , 39 , , , 40 , , , 41 , , . 42 , 43 ? 44 45 * * * * * 46 47 , , 48 . , 49 ; , 50 ( ) 51 , ; 52 , , 53 , . 54 . , 55 . 56 , 57 , . 58 , . 59 60 61 . . 62 63 64 , , 65 , - - . 66 , , 67 68 . 69 . 70 , . 71 72 . , 73 , 74 75 76 , : 77 , . 78 . 79 , 80 , . , 81 , , 82 . 83 84 , 85 . 86 - - , , 87 , . 88 89 , 90 91 . , 92 93 . 94 ; , 95 . 96 97 , 98 , 99 , 100 , 101 . , 102 , , 103 . 104 105 , 106 , , 107 , , . 108 , 109 . , 110 111 . 112 113 » , ? « 114 . 115 116 » , , « , , 117 » , . 118 , . « 119 120 . 121 , . 122 123 , 124 ; 125 - - , , 126 . 127 , : 128 ; , 129 . , 130 , , 131 . 132 133 134 , 135 , . 136 . 137 , 138 , : » , , . « 139 , , 140 , , 141 , 142 . , 143 , : » 144 , . - - 145 - - , . 146 , « . 147 148 . 149 , » « . , 150 : » ' 151 ' . « 152 153 , . 154 155 . . 156 , 157 . 158 159 » , , « 160 . 161 162 , , 163 . , , 164 , . 165 , 166 , : » 167 , ! « 168 . , . 169 170 ! , , , 171 , » « 172 ! , ! 173 174 , , . 175 , 176 . 177 178 , 179 . 180 181 » , , . . . ; 182 . . . . . 183 . « 184 185 186 187 . , ; 188 , 189 , , . 190 191 192 . . 193 194 195 . 196 , 197 . 198 ; 199 , 200 , , . 201 202 : » , - - 203 ? « 204 . » . « 205 206 » , , « 207 208 . » , , ; « 209 210 . » - - 211 . « 212 213 , , , , 214 , 215 , . 216 217 , 218 ; 219 220 , , , 221 , , , 222 , 223 . , 224 , , , 225 , 226 . , 227 , , 228 , 229 . 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