recht traurig,« erwiderte Mama und trat vom Fenster fort.
Es war dreiviertel ein Uhr; einstweilen schien aber Karl Iwanowitsch
nicht die Absicht zu haben, den unerträglichen Unterricht zu schließen.
Ich sah das Hofmädchen vorübergehen, um die Teller zu waschen, hörte
wie im Eßzimmer am Büfett mit Geschirr geklappert, der Tisch ausgezogen
und mit Stühlen geschurrt wurde.
Wahrscheinlich werden wir bald zum Essen gerufen; nur eins kann es noch
verzögern -- ich hatte gesehen, daß Mama mit Mimi, Ljubotschka und
Katja (das war Mimis zwölfjährige Tochter) in den Garten gegangen, aber
nicht zurückgekehrt waren.
Da schien es, als wenn ihre Schirme auftauchten. Nein, es war Mimi mit
dem Mädchen ... Ach, und da war auch »sie«. Wie sie langsam ging und
wie traurig, das arme Mädchen! Warum fuhr sie nicht mit uns?
Ich wollte folgendes tun: Wenn »er« sagte, es sei Zeit zur Reise, würde
ich zu ihr gehen, sie umarmen und sagen: ich will lieber sterben, aber
ohne sie gehe ich nicht. Dann würde man mich sicher bei ihr lassen.
Dann würden Mama, ich, Ljubotschka, Katja und Karl Iwanowitsch alle
zusammen stets in Petrowskoie bleiben; ich würde zu Hause bei Karl
Iwanowitsch lernen und dann, wenn ich groß geworden wäre, ihm ein
kleines Haus schenken, da würde er immer wohnen; ich würde dann beim
Militär eintreten, wenn ich es bis zum General gebracht, jemanden
heiraten, vielleicht Katja, und Karl Iwanowitschs Verwandte aus Sachsen
kommen lassen, oder nein, ihm lieber Geld geben, um selbst nach Sachsen
zu fahren ...
Ich träumte noch manches von Sachsen, vom Generalsrang und von Mama,
die mich, weil ich General wäre und bei ihr bliebe, am meisten
liebhaben würde; aber all diese Träume sind schwer wiederzugeben, nicht
weil sie zu töricht, sondern weil sie zu schön waren.
Da lief schon der Haushofmeister Foka mit einer Serviette unterm Arm in
den Garten, um zu melden, daß angerichtet sei. Wie war er komisch in
seinem langen Rock und der weißen Weste, und wie glänzte seine kahle
Platte im Sonnenschein.
Gott sei Dank, da kam jemand, um auch uns zu rufen; man hörte Schritte
auf der Treppe. Ich kannte alle Hausbewohner am Gang und an dem Knarren
der Stiefel; aber die Schritte, die sich jetzt näherten, waren mir
unbekannt, weshalb ich neugierig auf die Tür blickte.
Die Tür öffnete sich und es erschien eine mir ganz fremde Gestalt.
6. Der Narr.
Ins Zimmer trat ein Mann, dem Äußeren nach etwa fünfzig Jahre alt,
mit blassem, länglichem, von Pockennarben durchfurchtem Gesicht, halb
grauem Haar und einem kleinen, dünnen Bärtchen. Er war so groß, daß
er nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Oberkörper bücken mußte, um
die Tür zu passieren. Auf einem Auge blind, trug er halb bäurische,
halb priesterliche Kleidung und hielt in der Hand einen riesigen Stab,
mit dem er beim Eintritt ins Zimmer aus Leibeskräften auf den Fußboden
stieß.
»Ach Vögelchen, Vögelchen! Das Weibchen härmt sich und weint, das
liebe; aber die Jungen sind flügge, wollen aus dem Nest. Wird das
Weibchen seine Jungen nicht wiedersehen. O weh! O weh!« schluchzte er
und wischte sich richtige Tränen mit dem Rockärmel ab.
Seine Stimme klang rauh und heiser; die Bewegungen waren ungleichmäßig
und seltsam; seine Rede unzusammenhängend und sinnlos; der Tonfall aber
so rührend und das gelbe Gesicht so aufrichtig traurig, daß man sich
bei seinem Anblick und dem Anhören eines sonderbaren, aus Mitleid,
Furcht und Traurigkeit zusammengesetzten Gefühls nicht erwehren konnte.
Er gebrauchte keine Fürwörter; dadurch bekamen seine einfachsten
Bemerkungen einen rätselhaften, geheimnisvollen Sinn.
Das war der Narr Grischa. Er kam zur Großmutter und hatte Mama schon
als kleines Kind bei ihr gesehen; er hatte sie sehr liebgewonnen und
kam nun, nachdem er sie hier entdeckt, um sich über ihre »Jungen« zu
freuen, so nannte er uns Kinder.
»Ah, ah!« schrie er plötzlich Karl Iwanowitsch an, der in diesem
Augenblick seine blauen, gestrickten Hosenträger anlegte, die ihm in
jungen Jahren eine Generalin verehrt hatte. »Du Narr, du Schaf ...
ziehst Hosenträger an, du Schaf!« Er riß den Mund weit auf und lachte
laut.
Karl Iwanowitsch war in einer peinlichen Lage. Er wollte den Verrückten
nicht anfahren; und doch war es ihm schmerzlich, in unserer Gegenwart
seine Autorität untergraben zu sehen.
»Das fehlte noch,« sagte er, »geht hinunter, für euch ist hier kein
Platz.«
Karl Iwanowitsch sagte das mit solchen Fehlern, und die ganze Szene
war so komisch, daß wir fast losgeplatzt wären. (Wenn ich seine Worte
anführe, verdrehe ich das Russische nicht, weil solche Verdrehungen
mich mehr an gewöhnliche Erzählungen erinnern, die ich nicht ausführen
kann, als an Karl Iwanowitsch.)
Endlich erschien der sehnlichst erwartete, pünktliche Foka, sagte:
»Das Essen ist fertig«, und wir gingen nach unten. Grischa folgte uns,
mit seinem Stock auf die Treppenstufen aufstoßend und allen möglichen
Unsinn schwatzend.
Als wir eintraten, waren schon alle im Gastzimmer versammelt. Papa
und Mama gingen Arm in Arm auf und ab und unterhielten sich leise
über etwas. Maria Iwanowna saß auf einem genau rechtwinklig zum Sofa
stehenden Sessel; neben ihr saß auf der einen Seite Ljubotschka,
die bei unserem Anblick sofort aufsprang und uns entgegenlief, auf
der anderen Katja, die gern dasselbe getan hätte, wenn es mit Mimis
Anstandsregeln vereinbar gewesen wäre. So aber mußten wir erst zu ihr
gehen und sagen »~Bon jour~, Mimi« und dann ... -- nein, ich weiß
wirklich nicht, ob ich Katja küßte oder nicht. Ich weiß nur, daß Mimi
mir bei allem hinderlich und im Wege war. In ihrer Gegenwart sprach ich
niemals herzlich mit der reizenden, blonden, sauberen Katja.
Ach, wie hat diese unerträgliche Mimi mein kindliches Leben vergällt!
Man brauchte nur etwas zu sagen, so begann sie auch schon mit ihrem
Korrigieren und sah bald Papa, bald Mama an, um zu zeigen, daß sie auf
dem Posten sei ...
»~Parlez donc français~«, wenn man ihr zum Tort gerade gern russisch
geplaudert hätte. Oder wenn einem bei Tisch etwas besonders schmeckte
und man nicht gestört sein wollte, hieß es sicherlich: »~Mangez donc
avec du pain~« oder »~comment est ce que vous tenez votre fourchette?~«
Ach, wie war sie unerträglich! Und was ging ich sie an! Mochte sie
doch ihre Mädchen unterrichten, wir hatten ja Karl Iwanowitsch dazu!
Bisweilen teilte ich durchaus seinen Haß gegen »gewisse« Leute.
Ins Eßzimmer gingen die Großen vorauf, wir Kinder hinterher, was uns
Gelegenheit bot, ein paar angenehme Worte zu wechseln -- angenehm nur,
weil man sie in Gegenwart der anderen nicht sagen konnte.
»Geht Papa auf die Jagd?«
»Ja.«
»Nimmt er euch mit?«
»Ja, zu Pferde. Und ihr?«
»Ich weiß nicht,« erwiderte Katja mit weinerlichem Gesicht.
»Das geht nicht ... Aber wollen sehen.«
Man setzte sich zu Tisch. Die Suppe wurde gebracht. Grischa deklamierte
von seinem Nebentisch aus, die Worte durch Schluchzen und jämmerliche
Grimassen unterbrechend: »Vögelchen, Vögelchen, auf dem Grabe steht ein
Stein; im Herzen ein Nagel; Taube flieg in den Himmel« usw.
Mama war seit heute morgen verstimmt. Grischas Gegenwart und
Bemerkungen verstärkten diesen Zustand; obgleich sie es nicht zugab,
waren Pilger und Narren ihre Schwäche. Im Grunde ihres Herzens
verehrte sie Grischa und glaubte wahrscheinlich an seine Fähigkeit,
die Zukunft vorauszusagen.
»Ach ja, ich habe vergessen, dich um etwas zu bitten,« sagte sie, dem
Vater einen Teller mit Suppe hinreichend.
»Was denn, mein Liebling?« fragte Papa lebhaft.
»Laß, bitte, deine schrecklichen Hunde einsperren. Sie hätten den armen
Grischa beinahe zerrissen, als er den Hof betrat. Ebensogut können sie
sich auf die Kinder stürzen.«
Als Grischa hörte, daß von ihm die Rede war, wandte er sich zu unserem
Tisch herum und zeigte kauend seine zerrissenen Rockschöße.
»Hat gehetzt ... Hunde gehetzt. Sünde, große Sünde. Schlag ihn nicht
Großer (so nannte er Papa). ... Weshalb schlagen? Gott vergibt. Zeit
ist nicht danach.«
Papa blickte ihn unverwandt und strenge an, wandte sich dann an Mama
und fragte: »Was spricht er? Übersetz es mir bitte, sonst verstehe ich
nichts. ~Vous seule avez le don de le comprendre.~«
»Ich verstehe ihn,« meinte Mama lächelnd, »er erzählt, ein Jäger hätte
absichtlich die Hunde auf ihn losgelassen; nun glaubt er, du würdest
den Jäger dafür bestrafen und bittet, ihm zu verzeihen.«
»Ach so!« meinte Papa. »Woher weiß er denn, daß ich den Jäger bestrafen
will? Vielleicht habe ich gar nicht die Absicht,« fuhr er französisch
fort. »Du weißt, ich bin überhaupt kein Freund solcher Leute, aber
dieser hier mißfällt mir besonders, muß ein abgefeimter Spitzbube
sein.«
»Ach, sag das nicht!« unterbrach ihn Mama fast erschrocken. »Wie kannst
du das wissen?«
»Nun, ich hatte, glaube ich, genügend Gelegenheit, diese Art Leute
kennen zu lernen. Es kommen ja genug zu dir, alle vom selben Schlage
und stets ein und dieselbe Geschichte: unbedingt vornehme Herkunft,
tragen irgendein Kreuz und Leiden, nach denen niemand sie fragt.
All diese Frömmelei und Scheinheiligkeit zielt nur darauf ab,
leichtgläubige und schwachnervige Damen zu finden, die ihnen die
dreckigen Hände küssen, sie für Propheten halten und ihnen Geld geben.
All diese unverstandenen Heiligen pilgern nicht aus Liebe zu Gott, wie
sie sagen, sondern aus Faulheit und gewohntem Müßiggang.«
Man sah, daß Mama in dieser Hinsicht ihre bestimmte Überzeugung hatte
und nicht streiten wollte, deshalb fragte sie, um das Gespräch auf ein
anderes Thema zu lenken, ob die Pasteten gut seien und bat, ihr eine zu
reichen.
Papa dagegen wollte streiten; er nahm eine Pastete, hielt sie so weit,
daß Mama sie nicht erreichen konnte, und fuhr erregt fort: »Nein, mich
ärgert --« dabei schlug er mit der Gabel auf den Tisch, »wenn ich sehe,
wie vernünftige und gebildete Leute ~donnent dans le panneau~ und an
sie glauben wie an Heilige.«
»Gib mir doch die Pastete,« sagte Mama, etwas ungeduldig die Hand
ausstreckend.
»Und man tut ganz recht,« Papa zog seine Hand noch weiter zurück,
»diese Gesellschaft einzusperren. Der einzige Nutzen, den sie bringen,
besteht darin, daß sie die ohnehin schwachen Nerven gewisser Personen
ruinieren,« fügte er lächelnd hinzu, da er bemerkte, daß dieses Thema
Mama mißfiel. Gleichzeitig reichte er ihr die Pastete.
»Ich will dir darauf nur eins erwidern,« sagte Mama. »Es fällt schwer
zu glauben, daß ein Mensch, der trotz seiner sechzig Jahre beständig,
Winter und Sommer, barfuß geht; der unter dem Anzug zwei Pud schwere
Ketten trägt, die er nie ablegt, und der mehr als einmal das Anerbieten
Mamas, bei ihr zu bleiben, abgelehnt hat (das weiß ich bestimmt) --
daß ein solcher Mensch das alles aus Faulheit tun sollte. Was die
Prophezeiungen anlangt,« fuhr sie nach kurzem Schweigen mit einem
Seufzer fort -- »~je suis payée pour y croire~: ich habe dir erzählt,
wie Kiriuscha meinem Vater Tag und Stunde seines Endes vorausgesagt
hat.«
»Ach, mein Gott, was richtest du da an!« sagte Papa, nach Mimis Seite
die Hand an den Mund legend. (Wenn er diese Bewegung machte, horchte
ich stets mit größter Aufmerksamkeit in Erwartung von etwas Komischem.)
»Warum hast du mich an seine Beine erinnert? Jetzt kann ich nicht
weiteressen.«
Das Mittagessen ging zu Ende. Ljubotschka und Katja zwinkerten mir
beständig, bald in Mamas bald in Mimis Richtung zu. Dieses Zeichen
bedeutete: jetzt ist Zeit zum Bitten; solch günstige Gelegenheit bietet
sich sobald nicht wieder; jetzt alle zusammen. Ich stieß Wolodja an,
und der faßte sich ein Herz; anfangs schüchtern, dann ziemlich bestimmt
und laut sagte er: »Da wir heute fahren sollen, möchten wir gern, daß
die Mädchen mit auf die Jagd kämen.« Mama sagte, sie führe selbst mit,
und zur allgemeinen Freude wurde es erlaubt.
Wie schrecklich war es manchmal, mit Bitten anzufangen! Dabei
schien gar nichts zu fürchten -- alle waren so gut! Hatte man aber
einmal angefangen, so wußte man nicht, woher auf einmal alle die
Dreistigkeit kam. Selbst wenn nicht erlaubt wurde, um was man bat,
stritt man bisweilen dagegen an und suchte zu beweisen, daß es eine
Ungerechtigkeit sei.
Diese Schwäche, das heißt, daß mir der erste Schritt so schwer wurde,
habe ich nicht nur in der Kindheit, sondern auch in reiferen Jahren an
mir bemerkt. Was sage ich: +diese+! Nein, alle Schwächen der Kindheit
sind dieselben geblieben. Der Unterschied ist nur der, daß sie andere
Formen angenommen haben.
7. Vorbereitungen zur Jagd.
Während des Nachtisches wurde Jakob gerufen und ihm wegen der Hunde,
des Jagdwagens und der Reitpferde Befehle erteilt, alles in größter
Ausführlichkeit unter Nennung jedes einzelnen Pferdes. Wolodjas Pferd
lahmte, deswegen ließ Papa ihm ein Jagdpferd satteln.
Dieses Wort »Jagdpferd« klang Mamas Ohren etwas befremdlich; sie
stellte sich darunter einen feurigen Renner vor, der sicher durchgehen
und Wolodja ums Leben bringen würde. Trotz Papas und Wolodjas
Versicherungen, der mit jugendlichem Eifer beteuerte, daß das nichts
zu bedeuten hätte und daß er es gern sähe, wenn das Pferd durchginge,
wiederholte die arme Mama immerfort, sie würde während der ganzen Jagd
keine Ruhe haben.
Das Essen war zu Ende; die Großen gingen ins Arbeitszimmer, um Kaffee
zu trinken, während wir in den Garten liefen und mit den Füßen auf den
mit gelben Blättern bedeckten Wegen schurrten. Diese Beschäftigung
machte mir damals großes Vergnügen.
Wir unterhielten uns darüber, daß Wolodja ein Jagdpferd reiten würde;
daß Ljubotschka sich schämen müsse, weil sie nicht so schnell laufen
könnte wie Katja, und wie interessant es sein müsse, Grischas Ketten zu
sehen und sein Beten zu hören; -- darüber, daß wir uns trennen mußten,
fiel kein Wort.
Wir sprachen lange über die verschiedensten Dinge; unsere Unterhaltung
wurde erst durch das Rollen des Jagdwagens unterbrochen, auf welchem
hinten an jeder Feder ein Bauernjunge hockte. Hinter dem Wagen ritten
die Jäger mit den Hunden, und dann folgte der Kutscher Parthenius auf
Wolodjas Pferd, das meinige am Zügel führend. Sofort stürzten wir
sämtlich zum Zaun, von wo aus all diese Dinge zu sehen waren.
Als der ganze Zug hinter der Hausecke verschwunden war, liefen wir
mit schrecklichem Gepolter und Geschrei nach oben, um uns anzuziehen,
und zwar möglichst »weidgerecht«. Das Wichtigste dabei war, die Hosen
in die Stiefel zu stecken. Unverzüglich ging es ans Werk, um schnell
fertig zu werden, auf die Treppe laufen, die Hunde sehen, Pferde
riechen und mit den Jägern plaudern zu können.
Der Geruchssinn muß sich mit den Jahren bei mir völlig geändert haben.
Wie wäre es sonst zu erklären, daß, soviel Pferde ich jetzt auch
rieche, dieser Geruch nicht im geringsten die Bedeutung und den Reiz
mehr für mich hat wie in der Kindheit.
8. Die Jagd.
Es war ein heißer Tag; weiße, wunderbar geformte Wölkchen zeigten sich
seit dem Morgen am Horizont; dann trieb ein leichter Wind sie näher
und näher, so daß sie bisweilen für kurze Zeit die Sonne bedeckten.
So zahlreich sie auch gegen Abend am Himmel entlang zogen, war es
ihnen doch nicht bestimmt, sich zum Gewitter zusammenzuziehen und zum
letztenmal unser Vergnügen zu stören. Sie begannen sich wieder zu
zerteilen; nur im Osten hing eine große graue Wolke; die anderen wurden
blasser, zogen sich in die Länge und eilten am Horizont hin; über dem
Kopf aber verwandelten sie sich in weiße durchsichtige Schäfchen. Regen
war nicht zu erwarten; selbst Karl Iwanowitsch, der stets wußte, wohin
jede Wolke zog, erklärte, das Wetter bliebe gut.
Foka kam trotz seines vorgerückten Alters schnell und gewandt die
Treppe heruntergelaufen, schrie: »vorfahren!« und faßte mitten in
der Einfahrt, zwischen der Stelle, wo der Kutscher Iwan mit dem
Jagdwagen erscheinen sollte und der Schwelle Posto in der Haltung eines
Mannes, den man nicht an seine Pflicht zu erinnern braucht. Die Damen
erschienen, und nach einigen Erörterungen darüber, auf welcher Seite
jede sitzen und an wem sie sich festhalten sollte (obwohl das, meiner
Meinung nach, überhaupt nicht nötig war), stiegen sie auf, spannten
die Schirme auf und fuhren fort. Als der Jagdwagen sich in Bewegung
setzte, deutete Mama ängstlich auf das »Jagdpferd« und fragte Iwan mit
zitternder Stimme: »Ist das Wolodjas Pferd?«
Und als jener bejahend antwortete, machte sie nur noch eine
Handbewegung und wandte sich ab. (Der Wagen mußte einen Umweg machen
und fuhr deswegen vorauf.)
Sehr ungeduldig bestieg ich meinen Klepper und führte mit Hilfe der
Reitpeitsche verschiedene Evolutionen auf dem Hofe aus, sorgfältig den
umherliegenden Hunden ausweichend, um dem ewigen Vorwurf der Jäger zu
entgehen: »Herr, seien Sie so gut, überreiten Sie die Hunde nicht!«
Diese Bemerkung ärgerte mich sehr -- als ob ich das nicht wüßte!
Wolodja schwang sich, trotz seines festen Charakters nicht ohne leises
Zittern auf das Jagdpferd. Auf dem Tier aber machte er sich sehr gut,
wie ein Erwachsener. Besonders lagen seine Schenkel so gut auf dem
Sattel, daß ich ihn beneidete, weil ich, nach dem Schatten zu urteilen,
bei weitem keine so gute Figur abgab.
Jetzt ertönten Papas Schritte auf der Treppe. Der Hundewärter trieb die
Jagdhunde zurück, die sich losrissen; die Jäger riefen ihre Windhunde
und saßen auf. Der Reitknecht führte das Pferd an die Treppe; die Hunde
von Papas Meute, die bis dahin in malerischen Stellungen sein Pferd
umlagert und umstanden hatten, stürzten auf ihn zu. Er trat auf die
Treppe; hinter ihm kam lustig Milka mit dem Korallenhalsband voll
Eisenstacheln. Sie begrüßte stets die anderen Hunde; einige knurrten
sie an, mit anderen spielte sie, einigen wurden sogar die Flöhe
abgesucht!
Papa bestieg sein Pferd, und wir ritten los. Der Pikör mit Beinamen
»Türke« ritt vorauf, hinter ihm liefen in buntem Schwarm die
zusammengekoppelten Jagdhunde. Es war ein kläglicher Anblick, wenn
ein unglücklicher Hund sich einfallen ließ, stehenzubleiben, um
irgendeinen interessanten Gegenstand zu beschnüffeln. Zuerst mußte er
seine Gefährten zu sich herüberziehen, und dann ließ sich sicher einer
der Hundewärter die Gelegenheit nicht entgehen, mit der Hetzpeitsche
zuzuschlagen und zu schreien: »In die Koppel!«
Als wir auf das freie Feld kamen, verteilten sich die Jäger mit den
Windhunden auf beide Seiten. Hier und da sah man so eine aus Mensch und
Tieren bestehende Gruppe. Hübscher machten sich die Jäger zu Pferde,
hinter denen die Hunde liefen -- besonders wenn man ihnen Futter
hinwarf. Dabei das Stoppelfeld oder Waldesgrün an dem sonnigen Tage --
welch reizender Hintergrund für dieses Bild!
Die Ernte war in vollem Gange. Das unübersehbare glänzend gelbe Feld
wurde nur auf einer Seite von einem bläulich schimmernden Hochwald
begrenzt, der mir als die entfernteste geheimnisvollste Gegend vorkam,
hinter welcher entweder die Welt ein Ende hatte oder unbewohnte Länder
lagen. Das ganze Feld war mit Garben und Menschen bedeckt. In dem
hohen dichten Roggen sah man hier und da auf dem gemähten Streifen
den krummen Rücken einer Schnitterin; schwingende Ähren, wenn sie
dieselben herüberwarf; ein Weib, das sich im Schatten über eine
Wiege beugte, und zerstreute Garben auf dem mit Kornblumen besäten
Stoppelfeld. Auf der anderen Seite luden Männer, in Hemd und Hose auf
Wagen stehend, die Garben auf und wirbelten Staub über das trockene,
heiße Feld. Der Aufseher in hohen Stiefeln und übergehängtem Rock, den
Kerbstock in der Hand, hatte Papa schon von weitem bemerkt, nahm seinen
Filzhut ab, wischte seinen roten Kopf und Bart mit einem Tuch ab und
schrie die Weiber an. Der kleine Fuchs, den Papa ritt, ging spielend
leicht, bisweilen den Kopf gegen die Brust werfend und die Zügel
straff ziehend, oder mit dem dichten Schweif die Fliegen und Bremsen
verscheuchend, die sich gierig an ihm festsetzten. Zwei Windhunde
tänzelten mit sichelförmig nach oben gebogener Rute, die Beine hoch
aufhebend, graziös über die hohen Stoppeln, hinter dem Pferde. Milka
lief vorauf und erwartete mit erhobenem Kopf einen Leckerbissen. Die
Stimmen der Menschen, der Lärm der Pferde und Wagen, das lustige
Schlagen der Wachteln, das Gesumme der Insekten, die in unbeweglichen
Schwärmen die Luft erfüllten, der Geruch von Wermut, Stroh und
Pferdeschweiß, die tausend verschiedenen Farben und Schattierungen, die
die sengende Sonne über das hellgelbe Stoppelfeld, die blaue Waldferne
und die hellvioletten Wolken ergoß; die weißen Sommerfäden, die in der
Luft schwebten, oder sich auf die Stoppeln legten -- alles das sah,
hörte und fühlte ich.
Beim Kalinowoer Wald angelangt, fanden wir den Jagdwagen schon vor, und
wider Erwarten noch einen Einspänner, in dem der Küchenchef saß und
einen Gegenstand in einer Serviette zwischen den Beinen hielt; aus dem
Heu guckten ein Samowar und noch allerhand verlockende Dinge hervor.
Kein Zweifel: das gab einen Teeabend im Freien mit Gefrorenem und
Früchten. Bei diesem Anblick brachen wir in lauten Jubel aus, denn Tee
im Freien, an einer Stelle, wo noch niemand getrunken, hielten wir für
einen Hochgenuß.
Der Türke stieg vom Pferde und nahm Papas ausführliche Anordnungen
entgegen: wie man sich verteilen und wo man herauskommen sollte
(übrigens richtete er sich niemals nach diesen Befehlen, sondern
handelte nach seinem Gutdünken), koppelte die Hunde los, legte
gemächlich die Koppeln zusammen, bestieg sein Pferd und verschwand,
leise pfeifend, hinter den jungen Birken. Die befreiten Jagdhunde
bezeigten vor allen Dingen ihre Freude durch Schweifwedeln, schüttelten
sich und verrichteten an unbekannt aus welchem Grunde ausgewählten
Büschen das Werk und mehr als das, was Soldaten tun, wenn es heißt:
»Austreten!« Dann machten sie sich mit lustigem Schweifwedeln
schnüffelnd an die Arbeit.
»Hast du ein Taschentuch?« fragte Papa.
Ich zog es aus der Tasche und zeigte es ihm.
»Schön; bind den grauen Hund daran.«
»Giran?« fragte ich.
»Ja, und lauf den Weg entlang. Wenn du an die Lichtung kommst, bleib
stehen. Und sieh zu, daß du nicht ohne Hasen zurückkommst.«
Ich schlang das Tuch um Girans Hals und stürmte Hals über Kopf an die
bezeichnete Stelle. Papa lachte und rief mir nach: »Schnell schnell, du
kommst zu spät!«
Giran blieb fortwährend stehen, spitzte die Ohren und horchte. Da meine
Kräfte nicht reichten, ihn vorwärts zu ziehen, wählte ich eine List und
schrie: »Faß ihn, faß ihn!« Dann konnte ich ihn wieder kaum halten und
fiel mehrmals hin, bis ich meinen Platz erreichte.
Endlich ließ ich mich im Grase nieder, Giran neben mir, und wartete.
Meine Phantasie eilte der Wirklichkeit weit vorauf. Ich bildete mir
ein, schon zwei Hasen gehetzt zu haben und war jetzt mit einem Fuchs
beschäftigt -- da gab zuerst ein Jagdhund Laut. Bei diesem Geräusch
erstarrte ich auf der Stelle. Die Augen in die Weite gerichtet,
lächelte ich sinnlos. Mir war, als ob dieser Augenblick über mein
ganzes Leben entschiede. Der Schweiß floß in Strömen; die Tropfen
rannen das Kinn entlang und kitzelten -- ich wischte sie nicht ab.
Diese Spannung war so unnatürlich, daß sie nicht lange dauern konnte.
Die Hunde hetzten, kein Hase war zu sehen. Ich schaute nach rechts und
links.
Mit Giran war genau dasselbe der Fall. Anfangs wollte er sich losreißen
und winselte sogar; dann streckte er sich neben mir aus, legte die
Schnauze auf meine Knie und beruhigte sich.
Rechts neben mir war ein Ameisenhaufen; in seiner Nähe schleppte eine
Ameise einen riesigen Strohhalm, und obgleich dieser unaufhörlich an
den Unebenheiten des Weges hängenblieb, bewegte sie ihn doch, bald an
dieser, bald an jener Seite zerrend, zwar langsam aber beständig näher
an den Haufen heran. Ich legte den Kopf in die Hand und sah mit großer
Aufmerksamkeit zu.
Ein weißer Schmetterling mit gelben Flügelspitzen schwebte über einer
wilden Kleeblüte und ließ sich darauf nieder. Ich weiß nicht, ob er
den Saft aus der Blüte sog oder sich in der Sonne wärmte -- jedenfalls
mußte es ihm dort sehr gut gefallen. Er bewegte bisweilen die Flügel
und blieb dann unbeweglich sitzen.
Plötzlich heulte Giran auf und stürmte mit solcher Kraft vorwärts, daß
ich fast hingefallen wäre. Ich sah mich um und erblickte am Waldsaum
einen Hasen, der, den einen Löffel angedrückt und den anderen gespitzt,
leicht im hohen Grase dahinsprang. Im selben Moment vergaß ich alles,
sogar Papas Rat, an mich zu halten; ich ließ den Hund los und schrie
unnatürlich auf. Aber kaum war das geschehen, so überkam mich Reue: der
Hase duckte sich, machte einen Satz und ward nicht mehr gesehen.
Wie groß war aber meine Scham, als hinter den Jagdhunden, die laut
bellend am Waldrande hervorbrachen, der Türke erschien. Er sah sofort,
was ich angerichtet hatte und sagte nur: »Ach Herr!« Aber wie er das
sagte! Mir wäre leichter gewesen, wenn er mir wie einem Hasen die
Läufe abgeschnitten und mich an den Sattel gehängt hätte.
Lange stand ich verzweifelt auf demselben Fleck, rief nicht einmal die
Hunde, sondern schrie nur fortwährend mit ausdrucksvollen Gebärden:
»Mein Gott, was habe ich getan!«
Ich hörte, wie die Hunde weiterjagten, wie auf der anderen Seite der
Insel gehetzt wurde, wie man den Hasen zurückjagte und wie der Wärter
die Hunde abrief. Ich rührte mich nicht von der Stelle.
9. Spiele.
Die Jagd war zu Ende. Im Schatten war ein Teppich ausgebreitet, auf dem
die ganze Gesellschaft sich im Kreise lagerte. Der Küchenchef Gabriel
hockte vor einem Korbe nieder und nahm daraus Birnen und Pfirsiche,
die in Blätter eingewickelt waren. Um von diesen schönen Sachen etwas
abzubekommen, mußte man geduldig warten, bis Gabriel jedes Stück
ausgewickelt hatte, dann Teller holte, sie abwischte, alles darauf
legte, die Teller symmetrisch auf den Teppich setzte, jeden einzelnen
Teller noch einige Male zurechtrückte, als wenn das auf Wunsch und
Willen dieser schönen Sachen geschähe, die nicht in ganz gleichem
Abstand voneinander dalägen. Wenn ich diese Vorbereitungen sah, überkam
mich stets ein Gefühl der Unzufriedenheit. Ich war überzeugt, daß das
alles absichtlich und nur geschähe, um mich zu ärgern, besonders, weil
ich an den Korb herangelassen den ganzen Inhalt mitsamt den Blättern
verzehrt haben würde.
Als wir unsere Portion Gefrorenes und Früchte bekommen hatten, gab
es auf dem Teppich für uns nichts mehr zu tun. Trotz der schrägen,
sengenden Sonnenstrahlen standen wir auf, um zu spielen.
»Also was?« sagte Ljubotschka im Grase hüpfend und wegen der Sonne mit
den Augen blinzelnd. »Laßt uns ›Robinson‹ spielen.«
»Nein, das ist langweilig,« sagte Wolodja, der sich faul im Grase
wälzte und Blätter kaute. »Immer und ewig Robinson! Wenn ihr schon
spielen wollt, laßt uns eine Laube bauen.«
Wolodja wollte sich augenscheinlich wichtig machen. Wahrscheinlich war
er stolz auf sein Jagdpferd und stellte sich nun müde. Vielleicht besaß
er auch zu viel gesunde Vernunft und zu wenig Einbildungskraft, um an
dem Robinsonspiel Gefallen zu finden. Dieses bestand in der Darstellung
von Szenen aus dem Schweizer Robinson, den wir kurz zuvor gelesen
hatten.
»Nein bitte, warum willst du uns nicht den Gefallen tun!« drangen die
Mädchen in ihn. »Du bist Charles oder Ernest oder Vater -- was du
willst,« sagte Katja, die ihn am Ärmel vom Boden hochzuziehen suchte.
»Ich mag wirklich nicht; ist so langweilig!« erwiderte Wolodja, sich
dehnend, mit selbstgefälligem Lächeln.
»Dann kann man ja lieber zu Hause bleiben, wenn niemand spielen will,«
brachte Ljubotschka unter Tränen heraus. Sie war eine schreckliche
Heulliese.
»Also kommt; nur bitte, nicht weinen; das kann ich nicht ausstehen.«
Wolodjas gnädige Herablassung machte uns wenig Vergnügen. Sein faules
und langweiliges Benehmen nahm dem Spiel den Reiz. Als wir auf der
Erde saßen und auf den Fischfang fuhren, wobei wir aus Leibeskräften
ruderten, saß Wolodja mit gekreuzten Armen in einer Haltung da, die mit
der eines Fischers nicht die geringste Ähnlichkeit hat. Ich sagte ihm
das, aber er erwiderte, daß wir durch unser stärkeres oder schwächeres
Armschwenken nichts profitierten und nicht im geringsten vorwärts
kämen. Darin mußte ich ihm unwillkürlich recht geben. Als ich mit einem
Stock auf der Schulter dem Walde zuschritt und sagte, ich ginge jetzt
auf die Jagd, legte Wolodja sich auf den Rücken, schlang die Hände um
den Hinterkopf und sagte, er ginge jetzt auch auf die Jagd.
Dieses Benehmen und solche Worte kühlten unseren Spieleifer merklich
ab, besonders, da wir im Grunde unseres Herzens Wolodjas Worte für ganz
vernünftig erklären mußten.
Ich weiß selbst, daß man mit einem Stocke keinen Vogel töten und nicht
schießen kann. Es ist Spiel. Wenn man so denkt, kann man auch auf
Stühlen nicht fahren; ich denke aber, Wolodja weiß noch recht gut, wie
wir an langen Winterabenden einen Sessel mit Tüchern bedeckten und
einen Wagen daraus machten -- einer war Kutscher, der andere Lakai, die
Mädchen kamen in die Mitte; drei Stühle bildeten die Troika und dann
ging's los. Und was für mannigfache Zwischenfälle passierten auf dieser
Fahrt, und wie schnell und fröhlich vergingen die Winterabende! ...
Wenn man alles genau nimmt, gibt es gar kein Spiel. Wenn das aber
fehlt, was bleibt dann?!
10. Etwas wie eine erste Liebe.
Als Ljubotschka im Spiel von einem Baum amerikanische Früchte pflückte,
riß sie ein Blatt mit einer großen grünen Raupe ab. Erschreckt
schleuderte sie es auf den Boden und schnitt dabei eine komische
Grimasse; hob die Hände hoch und sprang beiseite, als fürchtete sie,
mit etwas bespritzt zu werden. Das Spiel hörte auf und wir bückten
uns alle und steckten die Köpfe zusammen, um dieses Wundertier zu
betrachten. Katja war so mutig, die Raupe aufzuheben, schob ihr einen
trockenen Grashalm in den Weg und machte, um das besser zu können, eine
Bewegung mit der Schulter, über die Mimi stets ärgerlich wurde und
sagte: »~C'est un mouvement de femme de chambre.~«
Das Kleid mit dem Halsausschnitt rutschte den Mädchen beim Bücken von
der Schulter. Sie brachten es dadurch wieder in die richtige Lage, daß
sie die Schulter senkten und schnell hoben. Über die Raupe gebeugt,
machte Katja eben diese Bewegung, als ich ihr über die Schulter
blickte. Der Wind hob das Busentuch von ihrem weißen Halse. Ich blickte
schon nicht mehr auf die Raupe, sondern auf die nur zwei Finger breit
von meinen Lippen entfernte nackte Schulter. Ich sah und sah, und
preßte dann meine Lippen so heftig darauf, daß Katja zurückwich, und
empfand dabei solchen Genuß, daß ich am liebsten nie aufgehört hätte.
Katja wandte sich nicht einmal um; aber ich bemerkte, daß nicht
nur die Stelle, die ich geküßt, sondern ihr ganzer Hals rot wurde.
Wolodja sagte verächtlich, ohne den Kopf zu heben: »Was sind das für
Zärtlichkeiten!« und beschäftigte sich weiter mit der Raupe. Mir aber
traten vor Lust und Scham Tränen in die Augen.
Dieses Lustgefühl war für mich ganz neu; nur einmal, als ich meinen
bloßen Arm betrachtete, hatte ich etwas Ähnliches empfunden.
Obgleich ich mich sehr schämte, verwandte ich von jetzt ab kein Auge
von Katja.
Während wir spielten, überredete Mama den Vater, die Trennung bis auf
morgen nach dem ersten Frühstück zu verschieben, und davon wurde uns
sofort Mitteilung gemacht.
Auf dem Heimweg ritten wir neben dem Jagdwagen. Wolodja und ich suchten
uns gegenseitig an Schneidigkeit und Reitkunst zu überbieten und
galoppierten um den Wagen herum. Mein Schatten war jetzt länger als
vorhin; daraus schloß ich, daß ich einen stattlichen Reiteranblick
böte. Das Gefühl der Zufriedenheit, das ich darüber empfand, wurde aber
bald durch folgenden Vorfall beeinträchtigt.
In dem Wunsche, alle Insassen des Wagens endgültig für mich
einzunehmen, besonders Katja, die zwar selten, aber doch nach mir
ausschaute, blieb ich etwas zurück, trieb dann mein Pferdchen mit Gerte
und Füßen vorwärts, nahm eine ungezwungen graziöse Haltung an und
wollte im Galopp auf der Seite, wo Katja saß, am Wagen vorübersprengen.
Ich war nur bezüglich eines Punktes unschlüssig, ob ich nämlich
schweigend oder mit Hurrageschrei vorübersprengen sollte.
Als der unausstehliche Gaul aber neben den Wagenpferden war, blieb er
trotz all meiner Bemühungen so unerwartet stehen, daß ich vom Sattel
auf den Hals flog und fast gefallen wäre. Krebsrot vor Scham suchte ich
wieder Haltung anzunehmen und ritt dann, ohne mich weiter umzusehen,
hinter den anderen her. Im Augenblick meines Mißgeschicks hatte ich
Geschrei, Kreischen und Gelächter aus dem Wagen gehört; und unter den
Lachenden war Katja. Deswegen war ich ihr schrecklich böse.
Zu Hause angelangt, ließ Mama Lichter bringen, nahm ein Notenheft und
setzte sich ans Klavier. Wolodja, Ljuboschka und Katja liefen in den
Saal, um zu spielen; ich kletterte mit den Füßen auf den Großvaterstuhl
im Gastzimmer und legte mich hin, um zuzuhören. Katja kam, um mich auch
in den Saal zu holen; aber ich war ihr böse und bat sie, mich in Ruhe
zu lassen.
11. Die Musik.
Mama spielte leicht und flüchtig mit beiden Händen eine Tonleiter,
rückte dann den Klavierbock näher und spielte das graziöse scherzhafte
zweite Konzert von Field -- ihrem Lehrer.
Sie spielte herrlich, hämmerte nicht auf den Tasten herum, wie die
Schüler und Schülerinnen der neuen Schule, trat nicht Pedal bei
Harmoniewechsel, griff nicht Arpeggio und verlangsamte nicht unnötig
das Tempo, um, wie viele tun, ihrem Spiel mehr Ausdruck zu geben;
fügte auch nicht eigene Modulationen hinzu.
Mir gegenüber führte die Tür ins Arbeitszimmer von Papa. Ich sah, wie
Jakob und einige bärtige Leute mit langen Röcken dort eintraten; hinter
ihnen wurde die Tür sofort wieder geschlossen.
Jetzt beginnt da die Arbeit -- dachte ich. Es kam mir vor, als wenn
es etwas Wichtigeres, als im Arbeitszimmer geschah, in der ganzen
Welt nicht geben könnte. Hierin bestärkte mich noch der Umstand, daß
alle Leute ins Arbeitszimmer stets auf den Zehenspitzen und flüsternd
eintraten, während von drinnen her laute Stimmen und Zigarrengeruch
kamen, welcher Duft mir stets, ich weiß nicht warum, Ehrfurcht
einflößte. Ich wollte bei den einfach herzlichen Klängen des Fieldschen
Konzerts gerade in süße Träumerei versinken, als ich im Dienerzimmer
plötzlich sehr bekanntes Stiefelknarren hörte und die Augen öffnete.
Karl Iwanowitsch schritt, zwar mit einer Miene, die Entschlossenheit
ausdrückte, aber ebenfalls auf Zehenspitzen, mit Papieren in der Hand
zur Tür und klopfte leise an. Er wurde eingelassen, dann schlug die Tür
wieder zu.
Wenn da nur nicht ein Unglück passiert, dachte ich. Karl Iwanowitsch
ist böse und in solchen Augenblicken zu allem fähig.
In diesem Augenblick spielte Mama das Konzert von Field zu Ende, erhob
sich von dem runden Klavierbock, nahm ein anderes Notenheft, stellte es
auf das Pult, schob die Lichter näher und setzte sich, nachdem sie ihr
Kleid geordnet, wieder an den Flügel. Die Aufmerksamkeit, mit der sie
das alles tat, und der nachdenklich strenge Gesichtsausdruck deuteten
an, daß sie ein sehr ernstes Stück spielen wollte. Was mochte das sein?
dachte ich, schloß wieder die Augen und lehnte den Kopf gegen die
Sesselecke. Der Geruch des Staubes, den ich beim Umdrehen aufwirbelte,
kitzelte mir die Nase; die längst bekannten Klänge des Stückes, das
Mama spielte, übten einen süßen und gleichzeitig beunruhigenden
Eindruck auf mich aus ... Sie spielte die Sonate ~pathétique~ von
Beethoven. Obgleich ich diese ganze Sonate so gut kannte, daß mir
nichts in ihr neu war, konnte ich vor Unruhe nicht einschlafen. Wenn
nun plötzlich nicht das käme, was ich erwartete? Das verhaltene,
majestätisch erhabene, aber unruhige Einleitungsmotiv, das gleichsam
Scheu trägt, sich zu äußern, ließ mich den Atem anhalten. Je schöner
und komplizierter die Phrasierung, um so stärker wurde das Angstgefühl,
es könnte etwas diese Schönheit stören, und um so stärker das Gefühl
der Freude, wenn die Phrase harmonisch endete.
Ich beruhigte mich erst, als das Einleitungsmotiv alles aussprach
und geräuschvoll in das Allegro überging. Der Anfang des Allegro
ist zu gewöhnlich; deswegen liebe ich es nicht. Man hat unterdessen
Gelegenheit, von den starken Empfindungen des ersten Teiles auszuruhen.
Was kann es aber Schöneres geben, als die Stelle, wo das Fragen und
Antworten beginnt! Zunächst ist die Unterhaltung leise und zärtlich;
dann spricht plötzlich jemand im Baß zwei so strenge, dabei von
Leidenschaft erfüllte Phrasen, auf die man, scheint's, nichts
antworten kann ... Doch nein -- es gibt eine Antwort, und noch eine
und wieder eine, immer schöner, immer stärker, bis endlich alles in
ein undeutliches Murren zusammenfließt. Diese Stelle hat mich stets
in Erstaunen versetzt, und das Erstaunen war stets so stark, als wenn
ich sie zum erstenmal hörte. Dann ertönt im Lärm des Allegro plötzlich
ein Nachklang des Einleitungsmotivs; dann nochmals das Zwiegespräch,
abermals der Widerhall, und plötzlich, im Moment, wo die Seele durch
diese unaufhörliche Unruhe so erregt ist, daß sie um Schonung bittet,
hört alles auf, unerwartet und schön ...
Während des Andante träumte ich; im Herzen war mir ruhig und freudig;
ich wollte lächeln und träumte etwas Leichtes, Vergangenes, Helles.
Aber das Rondo in D-Moll weckte mich auf. Wovon handelte es? Wohin
strebte, was wollte es? Man wünschte, daß alles schnell, schnell zu
Ende ging. Als das Weinen und Bitten aber aufhörte, hätte ich gar zu
gern den leidenschaftlichen Ausdruck des Wehs noch einmal gehört.
Die Musik wirkt weder auf den Verstand noch auf die Einbildungskraft.
Wenn ich Musik höre, denke ich an nichts und stelle mir nichts vor,
aber ein sonderbar wonniges Gefühl erfüllt in dem Maße meine Seele, daß
ich das Bewußtsein meiner Existenz verliere; und dieses Gefühl ist --
Erinnerung. Es scheint, als erinnert man sich an das, was nie da war.
Ist nicht die Grundlage des Gefühls, das jede Kunst in uns erweckt,
Erinnerung? Rührt nicht der Genuß, den Malerei und Skulptur
uns verschaffen, von der Erinnerung an bestimmte Gefühle und
Gefühlsübergänge her? Ist das Gefühl der Poesie nicht die Erinnerung an
Bilder, Gefühle und Gedanken?
Die Musik war schon bei den alten Griechen imitativ; Plato erklärte
in seiner »Republik« als unbedingte Voraussetzung der Musik, daß sie
edle Gefühle ausdrückte. Jede musikalische Phrase drückt ein Gefühl
aus: Stolz, Freude, Kummer, Verzweiflung usw. oder eine der unendlichen
Kombinationen dieser Gefühle. Musikwerke, die kein Gefühl ausdrücken,
sind in der Absicht komponiert, entweder etwas zur Schau zu stellen, zu
erklären, oder Geld zu verdienen -- mit einem Wort, in der Musik gibt
es, wie überall, Mißgeburten, nach denen man nicht urteilen kann. (Zu
diesen Mißgeburten gehören Versuche in der Musik, Bilder zum Ausdruck
zu bringen.) Gibt man zu, daß Musik die Erinnerung an Gefühle ist, so
wird verständlich, warum sie so verschieden auf die Menschen wirkt.
Je reiner und glücklicher die Vergangenheit eines Menschen war, um
so mehr liebt er seine Erinnerungen und um so stärker fühlt er die
Musik; umgekehrt, je schwerer die Erinnerungen für jemanden sind, um so
weniger Sympathie hat er für sie. Daher kommt es, daß einige Menschen
Musik nicht ertragen können. Es wird auch verständlich, warum das eine
Musikstück diesem, das andere jenem gefällt. Für den, der dasjenige
Gefühl erlebt hat, das die Musik ausdrückt, ist es eine Erinnerung, und
er findet Genuß darin; für einen anderen aber hat es keine Bedeutung.
12. Ljubotschka.
Mama hörte auf zu spielen. Ich erwachte, schob den Kopf hinter der
Sessellehne hervor und sah, daß Mama auf derselben Stelle saß, aber
nicht mehr spielte, sondern horchte. Aus dem Saal drang lautes Weinen.
»Ach Gott!« rief Mama, »sicher ist eins von den Kindern zu Schaden
gekommen!« Damit stand sie vom Klavierbock auf und lief fast in den
Saal.
Ljubotschka saß zwischen zwei Stühlen auf dem Fußboden; über ihr
Gesicht flossen Blut und Tränen. Wolodja und Katja standen mit
erschreckten Gesichtern neben ihr.
»Was ist? Wo tut es dir weh? Sag, was ist mit dir! Liebling,
Ljubotschka, Herzblatt, mein Engel!« rief Mama besorgt und selbst dicht
vor dem Weinen. Als sie die Hand fortnahm, mit der Ljubotschka ihre
Nase hielt, sah man, wie Mama sich freute, als sie wahrnahm, daß das
Blut aus der Nase kam und daß nichts Ernstliches passiert war. Sofort
änderte sich ihre Miene und sie fragte Wolodja strenge: »Wie ist das
gekommen?«
Wolodja erklärte, Ljubotschka hätte einen Hasen gemacht und sei schon
ganz weit fort gewesen, da wäre sie plötzlich gestolpert und mit der
Nase gegen einen Stuhl gefallen.
»So, so,« sagte Mama und hob Ljubotschka auf. »Das wird dir eine
Lehre sein, daß du nicht mehr so läufst wie eine Wahnsinnige. Geh ins
Gastzimmer, Liebling, hast genug getollt.«
Ljubotschka ging vorauf; hinter ihr Mama; dann folgten wir drei.
Ljubotschka schluchzte noch immer, und dieses Schluchzen glich sehr
einem Rülpsen. Aus den Augen flossen Tränen, aus der Nase Blut, aus
dem Munde Speichel; beim Abwischen mit dem Taschentuch schmierte sie
das alles über das ganze Gesicht. Die Füße setzte sie stets wie eine
Gans; jetzt war ihr breitbeiniger Gang noch komischer -- ich habe eine
so klägliche und gleichzeitig lächerliche Gestalt nie wieder gesehen.
Sogar Mama deutete beim Umblicken nach uns lächelnd auf Ljubotschka.
»Ihr könnt weiter spielen,« sagte sie zu uns.
Wolodja aber erwiderte, ohne Ljubotschka könnten wir unmöglich Hasen
spielen, und so gingen wir alle ins Gastzimmer.
»Setz dich und ruh dich aus,« sagte Mama zu Ljubotschka und wischte ihr
die Nase mit Essig und Wasser ab. »Weil du Dummheiten gemacht hast,
stehst du nicht eher wieder auf, bis du die Lektion kannst, die Mimi
dir aufgeben wird.«
Mimi gab der immer noch weinenden Ljubotschka eine Häkelnadel und eine
fünf Ellen lange Aufgabe.
Gewöhnlich, wenn jemand von uns etwas ausgefressen hatte, wurden wir
alle bestraft, indem man uns anempfahl, uns hinzusetzen und auszuruhen.
Heute dagegen erlaubte Mama uns zu spielen, woraus ich schloß, daß
heute der letzte Abend sei, wo wir zusammen wären, und Mama uns keinen
Kummer machen wollte -- als wenn sie uns Kummer machen könnte.
Jetzt kam Papa mit Karl Iwanowitsch aus dem Arbeitszimmer.
Karl Iwanowitsch ging nach oben, Papa aber kam mit heiterer Miene ins
Gastzimmer, ging auf Mama zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und
sagte: »Weißt du, was ich soeben beschlossen habe?«
»Nun?«
»Ich behalte Karl Iwanowitsch bei den Kindern. Im Wagen ist noch Platz;
sie haben sich an ihn und er an sie gewöhnt; siebenhundert Rubel
jährlich spielen schließlich keine Rolle. ~Est puis, au fond, c'est un
bon diable~,« fügte er hinzu.
»Das freut mich sehr, der Kinder wie seinetwegen. Er ist ein prächtiger
Alter,« sagte Mama.
»Wenn du gesehen hättest, wie gerührt er war, als ich ihm sagte, er
möchte die fünfhundert Rubel als Geschenk betrachten. Das Komischste
ist aber die Rechnung, die er mir brachte; die mußt du sehen!« Damit
gab Papa ihr ein Schriftstück von Karl Iwanowitschs Hand. Reizend!
Dieses der Inhalt des Schriftstückes:
Zwei Ampeln für die Kinder --.70 Rubel
Buntes Papier, Goldrand, Kleister und
die Holzform für die Schachtel 6.55"
Ein Buch und ein Flitzebogen als Geschenk
für die Kinder8.16"
Leinkleid für Nikolas 4.--"
Die vom gnädigen Herrn in Moskau 18
versprochene goldene Uhr140.--"
-------------
Also bleiben für Karl Mauer außer dem
Gehalt Sa. 159.41 Rubel
Wer diese Rechnung liest, in der Karl Iwanowitsch alles für Geschenke
verausgabte Geld und sogar Zahlung für ein ihm versprochenes Geschenk
verlangt, wird sicher glauben, Karl Iwanowitsch sei ein gefühlloser
eingefleischter Egoist. Und doch würde man irren.
Als er mit dem Schriftstück in der Hand und der vorbereiteten Rede
im Kopf in das Arbeitszimmer trat, war seine Absicht, Papa in
schöngesetzten Worten alle Ungerechtigkeiten vorzuhalten, die er in
unserem Hause erlitten hatte. Als er dann aber mit der rührenden Stimme
und ausdrucksvollen Betonung, mit der er uns diktierte, zu sprechen
begann, wirkte seine Beredsamkeit am stärksten auf ihn selbst, und als
er an die Stelle kam, wo es hieß: »So schwer es mir auch wird, mich von
den Kindern zu trennen,« kam er ganz aus dem Text, seine Stimme schlug
über, und er mußte sein gewürfeltes Taschentuch herausnehmen.
»Ja, gnädiger Herr Peter Alexandrowitsch,« sagte er unter Tränen (diese
Stelle kam in der vorbereiteten Rede gar nicht vor), »ich habe mich so
an die Kinder gewöhnt, daß ich nicht weiß, was ich ohne sie anfangen
soll. Lieber werde ich ohne Gehalt bei ihnen bleiben,« schloß er, mit
der einen Hand die Tränen abtrocknend und mit der anderen die Rechnung
überreichend.
Daß Karl Iwanowitsch in diesem Augenblick aufrichtig sprach, kann ich
bestätigen, da ich sein gutes Herz kenne; wie aber die Rechnung zu
seinen Worten stimmte, bleibt für mich ein Rätsel.
»Wenn es Ihnen schwer wird, so wird mir die Trennung von Ihnen noch
schwerer,« sagte Papa, ihn auf die Schulter klopfend, »ich habe es mir
jetzt anders überlegt.«
»Was ist denn das?« meinte Papa, Ljubotschkas blaue Nase und verweinte
Augen bemerkend. »Wir haben wohl einen Streich begangen?«
Ljubotschka hatte sich schon fast ganz beruhigt; sobald sie aber
bemerkte, daß die allgemeine Aufmerksamkeit sich ihr zuwandte, brach
sie wieder in Tränen aus.
»Laß sie, Liebster,« sagte Mama, »sie muß ihre Arbeit fertigmachen.«
Papa nahm die Häkelnadel aus Ljubotschkas Händen und begann selbst zu
häkeln.
»Zu zweien werden wir eher fertig; noch besser: wir bitten um
Verzeihung,« er faßte sie an der Hand. »Komm!«
Ljubotschka hörte auf zu weinen, ging zu Mama und wiederholte die
Worte, die Papa ihr ins Ohr flüsterte.
»Heute ist der letzte Abend, Mama, daß wir ... ich und Papa ... will
... also ... verzeih ... uns ... sonst ... will er ... mich nicht mehr
... liebhaben ... wenn ich ... weine.«
»Verzeih uns,« sagte auch Papa und natürlich geschah das.
Kurz vor dem Abendessen kam Grischa ins Zimmer. Seitdem er unser Haus
betreten, hatte er unaufhörlich geseufzt und geweint, so daß nach
Ansicht derer, die an seine Prophetengabe glaubten, unserem Hause
sicher ein Unglück bevorstand.
Jetzt nahm er Abschied und sagte, er würde morgen früh weiterwandern.
Ich blinzelte Wolodja zu und ging zur Tür.
»Was denn?«
»Wenn ihr Grischas Ketten sehen wollt, so kommt schnell ins Leutezimmer
nach oben; Grischa schläft im zweiten Zimmer; wir können nebenan im
Verschlag sitzen, da sehen wir alles.«
»Famos! Wart hier, ich will die Mädchen rufen.«
Die Mädchen kamen herausgelaufen und wir begaben uns nach oben. Da
wurde zunächst gestritten, wer zuerst in das dunkle Loch gehen sollte;
dann setzten wir uns und warteten.
13. Grischa.
Wenn es auch niemand zugab, so gruselte uns allen doch in der
Dunkelheit, und wir rückten dicht nebeneinander. Nicht lange hatten
wir gewartet, da trat Grischa mit seinem Stab in der einen und einem
Talglicht im Messingleuchter in der anderen Hand leise ins Zimmer. Wir
wagten kaum zu atmen.
Unaufhörlich betete Grischa: »Erbarme dich unser, Herr Jesus Christ,
heil'ge Mutter Gottes« mit verschiedenen Betonungen und Abkürzungen,
wie sie nur diejenigen gebrauchen, die die Worte häufig aussprechen.
Unter Beten stellte er seinen Stab in die Ecke, besah das Bett und
begann sich auszukleiden. Zunächst wickelte er seinen alten schwarzen
Gürtel los und zog dann den zerrissenen langen Nangkingrock aus,
faltete ihn zusammen und legte ihn über die Stuhllehne -- alles das
geschah mit Sorgfalt, langsam. Sein Gesicht sah jetzt nicht wie
gewöhnlich zerfahren, unruhig und stumpfsinnig aus, sondern war im
Gegenteil ruhig, achtunggebietend und nachdenklich.
Nur noch mit dem Hemd bekleidet, ließ er sich langsam auf das Bett
nieder und zog, wie man sehen konnte, mit Anstrengung -- denn er verzog
das Gesicht dabei -- die Ketten unter dem Hemde hoch. Nachdem er einen
Augenblick gesessen hatte, stand er auf, hob unter Gebet das Licht
bis zur Höhe des Heiligenschreins, in dem ein paar Bilder standen,
bekreuzigte sich und kehrte das Licht mit der Flamme nach unten. Es
verlosch knisternd.
In die nach dem Walde zu gelegenen Fenster schien der Vollmond. Auf
der einen Seite sah man die vom Mondlicht beschienene Gestalt des
Pilgers, auf der anderen Seite einen langen Schatten, der mit dem des
Heiligenschreins auf den Fußboden und die Wand fiel und bis zur Decke
reichte. Draußen klopfte der Wächter gegen die Eisenplatte.
Grischa kreuzte die Arme über der Brust, senkte den Kopf und seufzte
unaufhörlich; endlich sank er mühsam auf die Knie und begann zu
beten; anfangs leise, nur einige Worte hervorhebend, dann mit stets
zunehmender Erregung. Er sprach keine bekannten Gebete mehr, -- die
hatte er bereits hergesagt -- sondern gebrauchte seine eigenen,
einfachen, kunstlosen Worte mit slawischen Endungen. Er betete für
sich, bat, Gott möge ihm verzeihen, betete für Mama, für uns und
schloß: »Gott, vergib meinen Feinden.« Dann erhob er sich ächzend,
wiederholte immer dieselben Worte, fiel auf den Fußboden nieder, schlug
mit der Stirn auf die Dielen und richtete sich mit den schweren
Ketten, die beim Berühren des Bodens laut klirrten, wieder auf.
Wolodja kniff mich ins Bein und zwar sehr heftig; ich sah mich aber
nicht um, sondern rieb mir mit der Hand das Bein und verfolgte mit
einem Gefühl kindlichen Erstaunens, Mitleids und frommer Rührung alles,
was da nebenan geschah.
Statt der lustigen Scherze und des Lachens, auf die ich in dem Versteck
gerechnet hatte, fühlte ich Zittern und Herzklopfen.
Lange, lange blieb Grischa in diesem Zustand religiöser Verzückung und
sprach seine selbsterfundenen Gebete. Die Worte waren einfach, aber
rührend. Bald wiederholte er mehrmals hintereinander: »Herr, erbarme
dich unser! Herr, erbarme dich unser!« aber jedesmal mit neuer Inbrunst
und anderem Ausdruck -- bald betete er: »Verzeih mir, Gott! Zeig mir,
was ich tun soll; zeig mir, was ich tun soll! mein Gott!« mit einem
Ausdruck, als wenn er mit jemandem spräche und sofort eine Antwort
erwartete. Dann wieder ertönte klägliches Schluchzen. Endlich erhob er
sich auf die Knie, kreuzte die Arme auf der Brust, richtete die Augen
gen Himmel und verstummte.
Ich schob langsam den Kopf durch die Tür und blickte mit verhaltenem
Atem auf Grischa. Er rührte sich nicht; aus seiner Brust drang schweres
Stöhnen; sein blindes Auge wurde vom Mond beschienen, der trübe,
weißfarbene Augapfel war feucht und an den Wimpern hing eine Träne.
»Dein Wille geschehe!« rief er plötzlich mit nicht wiederzugebendem
Ausdruck, fiel mit der Stirn auf den Boden und schluchzte wie ein Kind.
Viel Wasser ist seitdem zu Tal geflossen; viele Erinnerungen haben ihre
Bedeutung verloren und sind leere Träume geworden; sogar der Pilger
Grischa hat längst seine letzte Pilgerfahrt beendet -- der Eindruck
aber, den er auf mich machte, und das Gefühl, das er in mir hervorrief,
werden niemals aus meinem Gedächtnis schwinden.
O, du großer Christ Grischa! Wie stark war dein Glaube! Du wußtest, daß
Gott dich hört; deine Liebe war so groß, daß die Worte von selbst über
deine Lippen strömten -- du hast sie nicht mit dem Verstand abgewogen.
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