Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma
eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt
zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen
hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und
Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch.
Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte
auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in
einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich
ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von
Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande.
Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
Himmelsblau, die Hände locker über den Augen.
»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er.
Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als
Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen
Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten
Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der
geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit
gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen
Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?
Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,
sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,
Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in
der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war
eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in
ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine
ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre
alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und
obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in
den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit
ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke.
Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar
Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige,
mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten,
unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit
denen zu verkehren glatt unmöglich war.
Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen
tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er
Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte
die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn
bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,
für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem
vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien.
Viertes Kapitel
Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume
im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen.
Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den
Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem
Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein
Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann
fuhr sie auf und befahl das Essen.
Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in
der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören,
jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!«
Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten
sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn
auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar
Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken.
Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte
sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die
Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der
Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über
aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu
sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig
und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder
das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine
wieder verwendbar zu machen.
Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er
kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des
Arztes.
»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der
Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel
verguckt!«
Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise
sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
schaffen.
An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste.
Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte
sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er
Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
Überschuhe, die sie bei Schnee trug.
Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr.
Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete
er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr
Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu
aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und
wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten.
Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an.
Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr
Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn.
Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm
zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm
herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als
niemand ihrer lauschte.
So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der
keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu
seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der
über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge
eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den
Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.
Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre
Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem
Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.«
Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit
schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob:
»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!«
Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma
erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich
ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er
vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu
und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr?
Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter
Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt,
wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern
der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten.
Fünftes Kapitel
Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und
Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten;
und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der
Schulter.
Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als
sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und
Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog
sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin.
Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl
erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein
Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden
weiß-rot-blauen Wimpel.
Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die
künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der
Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein
Metermaß bei sich zu haben.
Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf
seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der
Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte.
Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine
Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine
dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug
verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte
sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die
ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit.
Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse
perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn
bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte.
Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück
Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den
Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die
zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor
als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel
spiegelt.
»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen
Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne
weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde,
begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen
mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht.
Karl bot ihm seins an.
»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der
Tasche wie ein Bauer!«
Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
Heimweg nach Yonville.
An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber.
Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die
beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in
geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen
Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von
ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben --
ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da,
in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und
führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen
saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem
Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an
andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem
Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ...
Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor
sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine
liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!«
Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude.
Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma
legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus.
Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der
Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?«
Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache
sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie
über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend
verlaufen sei.
»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl.
Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten
Glückseligkeit schlummerte sie ein.
Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt,
mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er
doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die
lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne
Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes,
aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit
Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen
Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was
er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei
Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas
aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er
kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum,
als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte.
Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe
ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er
ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei
eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für
eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz
besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich
anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche,
Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal
im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in
Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute
komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar
feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders
günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem
Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen.
Frau Bovary besah sie sich.
»Ich brauche nichts«, bemerkte sie.
Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher
aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne
Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale,
filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden
Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund,
beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen
Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem
Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein
Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche
Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen
Funken.
»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma.
»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das
eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein
Jude!«
Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem
Händler, der gelassen erwiderte:
»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen
vertragen, mit meiner nur nicht.«
Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes
fort:
»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn
Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.«
Sie machte eine erstaunte Miene.
Schnell flüsterte er:
»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie
sich verlassen!«
Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in
Behandlung hatte.
»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß
sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich
eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem
aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne
Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig!
Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer
betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu
Ende geht.«
Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes.
»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er
verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese
Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht
recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn
Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen
wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer
Verfügung! Gehorsamster Diener!«
Und er schloß die Türe sacht hinter sich.
Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
schmeckte ihr alles vorzüglich.
»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an
die Seidentücher.
Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell
auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die
gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann
eintrat, tat sie sehr beschäftigt.
Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er
saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem
elfenbeinernen Nadelbüchschen.
Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den
umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil
ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß
was gesprochen hätte.
»Armer Junge!« dachte sie.
»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich.
Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen
nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?«
»Nein«, entgegnete sie.
»Warum nicht?«
»Weil ...«
Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn
hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie
sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch
den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen.
»So wollen Sie es also aufgeben?«
»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe
soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und
tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!«
Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein
müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie
im Gespräche:
»Mein Mann ist so gut!«
Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
stimmte er in ihr Lob ein.
»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!«
erklärte er.
»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie.
»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt.
Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr
nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten.
»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute
Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.«
Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen.
So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich
um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr
Dienstmädchen strenger.
Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch
kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was
für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie
über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück.
Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen
Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren
keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert
hätten.
Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine
stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an
seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar
das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke
hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn
zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit
jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst
wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren.
Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände
über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut
gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel
Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich
herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie
sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen
Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich:
»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!«
Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre
Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor
seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer
Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der
Geliebten Genuß gewährt.
Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen
Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer
jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne
den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne
das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so
traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre
Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in
den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß
man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem
niemand entrann.
»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie
müßte einen Minister zum Manne haben!«
Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß.
Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes
Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der
Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur
gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber
eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als
namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen,
wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete
sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand
einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer
einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil
sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken
ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die
Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten
Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen.
Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr
drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie
erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten.
Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr
Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte
sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und
alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude:
»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den
Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob
des Opfers, das sie zu bringen wähnte.
Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum
und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein
einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden,
verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und
trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt
serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in
Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein
Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich.
Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu
eng.
Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am
allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau
glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung,
Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht
gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der
Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen
Käfigs?
So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie
nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und
entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit
reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung
verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die
ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es,
daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten
Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak
sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer
mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich
sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und
die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht,
mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe.
»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da
aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
Erleichterung bleibt mir noch?«
Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
unter endlosen Tränen.
»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte
das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles
ins Zimmer kam.
»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts
davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.«
»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin
aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher
gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig!
Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr
Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar
der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam,
dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie
auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und
auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll
sichs gegeben haben ...«
»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so
gekommen.«
Sechstes Kapitel
Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das
Ave-Maria-Läuten ins Ohr.
Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind
hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die
Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den
flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen.
Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit
wehmütigem Frieden.
Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der
jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die
blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen
emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der
langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den
schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen
Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in
das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
Sturmwind wegweht ...
Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand
sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
Irdische zu vergessen.
Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten
der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das
Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur
Katechismusstunde war.
Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten
mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der
niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander,
und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden
Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über
einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre
aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke,
der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben
schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend,
und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein
langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.
»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
völlig abzuwürgen.
»Der wird gleich kommen!« war die Antwort.
Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien
erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.
»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er
hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen
war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary.
»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.«
Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte.
Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen
bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und
Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust
entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich
in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
Essen und atmete geräuschvoll.
»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich.
»Schlecht!« antwortete Emma.
»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen
Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
wie denkt Herr Bovary darüber?«
»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde.
»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er
Ihnen denn nichts?«
»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.«
Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie
reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort.
»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in
zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der
Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel
könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?«
Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr
fort:
»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er
lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.«
Emma schaute ihn flehentlich an.
»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!«
»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen
Satze war er drinnen in der Kirche.
Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den
Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte.
»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während
er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß
von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...«
»Andre Leute auch«, meinte sie.
»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.«
»Die meine ich nicht.«
»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen
lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
hatten nicht einmal das tägliche Brot.«
»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich
Brot haben, aber kein ...«
»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester.
»Ach, was liegt daran?«
»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme
Stube ... denn schließlich ...«
»O du mein Gott!« seufzte Emma.
»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt
näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau
Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder
vielleicht lieber eine Limonade?«
»Wozu?«
Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich
nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?«
»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma.
Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten
Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
zu sagen.
»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile.
»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die
erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns.
Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf
den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
Ihrem Herrn Gemahl!«
Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken
verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen,
die beiden Hände in segnender Haltung.
Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
und die hellen Antworten der Knaben ...
»Bist du ein Christ?«
»Ja, ich bin ein Christ.«
»Wer ist ein Christ?«
»Wer getauft ist und ...«
Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer
festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
Lehnstuhl.
Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die
Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen,
halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen
schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig
tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
in ihrem Innern ...
Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
nach den Bändern ihrer Schürze.
»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie.
Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen
blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze.
»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.
»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit
dem Ellenbogen zurück.
Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf
das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und
rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe
zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
seiner Praxis heim.
»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim
Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.«
Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit
gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen
Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.
»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!«
Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er
ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich
nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!«
Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für
verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den
tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein
Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die
Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht.
Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten
keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der
geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne
Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war
lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm:
»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?«
Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
»Ich wollte Sie noch etwas fragen!«
»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam
Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild
koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte
sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem
Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe
aller acht Tage nach der Stadt führe.
Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er
sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine
Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen,
fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
sei kein Polizeibüttel.
Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den
Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über
das menschliche Dasein aus.
»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der
Steuereinnehmer.
»Womit denn?«
»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.«
»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt.
»Ach ja, freilich!«
Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn.
Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann
ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten,
keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller
ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser
nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse
genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl
wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
ihn zurück?
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