Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche
er mit sich selbst.
»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn
mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen
Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ...
Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über
alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...«
»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte
Emma ein.
»So, finden Sie?«
»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!«
»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er.
Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß.
Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es
war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da.
Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der
feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten?
Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche
auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im
Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb.
Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
»An die Gewehre!«
Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu.
Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der
Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen.
Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum
Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe
gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich
Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag
davor aufgestellt hatten.
»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet.
»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der
andern Seite.
Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein
Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war
offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den
Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der
Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei
Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten.
Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat
erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht
gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß,
der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das
Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen
Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte.
Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser
zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf
beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die
ihnen widerfahrene große Ehre.
Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde
der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem
Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten
stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte.
Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem
Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung
gestellt worden waren.
Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose
blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas
gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen
Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die
Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale
Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die
Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam
zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte
mehr als das Leder ihrer derben Stiefel.
Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge
dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der
Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle
rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der
Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der
Estrade dringen konnte.
»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte
zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem
schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté.
Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!«
»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister
macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel
Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich
gar nicht!«
Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war,
erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel
bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der
unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der
Fenster.
Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und
tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man
hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein
Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel
geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er:
»Meine Herren!
Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt,
Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet,
sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem,
meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und
allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und
privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger
Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines
stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem
Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der
Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...«
»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf.
»Warum?« fragte Emma.
In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates
besonderen Schwung. Er deklamierte:
»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der
Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der
Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das
Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo
Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...«
»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur
Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
Und bei meinem schlechten Rufe ...«
»Sie verleumden sich«, warf Emma ein.
»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.«
»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von
diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was
sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in
Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam
wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue
Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von
neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt
wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist
fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...«
»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat
man vielleicht recht.«
»Wie meinen Sie das?« fragte sie.
»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische
Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie
den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist
ihnen zu toll, zu phantastisch ...«
Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
sie:
»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste
verboten!«
»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz
anders!«
»Ach, so findet mans nirgends?«
»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er.
»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat
fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche
Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der
Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit
furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...«
»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz
unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann
öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme:
'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben,
dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm
alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles
ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland
gesehen ...«
Er blickte Emma an.
»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für
ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...«
Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte
auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie
auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
Der Rat sprach immer weiter:
»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute,
die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses
Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner
Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen.
Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo
mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte:
wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene
oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten,
nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich
nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile
des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine
Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den
Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...«
»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die
Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen
und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die
Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht
ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten
und sich nicht immer gleich unter alle möglichen
gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven
herabwürdigen zu lassen ...«
»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein.
»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind
sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der
Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik,
aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?«
»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten
und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma.
»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine:
die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein
andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt
und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten
Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und
über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue
Himmel, der über uns leuchtet ...«
Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
er weiter:
»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer
schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er
und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner
schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät,
verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu
Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus
backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den
Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten
wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber,
meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht
jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen
Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und
uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für
unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn
ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen
müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter
ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum,
der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den
Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht!
Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden
Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz
besonders hinlenken möchte ...«
Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte
offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der
Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit
aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder
voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter
weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe
ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten
bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu
erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre,
und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit
vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber
sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase
reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte
einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend
auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen
Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein
artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses
Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle
Freude und müde Abspannung.
Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In
allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen.
Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in
das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum
Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger
Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen
weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch
noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht
hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der
Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten
hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben,
wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu:
»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen
machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die
edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt
und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem
finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören
können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre
Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten
oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil
es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind
...«
Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und
so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie
konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um
die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm
in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte,
mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den
Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach
Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um
den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl
zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern
am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine
lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war
Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er
von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu
sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im
Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und
Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie
in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung
seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie
Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle
zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein
paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den
frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen
geschlungen waren.
Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem
Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des
Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch
Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm.
Er predigte:
»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten
Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen
Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die
Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung
der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese
Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt
wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft
wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes
Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine
Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure
stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des
Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und
beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben
wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer
opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!«
Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das
heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt;
die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der
Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation
gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume,
Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der
menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen
Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte.
Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun
ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich
mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays
allerhand Betrachtungen an.
Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die
Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom
Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau
auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei.
»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir
uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es
nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig
einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von
weiter Ferne her?«
Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner.
»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
kam ...«
»Herrn Bizet aus Quincampoix!«
»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?«
»Siebzig Franken ...«
»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
Ihnen gekommen und hier geblieben ...«
»Für Erfolge im Düngen.«
»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...«
»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!«
»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig
bezaubert ...«
»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...«
»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...«
»... für einen Merino-Schafbock ...«
»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt
wie ein Schatten!«
»Herrn Belot aus Notre-Dame ...«
»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
erinnern?«
»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
Herren Lehérissé und Cüllembourg!«
Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und
zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es
nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie
Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren
Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so
gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen,
nur anschauen!«
Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße
Schmetterlingsflügel auf.
»Für die Herstellung von Ölkuchen ...«
Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...«
Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne
Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst
verschlangen sich ihre Hände.
»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für
vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine
silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!«
Nach einer Weile hört man: »Wo ist Katharine Leroux?«
Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen.
»Geh doch!«
»Ach nein!«
»Brauchst keine Angst zu haben!«
»Nee, ist die dumm!«
»Hier! Hier steckt sie!«
»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen.
Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur
Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften
eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer
schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre
Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige
Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus
den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das
Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte
nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die
Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen
behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der
Knechtschaft.
»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth
Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten
aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
er in väterlichem Tone:
»Näher, immer näher!«
»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem
Sitze auf.
»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im
Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut
gesagt.
Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln
des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor
sich hinmurmeln:
»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
mir dermaleinst eine Messe liest.«
»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.
Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder
seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh,
das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe
zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die
spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie
Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
durch die Wiesen spazieren.
Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht.
Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine
Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten,
drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß
unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem
Flusse an einem Herbstmorgen.
Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig
in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter
ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es
wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war
es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt
hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar
aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
Tage.
Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal
eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller
Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten
Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus
übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt
worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete
sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in
den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein
dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen
laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden.
Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das
unbedeckte Haar.
In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.
»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«,
bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich
am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche
vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine
Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!«
Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
seiner Drehbank.
»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von
Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
...«
»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das
hätte ja gar keinen Sinn!«
Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet
hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen
sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!«
»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon
immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!«
Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke:
»Wunderschön!«
Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer
Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt.
»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt
sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres
unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
sengt?«
Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die
Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der
Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das
martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,«
die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den
Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung
sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine
Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische
Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren
Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand
gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen
Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden
ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät,
Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk
plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß
auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört
hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!«
Neuntes Kapitel
Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
Spätnachmittags, erschien er.
»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein
Fehler!«
Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein
Gedankengang war folgender:
»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten
wir also noch eine Weile!«
Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß
wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.
Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall
des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der
Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.
Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine
ersten Höflichkeitsworte.
»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«
»Ernstlich?« fragte sie erregt.
»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht
wiederkommen.«
»Warum?«
»Erraten Sie es nicht?«
Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot
wurde und die Augen senkte.
Er begann von neuem:
»Emma!«
»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.
»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich
hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser
Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft,
und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt
nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines
andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt
sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an
Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen
Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg
... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber
heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt
hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner
kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt
sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert
ist!«
Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie
sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem
Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.
»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort,
»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für
Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu
schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem
Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das
Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben
hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß
da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein
Unglücklicher stand ...«
Sie schluchzte auf und sah ihn an.
»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.
»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen
Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«
Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche
her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht
geschlossen. Er erinnerte sich daran.
»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend,
»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«
Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.
Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da
trat Karl ein.
»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.
Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen
wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.
»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«,
begann er.
Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau
habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.
Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.
»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein
guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«
Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins
an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in
sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein
Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide
immer noch an Schwindelanfällen.
»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.
»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
zusammen. Das ist bequemer für Sie!«
»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«
Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«
Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie
sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es
»komisch« finden.
»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche
Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht
richtig von dir!«
»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«
»Dann mußt du dir eins bestellen!«
Das Reitkleid gab den Ausschlag.
Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe
ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.
Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem
Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder
und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus
feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch
nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen
entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und
den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn
gewartet und war bereit.
Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den
Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei
gute Ratschläge.
»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie
vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«
Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der
Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen
zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht
vorsichtig!«
Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit
seiner Zeitung.
Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von
selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.
Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem
Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden
Galoppade.
Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.
Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In
langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die
Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel
auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann
erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von
Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und
Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus
herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie
da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten,
glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen,
verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm
herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der
hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.
Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die
laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die
Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den
Hufen berührt.
Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der
Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die
unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
keuchten.
Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.
»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.
»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
Beide Tiere gehorchten.
Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen
sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,
bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein
paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende
Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie
ihr linkes Bein berührte.
Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte
sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden
Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben
und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen
auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise
krächzend flogen Raben um die Eichen.
Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,
den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes
Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen
Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem
schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres
Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.
Emma blieb stehen.
»Ich bin müde!« sagte sie.
»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«
Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften
herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus,
wie in das Blau des Himmels getaucht.
»Wohin gehen wir denn?«
Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der
gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.
Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit
der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem
Satze:
»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:
»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«
Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so
blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern
Pferden!«
Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:
»Gehen wir zu unsern Pferden!«
Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten
Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich
zitternd zurück und stammelte:
»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«
»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck
wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern
aus.
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